Ausgabe 
30.3.1905 Drittes Blatt
 
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Nr. 76

Donnerstag, 30. März 1905

155. Jahrg.

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Eichener Anzeiger

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General-Anzeiger. Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Sieben.

Parlamentarische Verhandlungen.

Nachdruck ohne Vereinbarung nicht gestattet.

Deutscher Reichstag.

175. Sitzung vom 29. März.

11 Uhr. Das HauS ist mäßig besetzt.

Am Bundesratsttsch: Graf Bülow. Graf Pofadowsky, d. Einem, Frhr. v. Stengel, Frhr. v. R i ch L h o f e n, v. T r r p i tz , Dr. Nreberding, Dr. Stuebel u. a.

_ , .Auf der Tagesordnung steht zunächst die dritte Beratung des Gesetzes betreffend die Friedenspräsenz st arte des deutschen Heeres.

Eine Generaldebatte findet nicht statt.

In der Spezialdebatte gibt

. Jlbg Dr. Wolff (B. d. ß.) namens der süddeutschen Mitglieder « eder Landwirte die Erklärung ab. daß sie gegen das Gesetz sttmmen würden, da ihnen bezüglich der Deckungsmittel keine genügende Garantie gegeben würde.

Hiermit schließt die Debatte. Das Gesetz wird im einzelnen nn ganzen definitiv angenommen, nur Sozialdemokraten, freisinnige Volksvarteiler und einige Bündler stimmen dagegen.

Es folgt die dritte Beratung des Gesetzes betreffend A e n d e- T. " 9 der Wehrpflicht. (Gesetzliche Festlegung der zwei- jatyri^en Dienstzeit.) . Das Gesetz wird ohne Debatte im einzelnen und im ganzen deftmttv angenommen, nur die Sozialdemo­kraten stimmen dagegen.

Es folgt die dritte Lesung des Etats.

In der Generaldebatte führt

Abg. Bebel (Soz.) aus: Ich habe nur das Wort genommen, um dem Reichskanzler auf die Rede zu antworten, die er am Montag im Abgeordnetenhause über den Bergarbeiterstreik gehalten hat. Was er über die verhetzende Tätigkeit der Sozialdemokratie bei dem Streik gesagt, widerspricht direkt der Wahrheit! (Zusttmmimg bei den Soz.) Es ist eine Tatsache, daß der Streik über die Köpfe der Führer der Bergarbeiter hinweg aiisgebrochen ist. Die Führung im Streik fiel nicht den Sozialdemokraten zu, sondern der Siebener- Kommission, in der die Sozialdemokraten nicht die Maforität hatten. Im Februar hat der Reichskanzler hier eine Drohung gegen die Arbefter ausgesprochen, die bei den Bergarbeitern viel böses Blut gemacht hat, denn bisher war noch nichts eingetreten, was diese Drohung rechtfertigte. Ich war also vollkommen im Recht, als ich diese Drohung eine Provokation nannte Die Haltung der Berg­arbeiter, und im speziellen auch gerade der Führer, verdient die höchste Anerkenmmg. Mit bewundeimngswürdiger Disziplin sind die Arbeiter den Weisungen der Führer gefolgt, und diese haben es über sich gewonnen, den Streik auf der Höhe abzubrechen sehr zum Aerger des Shndikats, das auf eine längere Dauer des Streik? gerechnet hatte, um die Preise in die Höhe zu treiben. Die kann man von einer Niederlage der Arbeiter reden? Ohne den Streik wären die Berggesetznovellen im Abgeordnetenbause nie eingebracht worden. Wie konnte der Reichskanzler im Abgeordnetenhause io sprechen? Möglich, daß er durch diese Redeweise das Dreiklasten- parlamerrt für sich gewinnen wollte. Aber waren dazu direkte Un­wahrheiten notwendig? Jeder Satz, den er über die Sozialdemo­kratie gesprochen, von A bis Z ist unrichtig! Die Sozialdemokratie soll sich der Beendigung des Streiks entgegengestellt haben! Da? ist fa doch direkt au§ der Luft gegriffen. Die Behauptungen de? Reichskanzlers stehen der Wahrheit schnurstracks gegenüber. Er sprach fa wohl noch gar von derKulturfeindlichkest" der Sozial­demokratie. Wenn eine Partei für die höchsten Güter des Volke? für die .Kultiw, für die Bildung eintritt, so ist es die Sozialdemo­kratie! Deshalb hält man sie fa so ängstlich vom preirßischen Land­tag fern, damit dort die Bildungsfeindlichkeit ungestört regieren kann, damit dort so verknöcherte Herren, wie der preußische Handels­minister ....

