Nv. 38 Zweites Matt.
155. Jahrgang
Dienstag 14. Februar 1905
Vrschetnt kSgüch mit Ausnahme de» Sonntag».
Die «Siehener Somtltcnbiatter* werden dem ,An,etgeL viermal wSchentltch betqelegt. Der »helstlchr raubwtrt*' erscheint monatlich einmal.
Gießener Anzeiger
IRotaftontovutf anb Verlag der Brühllchem UnwerftrütSdruckerei. R. Lange» Dreßen.
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General-Anzeiger, Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.
Die Hullkourmission.
Pa-vis, 13. Febr. Tie Hullkommission hielt heute eine Sitzung ab. Ter englische Vertreter O'Beirne verlas die Anträge seiner Regierung. Tiefe besagen: erstens, in der Nacht zum 22. Oktober befanden sich tatsächlich keine Torpedoboote oder Torpedojäger unter ben britischen Fischerbooten oder in der Nähe der russischen Flotte. Tie russischen Offiziere täuschten sich, indem sie ännahmen, daß Schisse dieser Art an Ort und Stelle oder in der Nachbarschaft seien, und daß sie die russische Flotte angegriffen hätten oder beabsichtigten, sie anzugreifnu Zweitens, es war kein ausreichender Grund vorhanden, um die Eröffnung des Feuers zu rechtfertigen. Nachdem das Feuer einmal eröffnet war, hat man nicht, wie man mußte, das Schießen geleitet und kontrolliert, um zu vermeiden, daß der Fischerflotte Be- säwdigungen zugefügt würden. Das Feuer ist gegen die Fischerflotte während eines unangemessen langen Zeitraums fortgesetzt worden. Trittens, Leute von Bord der russischen Flotte hätten den Verwundeten und den beschädigten Booten zu Hilfe kommen müssen. Viertens, seitens der Leute an Bord der Fischerboote oder derjenigen, welche die Leitung der Boote hatten, sei kein Fehler begangen worden.
Tie von dem russischen Vertreter Nekljudoff verlesenen Anträge lautens In Erwägung der Beweise, die von der einen wie der anderen Seite der Untersuchnngskommilsion zur Prüfung unterbreitet worden sind, in Erwägung ferner der Tatsachen, an die in diesen Anträgen beigefügten Bemerkungen Erinnert wird und die durch die Untersuchungskommission enthüllt und festgestellt worden sind, ist die russische Regierung zur Schlußfolgerung berechtigt, daß das vom russischen Geschwader in der Nacht zum 22. Oktober abgegebene Feuer in rechtmäßiger Erfüllung der militärischen Pflichten eines Geschwaderchefs befohlen und ausgesührt worden ist, und daß daher weder Roschd- j e stw ens ki die Verantwortung treffen kann, no d> e in en seiner Untergebenen. Tie russische Regierung beklagt aufrichtig, daß der Vorfall Unschuldige getroffen hat und beabsichtigt, wenn der Geschwaderchef au h frei von Verantwortung sei, sich keineswegs dem Schadenersatz zu entziehen. Tie Regierurrg würde bereit sein, die unschuldigen Opfer des Feuers schadlos zu hatten und den angerichteten Sachschaden zu ersetzen, indem sie vorschlägt, die Festsetzung der Entschädigungssummen einem Schiedsgericht zu überweisen, das aus den Mitgliedern des ständigen Haager Schiedsgerichts erwählt wird.
Ausland.
Paris, 13. Febr. (Senat) In der heute fortgesetzten Beramng des Militärgejetzes wurden Befürchtungen' geäußert, ob die Kadres der Kolonialarmee und die Truppen zur Deckung der Festungen fest genug gefügt sein würden. Kriegsminister Berteaux erklärte demgegenüber: Wir sind in derLage, allen Ereignissen die Spitze zu bieten. Die zweijährige Dienstzeit setzt das Land in keiner Weise einer Gefahr aus. Die Mobilisierung der Truppen zur Deckung der Festungen wird in der Wecje geregelt, daß die Grenze sicher gestellt wird. Weiterhin bemerkt der Kriegsminister auf euie Anfrage, das neue Gesetz würde eine Ergänzungsausgabe von etwa 25 Milt Francs erfordern, die leicht zu bestreiten sein würde.
