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7.4.1906 Erstes Blatt
 
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HS

Die heutige Aummer umfafot 24 Leiten

mal ein

ausbewahrt.

Tas Palmsonntagswort:Sei getrost" gilt aber auch denen, die vom Mutterboden losgelost, der Bcu.erh<md -längst entwachsen heimfern Heimweh empfinden nach den lieben alten Eltern. Dos Bewußtsein, sie noch zu besitzen, ist das einzige Glück, das ihnen gewahrt blieb. Sei getrost! Die alten Eltern lieben dich wie ernst, da du zu ihren Füßen deine kleine Postkutsche fuhrst und aus demem Baukasten Tempel bautest und in deinem kleinen Kaufladen Grütze und Zucker verkauftest, da du stolz deine ersten Stiefel mit ins Bettchen nahmst und im engen elterlichen Heim deine Welt sahst. Deine alten Eltern sehnen sich nach dir, wie du dich nach ihnen sehnst, und sie eilten ebenso gern zu dir, wie du zu ihnen, wenn nicht ein widriges Geschick hindernd dem :m Wege sitünde. Und schäme dich deines nagenden Heimwehs nicht.' Wer kein .Heimweh hat, dessen Seele ist arm, dessen Herz ist kalt ifnb kraftlos.

Wessen Heimweh aber kein Ziel mehr hat, wem die Welt zur Fremde geworden ist, wer des Treibens müde ward und nach weltfernem Frieden lechzt, auch dessen Heimweh wird still werden, wenn er sich die Palmsonntagsglvden tief ins Herz hinein klingen lässt ; auch ihm gilt das linde, milde, warme Wort: Sei getrost!

Die Marottofrage vor dem englischen Oberhaus.

London, 6. Äpi-.l. Der UmerstauiSieactar das Auswärti­gen Amts, Lord Fitzmanricc, erklärte in Beantwortung einer Anfrage bezüglich der Konferenz in Algeciras: Ich muß meine Worte sehr sorgfältig abwägen, weil der formelle Abschluß der Konferenz noch nidM stattgefunden hat. Nichtsdesto­weniger bestehl kein Grund, weshalb ich irgend einen Zrocifel aus bie günstigen Vvraussegungen der Presse werfen sollte, nach denen die Unterzeichnung des endgiltigen Protokolls, wenn nicht morgen, so doch in kürzester Zell stattfinden soll. Wenn die Schriftstücke über die s2lngelcgeiil)eit vorgelegt werden, wird ba5 Haus übereinslimmelch der Meinung fern, daß bet Ausspruch, der häufig gebraucht worden ist, daß es nämlich bei dieser Kvn- serenz weder Sieger noch Besiegte gegeben bat, die Lage richtig kennzeichnet. Das Haus wird finden, so fährt der llnterstaulsiekretär wrt, daß das Protokoll der Konferenz bartun wird, daß die Konferenz eine weitere Garantie für die AnfreäK- erhaltung eines harmonisäien Vorgehens zweckten den Mächten und einen wertvollen Schritt in dem lang andauernden Prozeß gebildet hat, die südliü-en Gestade des Mittelmeers der Zivili­sation und Ordnung zurüclzugeben. Was das B o r g e h e n Eng­lands angehl, jo wünschte die Negierung die Kontinuität der Politik aulrechtzuerhalten, indem sie streng an dem Buchstaben unb dem Geiste des engllsch-franzüsischen Abkom­mens fest hielt. Ich glaube, daß das Zusammenwirken in Algeciras die guten Beziehungen zwischen Frankreich unb Eng­land noch weiter gestärlt Ijabut wird. Fürst Bülow hat einmal im Reichstage gesagt, daß Europa ein Haus sei, in dem jeder von uns, je nach Zeit und Stelle, mehr oder weniger bequem ivohne, daß wir jedoch ''alle das gemeinsame Interesse hätten, unseren Haushalt zu festigen unb das Gebäude, bas uns allen einen Schutz bietet, zu störten. Indem ich den Namen des Fürsten Bülow erwähne, so fährt der Unterstaatssekretär fort, kann ich nicht Untertanen, die tiefe Sympathie anszusprecken, die wir alle mit diesem glanzenden Staats manne unb der deutschen Ration bei der plötzlichen Krankheit, die ihn befallen hat, elnpsinden. Eines der bemerkenswertesten Ereig­nisse in den Analen des Oberhauses, so führt Fitzntaurice iort, war die plötzliche Erkrankung des Lords Chatham am Schluß seiner großen Rede über die Kolvnialpolitik, als er inmitten seiner zwllegen ohnmäckstig hinsank. Tas Herz der deutschen Ration wandte sich damals in seiner GtjiiLpatbie England unb dem großen Minister 8», der so eng mit der Politik Friedrichs! des Großen verbunden war. Rach einem Zeitraum von 128 Fahren wird sich unter so merkwürdig ähnlichen Umftilnben das Herz der englischen Ration dem deutselxn Kanzler unb dem deutschen Bolle zuwenden. ( Der UnterstaatSsekretär erinnert sodann daran, daß aus der Konferenz von Algeciras die glänzende Gestalt des Marclj-ese Visconti Benosta zugegen gewesen sei, und zollt den Diensten des englischen Vertreters Ricolson warme Anerkennung, dem (Snglanb und Europa großen Dank schuldig seien. Ricolson stehe im Begriffe, Spanien ju ver­lassen, um einen höheren Pollen anzutreten. An den Usern der Rema werde er den in Algeciras verdienten Lorbeer finben.3 Das Haus vertagte sich schliestlicy bis zum .30. April.

