Nr. 198 Zweites Blatt.
155. Jahrgang
Donnerstag 24. August 1905
Erscheint täglich mit Ausnahme des Sonntags.
Die „(Siebener Famlllenblatter" werden dem ^Anzeiger viermal wöchentlich beigelegt. Der ^hessische tanötoirf* erscheint monallich einmal.
Gießener Anzeiger
Rotationsdruck und Verlag der Drühlllchea Universitalsdruckerei. R. Lange, Gieße«.
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Tel. Nr. 51. Telegr^Adr.: Anzeiger Gießen.
General-Anzeiger, Amt;- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.
Zu den Unruhen in Aeutlch.GstafriKa. schreibt der „T. R." ein Kenner des Landes, der das Auf- standsgcbiet erst im vorigen Jahre bereist und bald nach seiner Heimkehr vor der aufzichenden Gefahr gewarnt hat, Oberstabsarzt Dr. Arning in Hannover, folgendes:
„Es scheint noch nicht festzustehen, ob der Bischof Cossran Spies mit seiner Begleitung tatsächlich erschlagen worden ist: wenn dieser Unglücksfalb aber stattgefunden hat, so soll er auf dem Wege von Kilwa nach Liwale sich ereignet haben. Die gesamte Gegend zwischen diesen beiden Orten ist, abgesehen von der nächsten Umgebung der Küste, fast durchaus frei von jeder Besiedelung, seit die Wangoni-Ein- fälle dieses Land in eine Einöde verwandelst haben. Hat also die Niedcrmetzelung der Deutschen auf dieser Strecke stattgefunden, so müssen die Täter von bewohnten Gegenden dorthin gekommen sein. Nicht unmöglich ist es, daß die Aufrührer in den Matumbibergcn von dieser Expedition unterrichtet waren und den Uebersall ausführten. Möglich ist es auch, daß die Reisenden schon dem Dondegebiete sich näherten und einem Angriffe der Wandonde zum Opfer gefallen sind, denn nach den neuesten Nachrichten sind auch die Einwohner dieser Gegend in eine aufständische Bewegung geraten.
Ich bin geneigt, an die letztere Möglichkeit zu glauben. Zu verwundern ist es nicht gerade, daß die Wandonde un- ruhig geworden sind; denn als ich im vorigen November die Gegend von Liwale durchzog, fiel mir der trotzige Mißmut gerade dieser Leute gegen den Europäer auf. Ich bemerkte, daß Liwale und Donde nicht etwa zwei Bezirke sind, sondern Liwale ist der Vezirksort für das Dondeland, besetzt mit einem Unteroffizier und einem Dutzend Polizeisoldaten. Diese Besatzung mochte unter friedlichen Verhältnissen genügend erscheinen, weil das ganze Gebiet nur eine außerordentlich schwache Bevölkerung besitzt. Der Mißmut dieser geringen Bevölkerung richtete sich nicht etwa allein gegen den eilig Durchreisenden, sondern auch die deutschen Einwohner in Liwale, darunter ein dort ansässiger Kaufmann, klagten, daß neuerdings mit den Schwarzen gar kein Auskommen mehr sei. Als bockbeinig und widerhaarig waren die Leute von jeher bekannt; die gerade in jener Zeit auftretende Neigung zu passivem Ungehorsam muß aber doch wohl schon das übliche Maß überstiegen haben. Aus einer weiteren Steigerung dieser Verhältnisse werden die heutigen Unruhen herzuleiten sein, und ihre Ursache wird man in St eu e r ka l ami t ä t e n suchen müssen. Das Dondeland galt als ein reicher Kautschukbezirk; früher unzweifelhaft mit Recht: und das dorther stammende Erzeugnis wurde auf dem Markte sehr hoch bewertet. Noch vor zwei Jahren waren recht gute (Srntemengen von dort an die Küste gebracht worden: der Neid des Wettbewerbes hatte alsdann veranlaßt, daß verschiedene Firmen durch Kreditgewähren an die Eingeborenen sich die reichsten großen Ernten sichern wollten. Es wurde mir erzählt, daß auf diese Weise wohl 80 000 Rupien, also rund 100 000 Mark, in der Hoffnung auf künftigen Gewinn in Waren oder in Bar an die Bewohner des Bezirks verteilt worden waren. Der brave Neger bezahlte auch richtig seine Steuern mit diesem geliehenen Gelde. aber an die Leistung des Gegenwertes an Kautschuk, w'e die kreditgebenden Firmen es gehofft und gewünscht hatten, dachte er nicht. Vielleicht oder wahrscheinlich hätte er, selbst wenn er gewollt hätte, seinen Verpflichtungen gar nicht nachkommen können, denn die Bestände an Kautschuk-Lianen sind hier, wie fast überall in Ostafrika, ganz außerordentlich durch den Raubbau der Eingeborenen mitgenommen worden.
