Ausgabe 
19.7.1905 Erstes Blatt
 
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^fjfc-terigteiten in seiner Stellung zu China zum Vorteile von Japan zu bereiten.

Sachalin.

Eine japanisch-amerikanische Gesellschaft ist, fvie verlautet, zur Verwertung der Naturprodukte von Sachalin in der Bildung begriffin. Die japanische Regierung würde, so heißt es, eine für eine Reihe von Jahren fixierte Summe in Annuitäten von der genannten Gesellschaft erhalten und diese Kombination würde es Japan möglich machen, auf einen Teil der geforderten Kriegsentschädi­gung zu verzichten unter der Voraussetzung, daß die Außenwerke von Wladiwostok geschleift werden, weil Japan unumschränkt und unbedroht sein neues Gebiet ver­walten will. In diesem Sinne sind die aus Washington stammenden Nachrichten abgefaßt.

Vom Kriegsschauplätze.

General Mischtschenko unternimmt große Streifzüge die Mongolei und scheint die Absicht zu haben, den Japanern vom linken Flügel aus in den Rücken ;u fallen.

Japan kauft Schnelldampfer.

Aus Tokio wird gemeldet, daß die japanische Regierung fix der letzten Zeit eine große Anzahl Schnelldampfer an­gekauft hat. Etwa 50 große Schiffe seien von verschiedenen Handels- und Schiffsgesellschaften in japanischen Besitz über­gegangen. Die meisten seien in England angekauft, ein großer Teil in den Vereinigten Staaten von Amerika.

Stöffel ein Verräter?

In Petersburg zirkulieren Gerüchte, die sich mit per Person des Generals Stössel, des Verteidigers von Port Arthur, befaffen. Man erzählt sich ganz offen, die Kom­mission für Untersuchung der Uebergabe von Port Arthur habe sensationelle Mitteilungen erhalten, die Stöffel zum Ver­räter stempeln. Es wird behauptet, daß Stössel den Japanern für eine gewisse Entschädigung die Festung übergeben hat. Außerdem wird Stössel auch ver­schiedener sonstiger Unterschleife bezichtigt. Auf An­ordnung der Untersuchungskommission darf General Stössel Zarskoje Selo nicht verlassen. Durch die Regierung ist ihm verboten, den ihm vom Kaiser Wilhelm verliehenen Orden pvur Io mSrite zu tragen.______________

Russische Neuigkeiten.

Wie die Nowosto melden, sind die Vorbereitungen zum Empfang des Zaren in Moskau eingestellt. Kaiser Nikolaus wollte dort im Juli eintreffen, um am Geburtstage seines Sohnes Alexis die Einberufung der Volksvertretung zu ver­öffentlichen.

Aus Petersburg berichtet dieCentral News", daß in Kronstadt verzweifelte Aufstände stattgefundcn haben. Es wurden von aufrührerischen Marincmannschaften neun öffentliche Gebäude bestürmt und geplündert. Die Anzahl der Getöteten und Verwundeten ist noch unbekannt. Offiziell wird dagegen behauptet, daßauf dem Linienschiffe Nikolaus II. in Kronstadt keine Meuterei stattgefunden" habe.

Admiral Krieger erklärte einem Interviewer: Er hätte alles vorbereitet, um den meuterndenPotemkin" durch Torpedos in die Luft zu sprengen, zögerte aber- damit bis zum äußersten Moment, um dies schönste Schiff der Schwarz­meerflotte nicht der Vernichtung preiszugeben. Außerdem hätte er auch noch mit der rebellischen Stimmung auf den anderen Schiffen rechnen müssen. Das Gerücht, daß er uni seinen Abschied nachgesucht, beruhe auf Erfindung; ebenso sei ihm kein Befehl in dieser .Beziehung zugegangen. Er werde ruhig im Dienst verbleiben, e8 möge dann ein un­parteiisches Gericht seine Angelegenheit untersuchen. Er, Krieger, würde sich diesem beugen.