irrten sich die Besten; manchmal ist der Weg, der Irrweg jd)icn, zum Heimwege geworden; manchmal ist das, was uns genommen zu sein schien, nur aufgehoben.

Wahlvorbereitungen.

Die Parteien fangen diesmal beizeiten an mit den Vor - bereituiigen zu den Reichstags Neuwahlen. Inder linksstehenden Presse wird zum rammeln aller liberalen Elemente geblasen. Soll ein W a hl ka r t e l l d e r L i b e r a l e u zustande- kommen, dann kann in der Tat nicht früh genug damtt be­gonnen werden, zlveclentsprecl)ende Vereinbarungen einzuleiten, denn die bedeutenden Scl/wierigreiten lchsen sich nur in müh­samer Verständigungsarbeit überwinden. Tie louservativen Blätter spotten überbeängstigende Fortschritte" der liberalen Einig­ung. DieKreuzztg." wirst die Frage auf, wer die Führung des neuert Wahlkartells übernehmen solle, uns schreibt:Da stock' ich schon, wer hist mir weiter fort?" Es dürfte sich erübrigen, diese Frage zu stellen, denn biS zu einer Levschnelzung der Libe­ralen Hal es noch gute Wege. Für jetzt kann es sich nur darum handeln, daß die bestehenden liberalen Parteien sich unter sich ins Einvernehmen setzen wegen der K'andidatenfrage m den Be­zirken, die dem Liberalismus Aussichten auf Erfolg bieten. Warum solche Einigung unmöglich sein tollte, ist ntdja ein-usehen. Dir die liberalen Parteien trennende Kluft ist nicht viel breiter, als die zwischen den Parteien der Rechten liegende. Daß die national- soziale Gruppe der Freis. Vereinigung an,der Neigung zu einem Kompromiß mit den Sozialdemokraten fefthölt, dürste am Ende fein unüberwindliches Hindernis für ein liberales Wahlkarteil sein; sind doch auch die Nationalliberalen in Baden bei den Wahlen mit der äußersten Linken zusammenmarschiert.

Richt die Liberalen allein richten ihr Augenmerk auf die Neuwahlen zum Reichstag. Der konservative Zentral- Verein des größten Landkreises um Berlin fordert die Ein­berufung eines Parteitages zwecks Prüfung des Partei­programms unb Aussprache über Organisation unb Provaganda, weil die Grundsätze und Ziele der Partei in ihrem wahren Ge­halt nicht uteljr genügend bekannt seien. DieKreuzztg." will diesen Hinweis nicht gelten lasten und meint, wenn bas kon­servative Programm in Vergessenheit geraten sei, so treffe bic Organisationen her Borwurf, daß nicht genügender Einfluß auf die Provinzialpreste ausgeübt werde. Im übrigen bezweifelt das Matt, daß man auch mit .dem wunde rsck)Snskcn Programm dem polnischen Gegner Terracn abgewinnen tonne. Das Volk ist in der Tat Politisch reif genug, um sich selbst ein Urteil zu bilden über diePlattform" der Parteien. Bon entscheidender Bedeutung ist die Organisi-tion und Propaganda. Sie zu einem für den Kriegsfall der Rahlen zuverlässigen und wirkungsvollen Instrument zu machen, kostet aber Geld, und die Fürsorge der Parteien muß deshalb auf die Beschauung desKriegsschatzes" gerichtet sein. Die Konservativen haben hier insofern vor den Liberalen etwas voraus, als der die ersteren unterstützende Bund der Landwirte die Aufbringung der Wahlkosten be­reits in die Wege geleitet hat. In der letzten Gnieralveisamm- lung der Landbündler wurde auf Grund einstimmigen Beschlusses der Mirgliederbeitrag bauernb um die Hülste erhöht, der Mindest­beitrag von 2 aus 3 Mark heraufgcsetzt. DieLost. Zta." rechnet aus, daß der Vorstand des Bundes bis zu den nächsten RcichStagS- lvahlen eine Einnahme von mehr als 21/2 Millionen erwarten darf. 2>amit waren sogar die Einnahmen der sozialdemokrati­schen Parteikasse übertroffen. Es wird der größten Opferwillig- kcit seitens d.r Liberalen bedürfen, um cn.anziellcr Lciftungs- föhigkeit nicht hinter den politischen Gegnern zurückzubleiben.

