Nr. 156 Zweites Blatt 156. Jahrgang
Erscheint E-Nch mit Ausnahme de« Sonntag«.
®te „«iefcttttr LamilienblStler- werden dem »Anzeiger viermal wöchentlich beigelegt. Der Laudwttt" erscheint monalltch einmal.
Gießener Anzeiger
Freitag 6. Juli 1906
Rotationsdruck und Verlag der BtüfrCfcbEÄ
Unwersitätsdruckeret. R. Lange, (8tefcau
Redaktion. Expedition «.Druckerei: Schulftr.R, Tel. Nr. BL Tetegr^Adr.: An-erg« tSteßen.
General-Anzeiger, Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.
Aolonialpoft.
__ Nach einem Tclegranim des Gouvernements aus Dar-es-Sa la am hat die im Süden des Schutzgebietes operierende Kompagnie Schoenberg ain Kiturika und Luvegu Widerstand gefunden und am Dapats den Gegner überfallen. Nähere Meldungen fehlen noch. In Irak« haben sich die Detachements aus Kilinratinde. Mpapua und Mcschi nm 25. Juni vereinigt. Der Ausstand ist zurzeit auf Irak» beschränkt; die Aufständischen stehen an der Karawanenstraße bei Dagave. Das Detachement Hirsch aus Tabora sollte am 28. Juni in Irak», eintreffen.
— Der „Nat.-Ztg." wird die Meldung, Deutschland werde die Initiative zur Einberufung einer neuen Kongo- Konferenz ergreifen, von unterrichteter Seite als unzutreffend bezeichnet.
London, 5. Juli. Die Times meldet aus Kapstadt, daß 2106 Herero-Männer und Frauen, sowie andere Kplgeborene aus Deutsch-Südwestafrika auf kapländisch em Gebiet gefangen gehalten werden. Die Kosten der Unterhaltung der Gefangenen trage die deutsche Regierung.
Durban, 5. Juli. Eine englische Kolonne wurde dreinial hintereinander von Eingeborenen angc- griffen. Hierbei wurden 40 Eingeborene getötet.
ß’tn RaubantaT im Kisenöahnzuge.
Ein Raubanfall, wie er in Deutschland glücklicherweise selten zu verzeichnen ist, wurde Donnerstag nacht in dem Badezuge Berlin — Norderney verübt: Als die Gattin des Geh. Ober-Finanzrats Nölte aus Groß- Lichterfelde mit ihren drei Kindern und der Gesellschafterin sich auf der Fahrt hinter Rathenow befand, trat ein Mann, mit Revolver bewaffnet und durch Schwärzen des Gesichts unkenntlich gemacht, in das Coupe 1. Klasse und verlangte unter Drohung das Geld der Passagiere. Nachdem ihm die Frau Geheimrat alles vorhandene Bargeld — 7 Hundertmarkscheine — abgeliefert hatte, mußten auch die Kinder ihre Portemonnaies, in denen sich 2,25 und 3 Mk. befanden, ausliefern, ebenso wurde die Gesellschafterin ihre Barschaft in Höhe von 9 Mk. los. Nun öffnete derRäuber die Abteiltür wieder und verschwand int Dunkel der Nacht, während sich der Schnellzug in voller Fahrt befand.
Die Geheimrätin verließ den Zug in Stendal und machte sofort Anzeige. Es gelang aber nicht, eine Spur des Täters zu ermitteln. Man vermutet, daß dieser nach Berlin zurückgekehrt ist. — Die aufs Aeußerste erschreckte Dame hat mit ihren Angehörigen in Stendal den nächsten Nachtzug nach Berlin abgewartet und ist wieder in Groß-Lichterfelde eingetroffen.
Inzwischen haben sich die K'ri m i n a l b e hö r d e n von Berlin, Stendal und Rathenow vergeblich bemüht, des Täters habhaft zu werden. Dre Ueberfalleneu wissen auch nicht genau, ob er aus dem Abort oder von äußert in das Abteil gestiegen ist. Ferner haben sie aus Angst, daß der Mann schießen würde, ihm, als er das Abteil verließ, nicht nachgesehen. Der Mann kann also in eilt anderes leeres Abteil geklettert und dort sich abgeschminkt und seine Kutte in einen Koffer verpackt haben.
