Ausgabe 
29.3.1905 Zweites Blatt
 
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Nr. 75

Zweites Blatt

155* Jahrgang

Mittwoch 29. März 1905

Gr-chedrt KMch mit VuSncchmr bei Sonntags,

Ti«Gießener Fa«MenblStter- werden dem ^Anzeiger viermal wöchentlich betgelegt. Der «heMch, taiöetrt*4 erschevu monatlich einmal.

Gießener Anzeiger

Rotationsdruck and Verlag der Vrühllche» UntoerfUätSörucfetcL R. Laag«. Dietz«.

Redaktion. Expedition a. Druckerei: Schulst«.I. Del. Str. 6L Tetegr^Adr.» Un-eig« Dietz«»

General-Anzeiger, Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.

Mrlameutarisches.

Der Hessische evangelische Pfarrverein hat eine Abänderung des § 34 des Gesetzes, betr. die Erbschafts- And Schenkungssteuer angeregt. Die Vorstellung bezweckte, daß die Befreiungsbestimmung dahin erweitert werde, daß mich Schenkungen cm Kirchengemeinden, sofern sie ausschließ­lich zu kirchlichen Zwecken Verwendung finden, von der Schenkungssteuer befreit bleiben. Die Regierung bemerkt nun sehr richtig :

Der öffentliche Unterricht, sowie die Förderung von Kunst unb Wissenschaft sind so sehr Aufgaben der All- Seinheit, daß der Staat die Mittel, die für fte von einzelnen er Glieder besonders zur Verfügung gestellt werden, dieser Zweckbestimmung nicht durch seine Besteuerung teilweise wieder entziehen sollte. Auch Zuwendungen zu den angegebenen be­sonderen kirchlichen Zwecken möchten von der Besteuerung auszu- nehmcn sein, zumal dabei teilweise doch auch andere Zwecke (gemeinnützige, Förderung der Kunst usw.) mitverfolgt werden, überdies die Besteuerung doch auch des -Oeftercn unvermögende Kirchengemeinwesen trifft, welche die zu zahlende Steuer wiederum nur durch kirchliche Umlagen von ihren Angehörigen aufbringen könnten, die von der besteuerten Zuwendung vielfach weder mittel­bar irgend welche Vorteile haben. Wenn hiernach sachliche Gründe für eine Ausdehnung der Befreiungen von der ErbschaftS- und Schenknngssteuer sprechen, so sind andererseits die finanziellen Bedenken, die einer solchen Ausdehnung in dem vorstehend an­gedeuteten Umfang entgegenstehen, ziffernmäßig nicht allzu groß. Nach Feststellungen würde in einem Jahre ein Ausfall von nur rund 50 000 Mark entstanden sein.

Wir sind hiernach geneigt, die Vorlage eines Gesetzentwurfs Lur Abänderung der Artikel 6 und 34 des Gesetzes, die Erbschafts­und Schenkungssteuer betreffend, in der vorstehend angegebenen Richtung in die Wege zu leiten.

Der Ausschuß stimmt diesen Ausführungen zu.

Die Abg. Häufe! und Genossen beantragen:

1. die Gestüts statt io n König i. O. wieder einzurichten and die Kosten derselben aus den beantragten Geldmitteln von insgesamt 163 000 Mark zu bestreiten: 2. die neugegründet« Station Stockheim wiederaufzuheben, und dafür 3. eine Gestüts st ation zu Beerfelden einzurichten und die hierfür nötigen Kosten von 3000 Mark zu verwilligen, somit für das Landgesttit statt 163 140 Mark 166 140 Mark zu bewilligen.

Berlin, 28. Marz. Dem Herrenhcmse ging ein An­trag des Grafen Mirbach-SorguAten zu, nach welchem die Staatsregierung ersucht werden soll, in eine Prüfung ein- zutreten, ob nicht im Gebiete desWestlichen Kanal­netzes" der Vorlage betr. die Herstellung und den Aus­bau von Wasserstraßen die Einrichtung der dortigen Bahnen zum elektrischen Schnell betriebe für den Güter- (und den Personen-) Verkehr einen besseren Ersatz derjenigen Kancrlstrecken, welche sich als Nenanlagen von Wasserstraßen darstellen, ergeben würde, ferner falls die Prüfung zu gunsten des elektrischen Schnellbetriebes aus- sällt, den beiden Häusern des Landtages einen neuen Gesetz­entwurf vorzulegen oetreffend eine entsprechende Abänder­ung des westlichen Kanalnetzes.

