Ausgabe 
10.3.1906 Zweites Blatt
 
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Samstag LO. März 1806

156, Jahrgang

Zweites Blatt

Nr. 59

Gietzener Anzeiger

Redaktion.Expedition n.Druckerei' ScbuHtT-t, Lei. Nr. 6L Leiegr^Ädr. r ÄnHeig« «LiKtz«,

Lrlcheinl «glich mU Ausnahme des Sonntags.

Dietieften« ZamUlenblatter" werden dem ,enjtctoei Diermal wSchenlitch beigelegt. Der WfUt* tanOwtrt" erfcheuu monatlich einmal.

Rotationsdruck und Verlag der VrÜhl'lck-« UnrocrfuStSbturfcrcL R. Bange, öteftea.

General-Anzeiger, Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.

Kieß-ner Hheatecverein.

Gastspiel des Herrn Bayrhammer.

Der gestrige Abend des TheatervereinS brachte uns eine Enttäuschung nach der anderen.

Die Melodienführung ruft zu Vergleichen heraus. Es war, als wenn auf das weichlich-sentimentaleGebet der Jungfrau^ oderDie Klosterglocken" ein durch seine wirbelnde Wildheit und seinen tollen, eleltrisierenden Rhythmus ver­blüffender Brahmsscher ungarischer Tanz folgte, oder als hinge in einer Gallerte neben dem bunten Kitsch eines mäßigen Makart-SchülerS ein frisch-frei-frob-frecher Th. Th. Heine.

Die Schauspieler des Kaisers" sind ein Dreiakter von Karl Wartenburg, einem Manne, der Heuer seinen 80. Geburtstag begehen würde, wenn er, was ich bezweifle, noch lebt, der, ein geborener Leipziger, in den 60er oder 70er Jahren, wenn ich nicht irre, am Fürst!. Theater in Gera wirkte und sich damals in weiteren Kreisen bekannt machte durch pietistische Romane und effekt­volle Theaterstücke. Auch das Stück, das wir gestern kennen lernten, hat wenigstens den kleinen Vorzug, daß es rein technisch gut gearbeitet ist. Und es rst charakteristisch für die ganze Produktion der Zeit vor der großen lrttera- rischen Revolution, die zunächst den Naturalismus herauf­führte. Nicht nur der Stoff ist französisch, sondern auch die ganze Mache. Alle deutschen Bühnenschriftsteller der 70er Jahre, an der Spitze der damals meist gerühmte Paul Lindau, sind Schüler von Scribe, Dumas und Sardou. Ueberall liegt das Gewicht auf der spannenden Fabel, überall mangelt es an der Beseelung der Gestalten und der liebe­vollen Ausgestaltung im einzelnen. Der Unterschied, der sich daraus zwischen damals und jetzt ergibt, kann fast nirgends klarer erkannt werden als an den Werken, die sich mit einem Künstlerschicksal beschäftigen. Man ver­gleiche nur eine moderne Künstlerkomödie, ettoa Haupt­mannsCollege Crampton" oder SchnitzlersZwischen­spiel" (dessen Lektüre übrigens Litteraturfreunden empfohlen sei), mit denSchauspielern des Kaisers" oder ebenso gut mit ihren VorbildernKean" oderNarziß". Bei Hartpt- mann wie bei Schnitzler intensives, bohrendes Sichver- tiefen in seelische Abgründe, bei Wartenburg und seinen Meistern geschicktes Herausgreifen äußerlicher Lebenshöhe­punkte. Daher sind auch die älteren Künstlerdramen zumeist Schauspieler-Dramen. Die Höheneffekte ergeben sich da am leichtesten. Ich wäge hier übrigens augenblicklich nicht ab, ich vergleiche nur. Die Absichten sind so durchaus ver­schiedene. Niemand dachte bis zu den zwei, höchstens drei letzten Lustren des vorigen Jahrhunderts daran, etwa dre Tragödie oder Komödie eines Schauspielers zu schreiben, d. h. einen Bühnenkünstler auf seinem Dornenwege oder seinem Rosenpfade als scharfblickender Seelenanalytiker zu begleiten; man wollte nur unterhalt- und wirksame Stücke schreiben und erwählte dazu gern das Milieu der Bühnen­welt. .

