Ausgabe 
1.10.1906 Erstes Blatt
 
Einzelbild herunterladen

Bebes: Daß ich Liebknecht nicht überzeugen kann, 'davon bin ich längst überzeugt. Ich rede gar nicht zu ihm, sondern zum Parteitag. (Sehr richtig!) In Frankreich ist die antimilitaristische Propaganda in einer Weise be­trieben worden, d-ie ich nur lebhaft bedauern kann. (Zu­stimmung.)

Für die Anträge betreffend die militaristische Propa­ganda stimmen nur 3 bis 4 Genossen.

Der Antrag Essen: Der Parteitag möge beschließen, alle für die Sozialdemokratie in agitatorischer Beziehung in Betracht kommenden Reichstagsverhaudlungcn, ins­besondere die Verhandlungen über die Arbeiterschuhgesetz­gebung, Handelsverttagspolittk, Heer- und Marineforder­ungen nach den stenographischen Berichten in Broschüren­form zum Selbstkostenpreis an die Vtitglieder der Partei abzugeben, wird dem P^rteivorstand zur Erwägung über­wiesen.

Berliner Genossen haben folgenden Ankrag 'cingebracht:

Trotz des bereits bestehenden Beschlusses, im Falle einer Stichwahl zwischen gegnerischen Parteien sich der Stimme zu enthalten, ist hiergegen vielfach in gröblichster Weise verstoßen worden. Der Parteitag zu Mannheim bringt deshalb dringend in Erinnerung, daß dieser Beschluß überall und unbedingt respektiert werden muß, solle er nicht zur Farce werden. Ganz besonders aber widerspricht es dem Pont. Ehrgefühl der Genossen, der sogenannten Freisinnigen Volkspartei irgendwelche Wahl hülfe zu leisten. Diese Partei hat keine Gelegenheit vorübergehen lassen, ohne ihrem Haß gegen die Sozialdemokratie die Zügel schießen zu lassen, sie hat bei wllen Wahlen selbst dem krassesten Reaktionär gegen unseren Genossen zum Siege verhalfen und kann heute mit Recht als die Bannerträgerin der Reaktion bezeichnet werden. Eine solche Partei je eher je besser vom politischen Schauplatz ver­schwinden zu lassen, muß als Ehrenpflicht der Genossen betrachtet werden."

Bebel: Der Genosse hätte den Anttag dem Vorstand zur Erwägung überweisen sollen. Eine positive Stellung­nahme können wir heute,. wo wir in keine Wahlrechts­debatte eingetreten, nicht fassen. Auf-Bebels Vorschlag wird der Anttag von der Tagesordnung a b g e s e tz t.

Die Frauenkonfercnz hat folgenden Anttag ein­gebracht:

Tie Frauenkonferenz lenkt die Aufmerksamkeit der Genossen und der Genossinnen auf die erschreckend hohe Zahl von Fällen entsetzlicher Mißhandlung, Verwahrlosung und Aus­beutung von Kindern durch die eigenen Eltern, Pfleger oder Erzieher. Sie fordert alle Patteiangehöri- gen und alle Arbeiterorganisationen auf, solchen Unmcnschlich- keiten aufs kräftigste entgegcnzutreten und durch die Organe der Arbeiterschaft (Arbeiterpresse, Gewerkschaften, Krankenkassen) auf deren Verhütung planmäßig hinzuarbeiten. Dje Konferenz pro­testiert ferner gegen die heute herrschende Ausgestaltung der Zwangserziehung, die das verwahrloste Kind der planmäßigen Ver- muckerung und oft der schmählichsten Ausbeutung überliefert. Sie fordert eine wirkliche Fürsorgeerziehung, die eine wahrhafte Zuflucht für mißhandelte Kinder schaffen und diese dem kindlichen Wesen gemäß zur Selbständigkeit heranbilden soll. Die Konferenz erwartet von den Arbeitervertretern in allen öffentlichen Körper­schaften, daß sie ständig und planmäßig den Kampf führen auch für diesen Schutz der Kinder gegen Verwahrlosung und Miß­handlung."

Der Parteitag stimmt der Resolution zu.

