Ausgabe 
6.8.1906 Erstes Blatt
 
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* Verhaftet wurde in verflossener Nacht ein Arbeiter, der ein Mädchen mißhandelte, und ein anderer wegen fortgesetzter Ruhestörung:

** Bei dem gestrigen Spichererberg-Turn- fefi, zu dem Turner aus ganz Deutschland zugelassen waren, war auch die Gießener Turnerschaft vertreten. Es errangen lEmil Bürk vom Männerturnverein den 12. Preis und Heinrich Hamel vom Turnverein den 23. Preis.

" Eine Talsperre im Lahntal. Neben dem Edertal soll nun auch noch das Lahntal, und zwar im Kreise Wittgenstein, eine Talsperre erhalten. Als passendes Terrain ist die Gegend hinter Laasphe, da, wo sich in mannig­fachen Windungen die Bahn MarburgCreuzthal neben der Landstraße zwischen den hohen Bergen des RothaargebirgeS hinschlängelt, ausersehen. Selbstredend müßte man, falls dem Talsperreprojekt dort nähergetreten würde, auch eine Verlegung eines Teiles der Bahn und der Landstraße, vielleicht durch Anlage eines Tunnels, in Erwägung ziehen. Durch die Anlage dieser Sperre würde es möglich sein, ein Wasserquantum von über 30 Millonen Kubikmeter stauen zu können. Zahlreiche industrielle Werke, die ja im oberen Lahntal bereits vorhanden sind, würden dann mit billiger Wasserkraft versorgt werden können, und außerdem dürfte es möglich sein, die sämtlichen Orte zwischen Feudingen bis hinunter nach Marburg mit elektrischer Beleuchtung zu ver­sehen. Die Beseitigung von Ortschaften, die bei der Eder­talsperre jedenfalls notwendig wird, bleibt hier völlig außer Betracht.

* * Vorsicht für Waldbesucher. In den vielbesuchten Waldungen der Lindner Mark ist die Tollkirsche (Atropa Belladonna) ziemlich stark verbreitet. Diese gefährliche Giftpflanze mit ihren anfangs grünen, später glänzend violettschwarzen Beeren ist namentlich für unwissende Kinder recht verführerisch. Eltern sollten ihre Kinder vor dem Genüsse dieser Beeren dringend warnen.

* * In dem Bericht über die Jubelfeier des Kartellverhältnisses zwischen der Saxoborussia zu Heidelberg und der Starkenburgia zu Gießen 'in der Samstagsnummer hat sich ein sinnentstellender Fehler eingeschlichen. Es heißt darin, der 1. Chargierte der betei­ligten Korps habe auf die Rede des Vorsitzenden erwidert, während es heißen muß, der 1. Chargierte der Starken- burgia, Beckler, habe erwidert.

* Lich, 5. Aug. Der Landwirt F. Steul in Muschenheim wollte vom Scheunengerüst Stroh herunter- werfcn, glitt aus und stürzte kopfüber in die leere Tenne. Die inneren und äußeren Verletzungen waren so schwer, daß der Tod nach kurzer Zeit eintrat.

cb Laubach, 5. August. Gestern nachmittag wurden die Bewohner des westlichen Teils unserer Stadt durch eine starke Detonation erschreckt. Als der Personenzug 3.29 Uhr den Bahnhof zu verlassen im Begriffe war, erfolgte an der Lokomotive ein Rohrbruch mit heftigem Knall. Wäre der Zwischenfall auf der Strecke erfolgt, so hätten leicht ernstere Folgen eintreten können; so gelangte der Zug mit nur halbstündiger Verspätung in Mücke an. In Villingen wurde dann die Rangiermaschine, welche den Zug nach Mücke und zurück brachte, durch eine von Gießen herbeigerufene Lokomotive ersetzt.