In den Eisenbahnwerkstätten der Station Tiflis er­krankten nach dem Genüsse von Tee 15 Arbeiter. Während der Nacht zeigten sich bei ihnen Symptome von Vergift­ung, und 5 Arbeiter starben unter schrecklichen Qualen. In der gleichen Nacht wurde ein Arbeiter, der vor dem Tore der Werkstätte auf Posten stand, von Unbekannten ermordet. Alle erkrankten Arbeiter gehören der von der Regierung organisiertenPatriotischen Partei" an, die den Sozialismus bekämpfen soll. Die revolutionäre Partei verbreitet eine Flugschrift, in welcher sie die Arbeiter warnt, sich derPa­triotischen Partei" anzuschließen, da sie beschlossen habe, alle ihre Mitglieder auf gewaltsamem Wege zu beseitigen.

Die Bewegung in Rußland scheint auch die in Deutsch­land tätigen russischen Landarbeiter zu ergreifen. Alljährlich treffen im Holsteinischen Russen ein, um in den Betrieben der großen Zuckerfabriken Beschäftigung zu finden. In Weffelburen im Kreise Norder-Dithmarschen, waren etwa 80 Mann tätig. Die sonst friedfertigen Leute rotteten sich in diesem Jahre zusammen, forderten höhere Löhne und zeigten die Absicht, den Besitzer und seine Beamten tätlich anzugreifen. Die Bedrängten riefen die städtische Schutz­mannschaft zu Hilfe. Es gelang, die Ruffen in die Stadt zu bringen und einzuschließen. Unter polizeilicher Bewachung sind sie dann, wie es ihrem Wunsche entsprach, an die russ. Grenze gebracht worden.

Aus Stadt und Kaud.

Gießen, 19. Juli 1905.

* II. KK. HH. der Groß Herzog und die Groß­herzogin, sowie Prinz und Prinzessin Heinrich haben noch kurz vor ihrer Abreise von Schloß Hcmmelmark in Schleswig einen Abstecher im Automobil nach Meldorf gemacht. Sie besichtigten den Dom und das Museum Dithmarscher Alter­tümer und statteten dann Gustav Frenssen, dem Dichter desJörn Uhl", einen Besuch ab.

* Zum Feuerwehrfeste ist noch nachzutragen, daß am Montag Oberbürgermeister Mecum folgendes Antwort- Telegramm Seiner Königl. Hoheit des Großherzogs verlas:

Eckernförde, 17. Juli. Herzlichen Dank für treue Gruße. Mögen die schönen segensreichen Einrichtungen für die gesamte Menschheit weiter blühen und gedeihen. Erlist Ludwig.

* Den Justizbehörden desLandes ist ein Rund­schreiben de8 Justizministerilnns zuqegangen, das cs für wünschenswert erklärt, einen Ueberblick darüber zu gewinnen, in welchem Verhältnis die Zahl der Fälle, in denen wegen unschuldig erlittene rUntersuchungshastaus Rechts- gründen oder Billigkeitsrücksichten eine Entschädigung ge­währt wird, zu der Zahl der verhaftet aewesenen, aus der

Untersuchung unbestraft hervorgehenden Personen steht. Es werden die Staatsanwaltschaften deshalb aufgefordert, in eine Liste alle diejenigen Fälle vorerwähnter Art einzutragen, die ab Januar d. IS. durch rechtskräftige Freisprechung und Außerverfolgungsctzung oder durch Einstellcn des Verfahrens von der Staatsanwaltschaft erledigt worden sind. (F. Ztg.)

** Die neue chirurgische Veterinärklinik wurde, obwohl der Bau im Innern noch nicht ganz fertig- gestellt ist, heute in Benutzung genommen, auch ein Beweis >afür, welch dringendes Bedürfnis eine derartige neue An- talt war. Der imposante Bau an der Frankficr-terftraße ist eine neue Zierde der Stadt, und seine Errichtung bedeutet, wie Prof. Dr. P f e i f fe r in einer Ansprache heute vormittag um 11 Uhr an seine Studierenden richtig bemerkte, einen neuen Markstein in der Entwickelung der Stadt. Eine offi­zielle Feier der Uebernahme hat noch nicht stattgefunden; Prof. Dr. Pfeiffer führte nur die Studierenden der Vete­rinärmedizin in die neue Anstalt ein und machte sie mit ihren Einrichtungen vertraut, indem er nach einer Ansprache im Operationsraum die Versammelten durch die übrigen Räumlichkeiten führte und dazu die nötigen Erläuterungen gab. Wir kommen auf die Ausführungen des Professors Pfeiffer und eine Beschreibung der Klinik noch zurück.

