Montag 18, September 1905
Grftes Blatt
General-Anzeiger
Amis- und Anzeigehlaii für den Kreis Gießen
Nie Heutige Kummer umfaßt 10 Seiten.
155, Jahrgang
Nr. 219
«rfchetut täglich außer Sonntags.
Dem Gießener Anzeiger werden im Wechsel mit dem kefslschen Landwirt die Eiehener Familien- llähet oiemtal in der Woche beigelegt.
Rotationsdruck u. Verlag der Brüh l'sehen Unwers.-Buch-u. Stein- druckeret. 9L Lange. Redaktion, Ervedition und Druckerei:
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Kernsprechanschluß Nr. 51.
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Verantwortlich füt den polit. und allgcm. Teil: P. Wittko; für .Stadl und Land" und „Gerichtssaal": August Goetz; für den Anzeigenteil: Hans Beck.
Politische Wochenschau.
Die Flottenmanöver der aktiven Schlacht flotte ivurden am Mittwoch der vergangenen Woche zum "Abschluß gebracht. Am Freitag erfolgte die Beendigung der großen Kaisermanöver in unserer Gegend. Die Kriegsbereitschaft des Deutschen Reiches zu Wasser und zu Lande wurde bei diesen Veranstaltungen in einigen Reden hcrvor- gehobcn, in denen zu gleicher Zeit die Friedenstcndenz der deutschen Politik mit Nachdruck betont wurde. In Homburg und Koblenz feierte der Kaiser in viel beachteten Trinksprüchen die Segnungen des Friedens. Er ermahnte das deutsche Volk zur Eintracht und wünschte ihm von Herzen eine Beendigung des konfessionellen Haders, damit es dastehc nach innen geschlossen, nach außen entschlossen. Wer möchte nicht dieses schöne Ziel für erstrebenswert halten, wer nicht dem kaiserlichen Sinnspruch herzlich zustinrmen? ....
Reichstagsabgeordneter Dr. Spahn führte in einer Bonner Rede aus, daß das Zentrum positive 'Arbeit für das Reich zu leisten bereit sei, um sich in seiner beherrschenden Stellung zu befestigen. So wird es in der Frage der Finanzreform prinzipielle Zugeständnisse machen, ebenso beim Ausbau der Flotte, für den Spahn die Bewilligung von Linienschiffen größeren Deplazements etwas verhüllt ankündigte. 'Auch in kolonialen Dingen betonte er ein größeres Entgegenkommen. Was speziell die Reichs- stnanzreform angeht, so gab er den Vorschlag seiner Partei auf weiteren Ausbau des Matri kularbeitrags- wef ens preis. Er will also versuchen, das Reich von den Bundes staaten finanziell unabhängig zu machen. Wie ernst es ihm damit ist, fielst man daraus, daß er erklärt, das Zentrum habe seinen Befähigungsnachweis für die Steuerpolitik im Reiche zu erbringen. Das Zentrum wird vermutlich, damit die neue Steuerlast nach Maßgabe des Interesses der einzelnen Stände an der Weltpolitik verteilt werden soll, eine direkte Steuer in Vorschlag bringen. Nur auf Grund des politischen Programms des Zentrums, erklärte Dr. Spahn schließlich, werbe das Reich gedeihen können. Danach wird es also eine Reihe von parteipolitischen Kompensationen nicht außer acht lassen, und es wird die Zentrumsära in den nächsten .Fahren gefestigter sein als jemal's zuvor.
Wie nah und eng indes die Reibungsflächen zwischen Zentrum und Negierung sind, zeigt der Fall des Erlasses des Posener Erzbischofs v. Stablewski gegen das Verbot der polnischen Sprache im Religionsunterricht, bei der Beichte und Kommunion polnischer Kinder. Der Erzbischof wies den Regierungserlaß als einen Eingriff in seine geistlichen Befugnisse zurück; es soll nicht untersucht werden, ob mit Recht oder Unrecht, bezw. ob der Regierungserlaß klug oder zu weit gegangen ist. Es genügt, nur den Widerspruch der Bestrebungen aufzudecken. Hie Staat, hieKirche, die eine ebenso unabhängig und souverän wie der andere, nicht geneigt, ein Iota vom eigenen Rechte aufzugeben. Daß dabei Konflikte immer wieder kommen werden, ist so selbstverständlich, daß man es kaum zu wiederholen braucht. Die Presse brachte den Besuch des preuß. Ministers des Innern v. Bethmann-Hollwegbei dem Erzbischof v. Stablewski mit der Erlaßaffäre in Verbindung. Die Regelung der Angelegenheit wäre eigentlich Sache des Kultusministers. Man wird daher abwarten müssen, ob die Nachrichten sich bestätigen. Jedenfalls läge jetzt, nachdem der Katholikentag so viel von Toleranz gesprochen hat, der beste Anlaß vor, sich tolerant gegenüber dem Staate zu zeigen. Welchen 'Ausgang die Affäre nehmen tvird, kann man aber nicht wissen.
