Nr.S
Donnerstag, 11» Januar 1906
156» Jahrg.
Eichener Anzeiger
General-Anzeiger, Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.
eines
Llbg. Raab (Antts.):
Rotattonsdnick und Verlag der Brühl'schen Unroersitätsdruckeret. R. Lange, Gießen.
Redaktion. Expedition u.Druckerei: Schulstr.7
Tel. Nr. 5L Telegr.-Adr.: S^aciget Gießen.
Erscheint tSgllch mit Ausnahme des Sonntags.
Die „Eichener Samiltenblätter" werden dem Anzeiger viermal wöchentlich beigelegt. Der ^helstiche Lavüwüe' erscheint monallich einmal.
Zunächst wird ein schleuniger Antrag auf Einstellung Strafverfahrens gegen den Abg. von Bonrn .(korg.) ange-
ersten Notbehelf vollständig genügen. Andernfalls können wir ja erst mal weitere Erfahrungen, namentlich mit dem neuen Zolltarrf. abwarten. Auf die Frage, lote die Negierung es mit ihrer Trohung meint, daß die Vorlage als einheitliches Ganzes zu betrachten sei, aus dem wesentliche Teile nicht ausgenommen werden dürfen, tot uns Herr v. Stengel bisher leine Antwort ertc'lt. Was memt die Regierung mit dieser feierlichen Versickerung? Quittungs steuer ist ja schon ad acta gelegt und Damit ist schon ein Stein aus dem schönen Bau der Negierung bcrausgenommen. Man aibt doch feierliche Erklärungen nicht ab. um sie nachher wiever zurückzuzichen. Die Situation ist kritisch. Tritt die Rcgwrung nicht auf den Weg. den wir Vorschlägen, so'tragt jie fclfift he Schuld an dem Scheitern der Vorlage. Der Reichstag wurde mit sick selbst in Widerspruck geraten, wenn er die Steuervorlagen, die er früher aus dringenden Gründen abgelehnt hat, letzt plvtz.ich genehmigen wollte. Ich hoffe immer noch, daß er sich diesen Vorwurs der Inkonsequenz nicht zuziehen wird.
So schnell wie der Sckatzsekretar es wünscht, wird sick die j erste Lesung der Vorlage nickt vollziehen, die Vorschläge der Re- gierung fordern die öffentliche Kritik geradezu heraus. , Sckon seit Jahren haben meine Freunde die jetzige Fmanzmiscre vcs Reicks prophezeit. Namentlich seit dem Tode Kaiser Wilhelms I. sind die Reichsschulden so ungeheuer angewachsen. Zweifellos hat ein Teil der Einzelstaaten unter den wachsenden Matrikular- umlagen zu leiden. ES würde sick empfehlen, sie nach der wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit der Einzelstaaten zu bemessen Wo ein Wille ist. da ist auch ein Weg. Eigentlich sollten ja die Matri- kularumlagen nur ein Notbehelf sein. Soweit die, rechnerifchc Grundlage in Betracht kommt, geht die ganze Neichsfinanzrejorin von unrichtigen Boraussctzungeii aus. Die Regierung iiinunt an. baß aus den erhöhten Zolleinnahmen nach Inkrafttreten der neuen Handelsverträge nur 25 Millionen jährlich in die Reichskape fließen. Tatsächlich wird die Einnahme erheblich großer sem. Die neuen Steuern werden, soweit sie indirekte sind, von den ärmeren Schichten der Bevölkerung aufs schwerste empfunden. Auch die Regierung.sollte dock endlich cinsehen. daß die Bevölkerung sick unter dem Regime der indirekten Steuern nicht wohl befindet. Anwachsen der sozialdemokratischen Stimmen ist zweifellos mit auf hie fortgesetzte Erhöhung der indirekten Steuern und die Verteuerung des Lebensunterhaltes zurückzuführen. Was wir wollen, ist zuerst eine Reform der Branntweingeseßgebung. Die Liebesgabe von 20 Mark, die jetzt den großen Brennern gegeben wiro, macht 40 Millionen Mk. aus und ist ein Unrecht gegenüber all den kleinen Brennereien, die nicht am Kontingent beteiligt sind. Man sagt, man solle jetzt diesem Industriezweig