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7.9.1906 Erstes Blatt
 
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Karlsruhe, 6. Sept. Ms Vertreter des Königs von England bei den Jubiläum sfeierlichkeiten trifft Ler HerzogvonConnaught am Montag den 17. d. M'. vormittags hier ein. Ter Herzog wird, wie dieSüdd. Reichskorresp." erfährt, im Auftrage seines königlichen Bruders dem König den Hosenbandorden überreichen; die feierliche JUvestitur wird noch am Abend des 17. September !tw Großhcrzoglichen Schlosse vollzogen werden.

München, 6. Sept. Der Kronprinz traf heute früh von Tegernsee kommend hier ein in Begleitung seines persönlichen Adjutanten und reiste um 7 Uhr 15 Min. mit dem Schnellzug nach Schlesien zu den Kaisermanövern.

Nürnberg, 6. Sevt. Geheimrat v. Spielhagen aus dem Reichsamt des Innern teilte auf dem 7. deutschen Handels- und Gewerbekammertage mit, daß dem Reichs­tage bald eine Vorlage zugehen werde, die einen Be­fähigungsnachweis nicht allein für das Baugewerbe, sondern auch für einige andere Gewerbe fordern werde.

Ausland.

Kopenhagen, 6. Sept. Die russische KaiserjachtPolar­stern" mit der Kaiscrin-Wittwe an Bord, sowie die englische KönigsjachtVictoria and Albert" mit der K ö n i g i n v o n E n g - land an Bord sind heute nachmittag hier eingetroffen. Nach­dem die beiden Schiffe festgemacht hatten, begaben sich das dänische Königspaar, Prinz Karl von Schweden und Prinz Waldemar mit ihren Gemahlinnen und anderen Mitgliedern der Königsfamilie sowie dem Gefolge, während die Forts Salut feuerten, an Bord desPolarstern" zur Begrüßung der Kaiseriw-Witwe. Nach einiger Zeit verließ das Königspaar mit Begleitung denPolar­stern" und begab sich an Bord derVictoria and Albert", um hie Königin Victoria zu begrüßen.

Haag, 6. Sept. Ein Telegramm des Gouverneurs von Indien meldet, daß am 10 'September eine Expedi­tion aufbrechcn wird gegen einige Stämme auf der Insel Borneo. Die Regierung hat einen Gesetzentwurf eingebracht betr. die Zulassung von Handelsschiffen, die unter ausländischer Flagge fahren, für (Sabotage in den Häfen Shagen (Borneo) und Sabany (Atschin).

P a r i s, 6. Sept. Aus S a n S c b a st i a n wird demEclair" gemeldet, die demokratische Partei verlange, daß der Bo t s ch as­te r post en im Vatikan so lange unbesetzt bleiben solle, bis der Papst in der Frage der Zivilehe nachgegeben habe.

Madrid, 6. Sept. Nachdem die Regierung dem Vati-, k a n die Liste der für die Gesandtschaft am Heiligen Stuhl in Betracht kommenden Diplomaten vorgelegt hat, ohne daß hier­auf eine Antwort erfolgt wäre, ist in dieser Frage tatsächlich ein Aufschub eingetreten. Man spricht von der Zurückberufung des gegenwärtigen Nuntius Rinaldi. Es ist auch die Rede davon, das Konkordat zu kündigen, ohne die Ausarbeitung des Vercins- gesetzes abzuwarten.

Fiume, 7. Sept. Die Zusammen st öße zwischen Ita­lienern und Kroaten dauern fort. Die letzte Nacht war Su s a k, die bereits zu Kroatien gehörende Nachbargemünde Fiumes, der Schauplatz wüster Ausschreitungen. Ungarische und kroatische Firmenschilder wurden herabgerissen, eine italienische Lederfabrik angegriffen und kroatische Passanten überfallen. Diese setzten sich zur Wehr und verwundeten mehrere Personen durch Revolverschüsse schwer. Die Villa des Bürgermeisters von Fiume, Vio, wurde geradezu demoliert. Das einschreitende Militär, ein kroatisches Regiment, wurde von den Demonstranten mit Zirbel empfangen. Es wurde fcstgestellt, dak sich an den Fiumer Aus­schreitungen auch Soldaten aktiv beteiligt haben.

