Nr. 181
Erscheint >tz!ich mit Ausnahme des Sonntags.
Die „Siehener Zamilienblätter" werden dem „Anzeiger viermal wöchentlich beigelegt. Der E^rsfisch« Landwirt" erscheint monatlich einmal.
Rotationkdruck und Verlag der vrLbl'schem UntversitätSdruckeret. ÖL Lange. Gtetzen.
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Viertes Blatt. 156.Jahrgang Sanistag 4. August i^06
Gießener Anzeiger
General-Anzeiger, Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Siehe«.
Aas Jubiläum der Universität Krcifsrrrald.
Greifswald, 3. Aug.
Bei herrlichem Wetter begann heute morgen die Feier des 450jährigen Jubiläums der Universität mit einem Festzuge. Um 10V4 Uhr verließ der akadeinische Festzug die Aula des Universitätsgebäudes unter Glockengeläute, um sich nach der Nikolaikirche zu begeben. Den Zug, der ein farbenprächtiges, imponierendes Bild akadem. Glanzes gewährte, eröffneten Fanfarenbläser der Pasewalker Kürassiere, dann folgten die Chargierten der farbentragenden Verbindungen und die gesamte Studentenschaft, weiter Minister v. Studt mit dem Band des Schlvarzcn Adlerordcns, begleitet von Rektor Bonnet, Prorektor Sartorius und den Geheimräten Naumann und Elster. Sodann folgten die Provinzial- und Stadtbehörden, die Ehrengäste, frühere Greifswalder Universitätslehrer, di» Geistlichkeit und Vertreter der Zivil- und Militärbehörden. Den Beschluß machte der Lehrkörper in den Talaren mit den Farben der Fakultäten. Um 11 Uhr erreichte der Zug die Nikolaikirche.
Die Feier in der Nikolaikirche verlief, so Wirtz der „Voss. Ztg." berichtet, würdig, wenn auch nicht eben sehr eindrucksvoll, wozu die ungünstige Akustik der Kirche nicht unwesentlich beitrug. Zuerst wurde ein Tedeum des akademischen Musikdirektors Reinbrccht gesungen, eine stimmungsvolle Komposition, von einem Frauen- und Männerchor prächtig vorgetragen. Die Reden des Kon- sistorialrats Oettli und des Rektors Bonnet waren im ganzen nicht sehr wirksam; foer Rektor trug eine in trockenem Ehronikenstil gehaltene, meist nur Bekanntes wiederholende Geschichte der Universität vor. Die Grü ß c d e s Kai s er s überbrachte Prinz August Wilhelm, der seine Rede mit klarer, fester Stimme verlas; auch er war nur in einem kleinen Teile der Kirche gut verständlich. Dasselbe gilt von der Rede des Ministers v. Studt.
Bei weitem die beste, klarste und eindrucksvollste, auch inhaltlich bedeutsamste Ansprache war die des Obcrpräsi- denten der Provinz Pommern, Frhrn. v. Maltzahm; er rühmte die Verdienste der theologischen Fakultät Greifswald um die evangelische Kirche Pommerns und ganz Deutschlands und erkannte auch die Verdienste der anderen Fakultäten an, zumal der philosophischen um die Heranbildung eines tüchtigen Lehrerstandes. Damit war die Feier beendet.
Alsdann fand bei der Universität auf dem Rubenowiplatze eine Huldigung der Studentenschaft vor dem Prinzen statt; hieran schloß sich ein Festmahl im Hotel Preußischer Hof, dem außer dem Prinzen geladene Ehrengäste und die Dozenten beiwohnten.
