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20.3.1905 Erstes Blatt
 
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Nr. 67

Erstes Blatt.

155. Jahrgang

Montag 20. März 1905

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außer Sonntags.

Stiern Gießener Anzeiger werden im Wechsel mit dem hessischen Landwirt die Gießener Kamillen- llflttti ütermal in der Woche beigelegt.

Fiotationsdruck u. Ver­lag der Brühl'schen Unwers.-Buch-u. Stein» bruderer 0t Lange. Redaktwn, GrvedUtoa und Druckerei:

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aufwärts 'Ä 15'3. c evantwortl'ch ptf den polit und U r. Teil V. Wtttko: für .Stadt und ßanb* unb Gerichkss aal^: August Goetz, für ben An­zeigenteil: Hans Beck.

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Ire Heutige Kummer umfaßt 10 Seiten

Politische Wochenschau.

In bent sich tagelang im Reichst age hinziehenden Rede- kmell zwischen Mugdcm imt> Zubeil über die Differenzen zwischen den Krankenkassen und Aerzten errang Mugdan den offensicht­lichen Sieg. Durch Schimpfen und persönliche Ausfälle konnten die von ihm vorgehvachten Tatsachen nicht ans der Welt ge­schaffen werden. Unter anderem beschloß der Reichstag in der vergangenen Woche bei der Annahme des allgemeinen Penfions- fonds der Regierimg nahezulegen, in einem Nachtragsetat Mittel Mr Deckung für die Veteranenbeihilfe zur Verfügung zu stellen. Die Regierung sagte die Einbrinaung eines Nachtrags­etats von 265 000 Mark zu diesem Zwecke ziu, der vom Bundesrat bereits genehmig worden ist. Bei der Beratung des Etats des ReichskanAers und der Reichskanzlei verließ der Reichstag das Gebiet der inneren Politik, um sich der Erörterung auswärtiger bezw. verfassungsrechtlicher Fragen zuzuwenden. Der Reichskanzler ging u. a. auf die vom Zentrum angeregte e l s a ß - lothringische! Verfaffimgsfrage ein. Die Angelegenheit sei noch nicht genügend geklärt, um die zum Teil recht schwierigen und hochpolitischen Fragen, die sie umschließt, bereits jetzt zu lösen. Die Regierung müsse sich Vorbehalten, den Zeit­punkt zu bestimmen, an dem ihr eine Äenderung der verfassungs­rechtlichen Stellung Elsaß-Lothringens angebracht erscheine. Das selbständige Eintreten Elsaß-Lothringens in den Bundesrat muß allerdings das alte historische Stimmenverhältnis ändern und je nachdem entweder das Gewicht der preußischen Stimmen gegenüber den Mittelstaaten oder umgekehrt das Gewicht der Mittelstaaten gegenüber Preußen vergrößern. Man ist auch noch nicht über die Frage im klaren, ob die jetzt bestehende Stimmen­zahl der Mitglieder des Bundesrats durch die Erhebung Elsaß- Lothringens zum Bundesstaat eine Vermehrung erfahren soll oder nicht, ob vielleicht mehrere kleinstaattiche Stimmen zUsammen- gelegt werden sollen, um den drei neuen elsaß-lothringischen Stimmen Platz zu machen. ,Eine wichtige Folge der Souveränität wäre auch die völkerrechtliche Konsequenz, daß Elsaß-Lothringen, innerhalb gewisser vom Reiche festMsetzender Grenzen, Gesandte senden und internationale Verträge abschließen burfte. Man sieht, daß allerorts Probleme aus dem Boden sprießen, wohin man in der elsaß-lothringischen Frage auch den Fuß setzen mag.

