Ausgabe 
15.2.1905 Zweites Blatt
 
Einzelbild herunterladen

Nr.3S

Mittwoch, 15. Februar 1905

155. Jahrg.

WPÜH mit btB SMntaQl

3te|n« K«»G«-lLNex- wettet ter te'W «öchaültch betgeteyt. Dec «HM' «hcheiW «ssaMch «taml

Giehener Anzeiger

«otathmciteMt «G tefoo te MfrHttei

L-mssstM-teuteet. 8L Sause, tatet

(tefttte, Exvedtttou a. Druckerei: Stfuiflkt

te. m. U Zew^Ätes Lo-rtL« ta-M

General-Anzeiger, Amts- und Anzeigeblati für den Kreis Sieben.

n1 wjmwBtarag»aM,nmi.;L nfiggzLaisg.iiriu»rTvnj*jeg- n wwiwnwHMmMWMMHJurwmMm

P irlamerrtarifche Verlianvlunqen.

Aachdruck ohne Bereirrbarutttz »ichL gestattet.

Äeuticher Reichstag.

141. Sitzung vom 14. Februar. 1 Uhr.

Am Tische Les Bundesrats: Graf Posadowsky u. a. Das Haus ist schwach besetzt.

Tie Beratung der Handelsverträge wird fortgesetzt.

Abg. Herbert (Soz., sehr schwer verständlich) scheint der Meinung Ausdruck zu geben, Latz die Erhöhung der Getreidezölle nur einer kleinen Minderheit der Bevölkerung, den ostelbischen Grotzgrundbesitzern, zu gute käme, während der grotzen Masse Der Konsumenten die notwendigsten Lebensmittel verteuert wurden. Die Industriearbeiter würden noch im speziellen doppelt geschädigt: ein­mal als Konsumenten überhaupt, sodann als Produzenten, da durch die neuen Verträge der Export unserer Industrie sehr erschwert werde. Und wenn wenigstens noch die Landwirtschaft Vorteil hätte! Aber gar keine Rede davon. Die große Masse der Bauern sei ganz leer ausgegangen. Und die Landarbeiter gar die dürften gar nicht daran denken, an dem Profit der Herren Junker mit zu parti­zipieren. Wie könnten sie auch? Sie hätten ja nicht einmal das Koalitionsrecht, wie sollten sie gegen ihre Herren auftretcn können? Die Caprivischen Handelsverträge wären eine rettende Tat gewesen. Heute wolle sich die Sozialdemokratie bemühen, das Land wieder zu retten, indem sie gegen die Verträge stimme. Dem Reichskanzler aber schreibe er folgendes Verslein ins Stammbuch:

Und niemand sieht, wie's finiter wird, Bis daß einmal der Donner kracht. Bis Euch das Feuer iäh verzehrt. Die Ihr es selber angefachtl"

"(Beifall bei den Soz.)