Im preuß. Herrenhaus ist der' Antrag ein­gebracht worden, dahin zu wirken, daß Gastwirten, Schank­wirten, Kaufleuten, überhaupt allen, welche mit Wein, Bier, Spirituosen, Getränken, Braimtwein, Likören handeln, ver­boten werde, an Kinder unter 14 Jahren Ge­tränke aller Art zu verabfolgen und Zuwiderhandlungen mit erheblicher Geldstrafe belegt, in wiederholten Fällen aber mit Konzessionsentzrieduna bestraft werden.

Kcer und Alotte.

Karlsruhe, 28. März. In der Hauptversammlung des Badischen Landesausschusses des Deutschen Flotten­vereins wurde folgende Resolution angenommen: Ter in Karlsruhe unter dem Ehrenvorsitze des PÄnzen Karl von Baden tagende Ausschuß ist einmütig der Ansicht, daß das Gesetz vom 14. Juni 1900 über den Ausbau unserer Kriegsflotte weder auf nationalpolitischem noch auf wirt­schaftspolitischem Gebiete den Anforderungen entspricht, für welche dasselbe erlassen wurde. Der Ausschuß hält daher in Uebereinstimmung mit dem Beschlüsse der Hauptver­sammlung des Deutschen Flottenvereins zu Dresden den am 17. April 1904 eine Vergrößerung unserer Kriegsflotte, sowie einen rascheren Ausbau derselben, als in dem erwähnten Gesetz vorgesehen, zur Wahrung von Deutschlands Ansehen und Wohlfahrt für geboten.

Kirche und Schule.

Pastor D. Fischer von der St. Markus- kirche zu Berlin hielt am Montag dort vor dem libe­ralen Parochialverein der Auferstehungsgemeinde einen Vor­trag über denDienst der Kirche an der Religion". Bevor D Fischer seinem Thema sich zuwandte, berührte er kurz seinen K o n fli kt mi t d e m K o n sistorium und erklärte, daß ihn der Entscheid des Oberkirchenrats um deswillen freue weil keine Bedingung daran bezüglich seines künftigen Lehrens und Predigens ge­knüpft sei Er wolle denn auch in derselben Weise lehren und predigen, wie er es bisher getan. Seinem Vortrag stellte Vastor Füscher das Wort des Heilandes an die Spitze: Der Mensch ist nicht um des Sabbats willen, sondern der Sabbat ist um des Menschen willen da!" So sei auch bte Kirche um der Christen willen da und mcht diese um der

SS, !-»-«»- WW, di- Relmion nach Kräften zu hegen und zu pl legen, sie hat an die Religion im Menschenherzen zu glauben auch dann irnh hnrt hin sie nicht in Bckenntni en zum Ausdruck ge- langt Daß Je Änschen fromm sind, muß die Kirche glauben nicht daß sie die Menschen fromm zu machen habe. Die Region ist die Stimme der Gottheit in uns, und diese Stimme sollen und dürfen wir nichi ^fementEm ^rum benötiat die Kirche auch keiner Macht,

kirchliche Leben gestaltet ivird, so der Redner, um so tiefer und intensiver wird un,ere Arbeit fein. Rach Lebhafter Besprechung wurde eine Re s o lutron einstimmig Änommen, in her dem Evangelischen Oberkirchenrat die freudige Genrgtuung über seine Entscheidung zum Ausdruck gebracht und dem Pfarrer D. Äscher für fern mannhaftes Beharren auf dem von ihm für richtig er- tonnte:i Standpunkt gedankt wird.

UMische TliqeMlin.

Die Famecker Friedhofsangelegenheit

wurde dieser Tage vor dem kaiserlichen Rate in Straßburg verhandelt. Die Gemeinde Fameck, in der 1200 Katholiken und einige Protestanten wohnen, beschloß nach Aufhebung des durch den Bischof Benzler über den Friedhof verhängten Interdiktes den Friedhof zu erweitern und auf dem neuen Friedhof eine besondere Abteilung für Prote­stanten zu errichten. Gegen diesen Plan legten einige in gemischter Ehe lebenden Protestanten, sowie das protestan­tische Konsistorium in Metz Protest ein. Am 26. November 1904 verfügte der lothringische Bezirkspräsident, daß in Fameck von der Anlegung einer besonderen protestantischen Friedhofsabteilung Wstand genommen werden solle, da nach Artikel 15 des alten französischen Dekrets ein abgesonderter Platz für die Beerdigung Andersgläubiger nur von solchen Gemeinden vorgesehen werden müsse, in denen mehrere Religionsgemeinschaften regelmäßigen Gottesdienst ab- halten. Gegen diese Verfügung reichte der katholische Pfarrer eine vom Gemeinderat, zahlreichen Bürgern. und vielen Frauen unterschriebene Erklärungsbeschwerde ein. Der Be- zirkspräsident hielt den Beschluß aufrecht. Hierauf legte die Gemeinde Fameck, sowie der Bischof von Metz gegen die Verfügung Rekurs beim kaiserlichen Rat ein. lieber die Verhandlungen vor diesem höchsten Verwaltungsgericht in den Reichslanden wird berichtet:

Reichstagsabg. Rechtsanwalt Dr. Vonderscheer, führt als Ver­treter des Bischofs von Metz imb der Gemeinde Fameck aus, aus der Entstehungsgeschichte und dem Zweck des Dekrets gehe hervor, daß in Gemeinden mit verschiedenen Religionsbekennt­nissen jedes Bekenntnis einen besonderen Friedhof haben solle. Man sollte der katholischen .Kirche Religionsfriedl'öfe gewähren, was aber nur dann geschehe, wenn der Friedhof, der eine Knltusstätte sei, konfessionell getrennt werde. Wenn Prote st un­ten im einzelnen Falle eine unehrenhafte Stelle auf dem Friedhof angewiesen worden sei, so werde das auch auf katholischer Seite stark verurteilt. In dem Leichenbegängnis liege stets eine öffentliche Betätigung des Glaubens. Der Tote bekunde seine Religion mit seiner Beerdigung. Man möge dem Rekurs des Metzer Bischofs und der Gemeinde Fameck stattgeben. Justizrat Ruland-Kolmar stellte als Vertreter des protestantffchen Konsistoriums m Metz den Antrag, den Rekurs zu verwerfen. Die Friedhöfe feien Gemeindeeigentum. Jeder Bürger habe dem Friedhof gegenüber gleiches Recht. Der Gebrauch, daß in ge­weihten Orten kein Andersgläubiger beerdigt werden dürfe, ge­höre nicht zum Dogma der katholischen Kirche. Mit der Ab­lehnung des Rekurses werde der kaiserliche Rat nicht nur dem Recht, sondern auch dem Rechtsbewußtsein des Volkes entsprechen.

Deutsches Reich.

Berlin, 28. März. Auf die Aeßerung des Kaisers über eine Zusammengehörigkeit aller Prote­stanten im Kampfegegen den Ultramontanis- mus" kommt jetzt der Hamburger Senior D. Behrmann im Hamb. Kirchenbl." nochmals zurück. Er schreibt u. a. :

Was ich vor drei Wochen vorläufig von der Ein­weihung des Doms zu Berlin mitgeteilt habe, hat viel Staub aufgewirbelt. Das ist weder Verdienst noch Schuld meiner Mitteilungen gewesen. Die Absicht, die ich mit meiner Mitteilung verfolgt habe, bestand darin, auch für die hamburgischen kirchlichen Verhältnisse die allgemeine Wahrheit, daß es endgültig nicht auf den Ausbau des kirchlichen Lebens (so wichtig und nötig derselbe sein kann), sondern auf seine religiös sittlichen Fichte an­kommt, durch die Autorität eines Kaiserwortes zu be­kräftigen, das so nachdrücklich und so wiederholt geäußert wurde, daß ich annehmen durfte, es sei nicht nur für mich allein bestimmt."

Nach den Beschlüssen der Budgetkommission des Reichstags balanciert der Reichshaushaltsetat für 1905 mit 2 180 167 169 Mk. (gegen 2 241 560 900 Mk. der Vorlage), er ist also um 61393 731 Mk. herabgesetzt worden. Tie Anleihe zur Bestreitung einmaliger außerordent­licher Ausgaben beträgt 191471413 Mk. (statt 293 057 772 Mark der Vorlage).

Heute begann der Bergarbeiter-Delegier­tentag für Preußen, um zu den Berggesetz-No­vellen Stellung zu nehmen. Es sind vom sogen, alten Verband, d. h. dem sozialdemokratischen 70, vom christlichen Verband 40 und von den Hirsch-Dunckerschen Gewerkvereinen 8 Delegierte anwesend, und auch die Polen sind vertreten. Tie Regierung hatte keine Vertreter entsandt. Von den parlamentarischen Parteien waren die Sozialdemokratie durch zahlreiche Abgeordnete, das Zentrum durch Trimborn und Hitze uno die freisinnige Vereinigung durch den Abg. Bergrat a. T. Gothein vertreten. Um Vs 11 Uhr eröffnete der Vorsitzende der Gewerkschaftskommission, Reichstagsabg. Körsten den Kongreß. Er begrüßte die Erschienenen im Auftrage der Berliner Arbeiter und rühmte die eiserne Disziplin, die die 23 er gl eilte während des Streiks und bei dessen Beendigung bewiesen hätten. Der Abg. Sachse hielt auch eine kurze Ansprache, in der er in ruhiger Weise er- läuetrte, daß die Wünsche der Arbeiter und sogar die Ver­sprechungen der Regierung nicht voll erfüllt seien. Nach der Konstituierung des Bureaus ergriff zum ersten Referat Berggesetzgebung im allgemeinen" der Abg. Hue das Wort. Er erklärte, keine Parteipolitik zu treiben, er wolle nur die Sache der Bergleute vertreten.

