Ausgabe 
13.3.1905 Zweites Blatt
 
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»nen verpfuscht baden I (Hört! Hört!) Bei seinen weiteren AnS- Führungen ist Redner bei der großen Unruhe des Hauses nahezu Völlig unverständlich, so daß

Präsident Graf B a l l e st r e m sich veranlaßt sicht, die sich jout unterhaltenden Abgeordneten folgenderinaßen zu apostrovhreren: Ich muß Sie doch wirklich um Ruhe bitten. Zur Ferienstimmung ist noch nicht Zeit. (Heiterkeit.)

Abg. Eickhoff: Wie es in mecklenburgischen Schulen aus- ^eht, ersteht man am besten ans einer vor einiger Zeit erschienenen Schrift vor» Dr. Heinrich Schröder. (Redner zitiert dieselbe mehr- fach.) Auch der Abg. Büsing hat, wenn er auch die Schroder sche Schrift nicht völlig billigte, doch mehreres über das mecklen-- burgische Schulwesen zum besten gegeben, was nicht zu dessen Ruhm spricht. __ ...

Meckl. Bevollm. Dr. Langfeld weist die Angriffe auf die mecklenburgischen Schulverhältnisse zurück. _ r .

Abg. P auli (Rchsp.) meint, wenn an den Schulen die -Lebrerverhältnisse nur halb so lögeu, wie Schröder sie darstelle, so Musse daä Haus den Reichskanzler bitten, hier emzuschreUen.

Abg. Pachnicke (irs. Bg.) sicht als Grund des Uebels, daß «L m Mecklenburg an einer eirlheitlichen Verwaltung fehle.

Nach weiteren Bemerkungen des Abg. Eickhoff und des /Staatsrats L a n g f e l d bemerkt _ , ,

Abg. Büfiiiq (nO, die höheren mecklenburgischen schulen /feien nicht so schlecht, wie Schröder sie schildere, aber die Bolts- Ichulen lägen im Argen.

Hierauf wird das Kapitel genehmigt. Montag 1 Uhr Fortsetzung.

Schluß 6.15 Uhr.

Politische Wochenschau.

Tie iozia^olckischc Debatte im R e ich s t a g nahm in der ver­soffenen Woche ihren Fortgang. Staatssekretär Graf Posadowsky entwickelte in großzügiger Rede ein Programm zur Verein­heitlichung der drei großen Reichsversicherungs- Gesetze und zur Schaffung eines gemeinsamen Unterbaues für die deutschen sozialpolitischen Arüeiterversicherungs-Jnstitute. Im Laufe der Debatte empfahl Tr. Mugdan, die Studieren­den der Medizin mit der A r b e i t e r schu tz g e s e tz g e b - ung bekannt zu machen und beklagte, daß das Posadowskysche Re­formwerk wieder eine Fülle neuer Beamter über Deutschland er­gießen werde. Das wird aUerdings unvermeidlich sein, ist aber kein Grund, sich gegen die Reform einnehmen zu lassen. Einen bedeutsamen Fortschritt würde man darin erblicken müssen, wenn in Verbindung mit der Posadowskrischen Reform auch ein neuer Stab höherer Beamten aus den VolkswirtsckZaftlern gebildet würde, für die es bis jetzt eine Karriere im Reichs- und Staatsdienst mxh nicht gibt. Der Zlnttog Auer zur Errichtung eines Reichs- Arbeitsamts wurde auf Antrag Trimborn der Regierung zur Berücksichtigung überwiesen. Die Treuenselsschen Anregungen, einige bezüglnh der Haftung des Tierhalters die bäuerliche Bevölkerung belastende Bestimmungen zu mil­dern, gingen an eine Kommission von 14 Mitgliedern. Ein Redner der Linken befürwortete, das Kinderschutzgesetz da­durch wirksamer zu mache,:, daß man die Lehrer und Sck)ulen zur Beauffichtigung heranzieht. Zubeil begründete einen sozial- demokratitzchen Gesetzentwurf, der fordert, Arbeitgeber, die den Gebrauch des Kvalitionsrechts durch Arbeiter maßregeln illusorisch machen, mit dve: Monaten Gefängnis zu bestrafen. Die freisinnigen und polnischen Anträge auf Neueintcilung der Reichs tags wähl kreise wurden von dem mit der Rechten verbündeten Zentrum abgelehnt, desgleichen ein Aittrag Paasche, der die Materie der Regierung zurErwägung" hatte überweisen wollen.

