Ausgabe 
24.7.1905 Erstes Blatt
 
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foie schwer schädigend auf die ganze Partei etntoirfen muß. Das Blatt schließt den betreffenden Artikel:

Unter dem Leitwort: deutschnational und evangelisch alle­wege! gehen wir hoffnungssreudig der Zukunst entgegen und glauben, damit unseren Lesern besser zu dienen, als sie in sklavi­scher Unterwürfigkeit unter die wechselnden Weisheiten eines herrschsüchtigen Parteiführers, der es sertiggebracht hat, seine eigene Partei von jetzt ab in Sachsen mundtot zu machen."

Spionierende Dienstmädchen sind die neueste Spezialität in Frankreich. Aus Paris wird telegraphiert:

Der aus Anlaß der Spionageangelegcnheit kürzlich ver­haftete Soldat Besse hat ein vollständiges Geständnis abgelegt. Der Harrptschuldigc wäre danach der flüchtige Soldat Pelissier. Die Schriftstücke, die die Mobilisierung des 15. Armeekorps betreffen, seien für 400 000 Francs an Italien verkauft worden. Der Kriegs Minister hat die Korps­kommandeure beauftragt, ihren Offizieren zu empfehlen, daß sie sich vor den Machenschaften gewisser ausländischen Dienstvermittelungsburcaus in acht nehmen möchten. Diese Bureaus beschäftigen sich mit der Anstellung ausländischer Dienstmädchen in den Familien französischer Offiziere, wobei hervorgehoben werde, die Lohnfrage sei nebensächlich. Die Korpskommandanten sollten überdies eine vertrauliche Untersuchung über diejenigen Offiziere einleiten, in deren Häusern ausländische Dienstmädchen dienten, und gleichzeitig bereu Nationalität sowie das Bureau feststellen, durch dessen Vermittelung sie angestellt worden seien. Es wird einer dreijährigen Arbeit bedürfen, um diesen nunmehr unbrauch­baren Mobilisierungsplan umzugestalten. Besse wird Mitte August in Marseille vor dem Kriegsgericht erscheinen.

Are vm chirurgische Weteririärklirrik in Hießen.

Die neue Anstalt ist, wie wir berichteten, am Mittwoch it^t Gebrauch genommen und sogleich in ihren Einrichtungen zur Aufnahme und Heilung kranker Tiere eifrig benutzt worden. Schon am Eröffnungstag hat Prof. Dr. Pfeiffer mit seinen beiden Assistenten eine größere Operation, die Be­seitigung einer starken Brustbeule an einem Pferde, in dem neuen Operationssaal vorgenommen. Zahlreiche Patienten sind bereits in den Stallungen untergebracht. Prof. Dr. Pfeiffer hielt an die Studierenden bei der Eröffnung folgende Ansprache:

Meine Herren! Es handelt sich heute nicht um eine offi­zielle Weihe der neuen Klinik, aber:Zum Werke, das wir ernst bereiten, geziemt sich wohl ein ernstes Wort." Wenn ich Sie als Hörer und mich als Ihren Lehrer nach unserer Tradi- dition zu einer Gemeinschaft zusammcnfasse, so darf ich sagen: Nicht nur ich, sondern w i r stehen heute vor einem Ereignis, und zwar einem besonders ftcudigen Ereignis. Die neue Klinik öffnet uns ihre Pforten, und die Räume, die der emsige Fleiß und die arbeitsgewohnte Hand der Bauleute geschaffen haben, werden fortan unserer wissenschaftlichen Arbeit und unserm, wie ich hoffe, unermüdlichen Streben nach wissenschaftlicher Erkenntnis als schöner Rahmen dienen. Der alte SpimchKleider machen Leute" gilt auch hier, demi es wird gewiß manchen geben, der jetzt unsere gemeinsame Arbeit in dieser Klinik mit ganz anderen Augen ansieht als früher, wo nur zu leicht der äußere Eindruck der Klinik Maßstab für ihre Leistungsfähigkeit gelten konnte. Wie verfehlt eine solche Anschauung ist, brauche ich vor einem fo urteilsfähigen Kreise nicht weiter zu erörtern. Aber jch "kann hinzufiigen, daß in der Tat Veterinär-Mediziner, welche ihr Studium in Gießen fortsetzen wollten, beim Anblick unserer alten Gebäude auf die Immatrikulation Bericht leisteten. Mit um so größerer Befriedigung habe ich wahrgenommen, daß wir am Studenten keinen Mangel haben, welchen bic Wissenschaft höher stand, als das alte Haus, in dem sie gereicht wurde. Diesen sage ich heute meinen herzlichen und aufrichtigen Dcnck. Wir haben ,chrüben" manches gelitten, Sie und üb, aber wir haben, einig in wissenschaftlichem Streben, alle durch die äußeren Verhältnisse gegebenen Widerwärtigkeiten zwar nicht gern, doch geduldig getragen in dem Gedanken an das Nahen des heuttgen Tages. Nun ist er da, und das Einzugsgeläute tönet uns zu:Die Räume wachsen, es dehnt sich das Haus." Ja meine Herren, das war's, was im§ gefehlt hat. Die Räume wuchsen nicht mit uns und der (Ärtwicklung unserer schönen Wissenschaft. Kaum 40 Jahre ist es her, daß die jetzt von uns v e r l a s s e n e K l i n i k fiir wenige Studenten erbaut wurde. Matt darf annehmen, daß der damalige Neubau allen Anfor­derungen seiner Zeit gerecht geworden ist. Er bot Raum für eine Patientenzahl, welche sogar die Zahl der Hörer ungefähr um das Doppelte überragte. Die Stallhygiene hatte eine für den damaligen Stand der Wissenschaft ausreichende Berücksichtig­ung erfahren. Die Anfänge zum Ausbau und der weiteren Entwicklung von Laboratorien und anderen wissenschaftlichen Ar­beitsräumen waren gelegt. Und nun alles veraltet, alles un­zureichend, alles zu klein, kurz ein Musterbeispiel, wie jetzt eine Klinik nicht beschaffen sein soll. Nun, meine Herren, das können wir der alten Klinik und ihren Erbauern nicht zur Last legen. Die alte Klinik hatte sich überlebt durch den ungeheu­ren Fortschritt unserer Wissenschaft in den letzten Dezennien und konnte den Anforderungen jetzt nicht mehr genügen. So sehen wir denn die neue Klinik aus den Verhält­nissen herausgeboren als ein schönes Zeichen der Entwicklung unserer Wissenschaft. Für Gießen bildet die Eröffnung dieser Klinik einen Markstein in der Entwicklung der Veterinär-Medizin an der Universität. Dieser Bau im Vergleich mit anderen Uni- versitätsbauten zeigt jedermann die Anerkennung und Gleichberechtigung unserer noch jungen Wissenschaft an der Universität. Wir können nur den Wunsch haben: Weiter in dem betretenen Gleise!

Gießen hat nun wieder eine schöne, gemeinnützigen Zwecken dienende Anstalt mehr. Mehr als nur die Unter­stützung der praktischen Ausnützung unserer Haus- und Nutz­tiere dürfen wir aus der Errichtung einer solchen Klinik ab­leiten. Das große, imposante Bauwerk da draußen an der Frankfurterstraße ist für die Tierwelt erbaut wprden, deren kranken und hilfebedürftigen Vertretern unser Mitgefühl, unsere Fürsorge und Hilfe in der gleichen Weise zu teil werden soll wie den Menschen. Wenn auch die praktischen Heilversuche in der Veterinärmedizin weniger weit gehen als in der Schwesterwissenschaft, der Medizin, wenn auch in einzelnen Fällen die Tötung schwerkranker Tiere als am zweckmäßigsten erachtet und vorgeschlagen wird, so steht darum die tier­ärztliche Wissenschaft in ihrem Ansehen nicht minder hoch. Das Objekt dieser Disziplin ist so dankbar und wichtig, wie das aller anderen Wissenschaften, und ein krankes Tier zu heilen erfordert gleich große Kenntnis und gleiche Geschicklich­keit wie die Heilung kranker Menschen.

Unternehmen wir nun einen Gang durch die neue Klinik, ttm ihre Einrichtungen zu besichtigen.