Die Eisenbahndirektion Hannover hat 1000 Mark Belohnung für die Ergreifung des Verbrechers ausgesetzt.
*
Dieser Raub an fall enthält eine ernste Warnung für das Publikum und noch mehr für die Eisenbahn Verwaltungen. Das Publikum muß in der Reisesaison, wo viele verbrecherische Elemente die Gelegenheit zur Betätigung wahrnehmen, bei der die Aufregung der Reisenden, Trubel auf den Bahnhöfen usw. so sehr zu
Die Stadt der unbegrenzten Unmöglich!! rttn.")
Gießen, 6. Juli.
Seit der Kaiser Gießen mit seinem allerhöchsten Besuch beehrte, gehört unsere Stadt mit zu jenen, „von denen man spricht". Und mit Recht. Auch dieser Besuch ist blos ein Symbol des kulturellen Aufschwunges, in welchem sich die Provinzialhauptstadt bewegt. Sieht man nicht Zeichen dafür allerorten? Ein prächtiges neues Bahnhofsgebäude empfängt uns. In der Mitte per Stadt erhebt sich schon die Basis des Muse n- tempels aus dem Boden, und ist das Weichbild der Stadt zu Ende, liegt in weihevoller Stille ein nronumentaler Friedhof, schöner gelegen, als die Wohnungen st'ir die Lebenden. Leider fehlt ih-nt noch das zeitgemäße Krematorium. Eine clektrischcBahtt soll entstehen, womöglich auf Gummi- räbenr. Eine großartige Knualaulage ist im Bau und macht den Bürgern die größte Freude, so daß sie gern, statt einer einfachen, eine doppelte Rohrleitung bezahlen und sich fröhlich ihre Häuser demolieren lassen, um selbst zu sehen, mit welcher Leichtigkeit die moderne Technik alle Schwierigkeiten außer dem Bureaukratismus überwindet. Die Kanalisation hat entschieden etwas Akademisches an sich.
„Ucb’ immer Treu und Redlichkeit In Deinem Röhrengrab, Und weiche keinen Finger breit Vom Millimeter ab."
So heißt das oberste Gesetz, aber es ist beruhigend, daß alle Einwohner in Zukunft die MomeMe stillster Zurückgezogenheit „vor-
*) Wir erhielten diesen satirischen Aufsatz von einem Herrn in hochgeachteter Stellung,. einem geistvollen Spötter, dem geiviß die Absicht durchaus fern liegt, durch die obigen Ausführliugei» unsere Stadt in der öffentlichen Meinung Auswärtiger zu diskreditiren. Wir sind der Ansicht, daß ihm vielntehr, wie so vielen, denen Gießen z»> einer neuen Heimat wurde, unsere Stadt mit der Zeit so lieb geworben ist, daß eS sein ernsthaft ehrlicher Wliuich ist, es möge eine Reihe von Mißständen, wie man deren ja allenthalben und wahrlich nicht allein bei uns in Gießen antrifft, allmählich beseitigt werden; es möge, um in seiner Tonart zu sprechen, ivenigstens ein winzig Teilchen der hier ironisierten „Unmöglichkeiten" noch vor Ausgang dieses Jahrhunderts in Möglichkeiten sich verwandelii. Heute fühlen sich schon gar viele Zugezogene heimischer und zu° sriedener in Gießen als anderSwo. Wie viel größer 'vird der Zuzug und die Zufriedenheit der Zugezoaenen werden, rnenn von beit hier besprochenen Zuständen ein Teil sich gebessert haben »vird!
