Ausgabe 
20.9.1905 Zweites Blatt
 
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General-AMiger, Amts- «nd Anzeigeblatt für den Kreis Gießen

Durch Kuhhandel zu Mandaten"

den

das Zentrum geschlossen haben.

ED

Schwan

Redaktion, Expedition » Druckerei: Schulstr. R. Del. Nr. 6L Telegr^Adr. i Anzeiger Dieb«.

Rotationsdruck und ®erlog der Best hl'ich« UnwersuLtSdruckerei. R. Laag«, Dietz«,

zum Sieg!, aber nicht: (Beifall.)

den dem ge-

promiß, den die Darmstädter Genossen bei Gemeindewahlen mit den Freisinnigen und Zentrum gegen die Nationalliberalen

hineinlenken möchte. Fast wird Hely zum Mörder am Vater des geliebten Mädchens, der ihm die Tochter roh und höhnisch weigerte; doch es kommt nicht dazu. Für Hely ist das Glück zu Ende; aber er sinkt darum doch nicht in die Tiefe. Jahrelang nimmt der Verzweifelnde an den Kämpfen der Fremdenlegion teil und kehrt dann in die Heimat zurück, wo er in bescheidener Stellung sein Leben zu Ende träumt. Er ist stark geworden an Liebe zu den Menschen draußen in der Fremde: das; ihm einmal wahre Liebe zuteil geworden ist, hat ihn so reich gemacht, daß er nun für alle Zeit verzichten kann. Es ist von außerordentlicher schlichter Schönheit, wie Helt) als alter Mann in der Tracht eines Hausierers wieder das Schwarzwnlddörfchen aufsucht, in dem er einst die höchste Freude und- das tiefste Leid erlebt hat. Er findet die Geliebte als Witwe und erkennt, daß sie seiner noch in Treue gedenkt. Trotzdem gibt er sich nicht zu erkennen. An der Seite des Sohnes, der nicht vermutet, wer in dem eigen­tümlich freigebigen Hausierer neben ihm sitzt, fährt er wieder von dannen.

Man spricht von zersungenen Volkslieder)), hier ist ein Leben, das man zersungen nennen könnte, wie das desarmen Lukas".

Das ist in knappem Abriü der Inhalt des Buches. Dos Schönste läßt sich nicht erzählen. Zu diesem Schönsten gehört das erste Hinauswandern Helps aus seinem Odenwalddörfchen an den Rhein, unb die spätere Wanderschaft hinauf zu dem Schwarz­wald.

Wir haben in Hessen einen Dichter mehr, dem Beacht­ung -n frr'.'i ken jedes die Heimat und ihre besten Söhne Lieben­den Pflicht ist.

Kommnnalisterung der Fleischversorgung.

Äbg. Dr. d e kurn-Berlin: Bei dem Anträge wegert der Fleischnot sei die Kommunalisierung der Fleischversorg­ung zu fordern. Der Parteitag müsse sich auch gegen den Beschluß der Bürgermeister in Mannheim, die Erhebung der Verbrauchsabgaben bis 1907 hinauszuschieben, wenden.

Fortsetzung der Besprechung über den Geschäftsbericht.

Abg. Scheide mann-51 assel tadelte es, daß die Mainzer Genossen mit den Nationalliberalen, entschiedenen Scharfmachern, einen Kompromiß geschlossen haben. Während des Bestehens dieses Bündnisses sei von denselben Nationalliberalen eine große Aussperrung der Bau­arbeiter erfolgt. Ein Angriff gegen diese nationallibcralen Scharfmacher sei von derMainzer Volksztg." aus begreif­lichen Gründen nicht ausgenommen worden. DieMainzer Volksztg." konnte nicht gut ihre Bundesgenossen angreifen. Er (Redner) habe geschrieben: Ein Bündnis zwischen Zentrum und Nationalliberalen sei Charakterlosigkeit. Es sei ihm erwidert worden: Die Sozialdemokraten in Mainz haben ein Bündnis mit den Nationalliberalen, die Darmstädter mit den Nationalsozialen geschlossen. Einem solchen Kuhhandel müsse der Parteitag ein für alle Mal einen Riegel vor­schieben. Die Parole der Partei laute: Durch Kampf

