zugewiesen 582 Mck. 7 Pfg., hessischen Gemeinden 3342 Mk. An Vermächtnissen empfing der Haupt verein 2880 Mk. 3 Pfg., einer Anzahl! unserer Diasporagemeinden stossen $ii von 13 auswärtigen Hauptvereinen 2725 Mk., vym Zentrakvorstand 1700 Mk., von vier auswärtigen Frauen- vereinen 195 Mk. und von zwei auswärtigen Zweigvereinen 130 Mk., von auswärtigen Privaten vier unserer Pfleglinge 227 Mk. 50 Pfg. i>cün begrüßten die. Festversammlung Obcrkonsistorialrat D. Petersen int Namen des Großh. Oberkonsistoriums, Professor D. Eck als Vertreter der theologischen Fakultät Gießen, Abgeordnete der .Hauptvereine Frankfurt, Kassel und Wiesbaden und Pfr. Büchner-Selters im Auftrag des Evang. Bundes. Professor Drümpert machte die Beschlüsse des Verwaltungsrats bekannt und erteilte dem Rechner des Hauptvereins, Re- gierungsnat Fuchs zu Darmstadt, Entlastung. Am Schlüsse des Gottesdienstes wurde eine Kollekte für die hessische Diaspora erhoben. Um 1 Uhr begann das Festmahl im Gasthaus „Zur Pose'. An S. K. H. den Großherzog wurde ein Huldigungstelegramm gesandt. Um 1 A Uhr wurde die stark besuchte Nachversammlung im „Mauergarten" von Dekan Hainer mit einer kernigen Ansprache eröffnet. Die Pfarrer Kunkel-Fürth und Reich-Wolferborn hielten Vorträge, der Kirchenchor Ortenberg und der Ober-Mockstädter Posaunenchor und Privatpersonen erfreuten die Anwesenden durch Darbietungen deklamatorischer und gesanglicher Art.
----- Watzenborn-Steinberg, 4. Juli. Knaben fanden auf dem Felde eine Anzahl nichtverschossener Platzpatronen, welche Soldaten bei einer jüngst im hiesigen Gelände vorgenommenen Hebung verloren hatten. Die kleinen Finder machten es sich zu einem Vergnügen, durch Anschlägen des Zündhütchens die Patronen zur Entladung zu bringen, wobei die Holzpfropfen unter lauter Detonation herausgesprengt wurden. Das gefährliche Spiel dauerte so lange, bis eine Patronenhülse barst und einem Knaben an den Händen Verletzungen brachte.
x Trais a. d. Lda., 4. Juli. Der Ertrag der Kirschen ernte an den Gemeindekirschbäumen ist so gering, daß von einer Versteigerung abgesehen werden soll.
(x) Friedberg, 5. Juli. Ein Einbruch wurde beim Schlossermeister Hestermann versucht. Der Dieb wurde bemerkt und im Keller verhaftet. — Eine Betrügerin erschwindelte bei mehreren Kleibergeschäften Stoff zu Blusen und Rocken. Sie gab vor, bei hiesigen Familien zu Besuch zu sein, erst als man dort wegen Rückgabe dec Stoffe anfragte, bemerkte man den Schwindel.
□ Hungen, 5. Juli. Eine Kunstausstellung wurde gestern in den Räumen der höheren Bürgerschule eröffnet, die der Rhein-Main-Verband für Volksvorlesung und verwandte Bestrebungen hier veranstaltet. Die Ausstellung zeigt eine große Anzahl Künstlersteinzeichnnngen aus dem Verlag Teubner und Voigtländer. Daneben sind auch die alten Meister wie Rembrandt, Murillo, Dürer, Holbein, Rafael u. a. und neuere wie Dr. Greiner, Richter, Schwind u. o. vertreten. Die Ausstellung umfaßt zirka 300 Werke; sie ist Sonntag?, Mittwochs und Samstag bei freiem Eintritt geöffnet. Für Schulen und Privatpersonen empsiehlt sich die Besichtigung sehr.