Präsident Graf Valleftrem unterbricht den Redner und be­deutet, daß der Ausdruckverknöcherter £>err", auf ein Mitglied der Reaierung angewandt, nicht angemessen sei.

Abg. Bebel: Ja, das ist der Geist, der in Preußen regiert! Und da spricht man vonsozialem Körngtmn"! Wir würden im?

sehr freuen, wenn dieses sog. soziale Königtum em wirklich soziale? Königtum werden würde. Dieses würden wir ebenso entschieden rmterstützen, wie wir fenes bekämpfen. Der Reichskanzler sagte, als er sein Amt antrat, zu uns:Weshalb bekämpfen Sie mich? Sie kennen mich ja noch gar nicht!" Nun, ietzt haben wir ibn kennen gelernt (Heiterkeit) und ich muß sagen: die ganze Feit bat er sich immer weiter nach rechts entwickelt. Nun noch em paar Worte Über eine andere Frage, die die Oeffentlichkeft stark erregt bat. Ich meine die marokkanische Frag-. Seltsam ist es, daß num erst setzt, uach einem Jahre nach dem Abschluß deS englisch-französischen Ab­kommens sich daran erinnert, daß man die deutschen Interessen schützen müsse. Ob für die Demonstrationsreise des Kaisers setzt der geeignete Moment ist, lasse ich dahingestellt. sLärm rechts.! Die Rede, die der Kaiser in Bremen gehalten hat. klingt ganz anders al? die früheren Reden von dergepanzerten Faust". Derrn man diese Politik, die der Kaiser in Bremen verteidigt hat, weiter ver­folgt, dann wird es hoffentlich auch bald mit den ewiaen Verstär­kungen von Heer und Flotte ein Ende nehmen. (Beifall b. d. So-..) Mg. Dr. v. SkgrzvnSki (Pole) bringt die bekannten volnischen Klagen vor imd volemistert besonders gegen den Abg. b. Gersdorff, weil er in der zweiten Lesung von der polnischen Schlange ge­sprochen habe, bleibt aber im einzelnen unverständlich.

Abg v. GerSdorfs skons.s meint, wenn Polen ein selbständiger Staat geblieben wäre, würde es nicht den Aufschwung genommen haberr wie jetzt. Wenn man jetzt freilich so die Polen reden böre, so bekäme man fast den Eindruck, daß man eine Schlange am Busen genährt habe Wenn die Polen bei jeder Gelegenheit die Polen­frage auftollten, so dürfen sie füh nicht darüber wundern, wenn auch die Deutschen die Reserve verlassen und ste sich zu kräftiger

^^^g^w^arlinski (Pole) meint, nicht die Polen, sondern die Deutschen hatten angefangen. ~ T v

Aba v. Tiedemann (Rpt.s: Nem, dre^olen. Ich habe die größte Bewunderung für die nationale Kraft der* Polen, für rbre nn nationale Kiele, für ihre unverwüstliche Lebenskraft. Abe? woüer Wn fie die MitN bekommen? Nnr durch den pren-

Pfitnsoweti lPol-1 erwidert: Nein, di- Deutschen bätten mg-sün^n. da fie grundsätzlich nichts Bet Leuten nut polm- schen Nmneu kausten. $ i. eg kann in keiner Weise be- stritte^wer?em däf; für di- öMiL-n. Landesteile sehr Hel von der preußischen Regierung getan worden ist. beider aber nicht auf dem Gebiete der Schule,' nirgends herrschen so ?er&a(tatg

in dieser Beziehung wie tm Osten. Ae ganze Ansiedelungspo itck ist aber nur eine Politik der Nadelstiche, dre die Polen nur ver­bittert, aber ihnen nichts geschadet hat. Frage, wer angefangen hat, will ich nicht erörtern. Hier steht Behauptung gegen Be­

hauptung. Die Boykottpolittk ist jedenfalls eine unwürdige Politik, die von beiden Seiten aufgegeben werden müßte.