Deutsches Reich.

Berlin, 6. Aprcl. Der Bundesrat fiat in seiner gestrigen Sitzung die Diäten Vorlage nocy nicht ver - a b s d) i e d e t. Er wird sie aber voraussid)tlich in der ersten Plenarsitzung nach den Osterfeiertagen erledigen, sodaß der Reichstag bei seinem Wiederzusammentritt am 24. April sie bereits vorfinden dürfte.

Bremerhaven, 6. April. Die Schlußbesich­tigung des deutschen SchulschiffesGr 0 ßherz 0 g in Elisabeth" hat heute in Anwesenheit des Großherzogs von Oldenburg, der Bürgermeisters Backhausen-Bremen, des kommandierenden Generals des 9. Armeekorps v. Bock und Pollach, sowie von Vertretern des Hamburger und Lübecker Senats und der preußischen Regierungsbehörde stattge­sunden. Der Großyerzvg sprach seine volle Zufriedenheit aus. An die Besichtigung schloß sich ein Festmahl an Bord des SchnelldampfersKaiser Wilhelm II." an.

Hagen, 6. Apr. Bei der Landtagsersatzwahl für den Wahlkreis Hagen-Schwelm, wurden von 653 abgegebenen Stimmen sür den Kandidaten der Freis. Volkspartei, Ge- nossenschastsanwalt Tr. Hans C r ü g e r - Eharlottenburg 460 Stimmen und für den nationalliberalen Kandidaten Prof. M 01 d e n h a u e r - Köln 193 Stimmen abgegeben. Ersterer ist somit gewählt.

L e i p z t g, 6. April. Reichsanwalt Dr. M e n g e s wurde zum SenatSpecisidenten beim Reichsgericht ernannt.

Das Unglück von Courrivrcs und die französischen Ausstande.

Lens, 6. April. Heute wurde eine Anzahl Leichen aus verschiedenen Gdkidüen heraufoefördert. Dieselben sind derart in Verwesung übergegangen, daß den Angehörigen nur gestattet wurde, einige Minuten bei den Lüchen zu verweilen. In Sa­la u m i n e S dauert die Aufregung unter der Bevölkerung fort Die Truppen werden verhöhnt und müssen eine große Ge­duld an den Tag legen, um ernstere Zwischenfälle zu vermeiden. Ein zweites Pferd ist in der Grube vier lebendig aufgefunden loorbcu. Diese Tatsache hat die Gemüter der schon erregten Bevölkerung in noch größere Aufregung versetzt. Besonders die c rauen gebenden sich wie wahnsinnig und meinen, wenn noch lebende Pferde unten seien, müßten sich auch noch lebende Menschen in den Gruben befinden. Die Rettungsmannschaften sind von den Anstrengungen ganz erschöpft. Während dcS gestri­gen Tages haben sie in den Gruben Über hundert Kiwmeter Ent­fernung Gänge abgesucht und mußten nach dem Wiederaufstieg sich einige Zett der Ruhe widmen. Gestern abend kam es in Billy Monligny wiederum zu hestigen Krawallen, da drei geborgene Opfer fortgebracht werden solttcn, ohne die AgnoS- zierm'.g durch die Verwandten abzuwarten. Der Staatsanwalt wirb gegen die Ingenieure bas Strafverfahren wegen fahrlässiger Tötung eröffnen.

Die Zahl der im Kohlenrevier beS Pas de Calais streiken­den Bergleute beziffert sich auf 47000. Der Ausstand ist in allen Gruben v0llstandig durchgesührt, ausgenommen in den Gruben von Brnay, wo die Arbeit fortgesetzt wird. Die Nacht ist ruhig verlaufen.