werten seltenen Menschen. Es sei aber hinzugefügt, daß dieser Mann Humor besitzt. Vielleicht ist der Humor etwas zu bewußt, liegt mehr in der Art, wie erzählt wird, als im Ereignis selbst, schwebt mehr über dem Buche, als daß er darin steckt; aber gerade das ist auch wieder ein eigener Reiz.

Dieses Buch ist bei aller Einfachheit viel bewegt. Fast ist es wie bei einer Volksballade. Michael Hely stammt aus der niedrigsten Hefe des Volkes. Daß der Zug zum Reinen unb Bessern in bcs Knaben Seele gekommen ist, läßt sich burch Ver­erbung sicherlich nickt erklären, und es ist, als ob sich die Welt verschwöre, diesen Keim zum Guten zu ertöten. Eine bittere Wahrheit, die jeder von uns wohl beobachtet hat, daß dem Hinaufdrängenden häufig alle möglichen Hindernisse in den Weg gelegt werden. Aber dieser Michael hat etwas von der Streiter­kraft seines himmlichen Schutzpatrons. In lustigen, aber auch bösen Streichen, die jedoch nicht sein Innerstes bertlhren, macht er sich von der reichlichen Masse Schlechtigkeit und Bosheit, die er mit auf den Lebensweg bekommen hat, frei und schafft eine Bahn für das Gute in ihm. Das bricht durch, als er von der herabziehenden Last seiner Erzeuger befreit wird und zum erstenmal selber Güte erfährt. Er wird ein gediegener Arbeiter und ein geachteter Mann. Fern der Heimat, in einem Dorf d-'s südlichen Schwarzwaldes fängt er ein neues Leben an. Fast scheint cs, als habe seine Abkunst und die ganze Vergangenheit keinen Einfluß mehr auf sein Dasein. Er gewinnt die Liebe eines jungen Weibes aus bravem, stolzem Bauern­geschlecht Aber das ist die Tragik im menschlichen Leben, daß viele seiner besten Werte dadurch bestehen, daß sie, wenigstens bei einzelnen, zum starren Belitz werden. An der Klippe des Bauern­stolzes zerbricht das Lebensschifstein Michael Hclys im Augenblick, als er es den sicheren Hafen eines glürflidjen Familienlebens

Abg. Dr. David-Mainz: Er müsse cs zurück» weisen, daß die Mainzer Genossen einen unerlaubten Kuh­handel abgeschloffen haben. Die Mainzer Genossen könnten ohne Kompromiß überhaupt kein Mandat erobern. Unter einem anderen Wahlrecht hätte man den Kompromiß nicht geschloffen. Er gebe die Versicherung, die Mainzer und Darmstädter Parteigenoffen haben sich lediglich bei Ab­schluß der Kompromiffe von sachlichen Beweggründen leiten taffen.

Dr. Michels-Marburg wies auf die Bedeutung der Erklärungen an die französischen und englischen Genoffen hin, daß die deutschen Arbeiter den Frieden erstreben und alle Mittel in Bewegung setzen wollen, den Krieg zu verhindern. Es muffe aber auch in der Erklärung ausgesprochen werden, daß, angesichts der wirtschaftlichen Verhältnisse, der Arbeiter nur soziale, aber keine nationalen Unterschiede kenne. Wenn die Arbeiter erklären:Wir machen den Krieg nicht mit," dann werden es sich die Regierungen nicht bloß zweimal, sondern dreimal überlegen, ehe sie einen Krieg anfangen.