Den Reichskanzler Fürsten Bülow „beförderte" der Kaiser während der Manöver zum Generalmajor. Diese für den obersten deutschen Kriegsher. ' recht charakteristische Verleihung fiel in die Zeit, in der über die marokkanische Frage die abschließenden Vereinbarungen mit Frankreich eingelcitet wurden, in der Dr. v. Rosen in Paris die mündlichen Verhandlungen aufnahm. Die Pariser „Agence Havas" meldete, daß die Unterredungen zwischen Dr. v. Rosen und Revoil bisher stets zufriedenstellend verliefen. Doch erst in dieser Woche dürften sie zum Ziele führen. Mit der Marokkoaffäre hängt es auch zusammen, baß der deutsche Botschafter in Madrid, v. Rado Witz, zum Besuch des Reichskanzlers in Baden-Baden eingetroffen ist.
Als eine Folge der Fleischteuerung werden vielfach, auch von sozialdemokratischen Blättern, die Wahlresultate in Schwarzburg-Rudolstadt, wo die Sozialdemokraten allein die Hälfte aller L an d- tagsmandate errangen, und die Abstimmung bei den Landtags.Wahlen in Sachsen bezeichnet, wo die Sozialdemokraten überall in den städtischen Wahlkreisen die dritte Wählerklasse eroberten. Das Resultat der sächsischen Landtagswahlen ist noch nicht zu übersehen. Sicher ist die agrarkonservative Mehrheit unerschüttert, obwohl einige Mandate verloren sind.
Eine große Reihe von Kongressen und Versammlungen charakterisiert die Lebhaftigkeit des öffentlichen Lebens auf allen Gebieten. So tagte in der vorigen Woche der jung- liberale Parteitag, der die „Toleranz"politik des Zentrums in heftiger Wesie anariff; ferner sanden die Generalversammlungen des Deutschen Pfarrertages, des deutschen Medizinalbeamtenvereins, des Vereins für Gesundheitspflege usw. statt. Es tagten die öaugewerksgenossenschaft und die Innungen der deutschen Baugewerksmeistcr in Braunschweig, die konditionierenden Apotheker in Hannover, der Anwaltstag ebenfalls dort, und in Westerland der Kon
greß der Erwerbs- und W i r t s ch a f t s g e n o s ] e n * schäften. Die Antialkoholiker versammelten sich in Dresden und Budapest, die internationalen Kriminalisten in Hamburg; ferner fanden die Generalversammlung der Straßen- und K.ernbahn-Gesellschaften und des Verbandes für kaufmännisches Unterrichts wes en statt, also eine Fülle von Kongressen und Anregungen, eine wirkliche Kongreßwoche!
Das Erdbeben in E a l o. b r i e n hat im Süden der italienischen Halbinsel 'einen schweren Notstand geschaffen, zu dessen Beseitigung auch der deutsche Kaiser (10 000 Lire!, die deutsche Bankenwelt und die Stadt Berlin Beiträge stifteten. Auch im Ar lb e r g g e b i e t wurden in der vergangenen Woche Erdstöße wahrgenommen.
In Ungarn hat der Ministerpräsident Baron Fejer- varh seine Entlassung gegeben. Wie bestimmt verlautet, will die Krone nun mit dem Grasen Johann Zichy, Ladislaus v. Lukaes oder Koloman v. Szell versuchen, eine Entwirrung herbeizuführen. Die Organisation der Koalition erklärt, daß der allgemeine Optimismus bezüglich der Lösung der Krise von den führenden Männern der Koalition nicht geteilt wird, da sich im Standpunkte der Krone bezüglich der Militärfrage nichts geändert habe. In der Z e v s i g a f f ä r e, die recht schmutzige politisch-journalistische Treibereien zutage förderte, erregte es Aufsehen, daß von den von der Polizei an das Gericht übersandten ülkten ein kompromittierender Brief Baron Banffys an Zigany nicht zu den Akten genommen worden ist.