Die Reichskanzlerrede über die Bergarbeiternovellen vom Montag hat mich nicht in Verwunderung gesetzt. Der Kanzler hat eben verschiedene Saiten auf seiner Geige. Er hat wohl gemeint, daß er den Gesetzen im Abgeordnetenhause am besten nutzen würde, wenn er ,ihnen einen scharfmacherischen Charakter gebe. Die Re­gierung ist m einer fatalen Situation, denn sie will doch gerade durch diese Novellen Frieden schäften und die Gemüter beruhigen. Dies wird aber durch solche Reden nicht erreicht. Am besten wäre es, wenn die ganze Berggesetzgebung reichsgesehlich geregelt würde Besondere Aversion scheinen die Herren im Abgeordneten vause gegenbie Arbesterausschüffe zu hegen. Aber mit Unrecht, wo sie eingeführt sind, haben, sie sich durchaus bewährt. Und wie ist es in Rußland? Dort bitten die Unternehmer gerade die Regierung darum, Arbefterausschüsie etnfitüren zu dürfen, damit sie mit ihren Arbeitern unterhandeln können.

Noch ein Wort zu unserer Handelsvertragspolitik: Man häfte mit der Vorlegung des österreichischen Vertrages warten sollen, bi? die Wahlen in Ungarn vollzogen waren. (Graf Bülow schüttelt lächelnd das Haupt: Herr von Loebell darauf desgleichen.) Nun haben wir die Bescherung: der Verttag wird vielleicht von Ungarn sanktioniert, und wft segeln nun doch in einen verttagslosen Zu­stand hinein.

Herr von Kardorff sprach sich gestern für eine Besteuerung der Eisenbahnen aus. Das ist das erste Mal. daß er für direkte Reichssteuern eintrat. Hoffentlich wird jetzt auch aus ihm in Bezug auf die Einführung des aleichen und direkten Wahlrechts in den Einzelstaatcn aus einem Saulus ein Paulus. Vor dreißig Jahren hat er sich doch schon mal dafür ausgesprochen.

Abg. von Kardorff (Rp.) erwidert, eine Besteuerung der Eisen­bahnen sei noch keine direkte Reichssteuer im Sinne einer Ein­kommensteuer. Wahr ist es, daß ich vor etwa 30 Jahren gemeint habe: es ginge auf die Dauer nicht an, daß zwei so hervorragende Körperschaften wie der deutsche Reichstag und das preußische Ab­geordnetenhaus auf so heterogenen Wahlgesetzen beruhen. Das ist sicher: wenn wir das Reichstagswahlrecht auch für die Einzelstaaten einführten, so wiftde das die politische Sittiatton ganz gewaltig ändern. Dann könnten wft allerdings zu einer Reichseinkommen­steuer kommen.

Die Rede des Abg. Bebel gehörte nicht hierher, denn das Berg­gesetz gehört zur Kompetenz Preußens. Die Sozialdemokraten er­innern immer, wenn sie da§ preußische Abgeordnetenhaus be­kämpfen, an das Wort Bismarcks von dem elendesten aller Wahl- spsteme. Aber Fürst Bismarck hat auch gesagt, wenn das gleiche und direkte Wahlrecht dazu führen sollte, daß gewisienlose Agitatoren das Volk belügen, dann würde das Öeutfcüe Volk wohl stark genug sein, sich von diesem Wahlrecht zu befreien. Daran mögen die Sozialdemokraten auch Nuten. Ich bestreite es entf(bieben, daß die Sozialdemokraten nur für Kulturförderung und Ideale sind. Ich gebe zu, daß sie für die körperliche Hvgiene der Arbeiter eintreten. aber es gibt mich eine geistige Hvgiene. die Erziehung der Natton dahin, daß sie keinen Konttaktbruch verübt, daß Treu und Glauben mrfrechterbalten bleibt. Das Königttnn ist bei rms schon lange sozial, alle andern Lander beneiden un? um unsere Arbefterichutz- gesetzgebung. Bezüglich der auswärtigen Politik sind meme Freunde natürlich auch dafür, daß wir mit allen Mächten gute Beziehungen unterhalten. Aber Frankreich kann nie darüber im Zweifel gewesen jein, daß wir auch dort die Politik der offenen Tür vertreten. Auch ich bin nicht für Besitzergreifung in Marokko. Dennoch darf man nicht, wie es hier geschehen, sagen, daß wft in einem Kriege gegen Frankreich und zugleich gegen England unbedingt unterließen müßten. DaS heißt doch, diese Mächte geradezu auffordern, über uns hebzufallen. Unser Landheer ist den anderen reichlich gewachsen, und unsere Flotte ist wenigstens zur Verteidigimg völlig ausreichend. Wir Deutschen unterschätzen unsere Gegner nicht, wft geben in den Krieg meist mrr mir schweren Sorgen, nicht mit russischer Selbst­überhebung. (Bestall.)

