Ausgabe 
1.2.1906 Zweites Blatt
 
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Nr. 37

Donnerstag, 1. Februar 1906

Erscheint KgN- mU Tkuknatzme der Sonntags.

DieGießener ZamiUenblStier- werden dem .Anzeiger viermal wöchentlich beigelegt. Der hessische Laadwttt" erscheuu monatlich einmal.

Eichener Anzei

156. Jahrg.

Rotationsdruck und Verlag der Trühl'lchen

UnwerstlätSdruckerel. 9L Lange, Gießen

Redaktion, Expedition ».Druckerei: Schukltr.7.

Tel. Nr. bl. Telegr.-Adr.r Anzeiger Gießer^

General-Anzeiger, Amt;- und Anzeigeblatt für den Kreis Eießen.

Parlamentarische Verhandlungen.

Nachdruck ohne Vereinbarung nicht gestattet.

r Deutscher Reichstag.

32. Sitzung vom 31. Januar, 1 Uhr.

Das Haus ist schwach beseht.

Am Vundcsratstisch: ein Kommissar.

Auf der Tagesordnung steht die Fortsetzung der ersten Be­ratung des vom Abg. Grafen von Hompesch u. Gen. (Ztr.) eingebrachlen Gesetzentwurfes betreffend die Freiheit der Religionsübung (Toleranzantrag).

Abg. Frhr. von Hertling (3tr.):