Mailand, 13. Febr. Der „Eorriere della Sera" erfahrt aus Neapel, daß Kaiser Wilhelm dort aus seiner Mittelmeerreise eine Zusammen kunftmitderu
König Viktor Emanuel haben wird in Gegenwart des italienischen Mittelmeergeschwaders und einer deutschen Schisfsdivision; es sollen wichtige politische Trint- sfwüche gewechselt werden, über deren Wortlaut bereits verhandelt werde.
Viel beachtet wird der günstige Kommentar des „Osser- vatore Eattolico" zum internationalen Ackerbau- Jnstitut, der gebesserte Beziehungen zwischen dem Vatikan und Quirin al beweist, da Leo XIII. alle internationalen Veranstaltungen im königlichen Rom bekämpfte.
Wien, 13. Febr. In einer Plenarsitzung der Sektion für Industrie, Gewerbe und Handel des Industrie- und Landwirtschastsrats hielt der H crn d e l s m in i ste r eine Rede, in der er auf den Abschluß des Hand elsVertrags mit Deutschland hinwies und dann ausführte: Der Abschluß des Vertrags mit Italien dürfte in nächster Zeit möglich sein. Die Verhandlungen mit den anderen Vertragsstnaten werden rasch in Angriff genommen werden. Der neue Vertrag mit Deutschland bot infolge der von deutsche« Seite vorgenommenen bedeutenden Erhöhungen der deutschen Agrarzölle außerordentliche Schwierigkeiten. Die deutschen Minimalzülle für Getreide und zahlreiche gesteigerte Sätze für andere landwirtschaftliche Produkte wurden von Rußland und den Balkanstaaten angenommen, obwohl die Ausfuhr dieser Staaten nach Deutschland fast ganz aus diesen Produkten besteht, und sie besonders an dem Getreidezoll iw ganzen viel mehr interessiert sind als wir. Bei dieser Sachlage konnte unser Bemühen nur daraus gerichtet sein, einerseits für unsere spezifischen landwirtschaftlichen Ausfuhrartikel möglichst günstigeBedingungen zu erreichen, andererseits das Interesse unserer Industrie zu wahren. Iw diesem Sinne wurden für eine Reihe industrieller und gewerblicher Artikel, deren inländische Erzeugung unter der deutschen Konkurrenz litt, erhöhte Zölle durchgesetzt. Im großen und ganzen konnte für unsere wichtigsten industriellen Ausfuhrartikel der status quo ante in Deutschland annähernd wieder erreicht werden.
Konstantinopel, 13. Febr. Anläßlich des Ab- schlusies der Geschütz liefet ungen für die türkische Artillerie seitens der deutschen Industrie und des damit verbundenen finanziellen Abkommens sand ein warm gehaltener Depeschenwechsel zwischen Kaiser Wilhelm und dem Sultan statt
Kcer unO A.oUe.
— General v. Trotha wird voraussichtlich in nicht mehr ferner Zeit, wenn im Zentrum und Süden des Schutzgebietes im wesentlichen die Ordnung wiederhergestellt ist, seine Rückreise in die Heimat antreten. — Ter über kurz oder lang unvermeidliche Ovambofeldzug bedarf größerer Vorbereitungen, insbesondere auf dem Gebiete des Verkehrswesens. General v. Trotha werde nach Niederwerfung der Hereros und Witbois wenigstens zeit
weise nach Deutschland zurückkehren und hier an den Vorbereitungen für eine nördliche Expedition mit» Nnrkeu.
London, 15. Febr. Die Liberalen fordern eine R e * form des gesamten gegenwärtig in England bestehenden' Militärsystems, sowie die Verminderung derj Ausgaben. Bezüglich der militärischen Lage Englands! werden die Liberalen feststellen, daß die von dem Kriegsminister Brodrick seinerzeit eingeführten Reformen nur die Desorganisation der Armee zur Folge gehabt haben; sie werden ferner hervorheben, daß England augenblicklich eine Armee von 230 000 Mann besitzt, wovon über 70 000 Mann in Indien sind. Von den übrigen sind 40 Pro z. dienst-« unfähig. Somit bleiben noch 95 000 Mann, tvelche England mehr Geldausgaben verursachen, als Frankreich für seine ganze Armee verausgabt. Von den dienstunsähigens Mannschaften befinden sich 21000 im Gefängnis, 9000 sind krank, 7000 fahnenflüchtig und 3000 sirch- wegen Tienstuntauglichkeit entlassen.
— In einem Vororte, von Paris starb Alfred Chasse- p o t, der Erfinder des bekannten Gewehres, im Alter von 70 Jahren.