Die Redaktion.
statten kommen, doppelte Vorsicht anwenden und lieber Zurückhaltung gegen nicht ganz vertrauanswertc Reisegefährten beobachten, als den Wunsch nach Anschluß und amüsanter Unterhaltung Folge leisten. Die Eisenbahn- verwaltungan aber werden angesichts dieses Vorfalls zu erwägen haben, ob für die Sicherheit allein reisender Damen und K' i it b c r hinreichend Sorge getragen ist. Das Verbrechen ist von einer Kühnheit, wie es bisher kaum anderswo als in Amerika begangen worden ist. Doch zählen Eiscnbabnüoerfälle in Deutschland keineswegs zu den seltenen Fällen. Es sei nur erinnert an das Attentat auf den Kammerherrn v. Zitzewitz, mit dem zuerst der flüchtige Mörder Hennig in Verbindung gebracht hntrb-c, ferner an den auf einer rheinischen Strecke verübten Uebcrfalt auf den Direktor eines industriellen Werkes. Ein Mann kann sich verteidigen. Aber die Forderung ist unbedingt zu erheben, daß sich in jedem Eisenbahnzuge, der längere Strecken ohne Aufenthalt zurücklegt, ein Abteil befindet, das ausschließlich Damen und Kindern Vorbehalten ist, und "zwar in allen Klassen, an denen von innen Tür-und Schloß sicherungcn angebracht sein sollten, die nicht ohne weiteres von außen, sondern nur durch die Insassen und Zugbeamten zu öffnen sind. Diese Sicherungen würden den allein reisenden Damen und Kindern zweifellos Schutz und Beruhigung gewähren. Daß außerdem dem Zugpersonal zur Pflicht gemacht wird, speziell den Franencoupös Aufmerksamkeit zuzuwenden im Interesse der Sicherheit dieser Reisenden, dürfte sich wohl von selbst verstehen.
2(115 Stadt und Land.
Gießen, den 6. Juli 1906.
" Jubiläum. An die am Vormittag deS 14. Juli zur Ehrung des Rektors Hahn aus Anlaß seines 50jährigen Dienstjubiläums stattfindende Schulfeier soll sich (siehe heutige 9(nnonce) nachmittags von 1 Uhr an eine allgemeine Feier mit Festessen in Steins Garten anschließen. Da der Jubilar eine lange Reihe von Jahren in unserer Stadt segensreich geivirkt hat, darf eine zahlreiche Beteiligung aus den verschiedenen Kreisen der Bevölkerung erwartet werden.
•• Die Entwickelung der Deutschen Turnerschaft im Jahre 1905. Das Ergebnis der am 1. Januar 1906 stattgehabten Bestandserhebung der Deutschen Turnerschaft ist erschienen und zeigt wiederum einen erfreulichen Fortschritt. Die Zahl der Vereine ist von 7296 auf 7538, also um 3,4 Prozent, gestiegen. Sie verteilen sich auf 6302 Orte gegenüber 6094 Orten im Vorjahr, in 208 Orten sind demnach neue Turnvereine gegründet worden. Die Zahl aller männlichen Vereinsangehörigen beträgt 772134, ein Mehr von 35 043 oder 4,75 Prozent, davon sind Zöglinge 123448 (mehr 6185 oder 5,44 Prozent). Dazu kommen noch 35106 Frauen und Mädchen, deren Zahl um 3846 oder 12 Prozent gewachsen ist. Die Deutsche Turnerschast umfaßt also insgesamt 807 240 Vereinsangehörige über 14 Jahre. An den Turnübungen nahmen 372 338 Turner teil. Gewachsen ist diese Zahl um 13 941 oder 3,8 Prozent. Auch der Turnbesuch ist größer? geworden, und zwar um 2,3 Prozent. Geturnt wurde in 748 638 Turnzeiten mit 17 939 721 Besuchen. DaS Knaben- und Mädchenturnen zeigt eine erfreuliche Zunahme. Die Zahl der Vereine, die das Kinderturnen pflegt, ist nm 12 Prozent gestiegen, von 726 auf 800. Knaben sind es 45 377, Mädchen 17 749, zusammen 63126 (60 260 im Vorjahre). Die Leitung der Uebungen lag in den Händen von 38 379 Vorturnern gegenüber 37 382 im Vorjahr. Auch im Turnbetrieb zeigt sich eine Besserung. Trotz der Zunahme an Vereinen ist die Zahl der im Winter nicht turnen könnenden Vereine von 536 auf
521 heruntergegangen. Es sind das 7 Prozent der Gesamtzahl. Diese erfreuliche Besserung beruht besonders darin, daß auch die kleineren Vereine bestrebt sind, sich eigene Turnhallen zu erwerben. Es besitzen solche zurzeit 670 gegen 624 int Vorjahre. Eigene Turnplätze haben 1076 Vereine (gegen 1020). Auch die Zahl der benutzten Gemeinde- und Schul- turnhallen ist gewachsen, von 1509 auf 1621. Zum Heeresdienst wurden aufgehoben 29 820 Turner gegen 29 601 im Vorjahre.