Ein wirksames Stück nun sindDie Schauspieler des Kaisers" ohne Zweifel. Theatralisch wirksam weiter aber auch nichts. Innerlich sind sie hohl, lebensleer, seelen­los,. und schließlich, sogar widerlich rührsam, ein Greuel

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den; der Postdienst verlangt aber besondere Bewcgüchkeit. Die Postbeamten sind im ganzen nicht schlechter ges. llt.

als die Gouvernementsbeamteu.

Abg. Zubeil (Soz.) beschwert stich, Direktor in Schwerin der Staatsanwoltscha ft

Ter TitelStaatssekretär" inii willigt. Die Resolutionen Kern und Pa' genommen, ebenso die Resolution Kopsch ;f Vorlegung einer Denkschrift über das D i e n st a l t e r s s u f e u s 1) st e m. Die Resolutionen Kvpsch 6ctr. Aurechnuug der Mili­tärzeit auf das Dienstalter und betr. die Besser­stellung der Militär anwär ter werden gegen dre Stimmen des Zentrums und der Siechten der Regierung zur Berücksichtigung i'-berwieseu. Die Resolution anf besiere Bezahlung des Nachtdienstes wird zur Erwägung über- wiesen, die Resolution Kopsch auf Gehaltserhöhung der Sekretäre und Bureaubeamten 2. Klasse wird gegen die Stimmen der Freisinnigen und Sozialdemo.

einer Pakctsendung an einen Sozialdemv-r habe.

Staatssekretär Krätke will den Fall

für alle, die die unselige selige Birch-Pfeifferin endlich über­wunden haben. Und zu denen gehören denn doch seit mehr als einem Jahrzehnt selbst die treuesten Gartenlaubew- Freunde. Für ein modernes Theater ist Herr Wartenburg mitsamt feinen Vorbildnern tot, und niemand kann seine Bühnenfiguren zu neuem Leben erwecken

Auch Herr Bayrhammer nicht. Der Gast unseres gestrigen Abends ist im Frankfurter Schauspielhause seit 4 oder 5 Jahren ein beliebter und recht tüchtiger Ep> sodenspieler, als solcher ost mit ungewöhnlich großem Erfolge verwendbar. Er ist ein prächtiger Kapuziner in Wallen­steins Lager, auch ein ergreifender Isaak in Beer-Hof­mannsGras von Charolais". Nun scheint'», als hegte er längst den Wunsch den brustkranken, abenteuerlichen französischen Statisten, der um sein Leben gern im Theütre fran-ais eine bedeutende Rolle spielen möchte, em- mal barfteilen zu dürfen. Das Frankfurter Schauspiel­haus machte ihm nicht das Vergnügen. Begreiflich frei­lich ist diese Grausamkeit. Jetzt im Gießener alten Theatersaale hat er und haben wir es erlebt. Nun, der Erfolg war groß, aber gemacht, zur Hälfte wenigstens. Lungensucht im zweiten Stadium, mit der Perspektive von Ruhm junb Tod, spielt sich gut und erweckt auf leicht und oberflächlich Empfängliche die Wirkung von Mitleid mit dem Armen, und Furcht, er könne noch vor der Er­reichung des Zieles keinen Ton mehr von sich geben. Wir fanden, Herr Bayrhammer besitzt eine starke Tbeater- leidenschaft, er hat trotz aller seiner .Herbheit und Trocken­heit, troü der Sprödheit seines Tones etwas Mitreißendes, ia Großzügiges. Man lonnte auf manche feiner Rollen wohl die Worte MbaS imDon Carlos" anwenden: Der Entwurf ist teuflisch, aber wahrhaft göttlich." Nur leider verfällt er allzu oft in Äußerlichkeiten, vermißt man jegliche Wärme. Die Technik hat er weg wie Einer, aber der lange warme Atem fehlt. Im einzelnen wun­derte ich mich gestern, daß er den physischen Defekt nicht so stark betonte, als er es gar wohl gekonnt hätte. Ec war da mehr Talma als Sansnom, mehrtraditionell" als realistisch. .