Reichskanzler Graf Bülow: Hinsichtlich der Ostmarkenftage folge ich dem Beispiele und dem Vorbilde des Abg. Gothein und werde mich bemühen, mich über diese Frage so kürz al? möglich zu fallen. Ich kann dies um so eher tun, als die Ausführungen der drei Herren Redner von der polnischen Fraktton nach meiner Auftallung von den deiftschen Herren Abgeordneten so gründlich widerlegt, oder,, wenn ich mich eines Ausdrucks deS Herrn Grafen von Miele-imski von neulich bedienen soll, so gründlich abgeführt worden sind, daß ich dem kaum etwa? hinzuzufügen habe. Der Abg. Gothein bat gemeint, daß der Ostmarkenpolittk der preußi­schen Reaierung mancher Vorwurf zu machen wäre. Ich glaube, der berechtigtste und stärkste Vorwurf, der der Ostmarkenpolittk der preußischen Regierung gemacht werden kann, stt der Vorwurf eines Mangels an Konttnuität (Sehr richtig! rechts), und deshalb werden wir für die preußische Regierung diejenige Ostmarkenpolittk, die wft jetzt führen, auch mit Stetigkeit fortsetzen. (Beifall.)

Der Abg. Bebel hat im Eingänge feiner Ausführungen den bevorstehenden Besuch Seiner Majestät des Kaisers in Tanger m Verbindung mit der marokkanischen Frage be­rührt. Ich halte es auch heute noch nicht für politisch opportun, mich im einzelnen und eingehend über die marokkanische Frage zu äußern. Ich nehme aber, nachdem die Frage nun einmal ange­schnitten ist. keinen Anstand, zu sagen, daß ich mit den Ausfüh­rungen meines Vorredners, des Abg. v. Kardorff, über diesen Punkt durchaus einverstanden bin. S. M. der Kaiser hat bereits vor Jahr und Tag S. M. dem Könige von Spanien erklärt, Deutschland erstrebe in Marokko keine territorialen Vorteile. Nach dieser bestimmten Erklärung ist es ein aussichtsloses Unternehmen, dem kaiserlichen Besuch in Tanger irgendwelche selbstsüchttge. gegen die Integrität und Unabhängigkeit von Marokko gerichtete Absichten unterzuschieben. Ein beredttipte? Motiv zur Beunruhigung läßt sich also aus dem Besuche in Tanger für niemand herleften, der selbst keine agressiven Zwecke verfolgt. Unab­hängig von der Territorial frage und unabhängig von dem Besuch läuft aber die Frage, ob wir in Marokko deutsche wirtschaftliche Interesien zu schützen haben., Das haben wft allerdings. Wir haben rn Marokko ebenso wie in China ein erhebliches Interesse an der Erhaltung der offenen Tür,, d. h. der Gleichherech- ttgung aller handeltreibenden Völker. Fürst Bismarck hat einmal gesagt, man könne eZ keinem Staate verübeln, wenn er für nach­weisbare Interellen eintritt. Verübeln könne man es nur dem. der sich aus Bösartigkeit in eine Sache einmischt, ohne nachweis­bare Interesien. Das ist in Marokko nicht unser Fall. Die deutschen Interessen sind, wie gesagt, recht er­hebliche und wir haben dafür zu sorgen, daß sie gleichberechtigt mit denen aller anderen Mächte bleiben. Wenn der Abg. Bebel aber gemeint hat, unsere Politik gegenüber Marokko sei eine andere geworden, so muß ick ihn zunächst darauf aufmerksam machen, daß Sprache und Haltung des Diplomaten und Politikers sich nach den Umständen richten. In der Tendenz der deuftchen Polittk aber hat sich nichts geändert. Wer ein fait nouveau sucht, wird es nickt in der deutschen Polittk ttnden. Sofern aber versucht wird, die völkerrechtliche Stellung Marokkos zu ändern, oder in

seiner wirtschaftlichen Entwicklung die offene Tür zu kontrollieren, müsien wft auch in höherem Grade als früher darauf achten, dafx unsere wirtschaftlichen Interesien in Marokko ungefäyrdet bleiben. Wir werden uns deswegen zunächst mit dem Sultan von Marokko in Verbindung setzen.