Butzbach, 18. Juli. Der Stationsarbeiter Breiß bei der Verwaltung der ButzbachLicher Bahn verunglückte gestern nachmittag gegen 2 Uhr infolge einer Spiritus- Explosion. Breiß wollte aus einer Kanne Spiritus aus einen jedenfalls noch glühend gewesenen Spirituskocher schütten. Hierbei geriet der Spiritus in Brand und brachte die Kanne zur Explosion, deren brennender Inhalt sich auf Breiß ergoß und ihn an den Händen, Beinen und teils am übrigen Körper schwer verbrannte. Es ist zu hoffen, daß Breiß wieder hergestellt wird, doch dürfte es mehrere Monate dauern.

Bad-Nauheim, 18. Juli. Der in der Kurstraße gelegene Ernst-Ludwigsbau, Herrn Artur Hoch ge­hörig, ist für die Summe von 248 000 Mk. in den Besitz der Gebrüder Bopp übergegangen.

Blofeld, 18. Juli. Ans einem Schwalbennest, das sich an der Wohnung des Gcmeindeeinnehmers No hl be­findet, sind vor einigen Tagen zwei Schwalben aus­geflogen, die schneeweiß sind. Man kann sie jeden Tag beobachten. Im vorigen Jahre war aus demselben Neste ebenfalls eine weiße Schwalbe ausgeflogen.

** Mainz, 18. Juli. Der 30jährige Arbeiter Lipp, der vor einigen Wochen wegen Irrsinns in eine Anstalt gebracht worden war, wurde vor vier Tagen auf das Bitten seiner zu Besuch gekommenen Frau ihr mitgegeben. Als sich nun gestern die Frau auf der Arbeit befand, nahm er ein Rasiermesser und schnitt sich den Hals durch und öffnete sich die Pulsadern. Die Polizei ließ den schwer Verletzten nach Anlegung eines Notverbandes nach dem Rochushospital verbringen. (M. Tgbl.)

p. Braunfels, 19. Juli. Im sogen.Kleinen Tier­garten" hier feiern wir vom 22. bis 24. d. Mts. das 2 3. Turnfest des Lahn-Dill-Gaues. 39 Gau­vereine haben ihr Erscheinen zugesagt.

Marburg, 18. Juli. Der Verein Frau en- bildung und Frauenstudium hat eine Eingabe an den Magistrat gerichtet, in welcher unter ausführlicher Begründung darum ersucht wird, den Fortbildungsschulzwang auch auf Mädchen auszudehnen.

S. W. K. Frankfurt, 17. Juli. Ein ereignisreicher Tag in der Geschichte Frankfurts war der gestrige. Am 16. Juli 1796 erfolgte die Einnahme Frankfurts durch die Franzosen, und genau 70 Jahre später wurde die freie Reichsstadt, die bei Beginn des Krieges von 1866 auf feiten Oesterreichs gestanden hatte, von den Preußen eingenommen. 9bm 16. Juli 1866 rückte General Vogel von Falckenstein mit der Division Gäben in Frankfurt ein und belegte die Stadt mit einer Kriegssteuer von 6 Millionen Gulden. Die Einverleibung Frankfurts in das Königreich Preu­ßen geschah durch Patent vom 18. Oktober desselben Jahres, und seitdem bildet die Stadt mit ihrem ehemaligen Gebiete, unter Zulegung des vorher großhe^oglich-hessischen Teils des Orts­bezirks Niederursel, den Kreis Frankfurt a. M.Das sind nun bald 40 Jahre her und in dieser langen Zeit hat sich all­mählich in Frankfurt der Preußenhaß gelegt. Die alten Leute jedoch, welche jene bangen Tage mitgemacht, sind heute noch nicht gut auf Preußen zu sprechen. Die erinnern sich noch all der aufregenden Details, welche der Einverleibung Frankfurts in den preußischen Staat vorausgingen, der horrenden^Kontri- bntionssorderungen, der auf dem Roßmarkt imb dem Schiller­platz aufgestellten Kstnonen, der Verhaftung der Senatoren Speltz und Berirus, der preußischen Reguisitionen und der Angst der Frankfurter Bürgerschaft um ihr Hab und Gut. Und in diesen Altfrankfurter Kreisen hat man immer noch nicht viel für die oiv sige Preuße" übrig, wenn der altfrankforterisch-frci- reichsstädtische Chauvinismus sich auch etwas gelegt hat." Roch immer könne man die Behauptung hören:Mer warn nach ohne die Preuße groß geworn!", noch immer werde von den alten Frankfurtern mit einer gewissen Erbitterung erzählt, wie die ersten Preußen mit vorgestreckten Karabinern über die Zeil ga­loppierten, wie sie in einefriedliche deutsche Stadt, in der nur einige Heißsporne an Gegenwehr dachten", einzogen wie in eine fremde Festung, und selbst die ehrenvolle Ablösung der Wachen d's Frankfurter Linienbatnillons auf der Hauptwache hätten an ihren Groll nichts zu ändern vermocht. Obwohl man nachher in dem einzelnen Preußen einenganz manierlichen Mann" entdeckt habe, sei das traurige Gefühl, die Freiheit und Selb- ständiakeit verloren zu haben, heute noch nicht ganz geschwunden.

