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MiMvoch 18. Oktober 1905
155. Jahrgang
Sri-. 245
Zweites Blatt
Gießener Anzeiger
General-Anzeiger, Amtr- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen
Wrscheint tSglich mit Ausnahme des Sonntags.
Die „Siehener Zamilienbiätler" werden dem „Anzeiger viermal wöchentlich beigelegt. Der ^hesstsche tanböUt4* erscheint monatlich einmal.
Rouvier und das Parlament.
Tie Zeit ist gekommen, in der auch das französische Parlament wieder zusammentritt. Wäre die Marokkoaffäre nicht gewesen, und hätte Rouvier nicht verstanden, auf sie Monate hindurch das Interesse seiner Landsleute zu konzentrieren, cs wäre um die Lebensfähigkeit des Kabinetts wenig günstig bestellt. Tas weiß Rouvier, und deshalb unterstreicht er als gewandter Politiker durch seine Spa- nien-Reise mit Präsident Loubet unmittelbar vor Wiedereröffnung der parlamentarischen Saison die auswärtige Politik. In seiner Eigenschaft als Ministerpräsident fehlt Rouvier ein entsprechender Rückhalt. Von Einheitlick)- keit in seinem Kabinett kann keine Rede sein, denn der Handclsminister Tubief har im vorigen Monat ganz offen von einer Mehrheit und einer Minderheit in der Regierung gesprochen. Es kann affo den Gegnern Rouviers und zumal den alten Blockparteien nicht ein Ting der llnmög- l^chteit scheinen, gegen das Kabinett Rouvier mit Erfolg
Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Universttätsdruckerei. R. Lange, Gießen.
Redaktion, Expedition u.Druckerei: Schulstr.V.
Tel. Nr. 51. Telegr.-Adr.r Anzeiger Gießen.
Aus nni> Laod.
Gießen, 18. Oktober 1906.
** Vom Fleischmangel. Der Mangel an schlachtreifen Schweinen beschäftigte gestern abend die hiesigen Schweinemetzger in einer stark besuchten Versammlung. Es wurde nach längerer Debatte beschloßen, mit den seitherigen Lieferanten (Handelsleuten) morgen Donnerstag, gemeinschaftlich zu beraten, um festzustellen, ob die Möglichkeit vorliegt, vielleicht aus zweiter Hand den Bedarf decken zu können. Das wiederholte Inserat im Gießener Anzeiger, in dem 100 schlachtreife Schweine, sofort lieferbar, verlangt wurden, Hai bis jetzt keinen Erfolg gehabt, auch nicht ein einziges Schwein wurde der Innung angeboten. Danach ist der Beweis erbracht, daß die in letzter Zeit so oft gehörte Behauptung, eS seien genug schlachtreife Schweine vorhanden, für unsere Gegend völlig unzutreffend ist. — Ferner wurde in der Versammlung Klage geführt über die Hinausschiebung des Baues einer Kühlanlage. Es ist jetzt ein Jahr verflossen, seitdem sich die Schlachthauskommission mit der Frage beschäftigt und mehrere auswärtige Schlachthöfe dieserhalb besichtigt hat, man rechnete bestimmt darauf, daß die Kühlanlage 1907 in Benutzung genommen werden könne, aber nach dem jetzigen Stand der Angelegenheit ist hieran nicht zu denken. In der Versammlung wurde gesagt, daß das neue Theater jedenfalls eher fertig werden würde, als die Kühlanlage, trotzdem die Erbauung der letzteren schon seit 10 Jahren projektiert ist. Dies muffe man um so eher an- nehmen, als man in letzter Zeit ohne vorherige Befragung der CchlachthauSkommission Renovierungen am Schlachthaus vorgenommen habe, die man doch sicher vorläusig unterlassen hätte, wenn die baldige Erbauung deö KühlhauSneubaueS in Aussicht stände. Durch daS Fehlen einer Kühlanlage sei es den hiesiaen Metzgern namentlich in der warmen Jahreszeit unmöglich, günstige Einkaufsgelegenheiten auszunutzen und viele, selbst kleinere Städte in unserer Nachbarschaft seien hierin viel besser gestellt.