In der Samstags-Sitzung des Seniorenkonvents des Reichs­tages, dem nur die Sozialdemokraten nicht beiwohnten, wies Präsident Graf Ballestrem auf die Pflicht des Reichstages hin, den Etat bis zum L April zu erledigen und führte aus, es werde schwer halten, bis dahin die Etatsberatung durchzuführen, toenn nickst alle Fraktionen sich einzuschränken suchten. Tie Senioren waren der Meinung, daß die Innehaltung des ver­fassungsmäßigen Endtermins sehr -vvhl zu verwirklichen wäre, ivenn sich die Fraktionen dahin einigten, daß für jeden nock) ausstehenden Etat die Höchstzahl der Sitzungstage kontingentiert würde. Das Bureau des Reichstages soll einen entsprechenden Kontingentierungsplan aufstellen, und die Senioren sollen alsdann nochmals zu einer vertraulichen Verständigung eingeladen werden.

In der zweiten hessischen Kammer gelangte die An­frage der Abgg. v. Brentano und Genossen über den Ausgang der gegen den Gießener Gymnasialdirektor Geheimrat Dr. Schädel eingeleiteten Untersuchung zur Besprech­ung. Staatsminister Rothe erklärte, daß die Untersuchung ein negatives Resultat ergeben und keinerlei Veranlassung der Re­gierung biete, imt gegen den verdienten Schulmann irgendwie emzuschrecken. ,Abg. Tr. Tavid beharrte gleichwohl auf seinen Angriffen und fand für diese seine Haltung im Hause allgemeine Verurteilung. 9ckrmentlich der Abg. Tr. Schmitt kennzeichnete unter dem Beifall der Kammer scharf die sozialistische Kampfes- weise; er bezeichnete es als nobile officium der Volksvertreter,

Gießener Sladttyealer.

Die Haubenlerche.

Schauspiel in 4 Akten von Ernst v. Wildenbruch.

Die Fabel des Stückes ist einfach, aus der weltfremden Träumerei hervorgegangen, wie wir sie in den Volksmärchen finden. Denn nur in diesen Landen der Illusion begegnen wir den trauten Kindern aus dem Volke, die durch die Zauber­mächte der gütigen Mythe auf Königsthrone gehoben oder aus Anspruchslosigkeit und Armut zu glänzendem Besitze ge­führt werden. Es umwebt diese Märchengestalten all die Wundermacht der frommen Gläubigkeit, der wir uns gern hingeben, wenn wir der rauhen Wirtlichkeit entfliehen und in das Reich der unumschränkten, fröhlichen Möglichkeiten zurück­kehren wollen, das aus der Kinderzeit noch immer verheißungs­voll winkt. Schon einmal hatten uns in diesem Winter in unserem Stadttheater diese reizvollen Märchenmächte dieselbe Begebenheit hervorgezaubert, die gestern abend nur in etwas anderer Umkleidung wiederkehrte: damals war es der arme Korbflechter, der, unzufrieden auf seinem Arbeitsstühlchen, vor allem die Genüsse leckeren Königsmahles sich wünschte und, nachdem seine Wünsche in Erfüllung gegangen waren und er mit seinem zierlichen Töchterlein in den Palast und fürstliche Reichtümer versetzt worden war, sich in Sehnsucht verzehrte nach dem stillen Glück seiner Hütte. Ludwig Fulda ist in seinemTalisman" keinen Schrill aus seiner Träume Wunder-, garten herausgegangen. Seme Muse, eine leichtfüßige Fee, erzähll uns alles, alles stammt aus dieser Welt, deren Freud und Leid sie uns vorhält.