endlich etwas Ruhe lassen. Mer zeigt denn die Regierung in anderen Fällen dmclbe Rücksicht? sSehr richtig! links.) Wenn man an die Opferwilligkeit des deutschen Volkes appellieren will, so sollte man sich Zuerst an die agrarischen Großgrundbesitzer wenden. Jrn Gegensatz zum Vorredner freuen wir uns, daß endlich mit der Erbschaftssteuer das Prinziv durchbrochen ist, nur durch indirekte Steuern dem Reiche neue Geldguellen zu erschließen. Wir sind für eine direkte Einkommen-, Vermögens- und Erbschaftssteuer im Reiche. Wenn wir auch für letztere Steuer sind, so ergeben sich doch auch hier noch manche Bedenken, die erst in der Kommission beseitigt werden müßen. So können wir nicht einsehen, weshalb bei Erbschaften die Religionsgesellschaften besser gestellt werden sollen als andere Erben. Auck gegen die Vergünstigungen agrarischen Charakters haben wir Bedenken. Tie Stempelsteuern haben überall eine gewiße Verblüffung hervorgerufen, und alle Gründe, die jetzt für diese Steuer ins Feld geführt werden, können eine günstige Wirkung nicht Hervorrufen. Die Steuer auf Postpaketadreßen wird wohl nirgends Anklang finden. Nicht nur die Industrie, sondern auch die Landwirtschaft wird hierdurch auf3 empfindlichste ge. schädigt. Schon Herr v. Podbielski hat als Postminister erklärt, ba» dadurch die Landwirtschaft schwer bedrückt werde, ba. sie darauf angewiesen sei, ein-n großen Teil ihres Absatzes wie Eier, Butter usw. in Postpaketen zu versenden. Die Quittungsstcuer wird nur ungünstig wirken durck Verminderung der Rechtssicherheit. Auch gegen die Tabak- und Brausteuer erklären wir uns auf das Entschiedenste. Die mittleren und kleinen Bi --.n.-n werden hierdurch aufs schwerste betroffen. Gegen die spga re neu steuer «icgen gleichfalls erhebliche Bedenleu vor, namentlich technischer Statur, .
Wir sind mit der Ueberweisung der Vorlage an eine Kommission einverstanden. Die hohe Schuldenlast des Reiches, bedeutet eine Wirtschaftliche und nationale Schädigung. Notwendig ist cine gerechtere Verteilung der Matrikularbciträge. Gegen den du^bau der indirekten Steuern sprechen gewichtige Gründe, ich glaube, es toird sich kaum noch mal ein Reichstag finden, der abgesehen bon Luxussteuern — die indirekten Steuern weiter ausbauen würde. " Eine Finanzrcform muß von sozialen Gesichtspunkten getragen sein. Geht man hiervon aus, so müßte man vor allem eme Wehrsteuer empfehlen. Wir erblicken in den Vorschlägen der Regierung nichts Großes und nichts Neues, sondern nur Altes, schon längst von uns Verworfenes. Wir bedauern daher, daß durch die Vorlage, bereu Beratung ja boch auslaufen wird wie das Hornberger Schießen, so viel Erregung im Volke hervorgerufen wird. Was die Biersteuer betrifft, so würden wir höchsten? für chic Zollerhöhung für ausländisches Bier zu haben fein, auf keinen Fall aber für einen Zoll, den unsere kleinen Brauereien zu tragen haben und den sie nickt abwälzen können. Wir sehen ja heute schon, eine wie furchtbare Verwüstung im Brauereigewerbe angerichtet ist. Sollen die kleinen Brauereien völlig verschwinden? Eine ähnliche Entwickelung tote im Brauereigewerbc sehen toir tn dem Tabakbau, die Zahl der kleinen Leute, die Tabak bauen, totrb immer geringer. Durch die Tabaksteuer würden diese Leute torper geschädigt werden. Die große Finanzreform des großen Deuftchen Reiches gipfelt in der Stempelsteuer. Ich muß sagen, daß ich diese Finanzreform durchaus nicht für ettoaS Großes halte. Die Fahrkartensteuer