Ausgabe 
15.3.1905 Erstes Blatt
 
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^rnht aus Paris. Das heißt, bifc französischen Danken haben Ifü ungern essen hohe Forde nm gen gestellt, daß selbst unter dem Trnck der bitteren Notwendigkeit die russische Negierung daran nicht eingchen konnte. Oder die nissiscke Negierung würde bei einem so verzweifelten Geschäft ihren Kredit heillos kombro- mittieren. Vermutlich haben die sranzösischm Banken einen Wink von $Dernt Deleassö bekommen, die Bedingungen zu nbcrschraubcn. Es ist das einzige Mittel, Rußland zum Friedens- sckluß zu zwingen. Mit dem Erlös der bisherigen An­leihen lassen sich große Sprünge nicht mehr machen: über die Summen ist zum erl>eblichstcn Teil verfügt. Innere Anleihen sind wie ein Tropfen ans den heißen Stein, und die Rnbclvresse darf auch nickt mehr in Bewegung gesetzt werden. Sicherlich haben die französischen Banker! ihre Bereitwilligkeit zu erkennen ge­geben, an einer Anleihe zur Deckung der Kriegsentschädigung sich zu beteiligen. Diese Lknleihe ganz zu übernehmen, wird aus­geschlossen sein bei der zu erwartenden Höhe. Da wird Rußland wieder die Mitwirkung des deutschen Kapitals in Betracht ziehen müssen. Der Fall ist natürlich undenkbar, daß deutsche Finanzbänser, gleichviel unter welchen Bedingungen, nochmals eine russische Kriegsanleihe vermitteln. Erhält R u ß l a n d nir­gends Geld zur Fortführung des Krieges, so wird es in ein paar Wochenfertig" sein. Das liegt im Interesse der Gläubiger Rußlands. In Paris beginnt, so depeschiert der Kor­respondent derVoss. Ztg.", eine heftige Bewegung gegen jede neue Russenanleihe. Eine Aufsehen erregende Studie derRevue" führt aus, Frankreich 'könne seine Rußland geliehenen neun Milliarden nur dann retten, wenn es keinen Pfennig mehr zur Fortsetzung des Krieges gebe. Ein Russenkrach würde nicht nur Hunderttansende zu Grunde richten, sondern auch die Repu­blik wegfegen . . .

Retten, was zu retten ist: zu dieser kühlen, jede Senti­mentalität abstreifenden Auffassung sind also die ehedem so begeisterten Russenschwärmer in Paris gelangt, die vor Entzücken außer sich waren über ein gnädiges Wort aus Petersburg. David Hansemann's berühmtes Wort, daß in Geldsachen die ÖVemüt^ lichkeit ansbör,'. i'"' UTitP-rirrf- worden.

Anß'arrd in Sturm und Drang.

Tie Lage im Innern ist noch immer sehr ernst. Der Aufruhr unter der Landbevölkerung nimmt einen drohenden Charakter an. Mich unter der Arbeiter­schaft gärt es noch immer weiter und die letzten Ereignisse in der Mandschurei Huben ihre Unzufriedenheit noch ver­mehrt. So wurde auf dem Mexander Newski-Prospekte in Petersburg ein General von einem Arbeiter geohrfeigt, ein anderer auf offener Straße beschimpft. Tie in einer Versammlung der illrbeiterdelegierten gefaßten Beschlüsse werden streng geheim gehalten, doch trifft die Regierung Vorkehrungen, um für eventuelle neue Unruhen vorbereitet zu sein.

Ter KrakauerCzas" veröffentlicht eine Mitteilung über die Bauernbewegung in Rußland, worin es heißt: Nach amtlichen sowie glaubwürdigen Privatmeldungen nimmt die unter der Bauernschaft namentlich in Littauen, Polen und Weftrußland herrschende Bewegung immer mehr zu. Tie Situation ist geradezu verzweifelt. Alles deutet auf einen baldigen und blutigen Ausbruch einer Revolution hin. Tie Exzesse sind eigentlich von der Regierung selbst hervorgerufen worden, indem sie in allen Dörfern und Kirchen den Erlaß des heiligen Synod mit der Aufforder­ung, in dem Kampf gegen die Feinde des Kaisers und der Regierung Beistand zu leisten, verkünden ließ. Tie Bauern, durch Agitatoren verhetzt, haben den Erlaß nicht verstanden und beginnen allenthalben zu plündern.

