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6.9.1906 Erstes Blatt
 
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Nr. 209

Erscheint täglich außer Sonntag«.

Dem Gießener Anzeiger werden im Wechsel mit dem Kesfischen Landwirt die Gietzencr Zamilien. blätter viermal in der Woche beigelegt.

Rotationsdruck u. Ver­lag der Drühl'schen Univers.-Buch-u.Stein- brurferei. R. Lange. Redaktion, Ervedrtion und Druaerei:

Schul st raße 7.

Redaktion 113

Verlag u.Exped.e^Aol Adresse für Depeschen:

Uuzeiger Gießen.

Erstes Blatt 15«. Jahrgang

Donnerstag «.September 1906

Eichener Anzeiger

General-Anzeiger **

Amts- Md Anzeigeblatt für den Kreis Gießen

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Bezugspreis» monatlich 7bPf., viertel^ jährlich Mk. 2.20; durch Abhole- u. Zweigstellen monatlich 65 Pf.; durch ,diePost Alk. 2.viert el- jährl. auSschl. Bestellq. Annahme von Anzeigen für die TageSnuminer bis vormittags 10 Uhr, Zeilenpreis: lokal 12Pf^ auswärts 20 Pfg.

Verantwortlich für den poliL und otlgcm« Teil: P. Wittko- füt .Stadt und ßaub" und ,(Serid)l6jaaM: Ernst Heß; für den An­zeigenteil: HauS Beck.

Sie heutige Yummer umfaßt 8 Seilen.

ordens gewährt wird. Der Abbruch der Beziehungen des Ministers zu der Firma Tippelskirch ist auf einen dienst- lichen Befehl des Kaisers an Herrn v. Podbielski erfolgt.

Die Situation.

Wie ein Blitz aus heiterem Himmel hat auch die Leute, die sonst das Gras wachsen hören, die Nachricht von dem plötzlichen Rücktritt des Erbprinzen von Hohenlohe-Langen­burg getroffen. Während man immer wieder glaubte, Herr v. Lucanus würde jeden Augenblick Se. Exzellenz den preuß. Landwirtschaftsminister holen, erfreut sich Herr v. Pod- bielski noch weiter der kaiserlichen Gnadensonne, trotz Tippelskirch u. Co., und der stellvertretende Kolonial- direktor, den man fest in 'Amt und Würden glaubte, muß daran glauben. Das sind Ueberraschungen, wie man sie selten erlebt, die größte aber ist, daß an die Stelle des. Prinzen von Geblüt ein Bankdirektor von Geblüt tritt, der 'Abkömmling einer Rasse, die man sonst nicht wert hält, Offiziersuniform zu tragen, die es in der Juristerei höchstens zum Landgerichtsrat bringen kann.

Bernhard Teryburg ist der Leiter der Kolonialabteil- ung und er wird, wenn anders der Reichstag die Genehmig^ ung zur Umwandlung erteilt, Staatssekretär des Reichsamts der Kolonien werden, wird den erblichen Adel erhalten und den Adlerorden in einigen Schattierungen. Damit hat man zu rechnen, und das ist das Merkwürdige an der augen­blicklichen Situation. Wer das vor vierzehn Tagen voraus­gesagt hätte, der wäre nicht schlecht ausgelacht worden! Man hätte vielleicht daran geglaubt, daß Herr Baltin irgend eine leitende Stellung im Reichshaushalt erhalten könnte, auch der Bruder des Herrn Maximilian Harden war noch denkbar, aber ein simpler Bankdirektor, der Sohn eines Schriftstellers und Redakteurs als Exzellenz, das geht auch den Kundigen über die Hutschnur.

Wir bedauern den Rücktritt des Erbprinzen von Hohen­lohe. Er hat Viel guten Willen gezeigt, und für die Skan­dale, mit denen wir überfüttert sind, kann er nicht verant­wortlich gemacht werden. Er gab sich offen und aufrichtig, man sah, daß ihm daran lag, sich einzuarbeiten, sich das Vertrauen des Parlaments zu erringen. Män durfte das Beste von ihm hoffen, Und man mußte es ihm Tank wissen, daß er nicht sofort quittierte, als die Reichstags- mehr^it ihm den Wunsch nicht tat und ihn zum Kolonial­staatssekretär machte. Schade darum, daß der .Erbprinz aus der Politik vorerst aussch^idet.

