Samstag, 21. Januar 1905
Nr. 18
Gießener Anzeiger
General-Anzeiger, Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen
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bescher so wenig Achtung vor dem Gesetz? Warum werden die erworbenen Rechte der Bergarbeiter nicht respektiert? Die Arbeiter verlangen nichts, als was ihnen gesetzlich zukam. Und die Antwort? Man hat sie einfach brüsk behandelt. Noch am 12. Januar haben die Arbeiter die Unternehmer zu Verhandlungen anfgesordert. Wir haben geglaubt, die Herren würden wenigstens ein Quentchen Vernunft haben, ein Quentchen Rücksicht auf die Allgemeinheit nehmen. Wir haben uns getäuscht. Hochmütig wurden wir abgcwiesen, wie Luft wurden wir behandelt. Wir sind auch heute noch zum Frieden geneigt. Noch heute wollen wir Verhandlungen.
Wie hat sich die Regierung verhalten? Im Namen meiner Kameraden erkläre ich: Die Worte des Grafen Bülow im Abgeordnetenhause haben derartig sympathisch bei den Arbeitern gewirkt, daß sie allgemein eine Beruhigung hervorriefen und die Hoffnung auf eine friedliche Beilegung des Konflikts wach wurde. Da kam Herr Moller mit, seiner Rede. Im Namen meiner Kameraden kann ich erklären: die Rede des Herrn Möller hat die Unternehmer gestärkt. (Hört, hört!) Hätte Herr Möller geschwiegen, dann löäre es zu einer Einigung gekommen. (Bewegung.) Tie Rede des Herrn Möller ist schuld daran, daß die Arbeiter in den Ausstand treten mußten. (Unruhe.)
Die Negierung hat ja nun Kommissare in das Ruhrrevier entsandt. Sie sollen Einigungsverhandlungen anbahnen. Aber auch der Regierung gegenüber haben die Bergwerksbesitzer ihren Protzenstandpunkt aufrecht erhalten. Daß gerade Herr Möller cs ist, der die Unternehmer so beschirmt, das nimmt mich wunder.
Ja, ich muß vor allem seine Selbstverleugnung beloundcrn, die er dabei an den Tag legt. Als die Hibernia soweit war, daß man glaubte, die Negierung hätte die Majorität, da haben die Herren vom Kohlenstmdikat Volksversammlungen einberufen, und was geschah in diesen Volksversammlungen? Achten Sic darauf, m. H. von der national-liberalen Partei, die es sich ja zur Ehre an»
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Zur Begründung der Interpellation erhalt das Wort
Abg. Hue (Soz.): Es ist sehr gut, daß die Beantwortung der Interpellation aufgeschoben wurde. Tenn während dieser ^.age haben sich Ereignisse abgespielt, die ein grelles Licht auf den ganzen Hergang werfen. Es stehen zurzeit 220 000 Bergarbeiter rm Ausstand und zwar in musterhafter Qrdnung. Tie Zechenpreste ve- müht sich, von der Belästigung Arbeitswilliger zu berichten, doch ist ihren Fabeln kein Glauben zu schenken. Wenn Kinder Hurra schreien, dann heißt es: ein großer Krawall! Ich war selber gestern in Wattenscheid, habe mit den Polizeibehörden und Vertretern «der Bürgerschaft gesprochen; alle mußten anerkennen, daß die Streikenden'sich tadellos ruhig verhalten. (Reichskanzler Graf Bulolv und Graf Posadowsty betreten den Saal). Wenn m Wattenscheid kleine Unruhen vorgekommen sind, so nur deshalb, weil die Bürgermeisterei sich geweigert hat, £rdnungspolizisten aus den Organisationen zu bestellen. Es ist )o, wie 1889, wo der eine Kommandeur an den Kaiser telegraphierte: „Alles ist ruhig rm Ruhrrevier; nur die Polizei ist nervös." Ich spreche hier nicht als Parteimann, sondern als Vertreter der Bergarbeiter, die den verschiedensten Parteien angehören. Was ich als Parteimann zu sagen habe, werde ich nicht hier, sondern beim Reichsamt des Innern aussühren. Wir Bergleute rechnen es uns zur Ehre an, daß wir