Diese Meldung hat ja bereits vor mehreren Tagen chre Bestätigung gefunden, und heute meldet sogar das offiziöse -Telegr.-Bureau:

Die bei Dmittowsk im Gouvernement Orel gelegenen Be- /itzungen des Gro ß fürsten Sergius wurden ausge- plündert. Die dort befindlichen industriellen Anlagen wurden niedergebrannt.

Aus den Erklärungen der gurischen Gemeinden im Kaukasus geht hervor, dasi die Agitation in Gurien nicht die Losreißung von Rußland zum Ziele hat: die Gurier erklären sich im Gegenteil mit den Fortschrittspar­teien Rußlands solidarisch. Die Gurier fordern die Er­laubnis, den Militärdienst in ihren Wohnorten leisten zu dürfen.

In Moskau soll wiederum ein Lager von Bomben und anderen Explosivstoffeu entdeckt worden sein.

Es hat sich ein Tischler gemeldet, der für den bei der letzten Petersburger Bombenexplosion umge­kommenen englischen Untertan Maeeolagh (wie er nach neuesten Meldungen zu heißen scheint) eine große Anzahl kleiner Kästchen geliefert hat. Maeeolagh war augenschein­lich Lieferant von Bomben. Ob er sie selbst anfertigte, wurde bisher nicht festgestellt.

In Minsk wurde auf den Polizeichef ein Atten­tat verübt, glücklicherweise ohne daß jemand verletzt wurde. Ter Urheber des Anschlages ist verhaftet worden; er nennt sich Bermann.

In Wladimir wurde ein Militärkommando von Ar- t> eitern überfallen, wobei mehrereSoldaten getötet oder verwundet wurden. Nach Meldungen aus Warschau wurden in der Zitadelle 15 Soldaten, welche sich ge­weigert hatten, auf den Kriegsschauplatz zu gehen, stand­rechtlich erschossen.

Daily Chronicle" meldet aus Petersburg:Eine hoch­gestellte Persönlichkeit erklärte, daß zwischen dem Zaren und den Ministern im letzten Ministerrat ein ernster Auftritt stattgefunden haben, der einen sehr peinlichen Eindruck hinterließ. D«r Zar soll den Ministern offen seine Unzufriedenheit ausgedrückt haben, tworauf Witte erklärte, daß nach den Worten des Kaisers den Ministern nichts anderes übrig bleibe, als zurückzutreten." Das wird wohl wieder- eins der berüchtigten englischen Märchen fein. Von wannen kommt dem Londoner Sensationsblatt diese Wissenschaft aus dem Ministerrat hinter verschlossenen Türen?

In der letzten Sitzung des Ministerkomitees wurde die Beratung des die Toleranz gegen die ver­schiedenen Religionsbekenntnisse behandelnden § 6 des kaiserlichen Erlasses vom 25. Dezember vorigen Jahres betr. die Vervollkommnung der Staats­ordnung beendet. Das Ministerkomitee beschloß, die Be­stimmungen über die Erbauung von Kapellen für nicht- christliche Dissidenten einer Durchsicht zu unterziehen, ebenso diejenigen, die sich mit der Stellung der nichtchristlichen Geistlichen, besonders der mohammedanischen, befassen. Des weiteren beriet hie Kommission über die Wahl der Mullahs, über die Befreiung vom Militärdienst und die Errichtung von mohammedanischen Schulen. Tas Komitee sprach sich dahin aus, daß bezüglich der Religionsangelegenheiten der Kirgisen und der muselmanischen Gemeinden im nörd­lichen Kaukasus und in den Gouvernements Stawropol, Turkestan und TranSkasPien die Jurisdiktion der Gouverne- mentsverwaltuugen auszuschließen sei, und daß diese An­gelegenheiten besonderen geistlichen Abteilungen zu unter­stellen seien. DaS Komitee beschloß endlich noch die voll­ständige Durchsicht der Gesetze betr. den Lamaismus unter Heranziehung von Vertretern des lamaitischen Klerus und von Kennern des Lamaismus.

