Nr. 83
Erscheint ILgNch mit Ausnahme deS SomuogS.
Die „Giehener Zamlllrnblätter" werden dem »Anzeiger viermal wochenrttch beigelcgt Ter ^hefststhe tanöwlr*** erscheint monaUtch einmal.
Zweites Blatt 186. Jahrgang
Gietzener Anzeiger
Samstag 7. April 1906
Rotationsdruck und 93 erlag bei Brühl'lckte» UnwerülälSdruckerei. DL Lang», ©tefcen.
Redaktion. Expedition u. Druckerei!
ieL Nr. 6L Telegr.-Adr.; 8ln$eiga IfiieBe«.
General-Anzeiger, Amts- snd Anzeigeblatt für den Kreis Lietzen.
3>ie HtüranKung des Kü sten ALilow.
Berlin, 6. April. Fürst Bülow befindet sich nach einer sehr gut verbrachten Nacht frisch und bei vollstem Bewußtsein. Die ihn behandelnden Aerzte sind mit seinem Zustand sehr zufrieden. Der Kaiser wurde int Laufe des heutigen Vormittags benachrichtigt, daß der Kanzler eine gute Nacht verbracht und sich heute früh gekräftigt gefühlt habe. Im Lause des ftcftrlgcn 'Abends und des heutigen Vormittags erschienen Mitglieder des diplomatischen Korps, der Gesandtschaften, der Generalität und der Gesellschaft, um sich nach dem Befinden des Fürsten zu erkundigen. Zn den aufgelegten Bogen trugen chre Namen ein: der französische Botschafter Bchourd im Namen des Präsidenten Falnöres, der englische Botschafter Lascelles, der japanische Botschafter, der italienische Botschafter Gras Lanza u. a. Vormittags erschien der Chef der Reichskanzlei v. Loebell ün Palais und weilte eine halbe Stunde beim Reichskanzler, mit dem er auch über amtliche Angelegenheiten konierierte. Einer der ersten, tvelche persönlich nach dem Befinden des Fürsten im Reichskanzleimalais nachsraaten, war der russische Botschafter, Graf von Osten-Sacken. Fürst Bülow dürfte sich, sobald er reisefähig sein wird, mit der Fürfrin für längere Zeit nach dem Süden begeben.
Um 12 Uhr mittags erfuhr die „Nctt.-Ztg." von unterrichteter Seite, daß die Besserung im Befinden des Reichskanzlers Fürsten v. Balow in erfreulicher Weise fort» dauert. Nach der sehr guten Stacht wird er den heutigen Tag noch im Bett zubringen. Er verlangt indessen bereit; nach Lektüre und äußerte im Lause des Vormittags den Wunsch, die Leitung der AmtSgcschäfte nicht zu unterbrechen. Die Fürstin Bulow gedachte ursprünglich, heute die geplante Oslerreise anzutrelen. Prof. Dr. v. Renvers hat jedoch noch keine Wahl hinsichtlich des zu empfehlenden ErholungS-Aufent- Halts deS Reichskanzlers getroffen.
Im Auftrage deS Kaiserpaares fuhr heute mittag gegen 1 Ühr Flügeladjutant v. Chelius vor, überreichte einen Strauß aus rosa Rosen, tiefroten Nelken und weißem Flieder und erkundigte sich nach dem Befinden deS Fürsten. Der Kanzler arbeitete heule früh bereits nut seinem Sekretär, Geh. Regierungsia^Schäfer und wünschte seinen vortr. Rat Wirkt. Geh. LegationSrat Dr. Hammann zum Vortrage. Die Erfüllung dieses Wunsches wurde jedoch im Interesse der Ruhe de§ Patienten hinausgeschoben. Der Kanzler las wie sonst die Morgenzeitungen und unterhielt sich angeregt mit seiner Gemahlin. Er ist sich aller Vorgänge von gestern bis in die Details bewußt. Am meisten schmerzt es ihn, daß er im Reichstage seine wichtige Rede über unsere Beziehungen zu den anderen Staaten nicht hatte halten können.
7 Uhr abends. Das Befinden deS Reichskanzlers ist dauernd gut.
Reichstagsabgeordneter Dr. Vonderscher sandte im Namen der Mitglieder der Gruppe der Elsässer an den Reichskanzler ein Telegramm, in dem ihm herzlichste Teilnahme ausgedrückt und die aufrichtigsten Genesungswünsche dargebracht wurden.