•* Der Theaterverein beginnt den CykluS seiner sechs Vorstellungen am Dienstag, dem 31. Oktober, mit Beer-Hoffmanns neuem Schauspiel „Der Graf von C harolaiS". Das Stück erschien gegen Ende vorigen
Ieutjch-Afnka. z
Gouverneur Graf Götzen telegraphiert aus Dar-eS-, Salaam: Hauptmann von Wan g enheim schlug, unterstützt von Massen von Hilfskriegern, 600 Aufständische am 10. Oktober bei Jsega im Südwesten des Bezirks Morogoro an der Straße von Kiloffa nach Jringa und marschierte auf Widunda weiter. Damit ist der größte Teil des Bezirks Morogoro unterworfen. Im Lindi-Bezirke schlug Hauptmann Seyfried auf einem Streifzuge nach Moffassi die Rebellen bei Nyangao, Leutnant Sigspiegel schlug mit Teilen der dritten Kompanie die Aufsländischen vorn Ürnbekuru, dem Grenzflüsse zwischen Kilwa und Lindi. Major Johannes ging mit dem Expeditionskorps heute auf den Kreuzern „Bussard* und „Seeadler" und dem Gouvernementsdampfer „Kaiser Wll- helm II." nach Kilwa, von wo er in drei Kolonnen auf Songea vormarschieren soll. DaS Expeditionskorps besteht ans der Kompanie von der Marwitz, der Kompanie von Kleist, dem Detachement Marine-Infanterie von Schlichting und den Etappentruppen unter Oberleutnant Frank, zusammen etwa 500 Gewehre, 3 Maschinengewehre, 50 Hilfskrieger und 600 Träger. DaS Detachement von Grawert ging gleichzeitig zur Verstärkung nach den Matumbibergen. Die nach Kilwa abgereiste Eisenbahn-Kommission der Unternehmerfirma Philipp Holzmann für die Erkundung der Linie Kilwa-Liwale wird von 40 Mann unter Oberleutnant Schulz begleitet. Neber Kapstadt meldet Bezirksamtmann Richter die Entsetzung SongealS durch Oberleutnant Klinkhard mit dem HilfSkorpS aus Bismarckburg.
Das „Hanseatische Preßbureau* hat über daS vielbesprochenen Burenkomplott in Windhuk weitere Nachrichten erhalten. Eß bestätigt sich, daß die Verschwörer der Klaffe der „National fcoutS* angehören. ES handelt sich aber nicht nur, wie auS der Depesche deS Gouverneurs hervorzugehen schien, um einen verbrecherischen Plan der „vier verhafteten Rädelsführer", sondern hinter diesen standen noch, wie die neuen Privatnachrichten erkennen lasten, zahlreiche Helfershelfer, deren genaue Zahl zwar nicht bekannt und auch nicht zu ermitteln ist, die aber schon deshalb nicht ganz gering gewesen sein kann, da nach den Aussagen eines Ohrenzeugen, der den geheimen Versammlungen beigewohnt und dann den Plan der Windhuker Polizei verraten hat, die nach dem Süden gehenden deutschen Pro viant- und MunitionSkolonnen als erster Angriffspunkt der Feldoperationen der Verschwörerbande dienen sollten. Ein solcher Ueberfall kann natürlich nur von einer größeren Schar geplant werden. UebrigenS sind nicht vier, sondern sieben Rädelsführer verhaftet worden. Im übrigen wird auS Windhuk berichtet, daß unter den alteingesessenen Burenelementen die Erbitterung gegen die eingeführte,n Südafrikaner ebenso groß wie bei den Deutschen ist. Seitens der Regierung sollen Maßnahmen getroffen sein, um ähnlichen Vorfällen in Zukunft vorzubeugen.
Ein Transport verwundeter und kranker Krieger, bestehend aus fünf Offizieren und 52 Mann, kehrte am 17. d. M. nach Hamburg von Deutsch-Südwestafrika zurück. Wie bei den früheren RücktranSporten, waren von dem Berliner Oberkommando Vorkehrungen getroffen, um die Krieger gleich in Hamburg abzufertigen, damit sie auf Urlaub oder zur völligen Heilung in einen Kurort geschickt werden können.
Sturm zu laufen. Tenn auch das Schutzmittel, die auswärtige Politik in den Vordergrund zu steNen, verliert allgemach an Wirffamkeit. Rouvier wird also kaum sein Joeil auf die weitere Behandlung der Marvkkoftage setzen können.
Zanrös unb Deutschland.