Nun hat der Herr Abg. Bebel bei diesem Anlässe ehren An­griff gerichtet gegen den Ahg. v. Riepenhausen. Er hat gemeint; das sei ein militärischer Draufgänger, und hat sich selbst hingestellt als den FriedenSmann par excellence. Mehre Herren, nach meiner Empfindung ist der A'-g von Riepenhausen sehr viel fried-« ferttger als der Abg. Bebel. (Heiterkeit.) Ich habe von dem Abg. von Riepenhausen bisher noch niemals hefttge und sehr tadelrrs- werte Angriffe gehört gegen befreundete ober benachbarte Reiche. Ich habe bisher, auch niemals gebärt, daß der Aba. von Rieven- boufen ober bie ihm nabesiehenbe Prelle hätte eine überaus heftige, hätte eine agressive, hätte eine gerabezu kriegerische Sprache führen lallen gegen unsere Nachbarlänber. Iebenfalls hoffe ich, daß bie friebferttge Gesinnung, der der Abg. Bebel heute Ausdruck gegeben- daß er die immer und überall und künftig bei jeder Gelegenheft zeigen wirb. Nun hat ber Abg. Bebel sich gewandt gegen die Aus­führungen, welche ich vorgestern hn preußischen Abgeordnetenhause gemacht habe über den Streik im Ruhrrevier und über die Novelle zum Berggesetz. Wenn der Abg. Bebel bef diesem Anlaß wiederholt hat, daß bas, was ich seinerzeft in biefem hoben Hauie gesagt hätte über die Absicht und den festen Enftchlutz der preußischen Regiemlng. die öffentliche Ordnung unter allen Um­ständen aufrecht zu erhalten, eine Provokation der Arbefter sei, so erwidere ich ihm: Solange wft eine Regierung in Preußen und ift Denttchland haben werden, die diesen Namen überhaupt verdient, wird sie es als ihre erste und nächste Pftidst halten, zu verhindrrn, baß Gesetz unb Ordnung verletzt werben. (Beffall.) Darm hat ber Herr Abg. Bebel wefter gesagt, daß in Englanb ober Frankreich fein Minister sich so gegenüber einem Streik hätte benehmen, sich so aeaenüber einem Streik hätte anssprechen können, wie ich bet H»fer Gelegenheft, lieber bie Haltung ber königlich preußischen Staatsreaiermig gegenüber dem Stteft im Rubrrevier habe ich müh, eingehend vor zwei Tagen verbreftet, imb ich habe gesagt, daß nach! meiner Ansicht Wohl fairm ie gegenüber einer so ernsten, einer so weitreichenden Arbeitseinstellung, wie es dieser Ausstand im Ruhr­revier war. eine Regiermig eine sachlichere und ruhigere Haltung beobachtet hat, wie in diesem Falle bie königlich preußische Staats-, reaienma. Ich richte aber an den Abg. Bebel bie Gegenfrage: Die haben sich denn bei ähnlichem Anlaß aus ber Sozialdemokratie- bervorgetretene Reni ererbe Verhalten? Wo sie bazu in der Lage- Waren, sind sie dem Stteik meistens mana militari entgegen­getreten. So haben es bie Minister gehalten, bie au§ der sozial­demokratischen Partei hervorgingen, so hat eS, wenn ich mich rncht täusche, der Herr Wullschläger in Basel gehalten beim Maur er­streik. Wenn das der Abg. Bebel beftreitet (Zwischenrufe) w-nn er nicht bestreitet, würde daS meine Ansicht bestärken s.Heiterkeft) so will ich verlesen, was er selbst gesagt hat auf dem Internattonalen Sozialisten-Kongreß in Amsterdam. Ich bemerke dabei aber ausdrücklich, daß der ZeittmgSausschnftt mir nicht von dem Abg. Erzberger vorgelegt ist (große .Hefterkeft), der mft noch niemals ftgend einen Zeitungsausschnitt ober ftgendeine Mitteilung hat zukommen lallen. WaS berVorwärts" darüber behauptet bat, war purer Schwindel. sHefterkeft.) Also auf dem Inter­natt onalen Sozialisten-Kongreß sagte Bebel:Kein größerer Kampf, in den letzten vier Jahren, nicht in Lille, Roubaix, Marseille,' Brest, Marttniaue und noch jüngst m der Normandie der Stteik der Glasarbeiter, bei dem das Ministerium Waldeck-Rouffeau- Millerand, bas Dttnisterftnu EombeS gegen die Arbeiter nicht Militär aufgeboten hat! Im November ist die Pariser Polizei in schamlosester gewalttättaster Weise m bie Pariser Arbeit erb örse ein­gebrochen unb hat 70 Arbefter verwunbet, niebergeknüppeft, und da bat ein Teil unserer sozialistischen Freunde in der Kammer nicht für die Bestrafung deß Polizeipräfetten gestimmt.^ (Hört, hört! rechts. Lebhafte Pftnrufe.) Diesen Pfuirufen schließe ich mich nattftlich nicht an. Ich verhalte mich ganz objekttv gegenüber Bor- aänaen in anderen Ländern, aber ich richte die Frage an den Abg. Bebel, mit welchem Rechte er da gegen die preußische Regierung -m Felde zieht, die gegenüber einem Ausstand von 200 000 Ar­beitern nicht einen einzigen Soldaten auf die Beine gebracht hat. Als in der belgischen Kammer neulich der belgische Bergarbeiter-' streik zur Debatte stand, baten die beiden sozialistischen Vertreter von Lüttich bie belgische Regierung, sie möge gegenüber dem belgi­schen Stteik eine so gerechte und fachliche Haltung einnehmen, tote die preußische Regierung während des Bergarbefterstreiks im Ruhr­revier es gegenüber den preußffchen und denffchen Bergarbeitern getan hätte. Gehen Sie, Herr Bebel, bei Ihren belgischen Ge- nollen in die Lehre und brechen Sie endlich mit den verknöcherten Anschauungen ber Ausdruck ist fa erlaubt sHefterkeft), bie Sie bisher auf biefem Gebiete gehabt haben. Nun hat ber Herr Abg. Rebel auch die ruhige Halttmg unserer Arbefter im Ruhrrevier bervoraehoben. Werm ich auch die unter Konttaktbruch erfolgte Niederlemma der Arbeit als eine Ilnrechttnäßigkeft habe tadeln müllen und scharf getadelt habe, so habe ich doch immer gern an­erkannt. daß der Stteik hn großen und ganzen ruhig verlaufen ist. Da? hat bekanntlich den Arbeitern in weften Kreisen Svmvathien erworben. Mögen sie daraus erkeimen, wie sehr sie sich und ihrer Sacke nützen, wenn sie sich m den Bahnen des Gesetzes und der Ordnung halten. Im schreienden Gegensatz zu dieser Haltung der Bergarbeiter stand aber von Anfang an und bis zu Ende die .Hal­tung der sozialdemottattschen Partei, des sozialdemottatischen Parteivorstandes, der sozialdemottattschen Preffe, bei welcher von vornherein und immr*r wieder der politische, der revoluttonäre Pferdefuß ^zum Vorschein kam.

