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Nr. 243 Zweites Blatt.
155. Jahrgang
Montag 16. Oktober 1905
Erscheint täglich mit Ausnahme des Sonntags.
Die „Eiehener Lamilienblätter" werden dem ^Anzeiger viermal wöchentlich beigelegt. Der -HWjche Landwirt' erscheint monatlich einmal.
Gießener Anzeiger
Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Universitätsdruckerei. R. Lange, Gießen.
Redaktion, Expedition ».Druckerei: Schulstr.V.
Tel. Nr. 61. Telegr.-Adr.: Anzeiger Gießen.
General-Anzeiger, Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Eichen
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wes Geistes Kind sie ist und sein will. Man höre den archistischen ,Kanaille"-Scmg:
Valitischr Tagesschau.
Anarchistische „Kauaille"-Poeste.
Die periodische Presse Berlins ist um ein anarchistisches Witzblatt „reicher" geworden. Unter dem gewinnenden Titel .Die Kanaille" erscheint dieses Witzblatt als Monats- beilage zu der anarchistischen Wochenschrift „Der freie Arbeiter". Vier kleine Quartseiten stark, an Inhalt arm, an Witz noch ärmer, verrät die „Kanaille" in einem Leitgedichte,
leiten: er meinte, auch den erwachsenen Frauen Gelegenheit zu künstlerisch geregelten Bewegungsspielen, und zwar jetzt höherer Art, geben zu sollen. Dabei hat er jedoch Voraussetzungen gemacht, die nicht allgemein zutreffen — die heute nicht mehr, oder sagen wir optimistisch, die heute wieder noch nicht allgemem zutreffen. Er läßt die Damen nämlich fließend- Gewänder nach Griechenart überwerfen und stellt ihnen die Aufgabe, nunmehr nach den Bedingungen des dichterischen und musikalischen Gehaltes plastische Posen einzunehmen und diese Posen durch entsprechende Bewegungen zu vermitteln. Dies muß vorläufig vollständig mißlingen, weil unfern jungen Mädchen schon nn jugendlichen Alter, zu Anfang der Zwanziger, ine körperliche Geschmeidigkeit, das heißt die natürliche Grazie und das rem physische Krastbewußtsein verloren gegangen ist. Dadurch, daß meist schon vom vierzehnten Jahre an der jungftäuliche Körper in den Schnürleib gepreßt wurde, sind nicht nur die Hüftgelenke und die Schulterpartien sozusagen eingerostet, sondern auch die übrigen Körperteile, der Kopf, die Arme nnb Beip.e tn Mitleidenschaft gezogen und in ihrer Bewegungsfreiheit behindert worden — fürs* es ist zu keiner körperlichen Kultur gekommen. Vermag nun schon das antike Gewand unseren verschnürten Frauen keineswegs sonderlich ästhetische Werte zu verleihen so sind sie zu kallisthenischen Bergungen Kallisto ist em Bemame der Artemis, die dadurch als „die sckwne" bezeichnet wird) schlechthin nicht imstande. Was man uns da jetzt gezeigt hat, sah in höchstem Grade steif aus oder näherte sich gar der Karikatur Erst über die Zwischenstufe eines systematischen. Turnbetriebes (FreiübungenX wobei die Verbannung des Fnchbeni-Mieders natürlich unerläßliche Grimdbedingung wäre, könnte Daleroze vielleicht mit erlesenen Mädchen zu gewissen Ergebnissen kommen. Im Zeichen des Pariser Korsetts „sans ventte" ist dies ganz ^^Lsier^'setzt das Vorbild der Duncan ein. In einem Aufsätze „Der Tanz" (Pädagogische Reform Nr 4 Oktober-Dezember 1904 S 27) schildert Elisabeth Tousiamt das, was die Duncan uns sein will und ist Sie hat uns wieder einen Tanz gegeben, der
Weibliche Körperpflege.
(Original-Artikel des Gießener Anzeigers.)