* * Kleine M i t t e i l-i n a e u aus Hessen und den Nachbarstaaten. Auf die Ermittlung und Festnahme des Un­bekannten, der in der Nacht vom 8. auf 9. Juli einen Naubmord- versuch an dem Handwerksburfchen Ernst Schädlich bei Wicker verübte, hat die Staatsanwaltschaft in Wiesbaden Mk. 600 Be­lohnung ausgesetzt. Der in dem Dörfchen Erba feit Monaten berschenden Tyvhusevibemie sind, so wird aus Wetzlar gemeldet, wieder zwei junge Mädchen zum Opfer gefallen.

Berlin, 18. Juli. Einen Mordversuch aus Eif er- sucht verübte in der gestrigen Nacht der 16 j ä hr i g e S ch i f f s - junge Müller, der aus einem bei Erkner liegenden Last- dampfer beschäftigt ist. M. hatte trotz seiner Jugend bereits eine Braut, die ihm untreu geworden war, und ihre Gunst einem Kollegen zugcwaudt hatte. Aus Eifersucht stellte M. feinen Ri­valen zur Rede, wobei es zu einer Schlägerei kam. Im Verlaufe derselben gab M. auf seinen Gegner einen Revolverschuß ab, der indes fehl ging und einem an dem User stehenden Kellner in den Unterleib drang. Der Schwerverletzte wurde in das Krankenhaus Wilhelmshagen übergesiihrt und der jugendliche Revolverheld verhaftet. .

* Ems, 18. Juli. Der aus dem Berliner Tollwut­institut entlasseneMaurer Kurl B r ö tz aus Mensfelden ist unter den schwersten Tollwutanzeichen erkrankt. Das erste Opfer eines tollwittkranken Hundes war Dr. Feiber in Holzappel.

* Der in Bückeburg frei gesprochene Kellner Meyer ist in Bremen angekommen. Nach einem Berichte der ,,Br. Nachr." hatten sich auf dem Perron zahlreiche Mitglieder des Zweigvereins vom Deutschen Kellnerbunde eingefunben. Beim Einlaufen des Zuges wurden mehrfache Hochrufe laut. Als

Meyer, der sehr blaß aussah, dem Wagen entstieg, umdrängte mm: Vua uhd veglückwünschte ihn aufs heimlichste. In bekränzter Droschke wurde er nach dem Vereinslokale des Kellnerbundes geleitet, wo ihm auch ein herzlicher Empfang von seinen Freun­den und VcreinSgenossen bereitet wurde. Dort wurden ihm zahl­reiche Glückwunschtelegramme überreicht, die ihm von nah und fern, von Berufskollegen, aber auch von Privatpersonen, zu­gegangen waren. Erst abends wurde es ihm möglich, sich von seinen Freunden loszumachen und in das Haus feiner Mutter, das von Freundeshand mit Girlanden geziert und in dem die Blumensträuße zu Bergen aufgehäuft waren, zurück­zukehren. Obgleich der so Gefeierte körperlich sehr ab* gespannt und der Ruhe sehr bedürftig war, hat man ihm im Ueberschwang der Freude und in dem Gefühl der Genugtuung über den Spruch der Geschworenen keine Erholung gegönnt. Seit dem 25. Mai ist Meyer in Bückeburg in^Untersuchungshaft gewesen, nachdem er vorher 5 Monate und 25 Tage im Olden­burger Untersuchungsgefängnisse zugebracht hatte. In Oldenburg wurde Meyer hauptsächlich mit Dütenkleben beschäftigt. In Bücke­burg hat er dann Kuverts geklebt, Zellen gemalt usw. Eine Bett­statt wurde dem Gefangenen in Bückeburg nicht zuteil; der Strohsack lag auf der bloßen Erde. Meyers.Mutter hat in Bremen einen Brotverkauf inne. Sie ist natürlich von den Auf­regungen der letzten Zeit sehr mitgenommen. Der Wiedergekehrte hat eine krankhaft bleiche Gesichtsfarbe und scheint auch augen­leidend zu fein. Er klagt vor allen Dingen über seinen Hals und will sich daher erst in ärztliche Behandlung geben, ehe er seinen Beruf wieder aufnimmt.