Konstantinopel, 6. Sept. Infolge eines Protestes seitens Persiens bersprach die Pforte, dem Vali von Van den Befehl geben zu wollen, den kürzlich besetzten Distrikt Margevar wieder zu räumen. Der Vorsi^ende der türkischen Grenz- wmmission meldet, daß er die persische Kommission zur ersten Zusammenkunft eingeladen habe.

, Havanna, 6. Sept. General Menocal, der sich sehr um das Zustandekommen des Friedens bemüht, äußerte, die öffent­liche Meinung werde die Aufständischen zwingen, die von dem Ausschuß alter Anführer angeootenen billigen Bedingungen an- Aunehmen. um weitere Kämpfe zu vermeiden. Indessen stellen die Führer der Liberalen noch immer weitergehende Forderungen, <rls die Gemäßigten zuzugestch-n geneigt sind. Inzwischen sind die Feindseligkeiten auf beiden Seiten eingestellt wor­den. Die Regierung gibt zwar nicht zu, daß sie das Vorgehen 'gegen die Aufständischen eingestellt habe, die Tatsache wird aber von anderer Seite bestätigt. Ter Ausschuß der alten Führer ist von einem Besuche, den er dem aufständischen Führer General Guzman in der Provinz Santa Clara abgestattet hat, hierher zurückgekehrt und berichtet, daß Guzman die Feindseligkeiten ganz eingestellt hat. Zweifellos werde seinem Beispiele auch Pino Guerra in der Provinz Pinar del Rio folgen.

. t Tanger 6. Sept. Die marokkanische Regierung hat bei einer englischen Gesellschaft in Gibraltar einen Dampfer an­gekauft und steht wegen Erwerb eines zweiten noch in Unterhand­lungen. Beide Schiffe sind bestimmt, die marokkanische Küste zu bewachen, um den Wasfenschmuggel zu verhindern. Auf dem Zollamt in Tanger ist gestern eine Negerin angestellt worden, die beauftragt ist, die des Schmuggels verdächtigen ^Frauen einer körperlichen Untersuchung zu unterziehen.

Rußland.

Der Kaiser genehmigte den Beschluß des Minister­rats über die Errichtung von Feldkriegsgerichten. Hiernach können die Generalgouverneure oder andere mit den Funktionen solcher betrauten Behörden in solchen Bezirken, die unter dem Kriegsrecht stehen, oder sich im Zustande des außerordentlichen Schutzes befinden, Angeklagte vor ein Feld­kriegsgericht verweisen, falls es sich um ein offenkundiges Verbrechen handelt und keine Untersuchung notwendig ist. Ein FeldkriegSgericht wird auf Antrag der Generalgouver- neurc oder der mit ihren Funktionen betrauten Behörden durch die Kommandanten der Garnisonen oder Oberbefehls­haber von Detachements und Hafenkommandanten eingesetzt und besteht aus dem Vorsitzenden und vier Ofsizieren des Landheeres oder der Flotte. Der Errichtungsbefehl ergeht durch den Generalgouverneur binnen 24 Stunden nach Ver­übung des Verbrechens. Das Feldkriegsgericht tritt sofort zu­sammen und entscheidet über die Angelegenheit in 18 Stunden bei verschloßenen Türen. Ter Spruch hat sofort Rechts­kraft und wird nicht später als binnen 24 Stunden auf den Befehl der obengenannten militärischen Behörde vollstreckt.

Die Polizei hat nunmehr daß Bem eis material eines auf den Großfürsten Nikolaus Nikolajewitsch ge­planten Mordanschlags in die Hände bekommen. Nach anderweiten Meldungen versendet die sogenannte Neben-Re- stierung in den letzten Tagen an eine Anzahl hochstehender Militär-Personen eine Aufforderung, sich über verschiedene Punkte ihres Verhaltens zu äußern, damit die KampfcS- Organisation über ihr Schicksal eine endgültige Entscheidung treffen könne.