Ter Deputierte Jaurös behaiipiet in seinem Matte: Deutschland sei i s o l i e r t und könne nurim Zarentum eine neue Stütze suchen; Deutschland laste mit seiner stetigen Vermehrung von Heer und Flotte schwer auf Europa, ohne die Ruhe zu genießen, deren es zu seiner wirtschaftlichen und sozialen Entwicklung bedürfe.
Dieser Vorwurf mutet gerade vom Standpunkt JlauröS ans eigentümlich an. Tenn ist Deutschland wirklich isoliert, so ist es ja zur stetigen Vermehrung seines Heeres und seiner Flotte gezwungen! Solche Verpflichtung wird Deutschland in Wahrheit jedoch nicht wegen seiner „Isolierung", sondern deshalb auferlegt, weil Deutschland -unter allen Mächten ersten Ranges weitaus die schlechteste geographische Lage hat.
Das FriedcuSmanifest des Mikado.
Tas bereits gestern turz cnvähnte Reskript des japa- nischen Kaisers liegt jetzt im Wortlaut vor. Es wird darin von den „ruhmvollen Erfolgen der Armee", den Pflicht- eiftigen Zivilbehörden und Parlamenten, sowie von dem „maßvollen und Hu gen Volke" gesprochen, das „freudig die schwere Last der nationalen Ausgaben getragen, sowie edelmütig zu dem Kriegsfonds beigesteuert hat und einmütig bestrebt war, das Ansehen zu heben und die Würde des Reiches zu wahren. Ter Erfolg gcbüljri in hohem Maße den gütigen Geistern unserer Vorfahren, der Ergebenheit unserer Beamten und Offiziere und dem selbstverleugitenden Patriotismus unsres ganzen Volkes." Sodann wird die Tätigkeit des amerikanischen Präsidenten erwähnt.
„Nachdem die Bevollmächtigten beider Lärid-w häufig zusammengekommen nx.roi unb miteinander lernten hatten, e r k l ä r t en s i ch die Bevollmächtigten Rußlands mit den Vov schlügen unserer Bevollmächtigten einverstanden, die darauf hinauSgingen, den Zweck des Krieges zu er- reiften, den Frieden im Osten zu erhalten, und bewiesen so die Aufrichtigkeit ihres Wunsäies, den Frieden herbeizuführen. Nachdem wir so den Frieden und die Stube gesichert haben, sind wir glücklich, den Segen der gütigen Geister unserer Vorfahren anrufen zu können, und im Stande, die Früchte dieser großen Taten unseren Nachkommen zu Hintertassen. ... N n ß la n d ist wieder der Freund Japans, und wir wünschen aufrichtig, daß die wiederhergeftelltcn Beziehungen guter Nachbarschaft sich zu nc^cn und herzlichen gestalten mögen.
Während die militärisäw Tüchtigkeit in voller fitaff selbst in Friedenszeiten aufrrrirt erl-alten werden soll, soll unser ernstes Bemühen darauf gerickffet sein, Erfolge auf friedlichem Gebiete zu erzielen, sodaß in gleichem Maße das Glück deS Landes erhalten werden frnn und auch sein andauerndes Dorwärtsschreiten gesichert wird. Wir warnen unsere Untertanen ernstlich vor Kundgebungen prahlerischen Stolzes und befehlen! ihnen, ihren Gesckwffen nachzugehen und alles zu tun, was in ihrer Macht liegt, um das Reich zu kräftigen."
AranMlchk Auffassung.
An den Franzosen wird die Gabe rascher Auffassung in der Politik gerühmt. Von der Leichtigkeit des Verständnisses ist aber wenig zu bemerken, wenn man die sonderbar chicfen Urteile selbst erster französischer Politiker über die üngften Ereignisse in Betracht zieht. Mit einer Hartnäckigkeit ondergleichen wird immer wieder die Behauptung aufge- tellt, es sei das Ziel der deutschen Politik, Frankreich von der englischen Freundschaft loSzulösen, um womöglich gemeinsam mitFrankreichden Krieggegen England zu führen. Das zu erreichen sei der eigentliche Zweck der deutschen Annäherung und der deutschen Liebenswürdigkeiten. Zlber Frankreich werde sich nun und nimmermehr auf feindliche Pläne gegen England ein lassen, denn England zähle zu feinen besten Käufern und England garantiere die Interessen Frankreichs in Ostasien.