Sicher ist, daß in dem in Frage kommenden Jahre, wie man mir glaubwürdig berichtete, nur ein geringer Bruchteil der vorjährigen Kautschukernte an die Küste befördert werben konnte, weil trotz des erhaltenen Kredits nicht mehr angeliefert wurde. Das damals ins Land gekommene Geld wird heute, rund wie es einmal ist, den Händen der Dondeleute entrollt sein, und da sie sich vor der Notwendigkeit sahen, alte Schulden und neue Steuern zu bezahlen, ohne neuen Kredit erhalten zu können, wählten sie den Weg, der ihnen der beguemste erschien, sich ihren Verpflichtungen zu entziehen, und setzten ihre Widerhaarigkeit in die Tat um.
Eine größere unmittelbare Gefahr sehe ich auch in diesen Unruhen nicht; denn die Bevölkerung des Dondelandes zählt nur nach wenigen Tausenden. Hätte sich nur eine halbe Kompagnie in jener Gegend befunden, würde es nie zu Unruhen gekommen sein, und ihre Unterdrückung, sowie die Bestrafung der etwa Schuldigen wird keine übermäßigen Aufwendungen nötig machen. Wohl aber ist in dieser ganzen Sachlage eine Bestätigung desjenigen zu sehen, was ich am 30. Mai in der „T. R." über die Verhältnisse und Zukunft Ostafrikas schrieb: Das Unbehagen der Gesamtbevölkerung des Landes ist vorhanden, und wenn die dichte Bevölkerung des weiten Innern dazu kommen sollte, diesem Gemütszustände den gleichen tatkräftigen Ausdruck zu verleihen, dann sehen wir uns vor einer fast unlösbaren Aufgabe.
Schon jetzt hat der Gouverneur eine Verstärkung seiner Machtmittel verlangt, es sollen Beratungen darüber schweben, ob man mit den Marmcmannschaften auskommcn kann. Ich schrieb am 30. Mai, daß das heute unzweifelhaft unzuverlässige schwarze Material der Schutztruppe den Anforderungen nicht genügen würde, die ein zukünftiger größerer Aufstand an sie stellen wird. Diesen Nachrichten gemäß scheint eine solche Anschauung sich nun aucl, in den maßgebenden Kreisen geltend zu machen. Ein Beweis dafür war auch m. E. schon die wenig beachtete Meldung, daß man fast die gesamte Besatzung des vor Kilwa liegenden Kriegsschiffes an Land gebracht und dafür die dadurch hervorgerufenen Lücken mit Scywarzen „ausgcfüllt" habe.
In dem Küstengebiet kann man unsere deutschen Matrosen wohl zeitweise verwenden; unmöglich aber ist es, im Innern Deutsch^Ostaftikas mit weißen Soldaten einen längeren Krieg zu führen. Ich will mich auf eine weitere Erläuterung dieser Angelegenheit nicht einlasscn, aber ich glaube, daß jeder Kenner des Landes mir recht geben wird. 9hir eine starke farbige Schutztruppe ist zu verwenden, die mit einem großen Prozentsatz solcher Mannschaften durchsetzt ist, die außerhalb des deutschen ostafrikanischcn Schutzgebietes ansgehoben sind. Dafür möge man sorgen, und zwar schnell, ehe es zu spät ist."
Voliiische Tagesschau.
In Erwartung des englischen Geschwaders.