Aba. Dr. Blankenborn fnat.-lib.): Es ist das eifrige Bemühen der Linken, die Interessen der süddeut'chen Landwirtschaft gegen die norddeutschen auSzuspielen (Sehr richtig!) und man ist besonders auf die badischen Verhältnisse gekommen. Man hat das Buch des Dr. Moritz Hecht über die badische Landwirtschaft mm Nachweis heran­gezogen, daß speziell Baden nur ein geringes oder fast gar kein Interesse an den Getreidezöllen habe. Aber die Herren, die da meinen, kleine Betriebe könnten kein Brotgetreide verkaufen, die haben das Buch nicht voll und ganz gelesen, sondern nur heraus­genommen, was ihnen patzte. Die Herren^ haben doch vergessen, daß dort etwas sehr Interessantes zu lesen ist. Da heißt es:Be­sonders bedauerlich ist eS, daß die Bezirke Mannheim und Karls­ruhe einen so hohen Prozentsatz von Brotfruchr verkaufenden Be­trieben aufweisen." Das wird in dem Buch damit erklärt, daß die Frauen von Fabrikarbeitern auf dem Lande vorzugsweise Getreide und Kartoffeln bauen, weil eben die Zeit zu anderen Kulturen fehlt. Das sind doch gewiß kleine Betriebe. Allerdings tritt der Getreide­bau bei uns im Vergleich zu anderen Ländern in den Hintergrund. Und deshalb sind auch die Schlüsie der Herren falsch, über die Gründe, aus denen entsprechend weniger verkauft wird. Wenn daraus die Konseguenz gezogen werden sollte, gegen die Getreide­zolle zu stimmen, dann könnten wir auch nicht verlangen, für Wern, Tabak, Handelsgewächse und alles, was wir bauen, einen ent­sprechenden Zoll zu erhalten. Ich erinnere an den Ausspruch des Grafen Posadowsky, der da sagte: Meine Menschenkenntnis hat sich während der jahrelangen Tarifverhandlungen außerordentlich ver­mehrt, wenn man sieht, wie Personen, die formell auf freihändleri­schem Standpunkt stehen, im Geheimen Himmel und Hölle in Be­wegung setzen, um für ihre spezielle Produktion Profit-Schutzzölle zu erlangen, dann vermehrt man seine Menschenkenntnis ganz außer­ordentlich. Nun, zu diesen Menschen zu gehören, ist nicht besonders vorteilhaft (Sehr richtig! links), und deshalb muß ausgleichend ge­wirkt werden. Man muß das große Ganze und nicht so sehr die Einzelinteressen im Auge haben. sSehr richtig! links.) Daran kranken die Sozialdemokraten, daß sie den Unterschied zwischen Brot­preisen und Getreidepreisen nicht zugeben wollen. Redner bespricht die Differenzierung von Futtergerste und Braugerste. Wir hoffen, daß wir in der Kommission weitere Zusicherungen bekommen, die es unmöglich machen, eingeführte Futtergerste später als Braugerste zu benutzen. Etwas anderes ist allerdings die Spannung zwischen Gerstenzoll und Malz. Da müssen wir uns allerdings beklagen, aber bessern können wir nichts; sonst wäre der österreichische Handels­vertrag nicht zu stände gekommen. Bedenken haben hauptsächlich unsere Müller bezüglich des Mehlzovs und Getreidezolls. Hoffent­lich werden sie in der Kommission noch weiter abgeschwächt; nament­lich auch diejenigen, die dahin gehen, daß die Bedingung der Auf­hebung der Staffeltarife auch weiter bestehen bleibt. Die Zoll­hoffnungen unserer Tabakbauern konnten nicht erfüllt werden. Man hat versucht, durch die Resolution abzuhelfen, mit möglichster Be­schleunigung zu prüfen, wie das Ausführungsgesetz zur Tabaksteuer von 1879 im Interesse der kleinen Tabakbauern vereinfacht werden kann. Ich bitte im Interesse unserer kleinen Bauern, diese Unter, suchung zu beschleunigen.

Das große Interesse Süddeutschlands an der Weinfrage ist ja wiederholt hier betont. Die Hauptforderung war die Erhöhung des Traubenzolls und die Beseitigung der Vergünstigung für rote Ver­schnittweine. Vor dreizehn fahren stimmten wegen der ungenügen­den Regelung dieser Frage die meisten Vertreter der Weinbaubezirke gegen den österreichisch-ungarischen Vertrag. Die Befürchtungen über die Zrmahme der Einfuhr von Weintraubenmaische haben sich bestätigt.