Wettsaasen, 5. Aug. Ein junger Drogist aus Marburg passierte gestern mit seinem Rad auf dem Rückweg von Schlüchtern unseren Ort. Die von Osten einmündende Straße hat ein sehr steiles, kurzes Gefälle mit äußerst scharfer Kurve am Ende. Diese gefährliche Wegstelle entlang kam der Radfahrer mit ausgestellten Füßen. Das rasende Tempo machte eS ihm unmöglich, die scharfe Kurve zu nehmen. Er rannte in eine gerade offenstehende Scheuer hinein, stürzte in die frisch hergestellte Tenne und blieb bewußtlos liegen. Am Kopfe und in der Seite hatte er schwere Ver­letzungen erhalten. Seine telegraphisch von Marburg her­beigerufene Mutter pflegt hier den 18 jährigen Waghals. Hätte das Scheuertor nicht offen gestanden, dann hätte sich der Radfahrer zweifellos den Schädel eingerannt. An dec übrigens für Radfahrer recht gefährlichen Stelle sollen jetzt Warnungsschilder angebracht werden.

R. B. Darmstadt, 5. August. In einer der letzten Nächte horte der beim Pulvermagazin, das ziemlich entlegen im Walde an der Eschollbrücker Straße sich befindet, aufgestellte Militärposten plötzlich ein verdächtiges Geräusch und bemerkte bald darauf im Gebüsch versteckt mehrere verdächtige Gestalten. Er rief sie an, erhielt aber statt der Antwort zweiNe- volverschüsse, die ihn glücklicherweise nicht trafen. Der Posten feuerte darauf vier scharfe Schüsse nach jener Stelle, die zwar in dec Dunkelheit fehl gingen, jedoch zur Folge hatten, daß die Angreifer Reißaus nahmen. Später wurde der Posten vor der Wachtstube plötzlich von mehreren Strolchen überfallen und tätlich angegriffen; zum Glück kamen ihm aber sofort mehrere Kameraden zu Hilfe, die den arg Be­drängten befreiten und die Angreifer abwehrten. Während aber dies geschah, versuchten mehrere der Komplizen, mit Fackeln versehen, den Zaun zu übersteigen und nach dem Pulvermagazin vorzudringen. Nun gaben die Sol­daten abermals scharfe Schüsse ab und verwundeten auch einen der Angreifer, der mehrmals zu Boden siel, aber von seinen Komplizen doch mit fortgeschleppt werden konnte. Die Belästigung der Soldaten dauerte mehrere Stunden hindurch, dann verschwanden die Strolche spurlos im Walde. Auch in der darauf folgenden Nacht erschienen wieder in der Nähe des Pulvermagazins eine Anzahl verdächtiger Gestalten, diesmal meist in Begleitung großer Hunde. Da sie aber wohl bemerkten, daß die Wache verstärkt und ein Doppel­posten aufgestellt worden war, zogen sie eS vor, die Angriffe nicht zu erneuern. Seitens der angegriffenen Soldaten sind im ganzen ca. 12 bis 15 scharfe Schüsse abgegeben morden und ebensoviel auch von den Strolchen. Es ist daher nur der Dunkelheit zuzuschreiben, daß nicht schwerere Ver­wundungen vorgekommen sind. Hoffentlich bringt die ein­geleitete Untersuchung bald Klarheit in die vorgestrige Schieß­affäre.

R.B. Darmstadt, 5. Aug. Der Darmstädter Männergesangverein begeht in diesen Tagen unter Teilnahme von ca. 30 befreundeten Vereinen die Feier seines 25jährigen Jubiläums und hat eine allgemeine Fest­woche arrangiert, die gestern abend durch ein Festkonzert im Saalbau eingeleitet wurde. Neben den Gesangschören des Vereins unter Mitwirkung der L^ibgreuadierkapelle waren auch