Generalversammlung des Bundes der Landwirte.
Berlin, 13. Febr.
Als heute um %1 Uhr Frhr. v. Wan gen heim die Versammlung eröffnete, da war der Zirkus Busch gut besetzt Herr o. Wangenheim meinte, nach 12 Jahren harter Arbeit stehe der Bund heute vor dem Abschluß der ersten Periode seiner Tätigkeit Tie neuen Handelsverträge haben gute und schlechte Seiten. Auf welcher Seite der Ueberschuß sich finden wird, das vermag heute noch niemand zu saegu. Aber auch wenn sich Herausstellen wird, daß das Gute überwiegt, so ist trotz dieser Verträge der Bund der Landwirte dura-aus nicht überflüssig. Wir haben nie anders als saun ich gekämpft, wir haben durch unsere ganze Tätigkeit im Lande und im Parlament bewiesen, daß wir keine einteilige Bevorzugung der Landwirtschaft wollen.
Tr. Rösicke formulierte dann die agrarische Stellung etwas prägnanter: Tie alten Verträge hatten die Landwirtschaft begras Oiect; in den neuen Verträgen ist der Text nicht viel geändert, aber anders ist die Melodie. Tie L a n d w i r t s ch a f t ist ais- gleich berechtigt aneifannt. Tas ist für uns ein Sieg.' Leider ist vor kurzem aus d.em Munde eines Ministers ein anderer Ton erklungen. Es wurde gesagt, der Bund hat Oel ins Feuer gegossen. (Pfpiruft.) Wir würden sehr bedauern, wenn diese Worte wohlüberlegt gewesen sind. Tie nationale Bedeutung des Bundes liegt darin, daß er ein dauerndes Bollwerk bildet gegen die Gefahren des Großkapitals und des Proletariats. Gerade jetzt prallen in Rußland die Wellen der Revolution vor der Treue des Bauernstandes ab.
Tr. Tiederich Hahn erstattete den Geschäftsbericht. Tanach wurden im letzten Jahre 6614 Versammlungen abgehalten und 10 000 neue Mitglieder ausgenommen. Tr. Hahn bittet die Versammlung um ein Zeugnis, ob man jemals verhetzend geredet habe. Tie Versammlung antwortet: Nein! Auch dieser Redner erkennt an, daß die neuen Verträge der Landwirtschaft kerne neuen Opfer zugemutet haben. Jetzt gelte es, zu arbeiten, daß in 12 Jahren, wenn es wieder an eine Neugestaltung unserer Handelspoütik geht, die Landwirtschaft noch eine ganz andere, Stellung erringt.
Kießencr Theater.
Die Siebzehnjährigen.
Schauspiel in 4 Aufzügen von Max Dreyer.
„Tie Siebzehnjährigen", die gestern zum Besten des rteiten Theater- und Saalbaues gegeben wurden, sind m. E. die beste dramatische Dichtung Dreyers, des Verfassers des wirksamen Spektakels „Der Probekandidat"" usw., so novellistisch sie auch in der Idee wie in Einzelheiten sind. Es ist eine rein psychologisch>e Dichtung mit einer spcumenden Handlung.
