Ausgabe 
29.7.1905 Drittes Blatt
 
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ytr. 176

S,Nch mit Ausnahme bei Sonntags,

Die ^Gießener FcnaMellblStter" werden dem ,Nnzetger viermal wöchentlich betgelegt. Der »hslstlchs tanbwlrT erscheint monatlich einmal.

Drittes Blatt. 155. Jahrgang

Giehener Anzeiger

Samstag 29. Juli 1905

Rotationsdruck und Verlag der Brühl'sche» UntversitälSdruckerei. R. Lange. (Btebat

Redaktion. Expedition n.Druckerei: Schulstr.H^

Del. Nr- 6L Delegr^Adr.» An-etger Sieb«»

General-Anzeiger, Amts- und Anzeigeblatt für den Ureis Giehen.

Politische Tagesschau.

Die Kriminalität der Student«

wird in dem Jahrbuch der deutschen Burschenschaft von 1905 einer interessanten Betrachtung unterzogen. Zwei­mal hat sich die Reichsstatistik damit beschäftigt: in den Jahren 1893 und 1899. Die Aufstellungen, die nur auf Verbrechen und Vergehen gegen ReichKgesetze, nicht auf Polizeidclikte und Uebertretungcn sich erstreckten, ergaben nn Vergleich zu der Kriminalität der Gesamtbevöllerung folgende besonders interessanten Punkte: Auf 10000 Stu­denten kamen Verurteilungen wegen Beleidigung 1893: 22,2; 1899: 17,9; auf 10 000 Strasmündigc überhaupt 1899: 14,3. Wegen Gewalt und Drohung gegen Beamte 1893: 14,5; 1899: 13,9; auf sonstige Strafmündige 1899: 4,4. Wegen Sachbeschädigung stellte sich folgendes Verhältnis heraus 1893: 9,3; 1899:10,5; bei sonstigen Straf­mündigen 1899: 4,9. In allen anderen Vergehen sind die Studenten verhältnismäßig lveniger vertreten; ihre beson­deren Straftaten sind gewissermaßen studentische Speziali­täten. Der Verfasser des Aufsatzes, Dr. Wittich, weist auf die ernste Bedeutung dieser Zahlen hin. Sie bekunden, so führt er aus, daß. ein Stand durchweg wohlerzogener, gebildeter und in auskömmlichen Verhältnissen lebender junger Leute wenigstens auf gewissen kriminellen Gebieten den Vergleich mit der Gesamtbevölkerung scheuen muß und daß er selbst bei Beschränkung des Vergleichs auf die krimi­nell bedenklichste Altersstufe sich vor den Angehörigen roher und ungebildeter Stände durchaus nicht vorteilhaft aus­zeichnet. Auffallend ist der grosu: Prozentsatz von Bestraf­ungen wegen Beleidigung, hinsichtlich deren der deutsche Student einen für ihn gewiß nicht rühmlichen Rekord ge­schaffen hat. Diese Bedeutung der angegebenen Ziffern wächst, wenn man erwägt, daß die Mehrzahl der eigentlich studentischen Beleidigungen unter Studenten auf studen­tischen! Wege zum Austrag gebracht wird und daß selbst, wenn dieser Weg sich als nicht gangbar erweist, der Student geringe Neigung hat, den Weg der Privatklage zu beschreiten. Man geht wohl in der Annahme nicht fehl, daß jene Ver­urteilungen sich auf besonders gröbliche Beschimpfungen insbesondere von Personen, die nicht Studenten sind, be­ziehen werden. Wenn solche Handlungen von rohen und ungebildeten Leuten der niederen Stände begangen werden, so werden sie aufs schärfste beurteilt und geahndet. Nm wie viel mehr wäre dies geboten, wenn sie von Studenten begangen worden, denen so viel Bildung, Erziehung und Verstand inncwohnen müßte, daß sie sich insbesondere als zukünftige Träger der staatlichen Ordnung sagen müßten, wie unwürdig und unverantwortlich es ist, den zur Auf­rechterhaltung der Ordnung berufenen Beamten ihr ohne­dies schweres Amt durch gröblichen Unfug, Beschimpfung, Drohung und Gewalt zu erschweren, die ihnen gegenüber gewiß nachsichtigen Beamten zum Einschreiten gegen sie zu zwingen und sich bei der dadurch begreiflicherweise hervor­gerufenen Animosität einer eines vornehm denkenden Man­nes unwürdigen Behandlung auszusetzen? Insgesamt wird man sagen können, daß die Mehrzahl der von Studenten begangenen Delikte den Geist der Gewalttätigkeit und Unbot- mäßigkcit atmen. Mit jugendlichem Ucbcrmut, wie sich die Reichsstatistik beschönigend ausdrückt, sind sic nicht zu er­klären und zu entschuldigen. Das ist Wohl bei polizeilichen Uebertrctungen, nicht aber bei den hier vorliegenden, durch­weg schweren Exzessen der Fall. Die Mehrzahl, wenn nicht alle der von Studenten begangenen Straftaten ist unter der Einwirkung des Alkohols begangen worden, und zwar nicht im Zustande eines lustigen, liebenswürdigen Rausches, sondern zumeist wohl jn einer rohen, fast sinnlosen Be­trunkenheit.

