Drittes Matt
Nr. 156
Erscheint tLgllch mit Ausnahme des Sonntag?.
Tie ..Eichener AamMrnblätter" werden dem „Anzeiger viermal wöchentlich beigelegt. Der »hesfischr Cnnbolrf** erscheint monatlich einmal.
156. Jahrgang
Giehener Anzeiger
^rettag 6. Juli 1806
Rotationsdruck und 33erlag der Brühl'sche» Universitätsdruckerei. 9L ßtftige, Gieß«.
Redaktion. Expedition «.Druckerei: Schulstr. f.
Tel. Nr. 61. Telegr.-Adr. r Anzeiger Gieß«.
General-Anzeiger, Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gieße».
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Politische Lagesschan.
Spanischer Dank.
Folgendes Telegramm verbreitet heute die „Frkf. Ztg.": Al a d r i d, 5. Juli. Der König hat M o r e t fallen lassen Und zwar wegen Verweigerung des Anflöstmgsdekrets. Tas ganze Kabinett gab seine Demission. Lopez D o m i n g u c z erhielt den Auftrag zur Neubildung des Kabinetts. Tas neue liberale Kabinett wird in der Hauptsache sich als ein Freimdeskollegium des 75jährigen Generals Lopez Domillguez zu» sammensetzen.
Tas liberale spanische Kabinett Morct ist also in der Versenkung verschwunden. Ta sei denn festgestellt, daß der bisherige spanische Minister des Auswärtigen sich in einer Deutschland betreffenden Llngelegen- heit einer auffallenden Gleichgiltigkeit gegen die Wahrheit — um es milde zu bezeichnen — schuldig gemacht hat. Die „Nordd. ANg. Ztg." konstatierte vor wenigen Tagen, die Verlängerung des Handelsvertrags mit Spanien bis Ende d. I. entspreche einem Wunsche der Madrider Ziegierung. Nach einem Bericht des zuverlässigen Pariser Korrespondenten der „Voss. Ztg." hat aber der span. Minister einem Vertreter des „Mattn" erklärt, der Antrag auf Verlängerung des Vertrages sei von Deutschland ausgegangen. Welche Darstellung Glauben verdient, darüber ist kaum ein Zweifel möglich. Ter spanische Minister wollte dem befreundeten Frankreich offenbar etwas Angenehmes faßen und zum Ausdruck bringen, daß Spanien einen Zollkrieg mit Deutschlarld nicht gescheut hätte. Eine merkwürdige Art des Tankes für die Nachgiebigkeit, die Deutschland unbestreitbar Spanien erzeigt, indem es dieses Land bis auf weiteres im Mitgenuß aller Vergünstigungen des Vertragstarifs beläßt auf Grund einer nicht entfernt gleichwertigen Gegenleistung! Ten Pyrenäenstaat zollpolitisch so glimpflich zu behandeln, lehnt selbst Frankreich rundweg ab, von der Schweiz ganz abgesehen. Es ist zu hoffen, daß Deutschland aus dieser neuen Erfahrung die Nutzanwendung zieht, d. h., daß es bei Ablauf des Provisoriums den: Pyrenäenstaat die Stärke seiner Position rücksichtslos fühlbar macht. Das Land des „Weines und der Gesänge", der Stierkänrpsc und anderer schöner Dinge, das Land, in dem gelegentlich auch ein Minister es mit der Wahrheit nicht ganz genau nimmt, verdient es wenig, von Deutschland nachsichtig behandelt zu werden.
Major v. Zander und Genossen vor den Geschworenen.
(Unberechtigter Nachdruck verboten.)
H. F. Breslau, 4. Juli 1906. (Fünfzehnter Tag der Verhandlung.)
9 Dienstboten in Woeltingerode.
Gemeindevorsteher Mann (Woeltingerode) als Zeuge: von Zander habe im Jahre 1904, als er von einer längeren Reise zu- lücffant, die Steuern nicht bezahlen können. Ta er zur Pfändung schreiten wollte, habe ihm v. Zander eine Aktie der Chemnitzer Steinkohlen-Bergbau-Gesellschaft als Pfand gegeben und nach etwa acht Tagen dies Pfand eingelöst, v. Zander habe zur Zeit neun Dienstboten gehabt, v. Zander: Tas viele Personal war ganz gegen mein Wissen und Willen von meiner Frau engagiert. Staatsanwalt : Sie haben aber das ganze Personal bei der Ortsbehörde angemeldet.
Ten Gerichtsvollzieher angepumpt.