Meine Freunde haben in der Tat, wie neulich Herr Schrader Meinte, von der bisherigen Diskussion keinen günstigen Eindruck gehabt. Einmal ist der Grundgedanke des Antrages verschoben worden. Sodann aber sind wir sehr wenig erbaut gewesen von der Behandlung, die der Gegenstand seitens eines einzelnen Red­ners erfahren hat. Ter Herr Abg. Tr. Müllcr-Mciningen hat offenbar das Milieu verwechselt, in dem er sich befand. Es hat bis jetzt noch kein Abgeordneter den Mut gehabt, eine ernsthafte Angelegenheit im deutschen Reichstage so zu behandeln, wie es der Abg. Tr. Müller getan hat (Sehr richtig! im Zentrum), den Mut gehabt, wenn es sich um einen ernsthaften Gegenstand han­delt, hier mit allerlei unkontrollierbaren Histörchen zu kommen. Herr Abg. Tr. Müller meinte mit Recht, er wäre uns sehr unbe­quem geworden, bin» derartige Dinge pflegen immer auf ihren Urheber zurückzufallcn. Tatsächlich hat Dr. Müller nichts zur Sache vorgebracht. Er hat sich lediglich an den herkömmlichen Namen unseres Antrages gehalten. Er hat den vulgären Aus­druck der Toleranz gebraucht, um eine Variation des Themas zu geben:Bei Ihnen ist man so intolerant, und Sie wollen Toleranz predigen!" An den Inhalt unseres Antrages hat er sich über­haupt nicht gehalten. Ich hatte anfangs den Eindruck, als ob Herr Tr. Müller den Antrag überhaupt nicht gelesen hat. Der Antrag ist ja in der Tat von vielen, wie Herr Schrader selber sagte, die darüber sprechen und schreiben, nicht gelesen worden. Indessen hat Tr Müller-Meiningen am Schlüsse seiner Rede einige Paragraph1 citiert. Ich kann ihm also nicht einmal mildernde Umstände wegen mehr oder minder unverschuldeter Unwissenheit zubilligen (Sehr gut! im Zentrum.) Dr. Müller hat Beicht­stuhlgeschichten angeführt. Das sollte man überhaupt nicht tun, da der einen Seite immer der Mund verschlossen ist. Er hat mir dann die Frage vorgelegt: Halten Sie es für eine Sünde, liberale Zeitungen auszutrag-m? Die Beantwortung einer solchen Frage lehne ich einfach ab. Was eine Sünde ist oder nicht, das kann eine politische Versammlung nicht beurteilen. Das Buch des Paters Vitzschnau kenne ich nicht. Daß es vom Bischof gestattet wurde, bedeutet kerne Emvfehlung, sondern lediglich eine Druckerlaubnis. Allerdings berief sich der Abg. Dr. Müller auf die Emvfehlung des Papst 's Pius X Aber auch das imponiert nicht. Man weiß, wie berorrige Empfehlungen zustande kommen. Tie Herren wissen doch auch, daß man im Vatikan kein Deutsch versteht. (Hört, hört!) Das sind einfache Courloisiesachen, ungefähr so, wie wenn ein Landessürst einem Professor einen Orden verleiht. Uebrigens wünsche ich allerdings, daß die geistlichen Behörden in Rom vor­stellig werden möchten, das; man in Zukunft recht vorsichtig mit solchen Empfehlungen ist. Ten Abg. Dr. Müller bitte ich übrigens, er solle ruhig fortfahren, wie er es bisher getan hat, durch den Lustgarten unserer Gebete zu wandern und das Unkraut auszu­jäten. (Heiterkeit.) Durch diese freiwillige Polizeitätigkeit (er­neute Heiterkeit) wirkt er vieles gute, und vielleicht fällt auch manches Körnchen für seine eigene Seele ab. (Stürmische Heiterkeit.) Nun zu Dr. David! Wenn die Sozialdemokraten nichts wollten, als die Lage der Arbeiter verbessern, dann könnte auch jeder Katholik ihnen augebören. Aber die Sozialdemokraten stehen auf dem Boden des Klassenkampfes und schüren den Klassenbaß, und so lange dies geschieht, gehören gläubige Christen da nicht hinein. So lange b:r Staat den Schulzwang hat und zu den Schulkosten beitragt, hat er auch die Pflicht, dakür zu sorgen, daß die Kinder als Christ.'N erzogen werden. Unser Antrag will nichts anderes, als die Freiheit der Religionsübung überall einführen. Ich gebe zu, daß durch diesen Anwag mit älteren Theorien gebrochen wird. Es bat daher gar keinen Zweck, uns aus alten Büchern andere romanische katholiiche Grundsätze vorquführen. Ich gebe zu, daß früher anders gedacht wurde, aber für solche Theorien ist heute fein Platz mehr. Ja, wir geben n^ch einen Schritt weiter und faaen: Wir wollen auch gar nicht mehr solche Zustände herbei­fuhren. Wir wissen sehr wohl, was wir tun. Wenn wir die freie Religionsübung fordern, so fordern wir sie nicht nur für uns, sondern für alle, wir übernehmen damit die Verpflichtung, die religiösen Anschauungen anderer zu achten. Nun sagt man, unser Antrag sei cm Angriff auf die Staatshoheit. Das ist ganz un­richtig. W'r denken gar nicht daran, eine Trennung von Staat und Kirche in die Wege zu leiten. Wir haben gar keine Veran­lassung dazu. Ich erkenne an, daß ein freundliches Verhältnis zwischen Staat und Religionsgemeinschaften durebaus nötig ist. Auch auf die vermögensrechtlichen Ansprüche brauchen wir nicht zu verzichten. Wir denken gar nicht daran, mit einem Fedcrswich alle diese Verhältnisse zu beseitigen.

Ich bedaure es, daß Frhr. Hehl zu Herrnsheim sich auf da? Gebiet der konfessionellen Statistik begeben hat. Daß wir Katho­liken die Minderheit in Deutschland sind, dos wissen wir. Aber aus den Aeußerungen des Frhrn. von Hehl klang es heraus: Wir Protestanten sind die Mehrheit, und wir wollen nicht. Das he'ßt aber eine Frage im Sinuc der Macht entscheiden, nicht im Sinne der Gerechtigkeit! Die Absicht, in die landeskirchliche Souveränetäl der Einzelstaaten einzugreifen, lag uns fern. Wes­halb will man aber uns Katholiken die Freiheit nicht geben, wenn wir sie nun einmal wollen? Tas Beispiel derfreien" Schweiz, das Frhr t. Hehl anführte, war recht deplaciert. Denn gerade in der Schweiz sind bie katholischen Kantone einfach vergewaltigt worden. Wie man das Freiheit nennen kann, ist mir unver­ständlich. Konfessionelle Streitigkeiten liegen un6 wirklich fern. Wir habe.i ganz anderes zu tun, als den Hader der Konfessionen zu entfacKn. Aus dem Geiste Der Versöhnung heraus ist auch unser Anrrag entstanden. (Lebhafter Beifall im Zentrum.)

