Samstag 1. Dezember l«06
156. Jahrgang
Zweites Blatt
Nr. 5383
Gießener Anzeiger
Erscheint Mtzlich mit Ausnahme des Sonntags.
Die «Gletzener KomlliendiSNer" werden dem ,t!nÄCiaer viermal wöchentlich beigelegt. Ter tanöwtrt4' erscheint monatlich einmal.
Redaktion, Expedition a. Druckerei Sdmfftr % Tel. Nr. 5L Tel eg r.'Adr. s Anzeiger Sttfcm.
Rotationsdruck and Verlag d« flcflöfIdXÄ
UnroerftlälSörudcreL R. Bonge,
General-Anzeiger, Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Sieben.
Apolitische Tagesschau.
Der evangelische Prediger, schreibt Pfarrer Erwin Gros im „Türmer" (Vertag von Greiner L Pfeiffer, Stuttgart), hatte nie einen schwereren Stand als heute. Die Schwierigkeit hat ja immer bestanden, daß die Pflege der Religiosität, die ihrer Natur nach aus dem Drang des Herzens heraus geübt werden muß, von Amts wegen geschieht. Ter Pfarrer soll berufsmäßig religiös gestimmt sein, eine Zwangslage, die ein feines Gewissen oft schwer drückt, die auch von der Gemeinde als Unnatur empfunden wird, wenn Wort und Wandel, Predigt und Prediger auseinanderklaffen. Jedoch die Frage der Gemeinde: „Redet unser Pfarrer, weil er bezahlt wird, also als „Mietling", oder als „guter Hirte"? ist je und je gewesen. Allein eben diese Schwierigkeit, daß Die Sache der Freiwilligkeit „Ordnung", „Amt", „Beruf", also Zwang, ist, hat heute eine ungleich schärfere Schneide bekommen durch die immer mehr um sich greifende Meinung: der Pfarrer darf gar nicht das reden, was seine innerste Ueberzeugung ist, sondern er muß das reden, was allgemeiner Kirchenglaube ist. — Alles ist im Fluß, davon hat auch der schlichteste Laie eine Ahnung. Es schwirrt um ihn von Problemen u!nd Fragen: er kann keine Zeitung in die Hand nehmen, ohne etwas davon zu Gesicht zu bekommen. Der Prediger aber, auch wenn er in das Ringen und Kämpfen der Hcit hineingezogen ist, muß das verbergen, er muß ex officio Nachtreter und Nachbeter der anerkannten Kirchenlehre sein. Welch ein Wall des Mißtrauens wird dadurch um den Prediger gebaut, einerlei ob er „rechts" oder „links" steht. Ja, auch der „liberale" Pfarrer hat darunter zu leiden. Denn wenn er kein unbesonnener Heißsporn ist, so ivird er nur dort niederreißen, wo er Besseres an die Stelle setzen kann. Diese selbstverständliche Weisheit kann aber leicht für diplomatische Vorsicht unb Konfliktsscheu gehalten werden.
Eine weitere Schivierigkeit liegt in folgendem. Die Predigt hat es heute, vorab in der Stadt, mit keiner einheitlichen, sondern einer atomisierten Zuhörerschaft zu tun. Wir kommen aus einer religionsarnren Zeit her, der die äußeren Güter mehr galten als die inneren. Es beginnt eben erst wieder das Suchen und Fragen nach dem Unsichtbaren und Ewigen. Da sitzen nun auf derselben Bank ein Mann ohne irgendwelche religiöse Tradition mit einem ausgesprochenen Widerwillen gegen alles Festformulierte und dogmatisch Ausgeprägte, ein scheues Tasten ist in seiner Seele, — und neben ihm ein Mann, dem das Erbe altväterlichen Glaubens unangefochten blieb und wie selbstverständlich in die feste Form hineinwuchs. Dazwischen liegen unendliche Abtönungen. Ist es möglich, beiden zugleich zu dienen und gerecht zu werden? 9?ut dann, wenn die Predigt möglichst wenig theologisch, d. h. nach rechts gesagt, dogmatisch, nach links gesagt, problematisch ist, wenn sie ihrer Aufgabe bewußt und treu bleibt, religiös und ethisch den Menschen zu beeinftussen, daß er eine in Gott freie und starke, reine und liebreiche Persönlichkeit werde.
lürdpc rind Schule.