für Billetts vierter Klasse, die Frachtbriefsteuer und andere Vorschläge laßen die sozialen Gesichtspunkte völlig ver. missen Gewiß, diese Steuern ließen sich ertragen, es wird niemand infolge der paar Pfennige Stempel verhungern, aber bester hatte die Regierung getan, wenn sie diese Steuern überhaupt nickt vorgeschlagen hätte. Am unbehaglichsten wird der Quittungsstempel für Postanweisungen empfunden werden. Aber die Reichsfinanzen werden auch noch mehr herangezogen werden, da wir eine wettere Ausarbeitung der «Sozialreform wünschen. Ans diesem (Snrnbe geht es nicht, die Vorlage überhaupt abzulehnen und es der Re- aicntng zu überlaßen, neue Steuern auszübmten. Vielmehr ist cs unsere Pflicht, neue Steuern zu empfehlen. Am geeignetsten erscheint mir die Reichseinkommensteuer. Wenn sich der Herr Staatssekretär zu einer RcichserbschaftSsteuer hat entfließen können, so toirb er auch wobl die Reichseiiikommensteuer im Bundes- . rat durchdrücken können. Ich weise ferner hin auf ine Luxus- ftcuern. Weiter könnte man die Warenhaussteuer als Reichs- j'tcuer ausbauen und erhöhen. Einer Erhöhung der Börsensteuer würde man wohl selbst auf der Linken zustimmen. . (Heiterkeit.), In unseren Initiativanträgen haben wir nicht weniger als sunt Vorschläge zu neuen Einnahmequellen unterbreitet, darunter einen Ausfuhrzoll auf Kali. Warum schreitet man nicht endlich zu enter Besteuerung des unverdienten Wertzuwachses von Grund und Vodeii? Wir sind bereit, an dem Ausbau der Steuern mttzu- wirken, aber wir folgen dabei weder dem Programm des Reichskanzlers, noch dem Buck des Professors Cohen. (Zuruf: Cohn?) Im Stenogramm steht Cohen, aber Cohen ober Cohn, es ist dte-
’ selbe Raße. (Heiterkeit.)
Abg. Dr Südekum (Soz.):
Daß wir die Steuererhöhimgen ablehnen, wir von der Sozial- bemofratie, barüber wird Ihnen kein Zweifel sein. Womit begründet der Staatssekretär denn seine Steuererhöhungen? Er sagte z. V. von der Vrausteuer, daß sie seit sehr langer Zett nicht erhöht sei. Das ist ja wohl eine Art Schande für eine Steuer. (Heiterkeit) Nun sagt man, wenn Süddeutsckland eine so viel höhere Brausteuer bezablt/so kann man sie in Norddeutschland auch zahlen. Aber man vergißt ganz den Unterschied zwischen Nord- und Sud- deutsckland. Man vergißt ganz, daß der Bierkonsum m Sud- deutsckland ein weit höherer ist als in Norddeutjchland. In Sud- deutsckland gibt es unzählige Leute, die ihren ganzen phhstolog'schen Fcuchtigkcitsbedarf nur in Bier decken und Waßer vorsichtigerweise, nur zum Waschen brailchen. (Heiterkeit.) Freilich gibt es in Sud- deutschland ja auch Leute, die Waßer zu noch ganz anderen Zwecken gebrauchen. (Heiterkeit.)
Die Erhöhung der Biersteuer kann von den Brauereien unmöglich getragen tocrbeii, sondern sie wird von den Konsumenten getragen werden müssen. Tas Bier wird 5 Pfg. pro Glas teurer werden. Es ist aber ganz zweifellos, daß diese Erhöhung deS Merpreises zu einer Vermehrung des Schnapsgenusses fuhren, was sozialpolittsch und tm Interesse der Volksgesundheit in hohem Grade bedenklich wäre. Schon jetzt kommt es vor, daß Arbeiter, die gewohnt sind % Liter Braunbier für 6 Pfg. zu trmfen, öfter einen Scknaps für 5 Pfennig vorziehen, weil der einen Pfennig billiger ist. (Große Hetterkeit und Widerspruch.)
Hierauf vertagt das Haus die weitere Beratung auf Donnerstag 1 Uhr.
Schluß 6 Uhr.
uom m en.
Sodann setzt das Haus die erste Beratung der Reichs- finanzreform und der neuen Steuergef etze fort.