Heute ist diese Einfuhr aus Italien und Oesterreich längst überholt, jetzt steht an erster Stelle Spanien und an zweiter Frank­reich. Dieie Vergünstigung ist eine Umgehung des Weinzolles. Ich stehe nicht auf dem Standpunkt des Herrn Sartorius, der gestern sagte, er fei allerdings für eine Erhöhung dieser Position, aber eigentlich nur aus Maßregeln der Kontrolle, weil Mißbräuche Vorkommen. Ich würde es für ausgleichende Gerechtigkeit halten, wenn der Traubenmaischezoll in richtigem Verhältnis zum Weinzoll stände. Das neue Wemgesetz hat zu vielen Strafen geführt, aber das beweist nur, daß das Gesetz notwendig war und gut wirkt. Wir müssen eine Neicksnahrungsmittelkontrolle erhalten und damit wird auch eine Kontrolle des Weines gegeben fein. Nun ist, das mutz ich anerkennen, in den neuen Verträgen der Traubenmaischezoll auf 10 Mark erhöht und der Rotweinverschnittzoll von 10 auf 15 Mark. Es wurde ja mehr verlangt, aber soviel ich Weitz, ist das Mögliche erreicht, und wir müssen uns begnügen, vielleicht auf andere Weise, etwa durch Kontrolle oder Aehnliches Ergänzungen eintreten zu lassen. Nun fürchtet man, datz der niedriger stehen gebliebene Weintraubenzoü mit 4 Mark dazu führen könnte, Tafeltrauben zur Weinbereitung zu verwenden. In dem BlattHaus, Hof und Garten" lese ich rm Sprechsaal eine Anfrage:Weintrauben. Vor einigen Tagen habe ich mir spanische Weintrauben gepreßt. Den gepreßten Wein habe ich in zwei Flaschen getan. Davon will ich Trinkwein machen. Was habe ich dabei zu beobachten?" Die Ant­wort lautet:Sie werden kaum etwas vernünftiges daraus er­halten." (Heiterkeit.) Das ist die vernünftigste Antwort, die ge­geben werden kann. (Heiterkeit.) Ich habe auch nicht die Befiftch- tuno, datz Tafeltrauben in großer Menge irgendwie zur Wein­

bereitung verwendet werden. Wir haben ja auch die Kontrolle, die zur Nachverzollung führen würde. Der Redner bespricht die Miß­stände bei dem Rotweinverschnitt. Italien hat man begünstigen wollen, aber tatsächlich hat Spanien den Löwenanteil an der Ein­fuhr. Wir werden uns die 12 Jahre gedulden müssen; aber ein ge­wisses Uebergreifcn liegt doch darin gegen dasjenige, was die Wem- kommisiion beschlossen hat. Sie hat den Bundesrat ersucht um ein Gesetz, welches den Verschnitt von Weiß- und Rotwein zum Zweck der Herstellung von Rotwein und den Vertrieb dieses Weines ver­bietet. Es ist uns in der Kommission gesagt worden, an das Verbot ist nicht zu denken, weil es den bestehenden Verträgen widerspricht, und es ist verwiesen worden, die Rotweinfrage auf dem Zollwege zu lösen.

Aber es ist nicht geschehen. Aber auf anderem Wege ist zu helfen. Der Regierungsvertreter hat in der Kommission den Ver­kauf solcher Verschmttweine als deutschen Rotwein als unter den Betrugsparagraphen fallend erklärt. Eine andere Seite der Zoll- frage ist die Ausfuhr. Wir hätten größere Erleichterungen ge­wünscht. Am schlechtesten kommen wir mit der Schweiz weg, die ihre Zollsätze durchweg erhöht hat. Der Redner bespricht das im einzelnen. Der Obstbau wird schwer geschädigt durch die Er­mäßigung des Zolles gegenüber der Schweiz, denn wir werden nun aum den Obstwein aus Frankreich bekommen, und dort ist diese Kultur ungeheuer im Fortschreiten begriffen. Redner gibt eine Statistik darüber. Die weitere Gefahr besteht darin, daß dieser Obstwein leicht zur Verfälschung benutzt werden kann. (Sehr richtig!) In der Eingabe der pfälzischen Weinproduzenten und -Händler ist dies ausführlich dargestellt. _ In Bezug auf den Grenzverkehr mit der Schweiz ist ein Fortschritt zu verzeichnen, derart, daß Gerätschaften und Materialien zum Bespritzen der Reben zollfrei hin und her geben. Aber ich möchte auch an die Not­wendigkeit erinnern, unsere Grenzen dicht zu halten gegenüber der Reblausgefahr. Da müssen Vorsichtsmaßregeln getroffen werden. Alles in allem erkenne ich an, was für den Weinbau erreicht ist, daß aber noch Wünsche zu erfüllen bleiben. Möge alles, was mög­lich ist, noch auf dem Wege der Ausführung geschehen. Es ist ja auch möglich, daß die Vertragsstaaten unter sich noch nicht mit Deutschland Verträge abschließen, durch die uns noch Meist­begünstigungen zu teil werden. Jedenfalls müssen die Einzelwünsche gegenüber den Gesamtinteresten zurücktreten, und deshalb wünsche ich die Annahme der Handelsverträge mit großer Mehrheit. (Beifall.)