Gegen Herrn v. Vollmar

herrscht in norddeutschen sozialdemokratischen Kreisen eine hochgradige Verbitterung. Jn einem Versamm­lungslokal in Berlin, nro das Gruppenbild der sozialdemo­kratischen Rcichstagsabgeordneten aushängt, haben empörteGe­nossen" das Gesicht des ?lbg. v. Vollmar mit Tcnte^voll- ständig unkenntlich gemacht imb an einer anderen stelle haben die Hände der Genossen dem Bilde desselben Abgeordneten einen Nagel durch die Stirn geschlagen. Was die Ent­rüstung im Lager der zentralenaufgeklärten" Genossen ms aufs äußerste gesteigert hat, das ist die Tatsache, daß die bäuerischen Genossen, um zugunsten des Klerikalismns ihr Wahl­recht ausüben zu können, sich massenhaft bereit fanden, den Eid auf die Verfassung zu leisten, der in Bapern gefordert wird. Man ist der Meinung, daß der Fahneneid schon eine Gewusens- vergewaltigung sei, daß aber der Eid auf die Verfassung eines Staatswesens, das umzustürzen Zweck und Ziel des Sozialismus ist, derWürde" der Partei nicht entspricht und Wahlenthaltung zum baverischen Landtag das einzig Richtig'" gewesen wäre. Es wird wohl in Jena noch eine Nachkritik aebcm

Ans Stadt und Land.

Gießen, 29. Juli 1905.

** Personalien. Das Ehrenzeichen für Mitglieder freiwilliger Feuerwehren wurde verliehen den Mitgliedern der freiwilligen Feuerwehr zu Muhlheim: Kadner, Will, Schmitt, HauS und Seipel; ferner den Mitgliedern der freiwilligen Feuerwehr zu Klein - Steinheim: Dietrich, Eppcrt, Roth und HeiloS, endlich dem Mitglieds der freiwilligen Feuerwehr zu Mombach: Schlotthauer. Uebertragen wurden dem Schullehrer Hofmann zu Büttel­born eine Lehrerstelle an der Volksschule (Hilfsschule) zu Mainz, dem Schullehrer Sattler zu Airlenbach eine Lehrer- stelle an der Gemeindeschule zu Groß-Hausen im Kreise Bens­heim, dem Schullehrer Loos zu Leutersbach bei Kirchberg in Sachsen eine Lehrerstelle an der Gemeindeschule zu Groß- Hausen.

DaS Großh. Regierungsblatt Rr. 20, auS- gegeben am 26, Juli d. I., enthält: Bekanntmachung, den Bau und Betrieb einer elektrischen Nebenbahn von Bingen nach Büdesheim und von Bingen nach Bingerbrück bctr.