Abg. Retttch (kons.):
Wir erkennen die Nottvendigkeit der Erschließung neuer Steuerquellen an. Was die Matrikularbeiftage betrifft, so ttt ein Teil meiner Freunde damit einverstanden, daß sie ^ beschrankt werden, wie es die Vorlage beabjmjhgt etn anderer Tc'l halt rm mir eine noch weitere Entlastung der gung der Matrikularbeiträge ftir nottg. Eme Erhöhung bei Jrau- ftcuer ist gerecktfertigt, die Preise für Bier werden dadurch nicht r--ncn§toert erhöht werden. Gegen die Tabaksteuer haben meine Freunde mannigfache Bedenken. An und für stehen ww a aus dem Standpunkt, daß der Tabak cm geeignetes Ovjekt ftir die Besteuerung ist, aber cs muß geprüft werden, welche Erhöhung des Zolls vorgenommen werden kann, ohne daß die Interessen ber tabakarbeitenden Bevölkerung geschädigt werden. CS fragt sich, ob wir von einer Erhöhung der Jnlandssteuer überhaupt abschen ober ob wir bie Sätze der Regierungsvorlage abandern joben Das muß in ber Kommission eingehend geprüft werden. Jedenfalls behalten wir ims die Entscheidung vor. Von derganzcnSremvel- fteuer bleibt nur übrig bie Fahrkartenabgabe Gegen die Ne ich»- erbsckattssteuer erheben toir grundsätzliche Bedenken. Mit der Unterscheidung, die der Abg. Büsing gestern vorge'cklagen Hat, kann ick mich nicht befreunden. Nach unserer Ansicht haben die di retten Steuern den Nnzelstaaten zu verbleiben. Hier wird der Versuch gemacht, diesen Grundsatz zu durchbrechen, und da tagen wm: Principüs obsta! Durch bie von der Regierung vorgeschlagene Erbschaftssteuer toird die Landwirtschaft .schwer geichadigt, die Steuer bedeutet eine Vermögenskonftskatton. Am liebsten Ware e8 uns gewesen, wenn die berbimbeten Regierungen uns die Erv- sckastssteuer gar nicht erst vorgelegt hätten. Wir haben andere Steuern vorgeschlagen, z. B. den Ausfuhrzoll auf Kohlen. Wir stehen auf dem Standpunkt, daß die neuen Steuern von den leistungsfähigeren Schultern getragen werden muffen. Vermehrte Einnahmen braucht das Reich unter aHen Umstanden. Hoffentlich wird in der Kommission die Vorlage unseren ttn- regungen entsprechend gestaltet. (Beifall rechts.)
Abg. Dr. Wiemer (fretf. Bp.):
Ich bin wieder anderer Ansicht als der Vorredner. (Heiterkeit. Wieviel Herren hier uns das Vergnügen machen, zuzuhoren, ist mir gleichgültig. Ich spreche nicht für daS HauS, ich sprechefür die Oeffcntlichkeit. Es ist unsere Pflicht, die Sache gründlich zu besprechen. Ick würde glauben, sie zu verabsäumen, wenn ich es nickt täte. Während hier alle möglichen Gewerbe belastet werden sollen, sieht man an den Millionen konsequent vorbei, die in den Branntweinbrennereien noch liegen. Redner geht auf die Brannt- weinsteuergesetzgebung des Näheren ein und sucht nachzu wegen, daß nickt der mindeste Grund vorliege, gerade den Branntwein jetzt vollständig in Ruhe zu laßen. Aber freilich, wenn cs sich um gewisse Kreise handelt, dann kommt die Rcgstrung vor lauter Erwägungen niemals zu einer Entschließung. Durch bie geplante Brausteuer wirb eine große Zahl von Brauereien total ertraglos werden. Es handelt sich hier um die Entwertung eines Natlonal- vermögens von insgesamt 3% Milliarden Mark. Die Jnnabme, daß dw Brauereien die Steuer auf die Gastwirte abwalzen lütuKn, i»t durchaus irrig. Ter Gastwirt verdient nicht im Durclsichnitt am Liter 19,8 Pfennig, wie behauptet toirb. Er zahlt für das Liter 16—18 Pfennig, und er bekommt dafür im Ausjchank durchschnittlich 30 Pfennig, bisweilen noch weniger. Er verdient atjo nur etwa 12 Pfennig, und auf diesem Verdienst lasten dann noch die sämtlichen Bettiebskosten. Also das Gastwirtsgewerbe ist Nicht so gewinnbringend, wie Sie denken, und es heißt, keine »cittel- standspolitik treiben, wenn Sie diesem Gewerbe indirekt bie neue Steuer aufbürben zu können glauben. Die Tabaksteuer wird den Verbrauch ungeheuer belasten. Die Annahme des Ncichukanzlers, daß wir vom Reiche aus zu direkten Steuern nicht greifen durften, weil diese verfaßungsgemäß den Einzelstaaten Porbehalten seien, ist durchaus iinzutteffend. Bei der Beratung der Reichsverfasiung ist das Wort „indirette" im Art. 4 in dem Entwürfe tn der to- wußten Absicht vom Reichstage gestrichen worden, um dem Reiche auch die Möglichkeit ber Erhebung direkter Steuern zu geben. Bezüglich des § 6 des Flottengesetzes muß der Staats,dretar damit rechnen, daß ihn eine große Partei in ihrem Sinne ausgefuhrt sehen will, und diese Art der Ausführung zum Range eines polttt- chen Programms erhebt. Es handelt sich dabei also gar nicht um eine juristische, sondern um eine politische Frage. Einverstanden find wir bei ber Bierftcuer mit dem Surrogatverbot für untergärige Biere, ebenso mit einer Staffelung, insoweit sie zur Ausgleichung des Ausbeutungsunterschiebes bient, nicht aber nut einer weitergehenben Staffelung, welcke die großen Brauereien nur um ihrer Größe willen treffen will.