In dem Vorgang selbst charakterisiert sich die absolute Unsicherheit der leitenden Stellen in der augenblicklichen Lage. Die Skandale der jüngsten Wochen scheinen dem verantwortlichen Leiter unserer Reichspolitik über den Kopf gewachsen zu sein. Oder ist es wahr, daß eine gewisse militärische Klique Einfluß erlangt hat und gegen den Fürsten Bülow an der maßgebenden Stelle arbeitet. Un­möglich erschiene das nicht, aber ivir wollen es nicht glauben. Tie Ersetzung des Erbprinzen von Hohenlohe durch Herrn Bernhard Ternburg weist nicht auf militärische Ein­flüsse hin, im Gegenteil! Es hat den 'Anschein, als wollte man wieder einmal einen Versuch machen mit Konzessionen an die liberale Seite, und habe zu diesem Zweck das Baby" durch einen dieser Seite genehmeren Mann ersetzt. Ein Experiment also!

Kann sein, daß dieses Experiment glückt. Bernhard Dernburg muß viel Liebe zur hohen Politik und zum deutschen Reiche haben, daß er die Fleischtöpfe der Darmstädter Bank vertauscht mit dem mageren Einkommen eines Reichsbeamten. Er zeigt darin mehr Hochherzigkeit, als der einstige Ober­bürgermeister von Danzig, und das ist durchaus anerkennens­wert. Ob ec aber imstande ist, den Augiasstall in der Kolonialabteilung zu räumen, da§ ist, obwohl man ihm viel autokratisches Selbstbewußtsein nachrühmt, doch recht fraglich. Die Kolonien kennt er nicht und ist deshalb abhängig von seinen Geheimräten. Den inneren Dienst kennt er nicht und ist deshalb auch von den Geheimräten abhängig. Das wird ein schwerer Standpunkt sein, den der neue Mann da zu verteidigen hat, und es gehört viel Mut dazu, sowohl diesen Standpunkt 'einzunehmen, wie auch dazu, den Mann mit diesem Amt zu betrauen. Wir hoffen und wünschen, 6ajj das Experiment unserer Kolonialpolitik zum Heil ausschlägt. Daß die Berufung des Mannes von» einer fortschrittlichen Tendenz innerhalb der maßgebenden Instanzen zeugt, ist gleichfalls begrüßenswert.

Berlin, 5. Sept. Erbprinz zu Hohenlohe- Langenburg, der bisherige Leiter des Kolonialamts wurde gestern nachmittag 5 Uhr vom Kaiser im Neuen "Palais zu Potsdam empfangen in Anwesenheit des Staatssekretärs des Auswärtigen von Tschirschky. Der Kaiser unterhielt sich ein­gehend mit dem Erbprinzen. Abends fuhr der Kaiser in Begleitung des Prinzen und des Staatssekretärs nach der Pfaueninsel, wo ein gemeinschaftliches Abendessen eingenommen wurde. Erst am späten Abend verabschiedete der Kaiser den Erbprinzen in sehr gnädiger Weise.

DieTägl. Rundschau" schreibt: Staatsminister von Podbielski hat, tote wir erfahren, bei dem gestrigen Vortrage beim Kaiser auch Gelegenheit gefunden, seine Beziehungen zu der Firma Tippelskirch auf» zuklären und dem Kaiser zu melden, daß die Beteiligung seiner Frau an jener Firma aufgehört hat. Der Kaiser nahm die Mitteilung des Ministers mit großer Befrie­digung entgegen, sodaß das Abschiedsgesuch des Mi­nisters als nicht mehr existierend betrachtet werden kann. Nichtsdestoweniger ist als sicher anzuneh-men, daß der Minister nach der gleich nach den Manövern zu erwartenden Erledigung des Falles Fischer sein Ab­schiedsgesuch erneuern wird und daß ihm dann die erbetene Entlassung unter Verleihung des Schwarzen Mler-

LoNtische Tagesscharr.

Die türkisch-bulgarische Spannung.