Ein Befehl des Zaren verfügt wegen verschiedener Meutereien die Degradation des dritten, in Peterhof stationierten Garde -Regim ents. 24 Offiziere, darunter der Kommandeur, wurden kassiert. Die allgemeines Auf­sehen erregende Berufung Wittes nach Peterhof erfolgte wegen dringlicher Beschaffung einer Anleihe. Da8 auswärts verbreitete Dementi der Berufung Wittes nach

Peterhof ist Erfindung. Witte trifft am 20. September in Peterhof ein.

Od cssa , 6. Sept. Der PolizeiagentVolodrowSko wurde abends von streikenden Arbeitern in der Peresipstraße ermordet.

Riga, 6. Sept. Maskierte, mit Gewehren bewaffnete Revolutionäre drangen in die Buchhandlung Sychmann ein und raubten die Kasse. Ebenso überfielen Revolu­tionäre das Gemeindeamt von Karlsruhe, ermordeten die dort stationierten Polizisten und raubten die Gemeindekasse.

Warschau, 6. Sept. Die Meldung auswärtiger Blätter, daß meuternde Soldaten den Kommandanten des Festungsgefängnisses ermordet und Festungs­gefangene befreit hätten, wird dementiert.

Aus Stafct und Cattfc»

Gießen, 7. Sept. 1906.

'* Warnung. Gegenüber unbekannten Darlehnsver- mittlern ist schon wiederholt gewarnt worden und dennoch tauchen derartige Annoncen in neuerer Zeit wieder in großer Anzahl in den Zeitungen auf. Hier wurde kürzlich ein junger Mann, der sich an einen solchen Vermittler um ein Dar­lehen gewandt, um den Betrag von 16 Mk. betrogen, in­dem bei ihm zur Deckung der Unkosten vorab dieser Betrag unter Nachnahme erhoben, sodann aber die Verhandlung ab­gebrochen wurde. Gegen den Vermittler wurde Untersuchung wegen Betrugs eingeleitet.

"Verhaftet wurde gestern ein Arbeiter wegen Sachbeschädigung und fortgesetzter Ruhestörung und eine Frauensperson wegen Landstreicherei.

** Dünsberg- W et turnen. Am nächsten Sonntag findet das 6. Wettnrn en auf dem Dünsberg statt. Ge­turnt wird Freihochsprung, Freiweitsprung, Stemmen und Wettlauf. 45 Vereine mit 256 Wetturnern haben sich hierzu gemeldet, eine Zahl, die seit Bestehen des Dünsbergturnens noch nicht erreicht ist. Hoffen wir, daß das gute Wetter anhält und sich viele Freunde der edlen Turnsache auf dem höchsten Gipfel unserer Umgebung einfinden. Das Turnen beginnt um 10% Uhr; Abfahrt des Extrazuges 8.15 früh.

** Sedantag und Schulfeier. lieber dieses in den letzten Tagen imGieß. Anz." mehrfach besprochene Thema äußert sich in den heutigenGieß. Familienblättern" ein Lehrer, worauf umsomehr hingewiesen sei, als darin eine Schulfeier geschildert wird, die allseitig als der Bedeutung des nationalen Gedenktages würdig und entsprechend empfunden werden wird.

Dutenhofen, 5. Sept. Unsere Gemeinde schickt sich an, am Mittwoch, den 12. September die Einweihung ihrer vollständig um gebauten Kirche zu begehen. Wie 'vir hören, wird in Vertretung des erkrankten Generalsuper­intendenten Konsistorialrat und Militäroberpfarrer Bergmann aus Coblenz unter Assistenz des Präses der rheinischen Pro- vinzialspnode Pfarrer D. Hacken berg und des Superintendenten Schoeler in Wetzlar die Weihe vornehmen. Die Feier soll um %11 Uhr beginnen. Nach der kirchlichen Feier findet ein gemeinsames Mittagsmahl imJagdschlößchen" statt.