Ein Anttag bezieht sich auf die Parteikorrespon­denz. Es wird gefordert: Die neu herausgegebenePar­teikorrespondenz" ist allen -Ortsvereinsvorsitzenden unent­geltlich zuzustellen. Es soll so verfahren werden: Partei­sekretäre, die bereits in anderen Stellungen höheren Gehalt bezogen haben, sollen dieses Gehalt auch in der neuen Stellung erhalten. Alle anderen sollen mit einem Anfangsgehalt von 2000 Mt. an gestellt werden.

Damit sind die Verhandlungen beendet.

Singer teilt dann das Resultat der Wahlen zum Vor­stande mit. Insgesamt wurden abgegeben 352 Stimmen, von denen 350 gültig waren. Es erhielten als Vorsitzende Bebel 350 Stimmen, Singer 349 Stimmen, Gerisch als Kassierer 350 Stimmen.

Singer: Wir stehen jetzt am Schluß des Parteitages. Ich kann feststelten, daß der Mannheimer Parteitag seit Halle der bestbesuchteste war. 409 Delegierte und $6 Gäste waren erschienen. Wir können mit derroten Wehr" zu­frieden sein. Wir haben die Frage der Volkserziehung hier behandelt. Unser Arbeitsgebiet wird dadurch vertieft wer­den. Auf dem Gebiete der Strafrechtspflege haben wir ebenfalls Stellung genommen. Vor allem waren aber die Fragen des M a s s e n st r c i k s von allerhöchster Bedeut­ung. Ein revolutionärer Geist wehte durch alle Ausführungen. Meinungsverschiedenheiten entstanden nicht. Parte: und Gewerkschaften lassen sich nicht auseinanderbringen, nicht von außen, noch von innen. Das mögen sich die Anarchosozialen merken. (Leb­hafter Beifall.) Wie der Main und Neckar in den großen Rhein fließen, so find auch Partei und Gewerkschaft Arme der großen proletarischen Arbeiterbe­wegung. Dieses brüderliche Z u s a m m e n st e h e n ist es, was diesem Parteitag den Siegel aufdrückt, ihm die Weihe gibt. Der Mannheimer Parteitag wird cinge- graben sein in die Geschichte der Partei und Gewerkschaft. Von hier aus kämpfen diese beiden einig und gemeinsam. Unsere Verhandlungen werden von der Bourgeoisie mit Ent­setzen, von den Arbeitern mit stolzer Freude gelesen werden. Die nächsten Wahlen werden uns schwere Kämpfe bringen. Das Bürgertum wird einig und geschlossen gegen uns auftreten. Wir wissen es, drum müssen wir daran denken, den Kampf siegreich zu bestehen. (Lebhafter Beifall.)

Mit einem Hoch auf die internationale Sozialdemo­kratie und der Absingung der Marseillaise wurde dann der Parteitag geschlossen.

politische Lcrgesschatt.

verein auf sozialistischer Grundlage im Juli 190 3 in Offenbach ä. M. gegründet wurde. In Süddeutsch­land wurde durch Dr. Frank-Mannheim eine lebhafte Agi- tatton in Szene gesetzt, die 1904 in Mannheim zur Grün­dung desVerbandes junger Arbeiter" führte.

Der Vorsitzende Bruno Wagner begrüßte die Versammlung, besonders die Gäste aus Belgien.

Zunächst wird beschlossen, daß der Genuß von alko­holischen Getränken für die ganze Dauer der Tag­ung verboten ist. Auch das Rauchen wird aus Rück­sicht auf die anwesenden Genossinnen . u n te r s a g t.

Kassierer Gerisch vom Parteivorstande begrüßt die junge Genossenschar.

Frau Zi etz-Hamburg: Ich gehöre zur Men Garde (Heiterkeit) und weile hier als Vertreterin der Frauen­konferenz. Frauen- und Jugendbewegung sind aufeinander angewiesen. Neben der männlichen Jugend muß aber auch die weibliche Jugend herangeholt werden.

Bruno Wagner wies darauf hin, daß auch andere Parteien solche Jugendorganisationen haben, z. B. die Nation alliberale. Freilich wären die Nationaltibe- ralen jetzt froh, wenn sie diese Geister nicht gerufen hätten, denn zwischen der alten Partei und den Jungen bestehen scharfe Gegensätze. Bei uns, so meinte der Redner, werde so etwas nicht Vorkommen. (Sine unserer ersten Aufgaben muß der

Kampf gegen den Militarismus

sein. Bei allen unseren Fragen tooffen wir im Einklang mit der großen alten Parteiorganisation stehen. (Beifäll.)