2er h;nte morgen unter Vorsitz Basltzs zusammengettetene K 0 n g r e ß der Delegierten der B e r g ar b e i t e r in den Kohlen- bcccen Anzin, Nord und Pas-de-E^ilaiS beschloß, an den For­derungen der Bergarbeiter s e st z u halt e n.

Z'almjonnlag.

ES gibt wohl kaum einen Sonntag im Kirchenjahre, der so weil)evoll, so stimniungsties, so von innigem Liede umklungen und von sinnigem Brauche umrankt ist, wie der Sonntag an der Schwelle der stillen Woche, der Sonn­tag der grünen Zionspalmen, der Sonntag, den die l-ess. Landeskirche tiefen Sinnes voU zum Bußtage bestimmt hat, zum Tage des Gewahrens der sittlichen Nöte unserer Zeit.

Wir geleiten Jesus von Nazareth auf seinem letzten Einzuge m Zion; wir sehen die grüßenden Palmen, die bald zum Dornenlranze sich nxmbeln sollen; wir hören das jauchzende, vielstimmige Hosiannah, das binnen wenigen Tagen in das wüstekreuzige" ausklingen wird; wir fühlen das krampfende Weh des Herzen künd igers nach, der schon in den Palmblättchen die Stacheln der Dornkrone voraus empfindet und aus den Grüßen die Tagesförderung heraus hört. Es webt ein eigenes, zur Buße mahnendes Weh uni die Geschichte des ersten Palmsonntags. Sie sührl und auf die höchsten Höhen der Heilsentwicklung und in die tiefsten Geheimnisse des Hei.lspl.anes hinein. Zion Gethsemaneh Golgatha, welche erschütternde Entwick­lung ! Von den lichten Höhen des Triumphes durch düstere Seelenkämpse zur grausen Todesstunde! Mußte es so sein? Mußte dem sonnigen Zionssonntage der wollenverhaugeue Karfreitag von Golgatha folgen? Warum mußte der Palmen- umgrüßte, Jubelumbrauste die sd>merzende Kroue der Dornen tragen ? Warum mußte der, bem sie die Kleider aus den Weg breiteten, am Holze des Fluches hangen? So alt diese Fragen sind, sie werden immer wieder laut, wenn über das lenzharrende, lebens sehn süchtige Land hin die Palms onntagsg locken klingen. Und es tut unserm in 5^aft und Unrast sich selbst aufreibenden und schier vcTnid> tenben, im lärmenden Kampfe um die Sondcrinteressen, der Berufe wütenden und genußvollem Trubel sich be­täubendem Gesd-iechte gut und not, daß es sich am Buß­tage in die heilige Stille sold-er Ewigkeitsgedanken zw- rückzieht und versenkt. Das Alltagsgetrieve mit allen seinen vielen allzu aufdringlichen Nichtigkeiten, in der großen internationalen Politik, wie in den Angelegenheiten der Staaten und Städte, die daraus erwachsenden zermürbenden Kämpfe madjen die Augen der Seele blöd und blind, die Herzen stumpf und siech, den Menschen zur Ziffer, zum Maschinenrade. Wir besinnen uns auf uns selber, wenn wir uns wieder in die Geheimnisse des Erlüsungsgeoankens Vertiefen. Und es ist uns, unserer Zeit und unserer Zu- tunjt recht dienlich, daß wir soeben erst an einem ganz besonderen Weltexempel, bei(en Schlußakte sich nach banaern Kriegsgeheul in einem obskuren Küstenstädtcheu der spa-- uischen Halbinsel Jdjieblid) friedlich ab spielten, recht klar ge­sehen haben, wie nein und nichtig die ausgebauschten und auf­geblasenen sogen,großen" politischen Zeitfragen und Zeit­sorgen sind. Was damals jedoch am ersten Palmsonntag vorbereitet und am Karfreitag erfüllt ward, ist unvergeß- lid) wirksam trotz seines Geschehens vor nahezu zwei Jahr­tausenden.

Auf eine höhere Worte führt uns die stille Woche hock) hinauf über die Kleinkriege einer kleinen Zeit. Unser Maßstab wird anders; unsere Llugen werden schärfer, wir sehen durch die ausgeputzte Schale in den Kern hinein; unsere Ohren werden geöffnet, wir hören unfern eigenen Herzschlag und den l^erzschlag der Zeit. Und mandjed ftolAe unb dock) der Stille bedürftige, unruhige und doch müde Herz sehnt sich, bewußt 00er unbewußt, nach Er­lösung, die die Last ihm nimmt und Rast ihm bringt, die den Bußfertigen entsühnt und zum Frieden führt, die Gott, das Q)utc, allein im Herzen lebendig und wirksain macht.