** Die 6 2. Iah resversammlun g des Hess. Hauptvereins der Gttstav Adolf-Stiftung fand unlängst in Ortenberg statt. Um 4ii Uhr wurde die Sitzung der Abgeordneten im Saale des Rathauses von Professor Trümpert durch Gebet eröffnet. Zu Schriftführern wurden Pfarrer Bogel-Gernsheim und Horst-Horchheim, zur Prüfung der 1905er Rechnung Dekan Strack-Leihgestern, Pfarrer Schrintpf-Butzbach und Pfarrer Dr. Bert-Weisenau, als Abgeordnete zur Generalversammlung in Augsburg die Herren Nebel bczw. Trümpert und D. Guyot bezw. Bayer bestimmt, die aus dem Vorstand satzungsgemäß aus-- scheidenden Herren Tr. Lahr, Müller, Harner und D. Guyot wiedergewählt. Für 1907' wird Michelstadt i. O. als Festort in Aussicht genommen. Nach Abzug der zur Tilgung; vom Hauptverein garantierter Kapitalschulden hessischer Gemeinden zu verwendenden 2500 Mk. bleibt eine verwendbare Summe von 30145 Mk. übrig, sodaß 32 645 Mk. verausgabt werden können. Hiervon werden 6000 Mk. dem Zentralvorstand überwiesen, 18 315 Mk. für 30 hessische Gemeinden, 5380 Mk. für 90 auswärtige Gemeinden, Anstalten und Fonds, 450 Mk. für die drei zur großen Liebesgabe vorgeschlagenen Gemeinden bestimmt. Außerdem wurden die Zinsen des Hubenschen Legats mit 105 Mk. Horchheim zugedacht. Der Unterstützungsplan wurde angenommen. Ter Vorsitzende teilte mit, da-; der Vorstand der Gemeinde Affolterbach die Zahlung der Zinsett und Tilgungsquote eines Schuldkapitals von 12 000 Mk., der Gemeinde Horchheim das Gleiche bei einem Schuldkapital von 20 000Mk. zugesagl hat. Verschiedene Herren betonen die Pflicht der Gustav Adolf-Gemeinden, sich bei ihren Kirchenbauten der Einfachheit zu befleißigen und unter diesem Gesichtspunkt den Architekten für den Kirchbau zu wählen.. Morgens 7 Ulfrc kündigte Glockenläuten und Choralblaseu das eigentliche Fest an. Um 9i/2 Uhr bewegte sich der stattliche Festzug in die geschmückte Kirche. Ten Altardienst versah der Ortsgeistliche, Dekan Ellenberger, die Predigt hielt Pfarrer Pabst-Morms. Professor Trümpert begrüßte die Festversammlung und trug den Jahresbericht vor. Die Einnahmen des Hauptvereins setzten sich zusammen aus 26 979 Mark 23 Pfg. an Beiträgen der 30 Zweiavereine, 4836 Mark 76 Pfg. Reformationskollekte, Gaben hessischer Frauenvereine zur freien Verfügung des Hauptvereins, Gaben v-ow Privaten und Kapitalzinsen. Der Hauptverein hat 30 Pfleglinge im Lande, unter denen Affolterbach, Bretzenheim, Bodenheim, Bürstadt, Frei-Weinheim, Hackenheim, Horchheim, Mühlheim, Ober-Roden