Gerichtsvollzieher Kade bekundet: Im Januar 1904, als in Schmoegerle die Möbel aufgeladen waren und die Familie nach Woeltingerode abreifen wollte, habe er einen Pfändungsauftrag gehabt. Major v. Zander habe ihm einen Teil des Betrages teils in bar, teils in Koupons gegeben und ihn gebeten, den Rest cms- znlegen. Er habe ihm ans Ehrenwort versprochen, das Geld — 253 Mk.— n a ch zwei Tagen z n r ü ckz n z a h 1 e u. Dies Versprechen habe aber v. Zauder trotz mehrfacher schriftlicher Mahnung nicht gehalten. Er habe daraufhin die Koupons verkauft und hatte dann nach 223 Mk. zu bekommen. Nach weiteren Mahnungen habe ihm v. Zander, als er bereits verhaftet war, aus dem Untersuchungsgefängnis heraus ratemveise bezahlt, v. Zander: Ich bestreite, daß ich dem Zeugen auf Ehren- loort versprochen habe, das Geld nach zwei Tagen zurückzuzahlen. Das Ehrenivart habe ich dem Zeugen überhaupt nicht gegeben, es ist aber auch unmöglich, daß ich versprachen habe, nach zioei Tagen das Geld zurückzugeben, da ich dazu gar nicht in der Lage war. Ter Zeuge bleibt bei seiner Bekundung. Frau ».Zander: Ich bin bei dieser Unterredung zugegen gewesen und bestreite, daß mein Mann dem Gerichtsvollzieher das Ehrenivart gegeben hat., Offiziere geben nur Standesgenassen das Ehrenwort, v. Zander
(erregt): Es wird alles aufgeboten, um mich in der Oeffentlichkcit tn ein schlechtes Licht zu stellen.
Kein verborgener Schmurkkasten.
Frau JankoniSki, die als Zeugin erscheint, bekundet: Sie fei zwei Jahre Dienstmädchen bei o. Zander gewesen. Ter Schmuck- kästen, in dem goldene Ketten ufiv. gelegen, habe niemals an einem Versteck gestanden. Sie habe den Kasten stets öffnen können. Fran v. Zander fei sehr gut, bisweilen aber auch ahne Veranlassung sehr jähzornig geivejen. Aus Befragen des Professors Tr. Bonhoeffer bemerkt die Zeugin: Frau v. Zander war, wenn sie sich in gesegneten Umständen befand, ausnahmsweise nervös aufgeregt ; sie habe auch viel Wein getrunken. Verteidiger J.-N. Tr. Mamroth: Kam es auch vor, daß Frau v. Zander selbst kochte? Zeugin: Jawohl, in Gnesen war das oftmals der Fall.
v. Zauder fühlt sich unwohl.
Ich muß bitten, Nachsicht mit mir zu üben; ich fühle mich heute sehr unwohl, ^cch muß bemerken, daß ich an Schwindel- anmllen leide. Ich bin seit langer Zeit nur mit Hilfe künstlicher Schlafmittel imstande zu schlafen.
Es wird hierauf Ingenieur Tarr als Zeuge vernommen: v. Zander habe ihm bezüglich einiger van ihm erfundenen Diene« rungen Ratschlage zur Begründung einer Gesellschaft gemacht und ihm em Darlehen von 6000 Mark verfchafft. Die Gesellschaft zwecks Ausbeutung feiner Erfindungen fei aber erst bedeutend später zustande gekommen. Nach der Beschasfung der 6000 Mark habe er v. Zauder 1000 Mark geliehen und davon die Halste zurückerhalten. Frau v. Zander habe, als er und einige andere Herren einmal bei v. Zander zum Kaffee waren, ohne sichtliche Veranlassung dem Mann furchtbare Szenen gemacht. Tie Fran fei so aufgeregt gewesen, daß ihr der Schaum vor den Mund trat. v. Zander suchte seine Frau zu beruhigen, feine Bemühungen hatten aber keinen Erfolg. Er gewann den Eindruck, daß die Frau geistig nicht normal fei, daß ihr zum mindesten die Selbstbeherrschung vollständig abgehe.
HolzUeferuug.