* Das Pulvermagazin der königl. Berginspektion zu Zabrze in Oberschlesien, das in der Nähe der Kirche liegt, ist mit 7300 Kilogramm Pulver in die Lust ge­flogen. Fenster und Türen des Magazins wurden nach allen Seiten geschleudert, die Fenster des Amtsgebäudes und der Kirche vollständig zertrümmert. Das Gebäude war massiv und mit Zinn gedeckt. Die Ursache der Explosion ist unbekannt. Es gilt als ausgeschlossen, daß die Explosion infolge von Unvorsichtigkeit stattfand.

* Die Teckel des Kaisers. Ein drolliger Zwischen* fall beim Besuch des Kaisers auf der Stubbenkammer wird unter den Saßnitzer Badegästen viel belacht. Als in Saßnitz bekannt wurde, daß der Kaiser den Königsstuhl besichtigen wolle, machten sich natürlich viele Badegäste auf, um dabei zu sein. Die an dem hohen Felsen Harrenden waren sehr enttäuscht, als der Monarch nicht am Königsstuhl landete, sondern auf dem sogenannten kleinen Fischersteg an Land ging und von hier aus den Aufstieg zurWilhelmssicht", einem nahegelegenen Aussichtspunkte, machte. Ein besonders schaulustiger Kurgast eilte nun nach jener Stelle zu, kam aber auf dem glatten Moosboden zu Fall und kollerte den steilen Abhang hinab. Kurz vor dem Weg zur Wilhelmssicht fand er an einer dicken Buche einen Stützpunkt. Aber da gab es für ben Abgestürzten, der krampfhaft die Buche umklammerte, einen neuen Schreck: zwei Teckel stürmten bellend auf ihn zu und zeigten nicht übet Lust, ihm zwischen die Beine zu fahren. Erst der energische Zuruf eines Herrn in hellem Sommer­anzug hielt sie zurück. Es war der Kaiser, der seine beiden Teckel mitgebracht hatte und nun belustigt über den drolligen Anblick lächelnd die ehrerbietigen Grüße des Mannes an der Buche erwiderte. Der Saßnitzer Kurgast aber erzählt noch mit Stolz von seiner Bekanntschaft mit des Kaisers Teckeln, trotz der eigenartigen Situation, in der er diese Bekanntschaft machte.

Kcrichtsjaak.