Abg. Hoffmann-Berlin (Soz.):

Ich Beantrage, diesen Antrag an eine Kommission von 21 Mit­gliedern zu überweisen. Wir wollen die Trennung von Kirche und Schule, das hat schon Dr. David vor acht Tagen ausgeführt. Ter Vorredner sagte: Ein Christ könnte nicht Sozialdemokrat sein. ES gibt Geistliche, die gerade umgekehrt denken. So sagte Pfarrer Kutter au§ Der Schweiz: Ein Christ muß Sozialdemokrat fein. In der Schule hat die Religion nichts zu tun, jeder kann seine Kinder ja doch in den Religionsunterricht schicken. Der Vorredner sagte erfreulicherweise, daß das Zentrum seine Ansicht geändert hätte. Vielleicht geht eS noch weiter, am Ende e kennt b-r Papst noch den Darwinismus an. (Heiterkeit.) Wenn man ibn nicht mehr abstreiten kann, erkennt man ihn an, um die Glaubgcn bei der Kirche zu behalten. Allerdings muß man dabei an Den Saure- Trauben-Fuch? denken. (Heiterkeit.) Wenn die Kirche die Macht hätte, würde sie noch ebenso handeln, wie früher. Heute noch kommt eS vor, daß Lehrer und Lehrerinnen wie in Rußland auf administrativem Wege verschickt werden, weil siean einem sitt­lichen Defekt litten", weil sie nicht an Gott glaubten. Wie r Wind von oben weht, so werden die Urteile gefällt. Wer den Mut hat, zu sagen, ich glaube nicht an Gott, wird fortgejagt. Und da? in derselben Zeit, wo der höchste Beamte des Reichs einen Erlaß verliest, nach welchem Offiziere fortgejagt werden sollen, die das Gesetz achten. Dan kann man von uns nicht verlangen, daß wir das Gesetz und die Gerichte achten. Sie tun es ja auch nicht, wenn es Ihnen in den Kram paßt. Gegen das Zentrum muß man miß­trauisch fein. Sie beten zwar:Und vergib uns unsere Schuld", aber Sie vergeben die Schuld nicht, sondern rufen gern den Staats­anwalt zu Hilfe, wie der Prozeß der Geistlichen von Bonndorf gegen dasDonauefchinger Wochenblatt" beweist. Sogar Meineidssachen gibt es bei Ihnen. Denken Sie an den Pfarrer Gasser! Man kann also ein sehr frommer Mami sein und doch seine Schäflein 3um Me-neid verleiten wollen. Mit dem, was Frhr. von Hertling sagte, schafft man solche Sachen nicht aus der Welt. Ein Pfarrer hat sogar einer Frau die Absolution verweigert, weil ihr Mann ein liberales Blatt austrug. So lange so etwas passiert, können Sie nicht uns zumuten, daß wir an Ihre Toleranz glauben. In Berlin hat man sogar ein Dissidentenkiiid gegen den Willen der Eltern getauft. Es gehört auch zur Toleranz, daß man die Ueber- zeugung anderer achtet und nicht durch solche heimtückische Sachen Zwist in die Familien trägt. Gegen ein solches pfarrherrliches Buschkleppertum müssen wir protestieren. In Bremen mußten sogar Kinder auf Befehl des Senats noch einmal getauft werden, weil der Pfarrer eine falsche Taufformel angewendet hatte. Einige Kinder waren sogar gestorben, da hat der Herrgott im ^Himmel seine Ansicht noch mal revidieren müssen. (Heiterkeit.) In Sanft Johann wurde es sogar verweigert, den Schulkindern Schillers Werke aus- zubäudigen. Soweit haben wir es also schon gebracht. Aber Schiller kann sich trösten, wurde ihm doch um jene Zeit der schöne Vers gewidmet:

Deutscher Barde, frei und groß. Seltsam fiel Dein Lebenslos: Stets gefeiert und gepriesen. Stets verketzert und verwiesen. Angestaunt in Deinem Streben Und der Armut preisgegeben.