Während es sonst auf dem Balkan schon zurzeit der Schneeschmelze lebendig zu werden beginnt, wurde es dies­mal Spätsommer, ehe sich das gewohnte Unwetter im Oriente zusammenzog, und wie es scheint, ist die Lage dafür um so ernster. Darauf deutet vor allem das Bild hin, welches Macedonien gegenwärtig bietet. Die Bandenkampfe haben fast ganz aufgehöct, aber die verschiedenen Wutausbrüche der bulgarischen Bevölkerung gegen die verhaßten Griechen zeigen, welche dämonischen Zerstörungskräfte hier auf den Moment lauern, wo sie losgelaffen werden. Zurzeit ist eS überhaupt ziemlich still geworden, allein durch das unheimliche Schweigen donnern die Eisenbahnzüge, die von Konstantinopel ununter­brochen Soldaten und Kriegsmaterial nach den westlichen Provinzen der Türkei schaffen. Gleichzeitig schiebt Bulgarien seine Truppen gegen die südliche Grenze vor, zwar ganz un- auffällig und möglichst geheim, aber die Reisenden, die aus jenen Gegenden kommen, die bei einem türkisch-bulgarischen Waffengange voraussichtlich das Kciegstheater bilden werden, wißen zu erzählen, daß dort alles von Säbeln und Bajonetten starrt. Uebrigens hat die Hohe Pforte durch das K. K. Telegraphen-Korrespondenz-Bureau selbst offiziell mitgcteilt, daß sie gezwungen ist, zur Aufrechterhaltung des Friedens militärische Sicherheitsvorkehrungen zu treffen. Aber auch Oesterreich-Ungarn, das infolge der gegenwärtigen Ohnmacht Rußlands gegebenen Falles gezwungen sein könnte, allein auf dem Balkan Ordnung machen zu müssen, konzentriert in seinen südlichen Provinzen ganz bedeutende Truppenmaßen. Von all diesen Vorbereitungen weiß man in Westeuropa herzlich wenig, weil besonders von der österreichischen Kriegs- verivaltnng ein dichter Schleier darüber gebreitet wird, allein was man darüber weiß, das genügt schon vollständig zur Erkenntnis der Gefahr, die dein europäischen Frieden wieder einmal durch den augenblicklichen Stand der orientalischen Frage droht.

Revolution" im Westen.

Es vergeht kaum ein Tag ohne beunruhigende Mel­dungen aus 'Amerika. Durch die neuesten wird die Aufmerk­samkeit auf Vorgänge in Mexiko gelenkt, die angeblich als revolutionäre Sturmzeichen zu betrachten sind, als Vor­boten einer mexikanischen Massenbewegung gegen die Ameri­kaner. So schlimm ist es wohl nicht, denn zwischen Mexiko und Kuba besteht denn doch ein erheblicher Unterschied. Richtig scheint lediglich zu fein, daß die kubanischen Revo­lutionäre Gesinnungsgenossen in dem gesamten spanischen Mittelamerika finden, weil die Rassengegensätze sich ver­schärfen infolge des Gerüchts, die Vereinigten Staaten beabsichtigten, von Kuba Besitz zu ergreifen und damit eine neue 'Annexionsära einzuleiten. Solche Besorgnisse sind hinsichtlich Mexikos natürlich unbegründet. Wenn es auch zu größeren Unruhen an der Grenze nach Mizona hin kommen sollte, so wird Mexiko dadurch weder politisch noch wirtschaftlich erschüttert. Die staatlichen Machtmittel der sich kräftig entwickelnden Republik sind ausreichend für Auf­rechterhaltung der Ordnung.

Handwerkertag in Nürnberg.

Der in Nürnberg eröffnete siebente deutsche Handioerker- und Gewerbekammertag wurde int Auftrage des Reichsamts des Innern durch den Geh. Regiernngsrat Spiethagen mit einer Ansprache begrüßt, in der er, von der Blütezeit des Handwerks im Mittel­alter ausgehend, u. a. bemerkte: Man kann zugeben, daß die wirl- schaitlichen und politischen Verhältnisse des Mittelalters der sozialen Stellung des Handwerks günstig war, ja vielfach nahm das Hand- werk sogar eine privilegierte Stellung ein. Das ist auch wahr, daß der enorme nationale Aufschwung, den das Vaterland ge- noininen hat, dem deutschen Handwerk nicht immer den gleichen Anteil gegeben hat, wie seinem Zwillingsbruder, der Industrie. Es ist unleugbar, daß mancherlei Uebelstände bestehen, und daß das Handwerk bedrängt wird infolge der modernen Entwicklung der Technik. Trotzdem möchte ich meinen, daß das heutige Hand­werk den Vergleich in keiner Weise zu scheuen braucht. Ein Beweis dafür sind in erster Reihe die Leistungen, wie sie die großeit Aus­stellungen gezeigt haben. Was die.materielle Lage des Ha.ldwerks anbetrifft, so ist immer die Rede von dem goldenen Boden des Handwerks int Mittelalter. Es ist den Geschichtsforschern aber gelungen, nachzmvetsen, daß nicht alles Gold war, ivas glänzte, rind daß der Boden nicht überall massiv war, sondern sehr oft bloß stark vergoldet. Mag nun auch heute mcht alles glänzend sein, so muß man doch ztigebeit, daß die Laae des Handwerks um vieles besser geworden ist. Ueberall da, wo Geschick und Geschmack eine Rolle spielen, hat das Handwerk heute noch eine Zukunft. Man kann wohl sagen, daß das Handwerk beit Höhepunkt noch keineswegs überschritten hat. Um es nun aber einer neuen, schönen Blütezeit entgegenzuführeu, bedarf es eiserner Arbeit und verständ­nisvollen Mitwirkens aller Korporationen, an bereit Spitze bie Gesetzgebung bie Hanbwerkskammern gestellt hat.