P- Dorlar b. Wetzlar, 5. Juli. Unsere Unterrichtslokale laffen seit Jahren viel zu wünschen übrig. Run wird diesem Ucbelstande durch den Neubau eines Schultz auseS am AuSgang des Dorfes nach Atzbach abgeholfen. Die Bauarbciten und Lieferungen sollen öffentlich vergeben werden. Das neue Schulgebäude erhält drei Lehrsäle und eine Lehrerwohnung.
p. Aus dem Kreise Wetzlar, 5. Juli. In unserem Kreise findet man noch viele Fachwerkhäuser. Der Giebel, den das Haus nach der Straße zu zeigt, ist vielfach mit hübschem Schnitzwerk geschmückt. Sehr häufig findet man auch sinnreiche Sprüche an den Balken zwischen dem ersten und zweiten Stockwerk eingegraben. Leider zeigt sich das Bestreben, in Verkennung der Schönheit eines originellen Holzbaues die Wände zu übertünchen und bisweilen nichtssagende Eindrücke vorzunehmen. Es ist deshalb zu begrüßen, daß unsere KreiSbetzorde und mit ihr viele Altertu.nsfreundc nach bestem Vermögen tätig sind,' im Kreise Wetzlar das schöne Alte zu erhalten.
p. Burgsolms (Lahn), 5. Juli. Die hiesigen postalischen Verhältniffe genügen nicht mehr den gesteigerten Ansprüchen. Unsere Handelskammer hat deshalb die Umwandlung der hiesigen Postagentur in ein Postamt 3. Klasse erwirkt.
Vern-ischte».
* Hamburg, 5. Juli. Heule stacht schlugen helle flammen aus den großen Kellerräumeu unter dem
Turm der Michaeliskirchc heraus. In diesem Raum befanden sich große Kohlenlager. Die Brandwache setzte sofort den ganzen Keller unter Wasser. — Aus Anlaß des Brandunglücks sind dem Senat zahlreiche Bcileids- kundgcbungen zugegangen. Prinz Heinrich telegraphierte: „Ich kann nicht unterlassen, Ihnen mein aufrichtigstes Mitgefühl ausztlsprcchcn über die jüngste Braudkatastrophe, die Hamburg heimgcsucht hat und eines seiner edelsten Bauwerke beraubte. Ich hoffe, das; Menschenleben nicht zu beklagen sind." Fürst Bülow sandte folgendes Telegramm: „Der verhängnisvolle Brand, von welchem Hamburg heimgesucht worden ist, hat mich mit aufrichtiger Teilnahme an dem Unglück der schönen, mir persönlich so nahe stehenden Stadt erfüllt, die in der Micha- eliskirchc eines ihrer alten Wahrzeichen verloren hat. Daß auch Verluste an Menschenleben zu beklagen bleiben, ist mir besonders schmerzlich. Möchte auf der Stätte der Zerstörung ein neues Denkmal des Gottvertrauens sich erheben, das Hambitrg in guten und bösen Tagen bisher niemals verlassen hat."
* Kleine Tageschrvnik. In dem ungarischen Orte S a g h wurde die Entdeckung gemacht, daß der gleiche Täter, der vor kurzem die Gruft der Familie des Grafen Szechenyi erbrochen hatte, auch in die Familiengruft des Fürsten zu Hohenlohe eingcdrungen ist, den Sarg der Gräfin Chlodwig (Marie) zu Hohenlohe geöffnet und Juwelen entwendet hat. — In Westerland (Sylt) wurde unter dem Verdacht, die zu seiner Wahl int April v. I. eingeforderte'n Papiere gesälscht zu haben, der Bürge r in e i st e r Kindel verhaftet. — Nach Telegrammen aus New-Pork ist in dem Vergnügungsort Lakemanawa bei Omaha eine Plattform am Wasser eingestürzt. Es heißt, daß ü b e r 5 0 M e n s ch e n in de n Fluten umgekommen sind. Einzelheiten fehlen noch.
Der Dreyfus-Prozetz.
Paris, 5. Juli.
Der Generalstaatsantvalt spricht die Ansicht aus, der Kassationshof müsse das Urteil ohne Verweisung an_ ein anderes Gericht aufheben, wenn festgestellt ist, daß die Tat, welche die gerichtliche Verfolgung begründete, tu Wirklichkeit nicht bestehe, oder, wenn sie bestehe, weder ein Verbrechen noch ein Vergehen bilde. Ueberdem sei der Nachweis von der U n s ch u 1 d Dr e v f u S' und der Schuld Esterhazys geführt worden. Es sei unmöglich, Esterhazy, der früher.freigesprochen wurde, jetzt anzuschuldigen. Er verlange also die Kassation ohne Verweisung vor ein neues Kriegsgericht. Niemals iverbe der Kassationshof eine feierlichere Gelegenheit haben, ruhmvoll die höchste Gewalt auSzuüben, indem er die Gerechtigkeit und Wahrheit triumphieren lasse und dem Lande den Frieden wiedcr- gebe.