Daß der Abg. v. Vvllmar und nach ihm Bebel wieder den Russenkurs der Regierung zur Sprache bringen würden, konnte man Voraussagen. Auch wir sind für die Innehaltung einer strikten Neutralität; von Liebedienerei gegen das Zarenreich will das deutsche Volk nichts wissen; es ist scharf Obacht darauf zu geben, daß nichts geschieht, was wie eine Begünstigung Ruß­lands aussieht. Das deutsche Auslieferungswesen, die einzel­staatliche Fremdenpolizei und alles was damit zusammenhängt, wurde in ziemlich unorganischer Wcffe hin und her besprochen. Ein einheitlich deutsches Fremdenrecht ist nach den Erklärungen Pvsadowskys fürs erste nicht zu erwarten. Auch 'eine KünÄg- ung der Auslieferungsverttäge Bayerns imb Preußens mit Ruß­land konnte der Staatssekretär nicht in Aussicht stellen. Bezüglich der von den Sozialdemokraten geforderten praktisch-greifbaren Verantwortlichkeit des Reichskanzlers führte der Abg. Schrader von der freisinnigen Vereinigung Überzeugend aus, daß so lange eine Verantwortlichkeit des Reichskanzlers unmöglich sei, als das Reich keine parlamentarische Regierung habe. Der Reichskanzler und der Staatssekretär des Reiches sind nur die Beauftragten der verbündeten Regierungen, wie sie im Bundes­rat verkörpert sind. Der Bundesrat ist aber eine Behörde, die ohne Verantwortung ihre verfassungsmäßigen Funktionen ausübt. So lange es _ein tatsächliches Reichsministerium oder eine tat­sächliche aus selbständigen Ministern bestehende Reichsregierung nicht gibt, wird es nicht möglich sein, dem Reichskanzler Ver­antwortlichkeit beizulegen, da er doch nur die Aufträge des Bun­desrats zu vollziehen hat. Gäbe es ehre Verantwortlichkeit unter den gegenwärtigen Umständen, so könnte es nur eine gegenüber ^em Bundesrat, nicht aber gegenüber dem Reichstage sein. Erst wenn die verfassungsmäßige Struktur des Reichskanzlerpostens vollständig geändert würde, könnte man dazu übergehen, dem Reichskanzler faktische Verantwortlichkeit zuzuweffen.

Seit es den Anschein hat, daß dank der im Seniorenkonvent angenommenen Kontingentierung der Etatsdebatte der Reichs­tag den Reichshaushalt für 1905/06 bis zum 31. März ver­abschiedet haben wird, rechnet man, wie es heißt, in Abgeordneten­kreisen mit einem erheblich früheren Ofterferien- a n f a n g als dem ursprünglich in Aussicht genommenen 14. Apr. Die letzte Sitzung dürfte etwa am 4. Avril stattfinden. Auf endgiltige Verabschiedung noch in diesem Sommer hat wohl dqs neue Börsen ge setz die meiste Ausffcht, während das Schick- M der Militärpeniionsgesetze, deren Berattmg in der Kommission etwa drei Wochen in Anspruch nehmen sollte, haupt­sächlich von der weiteren Stellungnahme des Zentrums abhängen dürfte, das bekanntlich an der Deckungsfrage Anstoß genommen hat. Es wird jedoch angenommen, daß bis zum Juni die Arbeit der Kommission an dem Pensionsgesetz soweit fortgeschritten sein wird, um, wie im Vorjahre durch das Börsengesetz, eine Ver­tagung des Reichstags, nicht den Schluß der Session zu recht- fertigen.