X Königsberg b. Bieber, 5. Sept. In dankens­werter Weise hat der Landesausschuß in seiner dies­jährigen Jahressitzung zu Wiesbaden unserer Gemeinde für Wegebauten den Betrag von 212 0 Mk. bewilligt. Es war dies die höchste (Summe, welche den vorgesehenen elf Kreisgemeinden des Hinterlandkreises gewährt wurde.

Wetzlar, 5. Sept. Fast ein Jahrzehnt wurde von der Bürgerschaft die Errichtung einer städtischen Badeanstalt elbst in Versammlungen lebhaft besprochen, bis denn unsere Stadtverordneten in ihrer Sitzupg vom 27. Juni v. I. das Projekt einer VolkSbadeanstalt endgültig beschlossen haben. Generaldirektor Kaiser von den Buderusschen Eisenwerken jat eine Unterstützung von 30 000 Mk. zugesagt. Der Kosten­anschlag und Plan des Kreisbaumeisters Witte stellt sich auf 60 000 Mk. Jedoch war der in kleinem Maßstab gehaltene Plan vorläufig so gedacht, daß die Badeanstalt ohne Schwirnrn- ;alle zur Ausführung komme und als Bauplatz der seinerzeit von der Hospitaloerwaltung zur Verfügung gestellte Teil der Ochsenwiesen" ausersehen ist. In erfreulicher Weise bricht ich aber immer mehr der Gedanke Bahn, die Anstalt gleich- i eitig mit Schwimmbassin auSzubauen, denn eine Bade­anstalt, welche keine Schwimmgelegenheit darbietet, bleibt immer nur eine halbe Sache.

X Rockenberg, 6. Sept. Eine rege Bautätig­keit wird gegenwärtig in unserem Orte und dem Landes- zuchthans Marienschloß entfaltet. Der neue Zellenflügel zu letzterem geht feiner Vollendung entgegen, der innere Ausbau ist in wenigen Monaten beendet und im Frühjahre 1907 wird der Flügel seiner Bestimmung übergeben. Der Neubau schließt nordwestlich an daS Zuchthaus an. Nachdem im Herbst 1904 fünf und im Frühjahre 1905 drei Wohn­gebäude für Gefangenenaufseher vollendet wurden, sind jetzt drei weitere in Angriff genommen worden. Die Wohngebäude umfassen je zwet Wohnungen, zeigen ein chmuckeS Aeußere und sind im Innern sehr geräumig ein­gerichtet. Die Gemeinde hat die Erbauung eines vier- lassigen Volksschulgebäudes beschlossen, daß Herbst 1907 vollendet sein wird, und die evangelische Gemeinde be­ginnt in diesen Tagen die Errichtung einer evangelischen Kirche, die ebenfalls im Herbst 1907 eingeweiht werden oll. Die evangel. Gemeinde zählt jetzt ca. 200 Seelen, während Rockenberg ursprünglich fast rein katholisch war. Die politische Gemeinde hat in entgegenkommender Weise das Baugelände kostenlos gestellt, dies und größere Sammlungen und Spenden ermöglichten den schon jahrelang beabsichtigten Bau. Auch eine hiesige Fabrik plant die Erbauung von Wohnungen für ihre Arbeiter und Beamten. Unser Ort hat in den letzten Jahren beträchtlichen Zuwachs erhalten und zählt jetzt ca. 1800 Einwohner.

X Friedberg, 6. Sept. Lehrer i. P. Mörschel ist dieser Tage hier unter großer Beteiligung der Lehrer der Wetterau beerdigt worden. Er hat 37 Jahre ununtcr» brachen in Büdesheim i. W. als Lehrer gewirkt. Außerdem war er Dirigent des dortigen Gesangvereins und Rechner der Sparkasse.

sd. Da rmstadt, 6. Sept. In der heutigen Sitzung der Darmstädter Stadtverordneten machte Oberbürger­meister Morueweg von einer weiteren Zuwendung des Herrn Siegmund Neustadt zur Moritz und Karoline

