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22.9.1905 Erstes Blatt
 
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Erstes Blatt.

155. Jahrgang

Nr. 323

Freilag 22. September 1905

täglich außer Sonntags.

Dem Gießener Anzeiger werden im Wechsel mit dem «elfischen Landwirt die Siegener Kamillen- blätter viermal in der Woche beigelegt.

-iotationödruck u. Ver­lag der Brüh l'schen Univers.-Buch-u. Stein­druckerei. R. Lange. Redaktion, Expedition und Druckerei:

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Adresse für Depeschen: Anzeiger Gieße«.

FernsprkchanschlußNr.51.

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General-Anzeiger w ** .äzä

v *7 den poltt und allgem.

Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen MW

I)ie Keutige Kummer umfaßt 8 Seiten.

Iunken unter der Asche.

Mit England soll alles wieder in Ordnung sein. Die Spannung der deutsch-englischen Beziehungen, so versichert man, habe erfreulich nachgelassen, die ange­nehme Aufnahme des englischen Kanalgeschwaders bei seinem vstseebesuch sei nicht ohne Eindruck auf die öffentliche Mein­ung geblieben, englische Offiziere in größerer Zahl hätten, herzlich ausgenommen, an den deutschen Kaisermanövern teilnehmen können, und endlich: die Londoner Presse zeige sich entschieden gemäßigter. Was will man mehr? so fragen diejenigen, die mit Zuversicht einen längeren Zeitraum allgemeinen Friedens erwarten, in dem die Völker sich von den Wunden des Krieges erholen, in dem die Pflege wirt­schaftlicher und Kulturinteressen das schöne Ziel der Na­tionen ist. Das Natürliche, das Beste wäre gewiß ein olcher Zustand, aber ni dieser unvollkommenen Welt ge- chieht eben sehr oft nicht das Gute und Nützliche. Was ras Erholungsbedürfnis von Völkern betrifft, die einen Grieß geführt haben, so macht die Ermüdung überraschend chnell einer verdoppelter: Tatkraft Platz. Die Geschickte zählt Beispiele dafür in Fülle auf. Es kommt nur auf Die Gelegenheit an, um die ganze Energie eines Volkes mit einem Schlage zu erwecken. Von Japan wird man ohne weiteres anzunehmen haben, daß seine Unternehm­ungslust gestärkt statt vermindert ist. Wer auch der russische Koloß macht nicht den Eindruck, daß er ge- demütigt und für lange Zeit unschädlich am Boden liege. Wir müßten uns üb^r die in Petersburg herrschenden Stimmungen sehr täuschen, wenn wir glaubten, Rußland begnüge sich mit dem glimpftichen Friedensvertrag und ?iabe zu nichts anderem Neigung, als sich mit der Reorgani- ation der Zustände im Innern zu befassen. Die russische Politik ist stets von maßlosem Ehrgeiz erfüllt gewesen, sie hat stets das brennende Verlangen gehabt, ihren Einfluß nach außen hin so kräftig als möglich geltend zu machen. Rußland will um jeden Pre's wieder zu der Rolle der um­worbenen Großmacht gelangen, die es vor dem Kriege im Besitz hatte.

An diesem Punkt hat die englische Diplomatie den Hebel angesetzt, schon während der Friedensverhand­lungen in Portsmouth. Die englische Diplomatie hat jeden­falls eine Meisterschaft darin, den r i ch t i g e n A u g e n- blick zu wählen. Rußland ist nie von England so lebhaft umworben worden wie in diesem 'Augenblick. Alle Bestreb­ungen der britischen Politik sind daraus gerichtet, mit Ruß­land zu einem Einvernehmen zu gelangen, und zwar zu einem doppelten Zweck. Einmal soll die Freundschaft zwischen Rußland und Deutschland man muß sich hüten, die russischen Gesinnungen zu überschätzen zerstört werden. Zum zweiten liegt England daran, völlige Beruhigung darüber zu erlangen, daß Rußland nicht etwa doch einmal, trotz der Erweiterung des englisch- japanischen Bündnisses, den begehrlichen Blick auf Indien richtet. Darum werden von London aus die verlockendsten Anerbietungen nach Petersburg gerichtet; spricht man doch davon, daß die englische Negierung den alten russischen Wunsch, die Dardanellen zu neutralisieren im Interesse einer freieren Bewegung der russischen Zukunftsflotte (die wiederum England bauen soll), wohlwollend UTTtc Mützen werde.