In einer allgemeinen Versammlung der Advo­katengehilfen in Petersburg wurde eine Resolution gefaßt, in der es heißt, die Aufgabe der Spezialkonferenz. unter dem Minister des Innern Bulygin müsse sich er­strecken auf die Ausarbeitung eines Gesetzes betreffend die Einberufung einer konstituierenden Versammlung, an der Vertreter der gesamten Bevölkerung Rußlands teil­zunehmen haben ohne Unterschied der Nationalität und der Religion, unter der Voraussetzung, daß vorher die Ausnahmegesetze über den verstärkten Schutz abgeschafft werden. Ferner müsse die Aufgabe der genannten Kom­mission sich erstrecken auf die Verkündigung der Preß­freiheit, der Redefreiheit, der Vereins- und Ver­sammlungsfreiheit, der Unverletzlichkeit der Person und des Domizils sowie der Befreiung der wegen poli­tischer Verbrechen verhafteten Personen. Die Reso­lution soll allen Gemeindeverwaltungen und Semstwos übersandt werden.

Tas preußische Abgeordnetenhaus beriet am Dienstag u. a. den Etat der Lotterieverwalt- n n g. Die Beratung erftrccFte sick gleichzeitig auf die mit Mecklenbura-Schwerm, Meckleuburg-Strelitz und Lübeck abge­schlossenen Staatsoerträge. Die Vudgetkommission beantragt, den Staatsverträgen Zustimmung zu erteilen. Finanzminister Frhr. v. Rhein bab en erklärt, das Gesetz, das vor einigen Jahren zum Schutz unseres heimischen Lotteriemarktes erlassen wurde, hat sich durchaus bewährt. Boi den Verträgen haben wir keinen finanziellen Vorteil, sondern nur die Gesundung unserer Lotterie- perhältnisse im Auge. Die Regierung werde auf diesem Wege fortsahren und zunächst Verhandlungen mit Elsaß-Lothringen und der h e s s i s ck - t b ü r i n g i s ch e n Latteriegemein- schäft über den Mfchluß von Verträgen sichren.

Abg. Arendt i'fk.l hofft, auch mit Braunschweig und Sachsen werde sich eine Einigung erzielen lassen.

Der Etat der Lotterieverwaltung wird bewilligt, die Staats vertrage angenommen.

Es folgte die Beratung der au die Budgetkommission zurück- gewiesenen Petition betreffdie Errichtung einer Regierung in Allenstein in Ostsweußen. Nachdem sick die Abgg. Graw lZtr.) Kreth (kons.) u. a. für die Petition erklärt, wird diese angenommen.

^anbrokif^afffid)? Landes- und Zubiläumsaus- ftclunsi in Mainz.

(Original-Artikel desGießener Anzeiger".)

Mainz, 14. März.

Heute nachmittag trat unter dem Vorsitz des Geheimrats Ha a s, Präsident deS Hess. Landwirtschaftsrates, der Hanpt- ausschuß der landwirtschaftlichen Landes- und Jubilänms- a.ussiellung im Kasino-.Hvf zum Gutenberg, große Bleichen, Zusammen, um den Ausstellungsplatz endgültig festzu- stellen und um den Verlosungsplan zu genehmigen.