Frau Bayrhammer, der es endlich einmal vergönnt war, an ihres Gatten Seite sich auf den weltbedcutenden Brettern zu zeigen, hatte als Manon VallierS nicht viel Ge­legenheit, sonderliche Vorzüge zil entfalten. Die ganze Rolle hat etwas Monotones. Es ist eigentlich nur eine einzige Stimmung, die sie durch 3 Akte festzuhalten hat. Aber sie tat, was zu tun war. Im übrigen wird cs ihr Gatte wohl nicht daran fehlen lassen, in den freien Sommermonaten von seiner großen Routine ihr Wesentliches mitzuteilen» Ist doch ihr schönes Talent teilweise noch latent.

yterr Wittmann gab dem Marschall die Haltung eines Unerstciglichen. Als Didier zeigte Herr Reimer, ohne die Grandezza seiner verehrten .Schule" Leben und Beweg­lichkeit und auch die leisen Regungen eines gutmütigen Herzens, das von derTradition" noch nicht ganz erdrückt ist. Viel aber ließ sich aus dieser fluchtigen Kopie unzähliger Cperettenfiguren nicht holen. Schließlich sei noch Herr Mendel als der böszüngige und scheeläugige Thibaud mit

traten abgelehnt.

Die Resolution Kopsch auf Gehaltserhöhungdev IT n t e r ß e a m t c n wird angenommen.

Bei denEinnahmen" erklärt auf eine Anregung des Abg. Eickhoff (freif. Vp.)

Staatssekretär Krätke, daß Deutschland bereits bean­tragt habe, die Gewichtsgrenze der Briefe im in­ternationalen Verkehr auf 20 Gramm zu erhöhen. Ob es möglich fei, das internationale Porto auf 10 Pfg. zu ermäßigen, fei ihm sehr zweifelhaft.

Ter Rest des Etats wird bewilligt .

Nächste Sitzung Samstag 1 Uhr. (Reichsdruckerei und Neichseisenbahnen.)__

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Die Lüahlrcsorm rrr Oesterreich.

Wien, 9. Mär^

Bei her fortgesetzten Beratung der W a hlre f or m-Bvr- lage im Abgeordnetenhaus tritt Titano (Irak.) Hta die Erhaltung des nationalen Besitzstandes und den Sclmtz der Minoritäten ein. Verzaguaisi erkennt die Einführung beä gleichen, geheimen Wahlrechts als den modernen politischen Frei- heitsideen entsprechend und gerecht an. Sylva Taronca erklärt,, die Wahtreformvorlage der Regierung entspreche weder dem von der Regierung proklamierten Grundsatz der (Gerechtigkeit noch der historischen Entwicklung und werde auch nicht die vom Minister­präsidenten erhoffte Wirkung haben, weil diese nur auf der Grunv- Lcgc der nationalen Verständigung zu erwirken sei. Der Redner tritt für die Verfassungsänderung im Sinne der Entlastung des Reichsrats und der Erweiterung der Kompetenz der Landtage ein. Adler erklärt, die Sozialdemokraten begrüßten die Vor­lage trotz der ihr anhaftenden Mängel aufrichtig. Dem Vor­redner gegenüber betonte Adler, die Regierung habe die Vorlage nicht so sehr unter dem Drucke der Sozialdemokratie eingebracht, als weil sie an den staatlichen Einrichtungen Oesterreichs Der» zweifeln mußte. Die Sozialdemokraten halten an ihrer Nationalität fest und haben ein großes Interesse an der Entwicllung des Staates. .....

Staatssekretär Krätke: Tie portofreie Paketbeför­derung nach Südwestafrika würde die Zahl der Sendungen derart steigern, daß eine Beförderung drüben unmöglich wäre. Warnen müsse er, nach fünfjähriger Dauer des Seit- ungstarifes diesen zu ändern: er habe zu Klagen keinen Anlaß geaeben. Tie Kontrolle der Drucksachen auf un­sittlichen Inhalt müsse sich naturgemäß aus Stichproben beschränken. Weiter legt Redner die Grundsätze der Post­verwaltung für die Reinigung der Diensträume dar. Tie Einrichtung der Postschließfächer hat Anklang gesunden, die Kosten sind nicht höher als in den Nachbarländern, lieber die Weglassung des Ankunftsstenipels auf den Postkarten läßt sich reden; der Handelsstand widerstrebt ihr bisher; eine Ausnahmebehaublung der Ansichtskarten ist undurch­führbar.

Abg. Spahn (Str.) macht Mitteilungen über die Ver- hältniszahl der verheirateten zu den unverheirateten Be­amten.

Staatssekretär Krätke kennt die vom Vorredner an­gezogene Statistik nicht, vermutet aber, daß die Zahl der verheirateten Beamten bei der Post verhältnismäßig ebenso groß ist wie bei anderen Verwaltungen.

