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25.11.1905 Drittes Blatt
 
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Nr. 278 Drittes Blatt.

155. Jahrgang

Samstag 2o. November 1905

Vilcheinl ll glich mit Hu Sn ahme des SonntagL.

Dteeitfocner Samllienblätter" werden dem ,$nAetaer viermal wöchentlich bergelegt. Der E^rsststh« Landwirt" erscheint monaUich einmaL

Gießener Anzeiger

Rotationsdruck und Verlag der Brü hl'lch« UnwersuälSdrrrckeret. R. Lange. Biehe».

Redaktion, Expedition u.Druckerei: Sckmkstr.U. Tel. Nr. bl. ielegu-ilbx.; Anzeiger ffiußa

Eeneral-Anzeiger, Amis- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.

Volitische Tagesschau.

Aal dem Wege zur Einigung?

Tie dieser Tage erfolgte Gründung eines national- liberalen Verbandes für N i e d e r s ch le s i e n ist nm deswillen bemerkenswert, weil sie sich der -ln näh er­ring der liberalen Parteien förderlich erweisen wird Niederschlesien ailt von jeher als Hochburg des entschiedenen Liberalismus. Tie Mitglieder der -«reis. Vollsvartei haben aucy jebt noch zum erheblichen Teil ihre Mandate aus dem Regierungsbezirk Liegnih. 5hm zeigt sich aber gerade in bei Reihen de^ dortigen Partei- enhängcr Sympathie mit -. m Standpunkt des Abg. (Sief» l off in der Frage der Flottenverstärkung, und die Partei- lieitung in Berlin wird dieses Symptom nicht außer Ächt süssen dürfen, wenn sie einem empfindlichen. .Mandatsverlust t ei den nächsten Wahlen Vorbeugen will. Nur ein Zu- s.immenychen mit den Natronalliberalen dürste einen Man- datsgcwinn reaktionärer Parteien hintanhalten.

Stenern gegen den Verkehr.

Alles, was au Besorgnissen über die Hemmung des Verkehrs durch die neuen Reick'sstempelstcuern gesagt n orden ist, findet leider vollauf Bestätigung. Quittungs- Heuer, Besteuerung von Eisenbahn- und Dampf" sch i ff s fa h r ka r t e n , Ausdehnung des Fracht-Ur- k»i n d e n st e m pe ls auf den Binnenschiffs- und Landfrachtverkehr usw. wäre die Aufgabe gestellt, D??m Verkehr möglichst viel Umständlichkeiten zu machen, diese Aufgabe würde in der Tat glänzend gelöst sein. Fehlt mir noch, daß das Reich sich von"Wagen und Pferden, von unserem alten Omnibus un^ von elektrischen Bahnen eine Bcrkehrssteuer zahlen läßt. Noa- in den letzten Tagen hieß epi, an eine Eisenbahn kartensteuer seigar nicht zu denken". Tie Pläne des ReichsschaKamts verschmähen aber die an» n.11)'rnb 12 Mill. Mark nicht, bie biese unpopuläre Steuer abwersen soll. Dann die Quittungssteuer, die schon eimmal abgeian war und zu, hoffentlich kurzem. Leben erweckt iftt. Jede Quittung über mehr als 20 Mk. kostet, von etlichen RiuSnahmcn, z B. Sparkassen-. Unfall-, Invaliden- und Mtersreuten, abgesehen, 10 Pfg. Stempel! Tabei kann schon in einem P r i v a t h a u s h a l t, der auf ordentliche Wirtschaft hält, im Laufe der Zeit eine ganz erkleckliche Summe herauskommen. Nun erst die Geschäfte, die Luittungen in sehr bedeutender Zahl auszustellen haben nnb zum Teil genötigt sein werben, ben Betrag der Steuer b*m Kunden zuliebe auf ihr Konto zu übernehmen. Eine hiöchst lästige Steuer! Ebensowenig wird dem Bin- n,enschiffS - und Landfrachtverkehr mit der Äus- dihnung des Frachturkundenstempets gebient. Man sollte it. inen, bieser Verkehr habe ohnehin genug mit Schwierig- keiiten zu tun, als bah es nötig sei, tijm eine weitere auf- zr packen. ^Geschätztes Ergebnis ber neuen Steuer: ctlva 41 N illionen Mark!