Würftembergischer Minister Dr. v. Pischek: Zum ersten Male sind heute während der Handelsvertragsdebatte württembergische Interessen berührt worden, indem der Vorredner vom Obstweinzoll gesprochen hat. Der Obstwein ist ein wohlschmeckendes Getränk, dem wir es zu verdanken haben, datz der Branntweinkonsum bei uns erheblich zurückgegangen ist. In Posen kommen auf den Kopf der Bevölkerung im Jahre 35 Liter Branntwein, in Württemberg nur 0,50,8 Äter. Im Jahre 1903 hatte Württemberg 4% Mill, ertragfähige Apfelbäume und 1 8 Millionen ertragfähige Birn­bäume. Der gesamte Obstertrag, den diese Bäume lieferten, stellte sich in den Jahren 18941903 im Durchschnitt auf 783 000 Doppelzentner. Diese große Produftion reichte gleichwohl zur Obst­weinfabrikation noch nicht aus und so wurden durchschnittlich etwa 565 000 Doppelzentner eingeführt. Württemberg hat daher im Spätherbst lebhaftes Interesse cm zollfreier Obsteinfuhr, dagegen auch ein lebhaftes Interesse daran, daß auf Obstwein der Zoll er­höht wird. Der bisherige Zoll für Obstwein wirkt dann auch durch­aus prohibitiv. Wir haben Umfrage gehalten und man hat uns versichert, daß der Obstweinzoll, wie er hier im Tarif vorgesehen ist, den württembergischen Interessen entspricht. Bei den Vertragsver­handlungen sind genau Leistungen und Gegenleistungen abgewogen worden. Redner belegt dies mit einer Anzahl von Beispielen, wobei er sich über eine Anzahl von Positionen verbreitet, bleibt aber ir.t einzelnen unverständlich.