König Eduard ist neben Kaiser Wilhelm der nreist- genannte Monarch. Doch damit nicht genug: er ist die Hoffnung aller deutschfeindlichen Elemente, nicht nur in England und Frankreich, sondern auch bei den Slaven des europäischen Ostens. Ein großpolnisches Blatt, die „Praca", spricht ganz offen aus, daß eine Niederlage Deutschlands die unabweisbare Vorbedingung der Wiedergeburt der polnischen Nation sei, und daß die Hauptrolle in der Bündnisaktion gegen Deutschland dem König von England zufalle, dem die Slaven sich willfährig erweisen würden. Zutreffend meint die „Nationalztg.", daß solche Kundgebung an Hochverrat grenze und die Hintermänner des Blattes in den Verdacht bringe, daß sie sich mit der Aufgabe befassen, die guten Beziehungen oes deutschen Reiches zum Ausland zu stören, an deren Erhaltung die Regierung ihre besten Kräfte setzt. Es wird den Polen zwar nicht gelingen, eine internationale Verschwörung gegen Deutschland anzuzetteln, aber bedauerlich bleibt es, daß die Eintracht unter den großen germanischen Staaten gering genug ist, um bei den Todfeinden des Germanentums solche Hoffnungen überhaupt aufkommen zu lassen.
Der Besuch des englischen Kanalgeschwaders in der Ostsee könnte zwar die slavischen Erwartungen dämpfen, es ist aber zweifelhaft, ob diese Wirkung eintreten wird. Die vorjährige Kieler Begegnung zwischen Kaiser Wilhelm und König Eduard, bei der freundschaftlich-zuversichtliche Trinksprüche gewechselt wurden, hat eine Besserung in den deutsch-englischen Beziehungen nicht herbeigeführt. Die „Grenzboten" meinen sogar, diese Beziehungen hätten seitdem einen Tiefstand erreicht, wie nie zuvor. Das heißt vielleicht die Dinge zu düster sehen, aber die Aussicht ist, wie gesagt, nicht sonderlich groß, daß die „Festtage" an der Ostsee die deutsch-englische Spannung dauernd oder auch nur für längere Zeit schwinden machen werden. Eine
Rede Kaiser Wilhelms anläßlich des Stapetlaufes in Stettin ist bereits angekündiat. Man wird annehmen dürfen, daß der Kaiser in der Begrüßung der en®* lischen Gäste, wie stets, herzliche Worte wählen wird. Dre En tgegnung steht dem leitenden Admiral des englischen Geschwaders, Wilson, zu. Der Wortlaut seiner Antwort ist natürlich unter Mitwirkung des Londoner 9(u8* wärtigen Amtes festgestellt Es wird also im Grunde eine Kundgebung der englischen Regierung durch den Mund des Admirals Wilson erfolgen, die schon um deswillen der besonderen politischen Note entbehren dürfte, als eben Aer nicht Mönarch dem Monarchen gegenübersteht. In Kiel sprach König Eduard im vorigen Sommer den Wunsch aus, die innigen verwandtschaftlichen Beziehungen zwischen beiden Herrscherhäusern möchten durch erneuten persönlichen Verkehr womöglich noch enger geknüpft werden, und die beiden Flaggen möchten bis in die fernsten Zeiten nebeneinander wehen zur Auftechterhaltung des Friedens und der Wohlfahrt aller Nationen. Die beiden Flaggen wehen allerdings demnächst wieder einmal friedlich nebeneinander, aber die Zuversicht, daß es bis in die fernsten Zeiten so sein werde, wird getrübt durch Nichterfüllung des ersten Wunsches König Eduards. Der Erneuerung des persönlichen Verkehrs zwischen beiden Monarchen stehen anscheinend „tln* stimmigkciten" entgegen, die die Feinde Deutschlands mit Eienugtuung erfüllen.
Aus Stadl imÄ AauL.
Gießen, 24. August.
** Durchreise des Kaisers. Gestern abend irnt 7.38 Uhr passierte S. M. der deutsche Kaiser mit Sonderzug von Milhelmshöhe kommend ohne Aufenthalt den hiesigen Bahnhof und fuhr über Bockenheim nach Cronberg. Die Ankunft dort erfolgte um 9.1b Uhr.