Der Verteidiger M o r n a r d stellt fest, daß dies die vierte Staatsanwaltsrede sei, welche die Unschuld des Dreyfus ausspreche. Die Haupturfache der Irrtümer sei der Antisemitismus gewesen, welcher im Jahre 1894 in militärischen Kreisen und sogar ganz Frankreich herrschte. Als Dreyfus als Jude und trotz des schlechten, ungerechten Zeugnisses, das ihm General Bonnefou ausgestellt hatte, in den Generalstab getreten sei, da habe man ihn von vornherein für einen Verräter gehalten. ________
Universitäts-Nachrichten.
— G-h. Kirchenrat Prof. D. Ferd. Kattenbiisch in Göttingen hat den Ruf nach Halle zum 1. Oktober angenommen.
— Anläßlich der Grundsteinlegung für die Universität Freiburg i. B. wurden die Abgg. Obkircher und Zehnter sowie der Referent für höheres Unterrichtswcsen im Kultusministerium, Geheimrat B echerer zu Ehrendoktoren ernannt.
Arbeiterbewegung.
Berlin, 5. Juli. Die hiesigen Brauereiarbciter beschloßen, in eine Lohnbewegung einzutreten. Sie stellten folgende Forderungen auf: I. Mimmallohn pro Woche von 36 bezw. 32 Mark für gelernte und ungelernte Arbeiter, 2. 9 Stunden Arbeitszeit am Tage und 8 Stunden bei Nacht, 3. Stundenlohn für Ncberstundcn 80 Pfg., für Sonntagsarbeit 90 Pfg-, 4. 14 tägige Kündigungsfrist, 5. Sommcrurlaub von einer Woche, 6. Freigabe des 1. Mai als Arbciterseicrtag, 7. Abschluß eines Tarif- aertraqes mit 2jähriger Dauer. ________________
Handel und verkehr, Volkswirtschaft.
— Voll der Berlin erBörse. Die neueste Hausse scheint chon wieder am Ende angelangt zu sein. RiissensondS gingen zurück auf das angebliche Verbleiben Goremykins im Kabinett. Sonst verhielt sich das Pnbliklim sehr zurückhaltend und es herrschte auf allen Gebieten große Stille. Dazu kommt noch, daß aus Köln das Stilliegen zweier neuen Hochöfen berichtet wurde, doch ist hierail nicht Absatzmangel schuld, sondern Knappheit der Koksoorräte. Kaliwerte ioaren anfangs etwas erholt, ermatteten später jedoch wieder. Zll Schluß der Börse war die Haltung fest, der Privat- dlskont stabil 3 % pEt.
7- Kursrückgänge in Kaliwerten. Gerade so, wie die Kaluverte seinerzeit sprungweise in die Höhe gingen, ebenso rapiö gehen sie jetzt zurück. Am meisten verloren ivird an den Hujen und Aktien, die nicht offiziell notiert sind, soilderil int freien Verkehr umgesetzt werden. Es wichen z. B. die Geldkurse des 2. Jailuar und 2. Juli bei Aleranderhall von 10.350 bis 9150,
Bürbach 15.600 bis 14.100, Heldrungen 4100—2850, Hohenzollern 9000—8000, Sieamundshall alte Aktien von 356 Proz. Brief bis 290 Proz. Br., Wilhelmshall von 15.900 Geld bis 13.700 Geld. Die offiziell gehandelten Aktien der Gesellschaft Aschersleben find in dem angegebenen Zeitraum von 175 Proz. bis 165.75 Proz. zurückgegangen, Westeregeln von 254.50 bis 253. Die Vorzugsaktie»^ der gen. Gesellschaft hiitgegen notierten am 2. Jamiar 105.75, sie stehen gegenwärtig 106 Proz. Wie wir schon früher bemerkten, liegt eine der Ursachen der Depression in dem bekannten Sollstedt-Konflikt. Das Kaliaktieil besitzende Publiknnt befürchtet die Sprengung des Kalisyndikats. Im übrigen macht sich auch der Zlig der Zeit gellend imb der geht noch immer nad) rückwärts.