Der Vorsitzende hält m der Verhandlung dem Angeklagten vor: Er habe mit dem Holzhäudler Aloll einen Vertrag geschlossen, diesem 1000 Festmeter Grubenholz im Betrage von 7000 Mark zu liefern. Er habe sich von Moll 3000 Mark und später noch 1500 Mark Vorschuß geben lassen, das Holz aber nicht geliefert, v. Zander: Tas Holz konnte nicht geschlagen iverden, da er einmal nicht die geeigneten Leute hierfür fand und andererseits durch einen Sturz mit dem Pferde eine starke G e h i r n e r s ch ü 11 e - r u n g erlitt, durch die er an allen Arbeiten verhindert war. Nach feiner Wiederherstellung fei Tauwetter eingetreten gewesen. Bei solchem Wetter hielt er das Holzschlagen für nicht ausführbar. Inzwischen fei es Sommer geworden. Er hätte aber den ihm gegebenen Vorschuß zurückgezahlt ober das Holz anderweitig beschafft, wenn nicht eine Ueberschwemmung eingeireicn wäre, wie sie in Schlesien noch niemals vorgekommen fei und wenn er den Prozeß, den er gegen Schoepke führte, gewonnen hätte. Durch die Hebet- schwemmung haben naturgemäß Aecker und Wiesen teilten Ertrag gegeben. Er habe aber Moll Aktien der 91 gramer Bergbau-Gesellschaft als Sicherheit gegeben. Staatsanw.: Im April 1903 schrieb v. Zander in sein Tagebuch: „Die 1500 Mark von Moll hatte ich auch uicht annehmen sollen, denn ich habe sie auf unrechtmäßige Art erhalten, v. Zauder: Ich habe eine ähnliche Tagebuchaufzeich- nung selbst bezüglich des Gräbschener Geschäfts geschrieben, obwohl mir der Abschluß dieses Geschäfts allgemein als Verdienst angeredjnet wurde. Ich war augenblicklich zur Lieferung des Holzes nicht in der Lage; ich bin der Meinung, gerade aus dieser Aufzeichnung erhellt meine peinliche Gewissenhaftigkeit.
Keine Aufzeichnung des Raubmörders Heunig.
Ter Vert. J.-R. Dr. Mamroth beantragt, den vom Angeklagten in der Untersuchungshast verfaßten Lebenslauf zu verlesen, v. Zander: Landgerichtsrat Firle sagte mir: „Tie Tagebuch-Aufzeichnungen sind das Werk eines Verbrechers." (Bewegung im Zuhörer- raum.) Vors. (erregt): Ich habe Sie lange Zeit gebeten, obwohl ich das Recht hatte, Sie aufzufordern, sich aller solcher Bemerkungen zu enthalleit. Sollten Sie trotzdem , in dieser Weise fortfahren, daun werde ich keine Rücksicht mehr üben, sondern unnach- sichtlich gegen Sie vorgehen.
Nicht die Unwahrheit gesagt.
Bei weiteren Verlesungen bemerkt v. Zander: Es ist mir der Vorwurf der Unwahrheit gemacht worden, weil ich nicht angegeben habe: ich habe den Prozeß gegen Schoepke tn erster Instanz verloren. Ich habe mich dabei keiner Unwahrheit schuldig gemacht. Mein damaliger Anwalt sagte mir, moralisch haben Sie den Prozeß gewonnen, die Richter haben Sie nur aus formellen Gründen abgewiefen, anderenfalls wäre die Beschlagnahme der Restkaiügelber aufgehoben worben. — Staatsanw.: Ter -Angeklagte hat aber auch geschrieben: er erhalte, wenn et den Prozeß gewinne, 300 000 -Mk. Eine solche Angabe zeugt nicht von Wahrheitsliebe. — Angekl. (erregt): Ich kann nur einen solchen Vorwurf nicht gefallen lassen. — Bors.: Ich weife Sie nochmals in die Schranken, sollten Sie sich nochmals so ettvas erlauben, bann werbe ich unnachsichtlich gegen Sie vorgehen.__
Es wirb nachmals
Rittergutsbesitzer Schoepke
in den Saal gerufen. — Ein Geschworener: Schoepke sagte bei seiner früheren Vernehmung, er habe das Ministerialreskript ab- geschrieben, da es zu undeutlich geschrieben war. Inzwischen Haden wir und bas Ministerialreskript kommen lassen und gefunden, daß es, wie alle Mimsterialreskripte, sehr gut geschrieben ist. — Zeuge: Ich habe nur gesagt, daß bas Reskript abgetrieben war, wer bie Abschrift gemacht hat, weiß ich nicht.
vermischtes.