Aus dem Auslande liegen noch folgende Meldungen zu Bülows Erkranlung vor:
London, 6. April. Die Erkrankung des deutschen Reichskanzlers erregt ganz außerordentliches A ulsehe n. Bereits zwischen 1 und 2 Uhr erschien der „Star" mit einer Extraausgabe. Alle großen Blätter bringen Leitartikel, welche die Teilnahme Englands für beit erkrankten R e i chs» ka nz l er ausdrücken. Im Leitartikel der „Times" iuub die Rebe des Reichskanzlers als ein Meisterstück internationaler Höflichkeit bezeichnet. Ter „Daily Telegraph" kritisiert bie Rede schärfer und greiit bie beutsche Maiokkopolttik ziemlich heilig an. Teutjchlanb behaupte, feine politischen ober territorialen Vorteile in Marokko gesucht zu haben, aber bie Welt habe einen anderen Eindruck erhalten.
Paris, 6. April. Die Blätter veröffentlichen lange Depeschen über die gestrige Reichstagssitzung und die Erkrankung deS Fürsten von Biilom, geben aber wenig Kommentare. Der „Figaro" spricht die Hoffnung ans, eS werbe sich nur um ein vorübergehendes Unwohlsein gehandelt haben. Ter „Figaro" sagt ferner, die Rede des Fürsten Bülow sei eine unwiderlegbare und unerwartete Darlegung der französischen Sonderrechte in 'Marokko. Was die Gruppierung der Mächte anbelreffe, so habe der Reichskanzler gute Miene zum bösen Spiel gemacht.
W i e u, ix April. Zu der Erkrankung des Fürsten Bülow schreibt die „91. Fr. Pr.": Ueberall wird man die Kunde von heute abend, daß Bülow sich bereits erholte, mit herzlicher Teilnahme vernehmen und nirgend so herzlich wie in Wien, wo man mit großer Befriedigung bie Worte vernimmt, bie ein hoch angesehener Redner im deutschen Reichstage heute der in der Konferenz von Algeciras abermals bewiesenen unwandelbaren B u n ■ bestreue Oe st er reich-Ungar ns widmete. Hier in Wien weiß man es zu würdigen, daß auch bie Bunbestrene in der von Bülow gelenkten deutschen Politik sich nicht verleugnet hat. Und zu dieser Würdigung des Staatsmamies gesellt sich bie Erinnerung an die gesellschattüchen Beziehungen, welche ben Fürsten und seine Getnahlm jeu der Zeit ihres einstigen Aufenthaltes mit unserer Stadt verbinden, um die Teilnahme zu oer tiefen und den Wunsch zu verstärken, baß es mir ein leichtes, halb überwunbenes Uebcljein gewesen sei, von welchem er heute im Reichstag befallen wurde.
Die Lösung der ungarischen Krisis.
Wien, 6. April. In den Verhandlungen zwischen Fejervary und den Koalitionsführern wurde in allen Punkten volle Einigung erzielt. Dr. Wekerle wird morgen in Audienz erscheinen, um die Designierung zum Min isterpräsidenten entgegenzunehmerr.
Der Ausgleich zwischen der Krone und der Koalition wird auf folgender Grundlage geschlossen werden: Vorläufige Ausschaitung aller militärischen Forderiingen, Aufrechterhaltung der wirtschaftlichen Gemeinsamkeit mit Oesterreich bis 1917, sofortige Votierung der Staatsnot- wendigkiilen, des Budgets, des Rckruten-Konlingents, des Mehrbedarfs für die Armee, Ratisizierung des Zolltarifs und der Handelsverträge, Rücktritt der jüngst ernannten Staatsbeamten gegen Entschädigung, Eintritt Kossuths und Julius Andrassys ins Ministerium. Tie Ausschreibung der Neuwahlen soll bis zum 11. April erfolgen.
Vormittags hotte Fejervary im Hotel Bristol eme lange Konferenz mit Andrassy, Kossuth und dem Vizepräsidenten deS Abgeordnetenhauses Polonyi. Um 12 Uhr verließ Fejervary das Hotel und begab sich in die Hofburg, um dem Kaiser Bericht über daS Ergebnis der Konferenz zu erstatten. Darauf trat Polonyi unter die im Hotel versammelten Wiener und ungarischen Journalisten lind sagte ihnen: „Ich kann Ihnen nach unserer Besprechung mit dem Ministerpräsidenten mitteilen, daß alle Aussicht vor- Händen ist, daß binnen kürzester Zeit die Entwirrung eine vollendete Tatsache sein wird. Was ich Ihnen sage, ist eine offiziöse Mitteilung." Tie Worte wurden von den Ungarn, die im Hotel anwesend waren, mit stürmischen Eljenrufen ausgenommen. Andrassy und Kossiith wurden nach 2 Uhr in besonderer Audienz vom Kaiser empfangen.