Unserer Meinung nach hat man in Wien nicht klng gehandelt, indem man die Einführung des allgemeinen Wahlrechts ablehnte, denn man wird für diese Nachgiebigkeit gegen die Mehrheit des gegenwärtigen Parlaments doch nicht die Nachgiebigkeit dieser Mehrheit in der Armeefrage eintauschen. Es wäre deshalb jedenfalls richtig gewesen, einen Versuch zu machen, diese reaktionäre Mehrheit durch ein wahrhaft liberales Wahlrecht zu zerschmettern.
Auf dem Balkan fanden zwischen türkischen und serbischen Grenztruppen heftige Gefechte statt. Das serbische Regierungsblatt stellte fest, daß Ueberfälle tägliche Vorkommnisse seien. Auch die Waffenbrüderschaft wilder Arnautenbanden mit türkischem regulären Militär sei eine gewöhnliche Sache. Dadurch sei die Volkserregung erklärlich sowie die einmütige Forderung nach Genugtuung und nach einer Garantie ge-gen zukünftige ähnliche Fälle. Die Regierung habe deshalb den Gesandten in Konstantinopel angewiesen, bei der Pforte energischen Protest gegen die Ueberfälle aus serbischem Gebiet, einzulegen und die Bestrafung der Schuldigen mit den härtesten Strafen sowie Entschädigung der Betroffenen zu verlangen. Die Entschädigung werde später durch Serbien normiert. Serbien schätze, so fährt das Blatt fort, die guten Beziehungen zur Türkei. Es hänge nur von dem guten Willen der Pforte ab, diese zu erhalten. Deswegen sei Hoffnung vorhanden, daß die Türkei die Forderungen Serbiens erfüllen werde. Im entgegengesetzten Falle werde Serbien trotz des guten Willens, die freundnachbarlichen Beziehungen zur Türkei zu miterhalten, zur Notwehr gezwungen sein.
Die Lage auf dem Kaukasus istunverändert schlimm. IN Baku ereignen sich politische Morde auf den belebtesten Straßen. Die Mörder bleiben unbehelligt! Es herrscht eine furchtbare Panik. Die Geschäfte sind verbarrikadiert und die Einwohner verbergen sich in Kellern und sonstigen Verstecken. Die Stadt, die vor kurzem noch in reger Blüte stand und tausenden von 'Arbeitern durch ihren Handel und ihre Fabriken die Mittel zum Lebensunterhalt gewährte, ist in Untätigkeit verfallen. Die Bauern, durch die Agitatoren verleitet, berauben die Grundeigentümer, deren 'wirtschaftlicher Untergang sie selbst ihrer Einkünfte beraubt Die Regierung steht dieser völligen 'Anarchie ratlos gegenüber.
Wie Rußland ist auch Japan der Schauplatz von Empörungen. Die Drohungen de§ Pöbels, daß man die Friedens-Delegierten ermorden werde, dauern an. In der Hafenstadt Yokohama ist die Ruhe wieder hergestellt. Das von dem Minister des Innern Vicomte Poshikawa eingereichte Entlassungsgesuch wurde angenommen. Sein Nachfolger wird der Minister für Ackerbau und Handel Baron Kiyoura, der gleichzeitig sein bisheriges Ressort beibehält.