Von Auszeichnungen, die verliehen wurden, sind folgende zu erwähnen- Prof. Dr. Stoerk und Prof. Dr. Weismann wurden zu Geh. Jüstizräten ernannt, der Philosophie-Professor Geb Regieruugsrat Schuppe erhielt den Krvnenorden 2. Klasse, ebenso das Mitglied des Herrenhauses Geh. Jnstizrat Prof. Dr. B.i e rlin g. <Dtzr Historiker Prof. Dr. E. Bernheim und der Physiker Prof. Dr. W. Holtz wurden zu Geh. Negierungsräten ernannt. Den Privatdozenten Lic. theol. et Dr. p'hil. Kögel (Neues Testament), Dr. Ritter (Chirurgie^, Dr. Jung (Frauenheilkunde) und Dr. Schröder (Zohnheilkunde) ist das Prädikat „Professor" beigelegt worden. Die Bibliothekare Dr. Kuh n er t und Dr. Runge erhielten den Titel „Oberbibliothekar". Andere erhielten den Roten Adlerorden 4. Kl. oder den Kronenorden 3. Kl.
Anläßlich der Jubiläumsfeier sind seitens aller vier Fakultäten zahlreiche Ehrenpromotionen erfolgt.
Die th'ologische Fakultät promovierte zu Doktoren der Theologie: 1. Generalsuperintendet Büchse! in Stettin. 2. Superintendent Wetzel in Schivelbein, langjähriges Mitglied dec theol. Prüfungskommission. 3. Superintendent Wetzel in Neumark in Pomm., Vorstand des Lutherischen Vereins. 4. Pastor Flos in Vorland, Vorstand des Pommcrschen Pfarrervcreins. 5. Regiernngs- und Schulrat Bet he in Stettin, um das pom- mersche Volksschulwesen verdient. 6. Konsistorialpräsident Freiherr v. H adeln in Arolsen, um die waldecksche Kirchenleitung verdient. 7. Superintendent König in Witten in Westfalen, Präses der westfälischen Provinzialsynode. 8) Pastor Kühn in Siegen in Westfalen, trefflicher Prediger und Schriftsteller. 9. Pastor Hafner in Elberfeld, um die Jrrenpslege verdient. Zum L i - zentiaten der Theologie: 10. Pastor Paul Cremer in Potsdam, langjähriger Sekretär des Evangelischen Hilfsvereins.
Die j u r i st i s ch e Fakultät promovierte zu Ehrendokwren (wir geben die in den lateinischen Diplomen enthaltenen „Elo- gien" in kurzem deutschen Auszug wieder): 1. Karl Buddee aus Schlesien, Geh. Justizrat, Landgerichtsdirektor zu Greifswald, von dessen reichen Kenntnissen und weiser Sinnesart eine nahezu 50 jährige arbeits- und segensvolle richterliche Wirksamkeit beredtes Zeugnis gibt, ein in allen Lebenslagen treuer, gerechter und untadeliger Mann. 2. Michelet von Frantzius aus Danzig, kaiserlicher Wirk!. Geh. Rat, der unter dankbarem Beifall aller die juristische Abteilung des Auswärtigen Amtes mit großer Meisterschaft leitet, der seit mehr als 40 Jahren König und Vaterland seine ausgezeichneten Verdienste gewidmet und auf dem ganzen Erdenrund die verbrieften Rechte des Deutschen Reiches wahrt: weitschauenden Geister mit juristischem Scharfsinn die Verträge mit fremden Völkern aufbaut, ihre Durchführung überwacht, dem Völkerrecht unserer Tage ein sorgsamer Hüter, seiner wissenschaftlichen Forschung wirksamer Förderer, allen Zweigen von Kunst und Wissenschaft hingebungsvoll zugewandt. 3. Hermann Haken aus Pommern, Geh. Regierungsrat, Oberbürgermeister von Stettin, Mitglied des Herrenhauses, ein Mann von lauterster Art, hervorragend durch reiche Kenntnisse, Charakterstärke und Scharfsinn, der durch 30 Jahre dem größten und blühendsten Gemeinwesen unserer Pro
