Ausgabe 
7.7.1906 Viertes Blatt
 
Einzelbild herunterladen

Nr. 157 Blatt 156. Jahrgang

Erscheint W-Nch ml^ Ausnahme des Sonntags.

Tie ..Siebener Zamillenblatter" .werden dem »Anzeiger viermal wöchentlich beigelegt. Der -helstich« eandwttt" erscheint monatlich einmal.

Giehener Anzeiger

Samstag 7. Juli 1906

Rotationsdruck und Verlag der Brühl'sch« Universltatsdruckeret. R. Lange. Gieh«.

Redaktion. Expedition ».Druckerei: SchuMr.A.

Tel. Rr. 61. Telegr.-Adr.: Anzeiger VtetzeM,

General-Anzeiger, Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Siehe».

V

'IT D I

WM

und VevL'ehr, Volkswirtschaft.

Hl. Frankfurter Börse. (Wochenbericht.) Obgleich anfangs der Woche aller Augen nach Ncw-2)ork. von wo eine große Geldknappheit gc» weidet wurde, gerichiet waren, bat sich unser Markt bei anhaltendem Ge­schäftsverlust, hervorgerufen durch den verminderten Börsrnbruch, doch in ziemlich fester Haliunz bewegt. Selbst der Reichßbankausweis, aus welchem sehr starke Inanspruchnahme der Äassen hervorgeht, wie dieser sonst in dieser Zeit, gleich nach dem HalbjahrcLiermin zu den Seltenheiten gehört, uciftimmte nicht, da die Engagement nicht bedeutend sind. Man hat sich auch bereits daran gewöhnt bezüglich rulsischer Meldungen weniger nervös zu sein, zumal die Duma nach und nach in ein parlamentarisches Fahr­wasser einlcult, bei dem es der Negierung nicht so heiß wird. Die Aengst- lichkcit hat sich dann auch nach der Pariser Liquidation, welche besser als erwarlet verlief, etwas zerstreut. Im Ganzen fehlt es dem Markte an. jenem Animo wie es sonst größeren Fiuanzemissionen vorauSgeht. Es sind immer nur einzelne Favoritpapierc, denen die Spekulation momentane Berechtigung in den Vordergrund zu treten cinräumt. So Lombarden, Baltimore und Ohio und diesmal auf Verftaallichungspropositionen auch noch Italien. Meridioualaltien. Oesterreichische Staatsbahn wurde im Schlepptail mitgezogrn. Hütten- und Kohlcnwerte gedrückt. Inländische Banken, besonders Darinstädter, lvic man hört infolge bevorstehender Gründung einer neuen Deutsch-amerikanischen Bank, anziehend. Diskonto- Anteile auf Teckungskäufe höher. Das Geschäft in Fonds war belebter. Russen erholt. Chinesen und Japaner höher. Nordd. Lloyd und Ham­burger Paketfahrt schwach. Von Jndustricpopiereu Kunstseide an 15 Proz., Wittener 10 Proz. gedrückt, später erholt. Deutsche Fonds stabil. Privat- diskonto 3t/18 Proz.

Berlin, 6. Juli. Generalmajor Meckel, Organisator der javanischen Armee, 'st in Großlichtcrfclde bei Berlin infolge eines Schlaganfalls, den er am Samstag erlitten halte, gestorben.

wurden schwer, 2 andere leicht verletzt. In Toulon (Frankr.) tötete der Blitz ein Gemeindcrats-Mitglied, das auf einem Neu- bau Arbeitern Instruktionen erteilte. 5 Personen wurden ver­letzt. Im Hafen mußte der Schiffsverkehr des Unwetters wegen eingestellt loerdeu. Ein Leichterschiff, das sich im Schlepptau eines Dampfers befand, sank. 'Nur mit Muhe gelang es, das Tau zu kappen und so den Dampfer vor dem Untergang zu retten. In Marseille schlug der Blitz in einen Straßenbahnwagen. Ter Eilzug nach Paris erlitt zwei Stunden Verspätung, da dec Sturyr zahlreiche Telegraphenstangen und Bäume aus das Gleise geworfen hatte.