Dumm gelobt und dumm gefabelt Und zuletzt auch noch geadelt. Ach, vergib dem Vaterland, Meister, seinen Unverstand.

(Heiterkeit.) Tolerant ist cs auch nicht, wenn man fortgesetzt in Preußen gegen die Feuerbestattung sich auf lehnt; gegen Katholiken, die sich durch Feuer bestatten lassen wollen, wird der Bannstrahl geschleudert. Wir Sozialdemokraten sind es wirklich nicht, die bie Religion untergraben. Tas tut vielmehr unser Kriegsminister, wenn er meini: ob jemand in einem Duell ein anderen töten Darf, das hat er nur mit seinem Gott abzumachcn! Eine gefährliche Theorie! Da könnte ebensogut ein Anarchist fomm.cn und sagen: ob ich jemand in die Luft sprengen soll, darüber bin ich nur meinem Gott Rechensclnsst schuldig! Das sind nun bie Theorien in_ einem christlichen Staate, die der KriegSrninistcr hier vorträgt! (Staats­sekretär Graf P o i a b o w S k p ist mittlerweile am Bundcsrats- tifclic erschienen.) Und wie ist Denn baS Töten im Krieg? Das Töten im kleinen ist nur verboten, wer das Töten im großen übt, ist ein tüchtiger Kerl.

Wir haben großes Mißtr-n gegen den Antrag, besonders in der jetzigen Zeit, wo man bie Schule unter die Botmäßigkeit der Kirche stellen will. Ich kenne einen Fall, wo ein Junge, Der jüdi­schen Religionsunterricht erhielt, auch noch an dem evangelischen Unterricht in der Mittelschule teilnehmen sollte. (Heiterkeil.) Ter Junge wurde au5 der Schule verwiesen und nicht wieder aufge­nommen, obgleich das Gericht die Ausweisung für ungerechtferngr erklärt hatte.

Wie find wir in den letzten hundert Jahren immer weiter zurückgegangen! Alerander von Humboldt wollte Freiheit, Er­kenntnis und Wissenschaft von der Schule; jetzt aber will man nur Religion, Religion und Religion! 1859 warnte der Wilhelm, der Preußenkönig, den man später denGroßen" nannte, davor, unter dem Deckmantel Der Religion politische Zwecke zu verfolgen. Später aber meinte er:Die Religion muß dem Volke erhalten bleiben!" Ueberall Rückschritt, und alles aus Furckst vor der Sozialdemokratie! Man klammert sich an die Kirche, um den Staat zu retten! Im preußischen Dreiklassenparlament, aus dem bas Volk ausgeschlossen ist, unb in dem die Herren so hübsch unter sich sind, ist man Drauf und dran, bie Schule völlig ber Kirche auszuliefern; auch bie letzte Zuflucht, bie zum mosaischen Religionsunterricht, wird versperrt! In Frankreich hatte man schon vor der Trennung von Kirckre unb Staat den konfessionellen Unterricht aus ber Schule entfernt; an Denen Stelle steht der Moralunterricht, den wir immer noch nicht haben. Dort wird den KindernAchtung und Liebe zu Den Eltern" beigebracht; bei uns heißt es:Du sollst auf Vater unb Mutter schießen!" (Gröhe Unruhe.)