Abg. Zubeil-Berlin tadelt den Kompromiß­abschluß der Mainzer und Darmstädter Genossen. In Preußen sei allerdings auch bei den Landtagswahlen eine elende Kompromißelei" mit den bürgerlichen Parteien ein­gegangen worden. Er halte eS für erforderlich, bei der Agitation die Soldatenmißhandlungen in entsprechender Weise zu behandeln.

Abg. Dr. David-Mainz: Wenn in Mainz sich die Verhältnisse wie in Offenbach gestaltet hätten, dann würden die Sozialdemokraten allein gekämpft haben. In Mainz liegen die Verhältnisse anders als im übrigen Deutschland. Dort werde die Sozialdemokratie als gleichberechtigte Partei, behandelt. Der Hauptfeind in Mainz sei das Zentrum. Man müsse da§ Vorgehen der Mainzer Genossen auS den örtlichen Verhältnissen heraus beurteilen.

Frau Frenzel-Leipzig trat für die Notwendigkeit einet nachhaltigeren Agitati on unter den Frauen ein, zu­mal daS Zentrum ganz besonders unter den Frauen agitiere.

Abg. Molkenbuhr bemerkte im Schlußwort: Bei der Abstimmung über die Handelsverträge im Reichstage haben deshalb so viele sozialdemokratische Abgeordnete gefehlt, da man die Abstimmung nicht so schnell erwarten konnte. Den jungen Leuten, die man zu Agitatoren ausbilde, müsse man die Kosten zur Anschaffung der Parteilitteratur gewähren. So lange die Sozialdemokratie äußere Feinde hat, muß sie alle ihre Kräfte vereinigen, die Gegner niederzureiten und niederzuwerfen. Wenn dies vollständig gelungen sein wird, so daß wir keine Gegner mehr zu bekämpfen haben werden, dann können wir, wenn noch etwas Streitlust vor­handen, uns den Luxris erlauben, uns in unseren eigenen Reihen zu raufen. Vorläusig muffen wir aber alle unsere Kräfte zur Niederreitung der Gegner ver­einigen, ganz besonders die Indifferenten aufzuklären und sie unseren Reiben zuzuführen. Wenn wir in dieser Weise

schlossen haben.

Londtagsabg. Adelung-Mainz verteidigte Kompromiß, den die Sozialdemokraten in Mainz bei den Gemeindewahlen mit d en Liberalen gegen

Bülowsche Zollpolitik Sturm laufen, damit die Regierung sehe, daß daS Volk nicht gewillt sei, sich die Ver­teuerung der unentbehrlichsten Nahrungsmittel im Interesse einer Handvoll Junker gefallen zu lassen. Der Redner suchte an der Hand einer umfassenden Statistik nachzuweisen, daß das Einfu hrverbot die Vieh­seuchen nicht vermindert habe. Im Gegenteil, Deutsch­land sei so verseucht, daß man sich nicht wundern könnte, wenn das Ausland feine Grenzen gegen deutsche Vieheinfuhr schließen würde. Die Verteuerung der Lebensrnittel sei künst­lich hervorgerufen, um nach Inkrafttreten der Handelsverträge dem Volke sagen zu können, die Preise für Lebensrnittel seien schon vor Inkrafttreten der Handelsverträge hoch gewesen, die Handelsverträge hätten die Teuerung nicht verursacht. Das Volk leide aber ganz unendlich unter diesen teuren Lebens­mittelpreisen. ES werde nicht eher besser werden, bis es ge­lungen sei, einen Sturm des Volkes zu entfachen, daß die Regierung einsehen werde: auf die Dauer sei mit den hohen Zollsätzen nicht zu rechnen. Dieser Volkssturm müsse aber sofort einsetzen, denn bereits im Februar 1906 treten die neuen Handelsverträge in Kraft.