Die Platzfrage hat den Beteiligten viel Kopfzerbrechen gemacht. Tie geeignetsten Plätze, welche die gesamte Aus­stellung aufnebmen könnten, liegen zu weit vom Zentrum der Stadt entfernt und mußten aus diesem Grunde unbe­rücksichtigt bleiben. Der Viehhof mit feiner Umgebung eignete sich um deswillen nicht, als den Ausstellern von Rindern nicht zugemutet werden konnte, die auszustellenden Tiere einer Ansteckungsgefahr auszusetzen. Der Große Sand, die Ingelheimer Aue, der Schützenplatz liegen, wie schon oben angedeutet, zu entfernt vom Zentrum der Stabt. Man mußte sich entschließen, die Ausstellung auf beide Ufer des Rhein ströme s untcrzubrin gen. Die Stadthalte mit ihren anschließenden Plätzen und der Rheinpromenade wird die Bienenausstellung und die Fischausstellung und alle leblosen Gegenstände der Ausstellung anfnehmen. Die gegenüberliegende Mainau, auf dem rechten Ufer des Rheines, wird _bie Rinder, Pferde, Ziegen, Schweine und das Geflügel aufnehmen. Die Rinder- und Pferdeausstellung wird von einem gewaltigen Ring umschlossen, der auch als Rennbahn dienen kann, auf der die Gespanne von Feld­geschützen vorgeführt werden können. Ein innerer kürzerer .Ring zwischen den Stallungen der Pferde und Rinder ist als Musterungsring gedacht.

Diese Scheidung einer Ausstellung in zwei Hälften durch den mächtigen Rheinstrom erschien denen, die zuerst davon hörten, abenteuerlich. Doch gelang es denen, die die Platz- rage gründlich vorgeprüst hatten, fast alle Gegner eines olchen Projektes zu überzeugen, daß der Plan zweckmäßig und überhaupt nicht anders durchführbar fei. In der Um­gebung der Stadthalle sind die zahlreichen Ausstellungs­tiere gar nicht unterzubringen, noch weniger können die unentbehrlichen Vorführungsringe dort angelegt werden. Man kann Ausstellungstiere nur im Freien, in der Be­wegung, auf ihren Wert als Zuchttiere prüfen. Ohne Vor- ührungsringe ist eine Tierschau unmöglich; sie verfehlt ihren Zweck. Und die Ausstellung der landwirtschaftlichen dttttztiere ist doch die .Hauptsache der ganzen Ausstellung. Für jene muß reichlich Raum vorhanden sein, für die Tiere vwohl als für die vielen Menschen, die alle kommen, um die besten der landwirtschaftlichen Nuhtiere des ganzen Landes bequem beschauen zu können. Der Ausstellungsplatz auf der Mainau für die landwirtschaftlichen Nuhtiere soll besonders berücksichtigt werden. Nicht allein durch die aus­gestellten Tiere, sondern auch durch die Ausstattung dieses Platzes soll die Mainau ein besonderer Anziehungspunkt ür die Besucher der Ausstellung werden. Der Ausstellungs- Katz auf der Mainau erhält einen Zugang vom Bahnhof Kastel. Eine Anzahl Tampfer stehen zur Verfügung, die ununterbrochen die Verbindung aufrecht erhalten mit den Ausstellungshälften auf beiden Ufern des Rheins. Gerade von diesem fortgesetzten Verkehr auf dem prächtigen Rhein- trom zur Besichtigung bald des einen, bald des anderen Teils der Ausstellung verspricht man sich einen besonderen Genup für die Besucher. Besonders die Rheinhessen sind überzeugt, daß, wenn die Wasser des Himmels an den Aus- tellungstagen fernbleiben, die Wasser des Nheinstromes der Ausstellung Heil bringen werden. Und darin mögen re Recht haben! Fast mit Einstimmigkeit wurde der Aus- tellungsplatz^ in der beschriebenen Art bestimmt.

Jetzt rüstet Euch zur Ausstellung, Ihr oberhessischen ^andwrrte! Zeigt, was Ihr dem heimischen Boden, der weniger dankbar ist, als der im sonnigen Rheingau, durch ^leig und Zähigkeit abzuringen versteht. Führt den Lands^- wuten der anderen Provinzen die schönen rotbraunen Rinder des hohen Vogetsberges, die starknackigen gelenkigen Rinder, die in den ftuchtbaren Bachtälern des Vogels- .^er .weiten Wetterau groß gieworden sind, vor. Meßt Eure Arbeit an der mehr begünstigter Kollegen; Ihr werdet den Vergleich nicht zu scheuen haben. Lernt bei dieser Gelegenheit, wie man weiter arbeiten muß, um immer Besseres zu leisten!