Abg. Stöcker (b. k. Fr.): Ich muß den Ausführungen der Herren von der Sozialdemokratie entgegentreten, damit nicht der kleine Mann sich von solchen Reden beeinflussen läßt. Meine Wähler sind kleine Bauern, kleine Handwerker und kleine Kaufleute, und diese haben sich mit meiner Haltung in Zollsragen einverstanden erklärt, sie sind für die Zölle, weil sie sie hn Interesse der Gesamt­heit für notwendig halten. Ich kann von dem Grafen Caprivi nur mit der größten Hochachtung sprechen, aber er ist in mancher Beziehung unpraktisch gewesen, er hat die Wichtigkeit und Not­wendigkeit der Landwirtschaft vergesien, weil er zu sehr von dem Gedanken beseelt war, daß Deutschland ein Industriestaat sei. Ich hatte damals oft das Gefühl, die Regierung wolle Handelsverträge um jeden Preis. Gewiß, wir wollen Handelsverträge, aber doch nicht solche, die uns schädlich sind, und das waren die Caprivischen Verträge. Den jetzigen Verträgen kann ich nur das höchste Lob spenden, sie sind mit außerordentlicher Sorgfalt und Kenntnis vor­bereitet worden. Naivetäten wie bei der Vorbereitung der früheren Handelsverträge sind diesmal nicht untergelaufen. Freilich, mühe­los Reichtümer werfen sie uns nicht in den Scboß, aber was hülfe es dem Wrenschen, wenn er die ganze Welt gewänne und nähme doch Schaden an seiner Seele? Ich bm garnicht so sehr für die Welt­wirtschaft; bei der Landwirtschaft sind keine Millionen zu erwerben. Wie kann man diesem Stande solche Beschimpftmgen an den Kopf werfen, als ob er eigennützig und gewinnsüchtig wäre? (Sehr gut! rechts) Die meisten, die über die Landwirtschaft reden, verstehen nichts davon (Sehr wahr!), es sind z. T. Berliner. (Heiterkeit.) Die Fürsorge für die Landwirtschaft ist ebenso notwendig vom so­zialen Standpunkte wie die Fürsorge für andere Klassen des Volkes. Die Entwicklung zum Industriestaat zahlen wir in Deutschland sehr teuer, die Sozialdemokratie nimmt dadurch zu, und wenn nicht die Landwirtschaft dazu ein Gegengewicht bildete, so wüßte ich nicht, was aus unserem schönen deutschen Vaterlande werden sollte. (Sehr wahr!) Dem Abg. Gothein gegenüber, der sagte, Bismarck habe die Zölle wieder abschaffen wollen, möchte ich darauf aufmerk­sam machen, daß noch 1887, also kurz vor Bismarcks Abgang, die preußische Regierung einen Getreidesoll von 6 Mark forderte. Selbst Sozialdemokraten wie Kauiskh, Schippel, Calwer, erkennen die Notlage der Landwirtschaft an, Schippel macht sich sogar über die freisinnige Vereinigung lustig, weil sie die Notlage bestreitet. Sie (nach links) fordern, datz die Agrarier ihre Leute bester be­handeln aber wovon sollen sie denn mehr Lohn zahlen, wenn Sie ihnen die Einnahmen aus den Zöllen nehmen wollen? Wollen Sie, daß die Besitzer zu Grunde gehen und mit ihnen auch die Arbeiter? Wenn Sie für die Arbeiter sorgen wollen, dann müssen Sie auch den Landarbeitern helfen. (Zuruf bei den Soz.: Tun wir auch!) Ja aber bloß durch leere Redensarten! (Zustimmung rechts.) Meine Wähler sind verständig, die sozialdemokratischen Lehren fassen bei ihnen feinen Boden, und für die Verhetzung sind sie zu aut Der Abg. Singer hat dem Schlagwort Kornwucher noch das Wort Viehwucher hinzugefügt. Wer die Verhältnisse objektiv be­urteilt kann weder vom Vieh-, noch vom Kornwikcher reden. Sollen wir die Landwirtschaft vor unseren Augen zu Grimde gehen sehen? Neber die Ausführungen des Abg. Gothein, daß die Bauern ihr Ge­treide verfuttern, wurde jeder kleine Schuljunge auf dem Lande lachen (Sehr gut! rechts.) Wann verfuttern die Leute ihr Ge­

treide? Nur. wenn es so billig ist, datz sich der Verkauf nicht lohnt. (Sehr wahr!)

Für die deutsche Industrie bildet Amerika die größte Gefahr. Es ist vor allem nötig, die Frage der Meistbegünstigung genau zu prüfen. Deshalb bin ich für Ueberweisung an eine Kommission. (Bestall rechts.)

Abg. Brulm (Antis.): Die Freisinnigen sind gegen die Der--- träge, obwohl der jetzt neu gewählte Abg. Merten in der Wahl­bewegung erklärt hat, sie nehmen das Erreichbare. Das ist doch Schwindel. . . .

Vizepräsident Graf Stolberg rügt diesen Ausdruck.