Der Redner beleuchtete dann die auswärtige Politik. Das Bauen von Schiffen sei bei den herrschenden Klaffen s ehr beliebt, da dies viel Geld bringe. Deshalb haben die herrschenden Klassen das Interesse, ein gespanntes Verhältnis zwischen den verschiedenen Nationen zu schaffen. Die Arbeiterklasse habe aber das entgegengesetzte Interesse. Die Arbeiter aller Länder seien Gegner der Kriege. Der Redner erörterte im weiteren die Redeverbote gegen JauröS usw. und bemerkte danach:

Keine Spaltung.

Die jüngeren Genossen tonnten aus den verschiedenen Prehstimmungen zu der Ansicht kommen, es beständen in der Partei unüberbrückbare Gegensätze. Dies sei eine irrige Ansicht. Meinungsverschiedenheiten habe es in der Partei stets gegeben. Wenn über soziale Tl)eorien Meinungsver­schiedenheiten entstehen, dann sei noch durchaus keine Spal­tung vorhanden. Die Sozialdemokraten Deutschlands seien lange Jahre gespalten gewesen. Nach der Verschmelzung gab es die verschiedensten Richtungen. Es gab Düringianer, Possibilisten, Opportunisten, Revisionisten, und schließlich seien gar ethische Aesthetiker entstanden. (Heiterkeit.)

DaS Lrterateugezäuk in der Parteipreffe.

Jedenfalls sei es sehr bedauerlich, daß es in der Partei- Presse zu so unerquicklichen Auseinandersetzungen ge­kommen sei. Den Arbeitern sei dieser Streit zuwider. (Rufe: Sehr richtig!) Diejenigen Genossen, die die Einig­keit in der Partei stören, begehen das schwerste .Verbrochen. (Lebhafter Beifall.)

Partei und Gewerkschaften.

Von einer Spaltung zwischen Partei und Gewerkschaften ist ebenfalls keine Rede. Die politischen und wirischaflichen Verhältnisse sind der Sozialdemokratie äußerst. günstig. Menn die Partei die Fahne der Einigkeit h-och Hält, dann wird es gelingen, die Zahl der Genossen in kurzer Zeit zu vermehren. (Lebhafter Beifall.)

Kassenbericht der Partei.

Der Parteikassierer, Abg. G e r i s ch-Berlin, erstattete den Kassenbericht. Die Einnahmen, die der Parteikasse in Berlin aus den verschiedenen Parteiunternehmungen zu- geflossen seien, betrugen im vorigen Jahre 600 000 Mark, in diesem Jahre'weit über 100 000 Mark mehr. Die Partei­blätter hatten im vergangenen Jahre 620 282, in diesem Jähre 679152 'Abonnenten. Die Einnahmen aus 'Abonne­mentsgebühren betragen 4151000, aus Jinseraten 2537 000 Mark. Wenn es in dieser Weise weiter gehe, dann werden bald die Mankos bei alten Parteiunternehmungen ver- schwunden und Ueberschüsse auf der ganzen Linie zu ver­zeichnen fein. (Lebhafter Beifall.)

Besprechung.

Es begann alsdann die Befprecyung über den Geschäfts­und Kassenbericht. Rast-Hanau tadelte es, daß bei der Abstimmung über die Handelsverträge 39 Abgeordnete der sozialdemokratischen Partei im Reichstage gefehlt haben. Mären diese zugogen gewesen, dann wäre das Ergebnis der Abstimmung vielleicht docy ein anderes gewesen.

Friedrich-Darm st adt verteidigte den K o m -

Mges Mädchen. « m Nähen u.'Bügeln, il & in einer Klinik oder ? mm als Wäichebeichliehtt i l. Oktober.

-rnöfraucn-Bereio

Parteitag der sozialdemokratischen Kartei Deutschlands.

(Unberechtigter Nachdruck verboten.)