Aus der Vergleichung mit Fuldas kunstvollem Märchen­spiel mögen die Vorzüge und Nachteile des Wildenbruchschen Dramas deutlich hervorgehen. Auch hier haben wir ein Kind aus dem Volk, dieHaubenlerche", ein munteres, trällerndes Mädchen, das von einem reichen Manne gefreit und tn eine ungewohnte, glänzende Umgebung geführt, ein unbezwing­bares Sehnen nach seiner alten Heimat fühlt. Die ersten Akkorde echt menschlichen Empfindens, des Heimwehes nach dem Atten, in der Seele Gewurzelten werden auch hier angeschlagen, allein der reiche Freier ist von völlig anderer Art, ein moderner Fabrikbesitzer, der nicht nur selbst soziale Versuche anstellt, sondern dessen Gestalt die Zuhörer des Dramas zwingt, Betrachtungen, bie alles andere denn märchenhafter Art sind, in den Anschauungskeeis der Dichtung

das Recht der parlamentarischen Jmnnmität nicht zu unbegründe­ten Vorwürfen gegen Beamte zu mißbrauchen. Die Besprechung der Interpellation endete mit einer empfindlichen Niederlage der Sozialdemokraten, die auch dadurch nicht wett gemacht wurde, daß der Abg. Ulrich seinen Genossen in Scljutz nahm. Ferner ge­langte die Interpellation bell, das Kohlenkontor zur Bespreck»- ung. Ter Staatsminister gab dem Hause Kenntnis von dem Resultat der Umfrage bei den Handelskammern über die sckäd- lick^en Wirkungen des Kohlensyndikats und des Kohlenkontors. Danach wird allgemein eine u n g ü n ft i g e E i n- wirkung des Kohlenkontors auf die Lage der Klein­händler soivie auf die Verteuerung der Kohlen festgestelll. Ter Minister erklärte weiter, daß der Erlaß eines Syndikatsgesetzes von Rcichswegeir vorerst noch nicht geplant sei. Tie Gesetzent­würfe bett, das B e e r d i g u n g s w e s e n und die staatliche Be- auffichtigrmg der technischen P r i va t a n ft a l t e n wurden an die zuständigen Ausschüsse zurückverwiesen. Die sozialdemo- kratisckM Interpellation bett, die Stadtverordnetenwahl des Main­zer freireligiösen Predigers brachte den Herren von der äußersten Linken gleichfalls eine kräftige Abfuhr. In bezug auf die st a a t- liche Schiachtviehversicherung blieb das Haus bai) seinem früheren Beschluß, wonach die Grenze der Versicherung auf anstatt 25 Mark festgesetzt wird und die Regierung erllärte sich damit einverstanden. Zum Anttag Schönberger über die Ent- sMdigung für an Maul- und Klauenseuche gefallenes Rindvieh lag u. a. ein Anttag Stöpler vor, demzufolge die Rück- wirkungsgrenze der Entschädigung für gefallenes Vieh auf den 1. Okt. 1901 festgesetzt werde. Der Aus-sckmß beantragte, die Kammer wolle die Regierung ersuchen, die im vorigen Landtag nid# zustande gekommene Regierungsvorlage mit einer Anzahl naher präzisierter Aenderungeu lvieder der Kammer vorzulegen. Ter Antrag stöpler sowie der Ausschußanllag lvurden mit großer Mehrheit angenommen.

Im preußischen Abgeordneten hause kam der Eis e n b a hn e tat zur Erledigung. Minister v. Budde erklärte die Reick?sbettiebsmittel-Gemeinichaft für gesichert. Nur die Per­sonentarifreform will keinen Schritt von der Stelle.