Nun könnte man vielleicht einwenden: Deutschland hat doch Rußland, wie Herr v. Witte in Paris ausdrücklich anerkannte, während des Krieges manchen wertvollen Dienst geleistet. Allerdings', aber Die Dan kb arkeit hat in der Politikkeinen Platz, am wenigsten in der inter­nationalen Politik. England Sann, schon durch seine enge Verbindung, wenn nicht ein Bündnis, mit Frankreich Ruß­land bei weitem mehr bieten, als Deutschland imstande ist. Und das gibt, die Verhältnisse ganz nüchtern betrachtet, den 'Ausschlag. Alles, was Herr v. Witte über das Festhalten att der Alliance mit Frankreich und über die deutsch-russische Annäherung gesagt hat, mag ehrlich sein. Wer das Auffällige ist, daß Herr v. Witte mit keinem Wort die russisch-englischen Beziehungen erwähnt. In dem, was er klug verschweigt, erkennt man den Meister der Diplomatie. Man darf nicht überrascht sein, wenn eines Tages die vollzogene Tatsache bekannt wird, daß zwischen Rußland und England alles in Ordnung ist, etwa durch einen Vertrag nach dem Muster des Marokko-Vertrages, der die hauptsächlichen Streitpunkte aus der Welt schafft.

Die englische Politik geht behutsam und geräuschlos zu Werk. Daß jetzt scheinbar eine ruhige Stimmung in England Deutschland gegenüber herrscht, daß man nichts von herausfordernden Reden und Zeitungsartikeln über­hitzter Admirale hört und liest, gibt keinen Grund, die Situation als geklärt zu betrachten. Die englische Politik arbeitet um so sicherer und erfolgreicher, je weniger dre öffentliche Aufmerksamkeit ihr zugewendet ist. Nicht r m geringsten sind die deutsch-englischen Be­ziehungen besser geworden, nicht die kleinste W- weichung hat der gegen Deutschland gerichtete Kurs erfahren. Nur, daß unter der WÄe die Funken glimmen.

Nolitische Tagesschau.

Die Antwort der Kolonialverwaltung.

Daß dieKöln. Volksztg." mit ihren Anschuldigungen gegen das Kolonialamt gründlich Fiasko gemacht hat (vgl. unsere gestrige Nummer), ist das Urteil, das selbst oppo- fitioneUe Berliner Blätter fällen. W. T.-B. verbreitet nun heutevon zuständiger Seite" folgende Erklärung:

Erstens, entgegen der Angabe des Kolonialdirektors, daß Las Bncb von Karl Ren6 über die Tschadsee-Eisenbahn crne reine Privatarbeit sei, behauptet dieKöln. Volksztg.", zur Druck­legung des Mches seien reichliche Gelder gegeben worden. Für

das Renösch« Buch ist kein Pfennig aus Reichsmitteln, weder direkt noch inbireft, verausgabt worden.

Ferner bestreitet dieKöln. Volksztg." die Angabe der Ko- lonialverwaltting, daß auch mit dem ersten Kamerun-Eise n- bahnsyndikat über die Verleihung von Bergrechten ver­handelt worden sei. Dem gegenüber steht fest, daß im Laufe der Bestrebungen zur Fnnanzierung der Bahn verschiedentlich Mit­glieder des Syndikats an die Kvlonialverwaltung wegen einer Erweiterung der Konzession, insbesondere auch wegen der Ver­leihung von Bergrechten, herangetreten sind, und daß die Kvlo- nialverwaltung sich stets zur Erwägung eines jeden Vorschlages bereit gefunden hat, der die Finanzierung der Dahn ohne Rcichs- garantic ermöglichen würde.

