Ausgabe 
15.6.1905 Zweites Blatt
 
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lichen Erlasse von 1890

soziale Arbeit getan. Dieselbe ist aber durch die Natur der Organisation und die Art des religiösen Ideals immer

friedlicher

.Der Evangelisch-Soziale Kongreß auf dem Boden der kaisev " ) stehend, sieht in den modernen Arbeiter-

n.

S. u. H. Hannover, 14. Juni.

In der heutigen zweiten Sitzung erstattete der General­sekretär Liz. W. Schneemelcher-Berlin den Ge- schüstsbericht für das vergangene Jahr: Die Erfolge, die toü mit dm sozialen Ausbildungskursen in Berlin er­reicht haben, sind hoch erfreulich. Besonders zahlreich war

der Organiß

sehr beschränkt geblieben.

die Beteiligung der evangelischen Arbeitervereine an diesen Kursen. Man hat glücklicherweise dort den Standpunkt ver­lassen, daß man durch gute Gesinnung eine Verständigung mit den Unternehmern herbeiznführen sucht, und man ist im ganz bestimmten Sinne klassenbewußt geworden. Beim Bergarbeiterstreik haben wir einen Aufruf für die streikenden Bergleute erlassen. Es handelte sich bei dem großen Streik im Nuhrrevier um große sittliche Fragen, um dasHerr im eigenen Hause sein". Deswegen erließen wir, die wir bezüglich der Arbeiterfrage auf dem Standpunkt stehen Gleiches Recht für alle", einen Ausruf zur Unterstützung der Bergleute.

UeberDieBedeutung der Arbeiterorganisatio» n en fiirWirtschaft und Kultur" sprach Prof. Dr. Si e v e- kiug-Marbürg unter Vorlegung folgender Leitsätze:

hundert geschätzt» Unter der Bevölkerung herrscht un­geheure Panik. Die Ausschreitungen der Reservisten dauern noch fort.

prüfen.

Der Entwurf des Ministers Bulygin betreffend Schaff- ana einer Volksvertretung schließt die Israeliten von jeder Beteiligung daran aus.

Judenverfolgung in Russisch-Littauev.

In Brestlitowsk, einer Festung in Russisch-Littauen, herrschen seit dem Pfingstsonntag blutige Exzesse gegen die Juden. Infolge der unerwarteten Mobilisation des 19. Armee­korps trafen am Sonntag aus den ländlichen Distrikten Tausende von Reservisten ein, die vorerst in Stimmung sich auf dem Marktplatz versammelten. Plötzlich erschienen hier verkleidete Polizeibeamte, die unter die Menge Proklamationen verteilten, in welchen das Volk aufgefordert wurde, an den Juden Rache zu nehmen, weil sie die Japaner mit Geld unterstützen und den Krieg heraufbeschworen haben. Bald erschallte der Ruf: Bei scbydow! (Schlaget die Juden!) In dem Mo­mente stürzten sich die Reservisten auf die jüdischen Ge­schäfte und demolierten sie, hielten die Passanten auf der Straße an, schlugen sie und zogen hierauf in Kolonnen unter Führung von Agitatoren nach der inneren Stadt, wo das Plündern fortgesetzt wurde. Da die Juden sahen, daß die Polizei ihnen keine Hilfe leistete, verteidigten sie ihr Hab und Gut. Viele Juden wurden ermordet. Die Zahl der Getöteten und Verwundeten wird auf mehr als

es noch gedrücktere Stände als die Arbeiter aibt. Es freut uns, daß wir mit den Behörden unseren Weg ziehen. Andern­falls wären wir auch ohne diese Behörde unfern Weg allein gezogen. (Bravo!)

Geh. Kirchenrat Professor Dr. Kattenbusch-Göt­tingen (früher in Gießen) begrüßte den Kongreß im Namen der theologischen Fakultät der Universität Göttingen. Die theologische Fakultät hegt für die Bestrebungen des Evan­gelisch-Sozialen Kongresses um so größere Sympathien, da sie der Ueberzeugung ist, daß die sozialen Kämpfe nur dann siegreich durchgeführt werden können, wenn die K'rast des Evangeliums diesen Kämpfen zu Hilfe komme. Nur wenn der Kongreß Don dem christlichen Gedanken durchleuchtet sei, werde es dem Kongreß gelingen, die sich gestellten sozialen Probleme in gedeilMchcr Weise zu lösen. (Beifall.)