Dec „Neuen Fr. Pr." zufolge besteht für das neue ungarische Kabinett, das bereits am Sonntag ernannt werden soll, folgende Kombination: Wekcrle, Vorsitz unb Inneres, Polonyi Justiz, Graf Theodor Vatlhyanyi Handel, WlassicS Unterricht, Daranyi Landwirtschaft unb Staals- setretär Vopovic Finanzen._____________
• Ausland.
Christian i<r, 6. Aiprtt. Nachdem das St ort hing am Vormittag den Antrag deS Sozialdemokraten Eriksen, den König Haakon um Ausse tz ung der Krönung zu ersuchen, mit 91 gegen 24 Stimmen a b g e l e h n t hotte, wurden die von der Regierung geforderten 100 000 Kronen für die Krönung mit 66 gegen 47 Stimmen bewilligt. Die Minorität stimmte für kleinere Belräge.
London, 6. Apr. Nach einer Drp .sche aus Pietermaritzburg gilt bie Lage in Natal als äußerst ernst. Der Rebellenführer B-.imbaato erl-^lt offenbar Unterstützung von anderen Zuluhüuplliugen. Falls es der Regierung nichi gelinge, in wenigen Tagen den Frieden herzuslellcn, werdi aller Wahrscheinlichkeit nach ein allgemeiner Aufstand aus brechen. Der Häuptling Fynns zu Umzinto zeigt sich sehr unruhig. Man glaubt, buff bie Miliz besser zur Herstellung ber Ruhe zu bermenber. ist als bie englischen Truppen, ba sie bas Land belfer kenne als biesc.
Haag, 6. April. Amtlich wird gemefbet: Nach hartnäckigem Widerstand ist die befestigte Stellung der Eingeborenen bei Kanto auf der Insel Celebes von den holländischen Truppen genommen worben. Ter Feind ließ 39 Tote aus dem Platze. Ter Widerstand der Lanb- bevölkerung von Eurekang aus Celebes ist gebrochen.
Nancy, 6. April. Das Kriegsgericht hat ben Dragonerleutnant Tricoruot b e istose, welcher sich geweigert hatte, bei einer Kircheniuventur mit» zuwirken, mit 3 gegen 4 Stimmen freigesprochen.
Konstantinopel, 6. April. Dec Mürber Reb- wan-Paschas wurde sum Tobe verurteilt. Nach türkischen Blattern heißt es, baff die Anstifter des Mordes noch andere verbrecherische Pläne gehabt hätten.
Rußland.
Berlin, 6. April. Maxim Gorki fordert im „Berl. Tagebl." in einem längeren Artikel bie deutschen Bankiers auf, ber russischen Regierung kein Gelb zu geben. Der Artikel enthält heftige Angriffe gegen bie russische Regierung, bie bas jahrhundertelange System ber Unterdrückung des Volkes sortsctze.
Petersburgs. April. Im Ministerium bes Innern gehen fortgesetzt beruhigende Meldungen über die angeblich zu Ostern geplanten Judenunruhen ciy. Solche Unruhen sind nicht zu erwarten. Festgestellt ist nur eine mündliche Agitation in Jar oslaw unb eine Agitation burch bie Presse in Rja-e san. Der Minister des Innern soroerte die Gouverneure auf, die Agitation mit allen gesetzlichen Mitteln zu unterdrücken.
Die Zeitung „M o I w a", die anstelle der vor einigen Tagen sistierten Zeitung „Ruß" erschien, ist in der vergangenen Nacht auf Anordnung des Staatsanwalts ebenfalls f i ft i c r t worden.
Zürich, 6. April. Der Führer der Moskauer Bankräuber, die kürzlich 870000 Rubel erbeuteten, ist hier fest genommen worden.
Ans Srerdt und Land.
Gießen, den 7. April 1906.