In der B u d g e t ko m m i s s io n des Reichstags trug sich ein bemerkenswerter Vorgang zu. Angeblich wegen der letzthin bekannt gewordenen Aeußerungen des deutschen Kaisers über den Klerikalismus daß dies der wahre Grund sei, glauben wir nid)t hat das Zentrum die von der Regierung geforderte Vermehrung der Kavallerie auf 510 Eskädrons abgelehnt. Es wollte nur 500 Eskädrons bewilligen. Bei der Abstimmung über die letztere Ziffer stimmten indes die Reckte und die National- liberalen vereint mit der Linken gegen das Zentrum, so daß die ganze Position fiel, unb nun die gesamte Kavallerie seltsamer- weise nicht bewilligt ist. Natürlich ist diese Abstimmung nicht entscheidend. .Es wad eine zweite Lesung nötig, zu der bereits das Zentrum seine Naebgiebigkeit durd; einen von ihm einge- biadtien Antrag bekundet hat. Die Mehrforderung von zwei Batterien Fußartillerie wurde in der Konliuission genehmigt, des­gleichen das Friedmspräsenzgesetz mit der gesetzlichen Feltlegung der zweijährigen Tienstzeit.

Ein Seitenftück zu dem Fall Fameck ist im elsaß-lothringischen Landesausfdmß zur Sprache gekommen, wo der Abg. Blumenthal bekannt gab, daß der Friedlwf von Langenberg in Lothringen durd- den Bischof von Metz seit 15 Jahren mit dem Interdikt belegt ist.

Tie zweite preußisMe Berggesetznovelle ist dem Ab­geordnetenhause zugegangen. Zwar werden nidyt alle Forder­ungen der Arbeiter erfüllt, aber sie bringt einen erheblichen Fort­schritt gegen früher. Die Siebenerkommission der Bergarbeiter» verbände hat zum 28. März nach Berlin eine preußische Berg­arbeiter-Konferenz einberufen, um Stellung zur Berg­gesetznovelle zu nehmen.

In S ü d w e st a f r i k a ist der Aufstand immer nock- nicht unterdrückt. Tie offiziösen Blätter kündigen neue Nadckrags- nnd Ergänzungsforderungen in Höhe von insgesamt 60^2 Mill. Mark an. Wie dabei das Reickrsdesizit beseitigt werden soll, wird immer unklarer. U. a. Forderungen des Kolonialdirektors findet sich die auf Einrichtung von Konzentrationslagern für die Hereros. Von einer Konzenttierung der versprengten Hotten­totten ist aber bis jetzt ivenig zu merken. Bei jeder neuen Attacke werden sie vielmehr stets wieder in alle vier Winde aus­einander getrieben, io daß es nock Iahte lang dauern kann, bis die zu Stäubern und Viehdieben degradierten Eingeborenen in ruhige Bahnen einlenken werden.

In Oesterreich wurde Gra« W e l s e r s h e i m b vom Poften eines Larrdesverteidigungsministers enthoben und Feldzeugmeifter Schönaich zum dtachfolger ernannt. Graf Welsersheimb eiflärte, um den Grund der Temission gefragt, die neue Zeit erfordere neue Männer. Er mit seinen alten Traditionen Passe nidjt in diese Epoche. Man hat dm Eindruck, daß Welsersheimb wegen der bevorfteheitden Konzessione:: an Ungarn m Militärfragen zurück- llete, weil er diese nicht vertteten wolle. Er soll auch von schlechten Tiensten", die von gewissen Leuten dem Kaiser durch mannigfack-e Ratschläge erwiesen werden, gesprochen haben. Es gehen ferner Gerüchte von einer weiteten Umbildung des öslleichi- fchen Ministeriums. Ter Obmann der deutschen Volkspartei Tr. Terfchatta soll Eisenbahnminister werden, als Finanzminister wird einzuführen. Dies ift dem Werke nicht nützlich. Wir spüren eine Disharmonie von vornherein. Und gehen wir den Ge­stalten der Dichtung weiter nach, so bemerken wir in dem Geschwätz des Ale Schmalenbach eine deutliche Kritik sozial­demokratischen Anhängertums, die wie ein Keil sich in die Dichtung zwängt, und ferner in der Person des jungen Hermann, des Bruders des Fabrikbesitzers, ein sehr auffälliges Kapitel über die Probleme der modernen Jugend. Dem Stimmungszauber einer einheitlichen Dichtung wird damit natürlich nicht gedient.