Oberpfarrer Wächtler -Hatte a. S. begrüßte den Kon­greß im Namen des Evangelischen Bundes, Fräulein Paula ll er-Hannover im Namen des Deutschen Frauenbun­des, Admiral Olde kopp-Hannover brachte Grüße vom Bund der Bodenreformer, Pastor Gonser-Berlin vom Verein zur Bekämpfung des Mißbrauchs geistiger Getränke.

Die sozialen Kräfte im Christentum vnd im Buddhismus.

Pfarrer Liz. Hackmann-London hielt einen Vortrag über die sozialen Kräfte im Christentum und im Buddhis­mus. Die Ausführungen des Redners gipfelten in folgenden von ihm ausgestellten Leitsätzen.

1. Beide Religionen haben in ihrer Grundstimmung etwas sozial Einigendes, insofern sie über jede gesellschaft­liche Schichtung und sonstige Trennung hinweg nur den Menschen als solchen suchen. Beide geben auch im Prinzip Mann und Weib gleiche Stellung; doch verfährt der Buddha dabei zögernder und ängstlicher.

2. Beide Religionen sind mit ihrem religiösen Ideal zu­nächst gegen soziale Aufgaben indifferent, indem das Christentum das ewige Leben, der Buddhismus die Erlösung vom Leben als Ziel aufstettt.

3. Beide Reliaionen verbinden das Streben nach dem religiösen Ziele mit sittlicher Arbeit als dem notwendigen Mittel. Blickt man auf daS soziale Element dieser sittlichen Arbeit, so ergeben sich zwischen Leiden Religionen starke Unterschiede.

4. Der Buddhismus, a) Die engere Jüngergemeinde des Buddha (die Mönschgemeinde) wendet sich so entschieden vom Leben ab, daß bei ihr von sozialen KTäften nicht die Rede sein kann. Sie ist vielmehr antisozial, individua- listisch-ienseitig gerichtet, b) Die Laien sittlich keit dagegen umfaßt eine Fülle sozialer Beziehungen und sozialer An­triebe. c) Die sozialen Kräfte der buddhistischen Laien- sittlichkeit sind dennoch stark beschränkt durch folgende Hin­dernisse: 1. Die sozialen Pflichten beruhen nicht auf einem grundlegenden Prinzip, sondern sind zu sättig formuliert; 2. es werden fünf unbedingte Emzelgebote vorangestettt, welche für soziale Entwickelung hemmend und schädlich wirken; 8. indem den Laien als höhere Schicht die MönchS- gemeinde übergeordnet und hingebende Förderung derselben unter die wesentlichsten Pflichten gezählt wird, bekommt die Sittlichkeit eine antisoziale Richtung; Pflege des Mönch­tums wird der Schwerpunkt, d) Geschichtlich hat die engere Jüngergemeinde des Buddha (die Mönchs gemeinde) ihrer ursprünglichen Tendenz zum Trotz überatt eine gewisse

16. KvaHlisch-Sozialer Kongreß.

(Unberechtigter Nachdruck verboten.)

I.

H. F. Hannover, 13. Juni.

Unter sehr zahlreicher Beteiligung von Damen und Herren begannen heute nachmittag im Festsaale des Ar­beitervereins die Verhandlungen des 16. Evangelisch-Sozia­len Kongresses. Von bekannten Persönlichkeiten bemerkte 'nan den Geh. Öberregierungsrat Prof. Dr. Post-Berlin vom preußischen .Handelsministerium, Geh. Regierungsrat Prof. Dr. Adolf Wagner, Prof. Dr. Delbrück, D. Friedrich Naw- mann-Berlin, Geh. Hofrat Pros. Dr. Gregory-Leipzig, Pastor Dr. Rocktäschel-Qomburg. Der Vorsitzende, Prof. D. ö a r- nack-Berlin, eröffnete den Kongreß. Der Gedanke des Schutzes der Schwachen und Hebung der Gedrückten,^ einmal in das Volk geworfen, sei niemals mehr zu beseitigen. Wir wollen die Sozialpolitik erweitern und verbessern. Dre Erweiterung führt bereits zur Verbesserung. Wir willen, uat