— DiehöherenLeh ran st alten Hessens (Gymnasien, Progymnasien, Realgymnasien, Oberrealschulen und Realschulen) waren im Schuljahr 1905/06 von 9905 Schülern besucht; davon besuchten die Gymnasien 3028 Schüler, die Proaymnasien 211, die Realgymnasien 1240, die Oberrealschulen 3209, die Realschulen 2179, die höhere Handelsschule (in Mainz) 9 und die landw. Schule (in Groß-Umstadt) 31 Schüler. Auf die einzelnen Religionsbekenntnisse entfallen: 6612 Evangelische, 2394 Katholiken, 805 Israeliten und 94 Sonstige. 5966 stammten aus den Orten der betr. Lehranstalten, 3165 aus anderen hessischen Orten, 733 aus anderen deutschen Staaten und 41 aus oem Auslande. Nach dem Stand und B^ruf der Eltern waren 864 Söhne von Landwirten, 4110 von Gewerbetreibenden, 4694 von Staats-, Gemeinde-, Privat-Neamten, sowie Angehörigen freier Berufe, während die Eltern von 237 Schulern keinen Berus ausübten. Das eingegangene Schulgeld belief sich auf 782 777 Mk. Mit dem Zeugnis der Reise für den einjährigen Militärdienst gingen 466 Schüler ab. An den 11 Gymnasien, 3 Realgymnasien und 5 Oberrealschulen des Landes betrug die Zahl der Abiturienten 391. Hiervon hatten 106 Schüler das 17. Lebensjahr, 137 das 18., 89 das 19. Lebensjahr vollendet, während 59 20 und mehr Jabre zählten. Dem akademischen Studium widmeten sich 316 Abiturienten und zwar wollten studieren: 20 evangelische Theologie, 11 katholische Theologie, 66 Rechtswissenschaft, 36 Medizin, 9 Tierheilkunoe, 5 Philosophie, 51 Philologie, 1 Finanzwissenschaft, 11 Forstwissenschaft, 4 Landwirtschaft, 32 Bau- und Jngenieursach, 8 Maschmenfach, keiner Nektrotechnik, 1 Berg- und Salmenwesen, 24 Mathematik, 4 Geschichte, 20 Naturwissenschaften, 12 Chemie und 1 Pharmazie. Von ben 63 Abiturienten, die fick keinem akademischen Studienfach zuwendeten, traten 12 in ben Militär- und Marinedienst, 5 in den Post-, Telegraphen- oder Eisenbahndienst, 27 widmeten sich dem Handel, Gewerbe und der Oekonomie, 13 dem Elementarlehrfach und sechs anderen Berufen. Zwölf Schüler hatten hierüber keine Angaben gemacht. Das L e h r p e r s o na l bestand aus 528 ordentlichen (27 Direktoren. 364 Oberlehrer und 42 prov. Lehrer) und 83 außerordentlichen Lehrern.
** Die kirchl.- pos it. Vereinigung für Hessen hält am 3. Dezember in Darmstadt im Kaisersaal chre Jahresversammlung ab. Auf der Tagesordnung steht u. a. ein Vortrag von Pfarrer Holl- Nieder-Rosbach über das Thema: Unsere Stellung zu den neueren Darstellungen der Grundwahrheiten des christlichen Glaubens unter besonderer Berücksichtigung von Harnack, Seeberg und Cremer, sowie ein solcher von Geh. Kirchenrat D. Lemme-Heidelberg über das Apostolikum.
Aus Stadt und Land.
Sprechstunden der b.cbaltj)n 11—1 . 1 s7—1/28 Uhc abds.
Gießen, 1. Dez. 1906.