Im preußischen Abgeordnetenhaus e wurde am Samstag die dritte Lesung des Etats beendet. Beim Etat der indirekten Steuern gab Finanzminister v. Rheinbaben die be­merkenswerte Erklärung ab, daß bei der Reichsfinanzreform an eine Reichseinkommensteuer nickt geduckt werden könne und daß Preußen auf die Einnahmen aus seiner seitherigen Erb­schaftssteuer, bie 11 Millionen Mark einbringt, nicht verzichten werde. Es ist nicht ausgeschloffen, daß die Reichsfinanzreform gleichwohl auf die Erbschaftssteuer zurückgreift. Doch würde der Gestaltungs- und "Berechnirnasmodus immerhin technisch recht kompliziert ausfallen. Die Beratung des Etats der Ansied­lung s ko m m iss i o n für Westpreußen und Posen gab dem Älbg. Aronsohn von der freisinnigen Volkspartei Anlaß zur Einbringung eines Antrages, worin die Regierung ersucht wird, zwei kaufmännisch vorgebildete Hilfskräfte mitt dem Rang und den Bezügen von Regieruugsräten in Dienst zu stellen. Diese Herren sollen durch Einflußnahme auf die Kornhausgenossenschaften des Ostens dem jetzigen Zurückgehen des Deutschtums in den kleinen Städten der dortigen Landesbezirke vorbeugen. Abg. Friedberg führte ans, daß das Kvrnhausgenoffenschaftssystem zum Ruin des n em en Händler- ftanbeS in der Provinz Poffm führe. Der Antrag Aronsohn ging an die Budgctkommission. Das Haus beschloß die Erhöhung der Ministergehälter um je 14000 Mark und der' Ministerpensionen. . t ,

Mit dem Fortschveiten der Arbeiten in der Toleranz- /ommission ging das Nachgeben des Zentrums beim Heeres-

etat in der Budgetkommisfion Hand in Hand. Es! brachte selbst einen Anttag auf Wiederherstellung der Regierungs- .fordernng von 510 Eskadrons ein, und hielt nur noch Einwände 'finanzieller Natur aufrecht. Der Militäretat kommt also diesmal ohne große Kontroversen zustande, zumal der Finanzminister an­kündigte, daß die zur Bestreitung der Mehrausgaben vorgesehene Zuschußanleihe von 22 Millionen Mark beseitigt und.diese Aus­gaben auf die Matrikularbeittäge übernommen werden sollen. Im ganzen hat die Budgetkommisfion 2 258000 Mark Abstriche von den Regiernngsforderungen gemacht.

In Südweftafri l'a hat wieder ein äußerst verlustreiches Gefecht stattgefimden. Die Annahme, daß Hendrik Witbvi auf englisches Gebiet geffüchtet sei, erweist sich als irrig. Er befindet sich vielmehr, toemt auch leicht verwundet, an der Spitze seiner Truppen. General v. Trotha, der seine Rückberufung beantragt haben soll, meldete in längeren Depeschen die Verteilung der deutschen Standquartiere. Es heißt, daß alle zwei Monate ein Truppennachschub nach Südwestafrika abgchen soll, um die dort stehenden Truppenteile in feldmäßiger Zahl zu erhalten. Das Ende des Krieges ist noch immer nicht -abzusehen. Bei dem im Reichstag am Samstag erledigten Etat fürSüdweft- a f r i k a wurde eine Resolution bett. Einsetzung einer Kommission aus Mitgliedern des Reichstages und kolonialen Sachverständigen mit Prüfung der Rechte und Pflichten der bisherigen Tätigkeit her Land- und Bergwerks-Gesellschaften in Südwestafrika 'an­genommen. Der Bundesrat verabschiedete am Samstag zwei Nachtrags-Etats für Südwestafrika, von denen der eine im Betrage von rund 27 Millionen noch in das Rechnungsjahr 1904, der andere im Bettage von 33 Millionen zum Rechnungs­jahre 1905 gehört.

Der deutsche Kaiser unternahm in vergangener Woche eine Fahrt nach Wilhelmshaven, wo er bei einer Nekrutenvereidig- ung auf die Japaner als kriegerisches Vorbild hinwies, eine Aeußerung, die in Japan viel Anklang fand. Auf seiner dem­nächst beginnenden Mittelmeerfahrt wird ihn u. a. der in letzter Zeit viel genannte Ministerialdirektor des Kultusministe­riums, Geheimrat Althoff begleiten, wie dieGermania" er­klärt, die ja bei dem jetzigen Kurs am besten Bescheid wissen muß. Der Besuch der Kaisers in Lissabon wird am 27. März er­wartet. Er soll zwei Tage in Anspruch nehmen. , Der^König von England ließ sein Nichterscheinen durch dringliche Staats­geschäfte entschuldigen.