5. Das Christentum, a) Im engsten organischen Zusam­menhänge mit seinem religiösen Gute (Glaube an den himmlischen Vater) steht als Prinzip der christlichen Sittlich­keit die Liebe da. Ihr Träger ist die freie Persönlichkeit. Sie gestaltet die Einzelgebote aus sich heraus. So sehen wir sie wirksam in der Persönlichkeit Jesu Christi selbst. So ging sie auf seine Jünger über, b) Mit diesem seinem sittlichen Prinzipe ist das Christentum grundsätzlicb an so­ziale Arbeit gewiesen; sie ist das natürliche Felo seiner Tätigkeit, c) In seiner sozialen Wirksamkeit ist das Christen­tum durch keine unbedingten, ewig giltigen Einzelforder­ungen gebunden. Es gestaltet Gebote und Verbote nach Aufgaben und Verhältnissen frei aus dem Prinzipe der Liebe heraus. Darin liegt seine unschätzbare Bewegungs­freiheit. d) Die soziale Arbeit des Christentums durchdringt atte natürlich notwendigen menschlichen Gesettschaftsgruppen gleichmäßig mit einer höheren, sie zusammenfassenden Kraft. Dagegen erkennt sie keinerlei Scheidung in vollkommeneres oder unvollkommeneres Christentum an. Was in dieser Hinsicht auf christlichem Boden sich geltend gemacht hat, kann vom Standpunkte Jesu Christi aus nicht gerechtfertigt werden.

6. Das Christentum hat noch eine unendliche Perspektive seiner sozialen Aufgabe. Der Buddhismus vermag einen neuen Aufschwung seiner sozialen Wirksamkeit nur dadurch zu gewinnen, daß er in christliche Bahnen einlenkt, wie wir es verschiedentlich heutzutage bemerken. Darin liegt das stille Eingeständnis, wo die größere soziale Kraft zu finden ist.

Der Redner schloß mit dem Wort: Es sei keine Gefahr vorhanden, daß der asiatische Rivale das Christentum jemals verdrängen könnte. (Lebhafter Beifatt.)

Professor Dr. H a r n a ck bemerkt: Eine Religion müsse bestimmt in der Attgemeinheit und unbestimmt im einzelnen sein. Das sei ein Paradoxon. Bei der buddhistischen Religion sei das Gegenteil der Fall. Sie sei zu unbestimmt im Grundgedanken und zu bestimmt in den einzelnen Gesetzen. Die christliche Religion kenne auch nicht zwei Bevölkerunys- schichten, ihr «oberster Grundsatz sei die Nächstenliebe. Dies sei der Magnet, der das Christentum ßur Weltreligion ge­macht habe imb der auch ferner sein Leitstern sein werde. (Stürmischer, lang anhaltender Beifall.) Danach wurde die erste Hauptversammlung geschlossen.

organisationen eine für nnsere Wirtschaft notwendige und für unsere Kultur bedeutungsvolle Erscheinung.

Der Evangelisch-Soziale Kongreß bedauert die einseitige Richt* ung, welche die Arbeiterorganisationen heute vielfach verfolgen, vermag aber die Schuld daran nicht lediglich den Arbeitern zu­zumessen, sondern sieht sie ebensosehr in dem mangelnden Ent­gegenkommen der Unternehmer, der Regierrmg und der öffent­lichen Meinung.

Der Evangelisch-Soziale Kongreß hofft, daß die mageren Zu­geständnisse, welche die pveußische Berggesetznovelle der Arbeiter­organisation gemacht hat, nicht ein durch die Not des Augen­blicks ertrotztes Gelegenheitsgesetz bleiben, sondern den Ausgangs­punkt bilden mögen für eine zielbewußte und konsequent durch­geführte Politik, die den verständigen Forderungen der Arbeitet die ihnen gebührende Gerechtigkeit widerfahren läßt."

Nach sehr langer Diskussion wurden die Leitsätze des Referenten als Resolution des Kongresses einstimmig ge­nehmigt.