Wir betreten von Süden her das Gebäude durch den Haupteingang und befinden uns iin Vorbereitungs­oder Verbandsraum. Ueber diesem und den anderen Mittelräumen liegen im höheren Stockwerk Räume für Ver­waltung, Wohnungen 2C., die noch nicht fertiggestellt sind. In den beiden Flügeln aber rechts und links befinden sich, wie schon von außen wahrzunehmen ist, die Stallungen. Im Vorbereitunasraum, in welchem sich besonders zahlreiche

Spülvorrichtungen befinden, werden alle Vockehrungen für die Operationen getroffen, die in dem durch eine Schiebetür davon getrennten Operationssaal stattfinden. Wir bemerken zunächst den Operationstisch für Pferde und Rinder, der am Boden liegt, durch Winden aufgerichtet und in den nebenan liegenden Saal gefahren werden kann. Die Tiere werden entweder auf den Tisch niedergelegt oder an die aufrecht stehende Platte zweckmäßig angeschnürt, die dann uingeklapvt wird. Als Unterlagen für die Patienten werden Matten benutzt.

Der geräumige, Helle Operationssaal selbst ist nach neuestem Muster eingerichtet. Sein Licht erhält er teils durch ein Glasdach, teils durch die Fenster. Der Operationstisch kann nach allen Seiten gedreht werden, sodaß die Aerzte bequem Hand anlegen können. Es stehen in dem Raum noch ein fahrbarer Operationstisch für kleine Haustiere, Jn- strumentenschränke, ein fahrbarer Jnstrumententisch sowie ein fahrbares Gestell mit Desinfektionsflaschen. Außerdem sind Warm- und Kaltwasserbehälter mit flüssiger Seife vorhanden. Rings um den Operationstisch, der in der Mitte steht, er­heben sich amphitheatralisch die Zuschauerbänke. Der mit elektrischem Licht und Zentralheizung versehene Raum, dessen Fenster nach Norden gerichtet sind, ist, worauf natürlich be­sonderes Gewicht gelegt werden mußte, sehr leicht und gründ­lich zu reinigen. Die Ecken und Kanten am Boden sind aus- gerundet, die Wände sind bis etwa Manneshöhe ausge­plättet und der Terrazzoboden hat einen muldenförmigen Abfluß. Auch für Ventilation ist genügend Sorge getragen.

Nebenan im Westflügel liegt ein Raum für Ver­bandstoffe u. dergl., in welchem später auch ein Röntgen­apparat aufgestellt werden soll, und diesem gegenüber ein Aufenthaltszimmer für die Studenten. Auf dem Gange befinden sich überall Waschbecken. Gehen wir im Westflügel weiter, so kommen wir noch in eine Geschirr- kammer und danach in die Stallungen.

Um es gleich vorweg zu nehmen: Die Anstalt hat Platz für 3 3 große Haustiere. Im Südteil des Westflügels liegen 4 Boxen und 5 Einzelstände für Pferde. Auch die Stallungen haben elektrisches Licht und geeignete Ventilation. Die Futterraufen und Anbindezügel sind so eingerichtet, daß die Tiere sich nicht verletzen können. In den 4 Boxen kann durch Einlegen von Querbäumen für 8 Pferde Platz geschaffen werden. Üeberall bemerkt man kleine Glas­behälter, worin die Krankengeschichten, Berichte über den Ver­lauf der Krankheiten, von außen sichtbar werden. Hervor­zuheben ist das Prinzip der getrennten Stallun­gen, so daß also bei ansteckenden Krankheiten die betr. Tiere abgesondert werden können.

In jedem Flügel des Baues befindet sich eine Futtcr- kam mer, an deren Decke vom Speicher aus Heu und Stroh abgeworfen wird.

Im Nordteil des Westflügels sind 6 Einzelstände für Pferde mit eiternden Wunden. Hier, wie auch drüben, be­finden sich an den Decken Ringe für Hängegurte, mit denen durch Flaschenzüge die Tiere in die Schwebe gebracht werden können, um den Tieren das Stehen zu er­leichtern.

Wir begeben uns wieder in die Mittelräume, sehen das schwarze Brett für Anschläge, einen kleinen Raum, worin ein Sterilisations- und ein Messerkochapparat heiße Dämpfe verbreiten, gegenüber die Aborte für die Studierenden, ferner ein Wartezimmer für Supplikanten und ein Raum für die Kasse undRezeptabgabe, worin sich auch ein Telephon befindet.