Der in Eisenach stattgehabte H o ch s ch u l t a g führte zu einem alle Nniversitäts-, Hochschul- und Bergakademie-Studen­tenschaffen umfassenden Verbände, der sich einmütig für die Abwehr des konfessionellen Absonderungs-Systems auf den Hoch­schulen aussprach. Auf dem Wartenberge am Fuße des Bismarck- oenkmals hielt der Jenenser Professor Thümmel eine zündende Rede. Aufsehen erregte die A n 1 w o i t des Kaisers auf das Huldigungstelegramm der Studierenden. Wir nehmen an, daß auch die Studenten, die sich in Eisenach versammelten, nichts anderes wünschen, als unter Achtung vor der Ueber- zeugung Andersgläubiger das deutsche Studententum! vor nattonaler Zersplitterung zu bewahren. Es würde gewiß zu weit gehen, wenn man ein Verbot konfessioneller Studenten­verbindungen ansttebte. Die nicht klerikale deutsche Studenten­schaft will mit eigener Jugendkraft zu einer inneren Neu­belebung idealer Prinzipien schreiten und in sich das nun erfreu­licherweise erwachte Bewußtsein einer hohen Aufgabe wach erhalten.

In Ungarn soll nun endlich die Ernennung des Grafen Andrassy zum Ministerpräsidenten in den nächsten Tagen er­folgen. Dieser wird für das Programm der Krone eine ent­sprechende Majorität zu bilden haben. In militärischer Bezieh­ung werden keinesfalls bezüglich der Kommandosprache Kon­zessionen gemacht werden. Heute, am Montag, wird der Kaiser die Grafen Tisza und Andrassy empfangen. Kvssuth propagiert passive Resistenz, falls in der Militärffage Wien unnachgiebig bleiben sollte.

Bald nach der Eroberung von Mukden haben die Ja­paner auch Tieling, 69 Kilometer nordöstlich von Mukden. besetzt. Die Russen werden vermutlich versuchen, Charbin (350 Kilometer nordwestlich von Tieling) bezw. Kirin (275 Kilometer nordöstlich von Tieling) zu erreichen. Kirin liegt auf dem Wege nach Wladiwostok zu. Charbin ist der Knotenpunkt der sibirischen und der Mandschureibahn. Beide Orte, Charbin wie Kirin, sind stark befestigt. Marschall Oyama berichtet, daß japa­nische Truppen am 16. März nördlich von Tieling auf dem rechten Ufer des Liaoho gelegene Anhöhen besetzten.

Kuropatkin hat gemäß dem kaiserlichen Befehle vom 15. ds. den Oberbefehl am 17. an Linewitsch übergeben. Ueber die Enthebung Kuropatkins äußern sich sämtliche russische Tages­blätter sehr zurückhaltend. Die meisten sagen, die Beurteilung Kuropatkins als Heerführer gehöre der Gesckichte an. Die deutsche Petersb. Ztg." sagt, die Geduld, die Kuropatkin bei seinem Auszuge predigte, hat nicht vorgehalten. DieNowoje Wremja" schreibt, Kurovatkin war viel zu vorfichtig, die Verantwortlichkeit fällt nicht allein auf ihn, sondern auf das Marine-Reffort und die russische Diplomatie. Es scheint übrigens, als habe sich mit der Entlassung Kuropatkins aller Haß und alle Erbitterung in Mitleid verwandelt.