Dann tut auch zur Reise an den Rhein beizeiten Geld ln den Beutel und schlagt für diesmal die Mahnung in den Wmd: Mein Sohii, mein Sohn, geh nicht an den Rhein mein ^ohn, ich rate dir gut! S.

Ans und Land.

Gießen, den 15. März 1905,.

* * Da? Großberzogspaar wird, wie uns drahtlich aus Darmstadt gemeldet wird, feine Nückreife nach Darmstadt morgen abend antreten.

* * Personalien. Ucbertrcißcn wurde am 9. März ds. I?. dem Schullehrer Wolf zu Wolfsheim die Lehrer­stelle an der Gemeindeschule zu Ruttershausen im Greife Gießen.

* * Zum Ehrenvorsitzenden des Vereins hessi» scher Zahnärzte wurde der langjährige Vorsitzende des Verein?, G. W. Koch in Gießen, der Vorsitzende der Prüf- ungs-Konimission für Zahnärzte, ernannt. Zum ersten Vor­sitzenden wurde der seitherige Stellvertreter Dr.O. Köhler- Darmstadt gewählt.

* * Besitzwechsel. Die Rickersche Sortiments- Buchhandlung nebst 91 ntiquari at geht am 1. April an den Buchhändler Ernst Legler, langjährigen Prokuristen der Buchhandlung Otto Harrassowitz in Leipzig, über. Der Rickersche Verlag bleibt jedoch im Besitz des seitherigen Inhaber? Alfred Toepelmann. Der Buchhalter Johannes Müller kaufte da? dlnwesen. Großer Steinweg 9, vom Bauunternehmer H. W. Rinn für 18 000 Mk.

Das Winterfest de? Gießener Männer»- Gesangvereins, welches am Samstag abend im Reuen Saalbau abgehalten wurde, war überaus gut von Mitgliedern des Vereins und zahlreichen Gästen besucht. Unter der Leitung des Musiklehrers Kasten erwies sich der Verein als ein gut geschulter Chor, dessen gesangliche Leistungen sich überall hören lassen können. Prächtig wirkten die Massen­chöre, welche von den Mitgliedern des Männer-Gefangvereins, des Gesangvereins Gemütliehkeit und de? Sängerchors des Turnvereins zum Vortrag gebracht wurden, wobei sich Herr Kasten al? geschickter Dirigent erwies. In Frl. Zufall hatte der Verein für den Abend eine Solistin gewonnen, welche von den Hörern mit reichem Beifall überschüttet wurde. Den Schluß der wohlgelungenen Feier bildete ein Ball, der erst gegen Morgen fein Ende erreichte. Vom Gardeverein wurde durch Herrn C. G. Kleinhenn dem Männer-Gesangverein ein Lied dediziert.

** Hessische Vereinigung fürVolkskunde. Der am Montag stattgehabte 5. Mitgliederabend war sehr gut besucht. Rentamtmann Schäfer schilderte an der Hand aktenmäßiger Belege die Greuel einer ganzen Reihe von Hexen Prozessen, die bald nach Beendigung des dreißig­jährigen Krieges in der damaligen Grafschaft Bingenheim gegen eine große Zahl von Bewohnern angestrengt wurden und die Verbrennung sämtlicher Beschuldigten, Erwachsener und Kinder, zur Folge hatten. Der Hexenglaube hatte in der Mitte des 17. Jahrhunderts in unserem Vaterlande noch o feste Wurzeln, daß selbst die Räte des Reichskammergerichts Urteile bestätigten, die erlassen waren auf Grund der Anklage, daß die Kinder des Grafen von Bingenheim durch Zauber­künste getötet worden seien. An den Vortrag anlnüpfend, setzte Professor Dr. Wünsch auseinander, daß der Hexen­glaube nicht ein Erzeugnis des Mittelalters fei, sondern sich allgemein bei primitiven Völkern finde und beim Ungebildeten aus dem Bedürfnis entspringe, die Ursache einer Erscheinung zu ergründen, für die er eine natürliche Erklärung nicht geben kann. Die Schriften des Lucian und de? Petronius geben eine sichere Grundlage für die Annahme, daß auch im Alter­tum der Hexenglaube verbreitet war.