•• Kurs der medizinischen Psychologie. Vom 2.—7. April fand in Gießen in der Universitätsklinik für psychische unb nervöse Krankheiten ein Kursus der medizinischen Psychologie mit besonderer Berücksichtigung der angeborenen Geistesschwäche statt, an dem über 100 Aerzte, Vorsteher unb Lehrer von Jdiotenanstalten und Hilfsschulen teiluahmen. Auch daS Ausland (Belgien, Holland, Schweiz, Oesterreich) war vertreten. Pros. Dr. Weygandt-Wüczburg führte die Teilnehmer in das Wesen, die Ursachen und bie medizinische Behandlung der verschiedenen Formen der Geistesschwäche ein; Prof. Dc. Sommer-Gießen zeigte, wie diese durch methodische Untersuchungen festgestellt werben tonnen und was sich vom Standpunkte der medizinischen Psychologie für die Behandlung des angeborenen Schwachsinns ergibt. Diese Vorträge erfuhren durch die reichen Veranschau- lichungsmittcl der Klinik, sowie durch Vorführung von Kranken eingehende Erläurerung. — Privatbozent Dr. Tannemann-Gießen unb Dr. Klmnker-Franksurt a. M. behandelten in ihren Vorträgen bie strafrechtlichen Be- ziehungen, sowie die auf dem Gebiet ber Fürsorge für die Geistesschwachen zu ergreifenden Maßnahmen. Die theoretischen Erörterungen sanden durch Dr. Lay-Karlsruhe ihre .Anwendung auf das Gebiet der experimentellen Pädagogik, mährend Rektor Henze-Hannover und Direktor Dr. Gündel- Raslenburg eine Darstellung der Hilfsschulen für Schwachbefähigte und derJdiotenanstalten gaben. An zwei Nachmittagen fanden Führungen durch verschiedene Anstatten statt. "Aus der Versammlung heraus wurde eine Kommission rur Be
ratung eines einheitlichen UntersuchungsjchemaS für bie Geistes'' chwachen gebildet.
** Parlamentarisches aus Hessen. Eine der 2. Kammer zugegangene Regierungsvorlage enthält bas Ansinnen, zuzustimmen, baß bie Gehalte ber vor dein 1. Auaust 1902 von den Kreisen dekretmaßig angestellt gewesenen Geometer 1. Klasse,welche nunmehr im Staatsdienst angestellt sind, rückwirkend von dem Tage ihrer 'Anstellung im Staatsdienst an so bemessen werben, baff diese Beamten gegen bie ihnen von den Kreisen befretmäffig zugesichcrten Gehaltsbezüge eine Verkürzung nicht erleiden. — Eine Vorstellung der Gerichtsvollzieher-Aspiranten bittet um Berni e h r u n g ber Gerichtsvollzieher st eilen in Hessen. Es wird vorgeschlagen, bie Zahl der Stellen von 75 auf 96 zu erhöhen. Tie neuen Stellen sollen auf die Amtsgerichtsbezirke Darmstadt, Mainz und Offenbach (je 4), Gießen (2), Bad-Nauheim, Vilbel, Ostbofen, Lorsch, Oppenheim, Groß-Gerau und Worms entfallen. Die Handel stammet Darmstadt petitioniert um bie Erbauung einer Nebenbahn Dreieichenhain — Langen — Bahnhof Langen.
** Gießener Stadttheater Gestern abend schloß ber Reigen der Benefizvorstellungen mit einem tollen Kehraus. Man gab zum Besten ber Herren Goll und Lippert „Leontinens Ehemänner"' eine Kv- möbie von Alfred Capus, in ber mau sich, wenn »lau seine Ansprüche au Geist unb Witz herunkcrschxaubt und über unmögliche Sitiakionen hinwegsicht, ganz gut amüsieren kann. Vorausgesetzt, baff flott gespielt wird, was gestern abend ber Fall war. Tie beiden Beuesiziauten, bie es verstanden haben, sich im Laitte des Winters die Sympathien des Publikums in vollem Maße au erwerben, fanden auch in ihren gestrigen Rollen wieder den tebt)afteftcn Beifall. Herr Goll gab den Adolf Dubois, den ersten Ehemann Leontinens, m seiner liebenswürdigen, einnehmenden Art und Herr Lippert als fein glücklicher Nachfolger, Baron de la Iambiöre, wirkte sehr komisch. Eme vorzügliche Unter* Mtzuug hatten die beiden Herren in Frau B a y r h a m m e r, bie° sowohl durch ihr Spiel als auch durch ihre schöne, i()ite Erscheinung unb echt pariserische Toiletten die Zu- fchauer zu fesseln wußte. Auch die kleineren Rollen waren alle gut befetzt. Herr Goll unb Herr Lippert wurden durch Kranzspenden ausgezeichnet. Wir sprechen gewiß im Sinne des Publikums, wenn wir unserer Freude darüber Ausdruck geben, daß wir beide Künstler in der nächsten Spielzeit: wieder bei uns begrüßen dürfen unb ihnen ein herzlich<es „Auf Wiedersehen" zuru,en.