(n.) Gießen, 18. Juli. Die Strafkammer verurteilte heute den Dienstknecht Ludwig R. nu§ Büdesheim wegen Dl eb- sl a h l s im Rückfall und schwerer Körperverletzung zu zwei Jahren und 4 Monaten Gefängnis und in eine an den Ver­letzten zu zahlende Geldbuße von 60 Mark. R. stand bet einem Landwirt zu Nieder-Erlenbach in Diensten. Er benutzte die Ab­wesenheit eines feiner Micknechte um deffen Zimmer oufytbrecben, und entwendete aus der Tasche eines an der Wand hängenden Rockes ein Zwanzigmarkstück. Die Kinder des Bestohlenen, die bte Sache beobachtet hatten, machten ihrem Vater Mitteilung, der den Angeklagten zur Rede stellte. Entrüstet darüber, daß ihm eine solche Tat zugetraut wird, versetzte R. seinem Micknechte mit emem bicfcit Prügel mehrere Schlage über Kops und Arme, sodaß er erhebliche Verletzuiigen davontrug und einen Monat lang arbeits­unfähig mar. Straferschwerend wurde die Frechheit und Dreistig­keit bei der Begehung der Tat berücksichtigt. Das alsbaldige Ge- ständnis führte zur Aufrechnung von drei Wochen Untersiickungs- haft. Gegen den Steinbrecher Peter D. von Ober-Ofleiden würbe wegen Verleitung zum Meineid verhandelt. D. war von einem Mädchen auf Alimentation nerflagt worden. Das gleiche Schicksal hatte den Heinrich K. und den Karl Z. ereilt. In der Rechtssache des D. hatten K. und Z. beschworen, daß sie zur kritischeii Zeit ebenfalls mit dem klagenden Mädchen verkehrt hätten. Die Folge war Klageabweisung. In der Rechtssache des K. beschwor D. dasselbe, was ebenfalls die Ursache der Klageabweisung würbe. In ber Rechtssache des Z. ivurde der heutige Angeklagte 1. für bas nämliche als Zeuge benannt. Angesichts eines von bet (Gegenseite geladenen Zeugen, ber bie bevorstehenben Aussagen des D. entkräften sollte, hatte'er nicht beit Mut zu behaupten, was Z. von ihm hoffte. Auffallenb war, baß in bett brei Alimentatwns- prozessen jebesmal derjenige wieder auftrat, der in dem anbern Prozesse verklagt war. Der Verdacht war begründet, daß D., K. und Z. ein Bündnis zur gegenseitigen Abwehr der gegen sie ge­richteten Klagen abgeschlossen und sich vereinbart haben, daß jeber in dem Rechtsstreit'des andern zu beschwören habe, was zur Ab­weisung der Klage führen muß. In dem letzten Termin gegen Z. vor dem Amtsgericht Homberg stellte es sich heraus, baß mit unlauteren Mitteln manipuliert worben ist. Ein Zeuge befunbete, baß ber Angeklagte eines Tages zu ihm kam unb ihm zumulete, er solle in seinem Rechtsstreit als Zeuge den Verkehr zur kritischen Zeit mit der Klägerin bekunden, unb ba er diese noch nicht kenne, möge er am Termintage ober abends zuvor kommen, wo sie ihm gezeigt werben solle. Diese Aussagen würben auch in ber heutigen Verhandlung von bemZeugenunterEib wiederholt. D.behauvtek,daßer dem Zeugen nur von ber gegen ihn erhobenen Klage unb von bet Benennung als Zeuge Mitteilung gemacht habe. Einige Zeugen schilberten' bas flagcnbe Mäbchen als eine sittlich verkommene Person, bie schon in frühester Jngenb mit Männern unsittlichen Umgang gepflogen habe. Um sich auch in biefer Richtung Klarheit verschaffen zu können, würbe bie Sache zur weiteren Beweiserheb­ung aus nächsten Donnerstag vormittags 8 Uhr vertagt. Der Dienstknecht Karl H. ans Brückenau hat sich an einem künfjährigen Kinbe in unsittlicher Weise vergangen. Er hat bereits drei Strafen wegen Sittlichkeitsverbrechen verbüßt. Da man sich über seinen Geisteszustand Klarheit verschaffen wollte, wurde er während seiner Internierung im hiesigen Arresthaus untersucht. Nach den Bekundungen des Sachverständigen ist er ein geistig minderwertiger Mensch, der auch epileptisch veranlagt ist. Er erinnert sich auf den in Frage stehenden Vorfall aber in allen Einzelheiten genau, sodaß nicht angenommen werden kann, baß seine freie Willens- beftimmung ausgeschlossen war. Das Gericht verurteilte ihn zu einem Jahr unb 6 Monaten Zuckthans, ohne seine Vorstrafen zu berücksichtigen. Gelegentlich euer Arbeitsleistung zu Bad» Nanbeim hat der Installateur Philipp B. aus Frankfurt a. M. in Gegenwart einiger Dienstmädchen unsittliche Handlungen vor­genommen, die Aergernis erregten. Er wurde durch das Schöffen­gericht wegen Beleidigung zu 2 Monaten Gefängnis ver­urteilt. Er erhob Berufung, blieb aber zum heutigen Termin aus, was Verwerfung seiner Berufung zur Folge hatte. Der Taglöhner Johannes W. II. von Bergheim hat seine Eheftau, aus die er sehr eifersüchtig ist, mit einem

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