Verschiedene Genossen besonders die Pfälzer, erklärten kategorisch:

Wir muffe demouschtriere mit der roten Fahne!"

Ein junger Genosse aus Hessen macht den alten Parteigenossen heftige Vorwürfe. Er wirft ihnen Lauheit und Mißtrauen vor. Man habe sogar den Jugendlichen zum Vorwurf gemacht, daß sie sich auf der StraßeGenosse" titulieren.

Me 100 Delegierten haben sich zum Wort gemeldet, einige sogar zweimal. Man schließt aber die Diskussion durch einen Schlußanttag.

Indirekte Wirkungen der Fleischverteuernng.

Zu den unliebsamen Wirkungen der Fleischverteuerung gehört auch die, daß die Ersatzmittel für Fleisch infolge der steigenden Nachfrage ebenfalls verteuert werden. Dies laßt sich für manche Attikel statistisch genau nachweisen. So sind die Großhandelspreise von Fischen in Berlin von 1891 bis 1905tn Jahresdurchschnitt wie folgt gestiegen:

Es kostete:

1 Dz. Hechte lebend

1891: 128,43 Mk.

W V II

1905: 192,64 ,

, in Eis

1891: 96,19 ,

U » n w

1905: 123,46

Schleie lebend

1891: 161,68 ,

l v r >,

1905: 200,84 ,

- in Eis

HU II n w

1 Bleie lebend

1 » w n

1 , in Eis

1 Barsche lebend

1 , ,,

1 in Eis

1891: 81,75 ,

1905: 129,25 ,

1891: 84,37

1905: 100,61

1891: 40,71

1905: 63,82

1891: 112,44 y

1905: 152,78

1891: 51,20

r» v u 11

1905l 86,26

Die Steigerung der Preise ist

ganz enorm. Hausfrauen,

die über ein gutes Gedächtnis verfügen, werden auch eine Preissteigerung für Eier konstatieren können. Solche

Preis st ei gerungen machen

alle Lohnerhöhungen

und Gehalts st eigerungen,

die im gleichen Zeitraum

stattgefunden haben mögen, illu *

orisch.

Aervand junger Arbeiter Deutschlands.

L

(Unberechtigte'' Ncchdr"ck verboten.)

S. u. H. Mannheim, 30. Sept. Die

Junge Garde", wie sich die in den Jugendorganisationen zusammenge­schlossenen jugendlichen Genossen nennen, hielt heute ihre erste Generalversammlung im Anschluß an den sozialdemv- krattschen Parteitag ab. Tie Jugendorganisationen Hutten etwa 100 Telegierte entsendet. Derjunge" Verband zählt heute 35 Ortsgruppen mit etwa 3000 Mitgliedern, die sich zum größten Teil aus Süddeutschland vornehmlich aus Baden, Hessen und der Pfalz rekrutieren. Diejunge Garde" will eine

Vorhut und Vorschule der Sozialdemokratie sein. In einigen Staaten, in denen sich junge Herren nach den Vereinsgesetzen nicht politisch organisieren dürfen, hat man die gewerkschaftliche Form gewählt.

Der

Geschäftsbericht

ist zugleich eine Abhanmum- über v.- Geschichte der Jugend­organisationen. Daraus geht hervor, faj der erste Jugend­

Jn Würzburg beschloß der Magistrat, wegen der fortwährenden Steigerung der Fleischpreise bei der Staats­regierung vorstellig zu werden, daß diese beim Bundesrat auf Oeffnung der Grenzen für Schlachtvieh dringe. Die Petition soll von allen bayerischen Städten unterzeichnet werden.

Gießener Strafkammer.

K Gießen, 30. September. Gefährdung eines Eisenbahntranspsrtes.