— Ein Petroleumkrach in Oesterreich. Von den in den letzten Jahren ins Leben gerufenen österreichischen Petroleumgesellschaften haben so zieinlich die meisten den gehegten Erwartungen nicht entsprochen. Als neuestes wird mitgeteilt, daß die Galizische Karpathen-Petroleum- Gesellschaft für das abgelaufene Geschäftsjahr keine Dividenden verteilen kann. Es sind damit abermals die schwierigen Verhältniffe in der öfter» reichischen Petrolcumindustric gekennzeichnet. Jit einer schlechten Lage be« findet sich ferner die Petrola, weiter die Gesellschaft für österreichische und ungarische Mineralölprodukte. Auch diese Organisationen haben die in sie gesetzten Hoffnungen nicht gerechtfertigt. Die Kreditanstalt und die ungarische Kreditbank, welche an dein Geschäftsgang in der Petrolcum-- industrie mit namhaften Beträgen partizipieren, unterstützen zwar die Petroleumsverwertungsbestrebungen, andererseits aber wollen sie sich nicht in riskante Transaktionen einlassen. Das einzige was bis jetzt von den Gesellschaften erreicht worden ist, ist, daß die Preise für Petroleum gestiegen sind. Ein Erfolg von recht zweifelhaftem Wert.
Markte.
— Butzbach, 5. Juli. Der heutige Schweinemarkt war nm etwa 1100 Stück Jungvieh befahren, es fehlte jedoch an Käufern, sodaß kaum die Hälfte umgesetzt wurde. Besonders stark war das Angebot in 5—8 Wochen alten Ferkeln, die denn auch etwas billiger als seither mit 45—55 Mark das Paar abgesetzt wurden. Einleger von 12—15 Wochen alt erzielten die seitherigen Preise von 115—130 Mark das Paar.
Mrchlrche Nachrichteir.
Evangelische Gemeinde.
4. Sonntag nach Trinitatis, den 8. Juli. Hottesdienll.
In der Stadtkirche.
Vormittags 8 Uhr: Pfarrer D. Schlosser.
Zugleich Christenlehre si'ir die Neukonfirmierten der Matthäus» gemeinbe.
Vormittags 97, Uhr: Pfarrer Schwabe.
Vormittags 11 Uhr: Kinderkirche für die Markusgemeinde.
Pfarrer Schwabe.
In der Iohauncskirche.
Vormittags 8 Uhr: Pfarrassistent Steiner.
Zugleich Christenlehre für die Neukonfirmierten aus der Johannesgemeinde.
Vormittags 9Vt Uhr: Professor D. E ck.
Nach allen Gottesdiensten Kollekte für die evangelische Gemeinde H 0 r ch h e i m bei Worms zur Erbauung einer Kirche.
Sonntag Abend 8 Uhr: Versammlung und Bibelbesprechung im Konfirmandensaale der Johanneskirche.
Katholische Gemeinde.
Samstag, den 7. I u l i:
Nachmittags um 5 Uhr und abends um 8 Uhr Gelegenheit zur heil. Beichte.
Sonntag, den 8. Juli:
5. S 0 n n t a g nach P f i n g st e n. Vormittags von 67, Uhr an: Gelegenheit zur heil. Beichte.
• um 7 Uhr: Die elfte heil. Messe, vor und in derselben Austeilung der heil. Kommunion.
v um 8 Uhr: Die zweite heilige Messe.
„ nm 9'/, Uhr: Hochamt mit Predigt.
Nachmittags um 2 Uhr: Christenlehre; darauf Andacht.
Meteorologische Beobachtungen der Station Gießen.
Juli
1906
Barometer auf 0° rebuziert
Temperatur ber Lust
Absolute Feuchtigkeit
Relative Feuchtigkeit ।
Winbrichtung
Windstärke
Wetter
1 II
5.| 2» 743,6
0. 9" 742,5
6. 7" | 743,0
1
Höchste T
Niedrigste
22,7
17,5
15,8
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13,8 12,0 12,1
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Bew. Himmel
Bed. Himmel
9° C.
5 • C.