Der Abg Büsing überbietet in seiner Brausteuerfreundlichkctt zu meiner Verwunderung noch den fteiierfreundlichsttn Fwanzpoll- tiker den wir in Deutschland überhaupt haben, den früheren Uitter- staatssekretär und jetzigen Professoruon Mayr.
Misere Zollpolitik ansieht, dann erscheint Deutschland als Agrar- 1'taat, betrachtet man aber die Steuerpolitik, dann leben jote m einem Industriestaat. (Sehr richtig! links, Lachen rechrs ) D e Verkehrssteuern sind absolut unhaltbar, uisbcionberc auch die Steuer auf Fahrkarten, denn das soziale Interesse erfordert gerade eine Verbilligung des Reisens, aber nicht eine Verteuerung, -ic weitaus besw Swuer in dem ganzen Bukett ist die Erbschaftssteuer, obwohl auch sie in der vorgelegten Form noch mancher Verbesierung fähig ist. Wir begrüßen es mit befonberer Freude, das; diese Steuer das Prinzip des Reichskanzlers „Nur indirekte Steuern für das Reick" durchbricht. Zu ertoägen wäre vielleicht, ob man bei ganz entfernten Verwaiidtschaftsgradcn, bei denen die ^-eststellung einer Verwandtschaft schon mit besonderen Schwierigkeiten verbunden ift, nicht den Erbanspruch zugunsten des Reiches ganz auslfebenl kann Ich glaube kaum, daß die finanzielle Sage so trübe ist, wie sie von &r Regierung daraeslellt wird. Wenn man bie Branntweinsteuer in ber Weise reformiert, wie wir es voigeschlagen haben, wenn man bic ErbfttMÄteuer entjprechenb auyftaltct, jo wirb bas jur den
Parlamentarische Perhandlnngeri.
Nachdruck ohne Vereinbarung nicht gestattet.
Dentscher Reichstag.
16. Sitzung vom 10. Januar.
' 1 Uhr. Das Haus ist s ch w a ch besetzt.
Am Bundesratsttsch: Frhr. v. Stengel u. a.
Freisinnigen.)