Ein Petersburger Privat-Telegramm berichtet Einzelheiten über den letzten in Zarskoje Selo unter dem Vorsitz des Zaren stattgehabten Kriegsrat. Die Sitzung soll sehr erregt verlaufen sein Die zur Teilnahme am Kriegsrat berufenen Generale waren beauftrag, ausschließlich über Mittel und Wege,' die zur Fort­setzung dies Krieges nötig seien, zu beraten. Vor der eigent­lichen Sitzung fanden zwei Vorbesprechungen statt, an denen der Zar nicht teilnahm und in denen das Programm für die Sitzung festgelegt wurde. In der Hauptsitzung ergriff der Zar zuerst das Wort und seine Stimme erzitterte, als er erklärte:Meine Herren, Kuropatkin ist moralisch zerrüttet, aber augenblicklich gewinnt sein Ansehen doppelt, denn erst jetzt er­kenne ick die g r o ß e n V e r d i e n st e, die er mir in diesem Kumpfe bisher geleistet hatt Er bietet mir seine Demission an. Vergessen Äe bei seinem Unglück nicht seine hohen Tugenden/' Mle Generale waren außerordentlich bewegt. Vielen standen die Thränen in den Augen. General Dragomirow ergriff als erster das Wort Er ttitisierte die letzten Operationen Kuro­patkins und beaniragte schließlich, ihn Mrückzuberufen. Die Mehr­zahl der Mitglieder des Kriegsrates schloß sich diesem Anttage an, worauf die Rückberufung mit allen gegen drei Stimmen beschlossen wurde. . _ .

Die Times" meldet, daß General Lmewitsch em ausge­sprochener" Gegner der Presse sei. Seine erste Tat als Ober- MebWBer fei ine Jnh'biernng aller Depeschen an bie Zeitungen gewesen. Bestimmtes weiß man darüber noch nicht Der Regierung aber würde das kaum mißfallen. Den bekannten Militärschriftsteller Kapitän Clado hat sie wegen Verössentsichung von Artikeln über die Kriegslage aller seiner Funktiou"u entheben und seine Bezüge aus em Viertel r-duziert.

Für die Japaner bedeutet bcr fortgesetzte Rückzug der Russen eine wachsende Erschwerung der Opera­tionen, weil sie sich immer weiter landeinwärts von ihrer Basis entfernen. Sollten die Russen sich ganz aus der Mandschurei entfernen wollen, so könnten die Javaner diese der Obhut ihrer rechtmäßigen Eigentümer, der Cb-'nesen, übergeben, und letztere veranlassen, bis auf weiteres ifyr Eigentum an der Grenze gegen Rußland unter bewaffneten Schutz zu stellen. Freilich kommt es Japan wesentlich darauf an, einen Ersatz für die schweren, tit diesem Existenzkämpfe gebrachten Opfer, zumal an Geld, einzu- bringen. ,Wie das aber geschehen soll, ist nicht abzusehen.

Die innere Lage Rußlands verwickelt sich mehr und mehr. Zu der Bewegung, die der liberale Reformeifer, die soziale Gärung unter den Arbeitern hervorgerufen bat, kommen jetzt umfassende B a u e r n u n r u h e n, ja ein roher Bauernkrieg gegen den Besitz. Vielfach haben Bauern Großgüter angegriffen, dabei auch Kronaüter nickt aesckynt. , , ___!_«-________±2.» . 11

Der Hr-iea.

Die Ernennung des Generals Lmewitsch zum GeneralissimuZ hat überrascht, da man vermutete, dutz Großfürst Nikolaus Nikolajewitsch mit diesem Posten be­traut werden würde. Es heißt, dieser hatte früher das! Kommando gern übernommen, habe aber unter den jetzigen Umständen darauf verzichtet, weil er die Verantwortlichckeiti nach den letzten Mißerfolgen der russischen Armee nicht habe übernehmen wollen.

Linewitsch ist ein Greis. Er steht im Mter von 67 Jahren. Im Jahre 1838 gileboren, trat er im Jahre 1855 in den Militärdienst und nahm zunäckist an den Feldzügen in den Jahren 1859, 186065 und 187778 teil. Als Komman­dierender der Truwpen des Süd-Nssurigebietes reorganisierte General Linewitsch die sibirischen Schützenregimenter. 1900 zog er an der Spitze des Petschili-Detachements nach Peking zur Befreiung der belagerten Gesandtschaften. 1903 wurde er Kommandeur der Truppen des Amurgebietes. Als der Bruch zwischen Japan und Rußland erfolgte, hatte Linewitsch die Expedition zu organisieren, bie nach Nord- Korea entsandt wurde. Linewitsch ist wiederholü schwer verwundet worden. Im russisch-türkischen Krieg, während des Sturmes auf die Zichis-Dsiosker-Höhen wurde er an der linken Hand und am linken Fuß verwundet und» an der linken Brustseite kontusioniert. Man hatte schon die Amputation des Fußes beschlossen, doch wurde ihre Ausführung ausgesetzt, unb die Wunde heilte bald. Seit­dem hinkt Linewitsch leicht und kann nicht ohne Stock gehen. Der General hat zahlreiche Auszeichnungen für Tapferkeit vor dem Feinde erhalten, u. a. auch das Groß- tteuz und einen gvldenen Ehrensäbel.