Auffällig gering sinb bie Erträge ber Reichs- errb s ch a f t s stc u e r veranschlagt, bes fast einzigen dis- hntoblcu Planes. Bei ber Erbschaftssteuer sollen nur etwa 7E Millionen Mark herauskommen, von denen der dritte Teil den Einzelstaat u zufällt wegen Verzichts auf bi e bisherigen Einkünfte aus staatlicl-en Erbschaftssteuern. Venn die ziemlich hohen Steuersätze, 420 vom Hundert, sc nach dem Grade der Verwandtschaft mit dem Erblasser ilind dem Wert der Hinterlassenschaft, in Betracht gezogen werden, so darf man berechtigt sein, ein wesentlich höheres Erträgnis zu erwarten. Ouittungs- und Fahr­

karten stempel mindestens könnten dafür in Fortfall kommen.

Unter den russischen Bauern

macht sich eine immer stärker werdende Bewegung geltend. Tie ihnen von der Regierung hinsichtlich leichteren Landerwerbs ge­machten Verheißungen sind bekannt. Staatsländcreien sollen sie zu billigem Preise und unter Gewährung weitherzigsten Kredits erwerben können. Bei der geistigen Entwicklungsstufe, auf welcher der ruh'. Bauer steht, bietet er aber dcr spstematischen Hetze gegen das Bestehende ein nur zu leicht zu beackerndes Feld.Warum soll er sich nicht nehmen, was ihm von Rechts wegen gehört und ihm nur durch die Beamteusclwst eigensüchtig vvrenthalten wird? Warum es erst kaufen?" So räsonieren ihin die Hetzer vor, und so räsoniert er getreulich nach Wie gegen den Staat, so werden die Dauern natürlich auch gegen den Großgrundbesitz aufgehetzt. Zur Kennzeichnung des russischen Bauern und weiterhin des kleinen Mannes in den russischen Städten liefert der Londoner Daily Telegraph einen Beitrag, der zwar aktuell beleuchtete Ebarakterzüge bringt, Schilderungen, aus denen sich erkennen läßt, mit welchen Schwierigkeiten nicht nur die Regierung, fontxm auch die Revolutionäre zu kämpfen haben. In der Provinz Tschernigow wurden nicht weniger als 139 Güter von Bauern zerstört. Dabei vergriffen sich Bauern auch an dem Besitz des bei ihnen außerordentlich beliebten Fürsten Dol gorukoff. Dieser unterl>ält auf seine c igene Kosten nicht weniger als 70 Schulen, ohne welche die Landbevölkerung vollständig-un­gebildet bleiben würde. Auch in anderer Beziehung hat er seinen Bauern stets geholfen. Trotzdem plünderten sie sein Gut genau so, wie die Güter verhißter .Herren. Vor einigen. Tagen begab sich der ebenfalls beliebte Adeismarsckwll des Distriktes in die verwüstete Gegend und fragte einige Dauern, die an beit Ver­wüstungen teilgenommen hatten, wie sie es hätten über das Herz bringen können, dem Gute ihres Wohltäters derartig mitzu­spielen. Als er ihnen vorhielt, was der Fürst alles für sie getan habe, weinten die Leute und sagten unter Schluchzen: ..Wir weinten, kleiner Vater, wir weinten, während wir es taten. Es fiel uns furchtbar scknver, es zu tun, aber wir mußten. Man befahl uns, es zu tun, und so taten wir es denn." Zu einem ander'n Gutsbesitzer, für den sich seine Dauern in gewöhnlichen Zeiten totsckckagen lassen würden, kamen sie und sagten:Weißt du, du mußt diesen Platz so schnell ivie möglich verlassen, wenn dir dein Leben lieb ist?"Weshalb beim?" fragte der erstaunte Gutsherr.Ja weißt du, wir gehen jetzt daran, dein Haus zu Mündern, und mir schlagen dich, wenn t>u bleibst."Aber warum wollt ihr das denn tun?" Nun, mir wollen es eigentlich nickst tun, aber, weißt du, wir haben den Befehl dazu." Man hatte den Bauern tatsächlich klarzumachen gewußt, daß der Zar die Bestrafungen der Guts- besit'er wolle. Jetzt, nachdem sie einigermaßen aufgeklärt sind, werden sie sich wahrscheinlüv gegen ihre Verführer wenden.