Abg. Stöcker (wirtsch. Vgg.):

Es ist schmerzlich, hier im Reichstage eine solche Rede zu hören, schmerzlich nicht sowohl vom Standpunkte ber Religion als vom Standpunkte der Bildung. (Sehr richtig! rechts.) Daß Die Gottes- leugnung auf die ganze Persönlichkeit eines Menschen verderblich wirken muß, ist klar; und gerade die Rede des Vorredners muß uns in biejer Ansckzauung bestärken. Was in Frankreich gelehrt wird, können wir hier nicht brauchen; in 10, 20 Jahren werden sich die verderblichen Folgen solcher Lehren schon auch in Frankreich zeigen. Die biblische Geschichre aus ber Volksschule wegnehmen.

heißt ein wichtiges Stück historischer Bildung eliminieren. Und die Anfänge des Christentums aus dem Schulunterricht entfernen, das wäre ein Rückfall in bie Barbarei. Man spielt den Darwinis­mus gegen bas Christentum aus. Wissen Sie Denn nicht, daß der Darwinismus von der Fachwissenschaft selber aufgegeben ist? (Lachen links.) Herr David kennt die Psychologie des Kindes nicht. Das Kind braucht nicht nur das zu hören, was es schon versteht. Es hat eine ungemein große Fähigkeit, auch die übersinnliche Welt zu ahnen. Man muß und soll ihm vieles sagen, was es noch nicht versteht.

Zum Antrag selber habe ich feit der letzten Verhandlung meine Stellung nicht zu ändern brauchen. Ich bin für volle kirchliche Freiheit unter Anerkennung der Staalsobrigkeit. Aber gewisse Grundsätze des vorliegenden Antrags würden auf die Realitäten des Volkslebens sehr ungünstig einwirken. Daher können wir nicht für ihn stimmen. Dagegen haben wir bereit? am 22. Mai eine Resolution einbringen wollen, bie bie Beseitigung aller landes- gesezlichen Bestimmungen verlangt, die der völligen Freiheit ber Religionsübung unb der Vereinigung zu Religionsgesellschaften noch im Wege stehen. Damals fanden wir nicht die nötigen Unter­schriften; heute haben wir vielleicht damit mehr Erfolg. Es könnte uns nur erwünscht fein, wenn wir auf diese Weise bie Toleranz- Gesetzentwürfe los würden; das würde nur dem Frieden Dienen. Ihre (nach links) Anschauungen über Toleranz find freilich nicht die meinigen. Sie wollen, daß jeder in der Kirche soll predigen dürfen, was er will. Tas hieße doch nur, Sprengstoff in die Reli- gionsgesellschaft hineintragen I Würden Sie (zum Abg. Schrader) jemals in bie freisinnige Vereinigung einen radikalen Mann hinein, nehmen, der nur käme, um sie zu sprengen?

Noch ein Wort zum Abg. Bachem: Er sagte, in deutschen re­formierten Staaten seien Lutheraner verbrannt worden, und um­gekehrt. Also ganz wie bei der spanischen Inquisition! Tas ist aber nicht richtig. Mir ist nicht ein einziger Fall dieser Art bekannt. Im Gegenteil: die Reformatoren sind stets die entschiedensten Gegner der Ketzerverfolgungen gewesen. Nur in der anglikanischen Kirche sind solche vorgekommen; aber diese Kirche steht nicht auf dem reinen Boden der Reformation. Wenn es dem Zentrum ernst ist mit seinen Bestrebungen, weshalb führt es denn nicht den Tole­ranzantrag in Bapern ein, wo es doch die Majorität hat? Ich schließe damit, daß der Gesetzentwurf für uns unmöglich ist, wohl aber könnten wir uns auf eine Resolution in dem von mir ange­deuteten Sinne einigen, und wir wollen sehen, daß eine solche zu­stande kommt. (Beifall rechts.)

Abg. Fürst Radziwill (Pole)t

Der Abg. Dr. Muller hat offene Türen mit großer Emphase eingerannt. Tie Sache darf doch nicht so behandelt werden, daß dadurch Andersgläubige geärgert werden. Was er sagte, gehörte gar nicht hierher. Es handelt sich hier doch nur um die Freiheit der Religionsübung. All ba-5, was er vorlas, wird er doch wohl nicht der Kirche an die Rockschöße hängen wollen. Eptravagg"zen kommen überall vor, wo cs Menschen gibt. Wir haben schon früher für Den Antrag gestimmt, und würden uns sehr freuen, wenn ' ie Darin niedergelegten Gedanken, die sich für die künftige Gestaltung unserer kirchlichen Verhältnisse als sehr fruchtbar erweisen müssen, bald zur Verwirklichung gelangten.