Man sieht auch in diesem Falle wieder, daß die Londoner Presse die Meinungen in Paris fortdauernd in entscheidender Weise beeinflußt. Daß Deutschland nach Frankreichs Unterstützung für einen Krieg gegen England strebe, dieser groteske Gedanke wird den Franzosen von den englischen Freunden suggeriert. Niemand in Deutschland hält eine solche Kombination für möglich, geschweige denn für nützlich. Tenn besser gar keinen Bundesgenossen haben, als einen unzuverlässigen, und Frankreich mit seinen noch nicht erloschenen Revancheideen würde für uns den aller- unsichcrsteu Verbündeten darstcllen, dessen Abschwenken auf die Seite des Gegners jeden Augenblick zu gemärtigen wäre. Hält man im Ernst die deutsche Politik für so töricht ver- trauensseltg und so kurzsichtig, daß sie diese Umstände nicht würdigte?
Alles, was Deutschland wünscht, ist, daß kein französisch-englisches Bündnis zustande kommt, weil darin eine eminente Gefahr für den europ. Frieden läge, indem bann in beiden Ländern die deutschskindlichen Elemente die Einbildung verbreiten mürben, nun könne bei jeder sich bietenden Gelegenheit Deutschland unbeachtet gelassen ober herausgefordert werden.
Wie letzt der Berliner Vertreter des „Standard" seinem Blatte meldet, bestätigt es ftch, daß die englische Negierung vor vier Monaten eine Mitteilung über die Haltung Englands im Falle eines Angriffskrieges seitens Deutschlands gegen Frankreich, an d i e deutsche Negierung gelangen ließ. Tie Mitteilung wurde im Laufe eines Gesprächs zlvischen dem englischen Minister Lord Lansdowne und dem deutschen Botschafter in London, Grasen Metternich, gemacht. Ter englische Minister des 91 eu ff em sagte, wenn Deutschland einen Angriffskrieg gegen Frankreich anfängt, müßte England den Franzosen Hilfe leisten. Lord Lansdowue fügte binzu, er glaube zwar nicht an eine solche Eventualität, Loch ließ feine Mitteilung an Deutschland nichts zu wünschen übrig.
Soweit der „Standard". Wenn Deutschland zu jener kritischen Zeit durch Vermi tl ng I l ens in Paris wissen "ließ, daß ihm ein Angriffskrieg völlig fern liege, ein englisch-französisches Bündnis aber müsse notwendig in Berlin als Vorbereitung eines engltsch-französischen Angriffs gegen Deuts chland betrachtet lverden, so können die Franzosen sich für diese Warnung beglückwünschen. Frankreich war aui dem besten Wege, von England ganz ebenso wie Japan in den Krieg getrieben zu werden, dem England wie immer als der lachende Dritte zu schaute.
Unb Rouvier ließ sich auch warnen. Im Ministerrate erklärte er kategorisch: „Wir haben kein Recht, unser Land ohne besfen Willen wegen emes Stückes afrikanischer Erde in einen folgenschweren Krieg zu stürzen, nachdem Frankreichs Degen trotz Elsaß-Lothringen 34 Jahre lang in der Scheide geblieben ist." Er traute England doch nicht sehr und dachte wohl an die schönen Worte: „Was sind Vertrage?", die einmal in einer offenherzigen Minute Chamberlain fallen ließ. Verträge verlieren ihre Kraft, sobald sie einem der Kontrahenten lästig werden. In der Stunde Der Gefahr wäre dieser Fall eingetreten. England wäre um Gründe nicht verlegen gewesen, sich Abmachungen noch so feierlicher Art zu entziehen. Mit welcher Kaltblütigkeit die englische Regierung Tatsachen ableugnct, wohl wissend, daß die Diplomatie zu höflich unb zu besonnen ist, zu wider- sprechen, davon hat ja die Welt jetzt eine Probe erhalten. Noch immer aber ist trotzdem Frankreich zu gunften des schwer errungenen Freundes ängstlich bemüht, Deutschland abzuwehren, "den „germanischen Koloß", wie der „Matin" mit einem schönen Bilde sagt, „dessen brutaler Traum eine Allianz mit Frankreich ist".
Es scheint, baff den Franzosen vom Schicksal noch viel /räftigere Erfahrungen mit der Verläßlichkeit Englands Vorbehalten sind. Diese Freundschaft wird noch ganz andere Stöße bekommen, denn der krasse Eigennutz Englands verleugnet sich niemals. Von England Treue und Beistand erwarten, heißt von einem Holzapfelbaum eine Ananas pflücken wollen. Taff das Hauptziel der deutschen, Politik erreicht das englisck-französftche Bündnis vereitelt ist, kann Deutschland mit heiterer Ruhe die Entwicklung der Dinge abwarten.