Abg. Krösell (Antis.) unterstützt die Wünsche auf Besserstellung der Beamten.

Abg. Beck-Heidelberg (natl.) schließt sich den gestrigen Beschwerden des Abg. Dufsner über ungenügende Berück­sichtigung der badischen Beamten bei Besetzung der höheren Stellen in Baden an.

Staatssekretär Krätke: Es stnrd in Baden genau so verfahren wie im ganzen Reich.' Der Konvention wird durchaus entsprochen, das ergibt auch die Statistik. Un­geeignete badische Beamte können aber nicht in höhere Stellen berufen toerben .

Abg. Dasbach (Ztr.) wünscht ebenso mie der Abg. Mareour eine Differenzierung des Posttarifs für große und kleine Zeitungen.

Abg. Merten (freif. Vp.) erklärt, daß die Freisinnigen durchaus bereit seien, die nötigen Mittel für Gehalts­erhöhungen der Postbeamten zu bewilligen. Natürlich könnten sie nur solchen Steuern zustimmen, die nicht den Massenkonsum ober einzelne Erwerbszweige belasteten. Redner spricht gegen eine zu große Einschränkung des Sonn­tagsdienstes und bringt lokale Wünsche vor. Er bittet, «die freisinnigen Resolutionen der Regierung zur Berück­sichtigung zu überweisen .

Abg. Bccker-Hessen (natl.) wünscht eine .Herabsetzung der Dienstzeit der Postbeamten in den Kolonien und einen jährlichen Urlaub zu Reisen durch die Kolonien. Außer­dem sei das Gehalt der Postbeamten gegenüber den Gou­vernementsbeamten zu gering. Das jetziae Verbot der Heirat fei nicht nur vom sittlichen, sondern auch vom hygienischen Standpunkt aus bedenklich.

Staatssekretär Krätke: Verheiratetsein ist fein Hin­dernis für die Beamten, in die Kolonien entsandt zu wer-

Deutscher Reichstag.

61. Sitzung vom 9. März.

Als erster Redner kommt heute der

Abg. Rogalla von Bieberstein (Tonf.) auf die Telephonverb indungen auf dem Lande zu sprechen. Unter­staatssekretär Sydow hat uns im vergangenen Jahre die Förderung des Fernsprechwesens auf oem Lande zugesagt. Ich spreche meinen Dank aus, daß die Verwaltung in der Tat im letzten Jahre in der Hinsicht energisch vorgegangen fft Einer Reform bedarf noch das Gebührenwesen, das vor allem vereinfacht, dcmn aber auch verbilligt werden muß. (Beifall.) .

Abg. Patzig (nl.) kommt wieder auf bie Resolution Kopsch ii. Gen. zu sprechen und erklärt, um sie dem Zen­trum annehmbarer zu machen, daß diese Reformvorschläge nicht von heute auf morgen, sondern im Zusammenhänge mit der beabsichtigten Gehaltsreform durchgeführt werden sollen.

Abg. Werner (dtsch. Rfp.): Die Anregungen zur Besserstellung der Beamten sind ja sehr schön, aber woher sollen die Mittel genommen werden? Ich befürworte gern die Anträge, die namentlich die Gehalts- und Dienstalters- verhältnisse der Militäranwärter verbessern wollen. Die Ausdehnung der Sonntagsruhe ist bei unseren Verhältnissen nicht zu empfehlen, dagegen wohl die Einschränkung des Nachtdienstes.

Abg. Blell polemisierte gegen Erzbergers gestrige Rebe und verwahrte seine Partei gegen die Vorwürfe von gestern, da sie nicht Steuern bewilligen wolle; sie wäre bereit, den Branntwein mit 60 bis 70 Millionen mehr zu versteuern, auch wünsche sie gerechtere Verteilung der Ma- tritutarbeiträge.

Geh. Oberregierungsrat Neumann: Die Einführ­ung des Tienstolltersstufensystems ist für die Reichskasse mit Mehrkosten verbunden gewesen. Eine Erhöhung des Wohnungsgeldzuschusses nach dem Antrag Patzig würde ganz erhebliche, noch gar nicht übersehbare Mittel erfordern. Schon jetzt erfordert die Erhöhung des Wohnungsgeldzu- schusses für die Unterbeamten um 50 Prozent 0V2 Mill. Mark. Auch die anderen Anträge würben ganz erhebliche Mittel beanspruchen und Unzufriedenheit in den nicht be­teiligten Beamt en kateg orten anderer Verwaltungen als Begleiterscheinungen haben. Die Anrechnung der Militär­dienstzeit mürbe zu großen Ungerechtigkeiten führen.