Abg. v. Gerlach (frei). Vgg.) f

In dem Gesetzentwurf liegt in gewissem Sinne ein erster Schritt zur Trennung von Staat unb Kirche, und deshalb begrüße ich das Prinzip des Antrages mit Freuden. Die Kirche als Zwangsinnung zu statuieren, wie es die extremen Gegner dieser Bestreuungen wollen, bedeutet keine Erhöhung, sondern eine Degradierung der Kirche. Der Antrag ist zu begrüßen schon des­halb, weil hier zum ersten Male ein Eingreifen in die kirchliche Gesetzgebung von Reichswegen angebahnt wird. Bei dem heutigen Landtagswahlrechte kann man es nahezu bei jeder Materie als einen Fortschritt ausehen, wenn fie der Reichsgesetzgebung unter­stellt wird. Ich bitte Sie deshalb, nehmen sie den Antrag an, nicht des Zentrums, sondern ber Freiheit wegen.

Abg. Osel (Ztr.):

Ter Abg. Hoffmann hat vom Darwinismus gesprochen, nun, wir wollen uns in Ihre Familienoerhältnisse nicht mischen. (Heiter­keit.) Wenn Sie annehmen, daß Ihre Urgroßväter Affen ge­wesen seien, wir haben nichts dagegen. (Heiterkeit.) Wir ver­wahren uns aber von unserer Seite aus gegen solche Verwandt­schaftsverhältnisse. (Heiterkeit. Zurufe von den Soz.) Ich schreibe mich mitnem C, aber es gibt Leute, die Esel sind, ohne daß fit sich so schreiben. (Große Heiterkeit.) Ter Abg. Tr. Müller-Meiningen Hai das BuchGeistige Standesunterweisung" ganz falsch zitiert, der Verfasser schreibt sich nicht mitnem B, sondern mit 'nem P. (Große Heiterkeit.) Ja, das sind Kleinig­keiten, aber es beweist doch, tote flüchtig der Abg. Müller getoefen ist. Wenn ist es so machen wollte wie er und mir eine Wind­mühle fonftrvercn wollte, um dagegen anzurennen, wie der be­kannte spanische Hidalgo, dann könnte ich ja auch manches hier sagen. So könnte ich z. V. sagen: Was ist bas denn für eine Partei, in der Seyboths und Sartoriusse möglich sind? (Unruhe links.) Ich tue das natürlich nicht. Der Abg. Muller sagte zu uns:Sie können nur noch grunzen". Ter Ausdruck liegt ihm allerdings nahe, er befaßt sich ja mit Vorliebe mit Schweinereien (Heiterkeit), tote sein bekannter Vers auf den Landwirtsckastsminister:Er züchtet schöne Säue auf, für Sauzucht ist er Lehrer" zur Genüge betoeist. Dir wollen den Antrag vom positiv-christlichen Stand­punkte aus bcfjanbelt sehen, aber nicht vom Standpunkte des Abg. Müller-Metningen aus, der weder Protestant, noch Jud', noch Katholik ist. (Heiterkeit und Beifall im Zentrum.).

Abg. Schrader (freif. Vgg.) spricht seine Freude darüber aus, daß das Zentrum heute einen ganz anderen Standpunkt eingenommen habe, als fr er. Die weiteren Bemerkungen des Redners bleiben unverständlich.

Abg. Dr. Muller-Meiningen (freis. Vp.):

Einen größeren Kontrast als zwischen den Reden der Kollegen Frhrn. v. Hertling und Osel kann ich mir nicht vorstellen. Um manchen Treibereien entgegenzulreten, will ich zunächst nur kon- stattcren: ich habe nur für meine Person gesprochen, weil wegen dieser Frage keine Fraktionssitzima mehr staitgesunDcn hat. Trotz­dem betone ich aber, daß in der Beurteilung des zweiten Teils des Antrages meine Partei vollständig einig ist. Es ist wirklich kein Hontgschlecken, gegen die mächtigste Partei hier im Hause zu