• Selbstmord eines Oberlehrers. Seinen Verletzungen erlag der Oberlehrer Paul Donath auS Weißensee bet Berlin, dec in seiner Wohnung einen Selbstmordversuch verübte, indem er sich die Pulsadern aufschnitt sich bann aus dem Fenster stürzte. Heber die Gründe, die den nervös stark überreizten Lehrer zum Selbstmord veranlaßt haben sollen, veröffentlicht Professor Dr. Kemsies, der L e i t e r der Weißenseer Realschule, an der der Verstorbene tätig war, gegenüber anders lautenden Mitteilungen, folgende Darstelliing: ,Es ist nicht richtig, daß ich mit Herrn Oberlehrer Donath vor einiger Zeit einen Streit gehabt habe, welcher auf sein Verhältnis zu mir ungünstig eingewirkt hat. Unser dienstliches Verhältnis war im Gegenteil ein recht gutes. Ich habe dem Verstorbenen noch in der letzten Zeit geraten, die Stellung in der von mir geleiteten Anstalt zu behalten und habe ihn bei seiner Be- werbung um eine andere Stellung nach jeder Richtung hin aufs Beste eiupfohlen. Er hat nach den mir gemachten Mitteilungen die Stellung selbst abgelehnt, weil sie ihm nicht zusagte. Den Anlaß zu dem unseligen Entschluß bildet nach den von Herrn Donath selbst zurückgelassenen Mitteilungen ein kurz vor dem Vorfall mutmaßlich durch die Kurzsichtigkeit des Herrn Donath auf dec Eisenbahnfahrt veranlaßtes unliebsames VorkomuiniS. Unter der Einwirkling hiervon und der diirch die lange Fahrt herbeigeführten Erschöpfung ist der infolge sehr starken Nikotingenusses und inangelnden Schlafes seit langem stark nervöse und überreizte Herr Kollege nach Aussage des behandelnden Arztes in einem Zustande vorübergehender geistiger Störung zu seinem unseligen Schritte ge-, kommen."
* Abstürze in den Alpen. Ein Maler aus Oberstdorf stürzte beim Abstieg vom Nebelhorn ins Optal über eine 200 Meter hohe Felswand ab. Die schrecklich verstümmelte Leiche wurde gefunden. Der Student Burger aus München stürzte von der Gehrenspitze ab. Man fand ihn als Leiche.
* Wieder ein Erdbeben in Unteritalien. In Siena wurden am 5. Juli mehrere Erdstöße verspürt, von denen zwei heftig waren. Die Bevölkerung verhält sich ruhig. ____________________________
Gerichtssaal.
— (Sine „sch l a g f c r t i g e" Sängerin. Darf eine Sängerin, die ein Recht zu haben glaubt, sich über ihren Kapellmeister zu beklagen, ihrem Unwillen dadurch Ausdruck geben, daß sie ihn ohrfeigt? Tiefe Frage ist vor einigen Tagen in dem ita- lieuifcheu Städtchen Savona entschieden worben. Die Sängerin Melbini, bie ber festen Meinung war, burch bie Schulb bes Kapellmeisters von bcm Direktor entlafieu worben zu sein, verabreichte bem Unglücklichen mitten währen!) ber Vorstellung ein paar kräftige Ohrfeigen. Das Gericht verurteilte barauf bie temperamentvolle Dame zu 75 Tagen Gefängnis, mil- bertc aber bie Strafe burch eine bebingte Verurteilung, inbem bas Urteil erst bann in Kraft treten solle, wenn s i e sich w i c b e r etwas z u S ch u l b e n kommen laste. Die Uebel- tätevin versprach, baß eine solche Schlagfertigkeit bei ihr nicht mehr Vorkommen sollte.
— Der Bergurbcitcr L. in OlSnitz i. E. war ertappt toorbqn, als er sich seinen Kaffcckrug mit Kohlen gefüllt batte, die er mit nach Hause nehmen wollte. Es erfolgte Anzeige und nun hatte er sich vor dem L'anb- gericht in Ehcmuitz deshalb zu verantworten. Dcr Wert der gestohlenen Kohlen betrug nur neun Pfennige. Weil aber der dreißigjährige Mann schon zwei Strafen wegen Diebstahls erlitten hatte, war er alS rücksälligec Dieb nach § 244 des RcichsstrafgesetzbuchcS zu bestrafen, der Zuchthausstrafe, bei Annahme mildernder Umstände als Mindcststrasc aber drei Monate Gefängnis vorsieht. Auf diese Strafe erkannte daS Gericht.
AleLnes Feuilleton.
