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T?r. 260
Drittes Blatt
155. Jahvaang
Samstag 4. November 1905
Gießener Anzeiger
Redaktion, Expedition u. Druckerei: Schulstr.7.
Tel. Nr. 51. Telegr.-Adr.: Anzeiger Gießen.
Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Unwersilälsdruckerei. R. Lange, Gießen.
Erscheint tiglich mit Ausnahme des SonntogS.
Die „Gießener Familienblätter" werden dem „Anzeiger vierinal wöchentlich beigclegt. Der ^esftsche Lendwtrf erscheint monatlich einmal.
General-Anzeiger, Amts- und Anzeigeblatt für den Ureis Gießen.
Stimmung für Reziprozität in Amerika.
Der erste Vizepräsident des amerikan. Sohllederirusis, A. AugulluS Healy, erklärte jüngst in einem Interview, die Frage der Reziprozität zwischen Amerika und den europ. Ländern für eine der wichtigsten, mit denen sich die Amerikaner zu befassen hätten. Er sei stark dafür, sie auf daS Kampagncprogramm zu setzen, und er sprach die Hoffnung auS, daß der Kongreß durch Truck bewogen werben möge, einen Maximal- und Minimaltarif einzuführen. Er meint, der Präsident sollte ermächtigt werden, mit den Ländern, die dazu bereit seien, Reziprozitätsverträge auf Grund der Mini- nialsätze zu vereinbaren. Er neigt der Ansicht zu, wenn die Vereinigten Staaten sich nicht bereit zeigten, mit anderen Rationen auf gleichem Fuße zu handeln, selbst Freihandelsländer, wie England, zu Wiedervergeltungsmaßregein greifen und die Chamberlainsche Idee des Schutzes zur Selbstverteidigung einführen könnten.
Andererseits glaubt Healy, Deutschland würde gern bereit sein, mit Amerika in ein Reziprozitätsverhältnis zu treten, sobald die Union sich diesem gegenüber vom Geist der Billigkeit beseelt zeige. Solange Gedeihen im Lande herrsche unb die Arbeitskräfte beschäftigt seien, walte die Neigung ob, dies alles dem jetzigen Zollsystem zu gute zu schreiben; kämen aber schwere Zeiten, so könnte das Fehlen ausländischer Märkte dem Lande schwer fühlbar werden.
Er habe im ganzen Lande unter allen Klaffen, Geschäftsleute, Farmer und Viehzüchter eingeschlossen, Stimmung für Reziprozität gefunden. Es herrsche das allgemeine Gefühl, daß das amerikanische Zollsystem nicht auf billiger Grundlage beruhe, daß der Tarif, während er die einen Zweige begünstige, andere schwer belaste. Das gelte besonders vom Rohmateriol. Er erklärte, unter den Fabrikanten und Geschäftsleuten Neuenglands werde die Stimmung für ben Tarif auf Rohprodukte zu Fabrikationszwecken stärker.
„Wir sind", so sagte Healy, „gewissermaßen au der Laltung 6er europäischen Nationen, wie Deutschland, welches seine Zölle luf unsere Erzeugnisse erhöht hat, schuld. Amerika hat mit Deutsch- Innb und anderen Nationen nicht auf Grundlage der Gleichheit handeln wollen, und daher dessen Politik der Ajiedervergeltung. Ll<ir lausen aber Gefahr, daß andere Nationen dem Beispiele Deutschlands folgen, wenn wir uns nicht bereit zeigen, ihnen für das Privilegium, unsere Waren cm sie zu verkaufen, Konzessionen । ii machen. England nimmt unsere Waren zollfrei; e5 ist aber die Artige, ob es das weiterhin tun wird, wenn es sieht, daß wir seine Waren durch hohe Tarife aussperren.
Diese Länder können nicht mit uns handeln, wenn wir nicht bereit sind, auf Gegenseiligkeilsgrundlage zu handeln. Sie haben nicht Gold genug, um für unsere Waren zu zahlen; sie müssen notwendigerweise in Waren eigener Erzeugung oder in Rohstoffen i«ahlen.