Trotz allem i)t auch dieses Stück Wlldenbvuchs groß angelegt; es enthält Stellen von packender Wirkung, andere aber auch, schon die erste Szene, von epischer Breite. Denn die 'Art, wie hier die Grmtdlinien des Dramas gelegt werden, das Schäkern des jungen L^ermann mit Lene, der8dauben- lerche", der Zwiespalt der Brüder, die Redierei zwischen dem sozialdemokratischen Lumpenfaktor der Papierfabrik, Ale Schmalenbach, und dem Büttner gesellest Paul Ileseld, hört sich eher wie die Eürleitung zu einem Roman an.

August Langenthal, der Besitzer der Papierfabrik, ist diejenige Person des Stückes, mit der man trotz der idealen Prinzipien, die dieser Mann versolgt, sich am wenigsten befreunden kann Und die Ungewißheit, mit der wir uns' über den Eharakter dieser .Hauptperson des Stückes im Anfang längere Zeit befinden, trägt auch nicht dazu bei, dem Drama eine unmittelbare, frische Wirkung zu schaffen. Diese Fignr des August Langenthal, die rrach drei Seiten ihren Eharakter offenbart, nämlich im Verhältnis znm Bruder, zu seinen Arbeitern, und zu dem Weib, das er zu lieben glaubt, stellt dem Schauspieler eiue schwierige Anßgabe. Herr Sandorfs war dem Brnder 5^ermann gegenüber allzu schroff und polternd und setzte sich damit zu sehr in Widerspruch mit der wohlwollenden 'Art der Behandlung seiner Angestellten. Der Fabrikbesitzer em­pfindet zunächst dem Bruder gegenüber nwhr Gleichgiltig?- teit, als er ihm Schroffheit zeigt. Das Liebeswerben der Haubenlerche" gegermber hätte ebenfalls etwas schlicht natürlicher sein können. Herr Sandorss vermochte die eigen­artige dtatur dieses Mannes, der trotz sonstiger Energie von seinen Angestellten fortgesetzt zu seinem Nacyteil jichHerr Auiustt' anreden lägt, uns nicht liäher zu rücken.

DieHaubenlerche", die Tochter der Fabrikarbeiters-^ Wittve Schmalenbach, wurde von einem fremden Gast, Frl. ^ora Schütz, gespielt. Diese Rolle des munteren Mädchens, dessen Lieder in der Gefangenschaft ihrer so unfaßbaren- Verlobung verstumiuen und dereli Wangen in Heim- und Liebcsweh sie liebt den einfachen Büttgesellen er­

ber Generalgouverneur 'der 43ejier''ci?a?nia^nngaTnn)cn zotrnr m- linski genannt. Der Obmann des Tschechenklubs Tr. Pacak soll den bisherigen tschechischen Lcmdsmannmmister Randa ersetzen und Dr. Forscht das Handelsportefeuille bekommen.

In Ungarn haben die letzten Audienzen on Politikern beim Kaiser Franz Jofeph immer nody kein faßbares Resultat in der Mimsterkri.se ergeben. Man hofft jedoch, daß die (Sntroirrung jetzt ielleicht dadurch erleichtert werde, daß die gegenseitigen An­sichten genau bekannt sind.

In Italien, wo bekanntlich der siegreiche Pollliker Gio- litti mit seinem gesamten Kabinett zurücktrat,strebt Fortis, der zum Prenriermiillster bestimmt ist, eine Versöhnung mit der Linken an und hofft die radikal-konstitutionelle Opposition auf seine Seite zu bringen. Aber aucy dort verzögert sich die Lösung der Atinifterkrise, weil nach dem letzten Eisenbahnerausstand nie­mand das Eiseubahnministerium anzunehmen gewillt ist.