TieKöln. Volksztg." bestreitet schließlich die Rm-tigkei! der Mitteilung der Kvlonialverwaltung. daß das erste Syndikat schon vor Dezember 1904 sich ohne Reichsgarantie als außer Stande zur Finanzierung der Bahn erklärt habe. Dem gegen­über sei konstatiert, daß am 6. Dezember 1904 in einer nGung des Syndikats, der zwei Vertreter der Kolomalverwaltnng bei­wohnten, eine Verständigung darüber stattfand, daß die Finan­zierung der Bahn ohne Reichsgarantie ftir mindestens den größeren Teil des Gesellsck>aftskapitals unmöglich sei. Das Syndikat be zeichnete noch in derselben Sitzung Vertreter, die auf der Grund­lage einer partiellen Reichsgarantie mit der Negierung ver­handeln sollten. Aus diesen Verhandlungen ist der dem Ncmis- tage als Anlage zum Gesetzentwurf über die Kamerunbahn mit- geteilte Konzcssionsentwurf hervorgegangen.

Ter ganze Angriff derKöln. Volks'tg." gegen die Vertreter der Kvlonialreaierung basiert mithin auf leerem Gerede.

In derNordd. Allg Ztg.", die eine längere Darstellung der Angriffe und des wirklichen Sachverhalts enthalt, wird der Gewährsmann des rheinischen Zcntrumsblattes lücken­hafter und unrichtiger Informationen geziehen. Mit so dürftigen Belegenin den Händen" gegen die Kolonialver­waltung den schweren Vorwurf der Budgetkommission ge­machterunrichtiger Angaben" zu schleudern, das läßt denn doch keine Entschuldigung zu. Jetzt schreibt dieKöln. Volksztg." einlenkend:Wir wollen einen Irrtum der betr. Beamten annehmen", rmd beteuert ihr Vertrauen zu der Integrität der deutschen Beamtenwelt. Wer waren An­griffe solcher 'Art nicht geeignet, das Beamtentum zu kom- fromittieren? Ein ernsthaftes politisches Organ mußte be­denken, welchen Eindruck derartige angebliche Enthüllungen auch im Auslande Hervorrufen konnten. Im Parlament werden die Zentrumsführer kaum noch in der Lage sein, über dieSkandalsucht der sozialdemokratischen Presse" sich zu entrüsten. Einem sozialdemokratischen oder einem libe­ralen Organ wäre aus gleichem Pinlaß ganz anders der Prozeß gemacht worden. Sa^. mächtige Zenttum darf sich eher etwas erlauben.

Unseren Unglückspropheteu in8 Stammbuch.

Uns wird geschrieben:

Wir leben augenblicklich in der Zeit der Kongresse. Fast in jeder großen Stadt tagt irgend ein Verein, der sich zum Ziele setzt, helfend und bessernd auf unser Volks­leben einzuwirken. Die Bestrebungen dieser 'Art, die gegen herrschende Uebelstände ankämpfen, sind recht mannig­faltig und meist auch wahlberechtigt, haben aber durchweg ein Charakteristikum: man schildert nämlich die Zustände, die man bessern will, mit den düstersten Farben, man malt grau in grau, man sucht für das, das man be­treibt, Propaganda zu machen, indem man schreit, wie wenn nachts irgendwo Feuer ausgebrochen ist. Hört man die Redner auf den Kongressen zur Bekämpfung von Ge­schlechtskrankheiten, so erfährt man, daß unser Volk namentlich in den großen Städten vollständig ver­seucht sei. Die Sittlichkeitsapostel haben iift vorigen Jahre in Köln zu beweisen aesücht, daß in vielen Gegenden Deutschlands die Unsittlichkeit heimisch sei, und die Anti- alkoholisten schildern iit allzu grellen Farben, daß unser Volk leiblich und geistig durch den 'Alkohol zerrüttet sei. Namentlich die Geschäftsführer und Sekretäre derartiger Vereine, die auf den Kongressen die nötigen Unterlagen beibringen, können sich int Schwarzmalen nicht genug tun. Man zieht dabei die Statistik zur Hilfe heran. Die ist das Mädchen für alles; sie beweist alles und beweist nichts; sie beweist alles, was sie beweisen soll namentlich da, wo es schwer oder ganz unmöglich ist, die Tabellen zu kon­trollieren. Wenn z. B. Generalarzt a. D. Dr. Meisner auf dem Kongreß für Volks- und Jugendspiele in Frankfurt a. M. auf Grund statistischer Erhebungen behauptet hat, daß von den zum einjährig-freiwil­ligen Militärdienst Berechtigten 50 70 Proz. mili­täruntauglich seien, so halten wir diese Behauptung einfach für irrig. Offenbar bat dieser Herr, in dessen Wahr­heitsliebe wir nicht den geringsten Zweifel setzen, mit un­zureichendem Material gearbeitet. Unser Volk ist in seinen gebildeten Ständen körperlich nicht so degeneriert, wie uns diese Angaben einreden wollen. Wollten wir allen diesen Unglückspropheten und Schwarzsehern glauben, so müßten wir annehmen, unser deutsches Volk sei in der (Gegenwart total versumpft und moralisch verdorben, wie Ninive, ehe der Prophet Iona kam und predigte:Es sind noch vierzig Tage ,so wird Ninive untergehen", allen Lastern ergeben und sittlich so am Wgrunde, wie Rom, ehe die blond­haarigen Goten und Vandalen einer Sturmflut gleich sich über die sieben Hügel ergossen. Dabei leistet unser Volk in Ackerbau, Industrie, Handel, Wissenschaft, nicht zum letzten auch in der Vorbereitung für die Vater­landsverteidigung in unseren Tagen das Höchste. Es ist ein Zeichen von Unwahrhastigkeit, wenn man herr­schende Uebelstände beschönigt, noch verwerflicher aber ist es, wenn man vorhandene Schäden, aufbauschend und über­treibend, vor aller Welt bloylegt und das eigene Volkstum durch dergleichen Jeremiaden herabsetzt.