Daß das Volk in den Städten den Radikalen keineswegs günstig gesinnt hl,_erfuhren der Präsident und d s Komitee des Stadtrates von St. Petersburg, die sich unter das Volk be- g -ben, um dieses zu beruhigen. Es verlautete nämlich, daß die Handwerker, die meistens Anhänger des alten Regimes sind, einen Angriff aus dieIntelligenten" vorbereitetew Unter denIn­telligenten" verstehen diese .Leute alle oppositionellen Gruppen. Es entspann sich folgendes Gespräch mit den Führern der Hand­werker:Was habt ihr gegen^dieIntelligenten" einzuwenden?" Sie sammeln sich auf den Straßen, ziehen mit roten Flaggen herum und rufenNieder mit dem Zaren".Wir können es nicht dulden, daß sie rufenNieder mit dem Zaren", und wir wollen es nicht dulden."Habt ihr sonst noch Beschwerden?" Ja, warum spotten sie über uns, wenn wir in die Kirche gehen? Und warum nennen sie uns dasSchwarze Hundert, wenn wir zu Gott beten? Unsere Väter gingen in die Kirche und beteten zu Gott, und das hm wir auch. Warum müssen diese gott­losen Kerle kommen und uns beschimpfen? Wir haben ihnen nichts getan. Wir ziehen nicht herum und beschimpfen nicht ihresgleichen. Warum insultieren sie unseren Zaren, und machen sich über unsere Religion lustig? Das ist es, was wir gegen sie haben." Der Korrespondent des Daily Telegraph sagt, daß so. wie diese Leute, Millionen von Bürgern in Rußland denken

und daß die Revolutionäre diese Leute nicht ungestraft herauA« fordern könnten.

Neuerdings wird gemeldet, d-ß sich'der agrarische Aufstand auf 52 Gouvernements ausgedehnt hat. Die Grundbesitzer haben vielfach die Flucht ergrissew In b~r Provinz NisckniNowgorod steckten Dauern mehrere Häuser der ^Großgrundbesitzer in Brand. Der versckwrfte Kriegslist nd ist in den Provinzen Teikowsgvw, Tambow. Pom'a u ud K-"rsk verhängt worden.

ÄU'wctsttäls-Aachrtchken.

Stenographierende K'ollegbesucher vor 1800 Jahren Daß schon im Altertum Reden berühmter Männer nachgeschrieben wurden, ist uns durch griechische und römische Schriftsteller vielfach berietet worden. So wissen wir, daß z. B. Vorträge des Aristoteles, des Lelrrmeisters Mexanders des OVro&en,; ob-r Reden des Sokr-.tes wörtlich anfgczeickmet und später tiep- öff-ntlicht worden sind. Daß bei solchear Nachschriften auch die Stenographie eine genstchtiae Rolle spielte, erfahren wir jedoch erst aus der Zeit der römischen Kaiser. Damals sind u. a. die Vorträge des bekannten gricckstschen Arztes Galenos von seinen eigenen Schülern stenographisch aufgefangen und uns so über­liefert nwrdew Neuerdings weist in demArchiv für Stenographin Karl Harlmonn daraus hin. daß auch die Vorträge des Philv- sovb'n Eviktet, der zur Zeit des Kaisers Hadrian lebte, von einem seiner Schüler, von Flavins Arrianus, dem späteren großen Eleschickwschreiber und Biographen dllerandcrs, stenogra­phisch aufgezeickmet worden sind Noch heute lassen sich an den erhiltencn Vorlesungen Spuren rwn Textfehlern und Auslassungen erkennen, die sich auf daS damals angewandte Kürzschrifd- futtern zurückführm lassen. Jedmfalls dürfte es von hohem Inter­esse sein, daß die Stenographie im alten Rom schon hundert Jahre n Ehr. eine so weite Verbreitung und eifrige Pflege ge- f"ndm h-t.

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