— Der Sangerkranz, dessen erstes Konzert morgen, nachmittags 5 Uhr, im Steirischen Saale stattfindet, hat sich dafür eine ungemein interessante und fesselnde, aber auch sehr schwierige Aufgabe gestellt: Schillers herrliches „Sieb von der Glocke", komponiert von Max Bruch. Wer erkennt nicht die Gedankenwucht der Schillerschen Verse und die Fülle der Bilder, die an unserem Auge vorüber ziehen. Gerade diese beiden Moinente sind es, die für den Komponisten fast unüberwindlich scheinen. Keinem ist es bis jetzt gelungen, den Schillerschen Gedanken die musikalische Illustration zu geben, als Max Bruch. Als ganz hervorragende Schönheiten des Werkes sind zu erwähnen, die im liturgisch feierlichen Ton gehaltene Einleitung „Vivos voio“, weiter der herrliche Chor „Denn mit der Freude Feierklange", der kurze Orchestersatz, der nach dem Rezitativ „Die Jahre fliegen" den munteren Lebensgang des Jünglings schildert, das liebliche Sopran-Solo, welches von den „Locken der Bräute" und dem Glanz des Felles erzählt. Ungemein packend roirft der Männerchor „Der Monn muß hinaus" und schön kontrastierend der Mittelsatz „Und drinnen waltet". Sehr innig ist die Wirkung der Worte „Hoffnungslos weicht der Mensch", die nach den aufregenden Klängen de8 Brandes, einem einfachen Trauertone Platz machen. Mit den 00m Soloquartett mit Begleitung des ChoreS gesungenen Worten: „Ihm ist ein süßer Trost geblieben" schließt der erste Test sehr wirkungsvoll ab. Im zweiten Teile erregt insbesondere der Chor „Von dem Dome" tiefere Aufmerksamkeit. Einen der bedeutendsten Teile des Werkes bildet die Komposition der Worte „heilige Ordnung". In dem darauf folgenden Terzette hat Bruch sehr sinnig und fesselnd das Weihnachtslied „Stille Nacht" eingeflochten. Die Rezitative „Nun zerbrecht mir das Gebäude" und „Der Meister kann die Form zerbrechen", wie auch der auf die Worte „und alle Laster walten frei" folgende Orchestersatz zeigen Bruch als einen ganz hervorragenden Dramatiker. So schließt beim, and) das großartige Werk mit den Worten „Friede sei ihr erst Geläute" in erhebender Weise ab. Der Sängerkranz erwirbt Üch durch die Aufführung de? gewaltigen Werkes, das seit Jahrzehnten hier nicht gehört wurde, ein großes, unbestreitbares Verdienst, dem ein gutes Gelingen vollauf zu wünschen ist.
— Die freiw. S a ni t ä ts ko l 0 n n e vom r ot e n j Kreuz hält am Sonntag, 2 Dezember, nachmittags 3 Uhr, im Verein mit der Eisenbahn-Sanitätskolonne eine Uebung zwischen Lollar und Daubringen. Tie Eisenbahnbehörde Hal i dazu einen Hilfszug zur Verfügung gestellt.
** Die Bergwerke, Salinen und Hütten in Hessen im Jahre 19 05. In Betrieb waren 1905 26 Bergwerke, die bis auf 4 in der Provinz Starkenburg liegenden sämtlich Oberhessen angehörten. Die neun Braunkohlenwerke (dar-unter Trais-Horloff, Melbach, Weckesheim, Wölfersheim [groei], Rinderbügen und Steinfurt) hatten eine Gesamtförderung von 422114 Tonnen im Gesamtwert von 919 125 Mk. Die durchschnittliche tägliche Belegschaft betrug 554 Arbeiter (230 unter und 324 über Tage). Eifenerzbergwerke gab es 15 (in Ober- hessen: Groß-Eichen, Gießen, Hungen, Langsdorf, Laubach, Stockhausen, Flensungen, Nieder-Ohmcn [21, Ilsdorf, Bernsfeld und Ober-Rosbach [2]) mit 227 957,77 Tonnen Gesamtproduktion im Wert von 1800676 Mk. Beschäftigt waren 1241 Arbeiter, darunter 372 unter Tage. Als Nebenprodukt wurden auf 2 Werken (Gießen und Ober-Nosbach) 111394 Tonnen Manganerz im Wert von 3178 Mk. gewonnen. Außer Betrieb waren 2 Braunkohlen- und 19 Eisenerzbergwerke, die 84 Arbeiter hatten. Die beiden Salinen (Ludwigs- Halle und Bad-Nauheim) erzeugten 12 917 Tonnen Salz aus wässeriger Lösung im Wert von 381430 Mk., sowie 1023,5 Tonnen Kochsalz mit 6000 Mk. Wert. Ein Hüttenwerk erzeugte außerdem für 45 357 Mk. Glaubersalz. An Hüttenwerken bestanden: Ein Werk für Eisenerze (Main-Weserhütte bei Lollar) mit einer Produktion von 26 233 Tonnen Roheisen im Wert von 1548000 Mk. Die mittlere tägliche Belegschaft betrug 160 Arbeiter. Werke für englische Schwefelsäure gab eS 2 (in Rheinhessen), Werke für Gußwaren 2. Ordnung gab es 31 (davon in Oberhessen 4: Gießen, Hirzenhain, Lollar und Ruppertsburg) mit einer Belegschaft von 2299 Arbeitern. Es wurden 23837 Tonnen Gießereiprodukte im Wert von 6 105716 Mk. gewonnen. Die Gesamtproduktion der Bergwerke, Salinen, Hüttenwerke und der RoheiseEerarb^itung hatte 11798 688 Mk. Wert und beschäftigte 4468 Arbeiter.