** Eine Volrsakademie in Rüsselsheim. AuS den Mitteln der vom Rhein-M.mischen Verband für Volksvorlesungen zu Frankfurt a. M. für Volksbildungszwecke gesammelten Schillcrspende wird, so schreibt man uns, Ende September d. I. in Rüsselsheim eine Volksakademie ins Leben gerufen werden. Mit diesem Namen wird eine Zusammenkunft von Freunden aus allen Ständen bezeichnet, die 14 Tage im Pfarrhaus zu Rüsselsbeim gemeinsam tagen werden, um ihre Ansichten, Kenntnisse und Erfahrungen auszutauschen. Geschichtsforscher, Pfarrer, Lehrer, Landwirte, Geschäftsleute und Arbeiter sollen sich an der Zusammenkunft beteiligen. Die Vormittage werden mit ver-j schiedenen Vorträgen ausgefüllt, und an den Nachmittagen! werden Ausflüge in die Umgegend unternommen, um! Bodengestaltung, Pflanzenwuchs, Denkmäler usw. kennen zu^ lernen. Abendunterhaltungen mit Musik bilden den Beschluß des Tages. Die Veranstaltung soll später an anderen Orten wiederholt werden.
— Das Dunkel des Rüdesheimer Mordes scheint sich endlich zu lüften. Die Nachforschungen nach dem Ermordeten scheinen von Erfolg zu sein. Man will in dem Ermordeten den Hausburschen Hugo Hermann aus Lüdenscheid wieder erkennen. Hermann, der am 28. März 1887 zu Erfurt geboren wurde, kam im März dieses Jahres von Iserlohn nach Frankfurt a. M. und trat als HauSbursche Frankfurterstraße 73 in Stellung. Mitte Mai trat Hermann in der gleichen Eigenschaft Rödelheimerstraße 84 in Stellung, wo er im Juni auStrat unter der Angabe, er wolle über RüdeSheim nach Köln wandern. Die in Lüdenscheid wohnenden Angehörigen erhielten kurz vor dem Mord nochmals einen Brief, in dem Hermann seinen Reiseplan mitteilte; seit dieser Zeit hat Hermann kein Lebenszeichen mehr von sich gegeben. Die Eltern des Hermann wurden erst durch die Zeitung auf den Rüdesheimer Mord aufmerksam und glaubten nach der Beschreibung, daß ihr Sohn das Opfer des Raubmordes geworden ist. Die Wiesbadener Kriminalpolizei ist mit der Angelegenheit eifrig beschäftigt und die Mutter des mutmaßlich Ermordeten traf bereits in Wiesbaden ein.
** Ein süßer Automobilunfall passierte aut Sonntag auf der Wei ter st ad ter Kirch weihe. DaS
Mqemcine Kartenbau-Ausftcilung Aarmstadt 1905.
(Original-Artikel d"s Gießener Anzeigers.)
(Schluß.)
Auf der Terrasse hat ein Eckchen, westlich vom Olbrich- schen gelben im Sondergarten der Architekten Fuchs und Koch gelegen, mein ganz besonderes Interesse erregt. Mitten in einem Viereck, auf drei Seiten von dunkelgrüner Hecke umgeben, im Schatten von Kastanienbäumen steht eine grauschwarze Syenitschale, in der Wasser emporquillt. Darüber wölbt sich eine durchbrochene vergoldete Kuppel, die auf drei Vorsprüngen der Schale ruht. Den Platz ringsum bedeckt blühendes Heidekraut. Ein selten geheimnisvoller, kleiner Winkel ist es, der mit seinem weihevollen Ernst uns völlig gefangen nimmt.