IIL

H. F. Jena, 19. September. Literatengezänk.

Der Vorsitzende, Abg. Singer, eröffnete die heutige Sitzung mit dem Bemerken: Es liegt eine Anzahl Anträge vor, die sich mit den Auseinandersetzungen, die in letzter Zeit zwischen demVorwärts", derNeuen Zeit" und der Leipz. Volksztg." stattgefunden haben, beschäftigen. E§ sei nun der Vorschlag gemacht worden, diese Anttäge vor ihrer Erörterung sämtlich einer Kommission zur Vor­beratung zu überweisen.

Chefredakteur und Burgerschaftsmitglied St ölten- Hamburg ersucht, den Vorschlag anzunehmen.

Dem Anträge wurde zugestimmt und die Kommission gewählt.

Geschäftsbericht des Parteivorstandes.

Der Berichterstatter, Abg. Molkenbuhr, führte aus: Ebenso wie die Junker gegen die Caprivischen Handels­verträge Sturm gelaufen seien, muffe das Volk gegen die

in fapitalfräfiißtr »e« > dir Errichtung mrhrrrr Rmgoftn- jiegeleien Lberhessen (eventuell «4 grenzende Gebiete) bead« fügt.

Nemeioden beztv. W rsonen, welche im Besitz bei eigneten und ergiebigen der Rahe einer Eisenbih» atiou befindlichen khonlagern », werden gebeten, schr'fe gangen unter 4888 an 1-

tzin öcssrsÄer Aoman.

Vor Jahresfrist bereits erschien in 2. Auflage bei G Grote tn Berlin, dem Verleger von FrenssensJörn Uhl" und Jordans Zwei Wiegen" ebenso, wie von den Plattheiten Julius Wolff? ein hessischer Roman, der dem größten Teil unserer Leser wohl leider noch unbekannt ist:M i ch a e l Held" von Adam Karillon. Dieser Roman, dessen Verfasser emst cm Gre- ßenerMusensohn gewesen sein und letzt in Waldmrchelback als Arzt prakti'ieren soll, erinnert in gewisser Weise an icmes talentvollen Landsmannes H o l z a m e r wundervolle Novelle ,,L) e r arme Luka s". Beiden Büchern, dem kleinen von Holzamer wie dem dickleibigen von Karillon, ist es eigen, und darum scheint beider Dickster Wesensart verwandt, daß der leise Auftakt zur Eröße bald verklingt, daß sie wohl beide ein Prinzip der eigenen Att der Dichter vermitteln, daß sie in dem, bald be­wußt gewordenen Mißlingen des Durchsetzens der Persönlichkeit, im Nickstgelingen eines in manchen Anläufen aus der Tiefe -mr Höhe strebeiiden Lebens wohl ein gut Teil ilyrer selbst wider­spiegeln. Wie Holzamer vordem, so lebt Karillon ganz m seiner Heimat, wie jener liebt er innig sein Volk, seine Landschaft, so daß der Hintergrund, von dem sich das Schicksal des einen Menschen abhebt, um den sich des Lesers Neigung schlmgt, fast ebenso bedeutungsvoll geworden ist, wie der Vordergrund. Eme Schrulle freilich ist es, wenn der Dichter desMichael Hely -in letzten Teile bc§ Buckes selbst auftritt. Das ganze Voran- zchende mit dem Schicksal des gestrandeten Menschen bietet fiel) >och auch fo als ein Stück der Lebensgeschichte eines zu Höherem berufenen Mannes, unb es kommt ganz unnötig etwas Zwie­spältiges in das Buch durch das späte persönliche Einspringen des Dichters in die Dämmerungen eines aus der Kindheit

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Komische Tagesschau.

Ein Miuisterwechsel in Preußen?