t. ReiSkirch en, 29. Nov. Wohl selten sah man hier einen so großen Leichenzug, als bei der heute eriolgten B e. erdigung der Frau Ferdinand Gun drum I Witwe. Frau Gundrum war weit über die Grenzen unseres Kreises hinaus bekannt als liebenswürdige Wirtin, die eS verstand, jeden Gast gut zu bewirten. Manchem hiesigen Armen trocknete fie die Tränen, die der Hunger und die Not hervorgevreßt hatte. Sie hatte ein Alter von 85 Jahren erreicht. Möge ihr die Erde leicht sein!
WormS, 29. Nov. Tie Stadtverordneten genehmigten, n. d. „Frkf. 3tg.", den Preistarif der int Laufe des Dezember zu eröffnenden schaffnerlosen elektrischen Stra ß e n b a h n.
Hanau, 29. Nov. Die Mitt elllan dSpartei will, nach der „Han. Ztg.", für die nächsten Reichstags wählen im Wahlkreise Hanau-Gelnhausen-Orb mit einer eigenen Kandidatur heroortreten, und zwar werde General a. D. v. Klöden- WieSbaden, der Ehrenvorsitzende des deutschen Militäranwärter- Verbanbes unb Provinzialvorsitzende deS Bundes der Landwirte, für die Partei kandidieren. Ta auch der Bund der Landwirte, wie dasselbe Blatt berichtet, einen Kandidaten aufstellen will, ist anzunehmen, daß v. Klöden, der bereits bei den letzten allg. Reichstagswahlen in mehreren Wahlkreisen (u. a. Darmstadt und Höchst a. M.) für ben Reichstag kandidierte, auch von dieser Seite unterstützt werden wird.
fc. Hünfeld, 29. Nov. Am 1. Dezember wird die normalfpurige Nebenbahn ßünfel d—Weni gen- ta ft — M 0mSbach für ben Personen- und Güterverkehr eröffnet. Die Strecke verbindet die Hauptbahn Frankfurt— Bebra mit der Nebenbahnstrecke Gerstungen—-Vacha—Wenigen- taft-Geifa.
Eingesandt.
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Verantwortung.)
Seit einiger Zeit werden die Bewohner der Roonstro.ße und der Moltkcstraße nachts öfter diurch umherlaufende laut kläffende Hunde in ihrer nächtlichen Ruhe empfindlich gestört. Daß durch solche nächtlichen 9tuheftörungen, an denen boaj^nur d'e Besitzer der betreffenden Köter durch ungenügende oder lässige Beaufsichtigung ihrer Huiide schuld sind, die Gesundheit und damit auch die ErwerbS'krast vieler Menschen ganz empfindlich gestört wird, muß wohl jedem Menschen klar sein. Die schon mehrfach veröffentlichte Poli'e'ordunng betr. die Beaufsichtigung der Hunde scheinen die meisten Hundebentzer nicht zu beachten oder sie glauben, es nicht nötig zu haben, Polizeiverordnungen zu befolgen. Dem gegenüber wird aber bemerkt, daß der Eigentümer eines nachts umherstreiftnden oder ruhesLörenden Hundes sich auch nach dem ReichsstrasgesctzLuch strafbar macht und zur Anzeige gebracht werden kann, außerdem ist nach itnfcrem bürgerlichen Recht auch Selbsthülse gestattet. Es macht sich daher niemand strafbar oder gar schadensrrsatzvstichtig, wenn er beispielsweise solch einen nachts umherlaufenden rachestörenden Köter ettüa durch einen Steinwurf verjagt und d^bei erheblich verletzt oder gar tötet.
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