Temperatur der Lahn und der Luft in ber' Mulle r'schen Babeanstalt.
Wasser 17° R.
Schiffsnachrichten.
Ned Star Linie.
Der Postdampser „Krooulanb" der Red Star Linie in Antwerpen, ist laut Telegramm am 3. Juli wohlbehalten in Newyork angekommen.
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'-Aeßer auch noch etwas Höheres kennt, als die geisttötende Ulltagsarbett. Kommt also hierher, Millionäre, strömt herbei aus der Großstadt mit ihrer affeftierten Sauberkeit, aber mit ihrem naturfremben Gemüt, und genest in Gießen unter dem Guano der Natürlichkeit.
Gerade der reiche Mann langweilt sich so oft, weil es ihm an Arbeit, aber auch an Unterhaltung fehlt. Mehr und mehr ächt ferne Heiterkeit dahin. Er komme nach Gießen, der Stadt nicht blos der unbegrenzten Möglichkeiten, sondern der Stadt der unbegrenzten Freude durch ihren Kultus der edelsten Muse, e an r Vorder- und Hinterhäusern zu jeder Tages-,
auf Wunsch auch Nachtzeit, tönt bei weit offenem Fenster das angenehme Klaviergeklimper oder das imposante Klaviergepauke der strebenden Töchter aller Stände und wer das Unglück hat nur vier Klaviere gleichzeitig zu hören, der wird entschädigt durch das über drei Querlttaßen „auf Flügeln des Gesanges" zu ihm dringende sehnsuchtsvolle Ringen einer holden jungen ort auch schon älteren Mädchenseele nach Verständnis. Und wie angenehm wechseln mit diesen packenden Genüfftn die idyllischen Töne der Ziehharmonika des Gesellen oder des Pistons des Studenten aus einem der typischen Hinterhäuser, die ohne Musik gar mcht denkbar sind. Ein offenbar iedes Ideals barer Stadtverordneter beklagte sich über die nach seiner Meinung überreiche Gießer Musikmacherei bei offenem Fenster. Aber mit Recht wurde ihm geantwortet, die Stadt hätte keine Handhabe zur Unterdrückung des freien Bürgers in Ausübung edelster Kunst Asio iträmt herbei, ihr Millionäre, hier in Gießen findet ihr Freiheit alles zu tun oder zu dulden, je nach der Bildungsstuf' auf der ihr steht. Ein Optimist schrieb einmal an den Vater einer solchen Musiksee und bat, bei ihren Emanationen die Fenster zu schließen. Er erhielt in edelstem oberhessischen Stil die Antwort' „Die Kinner könne doch nicht in murfmc Zimmer Klavier spiele" Damit ist nun die Tatsache wenigstens erklärt. Die Musik dient hier in Gießen wesentlich als Luftreinigungsmittel, itnb wenn man hi-'r bei offenen Fenstern Musik machen hört, kann man getrost sagen: dort oben ist nicht gut sein, da gibts muffige Stuben.
Für verwöhntere Kulturmenschen muß ganz besonders hervorgehoben werden, welch' außergewöhnlich saubere Stadt Gießen JE- Schon morgens um 7 Uhr und tagsüber zu jeder Stunde
schütteln die reinlirfyen Gießer ihre Tevpiche, Bettdecken, Staublappen aus dem Fenster Wenn ein dummer Tölpel, statt sich aus der Ferne über diesen ausgeprägten Reinlichkeitssinn zu freuen, unter den Fenstern herläuft, geschieht es ihm recht ft*™ ,<T cme Wolke Hausbazillen auf den Kopf bekommt' bei der Stadtverwaltung ist die Reinlichkeit Nr. 1. Vom truneften Morgen bis spät abends toerben die Straßen qc = rehrt und wenn man es gut trifft, kann man den ganzen Tag auf feinen Wegen die segensreiche Tätigkeit dieser Fegerkommission mit Auge und Nase belauschen.