D.-B. Hd. meldet heute aus Berlin:

In den Kveisen der Industrie- und Bankwelt ist augenblick- fid) das Gerücht verbreitet, daß der preußische Handelsminister Möller demnächst frirrütftreten und durch einen indu­striellen Parlamentarier derselben politischen Richtung ersetzt werden soll. In jenen Kreisen ist man davon überzeugt, daß, wie bei diesen selbst, so auch bei der Regierung der Wunsch bestehe, zwischen der Staatsregierung und den industriellen kommerziellen Kreisen, deren Inter­essen bei der Hibernia-Affäre sowie beim westf. Berg­arbeiterstreik geschädigt waren, ungetrübte Be­ziehungen zu schaffen. Man glaubt dott, daß ein Wechsel in der Leitung des Handelsministeriums die Herstellung eines solchen Verhältnisses fördern werde.

Vom preußischen Handelsminister ist längst gesagt wor­den, er fühle sich nicht wohl in seinem Amt. Als die Berg­gesetznovellen glücklich durchgesetzt waren, schien der Mi­nister, der zunächst an dem Schicksal dieser Vorlagen Be­teiligte, mehr um einer Sorge ledig, als um einen parla­mentarischen Erfolg reicher zu sein. Allerdings hatte in diesem Falle hauptsächlich das Eingreifen des Fürsten Bülow den arg verfahrenen Karren flott gemacht. In neuerer Zeit schien das Glück, das Herrn Möller während seiner ganzen Ministerlaufbahn nicht verwöhnt hatte, noch einmal zu lächeln: es hieß, der HiberniaTrotz-Trust" wolle seinen Frieden mit der Regierung machen. Der Mel­dung folgte alsbald das Dementi.

'Wie man jetzt aus der obigen Meldung sieht, verstehen die harten Köpfe der rhein. Großindustriellen noch immer, ihrer Ueberzeugung zum Sieg zu verhelfen.

In der Fleisch teuerun gs frage aber sind die Städte die Unterliegenden. Der Deutsche Land- wirtschastsrat, die oberste deutsche landwirtschaftliche Vereinigung, bemüht sich (vgll. LenlZtttikelFleischteuerung"), der Regierung den Rücken zu stärken gegen die Grenz- öffnungsfordernngen. Herr Möller jedoch wird geopfert. Möller hat es mit den rheinisch-westfälischen Groß­industriellen dreimal gründlich verdorben: bei dem Kampf um die Verstaatlichung des Kohlenbergwerks Hibernia^ beim Bergarbeiterstteik und bei den Verggesetznovellen. Vom Reichskanzler und Ministerpräsidenten ließen sich ja die Großindustriellen ebenfalls manches sagen, was unerfreulich klang aber daß der ehemalige Industrielle, keiner von den Großen und Einflußreichen, eswagte", vor aller Welt im Parlament seine ehemaligen Berufsgenossen ob ihrer Harntäckigkeit abzukanzeln, das stieß dem Faß den Boden aus. Seitdem stand der Minister isoliert. Auch die Börse, die seine Berufung mit tausend Erwartungen begrüßt hatte, wünschte sich seit längerem einen anderen Handelsminister. Ob nun der kommende Mann, der Nachfolger des Ministers, ein industtieller Parlamentarier derselben politischen Richtung", die Börsenreform in Gang bringen und eine Erhöhung der Börsensteuer abzuwenden wissen wird, bleibt abzuwarten. Möller dürfte seinerseits kaum unglücklich sein, daß die Bürde des Amtes fron ihm genommen wird. Nur, daß es nicht eben eine angenehme Empftndung ist, als friedliebender Mensch für den Frieden geopfert zu werden. Möller ist persönlich ein konzilianter Herr, dem aller Streit zuwider ist. Daß gerade er fo viel Konflikte auszufechten hatte, das war eine Malles des Schicksals.

Ur. 221 Zweites Matt. 153. Jahrgang Mittwoch 20. September 1905

ffijröfnet )ltufrwr .Anzeiger viermal wöchentlich beigelegt Der B J ® U, WJj. £L

«höflich« Landwirt" «rjchrdu monatlich einmal. V W V ~ ~