— D e r „n n s i 11 l i ch e" B r n n u c u. Wohin ausschweifender Sittlichkeitsfanatismus.gelangt, zeigt bie nachstehende Mitteilung der „Voss. Ztg." aus Kassel:
Taß es immer noch Leute gibt, die an der Schönheit des Nackte,, in der Kunst Anstoß nehmen, das beweist ein Rundschreiben, bas der Ziveigverein Kassel des Weißen Kreuzbnndes versendet. Der Verem hat Anstoß daran genommen, daß ber in Kassel kürzlich enthüllte Papinbrunneu von einer nackten I ,", n g l i n g § g eft a 11 gefront wirb. Dieses Kunstwerk, von HauS Everding herrührend unb burch seineszjerliche, anmutige Formcn- gebung bas Auge jebes Unbefangenen entzückenb, soll jehulb fein an ber angeblich überhaubnehmeubeu llnfittlid)feit im Laube. Ter Verein erläßt folgenbes Ruubfchreiben:
„Unfcr Zwcigvercin macht den Dorschlag, daß alle auf gute Sitte haltenden Vereine einen Protest gcnieiifam erlassen sollten gegen die völlig iiadte Figur aus dem Papinbr^nen. Es unterliegt keinem Zweifel, daß Aergcrnis auf Aergcrnis dadurch entsteht. AIS die Griechen anfingen, das Nackte öffentlich darznstellejs, da begann der Verfall (mit Praxiteles). — Heute gibt es in Athen und Korinth keine nackten Kunstwerke auf öffentlichen Plätzen t^hr richtig! Tenn Athen und Korinth gehören doch wohl seit einiger tzest nicht mehr zu den tonangebenden Kunststädten. D. Rcd. d. Gicß.Anz.). Die W oNust sünden nehmen zu. Kaum hatten wir von dem tzedstmord eines LiebeS- Paares gelesen, das sich mit seinem Kinde unter den Eiscnbahnzug warf, als man von dem Neberfalle Frau hörte, der von zwei Vüfllingcit int Anegebüsch auSgeführt routh. Dann folgte sogleich der Lustmord an einem 13jährigen Kinde unb nur zwei Tage später daS Sittlichkeilsverbrechen an einem 7iHjrigfn Mädchen. Fünf entsetzliche Taten, die gen Himmel schreien jlt unserem Stadtgebiet tn, Laufe von zirka zehn Tagen! An, Anfang ^s Jahres 1906 hatlcn wir zehn vom Hundert, später wieder acht von, hundert uneheliche Geburten. Also ist etwa der elfte Mensch in Kasfeßunehelich geboren. Dor dcr Ehe gezeugt sind viel mehr. Die äi-gfan Sünden dieser Art aber werden nicht von dcr Polizci registriert 3ttcr denkende deutsche Mann siebt ein, daß die Seuche da ist, daß sic mitem Botte bas Marl au5- fäugen will. — Helsen Sic, daß die Bcstr^ungen des We:ßcn Krciiz-
bundcs mehr als bisher unterstützt werden! Die Gemeinden werden mitarbeitcn, wenn ihre berufenen Führer c5 wagen, sie anfzurufen zum Helfen. Gott walte es!
Tiefes Srhrcibcu wäre als eine Ausgeburt krankhafter Prüberie vielleicht geeignet, bas Gelächter ganz Europas hervorzurtiseu, wenn cs nicht schiene, als ob cs sich hier wie anberswo um ein planmäßiges Vorgehen bes Weißen Krenzbunbes hanbele, ber baS Nackte in ber Kunst systematisch zu bekämpseu sucht. Bemerkt sei, baß an bcm Brunnen, ber ber ctabt vom Verschönerungsverem zum Geschenk gemacht worben ist, bereits verschiebene C v n a" „i ente bei d) ab igt worben sind. Tiefer Vaubcttismus gibt im Hinblick auf bic eben gekennzeichnete kuustfeinbliche Gesinnung ent- schieden zu benfeu. Tos Ganze ist ein cklatanter Beweis dafür, wie fehl uns in Teulfchlanb eine künstlerische Kultur mangelt, wie sehr eine planmäßige Erziehung zum Kuustgeiiuß von Jugenb auf nötig wäre.