Abg. von Karborff (Rp.):
Das allfällige Urteil des Vorredners ist kein : wünftigeZ Zeichen für bas Zustanbekommen der Vorlagen. (Heit rtett.) Ick bin so ziemlich in allen Punkten entgegengesetzter Meinung wie ber Vorrebner. (Heiterkeit.) Ich stimme ihm nur ba ui bei, baß auch ich eine gereckiere Verteilung ber Mai Aularbeitra^e Wunsche. Meine Freunde sind bereit, in der Kommission mitzuarbetten damit etwas zustande kommt. Wenn eine Einigung auch nicht leicht fein toirb, so braucht man die Hofnung darauf boch nickt aufzugeben. Denn schließlich sieht jeher ja ein, baß unsere Reichsfinanzen endlich einmal georbnet werben müssen. Also, tote gciagt, in der Kommission wollen toir energisch an dem Werke mitarbciten, aber hier im Plenum brauchen toir wirklich nicht so lange darüber zu reden. Ter Vorredner toirb sich ja selbst überzeugt haben, dag solche Ausführungen nur ganz geringem . ^ntereffe begegnen. (Große Heiterkeit.) Wir werden eine Reih- von Materien ni der Kommission zu erlebigen haben, namentlich werben wir auch, wie der Wg. Büsing mit Reckt bemerkte, Metzen müßen, wie wir den Schwankungen in ben Matrilularbeittagen cm Ende macken. Außerbem müssen toir dock berücksichtigen, baß uns für bie Folgezeit noch große, tocitcre Ausgaben bevorstehen, für bie toir bie neuen (Steuern brauchen, z. V. ber Ausbau unierer Flotte. (ttbg. Singer: Und bie KolonialpolitikI) ^ehr richtig hat da ein 2(bgcorbneter ber Linken gerufen: Und bie Kolonialpolitik. (Große Heiterkeit.) Zu den einzelnen Projekten will ich bemerken: Wir sind keine Gegner ber Erbschaftssteuer, aber toir wünschen «ne Differenzierung zu Gunsten der Lanbwirtichaft. Die Erhöhung ber Brausteuer ift so gering, bah sie ertragen toerben kanm Aus ber Tabaksteuer wirb ja wohl nach der Stellung der ttattonal- liberalen nickt mehr viel werden. In der K-mimißion lverden toir jedenfalls dafür ?u sorgen haben, daß in der Fabrikatton keme Verschiebung zu Gunsten der nord- oder der fuddesttschen Tabak, inbuftrie stattfindet. Wo so gi'oße Aufgaben sind wirb ber Reichstag auch einen ernsten Willen zeigen müssen Und dann toirb sich auch schon ein Weg finden. (Beifall bei ber Rp.)
Abg. Dr. Pachnicke (freif. Vgg.):
Der Gesamteindruck des gesamten Steuerprojektes der Regierung ist bei uns ein überaus ungünstiger. Es bringt Belästigungen, Schädigungen, namentlich auch oes Mittelstanbes, ~3'rr# niße aller Art; aber eines bringt es nicht: steuerliche Gerechtigkeit. Frhr. von Stengel sagte: man könne keinen Stein aus dem Gebäude herausziehen, ohne daß bas ganze Gebäude ins Wanken gerät Nun, toir würden das tticht bedauern. stBeisall bei den
KarLameutan-iy.ü.
Berlin, 10. Ian. Die Budgetloinnilssion des Reichstages nahm heute ihre Arbeiten wieder auf. Aus Anfrage Tr. Bachems gab Staatssekretär Kraetke Mitteilungen über die Rentabilität der einzelnen postalischen Einrichtungen. Der Telegraphen- und Telephon- dienst sei nicht rentabel und erfordere 18 Millionen Zuschuß. Bei Titel Porto und Telegrammgebühren beantragen die Mitglieder des Zentrums eine Resolution, wonach 1. Paketsendungen an und von Personen des Soldaten- standes biL 5 Kilogramm, soweit solche Pakete dem eigenen
—- --- v ' "T. 7^!!TT3W .'.4wiW.'2! ■".«JL
Bedarf Li. er \.'ei.crni L neu, von der Portogebühr srel- zulassen sind, und 2. im Interesse der Land- bevölkerung eine weitgehende Verbilligung der Telephoneinrichtung herbeizuführen ist. Dr. Müller- Fulda (Zentr.) fragt, ob sich nicht der Uebergang zum ö Pfennig-Briefporto beiverkstelligen lasse. Staatssekretär Kraetke erividert, eine Ermäßigung des Portos sei bei der jetzigen Finanzlage nicht möglich; auch an den Fortfall des Bestellgeldes sei zur Zeit nicht zu denken. Dr. Sü d c- kum (Soz.) beantragt das Bestellgeld abzuschaffen.
EL
für die Ärcije (ließen, .iLSseld und Lauterbach.
Protokoll - Au s z u g.
Gießen, den 3. Januar 1906, (Schluß.)
6. BahnprojekLWeidenau-Haiger. Der Ausschuß für den Bahnbau Weidenau-Haiger beabsichtigt von neuem an den preußischen Minister ver öffentlichen Ar^ beiten eine Eingabe zu richten und ihn zu bitten, den Bau »iner Verbindungsbahn Weidenau-Haiger in Angriff zu nehmen. Liese Bahn würde j)3-k EiienlrabnLarbtrttEL