Nusstsche ■gleuifl&titen.
Tas plötzliche Ableben des Fürsten Trubetzkoi hat Anlaß zu sensationellen Gerüchten gegeben. Allgemein wird behauptet, Trubetzkoi fei keines natürlichen Todes gestorben, sondern von sein-m politischen Feinden durch Gift beseitigt worben. Tie reaktionären Elemente, so sagt man, sahen in ihm einen gefährlickwn Gegner und ihre Furcht vor ihm verwandelte sich in blinden Haß, als bekannt wurde, der Zar habe an dem Freimut des Fürsten Gefallen gefunden und die Absicht geäußert, ihm einen einflußreichen Posten zu verschaffen. Diese Gerüchte finden weiter eine Art Bestätigung in der Tatsache, daß die Leiche des Fürsten in der Kirche ausgestellt wurde, ohne vorher obduziert worden zu sein, trotzdem das Gesetz die Obduktion bei plötzlictem Mleben vorschreibt. Auf Veranlassung von F-rennden fand denn auch die Obduktion der Leiche noch in der Kirche statt und es wurde von Amtswegen mitgeteilt, daß der Tod Trutetzkois infolge Blutergusses eingetreten sei, was nicht geglaubt wird.
Tas Leichenbegängnis des Fürsten in Moskau gestaltete sich zu einer grandiosen politischen Manifestation. Nach der Bestattung im Tonswen Kloster zogen 2000 Studierende sämtlicher Hochschulen durch die Donstrate, wobei sie die Marseillaise sangen. Ein zweifellos wie in Petersburg von einem Agent provocateur nbgefeuerter Schuß gab daS Signal zum Einschreiten der fivsaken. Viele Personen wurden von d e n K o s a k e n mit ihren N a - gaiken geprügelt. Tie Studenten wurden zersprengt, sie sammelten sich aber wieder und zogen unter Gesang weiter. Au der Steinbrücke kam es abermals zu einem Zusammenstoß mit Kosaken und der Polizei. Es entstand ein Straßen kämpf. Tie Demonstranten verteidigten sich mit Steinen und Stöcken. Die Kosaken hieben mit Säbeln und Nagaiken aus die Menge em. Fünf Personen wurden durch Säbelhiebe verwundet, darunter zwei Sttldenten schwer. .
In Petersburg fand in der Universität ein Meeting von Studenten und Arbeitern statt, auf dem unbehindert die revolutionärsten Reden gehalten wurden. Zuletzt sprach ein Agitator, der folgende Resolution in Dorsckflag brachte: Ermordung s ä m t l i ch e r M i n i st e r. V e r n i ch t- ung und Sturz des Kaiserhauses, Einfi'chrung einer demokratischen Republik. Tiese Resolution wurde mit einem solchen Gejohle und Geschrei unter Msingen der McrstcklMi mit nur sein vereinzelten Protesten begrüßt, daß man aus Annahme schließen konnte. .
Tem „Slowo" zufolge sind die Mitglieder des A u s s ck u s s e s der Petersburg ex Studentenschaft verhaftet worden. n.
In Petersburg färb ein Zusammenstoß zwnmen Ar beitern ber Druckerei für Staatspapiere unb Truppen statt, woburch 40 Personen burch Bajonettstiche verwundet wurden. . _ „ „ , _ ,
Aus Moskau wird der „Schlei. Ztg." gemeldet, baß auch die Mehrzahl der großen Fabriken in bep Moskauer Vorstäbten die Arbeit hat einstellcn müssen, weck sie die übertriebenen Forderungen der Arbeiter nicht erfüllen konneri. Vom 11. bis 13 Okt sind etwa 20 Leichen und gegen 100 Verwundete bet Nacch von der Polizei aus der Stadt fortgeschant worden.
In Tiflis wurde in einem vollbe,etzten Straßenbahnwagen der F ü r st T a w i d A m i l a ch w o r i von zwei Armeniern über fallen und burch einen RevolversHlß g etö t e t Unter den Passagieren entstand eine unbcscl)rewnche Panik, bie ten Attentätern ermöglichte, zu entkommen. Von ben Morbern sehlt jegiute Spur.
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