diesen Riesenkampf in einer musterhaften Ruhe führen, wie sie wohl noch ohne Beispiel dasteht.' Ta braucht nicht, wie ehemals, di: Flinte zu schießen, der Säbel zu hauen. Im allgemeinen haben wir keinen Anlaß, über das Verhalten der Behörden, im Ruhr- tf.'biet zu klagen. Ich muß sagen: die preußische Polizei verhält vid) hier ganz anders, als die sächsische bei demCrimmitschauerStreik. DerQberbürgermeister vonWitten, derFührer der national-liberalen Partei, war selbst in einer Bergarbeiterversammlung und sagte dann: er bedauere angesichts der Haltung der Streikenden, daß die Zechenbesitzer so gar kein Entgegenkommen zeigten. Ich gebe die Versicherung: wenn die Behörden fortfahren, loyal zu sein, braucht kein Mensch sich vor Ausschreitungen zu fürchten. Freilich, nicht alle Behörden bewahren ihre Ruhe. So hat der Oberbürgermeister von Dortmund, Schmieding, eine Nervosität an den Tag gelegt, die nur dadurch erklärlich ist, daß er gleichzeitig Aufsichtsrat der Har- vener ist. (Hört, hörtN Tie „Rheinisch-Westfälische Zeitung" hat von fürchterlichen Ausschreirungen geschrieben, und was ist die Wahrheit? In einer Nacht haben die Polizeibehörden mit Revolvern Schießübungen gemacht. Ich komme nun zu der Frage, ob der ganze Streik nicht hätte vermieden werden können. Ich glaube, daß man
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darüber? Wenn die Arbeiter mitkontrollieren wollen, heißt es von oben: „Fällt uns gar nicht ein. Wir wollen Herren im eigenen Hause bleiben!" Ist es ein unbilliges Verlangen, daß die Arbeiter zu der Verwaltung diese Gelder hinzugezogen werden wollen? Wenn nur ein Funke von Gerechtigkeitsgefühl bei den Herren wäre, würde sich das von selbst verstehen. Wenn man bedenkt, wie gesundheitsgefährlich die Arbeit in den Bergwerken ist, so darf man doch nicht einfach die Forderungen dieser Arbeiter ablehnen. Man hat die Bergarbeiter in den Streik hinein geprügelt und gepeitscht. Man könnte Stunden lang über die brutale Behandlung der Arbeiter reden. Es ist einfach nicht wahr, daß der Streik aus reiner Willkür entfesselt ist. Wenn Bergarbeiter zum Steiger befohlen werden, so fragt man sie bei ihrer Rückkehr stets: Hast Tu was mit dem Gummischlauch bekommen? (Hört! hört!) Ein Steiger hat einen Bergarbeiter in das Haus gezogen, ihn geprügelt und schließlich noch wegen Hausfriedensbruch angezeigt. Verfluchter Pollack, ich hau Dir die Backzähne ein, Lump, ich spuck Dir in den Hals, Vfaffenhund, Hungerleider, Tagedieb, Strolch — das sind die Ausdrücke, die man gegen die Arbeiter anwendet. Und da sollen die Leute zuftieden sein? Einem Bergarbeiter auf der Zeche Sprockhövel, der Vorschuß haben wollte, schrieb der Steiger: Der Bergmann kann zehn Schläge empfangen und sofort mit nach Hause nehmen. (Rufe bei den Soz.: Pfuül
Tie Arbeiter müßten ja gar keine Menschenwürde besitzen, ivenn sie sich das gefallen ließen. Unwahr ist es, daß die Unternehmer von dem Streik überrascht wurden. Die Arbeiter hatten ganz bestimmte Forderungen gestellt, sie wollten es nicht auf Biegen oder Brechen ankommen lassen. Redner begründet die bekannten
Parlamentarische BerhanvUmsien.
Nachdruck oh.'e Vereinbarung nicht gestattet.
^ientlcher Neicksiaa.
123. Sitzung vom 20. Januar.
1 Uhr. Tas Haus ist gut besetzt.
Am Bundesratstische: Moeller u. a
Zunächst wird ein schleuniger Antrag der Abgg. S i tta r t Mr.) tt Gen auf Einstellung eines gegen den Abg. Nacken (Ztr.) fchwe- b^nden Strafverfahrens angenommen
Es folgt die Verlesung folgender Interpellation der Ab a g. A u e r (Soz.) u. Gen.: ,, ...