Kammervirtuos und Kgl. Preuß. Konzertmeister Brinkner- Wiesbaden und die Großh. Hess. Kammersänger Weber, sowie Frau Hofopernsängerin Wolf von hier an dem schön verlaufenen Konzert beteiligt. Heute vormittag fand nach dem Empfang der auswärtigen Vereine im Saalbau eine allgemeine akademische Feier statt, die der festgebende Verein durch Beethovens ChorDie Ehre Gottes" einleitete. Dann begrüßte der Festansschußpräsident Heidccker die Fest­teilnehmer, gab einen kurzen Rückblick auf die Geschichte des Vereins und schloß mit einem dreimaligen Hoch auf den Kaiser und den Großherzog. Zu Ehrenmitgliedern wurden anläßlich des Jubiläums ernannt: Generalmajor und Stadt­kommandant v. Eckenbrecher, Oberbürgermeister Mornewcg, Bürgermeister Dr. Glässing, Geh. Regierungsrat Dr. Kratz und der erste Dirigent des Vereins vor 25 Jahren, Kammer­musiker A. Kugler. Die großen Neigen der Gratulationen eröffneten die Damen des Vereins, von denen ein silberner Lorbecrkranz, Fahnenschleife und seidene Schärpen für die Fahnenträger, Fahnennagel :c. überreicht wurden. Dann überbrachten zahlreiche Vereine Geschenke und Gratulationen und nach Dankesansprachen des Stadtv. Schupp und Stadtkom­mandanten v. Eckenbrecher erfolgte die Verteilung einer Anzahl Ehrendiplome und Auszeichnungen an die ältesten Mitglieder und die Vorstandsherren. Später wurde allen Vorsitzenden, Dirigenten und Ehrengästen ein Ehrentrunk kredenzt und am nachmittag fand auf dem Festplatz (Exerzierplatz) die offizielle Feier bei Konzert, Gesang und Tanz ihre Fortsetzung. Am Montag ist allgemeiner Sängerabend, Mittwoch Dopvelkonzert, Freitag Sportfest und Sonntag allgemeine volkstümliche Schlußfeier.

(fc.) Bingen, 5. Aug. Der Bund der Viehhändler Deutschlands hatte heute eine Versammlung hicher einberufen. Herr Mai besprach die schwere Stellung der Viehhändler und betonte, daß trotz aller Angriffe das System des Zwischenhandels sich bewährt habe. Der Vorsitzende Daniel verbreitete sich über die Entstehung des Bundes und seine Aufgaben und besprach die Zeiten der Fleischteuerung und die gegen die Händler gerichteten Angriffe und mahnte zur Agitation und Organisation. Neber die ungleiche Verteilung der Steuer für die Wandergewerbescheine referierte ebenfalls Daniel Beschlossen wurde in einer Petition die Herabsetzung der Altersgrenze zur Erlangung eines Gewerbe­scheines von 25 auf 21 Jahre zu verlangen, lieber Eisenbahn­angelegenheilen referierte Emil Grosse-Berlin. Er erflärte, daß bisher Wagen von größerem Flächengehalt als verlangt für die Viebtransporte geliefert worden seien. Natürlich feiert dadurch die Kosten bedeutend gestiegen. Kapp-Matnz verlangte, daß dem Viehhändler der gleiche Transportpreis wie dem Agrarier an­gerechnet werde, Nathan-Mainz verlangte Beseitigung des Be­gleiterzwanges. Grosse-Berlin wird als Sachverständiger dem Minister in Berlin eine Anzahl Reformvorschläge unterbreiten. Fritz Schulz von Kallehne sprach dann gegen die Viehmarkts­banken. Eingehend beschäftigte sich die Versammlung mit dem Fall der Gebrüder Behringer-Bodenheim. Diesen sind in Frank­furt a. M. im Schlachthause 23 Stück Vieh geschlachtet worden, als seuchenverdächtig. Beringer bestritt dies. Ter Departements- Tierarzt hat das Vieh erst nachdem es geschlachtet war, gesehen. Beringer ist der Zutritt nicht gestattet worden, er hat einen Schaden von 3000 Mark gehabt. Es fielen in der Versammlung scharfe Worte gegen den Frankfurter Fall scharf protestiert. Am Vormittage fand in Rüdesheim eine Vorstandssitzung statt, in der besonders über die neu eingeführten Kontrollbücher im Schweinehandel gesprochen wurde. Es wurde gefordert, daß die Zuchtstätten schärfer kontrolliert würden und daß die Schweine, welche von der Zuchtstation auf den Markt gebracht würden, mit Ohrenmarken versehen sein müßten.