Nehmen wir zum Beispiel das Schuh- und Seber- § eschäftl Den Fabrikanten in dieser Branche liegt daran, daß der Zoll aus rohe Häute ausgehoben wird. Da die amerikanischen Farmer und Viehzüchter nur soviel Vieh züchten, mm zwei Drittel unseres Bedarss an rohen Häuten zu decken, liegt ces auf der Land, daß die übrigen Häute im Auslande gekauft nverden müssen. Der Zoll beträgt nur 15 Prozent und hilft dem Viehzüchter ober Farmer nicht hinreichend, um sich mit dem Ge
winn vergleichen zu lassen, den sie davon hätten, wenn durch Aufhebung diefes Zolles ein Reziprozilätsarraugement getroffen werden könnte, wodurch ein Land wie Deutschland beroonen würde, seinen Zoll auf Fleisch und andere Produkte fallen zu lassen/
Healy meint, wenn die Vereinigten Staaten Bereitwilligkeit zeigten, Reziprozitätsverträge zu schließen, Deutschland und andere europäische Länder ihnen auf halbem Wege entgegenkämen. Damit der Kongreß ein Reziprozitätssystem annehme, muffe allerdings auf die Kongreßmitglieder mit Druck gewirkt werden. Der Maximaltarif dürste seiner An- sicht nach nicht höher sein als der jetzige höchste amerikanische Tarif.
Kirche unb Schute.
— In Heidelberg tagte, wie man unS von dort schreibt, am Mittwoch ein Delegierten-Kongreß süd- westdeutscher Freidenker-Vereine. Vertreten waren die Vereine Baden-Baden, Colmar, Frankfurt a. M., Mannheim, Metz, Straßburg unb Wiesbaben. Es würbe beschlossen, im engen Anschluß an ben Allgemeinen Deutschen Freibenker- bitnb einen Verbanb sübwestbeutfcher Freibenker-Vereine zu grünben mit bem Sitz in Heidelberg. Nach Annahme der Statuten würben fünf Herren in baS provisorische Aktions- komitee gewählt.
vermischte».
• Die Oeffentltchkeit berScheibnngsprozesse. AuS Paris schreibt man: Die Brüber Margueritte, bie als Vorkämpfer jeglichen Fortschrittes auftreten, haben sich ahnungslos für eine reaktionäre Bewegung einfangen lassen. Sie forbern nämlich jetzt bie Ausschließung der Oeffentlichkeit in allen Ehescheibungssachen, weil sie es unpassenb unb unzart ffnben, baß intime Familienangelegenheiten ber Oeffentlichkeit preisgegeben werben. Der radikale Abg. Cruppi von Toulouse, ehemaliger Generaladvokat am Kassationshof, führt nun gegen biefen Vorschlag aus, baß die Oeffentlichkeit des gerichtlichen Verfahrens im allgemeinen einen so glücklichen Einfluß auf die Rechtsprechung geübt habe, daß man über gewisse Nachteile dieser Oeffentlichkeit hinwegsehen müsse, um das Prinzip zu retten. Er bemerkt ferner, daß es unmöglich wäre, für die Scheidungsprozesse allein eine Ausnahme zu machen, da viele andere Prozesse ebenfalls von peinlichen Enthüllungen aus dem Privatleben begleitet sind. Er erwähnt namentlich die Klagen auf Ungültigkeit eines Testaments, die Aberkennung ber Vaterschaft unb bie Fragen ber Bewahrung ber Kinber getrennter Eltern. Selbst ber unbebeutenbfte Prozeß kann burch einen Zwischenfall zu Enthüllungen über bas Familienleben führen, bie nach ber Theorie ber Brüder Marguepilke' plötzlichen Ausschluß ber Oeffentlichkeit mit sich bringen' müssen. Cruppi ist ber Ansicht, baß bie häßliche Seite ber Scheibungsprozeffe vor allem burch eine Veränberung bes Gesetze? weggeränmt werben kann. Die Scheibung auf Grund gegenseitigen Einverslänb- nisses würbe allein schon bie meisten Mißbräuche beseitigen.
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Uebrigens ist es auch den Gerichtspräsidenten untersagt worben, bie Zuhörerplätze im Gerichtssaal nach Gutbünken zu verteilen. Aus bieten Gründen besteht baS Publikum bei Scheidungsprozessen fast nur noch aus Advokaten und bem gemeinen Volk, bas im Sommer ein kühles unb im Winter ein geheiztes Lokal aufsucht.