und Rockenberg eine Kirche oder ein Bethaus, Bretzenheim ein Pfarrhaus zu bauen beabsichtigen. In acht Diasporagemeinden brachten Evangelische für die eigene Gemeinde 2308 Mk. 98 Pfg., in 18 Gemeinden dte Konfirmanden teils für hessische, teils für auswärtige Gemeinden und auch für Konfirmanbenanstaltew 393 Mk. 51 Pfg. auf. Alte Zweigvereine außer dem Wimp- fener hielten 1905 ein Jahresfest. Bei denselben gingen 2125 Mk. 41 Pfg. Kollekte ein: in Starkenburg 649 Mk. 99 Pfg., in Oberhessen 749 Mk. 77 Pfg., in Rheinhessen 725 Mk. 65 Pfg. Die größte Kollekte erzielte in Starken-« bürg der Zweigverein Nieder-Modau mit 127 Mk. 73 Pfg., in Oberhessen der Zweigverein Gießen mit 132 Mk. 16 Pfg., in Rheinhessen der Zweigverein Osthofen mit 122 Mk. 22 Pfg. SHe Frauenvereine außer dem Wimpfener, Niddaer! und Roßdorfer sammelten 8841 Mk. 97 Pfg. Von dieser Summe wurden dem Hauptverein zur.freien Verfügung
werden diese „Vorschriften" von einem geheimnisvollen Schreckensrate, der dem furchtbaren venetianisä-en Rate der Drei zu gleichen scheint, mit entsetzlicher Strenge auftecht erhalten. Hat man aber die Sache überstanden, dann gehen einem die Augen auf, da das Tiefbauamt blos den schwarzen Mann machen muß, mit dem die „Techniker" dem Hausbesitzer die Vorzüglichkeit ihrer unter dem Banner der Göttin der Geschmacklosigkeit vollfülirten Bauten plausibel machen. Wenn das Tiefbauamt zur Revision erscheint, bedauert der Hausbesitzer meist, daß das nicht früher geschehen, bann wären wenigstens die Haupttorheiten vermieden worden.
Das Straßenbild ist durch die Kanalisations- arbeiten geologisch hochinteressant. Nach dem Erdbeben von San' Franzisko schickte der findige Scherl seinen Photographen hierher, um die Reisekosten nach Amerika zu ersparen. Er fand hier die prächtigsten Erd b eben m o t i v e. Die Kanalanlage könnte sich sehen lassen, wenn sie nicht unter der Erde läge, aber' die Spuren an den Häusern lassen erkennen, wie der Gteift der Technik hier die rohe Materie überwunden 5at. Vergnügt sieht der Lumpenhändler Aaron eine Villa nach der andern neben seinem alten verfallenen Rnntpelkasten zusammenftürzen. Ihm kann nichts geschehen, seine Burg steht unter „Denkmalsschutz". Ja! denkt mal! Ihr Hausbesitzer, wenn Ihr auch so einen Schutzengel hättet, wie eine alte Lehmbude. Das wäre aber zu schön! Ein Glück, daß die Arbeiter wenigstens ihre Sache meist sehr gut verstehen, die „Technik" würde sonst manche trübe Erinnerung zurücklassen.