fc. Frankfurt a. M., 5. Aug. Heute nachmittag tagte hier eine Versammlung von Landwirten aus dem Großherzogtum Hessen, die der LandtagSabg. Bähr- Hercenhaag einberufen hatte. In derselben, die von zahl­reichen Landwirten au§ Starkenburg, Ober- und Rheinhessen gut besucht war und an der die LandtagSabgg. Ullmann, Sensfelder, Köhler, Bähr, Brauer, Hirsche!, Breidenbach und Schmalbach teilnahmen, wurde, be­stimmt, welche passende Kandidaten dem Bunde der Landwirte für die im Herbst d. Js. stattsindenden Wahlen zur Hessischen Lan dw i rtschafts ka mm er zur Aufstellung vorgeschlagen werden sollen. DieVereinigten Landwirte von Frankfurt und Umgegend" schlagen am 15. August, bezw. am 1. September mit dem Milchpreise auf, am 15. August die kleineren Landwirte, am 1. September die größeren Guts­besitzer und Gutspächter, weil letztere bis dahin durch Ver­träge gebunden sind.

Frankfurt a. M., 4. August. Heute geriet auf dem Rangierbahnhof der Bahnangestellte Schäfer, der mit dem Ankleben von Zetteln an die Güterwagen beschäftigt war, zwischen die Puffer zweier Wagen. Da ihm der Brustkorb eingedrückt wurde, war er sofort tot. Vor dem Hause Viktoria-Allee 4 wurde ein Mann erschossen aufgefunden. Ec hatte sich einen Schuß in die Brust und zwei Schüsse in den Mund beigebracht. Papiere fand man bei ihm nicht vor, sodaß die Persönlichkeit des Selbstmörders noch nicht estgestellt werden konnte. Heute Mittag 12 Uhr standen plötzlich alle elektrischen Bahnen still. Es handelte "ich um eine Störung in der Zentrale, die nach einer halben Stunde behoben war. Doch dauerte es bis 2 Uhr, bis die privaten Kraft- und Lichtanlagen wieder in Betrieb kommen konnten. Bei Nies trug'sich ein schweres Auto­mobilunglück zu. Das Automobil wollte wegen einer Straßenreparatur auf die andere Seite fahren, geriet in einen Steinhaufen und stürzte in voller Fahrt die Straßenböschung herab. Der Chauffeur, welcher zeitig absprang, erlitt nur eine Fußverrenkung, während der Eigentümer, ein Frank- urter Herr und eine Dame schwerere Kopfverletzungen er­litten. Das Automobil ging in Trümmer.

Frankfurt, 5. August. Heute vollendete Dr. Xaver von Hasenkamp hier sein achtzigstes Lebensjahr. In Tilsit geboren als der Sobu eines Ebern en aus alter Adelssamilie, studierte er 1844 bis 1848, wurde Doktor der Philosophie und wirkte als Privat­dozent an der Umversität Königsberg. Die Konfliktszeit führte den politisch stark interessierten Manu der Presse zu. Er wurde Re­dakteur derHartuugsschen Zig.", die noch beute Ostdeutschlands subrendes fortschrittliches Organ ist. 1866 kam er nach Frankfurt als Redakteur desFranks. Journals", auf welchem Posten er bis 1871 blieb. Seine demokratische Richtung vertrug sich aus die Dauer nicht mit den Neigungen des Blattes. Hasenkamp wurde an die Spitze des Hauptorgans der schwäbischen Demokratie, des Stuttgarter Beobachters", berufen, dort wirkte er bis 1880. In Mein Jahre kehrte er nach FranNurt a. M. zurück.

B. Fulda, 5. Aug. Bei dem heutigen, vom Wetter ehr begünstigten Fulda-Rhön-Sängerfest wurden Preise in folgender Reihe errungen: Klasse la. 1. Preis Winfridia-Fulda 165 Punkte, 2. Preis Harm. Kränzchen Schlitz 164 P., 3. Preis Liederkcanz Hersfeld 163 Punkte, 4. Pc. Eo. Arb.-Verein Fulda 141 P., 5. Pr. Sängerchor Hersfeld 131 P. Klasse 1b. 1. Pr. Liedeckranz Fulda 131 P.,

2. Pr. Arb.-Fortdild.-Verein Fulda 129 P., 3. Pr. Gesang­verein Hilders 124 P. Klasse II. Drei Preise in folgender Reihenfolge: Hünfeld, Poppenhausen, Petersberg. Von Gast­vereinen errangen Preise in folgender Reihe: in Klasse I. 1. Windecken, 2. Marburg, 3. Kassel; in Klasse II. 1. Bü­dingen, 2. Schlierbach, 3. Gelnhausen, 4. Lollar, 5. Vacha, 6. Sterbfcitz, 7. Blitzenrod.