Vor einiger Zeit sah ich in Frankfurt — endlich nach langem Wünsckwn und nach dem Hinwegräumen mannigfacher .Hindernisse — Isadora Duncan. Dieser Körper, nicht nur beweglich in allen Gelenken, sondern geschickt, jede Bewegung in der denkbar vollendeten Schönheit, deren sie fähig ist, zu geben! In einer Abrundung und einem Ebenmaße, das, nie vordem gesehen, hinterher den Gedanken erweckte: war daS Wirklichkeit oder ein Märchenbild, wie wir es in Tausend und einer Nacht lasen? Und damit verglichen die Modestöcke, die im Zuschauerraume saßen, sans et avec tientre, aber alle gleichermaßen stocksteif, eckig, abstoßend. Vor der Garderobe wartend konnte ich sie passieren lassen: wie wenige, die auch nur ein Fünkckwn Duncanleben in ihrem Körper hatten! Das ist die Frucht unserer gleichermaßen stocksteifen Mädchenerziehung.
Dabei soll nicht vergessen werden, daß jetzt mancherlei getan wird, um unsere Mädchen und späteren Frauen und Mütter geschmeidiger, gewandter — gesünder zu machen. Radfahren, Schlittschuhlaufen, Schneeschuhsport (hier leider nur im Bogelsberge zu treiben'', Tennis bringen etwas Leben in die verrosteten Gelenke. Auch nicht immer. Tenn ich sehe, mit geschärftem Röntgen- b»licke zuschauend, noch manche Tennisspielerin im Kvrsett gehen: ein haarsträubender Unfug.
In einem Berichte, den Kvrl Hagemann über Neigenspiele and Geberdenspiele der Kinder (Kunstwort, zweites Septcmber- s»'ft 1905) gibt, Iverdcn die Kinderreigen von Dalcroze empfohlen, die, wie ich aus eigener Erfahrung bestätigen kann, recht geeignet sind, schon die Kleinen unter dem Zeichen von Sang und Spiel beweglicher zu erhalten und späteren wirklich schönen Tanz vorzubereiten. Hagernann fährt dann fort:
,Viel weniger vermochten daaegen die sogenannten „Kallisthe- »ischen Spiele" zu befriedigen, die ebenfalls nach Talcrozeschen Siedern von einigen zwanzig jungen Damen ausgeführt wurden. Mer Künstler ließ sich auch hier wieder von einer hübschen Idee
hingen, wenn wir Besitz ergreifen dürfen von diesen altehrwürdigen Mauern, so ist das für uns zugleich ein Fest der Freude und ein Fest des Tankes. Tics schöne Haus, war übernehmen es als ein köstliches Geschenk, aber auch als ein wertvolles Zeichen des Vertrauens. Wir sind uns wohl der Verantwortung bewußt, die uns aus solcher Zueignung erwächst, und wir gedenken alle Kräfte anzuspannen, um dieses Vertrauen nicht zu täuschen, um den Pflichten gerecht zu werden, die der heutige Tag uns auferlegt. Wir leben der Hoffnung, daß das Heim, in deni wir uns jetzt so recht behaglich einnisten wollen, daß es für die Dauer gegründet ist, daß wir mit dem französischen Heerführer sagen dürfen: Hier bin ich, hier bleib' ich, daß die Geschicke dieses Schlosses und dieser Sammlung nunmehr immew dar berknüpst sein werden.