Heber den Untergang des Togoschen Flaggschiffes „Mikasa" brachte ein englisches Blatt eine detaillierte Schilderung. Der Untergang wurde durch eine Reihe von Explosionen herbeigeführt. Es war eine prachtvolle Mondnacht und da sämtliche Kriegsschiffe und Landstationen ihre Scheinwerfer der „Mikasa" zuwendeten, konnte man deutlich sehen, wie sich an Bord aufregende Szenen abspielten. Es wurden sofort von allen Seiten Boote zu der „Misaka" geschickt. Die Bootinsassen und die Ueberlebenden von der „Mikasa" waren auf das Tapferste bemüht, ihre Kameraden zu retten. Tas Wasser drang durch ein großes Loch in der Portseite des Schiffes mit Getöse ein und die „Mikasa" begann zu sinken. Ein in der Nähe des Schiffes liegender Transportdampfer, die „Kaikoko Maru", wurde durch das aus dem Schiff herartSschlagende Feuer beschädigt. Man glaubt, daß der Schaden, den die „Mikasa" erlitt, sich leicht reparieren lassen wird. Die Zahl der Ertrunkenen wird auf 2 00 angegeben. Der Marineminister, Baron Pamamoto, trat dem Gerücht entgegen, daß Unzufriedenheit in der Flotte zu der Vernichtung der „Mikasa" geführt habe. Er erklärte, daß eine derartige Unzufriedenheit in einer diSzipli- nierten Marine ausgeschlossen sei und daß sämtliche Marine
offiziere darin übereinstimmen, daß es sich um einen Unglücksfall bandele. ,
Are Karsermanöver.
(Eigener Bericht des Gießener Anzeigers.) Limburg a. d. Lahn, 15. Sept.
Nach der allgemeinen Kriegslage hatte eine rote Armee, zu der das 18. Korps gehörte, von Süden eindringend, blaue Truppen bei Mainz über den Rhein gedrängt, wahrend eine blaue Armee sich bei Marbu r g sammelte. Not ist nun im Vor- umrsch nach Norden geblieben, um seinen großen Feind bei Marburg aufzusuchen. Das 8. Armeekorps (blau) mußte vor ihm zurückweichen, da die blaue Armee ihren vollständigen Aufmarsch Nachrichten zufolge erst am 14. beendet hat und daher bis dahin eine Bedrohung für Rot nicht darstellte. e>o hat Not andauernd versucht das 8. Korps von Marburg abzudrängen. Am 12. abends standen die feindlichen Korps sich bei Nastätten aegenüber, blau die Front gegen Osten, rot gegen Westen. Am 13. abends standen sie etwas nördlicher bei Katzenelnbogen ähnlich, blau die Front gegen Nordosten, rot gegen Südwesten. Gestern abend endlich sahen wir sie noch weiter nördlich, und ihre Fronten batten sich noch mehr gedreht. Blau stand mit der Front nach Westnordwest in einer Linie Dörsdorf- Camberg, rot hatte sich an die Lahn gezogen, und sich rückwärts an di-se lehnend mit dem Zentrum bei Limburg zwischen Diez und Runkel aufgebaut. Da das Korps durch Abkommandierungen geschwächt war und das Marburger Gespenst noch immer txrofrte, so hatte General v. Eichhorn beschlossen, hier eine starke 23er» teidigungsstelle einzunehmen.
General v. Deines beabsichtigte anzugreifen, um sich wenn möglich, in den Besitz der Lahnübergänge zu setzen.
Ein heftiger Kampf entspann sich bei Werschau am Fuße des Sensen-Kopfes; die 21. Division nahm die Höhen bei Werschau und drückte die 16. Division zurück. Hierbei kam es auch zu einer Attacke der beiden Kavallerie-Divisionen, Die Blaue würbe zurückgewiesen, weil sie in das Feuer des 87. Negimenis kam.
Sonnenstrahlen brachen hier und da durch, der Nebel zerstoß langsam, und ein entzückendes Panorama tat sich ringsumher auf: Wiesenwachs und Sturzacker, schmucke Ortschaften; und üppige Waldparzellen allenthalben ein Tal, auf den Hügeln-- und im Hintergründe vor uns die nördlichen Ausläufer des Taunus. In Scharen kamen die Schützenketten der dauere' über die Hügelkämme herüber, ergossen sich ins Tal und stürmten die Höhen. Hier und da gelang es vielleicht, im allgemeinen behauptete Herr v. Eichhorn den Kern seiner kolossalen mit so viel Geschick gewählten und befestigten Stellung. Allerdings hatte das 18. Korps die Uebermacht seiner vier Divisionen noch nickst voll entfalten können. Während die Geschütze donnerten, und die Maschinengewehre mit dem Jnfanteriefener sich zu einem Höllenkon'.crt vereinigten, gab der Ballon der Manöver-- leitung das Signal ,,Abrücken!" Das Manöver wurde abgebrochen, und der Kaiser hielt Kritik, in der er seine vollste Zufriedenheit mit den Leistungen beiber Korpss aussprach.