Die Strafkammer verhandelte am Freitag zunächst über die Berufung der Staatsanwaltschaft gegen ein Urteil des Schöffen­gerichts Büdingen, das den M e tzg e r l e h r l i n g K. T. dort von der Anllage der fahrlässigen Gefährdung eines Eisen­bahntransports freigesprochen hat. T. versuchte mit dem Fuhrwerk seines Meisters den Bahnübergang auf der Straße Orleshausen-Büdingen nodj zu passieren, als der Bahnwätter bereits mit dem Schließen der Schranke begonnen hatte. Der Wagen blieb an dem sich inzwischen senkenden Schrankenbaum hängen, sodaß das Pferd, das auf dem Gleise stand, weder vor- noch rückwätts konnte. Ein in der Nähe arbeitender Bahnbedienste­ter befreite ihn auf feine Hülferufe aus feiner gefährlichen Lage durch Hochheben der Schranke. Kaum hatte das Fuhrwerk den Bahnkörper verlassen, so passiette schon der Zug die Stelle. Trotzdem der Angeklagte im ersten Moment erklärt hat, er habe geglaubt, er könne noch durchkommen, bestritt er in beiden Instanzen das Gloclensignal gehört zu haben. Ec behauptete, das Läutewerk fei erst in Tätigkeit getreten, als er sich unter der Schranke befand. Demgegenüber wurde von den Bahnbeamten bekundet,. daß sich die Schranke erst nach dem 18. Glockenschlag senkt. Die Strafkammer wie das Schöffengericht hielten es nicht für ausgeschlossen, daß er das Läutewerk überhört haben könne, weshalb die Verhandlung mit Freisprechung endigte.

Vergehen gegen das Biehsenchengesetz.

Gegen den Schäfer O. W. von Ettingshausen war wegen Vergehens gegen das Viehfenchmgesetz Anklage erhoben, weil er, ohne int Besitz eines tierärztlichen Gesundheitsscheins zu sein, eine Schafherde über die Gemarkungsgrenze transportiert hatte. Der Angeklagte versicherte, er habe geglaubt, die Be­scheinigung des Bürgermeisters genüge, daß die Gemarkung seuchenftei sei, zumal der Bürgermeister derselben Ansicht war. Das Schöffengericht kam zum Freispruch mit der Begründung, daß dem Angeklagten als einfachen Mann nicht 5:1 gemutet wer­den könne, die sich vielfach ändernden Bestimmungen ?". kennen, da selbst der Bürgermeister davon keine Kenntnis habe. Tie Sttas- kammer dagegen, kam infolge Berufung der Staatsanwaltschaft zu einem verurteilenden Erkenntnis. Sie war der Ansicht, daß ein Schäfer, der viel mit Viehttanspotten zu tun hat, verpflichtet ist, sich über die einschlägigen Bestimmungen zu orientieren und erkannte auf eine Geldstrafe von 10 Mar k.

Der Landwitt Johann P. H. von Gamm elsb ach hat mit Hülfe eines Schäfers die Schafherde seines, Vaters von der Winterweide int Odenwald nach der Sommerweide in den Vogels­berg verbracht. In der Nähe von Büdingen wurde er zum Vor­zeigen des tierärztlichen Gesundheitsscheins aufgeforbert, wobei

es sich herausstellte, daß das Datum der Gültigkeitsdauer auf zwei Tage später abgeändert worden war. H. behcnrptete, der Schäfer habe den Schein auf der ganzen Reise nachgetragen, wenw tatsächlich eine Fälschung vorgenommen worden sei, müsse sie der Schäfer begangen haben. Es wurde deshalb auch ein Ver­fahren wegen Urkundenfälfchunc, eingeleitet, das später auf H. ausgedehnt und in dem der Schäfer als Zeuge auf treten mußte. Der Untersuchungsrichter merkte bald, daß der Zeuge beeinflußt ist, weshalb er ihn 8um Zweck einer wahrheitsgetreuen Aussage beeidigte. Hier gab er zu, daß ihm der Angeklagte angegeben hat, wie er awssagen solle, was ssine weitere Untersuchung wegen Meineidsverleitung zur Folge hatte. In der Hauptverhandlung bestritt der Zeuge zum Teil seine früheren beeidigten Aussagen, indem er sich auf Gedächtnisschwäche berief. Wegen Verdachts der Teilnahme an der strafbaren Handlung sah das Gericht von seiner Beeidigung ab. Es war auf Grund der widersprechenden Angaben nicht in der Lage, wegen Verleitung zum Meineid Verurteilung eintreten zu lassen, dagegen erkannte es H. der Urkundenfälschung und des Vergehens gegen das Viehseuchen­gesetz für schuldig und verurteilte ihn zu 3 Monaten Ge­fängnis. Ta Fluchtverdacht nicht mehr vorlag,, wurde der Haftbefehl außer Vollzug gesetzt.