Rembrandt-Almanach 1906—1907. Eine Erinnerungsgabe zu des Meisters drcihundertstem Geburtstage. Reich illnstricrt. Geb. Mk. 1.— (Stuttgart, Deutsche Lcrlagsaustalt). — Diese aufs vornebmstc auS- qestatlcic, mit Buchschmuck von M. I. Gradl gezierte Festschrift zur Rcmbrandt-Fkicr will ciiiersciis z»m Dcrständuis des Meisters und seiner Schöpfungeil beitragen, dann aber, überhaupt zur Pflege künstlerischcr Knllnr mit Helsen. Mehrere hcrvorragcndc Knnstschriststcllcr und Dichter haben sich zu diescin Zwecke vercinigt, nm jeder in seiner brsonderu Weise dein Gcfciericn den Tribut ihrer Bewunderung und Ehrfurcht darzudringcn; zwischen ihre Beiträge eingcstrent finden wir eine Auslese von beruh,utru Werten des Künstlers u,' vorzüglichen, 311111 größten Teile ganzseitigen Rcprodnttioncn, darunter die Bildnissc Rembrandts selbst und seiner Fran SaSlia in incistcrhaftcm Bicrfarbendrnck. Die Reihe dcr Texibeiträge, denen ein Kalendarium für 1906 und 1907 vorangcht, eröffnet dcr bekannte Lyriker Karl HeuckcU mit einem machtvollen HhmnuS auf Rembrandt, der auSklingt in den jubelnden Rnf: „Der Lebende jauchze dem Lebenden Recht, und Rembrandt, der Sieger, soll leben!" Richard Muther schildert dann 111 seiner und dabei allgeineinverständlicher Art das Leben des Meisters in seinem sieghaften Cmporsteigen zu Glück und Rnhin wie ui seinem erschütternden, unaufhaltsamen Niedergang: tue „Tragödie des ersten modernen Menschen". Daran reihen sich die Aufsätze: |
Im Schallen Rembrandts von Karl Schessler und Rembrandts Tragweite ans der Feder- des holländischen Malers Jan Beth, die darlegen, was Nembrandl dcr Gcgmwarl bcdculet. In dein Kapitel: Rembrandt und seine Zcil entwirft der Historiker Ed. Hcyck cin buntes Bild holländischen' Lebens und bolländischer Malerei vor drei Jahrbnnderten und legt die Zusammenhänge des Künstlers mit seiner Zeit dar. In einem kurzen Briese über Rernbraudls Haus weiß uns Alfred Lichtwark den Ultimen Reiz der schlichten Stätte am Eingang des Amsterdamer JudenviertelS lebendig 311 machen. 5)0311 kommen mannigfache kleinere Beiträge wie „Tie Bewcgnug der Preise Rernbrandtscher Bilder" von Hans Flocrke, ."Rembrandt und seinesgleichen', „Ein Brief Rembrandts" u. dgl. Zum Schluß tönt das Ganze bann aus mit den herrlichen Strophen der „Vision- Reiubraudt, der Künstler von Richard Schaukai, womit dem Dichter ein gevankentiefes Gedicht vom Künstler und jcincr Sendung gelungen ist.
— Fräulein Martha Sauten vom Stadttheater in Breslau gastierte am Schauspielhaus«: in Frankfurt a. M. als Elisabeth t„@lü(f im Winkel") und Hera aus Engagement. In beiden Rollen zeigte die Dame gutes schauspielerisches Können.-
* D i e neuen R c i ck) s st e u e r g c s c tz c, weld)e unter bem Tat,im bes 3. Juni im Reichsgesctzblatt publiziert würben und mit bereu tieleingreisenden Bestimmungen (man bcnke nur an ba5 Erb- schaitssteuerstefetz) man sich wohl ober übel wirb vertraut"machen müssen, finb soeben m einer haubltcheii Textausgabe zum Preise von Mk. 1.80 in ber E. H. Beckfchen V e r 1 a g s b u d)» Handlung, Oskar Beck, in München ersdzienen. Die in bem übersichtlich gebrückten unb bestens ausgestatteten Bänbchen zu- sammongefaßteii Gesetze, bie bekanntlich schon am 1. Juli bezw. 1. August in Kraft treten, umfaßen bie neuen Bestimmungen über A u t 0 m 0 b i 1 ft e u c r (Erlaubniskarten für Kraftfahrzeuge), Börsen ft eucr, Brau it euer, Z ig a r e t l e n st e u er, Er b- { d) a f t ö ft e u c r, hantle m c n ft c u c v, enblid) F a h rkart c n- u n b F r a ch t ft cmpc l. Ein eingehendes, alphabetisches Register erleichtert bie Benutzbarkeit ber Ausgabe, bic allen Beteiligten zur Anjchafsuug empfohlen werben kamt.