Zn bet Diskussion über den ersten Gegenstand der Tages- orbnung betr. Beschaffung von Maschinen und Werk­zeugen für s e l b sl ä n d i g e H a n d iv e r k e r erklärte Ober­meister Figge-Kolu:Unsere Parole muß nicht laufen:Fort mit den Maschinen", sondernHer nut den Maschinen!" Tie Haupt­sache aber ist, wenn wir bie Maschinen haben, baß wir bie nötige Arb°it angewiesen bekommen. Ich habe hier vor allem Staat imb ©emeinbe int Auge. Aber wie machen es diese? Wir haben in den letzten Tagen genug vom T i p p e l s k i r ch & C o. gehört. Diese haben zum Beispiel für die Heeresverwaltung 60 000 Sattel geliefert, die sie für 50 Mk. bas Stück angefdjafft und dem Reich für 90 Mk. in Rechnung gestellt haben. Damit sind durch ben Zwischenhandel 2 400 000 Mk. von einem Bekleidungsgegenstanb

bes Sattlerhanbwerks verdient worden. Ich glaube, baß der Staat bedeutend besser gefahren wäre, wenn er dem deutschen Sattler- verband den Auftrag gegeben hätte, bie Sättel fertig zu stellen. Wenii er bann etwa 10 Alk. für ben Sattel mehr gerechnet hätte, um ganz gute Ware zu erhalten, so hätte er immer noch 1800000 Alk. verbleiit und bie beutschen Sattler hätten auch ein schönes Stück Gelb nebenbei erhalten. Aber man Hal biesen Weg nicht beliebt Ich möchte bitten, daß wir alle hier den Ruf ertönen lassen: Fort ni i t ben Monopolen, bie bem beutschen Handwerk zum Schaden gereichen!" (Stürmischer, anhaltender Beifall.)

Zur Frage der Führung des TitelsBaiigewerksmeister" imb Saum eifter wurde folgende Resolution vorgelegt:Der 7. Deutsche Handwerks- und 6)eroerbetanunertag erachiel den Um­stand, daß die Führung der TitelBaumeister" undBaugeiverks- meifler" in den meisten deutschen Biiiidesstaaten jedermann frei- gestellt ist, als geeignet, den Wert des in einem Bauhaudwerk au* Grund des § 133 der Gewerbeordnung erworbenen Meistertitels zu deeiitträchligen. Er beschließt deshalb, dahm zu wirken, daß die Berechtigung zur Führuiig dieser Titel in sämtlichen deutschen Buiidesstaaten an ben Nachweis ber Befähigung zur felbftänbigen Ausführung der Arbeiten des Maurer-, Zimmerer- und Stein- metzenhaiibwerks, sowie der zum felbftänbigen Betriebe dieser Ge­werbe sonst notwendigen Keimlnisse, insbesondere auch in der Bnch< und Rechnungsführung, geknüpft wird." Die Resolution wurde mit großer Mehrheit angenommen.

Aus S<aöt uno Luuo.

Gießen, den 6. Sept.

'* Pfarrpersonalien. S. K. H. der Groß Herzog haben den von dem Grafen Wilhelm zu Solms-Laubach auf die eoang. Pfarrstelle zu Wohnbach präsentierten Pfarrer Johs. Moser zu Dietersdorf (Südharz) bestätigt.