Das preuß. Abgeordnetenhaus hat die Berg­gesetz-Novelle an eine Kommission von 28 Mit- gliedern verwiesen.

Kiel, 28. März. In der Garnisonkirche fand heute die feierliche Einsegnung des Prinzen Waldemar von Preußen und vier seiner Klassenkameraden statt.

Köln, 28. März. Wie dieKöln. Ztg." hört, wird auf Anregung des Reichskanzlers der preußische Unterrichts- minister die Schulbehörden anweisen, denjenigen aka­demisch gebildeten Lehrern, Volksschul­lehrerinnen, die an deutschen Auslandsschulen eine Stelle annehmen wollen, den Uebertritt in den Aus­landsschuldienst durch Erteilung von Urlaub oder Zusicher­ung von Wiederaufnahme in den heimischen Schuldienst, sowie durch Anrechnung der im Auslände zugebrachten Tienstzeit möglichst zu erleichtern

Ausland.

London, 28. März. (Unterhaus.) Herbert Sanrml (libO weist auf den beabsichtigten Bau einer deu tsch en Eisen-, bahn durch Kamerun nach dem Tschadsee hin und fragt an, ob die englische Regierung den Bau einer Eisenbahn vont Niger nach Zaria und die Verlängerung der Linie nach Kano und dem Tschadsee beabsichtigt. Kolonialminister Lyttleton antwortet, die Vermeffung für die Eisenbahn vom Niger nach Zarin sei im letzten Jahre beendet worden, aber über den Dau der Eisenbahn noch nichts beschlossen. Der Kriegsminister bringt das Armeebudget ein und behandelt ausführlich die Armee be­treffenden Fragen. Er jagt u. a.: Wenn England für eine In­vasion offen daläge, müßten wir das Svstem der Aushebung wie andere Länder annehmen, aber die Gefahr der Invasion ist keine wirkliche Gefahr. Die hauptsächlichste Aufgabe der. eng­lischen Armee ist es, über See zu kämpfen, und der einzige. Platz, wo dies stattfinden kaim, ist da, wo wir eine Grenze zu verteidigen haben. Wir müssen uns von dem Gedanken frei machen, daß wir mit den großen Militärmächten in einen Wettstreit des Kriegswesens eintreten können. Wir sind das einzige Land in der Welt, welches eine Armee auf dem Kriegsfüße während der Friedensepoche zu unterhalten hat.

Brüssel, 28. März. König Leopold wird Ende dieses Woche nach 'dem M i t t e l m e e r abreisen und später eine fahrt im adriatischen Meere unternehmen.

Rouen, 28. März. In der gestrigen Nachnntta-bssitzung des Sozialist en-Kongress es entstand an dem Tische der Presse ein heftiger Wortwechsel. Ein Redakteur der Hmnanitä und ein solcher der Petit Republigiie tauschten gegenseitig reich­lich Ohrfeigen aus. Hierauf entstand im Saale ein großer Tumult. Dann ergriff der Delegierte Renaudell das Wort, der die sozialistischen Abgeordneten heftig angriff. Die Ausführ­ungen dieses Redners verursachten neue Tumulte.

Madrid, 28. März. Die andalusische Agrarkrise nimmt einen beunruhigenden Cbarakter an. Aus zahlreichen Orten laufen Nachrichten ein, die den Ausbruch ernsterUnruhen befürchte^ lassen, wenn die Dürre noch einige Tage anhält. Die Maß­regeln der Behörden waren bisher gänzlich unzulänglich.

R o m , 28. März. Die Bildung des neuen M i n ist er inmS vollzog sich ruhig. Die neue Liste ist: Fortis Vorsitz und Inneres, Carcano, früherer Finanzminister, Schatz, Finocchiaro Aprile Justiz, Bianchi Unterricht, Morelli Gualtierotti Post. Der Kriegs- und Marineminister bleiben, ebenso Rava Ackerbau, Majorana Finanzen, Tittoni Aeußeres. Die öffentlichen Arbeiten übernimmt der Professor der Nationalökonomie Carlo Ferraris.