Ter Besuck) des ehrgeizigen, nach der Unabhängigkeit Bul­gariens und der Königskrone sttebenden Fürsten Ferdinand in Berlin und London und letzt in Paris, legt die Vermutung nahe, daß wichtige diplomatische Abmachungen von ihm wenigstens versud-t worden such.

Ter Zar zahlte im Laufe der vergangenen Woche an Eng­land die Entschädigung für die Beschsießung der Hüller Fisck)er- flotte in Summe von 1300 000 Mark. Im Innern des russi- sckjen Reiches dauern die Wirren fort. Im Kaukafus, zumal in Baku, feierte der Aufwand unerhörte Blutorgien. In Polen, namentlich in Warschau ist die Lage höchst sdpoierig. Gesindel terrorisiert die Bevölkerung. Tie ohnehin unter dem Drucke der Verhälttrisse leidenden Hausbesitzer erhalten Drohbriefe mit der Förderung, die Mieten herabzusetzen. Selbst bedeutenderen Firmen lvird es schwer, bei der ungünstigen wirtschaftlichen Lage die Miete zu entrichten. In P e t e r s b u r g hat sich erst am letzten Samstag eine Dy na m it ex p l o s io n zugetragen. In dem Hotel garniBristol", gegenüber dem Ackerbaumllllsterium und neben der d e u t s ch e n B o t s ch a f t sand die Explosion einer Bombe in einem von einem Englmlder und einer Frau be­wohnten Zimmer des zweiten Stockwerts statt. Die Explosion verursachte soioohl im zwecken Stockwerk als auch in den anderen Stoawerken beDeutende Beschädigungen. Mehrere Fensterrahmen wurden zertrümmert. In einem Laden im ersten Swckwerk stürzte die Stuttatur von der Decke, im dritten Stockwerk wurden die Scheiben von fünf Fenstern zerttümmert. In dem 3immer, in dem die Explosion iiattfanb, war alles zerschlagen. Tie Tielen unb Wände waren zerstört, uni) verbogene Fensterrahmen wurden auf der anderen Seite der Straße gefuirden. Zwei vorübergehende Studenten wurden niedergeworfen. In dem b^ackcharz^mmer wur­den zwei Frauen durd) die Holzstücke einer abgerissenen Wand verwundet. Der im Expivsionszunmer wähnende Alaun wurde in Ile ine Stücke zerrißen; nur ein Bein wurde gefunden. Tie Wände mären mit Blut und Gehirn bespritzt. Der Name des Ncannes ist Koulon, nach anderen Berichten Lincoln; er sprach schlecht russisch. In 'einem Reisekoffer fand man noch zwei Bomben. Was der Mann mit den Bomben vorhatte, wird man wohl nie ermitteln.

Auf dem ostasiatischen Kriegsschauplatz aber hm Feldmarschall Oyama mit feinen fünf japanischen Armeen die gewaltige Heeresmacht Kuropattms in der zwölftägigen Schlacht bei Mulden besiegt. Seine Truppen verfolgen den Feind nick größtem Nachdruck. Kuropatkin meldet unterm 10. März selber:

Seit heute nachmittag vollzieht sich der sehr gefähr­liche Rückzug. Es ist besonders sckMierig für die von der Mandarinensttaße entfernten Storps. Die Japaner bedrohten unsere Truppen, aber dank der äußersten Ansttengung sind unsere Armeen außer Gefahr. Der Feind besckwß unsere Rückzugslinie von Ost nach West. Die Niandarineustraße wurde von Osten von zwei Orten bei Tavan und Poukje be­schossen. Unsere Truppen hielten sich sehr tapfer. Die Ja­paner drängen deshalb so leicht von Süderi her vor, weil der Hunho, der unsere Stellung bei Mulden deckte, heute gefroren war. General Zerpizky wurde verwundet, blieb aber bei der Front.