Kassel, 5. Aug. Vom Hoftheaterneubau war cs nach der überraschenden Kunde, der zufolge die Kosten der Ausführung des Projekts um rund eine Million höher kommen, als angenommen war, wieder sehr still ge­worden. In der letzten Sitzung der Stadtverordneten­versammlung hörte man, daß es mit dem Bau bald ernst werden soll. Man bewilligte Mk. 70 000 zur Erneuerung und Verlegung des Kanals am Auctor, also auf dem künfti­gen, vielumstrittFnen Theatergrundstück. Stadtverordneten­vorsteher Geh. Kommerzienrat Pfeiffer wies darauf hin, daß der Vertrag des Konsortiums, welches das alte Grundstück (das gegenwärtige Theater) erworben, mit dem Hausministe­rium abgeschlossen sei. Danach müsse das neue Hoftheater zu Beginn des Jahres 1910 fertiggestellt sein.

Zum Protest gegen die Fahrkarten-Sterrer empfehlen wir allen Gießenern, wie überhaupt allen O b crhessen, die nach Berlin reisen, weniger der Ersparnis halber als um des Protestes willen, sich in Gießen eine Rückfahrkarte nach Marburg und erst dort eine solche nach Berlin zu nehmen. Die Ersparnis beträgt 25 Pfg. für die 3. Klasse. Eine Rückfcihvkarte 3. Klasse was eine solche 2. und 1. Kl. kostet, ist in dem uns vorliegenden Kursbuch nicht vermerkt von Gießen nach Berlin kostet nämlich ohne Fahrkartensteuer Mk. 30.10. Die Fahrkarten­steuer bei einem Fahrpreise von 3040 Mk. beträgt 90 Pfg. für die 3. Klasse. Nimmt man nun eine Rückfahrkarte nach Marburg, für die man ohne Steuer 1.80 Mk., mit Steuer 1.85 Mk. zu zahlen hat, und dort eine solche nach Berlin ür 28.30 Mk., worauf die Steuer 60 Pfg. beträgt, so zahlt man an Steuer nur 65 Pfg. statt 90 Pfg.

Aehnliche Ersparnisse zum Protest lassen sich jedenfalls auch auf zahlreichen anderen Reisen machen.

DieProtest-Liga gegen Fahrkartenpreis­verteuerung" hat, wie wir nochmals erwähnen wollen, ein einheitliches Zeichen für ganz Deutschland mit dem ge­flügelten Eisenbahnrade in das Musterschutzregister eintragen lassen. Wenn die ganze Bewegung Erfolg haben soll, so ist es notwendig, daß durch ein Zeichen in ganz Deutschland der Protest der Bevölkerung zum Ausdruck gebracht wird. Es ist von der Geschäftsstelle der Protest-Liga in Hameln (F. W. Nese) zu beziehen.

Vermischtes.

* Ein geadelter Redakteur. In Stuttgart wurde aus Anlaß seines 40 jährigen Jubiläums als Chef­redakteur der Staatsztg. für Württemberg Prof. Wieland vom König das Ehrenkreuz des Ordens der Württemberger Krone verliehen, mit welchem der persönliche Adel ver­bunden ist.