Abg. Bruhn sfortfahrend): Wenn der Abg. Gothein beit Bauern das erzählt, was er hier gesagt hat, wird er bald aus Greifswald-Grimmen herausftiegen. (Lachen links.) Sie sprechen vom Brotwucher der Junker. Die richtigen Wucherer sind jene ägyptischen Edelleute (Lachen links), die schon, feit Olims Zeiten Kornwucher treiben und an der Börse den ehrlichen Bauer um den Ertrag seiner Arbeit bringen. (Erneutes Lachen links.) Wir wollen dem Bauer Helsen, wir glauben noch an das Wort: Hat der Bauer Geld, bann hat's die ganze Welt. Wir freuen uns, daß die Regierung aus Deutschland nicht einen Industriestaat machen will. Darunter würde nicht nur unsere Wehrkraft leiden, sondern auch unsere Staatsordnung ttsiftde dadurch schwer geschädigt. Die So­zialdemokraten versprechen den Leuten alles mögliche, aber hier, wo es sich um eine Maßnahme handelt, die den Arbeitern Vorteil bringen kann, stimmen sie dagegen. Es ist ja sehr leicht, die Ar­beiter zu verhetzen und aufzuwiegeln. Wir stimmen den Handels­verträgen in der Hoffnung zu, daß für die Landwirtschaft bessere Zeiten kommen, als sie bis jetzt gehabt hat.

Abg. von Gerlach ffreif. Vergg., mit Qho-Rufen von rechts empfangen): Es wäre Ihnen natürlich lieber, toenn_nur Befür­worter der Verträge zu Worte kämen. Aber Sie müsien schon ge­statten, daß hin und wieder auch mal ein Redner der Linken das Wort ergreift. (Ruf rechts: Kilometerredner!) Cs kommt nicht nur auf die Quantität, sondern auch auf die Qualität an. (Große Heiterkeit.) Herrn Heim sind wir nicht böse, er hat uns zwar etwas gekitzelt, aber seine Rede bietet uns gutes Agitationsmaterial. Die Handelsverträge sind 7 Wechselbälge, sie sind das ganz naturgemäße Erzeugnis des Monstrums Zolltarif. (Aul au! rechts.) Wir danken Ihnen, Herr Doktor! (Abg. Dr. Heim:. Den Dank, Dame, begehr' ich nicht! Große Heiterkeit.) Ob Sie ihn wollen oder nicht. Sie kommen um den Dank nicht herum.

Die Behauptung des Abg. Gothein, daß Bismarck sich zuletzt von der Zollpolitik abgekehrt habe, ist von der Regierung unwider­sprochen geblieben Also besteht sie zu Recht. (Lachen rechts.) Der Abg. Sieg meinte: wir sollen jetzt die Streitaxt begraben; der Dbg. Tove erwiderte ihm: oh nein, nun erst recht! Die Stellung der Na­tional-Liberalen ist sehr schwierig. Welchen Eindruck hafte man von der Rede des Abg Beumer?Sie saßen an den Wasseim von Babel und weinten." (Große Hefterkeit.) Herr Beumer schilderte, wie unsere Maschinenindustrie direktpreisgegeben, in den Skat ge­legt sei, wie das Hauptfachblatt einer anderen Industrie mit Trauerrand erschien: kurz, wie übel Ihnen (zu den Natt.) jetzt, zu Mute ist, daß Sie für den Tarif gestimmt haben. Wir. wollen jetzt nicht ruhen, wir wollen die Agitation in das Volk hinaustragen, damit das Jahr 1918 ein Jahr der Abkehr von unserer Zollpolitik werde! (Zustimmung in der freif. Vgg.) Bei seinen weiteren Ausführungen wird Redner wiederholt von Zurufen der Rechten unterbrochen, was

Präs. Graf Ballestrem wie folgt rügt: Ich bitte, den Redner nicht zu unterbrechen. Sie halten dadurch nur das Geschäft auf! (Schallende Hefterkeit. Zuruf links, zur Rechten hinüber:Sie halten wirklich Ihr Geschäft auf!")

Abg. v. Gerlach (freif. Vgg.): Der Abg. Stöcker meinte: seine Wähler, kleine Leute, seien für Zölle. Nun, meine Wähler sind auch kleine Leute! Freilich, der Abg. Wolf meinte im vorigen Jahre: das feien blinde Hessen gewesen! (Große Heiterkeit; Abg. Dr. Wolf nickt eifrig.) Nun, ich wünsche, Ihre Wähler hätten so helle Augen: bann säßen Sie hier nicht im Reichstag! (Heiterkeit.) Ich bin selbst vom Lande, weiß auf dem Lande sehr genau Bescheid (Lachen rechts) vielleicht bester, als mancher, der ein Rittergut besitzt, aber nie etwas von der Landwirtschaft gelernt hat! (Sehr gut! links.) Daß Der Groß grundbesitz Vorteil von den hohen Zöllen hat, das bestreitet bei uns kein Mensch. Aber wft sind der Ansicht: wft haben überhaupt viel zu viel Großgrundbesitz; es wäre ein Segen, wenn er vermindert würde.