+ Großen-Linden, 14^März. Am 1. April d. I. wird die hiesige Eisenbahnhaltestelle in eine Station um gewandelt.

Darmstadt, 14. März. Als Zeichen der An­erkennung für ihre Beteiligung an der vorjä hrigen Ausstellung der Darmstädter Künstlerkolonie wird den Ausstellern und sonst an der Ausstellung Beteiligten gegenwärtig eine Sil berne Med aille verliehen, nachdem chon vor längerer Zeit ein entsprechende? Diplom verteilt worden war. Die Medaille ist auf Initiative Sr. Königl. Hoheit des Großherzog? von dem bekanntlich aus dem Ver­bände der Künstlerkolonie ausscheidenden Mitgliede P. Hau­te i n entworfen und in der kunstgewerblichen Werkstätte deS Juwelier? Müller ausgeführt. Abweichend von der seit­herigen Plaketten-Manier zeigt die Medaille an der Vorder­seite Hochplastik in reicher Ornamentik und dezenter Emaille­verzierung, gekrönt mit den Initialen E L und der Krone, auf der Rückseite:AUSSTELLUNG DER KÜENSTLER- KOLONIE IN DARMSTADT 1904*. Die Hochplastik verleiht der Medaille eine schöne dekorative Wirkung.

fc. Vo m Taunus, 15. März. Die Filiale der Holzappeler Blei- und Silbergrube in Wellmich fand bei Aufräumungsarbeiten des alten Stollens Blei- und Silber­gänge. Die Firma beabsichtigt, dort ein größeres Werk zu errichten und ihre Erze mittels Drahtseilbahn nach der dem- nächst zu eröffnenden Station Wellmich zu befördern.

O Gladenbach, 14. März. Ein beklagenswerter Unglucksfall ereignete sich im nahen End buch im Hause der Familie Biek. Kinder, welche auf dem Boden des Hauses nach Spielzeug suchten, fanden einen Gegenstand, dVy sie der Mutter zeigten. Diese sagte:Werft es in den Ofen und dann i|t es hinweg." Kaum war dies geschehen, so platzte mit einem fürchterlichen Knall der Ofen auseinander, wobei der Frau vier Finger abgerissen wurden. Der gleichfalls anwesende erwachsene Sohn kam um sein Gehör und sämt­liche Fensterscheiben sprangen entzwei. Jedenfalls ist der ^^genttand eine Dynamitpatrone gewesen.

m ** Steine Mitteilungen aus Hesse n und den v u a ? t e n. Beim Abbruch des ehemaligen Schutzenhois

yiuz, st ü rzte eine Decke ein und riß den Ataurer Aiuiust Friedrich Fichtner ans Fliedershausen mit in die Tieie. Ficktner erlitt schwere innere Verletzungen. Sein Zustand ist bedentlich. uiiT der Hochwasser führenden Fulda stürzte bei Hersfeld ein -boot um. Tie Insassen, Baron v o n H u n g e n und der G ä r t n er M arhenkel ertranken.

verrnischtes.

~ Berlin, 14. März. Der Vertrieb des neuesten L>implizissimuS-Flug blatt es ^Die Gräfin von Montignoso" von Thoma mit 11 Illustrationen von öcinc wurde polizeilich für den Straßenhandel ver­boten.

* Ein Pistolenduell hat, wie wir schon kurz mit* teilen, dieser Tage in der Buchheide bei Finkemvatde in