Gerichtssacrl.

Frankenthal, 5. Juli. Wegen eines s ch iv e r e n Sitt- l i ch k e i t s v e r b r e ch e n s, am 25. September v. Js. in seinem Sprechzimmer an der ihn wegen eines AbeesseS konsultierendeii, damals noch nicht 16 Jahre alten Tiensluiagd Lina Aiohr aris Mechlersheun hatte sich, wie bereits drahtlich kurz gemeldet, vor der Straikammer der 34 Jahre alte praktische Arzt Dr. W. Tandler von S p e i e r zu verantworten. Es waren vier Sachverständige nnd 44 Zeugen geladen, darunter 14 Frauen und Mädchen. Ter Angeklagte bestritt entschieden die Behauptungen der 'Anklage und brachte die gegen ihn erhobene Beschuldigung mit Anfeindungen in Verbindung, denen er seit Jahren ausgesetzt sei. Einige Zeuginnen sollten befunden, das; der Angeklagte mit einer anderen weiblichen Patlentm iviederholt in gleicher oder ähnlicher Weise verfahren sei, mie mit der Mohr. Dieser, bereit Wahrheitsliebe und Zuverlässigkeit der Angeklagte stark bemängelte, ivurde von ihrem Dienstherrn und dessen Ehefrau ein gutes Zeugnis aus­gestellt. Wie der Vorsitzende int Laufe der Verhandlung mitteilte, ist der Angeklagte vor mehreren Jahren schon einmal wegen eines Vorkommnisses mit einer Pflegerin nut einer geringen Freiheits­strafe belegt worden. Tie Verhandlung endete mit der Verurteilung des Angeklagten zu zehn 'Monaten Gefängnis.

WasgibtszumNachtisch? Was Besseres wohl als 'Mondamin-Flammeri und Fruchtsaft?

CS ist erfrischend ukld bekömmlich in heißen Tagen - und sehr gesund.

Natürlich nur Mondamin verwenden.

Mondamin" überall zu haben in Paketen ä 60, 30 u. 15 Pt.

vermischte».

* Hamburg, 6. Juli. Wahrend des Brandes der M ichaelskirch e sind in den von der Polizei geräumten Däusern viele Diebstähle borgetommen. Ein Uhren- laden wurde vollständig geplündert. In einem an­deren Geschäft wurde ein Leinenschrank erbrochen und Wertgegen­stände gestohlen. Es herrscht allgemeiner Unwille über den mangelhaften polizeilichen Schutz. Die Mehr­zahl der Polizisten war zur Ankunft des Königs von Sachsen abkommandiert.

* Gin M ädchenmord. Das 18 jährige Dienstmäd­chen M a r t e n in Boitzenburg (Uckermark' wurde von einem auswärtigen Soldaten, der dort zu Besuch nwilte, aus freiem Felde beraubt und in grauenhafter Weise ermordet. Der Mörder warf dann die verstümmelte Leiche in einen Teich, wo man sie später auffand.

* Durch Blitzschläge getötet. Ter Blitz traf am 5. d. M. in der Wiesenaer Flur bei Halle a. S. 6 Personen, die unter einer Kleereiter Schutz gesucht hatten. Der Hofmeister Grafe und die g-rau des Oekonomen Hecker sind tot, 2 Personen