„Ist dem Reichskanzler bekannt, daß die W e r k b e s i tz e r rm Ruhrkohlenrevier
1) systematisch die zum Schutze der Arbeiter in der Gewerbeordnung festgelegten und auch für die Bergarbeiter gültigen Bestimmungen umgehen und sogar eine förmliche Organisation behufs Verrufserklärung unbequemer Arbeiter geschlossen haben;
2) die reichsgesetzlichen Vorschriften über den Arbeitsver- trag tatsächlich außer Wirkung setzen, die Arbeitsordnungen durchaus willkürlich anwenden und dadurch werkseltig fortgesetzt Kontraktbruch geübt wird;
3) durch das Nullen der Kohlenwagen den Arbeiter um einen Teil seines verdienten Lohnes betrügen;
4) durch ihre Verkaufsorganisation, das Kohlensyndikat, ohne Berücksichtigung der Industrie und der allgemeinen Volksbedürfnisse die Kohlcnpreise systematisch hinaufschrauben, und um dieses in höherem Grade zu erreichen, alles getan haben, was den Ausbruch des Bergarbeiterstreiks zur Folge haben musste <
Welche Maßnahmen gedenkt der Reichskanzler gegenüber diesen Vorgängen zum Schuhe der Arbeiter sowie der Kohlenverbraucher
Forderunaen der Bergarbeiter im einzelnen. Wäre die Anerkennung der Berufsvereine erfolgt, dann wäre der Streik vermieden worden. (Sehr wahr! bei den Sozialdemokraten.) Wir verlangen nichts anderes, als was uns vom Standpunkt des bürgerlichen Rechtes aus gewährt werden kann. Was gedenkt die Regierung gegen die systematische Verrufserklärung der Arbeiter, was gedenkt sie gegen die betrnaerischen Manipulationen der Unternehmer zu tun? Was gedenkt die Regierung gegen die Ausbeutung des Publikums durch das Syndikat zu tun? In weiten Kreisen besteht die Anschauung, daß der Streik von dem Syndikat inszeniert ist, um die .Preise in die Höbe zu schrauben. Ich bin überzeugt, die Organisation der Bergarbeiter wird nicht zerstört; wird sie aber zerstört, dann wird das, was wir bisher vermieden haben, die Anarchie im Bergbau, zu Tage treten. Wir haben heute eine gesetzliche Organisation. Glauben Sie, daß es keinen Streik mehr gibt, wenn diese Organisation nicht mehr sein würde? Dann gibt es noch viel mehr Swens als heute (Sehr richtig! links und im Zentrum)., nur wird dann der Streik auf das persönliche Gebiet hinübergespielt. Es ist mcht möglich, unsere Organisationen zu zerstören, wenn Negierung, Polizei und Behörden sich in der bisherigen Weise verhalten. Wie steht es nun mit den Kohlenpreisen? Durch den Streik von 1889 sind die Preise ungeheuer gesteigert worden und es ist nicht unmöglich, daß man darauf spekuliert, daß der.jetzige Streik acht bis vierzehn Tage dauert und daß man dann die Kohlenpreise m die Höbe schraubt. (Sehr richtig! bei den Sozialdemokraten.) Gegen die Auswüchse des Syndikats vlant man gesetzgeberische Maßnahmen. Ich fürchte, es wird mit der Syndikatsgesetzgebung so gehen, wie nnt der Berggesetzgebung. Wenn nicht die Reichsgesetzgebung gegen Machinationen des Kohlensyndikats einschreitet, dann wird es schließlich dahin kommen, daß das Kohlensyndikat über dem Staat steht, daß es sagt: „Der Staat bin ich!" (Sehr gut! bei den Sozialdemokraten.) ' Schon jetzt ist viel belgisches und ausländisches Kapital in deutschen Grubenunternehmunaen investiert. Liegt da nicht die nationale Gefahr vor, daß, wie jetzt die deutschen Bergarbeiter, im Falle eines Krieges die ausländischen Unternehmer streiken, um Deutschland zu schädigen? (Sehr gut!) Regierung und Kohlensyndikat können nicht zusammengehen. Regierung und Bergarbeiter gegen das Syndikat! das ist die nationale Aufgabe.