Hosiannah! Sei gegrüßt! So klingt es in wenigen Wochen taufcnbftimmig von den Lippen der Knaben und Mägdlein, die am Altäre, umwebt von den innerlichst empfundenen, heiß zitternden Segenswünschen und Hoffnungen, den reinsten und höchsten Gedanken treu sorgender Väter und bangender Mütter, das Gelübde der Gottestreue, der un­wandelbaren Treue zum Guten ablegen. Wie selten wird der rechte Ernst ganz enrpfuuden; wie oft ist die Weihe verHungen unb verblichen, ehe die Feierstunde vorüber ist! Fi.r wie viele ist die weihevoll poesiereick)e Symbolik der Christenlehre nur leere Form und nichtiger Sd)ein, un­verstandener, im geheimen verspotteter Brauch! Wie viele stehen stumm und stumps in bemitleidensiverter Mchtern- l)cit und Phantasielosigkeit beim Einzuge des Zionssürsten, wie viele haben sck)on in ihrem Herzen und in ihrem Tun die Palmen zur Dornenkrone gewandelt! Wie wenige fassen und halten die Mahnung in ihrer ganzen Tiefe, die ihnen aus treuer Eltern, Lchrer und Seelsorger Munde entgegen yingt:

Sei getreu bis in den Tod! e-et getreu dir selbst, laß dich nicht 3um Zerröilde, zur Schablone machen,, wehre dich gegen die Verflachung und wahre dich vor der Leräffnng, sorge, daß deines Gewissens Stimme nicl>t übertäubt und überdröhnt wird von dem Lärmen des Marktes und^von dem betörenden Schmeiäielklange süßlockender Verführung! Sei getreu dem deut­schen Wesen, laß das reine Geschmeide deutscher Keuschheit nicht beschmutzen, laß dir reicht von gierigen Fingern lügender Lust deine Krane rauben, halte fest an der Wahrheit, die allein die Seele lebendig und das 5)erz stark erljält, an der Reinheit, ohne die alle Jugend greisenhaft, alle Blüte welk, alle Kraft brüchig wird! Behalte Heb deine Heimat, die dir den Wurzel- bodeii gegeben hat, die deines Wesens Mark und Präge ist, und von der du, bleibst du dir selber treu, dich nicht lösest; tust du es doch, so gibst du dich selbst auf. Dann aber verlierst du leicht, wenn auch nicht immer, wie du daS jedoch an manchem be­gabten Landsmann?, der seiner Heimat untren wurde, beob­achten kannst, dein Bestes, deine Eigenart und stärkste SchassenS- traft Sei getreu deinen Eltern, die dich auf bebenden Herzen getragen haben, die dich mit tiefem Weh und wunder Seele hin­

ausziehen lassen müssen ins Leben, deren innige Fürbitten und heiße Wünsche dich auf deinen Pfaden wie eine lichte Wolke geleiten! Sei getreu deinem Gotte, dem Guten in dir, das allein deinem jungen Leben Richtung und Ziel gibt, daS deine schwache Jugend hütet, das dich trägt und führt und schirmt."

Sei getreu! Mit zitternden Lippen, mit tränen­erstickter Stimme kverden diese Leit- und Liebes-, diese Mahn- und Warnworte gesprod)en. Der Palmsonntag ist als der erste Tug nad) beendeter Schulzeit, als der erste Tag der ersten unsicheren selbständigen Sd)ritte ins feind- lidje Leben, sür viele ein wehmutsreicher Erinnerungstag, ein Tag tiefen Trennungswehes und heißen Heimwehs für viele arme, einfame, dem Vatcrhause ferne Mensd)enkindcr. Wie manche Mutter sucht heute den fernen, den saft fremd gewordenen Sohn sehnend und weinend mit der Seele! Auch für sie bat der Palmsonntag ein lindes, tröstendes, aufrichtendes Wort: Sei getrost! Wie die Sonne mit deinem Kinde geht, so geht auch leuck)tend mit ihm das Gute, das du in seine Seele legtest. Steine Ferne ist so weit, keine Irre so tief, daß nickft der guten Eltern und guten Kinder herz­liche Gedanken einander begegneten. Sie vermögen einander im dunkelsten Winkel zu finden. Irrende aus dem Elenb zu retten und wieder heim zu fuhren zum Guten. Wie manches Kind, das in der Ferne sich verlor und an des Abgrunds Rande taumelte, hat inbrünstiges Gedenken und Erinnern der Eltern zum Guten zuruckgefuhrt. Und mand)-

Nr. 83 Erstes Blatt ISO.Jahrgang Samstag 7.Aprill90«

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