"Von dem Kriegsschauplatz in der Mand­schurei traf gestern vom japanischen General Kuroki an mehrere hiesige Primaner des Gymnasiums eine Feld­postkarte ein. Die Primaner hatten dem tapferen General im Mai gelegentlich der letzten großen japanischen Siege in einem Schreiben ihre Bewunderung und Verehrung aus­gedrückt. Der Inhalt der Feldpostkarte lautet:Sehr ge­ehrte Herren I Es berührt mich sehr angenehm, daß gerade auS Deutschland die Glückwunschschreiben in so großer Zahl eintreffen, da wir doch Schüler deutscher Taktik und Strategie sind. Für Ihre Wünsche sage ich besten Dank. Hoch­achtungsvoll Ihr Baron v. Kuroki."

"'Ein scheues Pferd. Das Pferd des Möbel­händlers K. ging gestern mit dem leeren Wagen durch und raste durch den Seltersweg, bis man cs in die Kaplansgasse trieb und dort zum Stehen brachte.

§ Grebenhain, 28. Juli. Auf der neuen Bahn­strecke GrebenhainHartmannshainGedern sind die letzten Arbeiten in vollem Gang. Der Oberbau ist nahe­zu vollendet, und auf etwa zwei Drittel der Strecke liegen schon die Gleise. Besonders große Schwierigkeiten hat der Bahnbau bei HartmannShain gemacht, hier mußte ein zirka 7 Meter tiefer und 25 Meter langer Einschnitt durch einen Basaltrücken hergestellt werden. Auch erreicht hier die Bahn ihren höchsten Punkt, nämlich etwa 780 Meter über dem Meere. Die Bahn wird damit die höchste in Hessen. An der Strecke, die nur ca. 24 Kilometer lang ist, wird bereits 2 Vs Jahre gearbeitet. Ihre Eröffnung soll noch in diesem Jahr, nämlich am 1. Dezember, stattfinden. Die Bahn ist bekanntlich eine Fortsetzung der Niddertalbahn und wird nach ihrer Vollendung Frankfurt und andere größere Städte in direkte Verbindung mit dem Vogelsberg bringen. Von Hartmannshain au§ erreicht man den Taufstein und Hohcrods- kopf in knapp zwei Stunden, die Hercheuhainer Höhe in 8A Stunden.

v. Bad-Nauheim, 28. Juli. Bis zum 27. Juli 1905 sind 18 540 Kurgäste angekommen, wovon am genannten Tage noch 6105 anwesend waren. 230 710 Bäder wurden bis zum 27. Juli abgegeben.

-j- Au8 der Wetterau, 28. Juli. Die dies­jährigen Kaisermanöver beginnen allmählich durch die ersten größeren Einquartierungen in hiesiger Gegend sich be­merkbar zu machen. Die Regimenter befinden sich meistens auf dem Wege zum Truppenübungsplatz Senne bei Pader­born, wo sie ihre Exerzierübungen in den Neginientcrn und größeren Verbänden, sowie Schießübungen abhalten. Nach­dem die hessische Feld-Artillerie aus Darmstadt bereits vor etwa 10 Tagen nordwärts zog, war gestern das 21 er badische Dragoner-Regiment aus Bruchsal in der Gegend Nieder-Wöllstadt, Assenhcim einquartiert; es marschierte heute über Friedberg, Butzbach, Gießen nach Salzböden bei Marburg. Heute liegen in der südlichen Wetterau die hessischen Dragoner Nr. 24, sie beziehen morgen und übermorgen in der Umgegend von Gießen, Klein-Linden, Wieleck, Leih­gestern Quartier. Das 1. Bataillon der 168 er in Butzbach geht atn 11. August auf den Mainzer Sand zum Negiments- und Brigadeexerzieren.

Gladenbach im Hinterland, 27. Juli. Auf der

" 11 " . ________

Bahnstrecke Nieder-WalgernHartenrodHerborn entgleiste, bei hiesiger Station ein Teil eines GütcrzugS. Zwei' Wagen wurden umgestürzt und erheblich beschädigt. Personal, von den Gießener Werkstätten wurde hierher beordert.