Man darf in der Tat von Gießen sprechen und cs kann nicht Wunder nehmen, daß man am heimischen Biertisch manch? kühne Prophezeihung über die Stadt der Zukunft hört. Die Stadt muß vor allem, so heißt es, durch ihren gewaltigen Fortschritt neue Bewohner anlocken das ift gar mdyt anders möglich. Aber reiche Bewohner, Millionäre! Nur das hat einen Sinn. Gießen soll Fremd en stabt werden. Gießen ist ja geschaffen für Leute, die angenehm ihr Ererbtes verzehren wollen. Kann es- Er.tzückenderes geben, als m einer Gartenstadt" zu leben? So heißt Gießen nicht mit Unrecht Hach den Gärten, die es einstmals hatte! Natürlich, in einer Stadt der unbegrenzten Unmöglichkeiten muß mancktes hebe Alte bem Schritte der Kultur weichen. Mer wenn auch in die reizenden Gärten der kluge Gevatter Heinz und der darauf ehemalig «ua gewordene Gevatter Kunz überall die sck>eußlrchsten .vinter- häuser gebaut haben, sodaß die Gartenstadt allmählich zur Hinter- lauSstadt geworden ist, kamt das den fortschrittlichen Menichen Betrüben9 Ist es nicht herrlickzer, daß dich statt langwelliger Obstbäume mit ihren faden weißen oder rötlichen Blüten kräftig
pulsierendes Menschengctriebe umgiebt: daß Schlosser und Zimmermann dir von morgens 6 bis abends 6 Uhr in die Ohren hämmern: Heil dir, du bist kein Natur-, sondern ein Kulturmensch ! Wie werden sich die zuziehenden Millionäre, die mit ihren ererbten Schätzen meist keine Ahnung haben, wie sie dazu gekommen, freuen und jauchzen, nun einmal zu sehen und zu hören, wie Millionen gewonnen werden, bei dem Gerassel der Ketten, bei dem Gequietsche der Bohrmaschinen und Kreissägen und dem angenehmen beruhigenden Glockenklange gehämmerter Eisenträger. Ja, hier ist das Eldorado für Millionäre, hier in Gießen, wo ein edler demokratischer Geist herrscht, wie hu alten Florenz. Hier duldet man nicht die Absonderung des Geldprotzen, der ettva eine „Villa" für sich bewohnen möchte. O, nein! wo solche Anfänge von hochmütigen „Villenvierteln" fick blicken lassen, da sorgt die Stadt Gießen einmütig dafür, daß ein gemütlich qualmender Bäckerschornstein, ein kreischendes Gewerbe, eine kulturduftende Oelsiederci, Gassabrik ober andere Symbole menschlichen Scharfsinnes den Villengast liebevoll umgeben. Also kommt her, ifrr Millionäre, frier werdet^ ihr erzogen zu mitfühlenden, mithörenden, mitriechenden Menschen! Ja, hier dürft ihr's sein!
Der reiche Mann, der dierherzieht, wird schon angenehm! berührt durch die Möglichkeit, sein Geld auch frier in der kleineren Stadt wirklich ausgeben zu können. Der erste Sten er- zettel der Konrmune wird ihn überzeugeti, daß er im ganzen Reiche keinen passenderen Wohnsitz als Gießen hätte wählen körnten. ?rber wir wollen nicht gerade die wirtschaftlichen Vorteile Gießens so in den Vordergrund stellen, sondern das, tvas daS Gemüt erfreut, denn der reiche Mann will sich eben doch des Lebend freuen. Jetzt im Sommer können wir so manche Vorzüge Gießens beobachten, wodurch es sich vor anderen Städter hervortut. Wie angenehm, in der Stadt zu leben und auch an einem munteren Naturleben sich erfreuen zu können, wovon sonst der Städter luenig genießt. In (Ließen freut man sich, daß eine Menge seiner Bewohner die schöne und kutturell so'hochbedeutende Liebhaberei des Tauben züchtens betreiben. Die lieblichen Tierchen bleiben nicht gern im heimischen Schlag, sie suchen die Gesellschaft der Menschen und betuchen andere Häuser. So hat auch der, dem technisches' Verständnis und Mittel für diese Liebhaberei abgeben, umsonst seine Freude daran- Ja, er bekommt noch etwas dazu. Bei jedem Besuche lassen biete, zierlichen Kopfnicker auf Fenstergesimsen, auf Balkons, Treppen und Veranden oder auch auf neuen Blusen der Damen ihr leuchtendes Andenken zurück. Wer das ekelhaft findet, bat eben keinen Sinn mein: für harmlose Natürlichkeit; wer schimpft über diese rücksichtslose Taubenschmutzerei, der begreift nicht, daß der