Neustadt-Stiftung in Hohe von 5000 Mk. Mitteilung. Damit erhöht sich das Kapital dieser Stiftung auf 45 000 iinarf. Das Darmstädter Pfandhaus macht keine guten Geschäfte. Im abgelaufenen Verwaltungsjahre betrugen die Einnahmen 184 538 Mk., die Ausgaben 189 155 Mk., so daß ein Zuschuß aus städtischen Mitteln in Höhe von 4616 Mk. erforderlich war. Umfangreiche Neu- pfla sterungen sollen in Darmstädter Straßen im nächsten Jahre vorgenommen und dafür im Ganzen 173 100 Mk.' aufgewendet werden. Die Steinliefercing soll jetzt schon aus­geschrieben werden. Die Stadtverordneten genehmigten die Entnahme deS Betrags aus Vermögensmittein.

fc. Frankfurt a. M., 6. Sept. Von informierter Seit wird bestätigt, daß die Milch Händler, große wie kleine, durch den Aufschlag keinerlei Verluste, im Gegen­teil, Gewinn zu verzeichnen haben. Wenn auch die eine oder andere größere Firma, wie H. Kleinböhl, Kunden (zum Beisp. in Bornheim) verloren hat, so gleicht der Gewinn aus dem Zweipfennigaufschlag, in den sich bekanntlich die Land- ivirte und die Händler zu gleichen Teilen teilen, den Verlust mehr als aus. Der Milchmangel ist zur Zeit bedeutend. Auf der hiesigen Geschäftsstelle der vereinigten Landwirte sind seit drei Wochen speziell von hiesigen kleineren Händlern 3000 Liter Milch pro Tag zum Bezug L 16 Pfg. pro Liter angemeldet, die Mitch konnte aber bis jetzt von den Land­wirten nicht geliefert werden; außerdem konnten drei Groß- firmen hier, die ein noch höheres Quantum Milch benötigen und ebenfalls 16 Pfg. pro Liter bezahlen, nicht befriedigt werden.

Frankfurt a. M., 6. Sept. An Stelle des ver­storbenen Stadtrates Meyer hat der Magistrats-Wahlausschuß der Stadtverordneten-Versammlung als unbesoldeten Stadtrat Herrn Karl von Grüne lins vorgeschlagen. Von den in den letzten beiden Tagen infolge der Krawalle in der Altstadt verhafteten Personen sind etwa ein Dutzend in Haft behalten worden, gegen die teils wegen groben Un­fugs, teils wegen Aufreizung und Aufruhr Anklage erhoben werden soll. Ein Eisenbahnbeamter, der heute Nacht gegen 4 Uhr über den Eisernen Steg ging, sah auf einem Schiff,' das am Zollhof vor Anker lag, einen gut gekleideten jungen Menschen auf dein Schiffsrand stehen und zwei Ne­ll olv er sch üsse auf sich abgeben. Der Körper des Un­bekannten stürzte in den Main und cS gelang bis jetzt nicht, die Leiche aufzufinden.

d. Frankfurt a. M., 6. Sept. Wie vorauSzusehen war, zog der Schauplatz des Tumultes, der am Dienstag abend in der Schnurgasse entstanden war, am folgenden Tage eine große Zahl von Neugierigen an, welche abends sich noch beträchtlich vermehrte. Die Polizei hatte umfang­reiche Vorkehrungen getroffen. Sämtliche verfügbaren Mann­schaften hielten sich von 7 Uhr an auf ihren Revieren bereit, die Kriminalbeamten auf dem Polizeipräsidium. ES mögen etwa 40 Kriminalbeamte und 150 Schutzleute aufgeboten gewesen sein. Auch die Kriegshunde wurden mitgebracht. Ein Teil der Beamten blieb als Reserve in den verschiedenen Polizeirevieren. Polizeiinspektor Hensel fuhr in einem Wagen von Straße zu Straße, um daß Vorgehen der Beamten zu leiten. Vor dem Waltuch'schen Laden, der schon um 7 Uhr abends geschlossen wurde, staute sich die Menge, unter der man viele zweideutige Elemente, besonders viele junge Burschen bemerken konnte. Im allgemeinen beschränkten sich ( die Ruhestörer auf Pfeifen und Johlen. Die Polizei ließ die Leute schreien, ohne ernstlich einzuschreiten. Die Beamten hatten augenscheinlich Ordre, ernstliche Zusammen­stöße mit dem Publikum zu vermeiden und handelten darnach. Größere Ausschreitungen kamen nicht vor. Nur an der Neuen Ströme wurde ein gerade allein stehender Schutzmann von der johlenden Menge arg bedrängt. Diese wurde dann durch andere Beamte mit der blanken. Waffe auseinander getrieben. Der 15jährige Schlosferlehrling Josef Kunst bekam bei dieser Gelegenheit über den Kopf einen Säbelhieb, der bis auf die Schädeldecke ging. Ein 18jähriger Ausläufer erhielt einen Stockhieb über die Hand. Die Beamten hatten die Weisung erhalten, nach den Haiiptkrakehlern zu fahnden. Es wurden im Ganzen etwa 17 Personen festgenommen. Der Zustand des Maurers Müller, der vorgestern einen Säbelstich in Unterleib und Rücken erhielt, hat sich nicht ge­bessert und wird als bedenklich bezeichnet. Der durch zwei Säbelhiebe am Kopf vorgestern verletzte Tagelöhner Roth konnte gestern aus dem Spital entlassen werden. Ein dritter Verletzter, dem der Arm durchstochen worden war, ist der Dr. Bockenheimerschen Klinik zugeführt worden.