Wehrsteuer und arbeitende Klaffen.

Nachdem dieDtsche. Tagesztg." eine Wehrsteuer an­gekündigt hat ob die Meldrutg zutrifft oder nicht

ist die sozialistische Presse außer sich geraten. Das Organ des Herrn v. Vollmar erklärt zornig, man sollte doch so­viel Scham besitzen, nicht zu einer neuen, die Bolks- masseu treffenden Steuer zu greifen. Das Blatt sollte mit seinem Zornesergusse doch lieber warten, bis die Steuer­vorlage herauskommt. 'Auch wir haben $egen die Wehrsteuev mancherlei Bedenken, aber soviel scheint uns sicher, daß sie die arbeitenden Klassen nicht treffen wird, schon darum nicht, weil der Arbeiter, der wegen körperlicher Mängel nicht Soldat wird, in den meisten Fällen den kräftigen und gesunden und deshalb wehrpflichtigen Kameraden gegenüber stark im Nachteile ist. Der Arbeiter ist ja viel mehr als der Kaufmann oder der Gelehrte oder der Be^ amte auf die volle Leistungsfähigkeit seines Körpers an­gewiesen. Demgemäß treffen ihn vom Militärdienste be­freiende Gebresten, z. D. Kurzsichtigkeit oder allgemein« Körperschwäche oder Lahmheit relativ am schwerstem Es kann also dem Gesetzgeber gar nicht einfallen, wenn überhaupt eine Wehrsteuer geplant ist, die arbeitenden Klassen einzubeziehen. Wenn aber die Söhne van Bankiers oder Professoren von der Steuer betroffen werden, so wird das Organ des Herrn v. Vollmar sich wohl darüber schließ­lich noch zu trösten wissen.

Kolonialpost.

lieber eine neue Mordtat der Eingeborene« auf den Salomo nsinseln kommen nähere Berichte. Da­nach begab sich kürzlich der Händler W. Finlanfon mit dem Hattet .Savo" von Gizo aus eine Nlindwhrl durch die Inselgruppe. Die Besatzung des Fahrzeuges bestand ausschließlich aus Kanälen, denen Fiulayson unbedingtes Vertrauen schenkte. Als nun das Schiff in die Nähe der Insel Vella Lavella, der Heimat der Eingeborenen, kam, erwachte in diesen plötzlich die Sehnsucht, dahin zurückzukehren. slinlanson wurde im Schlaie überfallen, geknebelt nnb buchstäblich in Stücke zerhackt; der Kutter lag unweit der Küste vor Anker. Den Meuterern gelang es aber nicht, das Land zu erreichen, da sie die ftübrunq des Fahrzuges nicht verstanden; der schwedische Händler I- Ohlsen kam mit seinem Schiff in die> Nähe, bemerkte den vor dem Winde treibenden Kutter und hielt daraiü zu. Als er ihn bewaffnet mit mehreren Begleitern betrat, gewahrte er die Spuren der begangenen Greueltat, nahm die Be­satzung ge'ängen und brachte sie nach der Insel Gizo, wo sie ihrer Strafe harrt.