Der Major Werner v. Schlettow hat eines nervösen Augenleidens wegen vorzeitig den Dienst quittieren müssen und sich aus sein Rittergut zurückgezogen. Er- üst im Grunde ein liebenswürdiger und leichtsinniger Schwerenöter, aber es lastet auf seiner Stimmung sein Leiden und dieses Leiden wohl führt ihn mit zu der Entdeckung, daß ein Stück Künstler in ihm steckt. So dürstet denn seine leicht berauschte Seele nicht nur nach der Schönheit des Weibes, sondern auch nach! aller künstlerischen Schönheit. Seine tüchtige, kraftvolle und liebesstarke Frau behartdelt er zwar galant und mit liebenswürdig willfähriger Kameradschaftlichkeit, aber die Reize graziöser StubenmüdchM läßt er nicht unbeachtet — in allen Ehren, wte's scheint. Für Frau Annemarie, von der wir nicht recht erfahren, ob sie der materielle Zwang oder ihre Neigung dazu treibt, bilden Obstgarten und Kuh- ftälle den Haupttummelplatz. Den mehr oder minder kleinen Ab- und Ausschweifungen ihres Gatten gegenüber hat sie stets so groß- als gutmütig ihre gesunden Augen zu- gedrückt, und sie sieht auch nichts Arges darin, daß ihre 17jährige Adopttvschwester Erika, die als Gast bei ihnen erscheint, ihn lieb eg irrend umschwirrt und daß er sie nur deshalb so kühl und ironisch behandelt, weil es innerlich um so heißer in ihm glüht. In der kleinen Erika Adern aber rollt ein feuriges Zigeuner- blut. Sie hat etwas von der Hilde und der Hedda Ibsens und der Salome Wildes. Dreyer wollte wohl ein noch halbflüggetz Weiblein malen von brutalem Sinnlichkeits- trieb, der noch etwas Naives hat, weil er kaum ins Bewußtsein Getreten ist Aber er hat leider nicht viel mehr als ein paar grobe Striche gezeichnet. Es ist ihm nicht gelungen, die Frühverdorbene in klaren, festen Zügen nebst allen feinen seelischen Abtönungen uns psychologisch ganz verständlich zu machen. Ein gedankenvoller, künstlerisch fühlender Menschenkenner und -Versteher würde die bald gar sehr ausdrmglichen Attacken dieses lüsternen Kätzchens eher geschmacklos finden und sie degoutieren, als durch sie kopflos werden. Nebenbei kokettiert diese 17 jährige Verruchtheit mit dem ihr gleichaltrigen Jung-Frieder, ihres Liebsten Sprößling, der als Kadett aus Ferienurlaub nach Hause tommt. Frieder hat von der leichten Frohnatur des Vaters nichts geerbt, er ist mehr nach der Mutter geartet, ein schwerblütiger Jüngling, der das Leben, dem er, trotz der tollen Streiche feiner Kameraden, mit gar zu unglaublich reiner und keuscher Naivetät gegen üb ersteht, bitter ernst ninunü
und einen Kuß von Erikas Lippen bereits als den Abschluß eines ewigen Bündnisses betrachtet. Ter unglückselige Frieder belauscht das Pärchen bei der Verabredung eines Rendezvous. Der Glaube an den Vater, an dem er bisher voller bewundernder Anbetung hing, weil er ihm als das Muster milder Mannheit erschienen war, der Glaube an allen menschlichen Edelmut, der Glaube an jeglichen Lebenswert ist mit einem Schlage in dem ratlosen verzweifelnden Knaben vernichtet. Er sieht kein anderes Ziel als schleunigen gewaltsamen Tod.
Bis dahin vermag man dem Dichter bedingungslos zu folgen. Nun aber kommt ein völlig überflüssiger 4. Akt. Ter Dichter ist mit den Dreien, Vater, Viutter und Liebchen, in peinlichster Verlegenheit allein geblieben und versetzt uns in die gleiche Situation. Die Novelle findet ihren Schluß. Frieders Mutter erkennt in allmählichem Anfdäm- mern die Wahrheit und die furchtbaren Zusammenhänge. Werner erblindet auf die Nachricht von dem Tode des Sohnes, was nicht weniger unerquicklich dadurch gemacht wird, daß der Dichter bereits in allen Akten die Gefährlichkeit der Aufregung für Werners Augen signalisiert hat. Die Frau schließt ben Gebrochenen, Verzweifelten in ihre Arme, sie will bei ihm bleiben. Erika wird im Handumdrehen eine büßende Magdalena, die schon vorher un- qlanblich bekennmiseifrig alles gestanden hat, und sinkt mitsamt ihrem Werner in.der allgütigen Mutter Annemarie allumfassende Arme.