Manche, besonders die Resideuzler aus Darmstadt, behaupten zwar, Gießen fei ein schmutziges Nest, und während man bei 1 -t 1 n. oberen Städten wenigstens int Sommer die An- nelmilichkeit^ eines trockenen Bürgersteiges genieße, patsche mau auch im Sommer in Gießen in einem schmutzigen Sumpfe herum und Damen müßten den ganzen Sommer auf dem Straß.m- damm laufen, um keine „Säume" zu bekommen. Natürlich ist das ein oberflächliches hämisches Gerede. In Darmstadt hält ft^^ fton Hygiene. Wir begießen täglich zweimal unlere Trottoirs und wenn wir es nicht tun, lassen wir uns freudig bestrafen, denn was wäre der Mensch ohne Hygiene'-' ein bloßer Hottentotte! Es gibt nichts angenehmeres, a(5 wenn Die Trottoirs, die im Sommer zwischen 12 und 2 Uhr die höchste Temperatur angenommen haben, mit Wasser begossen werden Cm angenehm bittimmös rieck-ender Wasserdunst umgibt den d* reine Gewächshausluft, man braucht inJn^aU Aohr aufzusuchen. Eine wohltätige
Transpiratioir ergreift den Körper rn dieser dunstigen Atmosphäre ebenso gesund, als angenehm. Wenn bei dem imwensen Ver- iro-cr -nuf £.ct? .Seltersweg, der natürlich durch die Millionäre noch steigen wird, sich im Laufe oes Tages das stagnierende Wasser ui eilt angenehmes quatschendes Sümvflein nmwandelt, so müssen sich die Damen eben dieser wohltätigen AmnAung anbequemen. Wir empfehlen ihnen die diesen Ver Aftl ntffen aerabezu angepaßte, so kleidsame oberhessische Tracht Winenichaftlich ist d,efe Polizeiverordnung noch nickt qani nuf- gellart ober die Polizei nt ja der Wissenschaft so ost voran xutem Werke, daß die gefährlichen Bakterien gerade durch Trockenheit getötet würden und alles böse Keim- zeug durch Nasse angenehm lebendig würde. Aber das muß
dock wohl Irrtum sein, obwohl das Buch von einem berühmten. Profejsor^ herriihrt: beim sonst würde man wohl aud=> in unterer ^tadt aus diesem Grunde die Annehmlichkeit trockener Trottoirs int Sommer vorziehen.
, . Und nun unsere V e r k e hrs v e r h ä l t n i s s c. Bedeutend! bedeutend! Man muß natürlich nicht über den Omnibus lächeln, der gar kern Verkehrsmittel ist, sondern nur den künftigen JJerW -markieren" soll Er wird meistens Rheumattsmus- kranken und Gehtrnleidenden mit Erfolg von Aerzten em- Eg zurechtgeschüttelt werden.
Em Nachteil bleibt freilich, daß das Geld im Porte- rftkmer ganz durcheinandergeschüttelt wird. Aber Abkehr blüht, nämlich durch das Karossen- Siwh-A ^-2" lütcrbf leder Bürger gezwungen, immer an-
Swerspanntg zu fahren in einer imposanten Glaskutsche ^<?^ner, unb wenn er blos in 5 Minuten an die Bahn fahren wrll. Die Bezahlung ist ebensaNS zweisttän- r.1 Fuhr Monopol ist, ganz angemessen unserer Stadt,
& akademisch Wenn eine studentische Auffahrt statt- findet, dann müssen btc übrigen Bewohner im Leiter- SLrzS? fa^e,L Auch der Rektor der Universität muß auf ob noch ein Wagen für ihn übrig bleibt Da
Die Millionäre bekanntlich immer eigene Wagen haben, so gibt ^0 sich ihres Besitzes so freuen können wie hat die Stadt fremde Gesellschaften, die hier Drosmken emführen ivvllten, abgewiesen, beim die Stadt Dadurch ein so gemeines Aussehen erhalten, daß die
Nttluonare abgeschreckt werden könnten.
Wer die Leute^ani Biertisch haben zweifellos recht. Gießen M die eigentliche -ladt für den behaglichen Geldverzehrer. So wie bet Hilf findet er es nirgends. Mso öffnet die £ore weit, Damit sie beremfömten, die Millionäre mit ihren Geldsäcken, sich unjerer para dies sichen Verhältnisse mit freuen nnd unsere Kommunalsteuern mit bezahlen ljelfen.
Im übrigen wollen wir aber mit unseren Studenten fingen r1 1"'r (^,r^ft soll leben! Hurra hoch! Es soll so ge- - bie Millionäre in seinem eigenen Schoße erblü^w und Cy reine von außen zu importieren braucht.