mochte wohl eine Ahnung haben, das; mit den Preußen nicht gut .Kirschen essen war, deshalb kommandierte er stracks Kehrt! Marsch! und verschwand mit seiner Kolonne. Rackst)em er dann noch kurze Zeit päpstlicher Juane gewesen war, begann er das Leben eines Abenteurers zu führen. An den Spielbänken in Homburg, Rauljcim und Monte Earlo spielte er mit Verweg.m- heit und Glück. Mit Beute beladen felyrtc er nach Oesterreich zurück und ehelichte die Tochter des Wiener Großkaufmanns Fischl v. Gumpendorf. Aber es war dem Grafen ein Leichtes, nicht nur seinen Spielgewinn, sondern auch noch die Millionen seines Schwiegervaters zu verpulvern, und zwar binnen meniger Jahre, so daß sich der Schwiegervater genötigt sah, schleunigst eine Trennung der Ehe herbcizuführcn. 'Run gings bergab mit dem Grafen. Aller Subsistenzmittel bar, geriet er in Wien unter die Zuhälter und Hochstapler und vergriff sich an fremdem Eigentum, wofür ihm dos Wiener Gericht mehrjährige schwer? Kerkersirase und Landesveriveisung zudictiert:. Rach Verbüßung der Strafe kam der Graf nach Deutschland und hielt sich ab­wechselnd in Stuttgart, Heidelberg und Dresden aus. Bald saß er in Sachsen wieder für mehrere Jahre hinter Schloß und Riegel. Aber alles geht einmal vorüber, und bald zog der Graf wieder durch die Laude, nachdem er sich eine bekannte Wiener Kupplerin 'Ramens Jeibelberger attackiert hatte. Bald war er in Deutsch­land, bald in Oesterreich, bald in England, bald in Amerika. Er war einer der verwegensten Londoner Schlittenfahrer. Be­sonders deutsche und speziell Frankfurter Firmen nahm er aufs Korn. Im Jahre 1895 machten der Graf und die Zeidellstwger zur Abwechselung einmal wieder Oesterreich unsicher. Da griff die Polizei zu und setzte die Zeidelberger, die sich Gräfin Lei- ningen nannte, wegen Kuppelei, Schwindelei usw. hinter schwe­dische Gardinen sie starb während der Untersuchung. Der Graf aber, nach dem die östreichische Polizei ebenfalls große Sehnsucht hatte, ging durch die Lappen und zwar wandte er sich nach Frankfurt a. M., das er saus sou erreichte. Hier traf er eine alte Bekannte, die Schneiderin Olga Bauernseind, die dem gräflichen Freunde mit Money unter die Arme griff. Im Juli 1895 entführten die Beiden zusammen die 15 jährige Lisette Schweighofer ckus Eschbach bei Usingen nach London. Tort wurde der Graf wegen dieser Entführung vor dos Polizeigericht in der Bowstreet gestellt unö zu 2 Jahren Gefängnis verurteilt. Rach Verbüßung dieser Strafe im Jahre 1898 kehrte er hierher nach Frankfurt zurück. Spiel und Weib waren fortan seine Er- nährungsguelleu. Wenns nicht langte,' wurde gepumpc. Tarin war der Graf ein Genie. Vor Jahresfrist erkrankte er au Zungenkrebs. Er hat schrecklich gelitten, um io schrecklicher, al? die Nahrungssorgen das Krankenlager umschwebten. Abenteuer­lich wie das Leben war auch das Ende des Grafen. Sozusagen auf dem Totenbette schritt er zu einer zweiten Ehe, indem er am 30. Juni eine Dame aus Wiesbaden heiratete, die ihm einige 1000 Mart zubrachte. Mit der Eheschließung soll es eine eigene Bewandtnis haben. Rur sechs Tage l>ot die Ehe gedauert, da trat der Tod dazwischen. Verlassen und zerfallen, mit feiner Familie starb der Graf. Auf seine agnatischen Rechte hatte er im Jahre 1882 für sich und seine Deszendenz verzichtet. Erwähnt mag noch sein, daß der Graf ein große# Sprachgenie war. Er sprach und schrieb fast sämtliche lebenden Sprachen, meiner ersten Ehe ist übrigens eine Tochter entsprossen, die in Oesterreich verheiratet ist.

Politische Lagesschau.

Auf dem antisemitischen Kriegsschauplatz in Kurheffen sind, wie mir in derNat.-Ztg." lesen, im Verlaufe der Wahlbewegung in Ninteln-Hofgeismar die beiden feindlichen Brüder derart aneinander geraten, daß die deutsch- sozialen Agitatoren öffentlich erklärt haben, sie halten es unter ihrer Würde, sich noch locitcr mit solchen Leuten ein­zulassen". Die Gefolgschaft Liebermann von Sonnenbergs sucht jetzt den reformerischen Kandidaten bei der Wählerschaft wegenLiebäugelns mit den Sozialdemokraten" anzuschwärzen. Augenzeugen hätten versichert, daß R. A. Harmony, der Hauptagitator der Neformpartei, am Schlüsse der Versamm­lung in Hofgeismarden Sozialdemokraten die Hand drückte". Auch was seinen Antisemitismus anlange, erscheine der refor­merische Kandidatnicht zuverlässig". Er hätte sich in einer Form ausgedrückt,die einem sachlich denkenden Antisemiten unter keinen Umständen genügen kann."