In der Nordabteilung des Ostflügels betreten wir wieder sechs Einzelstände. Hier sehen wir auch an der Wand einen Hydrothermoregulator zur örtlichen Ueberwarmung von Körperteilen der Tiere, wobei die Temperatur des Wassers nach Bedürfnis genau geregelt werden kann.

Im Ostflügel ist auch ein Raum für ein Versuchs­pferd, das bei den 33 großen Haustieren, die in der Anstalt Platz haben, nicht mitgezählt ist.

Dann passieren wir zwei einander gegenüberliegende Boxen für Hengste, die Stallung für Rindvieh und einen Am bulantenraum.

Damit sind wir mit der Besichtigung der Parterre­räume zu Ende. Wir treten durch das Hauptportal wieder heraus, sehen links das Vorlesungs- und Verwaltungsgebäude, welches noch nicht fertiggestellt ist, und weiter, nach der Frankfurter Straße zu, die normale und die patho­logische Anatomie. Vor uns liegt ein Platz zur Vor­führung der zu untersuchenden Pferde.

Die zur Klinik gehörenden Hun desta ll un gen sind erst im Bau begriffen, dagegen ist die Lehrschmiede bereits fertig. Das Dach des schmucken Häuschens ist rundum vor­gebaut und mit Pfosten gestützt, zur Arbeit im Freien. Drinnen sehen wir den Schmiederaum, ferner den Aufent­haltsort und Aufbewahrungsort für Geräte und dergl., und einen Raum für Abhaltung von Hufübungen. Im oberen Stockwerk befindet sich die Wohnung des Lehrschmiedes. Das Haus steht in unmittelbarer Nähe der Eisenbahngleise; viel­leicht wird später einmal ein Anschluß der Klinik an die Bahn vorgenommen. Die Zugangsstraße zu der neuen Anstalt von der Frankfurterstraße aus befindet sich vorderhand noch imRohbau".

Möge der Neubau als eine Stätte ernsten wissenschaft­lichen Strebens und Schaffens der Veterinärmedizin in Gießen zum Segen gereichen und ihren regen Entwickelungsgang weiterhin fördern helfen.

Die Gaszentrale in Laubach.

Wir erhalten aus Laubach folgende Zuschrift, die sich auf die jüngst in unserem Blatte veröffentlichten kritischen Be­trachtungen von Rechtsanwalt Raab aus Gießen be­ziehen und eine Entgegnung darauf bedeuten, die wir unseren Lesern nicht vorenthalten wollen.

So wohlmeinend diese Betrachtungen an sich gemeint sein mochten, lautet die Zuschrift, so sind doch die vielfachen Irrtümer, die diese Betrachtungen einschließeu, geeignet, die besungene Einigung der beteiligten Gemeinden zur Ermöglichung der Einfühnmg einer modernen Beleuchtungsart zu gefährden und die beteiligten Ge­meinden wieder um den erhofften zeitgemäßen Fortschritt zu bringen.

Dem Herrn Verfasser ist doch wohl auch bekannt, daß wir hier auf dem Lande uns schon seit langen Jahren bemüht haben, auch für uns eine zeitgemäße, zentrale Beleuchtung zu sichern. Unsere früheren Bemühungen hatten den Erfolg unter Leitung einer damals bedeutenden Elektrizitäts-Gesellschaft ^Kummer- Dresden) annähernd dieselbe Gruppe zusammenzuschweißen, wie heute, für die Durchführung eines Elektrizitätswerkes mit einer sog. Ueberlaudzentrale. Damals schon wurde eifrigst nach dem

vom Verfaffer angezogenen großen Wasserreichtum am Vogelsberggesucht, ohne aber einen solchen zu ent­decke u. "Gin gewisser Wasserreichtum ist ja wohl vorhanden, aber eben bei weitem nicht hinreichend, um auch nur den Be­trieb für eine bescheidene elektrische Heberlandzentrale zu ermög­lichen; beim schon bei nur 10 000 Lampen mit je 16 Kerzen Licht­stärke, die damals nieberft als zur Reute notwendig erschienen, sind rund 1000 Pferdekräste inkl. der notwendigen Reserve er­forderlich.