Die Kampfe nördlich von Tieling dauern fort und die Japaner drängen bald auf dem rechtes bald auf dem linken Flügel die Russen zurück. Es ver­lautet, daß eine starke japanische Infanteriekolonne west­lich von der Bahn nach Norden marschiert, um den Rück­zug abzuschneiden. Ein Telegramm des Generals Linewitsch vom 18. März meldet: Jiaparnsche Batterien beschossen gestern rrrssische Truppenabteilungen in den TalerN bei Tavanpun und ^janpun. Der Feind wurde bei Kaotaitse bemerkt. Die Stadt Fakoumin wurde von japanischer Ka­vallerie besetzt. Die Armeen fahren fort, sich zu konzentrieren.

Russische Vorbereitungen.

Von 400 000 gegen Japan zu mobilisierenden Soldaten stehen 150 000 seit Jamrar ausgebildet zur Verfügung; die übrigen sollen in drei Abständen, MärA. Mai und JunL einberufen werden. Die Anhänger der Kriegspartei unter­schätzen die bevorstehenden Schwierigkeiten. Die sozialisttsche Presse verbreitet Aufrufe, die zur Verhinderung der Mobil­machung mit allen Mitteln auffordern. Es werden ernste Unruhen vor Mitte April nicht erwartet.

Ein kaiserlicher Erlaß ordnet an, daß wegen der wetteren Mobilisierung in 22 Kreisen der Gouvernements Moskau, Warschau und Odessa Pferdemusterungen stattKu-' finden haben.

Der russische Eisenbahningenieur Kremihoff ist nach der Mandschurei abgereist, um Mittel und Wege zu finden, den Transport auf der sibirischen Bahn zu beschleunigen.

Frankreich warnt.

Der ofsiziöseTemps" schreibt über die Absicht Ruß» lands, den Krieg fortzusetzen:Wir haben bereits gesagt: und wir meinen rrach wie vor, daß eine andere Polittk, eine sofortige Liquidation, den Interessen Rußlands besser ent­sprochen hätte. Es ist klar, daß Rußland eine neue ^An­strengung machen kann, es ist aber fraglich, ob unter den gegenwärtigen Verhältnissen diese Anstrengrmg opportun und nötig ist.

Japans Anleihe in Deutschland.

Tie seit längerer Zeit unter Führung der Deutsch- Asiatischen Bank und Beteiligung sämtlicher größeren Ber-. liner Finanzinstttute stattsindenden Verhandlungen über eine japanische Anleihe in Deutschland stehen unmittel­bar vor dem Abschluß. Tie Anleihe wird eine fünf- prozentige sein.

in Sturm und Drang.

Der Kattätschenschnß gegen das Winterpalais.

Die Ossizrere, die für den Kartätschenschuß gegen das Winterpalais des Zaren verantwortlich sind, durch den ein Schutzmann verletzt und beträchtlicher Materiasschaden an­gerichtet wurde, sind am Samstage vom Kriegsgericht ab­geurteilt worden. Daß Fehlen einer bösen Absicht wurde dabei endgiltig festgestellt. (M DaS Ur­teil lautet gegen die Kommandeure der ersten Batterie der ersten Leibgarde-'?tttilleriebrigade, die Kapitäne Dawy­dow und Karzew und den Unterleutnant Roch II. wegen Unterlassung dienstlick-er Obliegenheiten auf Verlust aewissen Vorrechte, zur Dienstentlassung ohne Verlust des Rangess und auf sagende Festungsstr äsen: Dawydow Jahre,