Staatssekretär Graf Posadowsky: Ich habe mich über bK Stellung des Fürsten Bismarck zu den Getreidezöllen schon, gelegent- licki der Beratung des Zolltarifs geäußert. Ms es sich im Jahre 1887 um die Erhöhung des Gefteidezolls auf 5 Mark handelte, hat die Negierung einen Zoll von 6 Mark voraeschlagen. (Hört, hört!) Es ist ganz natürlich, daß man bei Verhandlungen mit anderen Staaten höhere Zölle einsetzt, um etwas nachlasten zu können und um Kompensationen zu haben. Wir haben das mit unserem auto* nomen Zolltarif ebenso gemacht. In der Kommission wies Fürst Bismarck darauf hin, daß man unter allen Umständen höhere Satze einstellen müste, um dadurch, daß man etwas ablätzt, beste« Be­dingungen für unsere Jndustrieprodukte nach Rußland zu erharren. Ganz denselben Standpunkt haben wir eingenommen; auch hnr brauchen Kompensationen, um industrielle Zölle zu errerchen, unter denen unsere Ausfuhr nach Rußland möglich ist. Auf die lichen Ausführungen Bismarcks hin, daß er auf die Getrndezolle von 1881 zuruckgehen würde, habe ich bre Akten durchsehen lasten, aber auch nicht die Spur eines amtlichen Anhalts dafür gesunden, daß Fürst Bismarck jemals auf den Zoll von 1 Mark zuruckgehen wollte. (Hört, hört!) Aber wenn Bismarck, was taftachlrch mcht zurrifft, wirklich gesagt hätte, wir wollen mit ven Gefteidezöllen unter 5 Mark herabgehen, was würde das bedenren? ©taatSturyt ist eine Kunst, die mit den vorhandenen Umstanden rechnen mutz. (Sehr richftg!) Sie ist kein Dogma und kein Petrefakt; und wenn wir heute etwas anderes tun, als vor zloanzig Jahren, so würde daraus noch lange nicht folgen, daß wir unrecht haben. (Sehr richftg!) Denn die Verhältniste änbem sich fortgesetzt. Wenn Fürst Bismarck noch lebte, würde er jedenfalls unserer Ansicht fein. iLebhaste Zustimmung.) In der Periode von 18841887 betrug der Weizenpreis in Preußen 164 Mark, bet Roggenprers 137 Mark. Obwohl mm seitdem die öffentlichen Lasten ganz ungeheuer gestiegen und vor allem infolge der Leutenot die Löhne erheblich zugenommen haben infolge der Konkurrenz der Industrie, war doch tn der Periode von 18961899 der Weizenpreis ebenso hoch wie 18841887, nämlich 164,50 Mark und der Roggenpreis betrug sogar 134 Mark, also nur 3 Mark weniger. (Hört, hört!) Daraus folgt doch mit absoluter Sicherheit, daß wft angesichts der autzer- ordentlich gestiegenen Brutto-Kosten der Landwirtschaft die ZöLe au erhöhen genötigt waren. (Sehr richtig I) Vergesten wft doch nicht, daß das allein Entscheidende nicht die Rr«ste der Produktion, In­dern die. Höhe des Reinertrags ist. (Sehr richtig I) Wenn Sm innner sagen: die Zölle kommen nur den Großgrundbesitzern *1 gute, so kommen Sie bei aller Dialektik nicht über die Tatsache ümweg, daß die Bauernvereine ohne Ausnahme für höhere Zölle etm getreten sind. (Widerspruch links.) Dft Ausnahme ist sicher emej