Gießen ist, wie Sie wissen, eine Gründung der Grafen von Gleiberg. Tas Schloß, in dem wir heute stehen, ist vor Zeiten nicht das alte, sondern selber das rtcue gewesen, im Gegensatz zu dem alten, ersten Burgbau, der innerhalb der Stadtmauern in der Gegend stand, die noch heute durch den Namen des Durg- grabens gekennzeichnet ist. Unfcr Schloß, eine alte Wasserburg, mag etwa im Anfang des 14. Jahrhunderts erbaut sein, mit der Bestimmung, als ständiger Wohnsitz des hessischen AmtmannS zu dienen, gelegentlich auch den Landesherren selber gastlich aufzunehmen. Im Ausgang des 16. Jahrhunderts wird es zugleich der Sitz des Oberkommandanten, als diese Würde, die Würde des Hauptmanns, mit der des Amtmanns sich in derselben Person vereinigte. 1605 wird die Kanzlei in das Gebäude verlegt, und diese Aufgabe, ein Hort der Akten und des AktenstaubeS zu fein, ist das Schloß dann im Wesentlichen bis auf unsere Zeiten treu geblieben: ganz zuletzt ist es noch kriegerisch geworden und hat von 1881—1887 eine Kvmpagnie des hiesigen Regiments beherbergt. Unser Herr Konservator selber hat noch dort als gestrenger Kvmpagniechef gewaltet. Während dieser langen Zeiten hat in seinem äußeren Bestand dies Schloß gar manche Umgestaltung erfahren; so schon im Ende des 16. Jahr hunderts, und schon damals sind Erneuerungen, Ausbesserungen notwendig geworden: im vorigen Jahrhundert hat man 1821 und 1860 daran geflickt: als das Militär es verläßt, da gähnt in seinen Räumen das Grauen. Im Haushaltsentwurf für 1881—1891 hatte die hessische Staatsregierung es unternehmen wollen, neues Leben in den Ruinen erblühen zu lassen, indem sie vvrschlug, Dienstwohnungen darin einzurichten: aber dieser Plan hat nicht die Gutheißung der Landstände gefunden. So schien denn das Verhängnis herein-ubrechen über den alten Dau: Im Haushalt für 1891, zu einer Zeit, wo .roch kein Denb malsschutzgesetz bestand, wurde den Ständen der Abbruch deS Gebäudes borgeschlagen: nur der Heidenturm sollte der Vei> nichtung entgehen. Wohl wissen wir, warum wir Seine Exzellenz den Herrn Finanzminister zu unfern Ehrenmitgliedern zählen
Am 22. Februar 1891 richtete der damalige Oberbürgermeister Gnauth ein nachdrückliches Schreiben an das Grvßh. Kreisamt, das damals Herr v. Gagern verwaltete, heute Provinzialdirekwr von Mainz und gleichfalls Ehrenmitglied unseres Vereins. 3>n diesem Schreiben war der Ueberraschung der Bürgerschaft Ausdruck verliehen, daß man über das Gebäude entscheiden wolle, ohne der städtischen Verttetung Gelegenheit zur Aeußerung zu geben: es wurde erllärt, daß 'die Stadt Wert darauf lege, daS Gebäude zu besitzen und bereit sei, es zu einem annehmbaren! Preis zu erwerben. Nach mehrfachen Verhandlungen kam es zu einem höchsterfreulichen Schluß: Unter dem 14. Juni 1893 genehmigte S. K. H. der Eroßherzvg übereinsttnrmend mit den Beschlüssen der Landstände, daß das ehemalige Regierungs-G«. bände der Stadt Meßen überwiesen werde. Cs ist der Stadt sogar erspart geblieben, ein Kanffumme zu erlegen: vielmehr wurde ihr noch vom Staat die Summe zugebilligt, die für den Abbruch erforderlich gewesen wäre. Dafür unterzog die Stadt sich der Auflage, ihr neues Eigentum mit einem Aufwand von 40 000 Mark wiederherzustellen und für alle Zeiten zu unterhalten. Das alles unter der Bedingung, daß das Gebäude einem die Interessen der Provinz Oberhessen fördernden Zweck, , der Unterbringung der auf die vberhessische Geschichte bezüglichen Sammlungen dienstbar gemacht werde. So haben wir denn allen Grund, in Ehrfurcht und tieffter Ergebenheit Seiner Königlichen Hoheit dem Großherzog unfern Dank darzubringen; unfern Dank darzubringen der Hohen Staatsregierung, die auch später noch unsere besonderen Zwecke der Uebersiedelung und Einrichtung durch einen namhaften Bettag gefördert hat: zu danken den Landständen, die so bereitwillig den Vorschlägen der Staatsregierung entgegengekommen sind. Aber das Opfer, ba3 dort durch die Hingabe gebracht wurde, eS war mich ein Opfer für die, die es annahmen, ein Opfer an baren Mitteln. Nach dem so großen ersten Zuschuß hat die Stadt noch mehr als einmal bctrachlich in den Beutel greifen müssen: und zugleich ein Opfer an Arbeit und Mühewaltung, für die Leitenden, wie die Aussührenden. Denn auch unser Museum ist nicht an einem Tage erbaut worden. Fünf Jahre nach jenem Vertrag zwischen Staat und Stadt, am 13. Oktober 1898, beschlossen die Stadtverordneten, den vom Stadtbaumeister Schmandt vorgelegten Plan zur Grundlage für die Wiederherstellung des alten Schlosses zu machen. Dieser ’ Plan fand in einer Audienz, die am 27. April 1899 dem Ober- ■ büraermeister Gnauth gewährt wurde, den Beifall Seiner Königl.