X Limburg, 6. Sept. Zu der in der MontagS- nummer desG. A." mitgeteitten Einbruchsaffäre sei aufklärend mitgeteilt, daß es sich dabei nicht um einen wirk­lichen Einbruch, sondern um einen in angeheiterter «Stimmung ausgeführten harmlosen Dummenjungenstreich handelt.

** Kleine Mitteilungen ans Hessen und den Nachbarstaaten. In Schwanheim wurde die Leiche eines unbekannten, 40 bis 50 Jahre alten Mannes geländet. Ein bei ihm gehmbeneS Taschentuch ist R. W. gezeichnet. Sein Porte­monnaie enthielt nur einige Pfennige. Der unter dem Verdachte eines Sittlichkeitsvergehens verhaftete Landwirt Werte zu Welgesheim wurde wieder aus der Haft entlassen. 3n Mainz wurde auf der mittleren Bleiche ein 2'/, j ä h r. Kind durch einen Wagen der Wiesbadener Kronenbrauerei t o tg es a h r en. Den Kutscher soll keine Schuld treffen. Das Kind lief direkt in das Fuhrwerk. Jin Walde in der Nähe der Hanauer Pulver­fabrik wurde der verheiratete Goldarbeiter Eichmann, genannt Breinig, tot aufgefunden. Er hatte sich mit Lysol vergiftet. In einem hinterlassenen Briefe giebt er als Grund unheilbare Krank­heit an. Bei Metten heim ließ sich aus unglücklicher Liebe der 22 Jahre alte I. Schäfer von einem Eisenbahnzuge überfahren. Er war sofort tot.

Ein rtlter Deserteur.

R. B. Darmstadt, 6. Sept. Bor fast zwanzig Jahren desertiert war der frühere Gardist Johann Schäfer aus Sprendlingen bei Offenbach vom hiesigen 115. Jnf.-Regt., der heute wegen Fahnenstucht vor dem Kriegsgericht stand. Er war im Jahre 1887 Offiziersbursche und sollte seinem Herrn verschiedene Kleinigkeiten genommen und für sich verwendet haben, worauf ihm dieser mit Strafanzeige drohte. Schäfer will nun aus Furcht vor Strafe seinem Truppenteil entlaufen sein, es scheint aber, daß mehr die Lust nach Menteuern die Veranlassung zu der Fahnenflucht war. Er flüchtete zunächst nach Antwerpen und dann nach Frankreich, wo er sich von der Fr em d enle g io n anwerben ließ und nach den Kolonien verschickt wurde, vier hatte er das Mißgeschick, verwundet und infolgedessen wieder entlassen zu werden. Er wurde dann Heizer auf Auslandsschiffen und kam auf diese Weise nach Kanada, dann wieder nach Afrika, wo er bis zum Kongo vordrang, um bald daraus