Belgrad, 28. März. Heute fand auf der Straße end Renkontre zwischen dem Herausgeber der Zeitung Oppositi^, Welitschkowiffch und dem Leutnant Sturnt statt, in dessen Verlaufe beide die Revolver zogen. Ein vorüberkommender Stabsoffizier legte den Streit bei. Heute mittag fand ebenfalls auf der Straße ein Renkontre zwischen dem früheren Minister Ljuba Ziokowitsch 'und dem Bild^ Hauer Jovanowttsch statt, welches in Tätlichkeiten ausartete.

Aus Stadt Md Zand.

Gießen, 29. März 1905.

** Sitzung des Provinzialausschusses. Am Samstag, dem 1. April d. I., vormittags */,9 Uhr be­ginnend, findet eine Sitzung des ProvinzialausschuffeS der Provinz Oberbesien mit folgender Tagesordnung statt: 1. Gesuch des Metzgers Wilhelm Weifenbach zu Nieder- Ohmen um Erteilung einer Wirtschastskonzefsion. 2. Gesuch des Johannes Döll in Rödgen um Erlaubnis zum Betrieb­einer Schankwirtschaft. 3. Enteignung für das Haupt­siel und die Kläranlagen der Stadt Gießen, hier Augenscheineinnahme betr.

** Alice-Frauenverein. Vom Zentral-Komitee des Alice-Frauenvereins wird uns geschrieben: Das finanzielle Ergebnis des am 11. l. M. stattgehabten Wohltätig- keitsfesteS zu Gunsten des Alice-HospitalS war ein außerordentlich günstiges. Einschließlich der Zuwendungen in bar von den Zweigvereinen (im ganzen 1225 Mk., dar­unter vom Zweigverein Offenbach 615 Mk. und vom Zweig­verein Gießen 300 Mk.)) sowie von sonstigen Gönnern und Freunden im Gesamtbeträge von ca. 5600 Mk. wurde eine Bruttoeinnahme von etwas über 20 000 Mk. und ein Ein­nahmeüberschuß von rund 17 500 Mk. erzielt, welcher dem Alice-Hospital überwiesen werden konnte. Aus diesen Ein­nahmen werden zunächst die rund 15 000 Mk. betragenden Baukosten der neuen Operationssäle des Mice-Hospitals be­stritten werden. Ein Teil des Ueberschuffes und zwar der Gesamtertrag der Verlosung wird dem Fonds zur unentgell- lichen Verpflegung mittelloser Kranker im Alice-Hospital über­wiesen werden. Der Rest wird im Interesse der Verbefferung der Einrichtungen des Alice-Hospitals Verwendung finden.^

** Silberne Hochzeit feiern heute Herr Karl Busch und Frau.

** Kindesmißhandlung. Die Gießener Straf­kammer prüfte am Dienstag ein Urteil des Schöffengerichts' Büdingen. Wegen fortgesetzter Mißhandlung seines, 12jährigen Kindes wurde der Zimmerniann Philipp H. von Büdingen durch das Schöffengericht zu 4 Monaten Gefängnis verurteilt. Bezüglich seiner mitangeklagten Frau wurde das Verfahren ausgesetzt, da sie wegen schwerer Erkrankung nicht erscheinen konnte. H. erhob gegen das Urteil Berufung und die Staatsanwaltschaft schloß sich dieser an. Die Beweisaufnahme ergab, daß H., der in zweiter Ehe lebt, das Kind aus erster Ehe mitgebracht hat. Von der Stiefmutter wurde es aber auf sehr schmale Kost gesetzt. Nachbarn erbarmten sich seiner und gaben ihm zeitweilig zu essen. Fast täglich hörten die Hausbewohner und Nachbarn das Kind jämmerlich schreien, da es von seiner Stiefmutter sowohl als auch von seinem leiblichen Vater in unmensch­licher Weise mißhandelt wurde. Die Mißhandlungen deS Vaters bestanden in Schlagen mit Hackenstiel, Besen, Heuseil und Stiefeln, sowie in Faust schlagen auf Mund und Nase, daß das. Blut floß, und in Tritten mit beschuhten F i'i ß en. In der Haushaltung mußte es über seine Kräfte arbeiten, dabei schlug es die Stiefmutter mit allen niöglichen Geräten, die sie gerade zur Hand hatte, iodaß es blaue und schwarze Flecken davontrug. Der Rufname des Kindes wurde nie genannt; mit den scheuß-