Aas Stadt mtd KanS.

Gießen, 22. September.

"Personalien. S. K. H. der Großherzog haben dem Vorstande des Polizeiamts Darmstadt Regierungsrat Dr. Kratz unter Belastung in seiner dermaligen Dienststelle den laufenden Rang eines Kreisrats erteilt.

** Sitzungen des Schwurgerichts in Gieße» für das 3. Quartal 1905:

1. Montag den 25. September, vormittags 9t/2 Uhr, Verhandlung gegen Georg Winter aus Merkenfritz wegen Sittlichkeitsverbrechens. Die Anklage vertritt Staatsanwalt Reuß, die Verteidigung führt Rechtsanwalt En gisch.

2. Dienstag den 26. September, vormittags 9 Uhr, Verhandlung gegen Marie Ortwein aus Frischborn wegep Meineides. Die Anklage vertritt Gerichtsastestor Dr. Hetzel, die Verteidigung führt Rechtsanwalt Arnold.

3. Mittwoch den 27. September, vormittags 9 Uhr, Verhandlung gegen Peter Grün aus Rieder-Ohmen wegen Notzucht. Die Anklage vertritt Staatsanwalt Reuß, die Verteidigung führt Rechtsanwalt Justizrat Weidig.

4. Donnerstag den 28. September, vormittags 9 Uhr, Verhandlung gegen Adam Heidinger aus Brückenau wegen Notzuchtversuchs. Die Anklage vertritt Gerichtsastestor Dr. Hetzel, die Verteidigung führt Rechtsanwalt Kaufmann.

5. Freitag den 29. September, vormittags 9 Uhr, Ver­handlung gegen Josef Kraft aus Frankfurt a. M. wegen Brandstiftung. Die Anklage vertritt Gerichtsast. Dr. Hetzel, die Verteidigung führt Rechtsanwalt Grünewald.

6. Samstag den 30. September, vormittag? 9 Uhr. Verhandlung gegen Gottlieb Bauer aus Worms wegen Tot­schlags. Die Anklage vertritt Staatsanwalt Reuß, der Verteidiger ist noch nicht bestimmt.

Die neue katholische Kirche ist soweit vollendet, daß nächsten Sonntag, den 24. September, die Benediction llattfinden kann. Man unterscheide Benediction und Consecration. Die Consecration ist eine der feierlichsten Weihen, dauert ca. drei Stunden und wird nur vom Bischof oorgenommen. Die Benediction ist eine kürzere Weihe, die mit bischöflicher Erlaubnis von jedem Priester vorgenommen werden darf; sie ist notwendig, damit in einem Raume da8 hl. Meßopfer gefeiert werden kann. Benediziert werden die nur vorübergehend zum Gottesdienst eingerichteten Räume und Privat-Oratorien, aber auch neugebaute Kirchen, wenn es rötlich erscheint, einstweilen von der Consecretion ab­zusehen. Das Letzte geschieht bei der neugebauten Kirche hier; das Gotteshaus ist zunächst nur teilweise erbaut, nämlich Chor, Querschiff und ein Joch des Langschiffs. Die drei übrigen Langschiffjoche und die Türme werden später an- gebaut. Da nach der Vollendung der ganzen Kirche die feier­liche Consecration stattfinden muß, wird vorläufig nur die Benediction vorgenommen. Deshalb wird auch von der Ver­anstaltung einer bei Einweihung von Kirchen üblichen welt­lichen Feier abgesehen. Zur kirchlichen Feier findet nach der Benediction um 9 V2 Uhr Hochamt mit Predigt und Ministration, darauf Uebertragung des Allerheiligsten und abends um 6 Uhr Predigt und Segensandacht statt. Sie Kirche steht einstweilen ungemalt im Rohbau da. und es fehlt