Tie Regierung möge dafür sorgen, daß sie nicht noch mehr an Vertrauen verliert als sie bisher verloren hat. Wenn die Negierung nicht in der Lage wäre, dem Kohlensyndikat ihren willen aufzudrängen, wenn sie nicht in der Lage wäre, den ungeheuren Kampf zu beenden im Wege des Vergleichs, dann mußte sich rm Volke das Gefühl festsetzen, die Regierung ist dem Unternehmertum gegenüber ohnmächtig. (Sehr richtig! bei den Soz.) ^ann muftie sich das Volk sagen, wir haben keine Regierung mehr, sondern nur noch eine Verwaltung. Tie Bergarbeiter sind gesonnen, einen einmal aufgenommenen Kampf zu Ende zu führen, sie sind gesonnen, an die Sympathien des Volkes fortwährend zu appellieren. Sie sind gesonnen, wo einmal A gesagt ist, auch B zu sagen, —as ganze Volk steht auf unserer Seite. Glauben Sie nicht etwa, daß dieser Kampf aus Mangel an finanziellen Mitteln zusammenbreche l Als ich in Versammlungen auf unsere geringen Mittel hinwies, da riesen mir die Massen zu, wir haben bei der Arbeit gehungert. Da rann es auch nicht schaden, wenn wir beim Streik hungern. 1-0^61^6-) Es geht an die Regierung der Rus: Greift ein zur Aufrechte crhaltung des Rechts gegenüber der Ungesetzlichkeit. ~.enn in diesem hochwichtigen geschichtlichen Moment die Regierung nicht - greift, dann bedeutet dieser Kampf der Bergleute einen Wendepunkt in der Geschichte Deutschlands, wie wir es seit Jahrtau,enden nicht gesehen haben. (Lebhafter Beifall bei den Soz. Die Rede hat 294 Stunden gedauert.) , .
Reichskanzler Graf Bnlow: Der preußisch- Handelsminist-r Wird die Interpellation im einzelnen beantworten ^ch will aber feinen Ausführungen einige Bemerkungen °°rausschick-n über die Frage, die im Vordergrund des öffentlichen Jntcrepc- licht, die das Land lebhaft bewegt. Ich babe bere.ts ™ preutzstchen M- geordnetenhaufe gesagt, das, die Regierung nach meiner Ansicht bei Streiks eine doppelst Aufgabe hat; sie muß zunächst dafür sorgen, daß Ordnung und Ruhe unter allen Umstanden aufrecht erhalten bleibt Tie soll aber auch durch ihre Organe auf einen Ausgleich der Gegeusäbe hinwirken, um damit für unser gesamte wirtschaft' licheö Leben größeres Uiibeil nach Möglichkeit zu perhnu.crn.
Ich nehme Akt von der Erklärung deß Herrn Vorredners, daß die Ruhe im Rubrrcpicr durch die Arbeitnehmer Nicht nestort werden würde Ich hoffe, die Ereignisse werden ihm Recht geben Ich will aber nichtsdestoweniger auch hier keinen Awe.fel^darüber laßen daß die preiißischc Ttaatsregierung die vollen M^stimttil des Staates einsetzen wird, wenn der tm Ruhrrevier entfesselte Lohnkampf in Erzeste ausarten sollte. (Ruf bei den Sozmldemokrawn. Seien Sie unbesorgt!) Die bisher im allgemeinen von dem GroS der Bergarbeiter beobachtete ruhige Haltung überhebt mich nicht oer Mahnung an die Arbeitnehmer, der eindringlichen Mahnung an die Arbeitnehmer, sich nicht zu Gewalttaten hinreißen zu lasten. Ins besondere ist eS die Pflicht der Behörden, die persönlich Frclhett zu schützen. Wenn der Mensch das Recht zum Streik hat. so hat er doch auch da« Recht zu arbeite» (Sehr richtig! rechts), und de>-S ch muß gegen jede Art von Terrorismus iiachdrucklich gisitmtz» weiden s Beifall rechts.) Ich beNage cs tief, daß noch keine Einigung zu stände gekommen ist. Dio zur Wermittelung berufenen Staatsorgane
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Wir haben jetzt 9-, 9N-, 9^2- bis lOstundige Schichtzeit. (Hört! Hört!) Selbst Verstöße gegen die Arbeitsordnung ließen sich die Unternehmer fortgesetzt zu Schu den kommen Was bedeuten dann alle Gesetze, wenn sie so befolgt werden? Da sollte man doch einfach dekretieren: Alle Gesetze sind cmfgehoben, was Rechtens ist, Dekretieren die Herren vom großen Geldsack. (Sehr gut! bei den Soz.) Tie Unternehmer versprechen den Landarbeitern goldene Berge, um sie nach dem Westen zu locken (sehr richtig! recbts) aber auch diese Arbeiter sind auf das schmählichste be- t'oqen worden (sehr richtig! rechts) und würden gern nach Dem Cften zurückkehren, wenn sie nur die Mittel dazu hatten. Das Verlangen nach höheren Löhnen ist auch.durchaus berechtigt. Ter Syndikus der Essener Handelskammer Herr Hirsch hat allerdings eine erstaunliche Höhe der Löhne herausgerechnet, aber er hat das nur mit Hilfe eines Taschenspielerkunststückes zu Wege gebracht. Er hat nämlich die Lohnzifftrn des allgemeinen KnapPschaftSvereins benutzt, diese rechnen aber nicht nach Tagelöhnen, sondern nach dem monatlichen Verdienst, der zur Berechnung des Tage atzes lediglich durch die Zahl der Arbeitstage dividiert wird, einerlei ob 25, 30 .Per 40 Schichten gefahren sind. Auf diese Weise kommt naturM ein höherer Satz heraus, als es der Wirklichkeit entspricht. Tie Knappschastskassen können nicht anders rechnen, weil es sich für sie nur um eine rationelle Festsetzung des Krankengeldes handelt.