„Sperrt Maul und Ohren auf und hört die Predigt, Tie die Kanaille ins Gemüt euch brüllt. Wird euch das Trommelfell dabei beschädigt, Tas tut nichts, — wer nicht hören will, der fühlt. Dich Bürger, v o l-l g e f r e s s e n e r H a l l u n k e, Tich, Pfaffen, der von Ocl und Salbung trieft, Dich, Ädelsp ack mit blauer Adertunke, Euch alle, die ihr viel zu lang schon schlieft, Soll die Kanaille zausen, ziepen, zupfen, Bis Hören euch und Seh'n vor Angst vergeht, Soll wie ein Floh um eure Seelen hupfen, Bis ihr um Gnade und um Schonung fleht. Doch euch auch, die mit blank gewichsten Stiebeln Ihr proletarisch tut (d. h. honett „im Rahmen des Gesetzes") soll sie zwiebeln, Bis euch zu glatt wird euer Quatschparkett, llnd wenn auch die Kanaille einmal tauche Co tief in euren Unrat, euren Kot
Daß selbst sie trieft von eurer eklen Jauche, — Beruhigt euch: ihr kriegt sie doch nicht tot I
Ihr Brüder all! Es wallt das Blut, da? warme, Trotz schwarz' und roter Pfaffen Stank und Dampf!"
Um den Eindruck dieses anarchistischen Kampfliedes zu veranschaulichen, sind unter dem Text drei vor Angst schlotternde Gestalten angebracht, die den vollgefresienen Bürger, das Adelspack und die roten Pfaffen symbolisieren. Der Vertreter der letzteren sieht dem „Genossen" Paul Singer ungemein ähnlich. Ob die stolze Ankündigung, daß die „Kanaille" nicht tot zu kriegen sei, lange wahr bleiben wird, muß abgewartet werden. Für den Augenblick allerdings dürften die anarchistischen Kassen hinlänglich gefüllt 'ein, die „Kanaille" in guter Hoffnung zu erhalten.
endlich die höchste Schönheit zeigt, den menschlichen Körper. So lange sie aber nur die Antike nachahmt, darf sie und dürfen wir nicht stehen bleiben. Sondern wir müssen auf ihrer Grundlage weiter bauen, um wieder einen wirklich schönen, künstlerischen: Tanz nicht nur auf der Bühne, auch im Volke zu erhalten. Die weiteren Ausführungen der Verfasserin sind so interessant- daß ich etwas davon hierher fetze.