Bei 10 Meter Gefälle wären zur Erzeugung dieser 100l> Pferdekräste aber 10000 Liter Wasser per Sekunde erforber- lich, also ein Wasserquantum, das am Vogelsberg nicht z u erhalten ist, am wenigsten aber konzentriert auf ein Ge- fälle von 10 Meter in einem Fluß- oder Bachbett. Die Anlage von Talsperren setzt aber neben einem entsprechend großen Nieder­schlagsgebiet, das die Meteorwasser diesem zuführt, auch eine ent­sprechende Konfiguration des Gebirges voraus, die ermöglicht, mit verhältnismäßig geringen Kosten pro Kubikmeter Fassungs- raum, eine ausgedehnte Talschlucht am Unterlauf eines oder mehrerer entsprechenden Flüffe oder Bäche mit billigem Oedland abzuschließen und in einen Stausee mit vielen Tausend Kubik­meter zu verwandeln. Auch diese Verhältnisse treffen am Vogelsberg re. in feinem Falle zu.

Genügend große, billige Wasserkräfte sind uns somit versag, und Ausnützung kleiner Wasserkräfte sind nach Anlage und Betrieb für diesen Zweck zu teuer, damit fallen alle weiteren Ausnützungs- perlpektionen von selbst. Für die frühere Elektrizitätsgruppe war daher zum Betrieb Dampfkraft unter Verwendung unserer billigen Braunkohlen in Rechnung gestellt.

Plötzlich aber kam der große Rückschlag in der Elektrizitäts­branche. Die weitaus meisten Elektrizitäts-Zentralen ergaben feine Betriebsrenten, arbeiteten vielmehr mit beträchtlichen Verlusten. Die Eleftrizitätssirmen, die derartige Konzessionen auf Konzessionen erworben und betrieben hatten, verloren schweres Geld und eine Reihe derselben hörte überhaupt auf zu existieren.

Damit mußten auch wir unser schönes Elektrizitätsprojekt mit Ueberland-Zentrale zu Grabe tragen. Der Traum war schön, aber bitter das Erwachen. Ein Glück aber für die beteiligten Gemeinden war es, daß diese nicht selbst die Sache in der Hand hatten, bezw. daß die Anlage nicht auf Kosten der Gemein­den durchgeführt wurde; denn statt der vom Verfaffer erwähnten Einnahmequelle im Gemeindehaushalt würde die Anlage eine dauernde hohe Belastung im Gemeindehaushalt bilden, eine derartige Belastung können aber unsere hier in Frage kommenden Agrargemeinden nicht dauernd ertragen.

Sind aber die Verhältnisse inzwischen nicht andere geworden? Nein, wie die Erfahrungen lehren, nicht! Die meisten Gemeinden und darunter selbst Großbetriebe, wie die der Stadt Frankfurt a. M., haben an ihren Elektrizitätswerken noch keine finanziellen Erfolge, sondern vielmehr fortgesetzt Einbußen erlitten, die schließlich diese Gemeinden ertragen können, nicht aber so unsere Agrargemeinden. Es finden sich heute für Durchführung der Versorgung unserer Gruppe mit Elektrizität feine Elektrizitätsfirma oder Gesellschaft, die es wagt, diese auf eigene Rechnung zu unternehmen. Warum wohl? Weil für diese Anlage unter Umständen wohl eine Rente herausgerechnet, aber nicht herausgewirtschaftet werden kann. Da­für sollen nun die vereinigten Landgemeinden mit dem Geldbeutel unserer Steuerzahler einspringen. Nein, dafür danken wir doch bestens. Für derartige Ratschläge fehlt un§ in der Tat das Ver­ständnis und noch mehr aber unseren Steuerzahlern der unerschöpf­liche Geldbeutel.

Wir haben hier außen auf dem Lande auch selbständig denken gelernt. Wir haben, weil sich dort jeder selbst der Nächste ist, alle Faktoren reiflich überlegt; denn es handelt sich doch in allererster Linie um.unseren Geldbeutel. Wir haben unseren Eleftrizitäts- traum ausgeträumt und haben unbeeinflußt mit offenen Augen geprüft und erwogen.