Webner wendet sich nun zu den einzelnen Punkten der Inter- pcllation uni) verbreitete sich besonders ausführlich über das Nullen der Waaeii, das in einer Art geübt werde, die den Arbeiter feder Kontrolle seiner Arbeitsleistung beraube. Die Arbeiter verlangen die Abschassung des Nullens. In England kennt man eS nicht, in Schlesien auch nicht. Nur im rheinisch-westfalischen Bezirk, da stand es in Blute. Häusig ist eS reine Sch, an-, die das Nullen verursacht, ganz unoerechtfert,gterwe,se natürlich. Auf einer Z-che sind 62 Wagen hinter einander genullt worden, lvoril hortl> Man bat die Leute Direkt bis aufs Blut gereizt auf manchen Zechen. qj?lin fßnr das durch das Wagennullen ersparte Geld fließt in die Ünteritünungskassen der Arbeiter. Ja, wer hat denn die Kontrolle
rechnete, Herrn Möller immer beizustehen, wenn das Zentrum ein- i mal von Saarabien spricht und auf die dortigen Zustände hinweist, dann stehen Sie (zu den Nat.-Lib.) wie ein Mann dagegen. Ta- • mals aber in Herne, da haben die Herren dort graulich gemacht vor Saarabien, da haben sie gesagt, wenn die Hibernia-Verstaatlichung zur Wahrheit wird, dann bekommen wir hier gerade solche Zustände wie in Saarabien. (Hört, hört!) Tas Ansehen der Regierung im Nuhrrevicr liegt jetzt schwer am Boden. Gebern bei der Zechenstilllegung ist ein großer Teil des Ansehens zu Grunde gerichtet worden. Damals hat die Regierung keinen Finger gerührt, um dem gemeingefährlichen Treiben ein Ende zu machen. Jetzt, wo die 230 O00' Bergleute um ein wenig Licht und Lust kämpfen, da schickt man Gendarmen, da ruft man um Militär gegenüber den Zechenstilllegungen, die ganze Ortschafren verwüstete, die tausende von Handwerkern und Geschäftsleuten vernichtete! (Lebhaftes: sehr richtig!) Tie Herren von der Bergwerksverwalrung scheuen vor nichts zurück, wenn sie ihren Protzenstandpunkt aufrecht erhalten. Soweit gehen sie selbst, daß sie auch dem deutichen Richterstande Korruption vorwarfen, wenn es ihnen paßt. (Hort, hört!) Da muß ich mich wirklich darüber wundern, wie en'. Men ich solcher Selbstverleugnung fähig sein kann, wie Herr Moller sie übt, wie man eine solche Mißwirtschaft noch moralisch^imter'tntzen kann. Das ist nicht nur mir unverständlich, nicht nur Sozialdemokraten, nicht nur der Arbeiterschaft, sondern auch weiteren Krei,en der Bürgerschaft bis weit hinein in die oberen Schichten derselben. Aus Zentrums- und national-liberalen Blättern kann Herr Moller erfahren, wie man in der Bürgerschaft über die Zechenverwaltungen denkt. Wenn die Negierung sich nicht immer bloß an die Unternehmer, sondern aucb an Die Arbeiterorganisationen gewendet hätte, dann hätte sie wahrheitsgetreues Material über die Zustande im Ruhrgebiet erhalten. Trotzdem der Minister. Möller selber den Streik schon vor Monaten voraussah, hat er nichts getan, um ihm vorzubeiigen, um etwas dafür zu tun, daß den berechtigten Beschwerden der Arbeiter abgeholfen werde. Um die Anerkennung Der Arbeiterorganisationen durch die Unternehmer zu erzwingen, dazu bedarf es durchaus keiner Kraftprobe, wie Herr. Möller tm Abgeordnetenhause meinte, diese Anerkennung herbeizuführen, wäre, schon längst Aufgabe der Gesetzgebung gewesen. Wenn Herr Moller aber durchaus eine Kraftprobe will, — jetzt hat er sie. Man hat von jeher den Arbeiterorganisationen das Leben sauer gemacht durch