•• Kun st verein. Die gegenwärtige Ausstellung der Kollektionen H. Baluschck. M. Brandenburg-Berlin, und O. Günther-Charlottenburg u. a. hatte sich schon in der ersten Woche, wie nicht anders zu erwarten, täglich eines regen Besuches, auch von auswärts, zu erfreuen, wag gewiß als Beweis gelten darf, daß diese Ausstellung eine große Anziehungskraft auf unsere Kunstfreunde ausübt. Eine nähere Besprechung dieser Ausstellung wird in Kurze erfolgen. Nur sei heute noch niitgeleilt, daß die Arbeiten unseres einheimischen Künstlers W. Bart hl nur noch morgen ausgestellt bleiben, die oben erwähnten Kollektionen dagegen bis jum 22. d. Nits.
•* Ein aufregender Vorfall spielte sich gestern abend gegen halb 6 Uhr in der Nahe des Eisenbahnüberganges am Alten Feld-Weg ab. Ein zwei- bis dreijähriges Kind lief unbewacht auf dem Geleise, als plötzlich eine kurze Strecke oberhalb eine Maschine mit großer Geschwindigkeit heranbrauste. Etwa 40—50 Schritte unterhalb waren Streckenarbeiter beschäftigt, von denen Herr Heinr. P l och aus Gießen die Geistesgegenwart besaß, sich der Maschine entgegenzustürzen und nur wenige Schritte vor derselben das Kind durch einen sicheren Griff und glücklichen Sprung zur Seite dem sicheren Tode zu entreißen. Jedenfalls verdient diese mutige Tat lobende Anerkennung.
(.) Rod heim a. d. Bieber, 6. April. Parteisekretär Rüffer aus .Hagen enttoickelte heute abend im Saale des Gastwirts K. Schlierbach hier das Programm der christlich-sozialen Partei. Letztere betreibt zurzeit im hiesigen Kreise eine sehr rührige Agitation.
Ober-Mockstadt, 5. April. Am Dienstag befuhr ein Vertreter der „Neuen Deutschen Automobilgesellschaft" im Automobil die Strecke Friedberg — Ranstadt. Es galt, die Steignngsoerhältnisse der Straßen zu bestimmen, denn der Firma ist die Lieferung der beiden Kraftwagen übertragen. Wic der „B. Anz." hört, sind die Straßen- verhältnifse günstig, bis auf eine kleine Strecke (bei Ossenheim). Doch werden die Wagen so gebaut, daß sie auch diese Steigung überwinden können und ist daher begründete Alis- sicht vorhanden, daß bis längstens 15. August auf der Strecke Friedberg—Ranstadt die erste deutsche Automobilpoft verkehren wird. ,,
sd Darmstadt, 6.April. Ein frecherRaubmord- versuch setzte heute, wie bereits telegraphisch gemeldet wurde, die Bevölkernng des Stadtteils Bessungen in Aufregung. Tort betreibt der Metzger Leonhard Schröder zwei Geschäfte, eine Schweincmetzgerel im Hause Beffungerstraße 92 und eine Ochsenmetzgerei in der Heidelbergerstraße. Vormittags versieht in der Regel die Ehefrau Schröder allein daS Geschäft in der Beffungerstraße. So geschah es auch heute wieder. Kurz vor 11 Uhr betrat der 28 Jahre alte Ntetzgergeselle Valentin Rühl aus Jugenheim den Laden und schloß die Ladentüre hinter sich ab. Als die nichts ahnende Frau Schröder aus der Ladenslubc kam, stürzte er sich auf sie und versetzte ihr mit einem Dolchmesser einen Stich hinter oas linke Ohr, einen weiteren Stich in die linke Halsseite und einen tiefen Stich in das linke Schulterblatt, der die Lunge verletzt haben dürste. Die Frau schrie um Hilfe und wehrte einen weiteren Stich des Ruhl mit dec rechten Hand ab, wobei ihr der Tuumen durchstochen und schwer verletzt wurde. Durch die Hilferufe der Frau wurden biej