vinz mit unermüdlicher Arbeit und Ausdauer in glücklicher Weise vorsteht und durch d'.e Führung schwierigster, verantwortungsvoller Aemter sich um das Gemeinw^bl ausgezeichnete Verdienste erworben hat. 4. Paul L a n g e m a k aus Pommern, Geh. Justizrat, getreuer Sachverwalter in Stralsund, der auch im Streit der Parteien beharrlich und treu >mmer Reckt und Wahrheit gesucht hat, int Dienste seiner Mitbürger in Staat und Provinz reiche Geisteskräfte entfaltet, in der Erforschung d-r Fideikommiß- und gutsherrlichcn Rechte Neuvorpommerns b.rvorragende wissenschaftliche Kenntnisse und historischen Scharfsinn beweist, der seit den Tagen, da er als jugendsrischcr Student an dem 400 jähr. Jubiläum im Jahre 1856 teilgenommen, immer das Gedeihen unserer Universität nack besten Kräften zu fördern bemüht gewesen ist. 5. Friedrich v. Lindcguist aus Pommern, kaiserlicher Gouverneur vonDeutsch- Südwest- Afrika, der hoher Aemter Last und Würden mit Ehren trägt, in den fernsten Gegenden des Erdkreises den Ruhm des Vaterlandes verbreitet, Recht und Gerechtigkeit Schwachen und Niedrigstehenden wie den Mächtigsten gegenüber mit gleicher Kraft wahrt, den unsere Universität stolz als ihren Schüler verzeichnet und mit dem sie sich durch feste Bande verknüpft weiß. 6. Hermann Metz aus Hessen-Nassau, Wirk!. Geh. Oberregierungsrat, der durch Energie und Umsicht hervorragende Präsident der Generalkommission zu Frankfurt an der Oder, der die schwierigen Aufgaben dieses hohen Amtes in unübertrefflicher Weise gelöst, das große Werk der inneren Kolonisation, der Landeskultur und Besiedelung dieser Provinz in Wort und Schrift lichtvoll und erfolgreich gefördert hat. 7. Otto Naumann aus Anhalt, Ehrendoktor der Medizin und der Philosophie, Wirkt. Geh. Oberregierungsrat, ausgezeichnet durck erlesene Geistesbildung und Milde seiner Sinnesart, hochverdient um die Universitäten Preußens und besonders um die unsrige, um Erhaltung und Vermehrung des von den Pommernherzogen ihr hinterlassenen fürstlichen Grundbesitzes, ein warmer Freund und Förderer aller wissenschaftlichen Arbeit. 8. Albert Schlutow aus Pommern, Geh. Kommerzienrat, durch das Vertrauen seines Kön'as in das Herrenhaus berufen, ein hervorragend wirksames Mit'! - dieser hohen Körperschaft, 30 Jahre hindurch erfolgreich nn d' Spitze seiner kaufmännischen Berufsgenossen, ein Mann, durch Unternehmungsgeist und gemeinnütziges Streben in gleichem Maße wie durch Schärfe des Verstandes und Festigkeit des Charakters ausgezeichnet, der um die Vermehrung und den weiteren Ausbau der Flotte Deutschlands sich ruhmreich verdient gemacht hat. 9. Julius Wellhausen zu Göttingen, Doktor der Theologie und der Philosophie, ordentlicher öffentlicher Professor der orientalischen Sprachen, Geh. Regierungsrat, Mitglied der Berliner Akademie der Wissenschaften, Ritter des Ordens „Pour le merite", der unserer Universität ein Jahrzehnt lang angehörte, von ollen Kollegen aufs höchste geschätzt, der die Quellen der Geschichte des israelitischen Volkes, die Sitten und Gesetze der alten Araber aufs scharfsinnigste erforscht, ihre Rechts- und Staatseiuricht- ungen aus der Verborgenheit der Jahrhunderte gefördert und der vergleichenden Rechtswissenschaft meisterhaft die Wege gebahnt hat.
Die medizinische Fakultät hat, alter Ueberlicferung folgend, Aerzte des deutschen Sprachgebiets von den Ehrenpromotionen ausgeschlossen und daher nur ftemdsprachliche Aerzte und
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