Nilnmehr hat der Kandidat derJreideutschen" auch den offiziellen Segen der Rcformpartei erhalten und dadurch dem Gerede, daß der Abg. Werner mit dem Vorgehen gegen die Dcutschsozialen nicht einverstanden sei, ein Ende gemacht. Die parteioffizielleDeutsche Reform" findetdas Geschrei der deutschsozialen Klageweiber unwiderstehlich komisch". Sie er­innert an den Einbruch der Deutschsozia len in die von den Reformern als ihr Besitzstand reklamierten Wahlkreise Marburg und Gießen und erklärt zum Schluß:

Deshalb stehen wir in Treue zu den kainpsesfrendigen 9)lännctn des Hessenlandes, die die schwere Verantwortung nicht scheuen, eine Sache nunmehr znni A n strag zn bringen, bie nach der Auffassung bet Theoretiker schon nach ber Magdeburger Trennung bie hessischen Wähler sofort vor neue Entjcheibungen hätte stellen müssen."

Das Liebermannsche Blatt verspottet ztir Revanche hier­für die reformerischeHess. Rundschau" alsArizona Kicker", worauf prompt die Quittung erfolgt:Eine geheim-konser­vative, regierungsfromme und volksfeindliche Clique, gefolgt von einer kleinen Schar kritikloser Mitläufer, das siub die Dcutschsozialen .

Kirche und Schule.

Zum Fall Korell hat dieFra ukfurter Kon- fereuz Hessischer Geistlicher" aus ihrer Sommer­tagung in Heppenheim a. d. B. einstimmig solgende Re­solution gefaßt:Mit Rücksicht auf die vorliegende Er­klärung der Freien landeskirchlichen Vercinigung^und unter- ausdrücklicher Zustimmung zu dieser sieht die Franksurter Konferenz vorerst von weiteren Schritten ad."

Hin gräflicher Abenteurer.

v (je) Frankfurt a. M., 6. Juli.

Gestern nachmittag starb in seiner Wohnung, Rossertstraßc 2 lster, im Alter von 60 Jahren Graf E m i ch Friedrich Thomas zu L e in i n g en - Wr st e ribu r<g - Ailik - L c i n in gen, eine in der hiesigen Lcbewelt bekannte Persönlichkeit. Ein bewegtes Leben, über das sich ein Roman schreiben ließe, hat damit seinen Abschluß gefunden. Der Verstorbene entflammte einem alten Dynastengeschlechte. Er war 1846 ist Mainz geboren. Seine Erziehung erlstelt er in Ungarn im Hause seiner Tante, der Witwe des Grafen Karl zu Leiniugen, der am 6. Oktober 1849 zu Arad mit 12 andern ungarischen Generalen hingerichtet wurde. MS er 16 Jähre alt war, wurde Graf Ernich Leutnant im k. k. 32. Infanterieregiment und nahm als solcher an dem Kriege von 1866, speziell an der Schlacht tarn Königgrätz teil, wurde aber nach deni Friedensschlüsse verabschiedet, weil er bei Beginn der vschlacht am 3. Juli, als die ersten Kanonen­schüsse krachten, den besseren Teil der Tapferkeit erwählt und Reißaus aenommen hatte. Er führte eine Proviantkolonne und

Kaufhaus F ritz Nowack

Grosser Inventur-Ausverkauf

Besonders billige Gelegenheitskäufe in

Wäsche, Weisswaren, Ausstattungs-Artikeln, Betten und Schlafzimmer-Einrichtungen.

Günstigste Einkaufs-Gelegenheit für Brautleute.