Mit diesem rührsamen Schlußtablean heilloser Dreieinigkeit ist Dreyer aus einen künstlerisch wie menschlich gleich bedenklich schlimmen Abweg geraten. Seine Sucht, einen Schlußeffekt zu erzielen, hat ihn zu einem bösen gefühlsfälschenden Streich wider alle Möglichkeit getrieben, der unverzeihlich ist. . 3 r
Uni) doch ist Treyer em Dichter. Das beweist vor allem die künstlerisch vollendete Behandlung des Jüng- lingscharakters, mit dem wir himmelhochjauaizen und zu Tode betrübt sind. Und wie in dieser Juugungsseele, >o liegen auch sonst noch manche Keime zu Schönem und Fernem in Dreyers neuestem Schauspiel, aber sie kommen auch nicht zur vollen Entfaltung. Da ist tief Angelegtes verflacht, viel Feingcsponnenes vergröbert unb verzerrt. Mnz vorzüglich ist die Eyarakterisierung der drei Genera- tionen der adligen Familie, und ebenso lebensvoll die resolute, mit humoristisch mütterlicher Zärtlichkeit für ihren (Lotten sorgende Frau Annemarie, er selbst in seinem Verhältnis zu ihr, wie zu Erica, die den 9iamen der wilden Heide- blume nicht ohne Sinn trägt, und zum Sohne gezeichnet. Lieser aber steht dann einen ganzen Akt lang auf oer Bühne und würgt hamletisch au seinem Schmerz, bis er endlich in den Tod eilt. Selbstmorde junger Menschen, die im Uebergangsalter vom Knaben zum Jungttng sichen, sind im Leben leider nichts Seltenes. Das Stadium der beginnenden Pubertät ist für viele gefährlich und mancher legt bei der ersten großen Angst vor den sürchlerlichan Graufanlkelten des Ledens, vom taedium vitae ergriffen, Hand an sich selber. Aber wie der Ovib,jnoro des Jüng-
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lings im „Troumulus" von Holz und Jerschke, so ist auch dieser Selbstmord pathologisch und psychologisch doch nicht zwingend genug motiviert. Jedenfalls ist er nicht logisch schlechthin, aber vielleicht die Logik eines 17jährigen. Die Sttafe, die der kleine Frieder dem Vater und der Geliebten zugedacht hat, hat indes etwas heldenhaft Großes an sich Seine Leiche an den Stufen des Pavillons soll den betbeni den Eingang wehren. — Es gibt eine reizende Szene: Vater und Sohn sollen arbeiten und nicht der lockenden Schönen) nach steigen — Mutter, die gebietende, will es so. Aber es wird an diesem holden Sommermorgen weder etwas aus der Mathematik des einen, noch aus der Vialerei des andern, beide nehmen den Weg durchs Fenster. Und ergreifend ist die Szene zwischen dem Enkel uno dem prächtigen Großvater^, dem tauben Lebensüberwinder, der seelenvergnügt ist, w-eil ihm die Welt nichts mehr gnhaben kann, und dem die geängstigte Kreatur seinen Schmerz zuflüstert; der alte Herr hört ja nichts!
Die packende Dichtung hat starke, nicht eben leichte Rollen. Zu ihrer Darstellung hatten sich unserer wackeren Künsllerschar vier Größen des Frankfurter Schauspielhauses^ gesellt. Bereitwillig waren sie hierher geeilt, um das Ihre zur Förderung unseres Theater- und Saalbaues zu tun: und uns ein reiches Gastgeschenk ihrer Kunst darzubieten. Gießener Theaterfremrde aber hatten sich, überaus zahlreich eingefunden, sowohl locgen des guten Zweckes dieses Theater> abends, als um den Frankfurtern für ihre uneigennützige Willfährigkeit zu danken.
Die von Dreyer am wenigsten gerundete Gestalt, die deSI Majors, stellte Herr Bauer dar. Wir schätzen Herrn Bauw als einen der vortrefflichsten Charakteristiker der deutschen Bühne, als einen Künstler von tiefem und zartem Gefühls von feinem Geschmack und einem mitreißenden Herzens- frohsinn, der uns schon viele köstliche Stunden vornehmsten künstlerischen Genusses beschieden hat. Wo je ein Dramatiker innere Wärme vom Darsteller verlangt, da kann ihm niemand lieber sein als Arthur Bauer aus Frankfurt. Aus ihn paßt das Fontane'sche Wort: „Wer schaffen will, muß fröhlich sein." Auch der verwickelt konstruierten Natur, die Dreyer hier auf die Bühne gebracht hat, hat er von seiner inneren Fröhlichkeit ein stattliches Portiönchen gegeben. Der.Major v. Schlettow ist ein noch immer elastischer Mann und den Frauen ebenso gefährlich, wie sie es ihm sind, sehr sogar. Jst's nicht der 17jährige tolle Kobold, so ist's die ,gefärbte* Gräfin - Nach barm. Ein solcher Mann genießt die Freuden feiner Sinnenlust nicht allein mit kühl verständigem Lebenskünstlertum, sondern auch mit Temperament. Es steckt noch immer „sprühendes" Leben in ihm, er ist innerlich noch jugendlich, und nur sehr schwach verteidigt er seine Tugendfestung. Seine große Apologie im Schlußakte wirkt nach allem Vorhergegangenen un*i wahr. Herr Bauer nahm s. Z. bei der Jrankchrter Brennery