" Bauersmann und S chriftste llec. Der Deutsche Dorfbund (Vorsitzender Heinrich Sohnrey) beabsichtigt, unter eigenen Opfern ein bisher fast unbekanntes schriftstellerisches Talent zu Ehren zu bringen, deßen Leserkreis fast nur im Hesicnlande vertreten ist. Es ist ein schlichter Landmann, der tagsüber Sense und Pflug in harter Arbeit führt und trotzdem noch Muße zu fruchtbarem schriftstellerischen Wirken findet. Der etwa 50jährige Mann i''t der Landwirt Heinrich Naumann in Nanz hausen bei Lohra, nahe bei Marburg.

"Feuerwehr. Zu der gestern unter dieser Spitz­marke gebrachten Notiz wird uns noch weiter mitgeteilt, daß die voraussichtlich im Laufe der nächsten Woche stattfindende Alarmierung nicht allein der Gießener Freiw., sondern auch der Freiw. Gailschen Feuerwehr gilt, sodaß also im Falle einer Alarmierung beide Wehren auszurücken haben.

* Altweibersommer. Gar häufig sieht man jetzt an den Tagen des Herbstes die weißen langen Fäden des Altweibersommers im hellen Sonnenschein durch die Lüfte flattern, und nicht selten hängen sie sich am Hute und an den Kleidern des Wanderers fest. Auf Wiesen und auf Feldern webt die Läuferspinne ihre dichten Netze, die, wenn sie trocken geworden sind, der Wind erfaßt und als Altweibersommer oder als fliegender Sommer, auch Herbst­fäden genannt, oft hoch durch die Luft weithin entführt. Erst seit verhältnismäßig kurzer Zeit ist man über die Herkunft dieser Sommerfäden unterrichtet, während man früher die unglaublichsten Vermutungen anstellte, um die merkwürdige Naturerscheinung zu erklären. So viel ist sicher, daß die Spinne selbst in jenen Geweben nicht selten weite Reisen zurücklegt; denn der Altweibersommer, der solche kleine Luft­schiffer barg, ist sogar mitten auf dem Meere beobachtet worden, wo die zarten Fäden in dem Takelwerk der Schiffe haften und hängen blieben. Wie man annimmt, müssen diese Spinnen, die stets einzeln gefunden werden, freilich un­absichtlich und gegen ihren Willen die für sie gefährlichen Fahrten antreten; viele Insekten dagegen unternehmen be­kanntlich, gleich den Zugvögeln, oft in mächtigen Forma­tionen große Wanderungen, wie es bei einer Reihe von Käfer-, Schmetterlings- und Libellenarten, bei Heuschrecken und Termiten der Fall ist. Der Volksaberglaube beschäftigt sich noch heute viel mit dem fliegenden Sommer, bald als unheilverkündend, bald als glüdbringenö für denjenigen deu­tend, die er berührt, obwohl in Wirklichkeit weder das eine noch das andere der Fall ist.

"Schutz dem Igel. Es ist eine bekannte Tatsache, daß der Igel den Maulwürfen, Mäusen, Käfern und Schnecken emsig nachstellt. Ec ist darum ein getreuer Mitarbeiter des Landmannes, wenn er seine Gärten und Felder vor dem Ueberhandnehmen jeglichen Ungeziefers frei hält. Am Tage l)ält er sich versteckt in seinem Lager im Reisighaufen oder in der Hecke auf, und nur abends geht er seiner Nahrung nach. Wenn man nun sieht, wie die umherziehenden Zi­geuner mit ihren auf den Fang abgerichteten Hunden dem Igel überall nachstellen, dann sollte doch von den Landwirten gegen diese Freijagd bei den zustehenden Behörden entschieden Protest eingelegt werden. Dec Zigeuner betrachtet den Igel als Leckerbissen, dem er bei den zeitigen hohen Fleischpreisen mehr als je nachstellt. Bei einer Fußtour durch den Vogels­berg konnte Schreiber dieses die Beobachtung machen, daß eine Zigeunerbande für ihre Mahlzeit nicht weniger als sechs Igel zubereitete, die alle am Morgen cingefangen waren.

§ Sichenhausen, 4. Sept. Die Kreis st raße nach Hecchenhain hat in der Nähe unseres Dorfes eine sehr starke Steigung. Fünf Radfahrer kamen von Hecchenhain und fuhren mit Blitzzugsgeschwindigkeit die steile Straße herab. Auf berNidderbrücke", an der sich ein altes Höst zecnes Schutzgelände befindet, verlor ein Fahrer die Herr-