* 54000 Kilogramm falsche Haare. Eine un* erwartete Folge ber Austreibung ber französischen Kongreß Nationen, besonders der weiblichen, ist bas Teurerwerben ber Haare. Die Coiffeure beklagen sich, baß infolge be? Verbotes, klösterliche Gemeinschaften bestehen zu lassen ober neu zu grünben, ihnen bie Ware ausgehe, weil bie jungen Mädchen, bie noch Nonnen zu werben wünschten, baS AuS- lanb aufsilchen müßten unb natürlich bort sich ihrer Haare entäußerten. Dies ist um so „verhängnisvoller", als bie Niobe einen üppigen Haarschmuck vorschreibt. Bei bieser Gelegenheit erfährt man, daß in Frankreich jährlich etwa 54 000 Kilogramm Haare importiert werden. 20 000 davon kommen aus China, aber da sie meistens recht grob unb meist nur von schwarzer Farbe sind, so bedarf eS verschiedener, Prozeduren, um sie feiner zu machen unb ihnen anbere Färbung zu verleihen. Italien liefert 6000 Kilogramm, biff übrigen verteilen sich auf Böhmen, Deutschlanb, Rußlanb.
* Kinbermunb. „Du barfst Dich im Dunkeln nicht fürchten", sagte bie Mama zum kleinen Billy, „wenn Du auch allein bist, bie lieben Englein sind stets bei Dir." — Nach einer Stunde erwacht der Kleine. — „Mama!" — „Was denn, mein Kind?" — „Mama, sind jetzt Engel auch, bei mir in der Stube?" — „Ja, mein Liebling." — „Sind sie auch in meinem Bett?" — „Ganz gewiß." — „Ach, Mama- — da beißen mich die Engel."
Srirfkaltrn der Redaktion.
iAuonyme Anfragen bleibe»: unberücksichtigt!.
W. W. Ihre Anfrage ist aus Umwegen an »ms gelangt, Daher verspätete Antwort: Ob Cie sich die Anlage der Bretter-^ wand aeialleu lassen müssen, läßt sich nach Ihren 9lugaben nicht; entscheiden. So lange übrigens die Breltterwand nicht errichtet^ wird, kann die Drehung des Nachbars ganz einerlei für Sie sein., Sie tun am besten, wenn Sie sich — sobald mit dem Ausbau der! Wand begonnen wird — bei dem Kreisamt Ausklinft holen.
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Vie Einsicht beginn»! —
Das Urteil eines alten erfahrenen Fachmannes führt uns bie Gefährlichkeit des übermäßigen und regelmäßigen Aaffeegenuffes deutlich vor Augen. Sanitätsrat Dr. A. Lutze schreibt: —
„Vie vielen ITCagenforämpfe der Frauen und Unterleibsstockungen bei „beiden Geschlechtern sind meist nur Folgen des Kaffees, weil derselbe „Krämpfe und Lähmu i in feiner Nachwirkung hervorbringt; desgleichen „die Ueberreiztheit der S»..nesoTgane und des ganzen Nervensystems, woran „Unzählige leiden, ver an den Schreibtisch gebannte Gelehrte oder Skribent, „der eine sitzende Lebensweise führende Handwerker und die nur im Haufe be- „fchäftigte Frau werden die nachteiligen Folgen bes Kaffees durch Verlust ihrer „Gesundheit büßen. Kindern und ZungstauenKaffee zu reichen, ist die größte „Unvernunft und wird von allen denkenden Nerzten dagegen gekämpft."
Wie Sanitätsrat Lutze, so urteilt im wesentlichen bie gef amte moberne Wissenschaft über ben Kaffee. Deshalb ist gegenwärtig in allen Kreisen ber Bevölkerung eine große Bewegung im Gange, bie sich gegen ben täglichen Kaffeegenuß richtet. Wan will ben schäb- lichen Kaffee ersetzen burch ein vollkommen unschäbliches unb zugleich wohlschmeckenbes Getränk, bas für jebe Familie mit ber Zeit ein unentbehrlicher, gefunbheitsbienlicher Bestaub ber täglichen Kost wirb. Ueber bie Wahl bieses Getränkes ist man sich schon längst einig. Das Getränk, was hierfür allein ernstlich in Frage kommt, ist, nach ber Ueberzeugung erster Autoritäten unb Aerzte — Kathreiners Walzkaffee. Kathreiners Walzkaffee ist unschäblich, gehaltreich, rein unb wohlschmeckenb. Durch ein patentiertes Verfahren erhält er ben charakteristischen Geschmack bes Bohnenkaffees. Der „Kathreiner" — barauf gilt es besonbers zu achten — wirb nur in geschlossenen Pafeten mit Bilb unb Unterschrift bes Pfarrer Kneipp als Schutzmarke verkauft. Wer beshalb auch im Dienste seiner Gesunbheit bem großen Auge ber Zeit folgen will, ber macht Kathreiners Walzkaffee zu seinem täglichen Getränk unb beginnt bamit sogleich.
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