..Die Indianer Nordamerikas haben unter anderem einen Büffeltanz, der die Freuden der Jagd versinnbildlicht. Auf, bert Inseln der Südsee werden vielfach Szenen aus dem täglichen Leben dargestellt int Tanze, so z. B. das Pflanzen, Ernten und Genießen der Feldfrucht. Hier können wir einsetzen bei der Erziehung unserer Kleinen. Wir müssen den^ mimischett Tanz pflegen, nicht nur auf dem Schulhofe und Spielplätze, wo er — freilich oft herzlich verständnislos — geübt wird, sondern mich im Hause. Unsere Kinder sind reich an Spielreimen und Liedern, die zwar oft an Inhalt und Melodie Schaden erlitten haben, die aber mit geringer Mühe der Lehrer und Eltern wieder auf künstlerisch reine Höhe gebrackst werden können. So habe ich von unseren größeren Mädchen beim Turnen ein schönes Lied singen hören, das ich dann m einem Jungbrunnenhefte wieder- fanb: „Es war ein Markgraf über dem Rhein". Meine kleinen Schülerinnen fingen und spielen mit Vorliebe ..Maiglöckchen läutet in dem Tal", andere fingen von dem bösen Jäger und dem armen Mariechen oder vom Dornröschen. Wieder andere zeigen den Handwerker bei seiner Arbeit,*^ die Waschfrauen, das Kind im Spiele. Alle Kinderlieder sind dramatisch, denn eben nur das Dramatische fesselt das Kind; es will nicht denken im Spiele, sondern erleben. Warum soll nickt ebenso der Inhalt der Lieder, die die Heranwachsende Jugend singt, im Tanze dargestellt werden? Es käme nur darauf an, das mimische Spiel nickt fallen zu lassen im Kindesalter, um es nachher im Ballsaale und in der Tanzstunde zu ersetzen durch mühsam herbeigeholte sinnlose fremde Tänze.
*) So auch Dalcroze.
Deutsche- Reich.
Berlin, 15. SD ft Der Kaiser und die Kaiserin fimb gestern auf Wild Parkstatton eingetroffen und haben sich dann nach dem neuen Palais begeben. Der Kaiser hörte dnnn den Vortrag des Ehess des Zivilkabinetts Wirkt. Geh. Aats Dr. v. Lueanus und naym eine größere Anzahl militärischer Meldungen entgegen.
— Zur heutigen Abendtafel beim Kaiserpaar im neuen Palais bei Potsdam war der Fürst von Monaco geladen.
— Tie Morgenblätter melden, die Kaiserin, die Prinzen Eitel Friedrich, August Wilhelm, Oskar und Joachim wohnten einer Wohltätigkeitsvorstellung zum Besten der Truppen in Südwestafrika, der An- gehörigen und Hinterbliebenen derselben im neuen Opern- thcatcr bei. Ter größte Teil der gebotenen Komposi- tioner war von dem Prinzen Joachim Albrecht, unter anderen das Ballett „Meeridylle".
— Wie der „L.-A." mitteilen kann, sind die Oberpräsi- 6 euten der Monarchie in Berlin versammelt, um mit dem Minister des Innern und dem Kultusminister über das Schulunterhaltungsgesetz zu konferieren. Jtts- besondere handelt es sich um die Frage, wer zum Träger der Schulunterhaltungspolitik gemacht werden soll. Von dem Ergebnis dieser Beratungen wird es abhängen, ob der preußische Landtag noch in diesem Jahre einberufen werden kann, oder ob ihm das Gesetz erst zu Anfang nächsten Jahres unterbreitet werden wird.
— Wie die „Berl. Korresp." mitteilt, ist der Anregung des Reichstages entsprechend, der Reichskanzler möge eine Denkschrift über die für Produktion, Preis und Vertrieb von Waren gebildeten Kartelle, Syndikate und Interessengemeinschaften nebst den Vertragsbestimmungen der Gesellschaften vorlegen, zunächst eine Umfrage bei den Bundesregierungen über bjc in Teutschland bestehenden Verbände gehalten worden. Das hierdurch ge-
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wonnene Material wird durch einen Schriftwechsel mit einzelnen Vereinigungen und sonstigen Interessenten ergänzt. Dem Vernehmen nach soll auf- Grund dieser Vorarbeiten dem Reichstage tunlichst schon bei seinem Zusammen treten )er erste Teil der Denkschrift mitgeteilt werden, in der eine kattsttsche Uebersicht über den Umfang der Verbandsbildung innerhalb' des Reichsgebietes gegeben wird und die Verträge der Verbände sowett als möglich abgedruckt sind.
Hannover, 14. Okt. Der Provinzialausschuß ist bereit, ein Fünftel der Kosten des Rhein - Leinekanals (1077 000 Mk.) zu übernehmen unter der Bedingung, daß ne Städte Hannover, Linde und Osnabrück die übrigen vier Fünftel sickern ehm en.