Ein Pfarrer alö Wahlvcrbesserer verurteilt.

Die Nachmittagssitzung galt der Anklage gegen den Pfarrer Tr. G: Sch. von Eschenrod bei Schotten wegen Wahlfälschung. Nach der eidlichen Bekundung einer größeren Anzahl Zeugen hat er bei der Ergänzungswahl des Kirchenvorstandes vorsätzlich ein unrichtiges Wahlergebnis herbei- geführt. Es kam ihm darauf an, den mit ihm auf gespanntem Fuß lebenden Bürgermeister nicht in den Kirchenvorstand zu be- komrnen, während eine Anzahl der Wahlberechtigten sich verab­redet hatten, den Bürgermeister zu wählen. Schon vor der Wahl hat er einer Anzahl Wähler Zettel mit den Namen zweier von ihm gewünschten Kandidaten zugeschickt. Die Wahl wurde in der Kirche nach beendetem Gottesdienste vorgenommen. Der Pfar­rer sammelte die Zettel in einen Hut, der in Ermangelung einer Urne auf dem Mar Platz fand. Er faltete die Zettel alle erst auf und hielt sie in der Hand. Beim Verlesen schob er die verlesenen Zettel immer unten hin und fragte wiederholt, wie viels Stimmen dieser oder jener Kandidat bis jetzt habe.-.Schließ­lich verkündete er, ohne daß vorher einem andern die Stimm­zettel zu Gesicht kamen, das Wahlergebnis mit den Worten: P. ist als Kirchenvorstand gewählt, zwischen dem Bürgermeister uni) Sch. entscheidet das Los. Er fertigte zwei Zettel, die er mit Num­mern und den Anfangsbuchstaben der zwei in Bettacht kommen­den versah und legte sie in den Hut, worauf er ein Mitglied, der Wahlkommission ziehen ließ. Nachdem er das ihm überreichte Los entfaltet hatte, bemerkte er, ohne jemanden Einsicht zu ge­statten, Sch. ist gewählt. Die Zettel schob er in einen Brief­umschlag und verschloß ihn. Nach feiner Behauptung hat er den Umschlag sofort versiegelt, während dies von niemandem beobachtet worden ist. Dreizehn oder vierzehn Wähler beschworen, sie hätten dem Bürgermeister ihre Stimmen gegeben, während der versiegelte, an das Dekanat Schotten eingesandte Umschlag, nur 7 auf ihn lautende Stimmen enthielt. Nach dem Inhalt des Briefes hätte eine Stichwahl überhaupt nicht ftat'tfinben dürfen, da der Gegenkandidat des Bürgermeisters schon im ersten Wahl­gang mit zwei Stimmen Majorität gewählt gewesen wäre. Äuf Befragen des Vorsitzenden, was er auf die Anklage zu erwidern habe, bemerfte er, daß er die Beschuldigung mit Verachtung zurückweife. Er war der Ansicht, daß seine Gemeinde sich zu einem Komplott gegen ihn verschworen haben müsse: insbesondere habe der Bürgermeister ihn verfolgt und denunziett und die Ge­meinde vom Kirchenbesuch abzuhalten versucht. Dies habe ihm alle Lust und Liebe zum Beruf genommen, weshalb er außer­halb des Pfarramts tätig werden wollte, was sich aber aus finan­ziellen Gründen nicht ausführen ließ. Er schildette bei seiner zweistündigen Vernehmung die ihm augefügten Chikanen jeglicher Art: U. a. sind ihm in seiner Baumschule 1000 Bäumchen abgeschnitten worden: es wurden ihm Steine ins Haus geschleudert und der Garten mit Bierflaschen beworfen, Fensterscheiben zer­trümmert und der Gartenzaun weggerissen und das Obst ge­holt. Die Gemeindemitglieder, insbesondere der Bürgermeister, gingen achtlos an ihm und seinen Familienangehörigen vorbei ohne zu grüßen; von der Jugend würde erausgeblött" und mit dem Vornamen gerufen, sogar im Gotteshaus wäre ihm ^Stafsorst" zugerufen worden. Eine Reihe beleidigender anonymer Schriften und Neujahrskarten beleidigenden Inhalts seien ihm 5 u gegen gen, wovon er einige zu den Akten gab, die zum Teil zur Verlesung gelangten, abgesehen von den Beschwerden und Ein­gaben an die vorgesetzte Behörde um Versetzung. Es war des­halb nicht zu verwundern, wenn angenommen wurde, er soll aus dem Otthinausgeekelt" werden. Der Direktor der Landesheil- anftalt zu Marburg, Prof. Dr. Tuezek, bei dem Dr. Sch. sechs Wochen lang zur Beobachtung seines Geisteszustandes untergebracht war, erklärte ihn für einen schwer nervösen Menschen, der auch erblich belastet ist. Ter Vater war leidend und die Mutter irr­sinnig, Geschwister und andere Verwandte seien geistig nicht normal. Bei ihm liege zwar Geisteskrankheit nicht vor, doch sei seine physische Widerstandskraft sehr herabgemindert. Für die Tat fei er verantwortlich zu machen, da er weder bei ihrer Be­gehung noch jetzt sich in einem Zustand befunden habe, bezw. befindet, der feine freie Willensbestimmung ausschließt. Das gegen Mitternacht verkündete Urteil lautete auf die geringste zulässige Strafe von einer Woche Gefängnis. Wenn auch eine Reihe von Handlungen dem Geistlichen gegenüber vorgenom­men worden ist, die von roher und niedriger Gesinnung zeugen, so konnte doch die Strafkammer nicht annehmeu, daß eine so große Anzahl Zeugen vor dem vom Oberrönsistorium beauftragten Kommissar im Disziplinarverfahren sowohl, als auch im ©traf»' verfahren Meineide geleistet hätten Sie war der lieber Beugung,' daß er später das Couvert mit den Stimmzetteln geöffnet hat, um den Inhalt mit dem Ergebnis in der Kirche in Uebercinftimmung zu bringen, wobei ihm das Versehen passiert fei, daß der Bürger­meister eine Stimme zu wenig, und fein Gegenkandidat eine zu viel erhielt.