Abg. Mareour (Ztr.) fragt den Staatssekretär nach dem Ergebnis der Untersuchungen über die Einschmuggel- ung unsittlicher Schriften über Luxemburg nach Deutsch­land. Eine Erleichterung des ländlichen Telephonverkebrs müsse, wenn nicht anders möglich, durch eine Erhöhung der städtischen Telephongebühren erreicht werden. Der jetzige Postzeitungstaris belaste die kleinen Blätter derart, daß ihre Existenz gefährdet wird. Der Taris müsse für die großen politischen Blätter erhöht, für die kleinen Provinz- blätter ermäßigt werden.

Ehren genannt. Für solche Schleicher- und Intriganten, rollen ist er stets der rechte Mann. Auf diesem Felde wäre ihm reichere Betätigung zu wünschen.

Hatte sich mancher vielleicht schon von den .Schau­spielern des Kaisers" mehr versprochen was die Herren v. Gottschall und Beyer-Boppard in ihren langweiligen Literaturgeschichten von Wartenburg kurz und knapp sagen, ließ nicht auf Sonderliches schließen, und andere Literaturhistoriker erwähnen diesen Mann überhaupt nicht so erwarteten alle ernsten Literaturfreunde gewiß mehr von dem Tsche chow'schen Einakter, der den Kehraus des gestrigen Abends bildete. Gilt doch Tschechow mit Recht nach Tolstoi und Gorki für den bedeutendsten russischen Schriftsteller der letzten Jahrzehnte. Seine Skizzen au§ dem Leben aller Schichten der russischen Gesellschaft sind von verblüffender Originalität.Schalkhaft, lustig, meisterlich zerlegte er alles, was er sah, und löste es in seine Richtigkeit auf", sagt Dr. Georg Polonskij in seiner kleinenGeschichte der russischen Literatur* (Leipzig, Göschen) von ihm. Den grimmigen Humor aber in seiner GroteskeDer y är* fand das G'eßener Publikum allzugrotesk". Doch der einaktige derbe Spaß scheint mir gar nicht so übel, als er gestern empfunden wurde. In einer SkizzeDie Fürstin" (nebst zwei anderen seiner grau­samen Kleinigkeiten in einem Heftchen von Meyers Volksbüchern erschienen) zieht er mit größter Schroffheit zwar, aber gewiß nicht mit Unrecht gegen die falsche, spielerische Mildtätigkeit der vornehmen Welt, insonderheit reicher Samen äußerst wirk- fäm zu Felde. In seinemBären" geißelt er hohnlächelnd die Unzuverlässigkeit und Inkonsequenz und noch eine ganze Reihe anderer, üblerer Eigenschaften eines selbstverständ­lich nur kleinen! Teiles unserer Frauenwelt (die Leserinnen sind natürlich sämtlich ausgeschloffen, ebenso bei ihm wie bei mir), freilich mit maßloser Uebertreibung. Run ist es Sache der Darstellung, einesteils in gewissen Situationen beS Dichters weites Schießen übers Ziel mit Takt und Geist zu beschränken, andernteils in anderen Situationen die Grotesk- Absicht des Dichters zu betonen durch ausgelassen neckisches Ge­spiele. Hier aber wurde von beiden Darstellern, dem Ehepaar Bayrhammer, manches versehen. So bärenhaft er auch m Maske und Wesen erschien, so wenig stellte er sich doch mit groteskem Humor über die Situation, vielmehr mit beiden Beinen derbrealistisch (aber nicht textsicher genug) in sie hinein; und ck;r ging vollends der Sinn für den, Ernst und Scherz toll durcheinander wirbelnden Humor der ungalanten drama­tischen Skizze ab, zumal sie empfinden mochte, daß ihr Gatte ihr auch ein artigeres Gastgeschenk aus dem reichen Frankfurt hätte mitbringen können als gerade diese arge Männerbosheit gegen das schönere Geschlecht. Ein bischen was Versöhnliches hatte ja freilich, nach all den rüpeligen Halbwahrheiten, schon der feile Druck der rauhen Mannerhand und gar der tichterlohe Liebesbrand zum Schluß--l P. W.