München, 15. Okt. Großfürst Cyrill und sein Bruder Andrej, der gestern von Petersburg hier ein- getroffen war und sich nach Tegernsee begeben hatte, sowie )ie Großherzogin Melitta kamen am 12. d. M. von Tegernsee nach München zurüa. Am Abend reiften die Großfürsten mit Schnellzug nach Berlin bezw. nach St. Petersburg. Die Großherzogin Melitta verabschiedete ssichi im Hauptbahnhofe.
— Der König von Spanien, der demnächst hier eintrifft, soll, wie verlautet, nicht lediglich eine Antritts- visite machen, es soll vielmehr eine Heirat mit einer Tochter des Prinzen Ludwin «'plant sein.
Aie Einweihung des neuen Museums im allen Schloß.
Gießen, 14. Oktober 1905.
Zu der, wie bereits kurz berichtet, heute vormittag 11 Uhr erfolgten Einweihung der neuen Räumlichkeiten für daS Museum deS oberhefsifchen GefchichtSvereinS hatten sich die Mitglieder des Vereins, sowie Vertreter benachbarter historischer Vereine in sehr großer Zahl eingefunden. Die Großh. Staatsregierung wurde durch Ministerialrat Freiherr v. Biegeleben vertreten. Von der Provinzialdirektion waren Provinzialdirektor Gcheimerat Dr. Breidert und Regienmgs- rat Dr. Wagner anwesend, die Stadt Gießen war durch Oberbürgermeister Mecum und zahlreiche Mitglieder der Stadtverordneten-Versammlung vertreten und vom Großh. Landesmuseum in Darmstadt war dessen Direktor, Geheimer Kabinettsrat Römheld erschienen.
Der Festakt fand in der schmucken und freundlichen Vorhalle des Museums im 1. Stock statt, die durch die mit Pflanzen umrahmte Büste S. K. H. des Großherzogs geschmückt war.
Oberbürgermeister Mecum übergab im Namen der Stadt Gießen die Räume dem oberhefsifchen Gefchichtsverein, indem er ausführte, daß, als er vor einigen Jahren zu gleichem Zweck die seitherigen Museumsraume übergeben habe, schon damals daS Gefühl allgemein gewesen sei, daß die beiden Säle deS alten Rathauses nicht auf die Dauer für die Sammlungen genügen würden. So habe es nahe gelegen, daß die Stadt nach Erwerbung des alten SchloffeS daran gedacht habe, hier dem Museum eine bleibende Unterkunfts- ftätte zu bereiten. Dank der Stadtverordneten-Versammlung, die in hochherziger Weise die Mittel dazu bewilligt habe, sei es nicht allein gelungen, daS dem Abbruch geweihte Haus nicht nur zu erhalten, sondern auch aus der Ruine ein so schönes, fast neues Gebäude erstehen zu lasten. Das danke man vor allem dem genialen Architekten Hofmann-Herborn, dem hierfür auch in dieser Stunde ehrende Anerkennung und Dank ausgesprochen sei. Er übergebe das Haus im Namen der Stadt Gießen dem oberhessischen Geschichtsverein mit dem Wunsche, daß mit dem Hause und in dem Hause daS Museum viele Jahrhunderte hindurch Kunde geben möge von dem Gemeinsinn und der Opserfreudigkeit derer, die an dem Zustandekommen deS Werkes mitgewirkt hätten. Möge eS ein Ansporn sein für ihre Nachkommen, eS ihnen gleichzutun, daS werde für alle, die an dem Werk mitgearbeitet hätten, der schönste Lohn ihrer Mühen sein.
Hierauf ergriff der Vorsitzende des oberhessischen Gefchichts- vereinS, Geh. Hofrat Pros. Dr. Behaghel, das Wort zu folgenden Ausführungen:
Hvchansehnliche Festversanrrnlung!
Wenn heute das Oberhaupt der Stadt Gießen dem oberhesfi- ' schcn Gefchichtsverein ein neues Heim überweist für feine Samm-