Am alten Zollhaus; an der Chaussee nach Kirberg befand sich die Manöverleitung; als wir dort eintrafen, sahen wir den Kaiser mit seiner großen Suite davonsprengen, neben ihm der Stellvertreter des Chefs des Generalstabes Gen. St v. Moltke. Auch die Kaiserin war zu Pferde, sie hat später im Galopp die ganze langgestreckte Front des anrückenden Korps abgeritten; Prinz Albrecht waltete seines Schiedsrichter- amtes, zwei Schwestern des Kaisers, die Primessinnen Adolf zu Schaumburg und Friedrich Carl von Hessen, sowie der Kronprinz und alle übrigen fürstlichen Manövergaste hatten sich beritten gemacht Der Kaiser wechselte seinen Standpunkt: mehrfach.
Koblenz, 16. Sept
Der Kaiser hielt gestern lange Kritik. Er rekapitn- lierte den Verlauf der Marschbewegungen und Gefechte der ganzen Manövertage — und man sagt in militärischen Kreisen, baß diese Rückblicke Meisterstücke seien in Klarheit der Darstellung und in Scharfe des Urteils — dann wandte er sich den Leistungen der Truppen zu. Die Truppen sahen trotz der großen Anstrengungen der letzten Tage, ja Wochen, durchgängig gut auS, als sie direkt aus den Stellungen weg gestern mit klingendem Spiel den Stationen zu marschierten, auf denen verladen werden sollte. Gewiß sah man hier und da matte Augen und schlechte Haltring, den meisten aber gab der lustige Marschtakt ihre Energie wieder und wenn selbst Trommel und Pfeife schwieg, wurden alle Soldatenlieder angestimmt.
Im Ganzen wurden befördert 1950 Offiziere, 50 000 Mann und 2400 Pferde in 57 Sonderzügen: und zwar gestern 1700 Offiziere, 45 000 Mann und 1500 Pferde in 44 Sonderzügen- heute 250 Offiziere, 5000 Mann und 900 Pferde in 13 Sonderzügen. Auf den Linien Staffel-Engers und Staffel-Hadamar konnten nur halbe Militärzüge fahren. Bis auf einige Güterzüge, die umgeleitet wurden, blieb der gewöhnliche Verkehr aufrecht erhalten, waS bei dem Umfang desselben in der Rheinprovinz gam gewiß eine höchst anerkennenswerte Leistung ist.
Ein ganz wunderbares Schauspiel war es, als der Kaiser gegen Ende des Manövers vom Nauheimer zum Mensfelder Kopf auerfelbein hinübergalopvierte und die Tausende ihm nachströmten über Wiesen und Kartoffeläcker, vergnügt trotz der nassen Füße, die die Niederschläge des Nebels im Kraut brachten, Männlein und Weiblein, und wie die sechs oder acht Gendarmen Mühe hatten, den Raum um den Kaiser und seine Herren einigermaßen frei zu halten, und zu sorgen, daß man ihnen nicht direkt unter ihre galoppierenden Pferde lief.
General v. Eichhorn hat alle seine Schlachten ganz von rückwärts dirigiert, wie Opama bei Mukden. Wisr haben mehrfach darauf hingewiesen, daß sein Hauptguartier beträchtlich hinter der Front lag. Jede Division hatte vier Telephon-Einrichtungen, dos Gerät wurde auf Wagen gefahren. Verbindung wurde hergestellt mit dem Korps, den beiden Brigaden jeder Division und mit der Artillerie. Das 8. Korps hatte nur Feldtelegraph. Selbstverständlich waren alle die älteren Verständigungsmittel wieder in Tätigkeit, vorn Funkenballon bis zur Brieftaube. Der Heliograph (Lichtsignale mit Kalllicht nach dem Morsealphabet) diente den Schiedsrichtern dazu, sich gegenseitig über die Bewegungen der Truppen anfzuklären; der Apparat wurde von Kavallerieunterofsizieren bedient. Leibgendarmen benutzten mebrsich den Winkspruch mit Flaggen, um Meldungen weiter zu geben.
Unser Regiment ist im Lauf des Manövers wiederholt Gegenstand der Huld seines kaiserlichen Chefs gewesen. Wo der Kaiser das Regiment bezw. Kompagnien des Negiments sah, begrüßte er sie freundlichst mit den Worten „Guten Morgen, Kameraden", worauf