Der Kriegsminister Japans soll erklärt haben, Obama habe besckckossen, mit Mukden als Operationsbasis, mit einem großen Teil seiner Armee nach Norden in der Rick)tuug von E Harbin vorzudrängen, um seine große Aufgabe zu erfüllen, und die wahrhaft niederschmetternde Niederlage Kuropatkins aus­zunutzen.

Die Niederlage bei Mukden gab natürlich reichen Stofs zu Vermutungen über Friedensverhandlungen. DiePe- tersb. Tel.-Ag." ist aber ermäcbitigt, kategorisch zu erklären, daß alle Meldungen über Absichte n der russischen 3tegierung, Vorverhandlungen über den Frieden zu beginnen, vollständig unbegründet sind. Alle diese Nachrichten kommen nicht aus gut unterrichteten russischen Quellen, sondern sie sind lediglich Vermutungen. DiePetersb. Tel.-Ag." erfährt^ daß I a p a ii gegenwärtig mit englischen und amerikaui- schen Bankiers über eine Anleihe verhandele, außerdem über eine neue Anleihe von 100 Millionen Pen mit der Standard Oll Company unter Verpfändung der Naphthalager im Norden von bleichen, fft äußerst üauidar. ^ri. spieire aber ziem­lich mittelnräßig, nnd wir glanben oe,timmt, daß Frl. Ruf, die außerdem für die Rolle ein entspnechienderes Aeußeres mitbringt, mit dieser Aufgabe mehr zu bieten gewußt hätte, als die Fremde.

Deu Hermann Laugenthal, einen jungen Taugenichts, der beit Liebesbenrühungen seines Bruders mit einem dummen Stteich ins Handwerk Pfuscht und unbeabsichtigt die beste Lösung des unmöglichen Verhältnisses ztoiichen Fabrikbesitzer und lArbeitevin herbeiführt, spielte Herr Andreas in der gewähnten gefälligen Weise. Fräulein E h r i st o p h c r s e u war eine sympathische Cousine Juliane.

Famose Gestalten waren die Witwe Schmalenbach der Frau Fischer und ihrAle", der von Herrn Lippert mit sehr guter Komik wiedergegeben wurde. Herr Krey- l in g wnßte sich mit feinem Büttgesellen Jlefeld gleich­falls genügend zu befreunden.

Tas sehr gut besuchte Haus naljm die Darbietung des interessanten Werkes mit freundlichem Interesse auf.

M G.

Die Kunst. Monatshefte für freie und angewandte Knnst (Verlagsanstalt F. Brullmann A.-G. in München). Preis vierteljährlich (i Mk. März-Heft 1905. Drei aus­gezeichnete Künstlermonographien enthält dies Heft: Adolf Hengeier, Adolf Menzel und Bruno Paul. Das Hauptinter­esse nimmt natürlich der Teil in Anspruch, der Adolf Menzels Gedächtnis gewidmet ist. Was dieKunstt" aus Max Jordans Feder über den Altmeister bringt, gehört! zum Wertvollsten, was auS Anlaß von dessen Tode ge­schrieben wurde. Daß der Nekrolog, dem sich noch inter­essante Menzelerinnernngen von Franz Wolter anjchließen, von wertvollen Illustrationen begleitet ist, zum Teil sogar Doppelbildern, ist bei derKunj^ selbstverständlich. Ter schöne Menzelaufsatz ist auch als Sonderheft zum Preise von 1 Mk. zu beziehen.

'Das neue dramatische Werk von Hermann Bahr Sanna" ist soeben bei S. Fischer, Verlag, Berlin in' Buchform erschienen.

Gustav greii ff en arbeitet an einem großen Roman, der den Titel fuhren wird: A u s e i n e r k l e n e w Stadt. Frensfen foll an seinem Jörn Uhl eine Viertele Million Mark verdient haben.

In Wien ift am 12. d. M. der Maler Rudolf Alt, 93 Jahre alt, gestorben. (Alt war ein seiner Cha- rakteristiker als Porträtist und außerordentlich subtll als Städtebildmaler. Sehr bekannt ist sein Gemälde des Wiener Stesansdomes. D. Red.)