Dadurch sanden wir, daß in dem Kvnknrrenzkampfe zwischen Elcktrizitäts- und Steinkohlengasbelenchtung, letztere mit der Er­findung des Auerglnhlichtes die Palme des Sieges davon­getragen hat. Durch diese epochemachende Erfindung neben den wesentlichen Verbesserungen an Oefen und Apparaten wurde das Steinkohlengas das billigste Beleuchtungsmit- tel, um ca. 40. Prozent billiger als Petroleuri- beleuchtung. Diese Billigkeit neben seinen sonstigen teilen und Annehmlichkeiten, die denjenigen der Elektrizität wenig nachgeben, sichert dem Gaslicht die allgemeine Einführung; denn auch der sog. kleine Mann kann noch wirtschaftliche Vorteile hierbei genießen, während sich die Ausgaben für elektrisches Licht auch der sog. mittlere Mann versagen muß, wie die Tatsachen der Lichtvechnungcn an anderen Orten beweist. Zum Kochen und Heizen kann bis auf 'wohl ferne Zukunft die Elektrizität nur dort in Betracht kommen, wo das Geld keine Rolle spielt, während zum Kochen sich Gas nachweislich eher billiger als teurer stellt wie Steinkohlenherdheizung. Als Mvtorkraft eignet sich der Gasmotor bekanntlich ausgezeichnet. Seine Anschaffungskosten sind allerdings höher als die der Elekttomotoren ohne deren Anhängsel, wie Schaltbvctt, Sicherungen, Anlasser, Elektrizitätszähler usw.? aber der Betrieb ist um die Hälfte billiger und diese dauernden Bettiebsausgabeu fallen doch mehr in Betracht.

Also auch nach allen diesen Richttmgen ist daS Stein« kohlengas wirtschaftlich der Elektrizität über­legen.

Bescheiden, wie wir nun einmal draußen auf dem Lande sind, begnügen wir uns mit dem was wir zu unserem Vorteil erreichen können, insbesondere, wenn wir dabei bewiesene reellere Werte eiutauschen. Mit Utopien können wir nicht be­leuchten, noch kochen und heizen, noch Motore betreiben.

Wir sind daher vorsichtig und haben ein Kopfzerbrechen nicht gescheut. Wir wissen ganz gut, daß vie Konzession für die zentrale Beleuchtungsanlage von der Gesellschaft nicht toegen der schönen Lage unserer Gemeinden am Vogelsberg, in der Wetterau usw. erworben wurde, sondern daß diese die Konzession nur nimmt, weil sie sich eine sichere Rente nicht nur herausrechnet, fonbern auch herauswirtschaften wird. Wir könnten also hier mit weniger Gefahr die Sache selbst auf unsere Rechnung durchführen, als dieses bei einer Elektrizitätsanlage der Fall wäre. Wir wissen aber auch, daß eine derartige Anlage in erster Linie einer aus­gezeichneten Organisatton bedarf um eine Rente heraus zu wirt­schaften. Ist alles klipp und llar und im besten Trab, so haben sich die Gemeinden das Recht des Rückkaufs nach 5, 10 usw. Jahren gesichert, loobei die Bewertungen, Verrechnungen usw. alles genaucftenS festgelegt sind. Eine friedliche Scheidung ist somit viel näher gelegen als ein Streit. Aber auch für Mein- unasverschiedenheiten ist Vorsorge getroffen. Ein fachmännisches Schiedsgericht mit dem jeweiligen Kreisrat als Obmann wird nach Rechtem ohne Grund zu entscheiden verstehen.

(Schluß folgt.)

* Der Kronprinz und die dänische Bäuerin. Bei dem jetzigen Aufenthalt des deutschen Kronprinzen­paares in den dänischen Gewäffern hatte, wie wir be­richteten, der Kronprinz in der Nähe von Aarhus, einem von seinem Schwager, dem Prinzen Christian von Däne­mark, befehligten Exerzieren beigewohnt. Nach Beendigung der Hebung trat der Kronprinz im Automobil die Rückfahrt nach Marselisburg an. Auf der Landstraße kam dem lang­sam fahrenden Automobil ein Bauernwagen entgegen, dessen Pferd vor dem großen roten Kraftwagen scheute. Vergebens suchte die alte Bäuerin auf dem Kutschersitz das Pferd zu zügeln. Es riß sich los, während der Wagen mit einem Schwung in einen Graben geschleudert wurde. Der Kron­prinz ließ sogleich halten und der klagenden Alten, die leichte Beschädigungen an den Händen und am Kopf erhalten hatte, von einem seiner Chauffeure 20 Kronen reichen. Nach­dem ein anderer Chauffeur glücklich das Pferd eingefangen hatte, setzte der Kronprinz die Fahrt fort mit der an dre