Die sozialdemottatifche Preffe war bon, Anfang an bemüht, Mißtrauen gegen die Regienmg unb gegen die Volksvertretung zu erwecken. Bevor die Novelle mm Berggesetz an gekündigt wurde, erklärte die sozialdemottattfcbe Preffe. daß von festen der Regie­rung unb von festen des Parlaments unter keinen Umständen ttaendwelche gesetzliche Remedur zu erwarten wäre. (Zuruf v. d. Soz.: Haben wir beim da nicht etwa recht?) Warten Sie es boch ab. ?lls die Regierung nun im Interelle des sozialen Frieden-, äfa die Reaierung in einer durchaus sachlichen Haltung gegenüber beiden Teilen bie Novelle zum Berggesetz in Aussicht stellte, hat die sozialdemottatifche Preffe alles getan, um den Arbeitern dft Freude an diesem Eingreifen zu verekeln. Regierung und Parla­ment wiwden aufgefordert, etwas für die Arbeiter zu tun. In demselben Augenblick wurden Regierung und Parlament als Kavitalistenregierung und Kavitalistenvarlameut mit Schmähungen überhäuft, und im Gegensatz zu den Ausführungen deS Abg. Bebel behaupte ich, daß der Ausstand sehr viel früher zu Ende gekommen wäre, wenn die fottaldemottattsche Preffe nicht immer fort Oel inS Teuer gegoffen hätte. (Zustimmung.) Das ist sogar in solchen Blättern anerkannt und hervorgehoben worden, die weder der Re­gierung besonders tteundlich, noch ftgendwie den Wünschen und Forderungen ber Arbeiter seinblich gegenüberstehen. Ich habe da einen Ausschnitt aus derFrankfurter Zeitung" vor mft, die