Verdächtigung der Führer und ähnliche Künste, nicht nur den sozialdemokratischen, sondern auch den christlich-sozialen, den polnischen und allen anderen. Was das aber heißt, wenn die Führer bei den Massen verdächtigt werden, was das für schädliche Folgen haben kann, das weiß nur der, welcher die Psychologie der Masten nicht bloß vom Redaktionssessel aus, sondern durch die Erfahrung ituDiert hat. Tie Unternehmer haben den Streik systematisch heraufbeschworen (lebh. Zustimmung bei den Soz.), und wenn wir nicht unsere Organisationen hätten, so wäre es sicher schon zu den schwersten Ausschreitungen gekommen. Seit zehn Wochen schon hat es im Ruhrgebiet gegährt, es ist nicht wahr, daß die Leute un» vermittelt in den Ausstand getreten sind. Wer dies behauptet, hat entweder nicht sehen können, oder nicht sehen wollen Einen glänzenderen Beweis für die Berechtigung der Arbeiterwunsche kann eS doch gar nicht geben, als das Zusammengehen aller vier Organisationen, die sich sonst so scharf bekämpfen. Denken Sie doch auch an die Spende des Erzbischofs Fischer von Köln, der, wie ,ch> heute zu meinem größten Erstaunen lad, den Bergarbeitern 1000 Mk. zugewandt hat. Tiefer Streik ist eine Demonstration gegen die Ungesetzlichkeit und für daS Recht. Von zwei Seiten werden wir nur angegriffen, einmal von den Blättern der Zechenbesitzer und dann von der Presse der Anarchisten. Das überrascht mich gar nicht, die Gegensätze berühren sich eben; es herrscht hier eine gewiße Geistesverwandtschaft, und die Herren finden sich zusammen aus dem Gebiete der Ungesetzlichkeit. (Sehr gut! bei den Soz.) Es ist nicht wahr, daß die Bergarbeiter Kontraktbruch begangen haben; aber c§ ist selbstverständlich, daß in diesem Streik von den Bergarbeitern einer dem anderen beisteht. Wenn so oft in der niefe ein Bergarbeiter dem anderen Kameraden mit Gefahr des eigenen —ebens beispringt, bann kann er ihn jetzt nicht im Stiche lasten. Das ist eben Kameradschaft, das ist Solidarität. Und daß die,e Empfindungen unter der Arbeiterschaft vorwalten, .darüber zollte man sich freuen, wäre es anders, dann würden wir in sittliche und moralische Versumpfung versinken. Ein Kontraktbruch kann doch nur begangen werden, wenn ein Kontrakt da ist. (Lehr richtig!) Ter Arbeitskontrakt aber war längst null und nichtig, denn er war schon' von den llnternefjmern vorher oft genug gebrochen wordem Am 18 Mai 1889 hat der bergbauliche Verein sich ausdrücklich damit einverstanden erklärt, daß die Schichtzeit nur acht Stunden einschließlich Ein- und Ausfahrt betragen solle, und er hat ferner andere Zugeständnisse gemacht, die aber ausnahmslos spater ge-
bie Frage bejahen kann. Es wäre ganz anbers gekommen, wenn Herr Stmnes, bevor er den Anschlag auf Verlängerung der Einfahrt auf Grunbe Vruchstraße machte, sich mit ben Arbeitern ins Einvernehmen gesetzt hätte. Es wäre bann zu beni Streik nicht gekommen. Man wirft ben Arbeitern Ungesetzlichkeit vor, baß sie angeblich ben Kontrakt gebrochen hätten. Warum denkt man nicht an die Ungesetzlichkeit der Arbeitgeber? (Zum Reichskanzler Grafen Bülow gewandt.) Daß der Anschlag auf der Zeche Bruchstraße ungesetzlich war, das hat ja das Einschreiten des Oberbergamts bewiesen., In den Kreisen der „nationalen" Herren spricht man sogar von Gesetz, von erworbenen Rechten. Warum haben denn die Zechen-