Mainz, 26. Juli. Jn der heutigen Stabtocrorb* netensitzung wurde mitgeteilt, daß Prälat Dr. Schneider. der Stadt au5 feiner Bibliothek eine Aktensammlung deS Mainzer Verlegers und Buchhändlers Johann Friedrichs Schiller, eines Onkels des Dichters, überwiesew habe. Die Schenkung wurde vom Kollegium mit Dank an-' genommen.

Herichtslaal.

DaS Erschießen wildernder Hunde ist nach' einer neueren Reichsgerichtscnlschcidmig unzulässig. Schießt, daher ein Jagdinhaber oder Pächter einen sagenden Hund, so macht> er sich strafbar und dem Besitzer gegenüber haftbar. Tat ®r- kenntnis des Reichsgerichts besagt u. a., daß der bare Wert deS gehetzten Wildes oft in keinem Verhältnis zu demjenigen deS wil­dernden Hundes steht. Ter in solchem stalle geschädigte Jagdinhaber hat lediglich Anspruch aus den Schaden, der ihm durch den wil-> dernden öunb zugefügt wurde. Diese Entscheidung bat in Jäger­kreisen viel Aerger und im Publikum viel Freude bereitet. Jn. jedem stalle kann den Jagdberechtigten nur empfohlen werden, öffentlich bekannt zu machen, daß sie die Besitzer wildernder Hunde, regreßvüichtig machen.

Avsmg aus den AtlUl-ksllltzfsrkhlstkru irr Stsdt sstrkro.

Aufgebote.

Juli. 22. Louis Jrle, Installateur dahier, mit Luise Bertha- Hartmann hierselbst. 22. Johannes Reul, Schulverwalter dahier,' mit Marie Vindewald in Vadenrod. 25. Wilhelm Masnr, Schuh­macher dahier, mit Karoline Geelhaar hterselbst. 26. Hermann Jung, Zivilingenieur in Frankfurt a. M., mit Emma Elisabeth. Abel in Holzheim.

Eheschließungen.

Juli. 22. Julius Karle, Geometer 1. Klasse dahier, mit Anna Lenz hierselbst 22. Emil Simon, Schlosser dahier, mit Katharine So (Im arm hierselbst. 27. Tr. Ernst Vogt, Privatdozent dahier, mit Anna Klara Emilie Thekla Höhlbanrn hierselbst. 28. Julms Dreifuß, Kaufmann in Frankfurt a. M., mit Anna Kaan dayier.

Geborene.

Juli. 17. Dem Sattler Johann Georg Giesecke eine Tochter^ Emma Luise. 21. Dem Schlosser Karl Döbel eine Tochter, Ernm Martha. 21. Dem Kunst- und Handelsgärtner Eduard Rieger ein Sohn, Karl Dagobert. 21. Dem Kutscher Wilhelm Rieb eine Tochter. 22. Dem Kutscher Georg Satter ein Sohn, Heiirrich Georg. 23. Dem Techniker Wilhelm Fillmann ein Sohn, Wilhelm« Gestorbene.

Juli. 25. Alois Gerdts, 66 Jahre alt, Rechnungsrat i. P.. dahier. 25. Elisabeths Roth, geb. Schröder, 62 Jahre alt, Witwe des Vorarbeiters Konrad Roth dahier. 27. Johannes Mahr,, 57 Jahre alt, Bahnschaffner i. P. dahier. 28. Hemrich Schneider, 49 Jahre alt, Gastwirt dahier. 28. Minna Scheppelmann, geb. Ebert, 30 Jahre alt, Ehefrau des Bammternehmers August Scheppel-' mann dahier.

Märkte.

fc. Frankfurt a. M., 28. Juli. Heu- und Strohs markt. Man notierte: Heu, altes Mk. 3.20 bis Mk. 3.60, neues Mk. 3 00 bis Mk. 3.20. Stroh Mk. 2.20 bis 2.60. Aller ver 50 Kilo. Tendenz: in Heu fest, in Stroh schlevvend.

Kursbericht.