* Die letzten Gewitter scheinen in Hessen ohne onderliche Schäden vorübergegangen zu sein. In Nieder­wöll st ä d t wurde eine Kuh vom Blitz erschlagen, in dem starckenburgischen Dorse Biebesheim durch Blitz- chlag der 12jährige Sohn und die 9jährige Tochter deA Landwirts Tewald getötet. Außerdem schlug dort der Blitz in vier verschiedene Häuser und eine Stallung.> Auch sonst hat das Unwetter mancherlei Unheil in Starken-, bürg angerichtet. Im Vogtland und in Böhmen richtete ein schweres Gewitter großen Schaden an. Es wurden in Mylau zwei Fabrikschornsteine umgerissen; in Netschkau wurde ein Fabrikdach abgehoben. Gezündet hat der Blitz unter anderem in Leubetha, in Mühlhausen bei Bad Elster und in Arnoldsgrün. Bei einem Gewitter' in Innsbruck wurden vor der Kaserne vier berittene- Landesschützen vom Blitz getroffen; einer wurde getötet; ')te drei anderen schwer verletzt. In Böhmen wurden mehrere Personen vom Blitz erschlagen. Bei einem Uebungsmarsch des 84. österr. Jnfant.-Regts'. in Po la wurden 70 Soldaten bei einer Temperatur von 41 Grad vom Hitz schlag betroffen, glücklicherweise keiner tödliche

* Untergang eines italienischen Auswande­re r s ch i f f e s. Ein Madrider Blatt veröffentlicht folgende De­pesche aus Cartagena: Der von Barcelona kommende ital. DampferS i r i a" mit 800 Auswanderern an Bord ch eiterte bei der Insel Hormigas in der Nähe von Cap Zalos und sank mit dem Hinterteil schnell. Die Mehrzahl der Auswanderer find Italiener und die anderen Spanier. Die Zahl der Ertrunkenen wird auf 300 geschätzt. Die Ge­retteten befinden sich auf Cap Palos in kritischer Lage. Es fehlt ihnen an Lebensrnitteln und Kleidungsstücken. Mehrere Fischer sind bei den Rettungsversuchen um- gekommen. Die übrigen an Bord befindlichen Personen retteten ich in Boten und mittels Seilen, die ihnen von Land aus zu­geworfen wurden. Unter den Ertrunkenen befindet sich der brasilianische Erzbischof. Mehrere Leichen sind bereits geborgen. Eine Frau, deren drei Kinder ertranken, wurde irr­innig. Die Behörden haben sich nach Cap Palos begeben, um den Schiffbrüchigen Hilfe und Lebensmittel zu bringen. An Bord des Dampfers, der Hilfe leistete, wurden 80 Verletzte ausgenommen. Die Schuld an dem Unglück wird dem Ka­pitän beigemessen, der S el b st m o r d begangen hat.

* In der bekannten Sensationsa sfaire des Kammerfräuleins Milewska ist jetzt eine Ent- cheidung des Kaisers erfolgt. Gemäß § 251 der Kriminalordnung vom 11. Dezember 1805 hatte das Kammer- räulein, um nicht mit ihrer Klage kostenpflichtig abgewiesen zu werden, eine Eingabe an den Kaiser zu richten, worin dieser seine Ermächtigung zum Einschreiten gegen den Herzog Ern st Günther von Schleswig- H ölst ein gab. Auf dieses Schreiben ist aus bem. Justizministerium die Antwort eingetroffen, daß der Kaisen die Genehmigung zur Strafverfolgung deS Herzogs ab- gelehnt hat. Frl. Milewska will nun einen Entscheid des Oberlandesgerichts dahin herbeiführen, ob jene alte! Kciminalordnung für diesen Fall rechtsgültig ist.

* Kleine Tageschronik. Der Barbier Gustav Rieger in (Horneburg, Kreis Stade, wurde in seiner Wohnung mit durchj- schnittener Kehle anfgefunden. Als Mörderin wurde feine Frau verhaftet. In einem Wäldchen bei Zara (Tfchirne) wurde die Leiche' des Grafen Melchior Gozzc anfgefunden. Der 30 Jahre alte Graf hatte« sich erschossen, da er cs nicht vermochte, von seinen, Gehalt als Statt« baltereibeamtcr zu leben. In der Klagcsachc der Gräfin Hercolani. gegen den italienischen Minister des königlichen Hauses, worin sie be­hauptet, als junges Mädchen die Geliebte des Königs Humbert gewesen zu sein und eine Enschädigung beansprucht, erließ das römische Gericht eine Sentenz, wonach die Gräfiin zur Lieferung von Beweise»