Arbeiterbewegung.

Aachen, 29. Sept. Auf dem HüttenwerkRote Erde" iand heute vormittag die von der Lohnkommifsion bet' ausständigen Arbeiterschaft nachgesuchte Besprechung mit der' Direktion statt. Laut Mitteilung der Direktion wurde der Kom­mission eröffnet, daß die Arbeit nur auf Grund des von der Direktion schon am 2. August sestgelegten unabänderlichen Stand­punktes, nach welchem die geforderte generelle Lohnansbefserung aus­geschlossen ist, wieder aufgenommen werden könne. Die Frage, ob die Arbeiterschaft sich auch auf diesen Standpunkt gestellt habe, konnte die Lohickommission nicht beantworten. Dem Vernehmen nach werden die ausständigen Arbeiter am nächsten Dienstag eine große Vsrsammlnng veranstalten, in der zur Eröffnung der Direktion Stellung genommen werden soll.

. , St" 11 g art, 29. Sept. Tie vereinigten Klavier- sabriken, 16 Betriebe mit über 1000 Arbeitern, kündigten eine allgemei ne Ausspe r r u n g der organisierten Ar-' der ter an, ialls die im Ausstande befindlichen Arbeiter dreier Fabriken am 2. Oktober die Arbeit nicht wieder ausnehmen.

. nberg, -9. Sept. In der heutigen Vollversammlung befc Arbeitgeber im Baugewerbe wurde, nachdem die Einigungsverhandlungen über den Abschluß der Tarifverträge zft mrl.Cr k 1 1 worden waren, beschlossen, von Montag an auch ^.litglieder der freien Gewerkschaften wieder in Arbeit aiifzunehmen. 4.et Ai a u r c r ft reif ist somit gänzlich erledigt.

Haris, 29. Sept. Der Ausstand sämtlicher Bäcker­gesellen ivegen Lohndifferenzen steht bevor.

o < 11 Glasgow sind 7000 Bergarbeiter wegen

Lohndifferenzen m den Ausstand getreten.________________

Attiver-rtälts-Nachrrchten.

t , Die Gr 0 ße Goldene Medaille für Wissen- I cd af t wurde dem ordentlichen Professor in der Berliner Juristen ^akullut, Geh. Justizrat Dr. Heinrich Dem bürg, Mit- glied des vreumschen Herrenhauses, verlieben. Der Meister des bürgerlichen Rechts steht im 78. Lebensjahre.