Frankfurt a. M., 3Vs°/o Roiohsanleibe . . 101.25 3% do. ... 90.15 3V,% Konsole .... 101.20 3% do 90.15

8'/t°/n Heesen .... 100.65 3'/, 56 Oberheeeen . . 99,55 4% Oeeterr. Goldrente. . 101.85 4/b5£ Oeeterr. Silberrente . 101.25 4% Ungar. Goldrente , . 97.75 4% Italien. Rente , . . 106.20 4% Portugloeer I , . . 67.40 3°/ P ortugiesen. HI . . 67.00 1 % Unif. Türken . . . 89.00 Türkenloee 134.80 4% Griech. Monopol.-Anl. 54.75 4l/,°/0 äueeere Argentiner ..

28. Juli Offizielle Schlueskurse.

3°/0 Mexikaner .... 69.00' 4,/8o/0 Chineeen .... 96.85' Electric. 8chuckert . . . 136.00

Nordd. Lloyd . . . . 126.00

Kreditaktien 208.20

Diekonto-Kommnndit. , . 192.20

Darmstädter Bank . , . 145.50

Dresdener Bank .... 160 OO

Berliner Handolsges . . 172 10

Oeeterr. Staatsbahn . . . 144.80:

Lombarden 18.25.

Goithardbahn 186.50

Lanrahütto 263.00

Bochum ..... 255.75

Harpener 223 25

Staatschatzscheine . . . 100.65 oz: fest.

Schw&chliche beim Lernen zurtickbleibendei Kinder, sowie blutarme, sich mattfühlende und nervös» überarbeitete, leicht erregbare Erwachsene jeden Alters: gebrauchen als Kräftigungs - Mittel mit grossem Erfolg HOlIlIEL's Hacmatogen.

Der Appetit erwacht, die geistigen und kör­perlichen Kräfte werden rasch gehoben, das Oe- Samt-Nervensystem gestärkt.

Man verlange jedoch ausdrücklich das echteI>r. Hom- mels Haematogen und lasse sich keine der vielen Nach-- ahmungen aufreden. cw/T

Simon Aach.

Seltsam waren die äußeren formen, die die Dichterschulen oderSprachgesellschaften" der elften Hälfte deS 17. Jahrlninderls an sich trugen. Jn Straßburg entstand dieAufrichtige Tannen- gefcllschaft", in Hamburg dieTeutschgesinnte Genossenschatt ; holsteinischen Ursprungs war derElbschwcmenorden ; nach Sud- d e u t s ch l a n d weist die berühntteste dieser Gesellschaften, derGe­krönte Blumenorden" oder dieGesellschaft der Schäfer von der Pegnitz", der noch beute existiert, sich aber eigentlich nur an dem Jubeltage lebender Dichter durch Ehrenurkunden bemerkbar macht. Ihm nachgebildet wurden neuerdings die F a st e n r a t h s ch e n B l n rn e n f p i e l e" in K ö l n nnd der von Pros. Dr. Sen er m Wiesbaden gegründete ,B l u m e n o r d e n". Die Mitglieder jener alten Gesellschaften legten sich allerhand merkwürdige Namen bei. Auch im Nordosten unseres Vaterlandes klang damals die Leier. Tort zeichnete sich vor allein der Königsberger Dimterkreis dadurch aus, das; er in lebendiger, natürlicher Weise die Empstn- düngen des Menschenherzens zum Ausdruck brachte.

In diesen Kreis gehört als der hervorragendste dichter der heute vor 300 Jahren, am 29. Juli 1605 zu Memel (Cftpr.) geborene Simon Dach, dessen Name heute noch unter uns bekannt ist. Dach war ein Mann von gründlicher wissenschaftlicher Btt- diliig. In Königsberg studierte er zuerst Philosophie und Geolo­gie, um sich dann ausschließlich den humanistischen Wissenschaften, zu denen man damals auch Musik und Poesie rechnete, zu widmen. Heute, wo man gegen die klassische Bildung Sturm läuft und da- bei vielfach über das Ziel hinailsschießt, ist es interessant er­

fahren, daß der 20jährige Dach in griechischer Sprache en lb- hcmdlung verfaßt hat, in der er die Aussprüche der Bibel, der alten