Wandern wir zurück zur Henkel'schen Sonderaussiellung. Vom Eingänge aus blicken wir über eine saftig grüne Rasenfläche, die seitlich von Bambusstauden und allen möglichen üppigen exotischen Blattpflanzen muldenförmig eingefaßt ist, auf einen Heinen Teich mit Wasserrosen. Auf der Rasenfläche sind zwanglos verteilt Lilien, die ihre weißen Blütenkelche dem Eintretenden zum Gruße entgegenneigen und ihm ihren Duft entgegenhauchen. An der Eingangs- und rechten Seite sind Laubengänge aus weißen Latten, zierlich berankt, die Wege eingefaßt mit weißen, windenartigen Blüten, dazwischen hin wnd wieder Büschel von weißen Glockenblumen bi flachen, weißgestrichenen Holzkästen. Am Wasser ist ein freier Platz mit weißer Bank, die von kleinen Pyramiden blaßblauer Glockenblumen flankiert ist. Diese Einlage wirkt wie ein kleiner Zaubergarten. An dieselbe schließt sich ein Wintergarten, in dem uns prächtige Schnittblumen in ihren
großartig abgestimmten Vasen ganz besonders fesseln. Eine so wunderbare Farbenharmonie muß hauptsächlich Frauen zum stimmungsvollen Schmücken ihrer Wohnräume begeistern. Hinter der Halle ist noch ein geometrisch angelegter Platz, der Henkel'sche rote ©arten, besetzt mit brennend roten Geranien, die meinen Augen weh tun. Angenehm wirken dagegen die Fuchsien mit ihren zierlichen dunkelroten Blütengehängen. Sogar der Versuch mit einer Fuchsienhecke ist gemacht worden, die den Garten von einer großen Anzahl schön geformter Blumentöpfe trennt. Einzelne solcher bepflanzten Töpfe sind, um die Wirkung zu zeigen,im roten©arten aufgestellt. Wir könnteng leich in der angrenzenden Festhalle, wohin uns die Musik lockt, eine Erfrischung zu uns nehmen, wollen aber doch vorher dem Wasserpflanzenhause der Hofgärtnerei Rosenhöhe einen Besuch abstatten. Nicht zur Vervollständigung unserer Besprechung erwähnen wir dieses exotische Gewächshaus zuletzt, sondern um es ganz besonders zu würdigen. Auf keiner Gartenbauausstellung ist bisher etwas Aehnliches geboten worden. Die Diener überwachen ängstlich die Eingangstür, damit dem Hause nicht zu viel Wärme entweicht. Mit der Wärme strömt uns ein vanilleartiger Duft entgegen. Auf der großen Wasserfläche des rechtwinkeligen, langgestreckten Beckens breiten drei Königinnen der Blumen (Victoria regia) ihre großen, tellerförmigen Blätter aus, von denen man jetzt wohl immer wenigstens eine blühen sieht. Ringsherum schwimmen die kleineren Geschwister, deren schöne weißen, roten und blauen Blüten uns von unserem botanischen Garten her besonders lieb und vertraut sind. Noch viele andere schöne Wasserpflanzen recken ihre farbigen Blütenkolben in die Luft. Und am Wasser sehen wir Gruppen vieler Sumpfpflanzen von üppigem Wuchs. Gleich am Eingang entlockten
uns die schön geformten, zart gelben Blüten von Nelumbien, Lotosblumen, einen Ausruf der Bewunderung. Sie wiegen sich, wie auch ihre schönen sammetartigen Blätter, elegant aus den schlanken Stielen. Die Pflanze hat so schöne und strenge Formen und wunderbare Farben, daß ihre geringe Verwendung in der dekorativen Kunst auffallen muß. Die ganze südliche Längsseite ist mit Lotosblumen in den verschiedensten Farben besetzt. Am Ende der Halle ist ein erhöhter Platz, der mit seinen originellen, verschiedenartige« Korbmöbeln zum AuSruhen einlädt. Das Auge wird angenehm berührt von dem gedämpften grünen Licht, das im Raume herrscht, hervorgerufen durch Kürbispflanzen, deren verschiedenste Wirten Deckengebälk und Dachsparren umranken, eine grüne Decke bildend, von der hier und da ein Kürbis oder eine vergeblich nach Stützpunkt suchende Ranke herunter- hängt. Wir sehen eine höchst originelle Idee gelungen verwirklicht, das direkte Licht abzuhalten oder zu mildern und gleichzeitig das kahle Gerüst vor den Blicken zu verbergen.
Die vielen Züchtungen der verschiedensten Nadel-, Laubund Obstbaumschulen, der schönen Blumen und Blattpflanze« in den Teppichbeeten, in der Dahlienausstellung, in der Schnittblumenhalle zu schildern, ist völlig zwecklos. Sie ver-, langen ein eingehendes Studium an Ort und Stelle. Wir wollen mit unserer Schilderung nur andeuten, wie sehr bie< künstlerische Seite in der Darmstädter Ausstellung betont und eine wie außerordentlich vielseitige Anregung den Besuchern der Ausstellung geboten wird nicht nur dazu, daß sie kaufen, sondern was sie kaufen und wie sie ihre Gärten anlegen unter den gegebenen Verhältniffen, um eine harmonische Gesamtw.rkung zu erzielen. Noch nie ist bei einer Gartenbau- Ausstellung eine so reiche Gelegenheit in dieser Beziehuna geboten, wie bei der diesjährigen Darmstädter.