Philosophen, der Kirchenväter und der Reformatoren über Astro­logie zusammengestellt hat. Nach Beendigung seiner Studien wurde er Lehrer an der Domschule zu Königsberg. Sein Lebeii lang hatte stch der Dichter mit mancherlei Ungemach abzufinden. Zwar zog der 30jährige Krieg Preußen weniger in Mitleidenschaft, aber die Drangsale des schwedisch-polnischen Krieges und mehr­fache verheerende Krankheitei, griffen in das Leben des Dichters ein. Besonders wurde seine Stimmung durch jahrelange Krankheit getrübt; Dach war Phtisiker und er­lag schließlich dieser Krankheit. Semen Trost sand er in seiner Familie seit 1641 war er mit Regina Pohl, Tochter des Hosgerichtsadvokaten Pohl verheiratet, in der Treue ferner ftreunbe und in der Poesie. Seine Poesien sind merkwürdiger Weise fast durchgängig Gelegenheitspoesie>i; um des täglichen Brotes willen verfaßte ^der Dichter zahllose Hochzeils- und Leichen- gedichte. Selbst sein schönstes, in samläudischer Mundart verfaßtes Gedicht .Anke van T h a r a u ö s, ba nu gesollt" ist em Gcleaenbeitsaedicht, es wurde zur Hochzeit des Piarrers Portatms mit Anna Neander gedichtet. Franz Hirsch hat dieses Ge­dicht sowie seine Entstehungsgeschichte zum Mittelpunkte einer sehr niedlichen kleinen epischen Dichtung gemacht, die diesen Titel stihrt. Daß der Dichter, als er älter und kranker wurde, dieses schone, innige Liebeslied bereut habe, ist eine Erfindung. Bis auf den heutigen Tag ist ferner bekannt das Lied von der Freundschaft: DerMe ns ch bat nichts so eigen, so wohl steht ihm nichts an als daß er Treu erzeigen und Freundschaft halten kann". In seinen sväteren Jahren wandte sich Dach mehr der religiösen Poesie zn und bo- auch hier Hervorragendes geschahen, eem körperliches Leiden niü es verursacht haben, daß hier besonders d,e Todes­gedanken nn Ausdruck kommen. Er preist den Frieden der Ab­

geschiedenen, die aller Not entgangen sind, und gibt der eigenem Sehnsiicht nach Erlösung von allem Erdenleid ergreifenden Aus­druck. lieber Verkennung seitens seiner Zeitgenossen hatte der Dichter nicht zu klagen; in besonderem Maße war ihm die Gunst des großen Kurfürsten zugewandf. Schon durch dessen Vorgänger auf dem preußischen Königsthrone war er Professor an der Uni­versität zn Königsberg geworden; Friedrich Wilhelm gab ihm dann zu {einem Gehalt eine jährliche Zulage von 400 Gulden. Eine besondere Gnade dieses Fürsten war es auch, daß er 1658 dem totkranken und sür seine Familie besorgten Dichter ein kleines^ Gut int Amt Kaymen schenkte. Ein halbes Jahr später am 15. April 1659 hatte der vielgeprüfte Dichter ausgekämpft.

hc. Neubürger-Stiftung. Die in Frankfurt a. M. nach landesherrlicher Genehmianng mm in Kraft tretende, die- Fördernng der medizinischen Wistenschaft bezweckende Neubürger-' Stiftung von 100 000 Mk., die vor 2 Jahren anläßlich des 50jäfy- rigen Doktorjubiläums des Frankfurter Arztes Dr. Theodor Neu­bürger von dessen Verehrern zusammengebracht und von dem Jubilar selbst durch eine namhafte Spende auf den vorstehenden Betrag abgerundet wurde, wird zunächst ihre Einkünfte 5 Jahre lang bem Frankfurter Institut für experimentelle Therapie zur Der- TDcnbunq für Krebsforschung zur Verfügung stellen. Nach biefer Zeit sollen bie Einkünfte, unter möglichster Berücksichtigung bet' therapeutischen Ziele, eventuell auch ber Unterstützung anberer wissenschaftlicher Forschungen dienen ^ober zu Preisen für die beste Lösung verwandter wissenschastlicher Fragen bestimmt werden.