In der Nachmittagssitzung sprach Prof. D. Baum­garten- Kiel überKirchliche Einrichtungen, die antisozial wirken". Antisozial, so führte der Redner aus d. h. das Zusammengehörigkeitsgefühl des ganzen evangelischen Volkes, daS Gerechtigkeits- und daS Klassen- gefühl seiner aufstrebenden Klassen verletzend, wirken alle kirchlichen Einrichtungen, die, auf plutokratischer Basis beruhen, Unbemittelteren den votten Mitaenuß des kirch­lichen Lebens erschweren oder doch einen üblen Unterschied zwischen ihnen und den Begüterten zur Darstettung bringen. Dazu gehören, nach allen erheblichen Reformen durch Ver­wirklichung des Sulzeschen Gemeindeideals, auch heute noch: die immer noch da und dort sich findende K i r ch st u h l- vermietung; die Massentaufen und Massen- trauungen, soweit sie eine Folge der Besteuerung der HauStaufen und HauStrauungen sind; die noch immer tat­sächlich vorhandenen Liebesgaben an die Geist- lichen, wie Beichtgroschen oder Konfirmanden- und Kinder­gottesdienst-Honorare; die Ansetzung mancher Gemeinde- gottesdienste Wochen-, Gustav Adolf-Missionsgottes- dienste, Bibel- und Betstunden auf Zeiten, wo auf Be­such der Arbeiter von vornherein verzichtet werden muß; die tatsächliche Vereitelung oes Verbrüderungszweckes des Abendmahls, wozu aber nicht die Einführung des Einzel- kelchs zu rechnen ist. Wichtiger als einzelne kirchliche Mn- richtungen ist der Geist der Kirchenleitung, der sie erfüllt Antisozial ist er, sofern er das Vertrauen zur Volkstümlich­keit, Aufrichtigkeit und sozialen Gerechtigkeit der Kirche unterbindet. Antisozial wirkt darum das Staatskirchen- tum nicht an sich, wohl aLerl, sofern esHofkirchentum! ist, H o f - u n d P r u n k st i l, wie in die Archen- und Pfarr­hausbauten, so auch in die Titulaturen und Einweihungen einführt, und deshalb Methoden benutzt, die der evange­lischen Einfalt widersprechen. Da Bevormundung deS Volkes, bei unserer heutigen Publizität undurchführbar, nur das Vertrauen der aufstrebenden Klassen zur Wahrheit der Kirche untergräbt, ist sie als antisozial zu bekämpfen. Ge­rade als Volkskirche bedarf die evangelische Kirche abso­lutester Freiheit der Ueberzeugungsbildung und -Aeußerung. (Großer Beifall.)

Der Redner erörterte unter großer Spannung im Laufe seiner Ausführungen u. a. den Fall Mirbach. Unser kirchliches Volk ist gewiß unserem Kaiser und unserer Kaiserin von ganzem Herzen dankbar für die Förderung, die wir seit dem Regierungsantritt unseres regierenden Herrn erfahren haben. Wenn wir ober auch noch so dankbar und loyal an diese Dinge uns erinnern, so muß doch fest- gestellt werden, daß die soziale Haltung unserer Kirche mit dem äußeren Aufbau der Kirchengebäude nicht aleichen Schritt gehalten hat. Es muß gefugt werden, daß Die Art und Weise, wie sie sonderlich in Herrn von Mirbach repräsen­tiert ist, nicht rächtig ist. Es darf nicht verkannt werden, daß sich ein Hosstil ausprägt, der sich mit der Einfalt des Evangeliums nicht verträgt. Dieser Hofstil prägt sich vor allem aus in gewissen Gebäuden, von denen wir sagen müssen, daß sie nicht den Bedürfnissen und Wünschen des protestantischen Volkes als Ausdruck dienen können. Es sott nicht verkannt werden, daß es gewisse repräsen­tierende Gebäude geben kann und darf, die weit über daS Bedürfnis hinaus wesentlich das Ganze repräsentieren sotten. Ich war selber Geistlicher in Berlin und habe der Grund­steinlegung einer der ersten Kirchen beigewohnt. Ich habe gesehen die Spitzenreiter und habe gefeiert die Schwadronen (große Heiterkeit), habe beit ganzen Aufzug dieser Feier durch meine Seele gehen lassen. Am Abend habe ich Sann mit Arbeitern und auch mit mir selbst gesprochen, und wir hatten das Gefühl: hier wird dem Volke etwas getan, was dem Volke fremd ist. Wir können nicht dadurch hochkommen in unserem Volke, daß wir im Hof- und Prunkstil unsere schlichte, einfache protestantische Kirche auf die Höhe der katholischen Dome erheben. (Lang- anhaltender Beifall.)

In der Diskussion trat u. a. Frl. Paula Müller» Hannover für das Stimmrecht der Frauen bei den Kirchen­wahlen ein. Lehrerin Duensing - Hannover versuchte in diesem Zusammenhang die A l k o h o l f r a g e zur Sprache zu bringen, wurde aber von Professor Harnack mit den Worten unterbrochen: der Mkovolismus ist keine kirchliche Einrichtung. (Stürmische Heiterkeit.)

Hierauf gelangte folgende Resolution zur Annahmen Der Evangelisch-Soziale Kongreß erllärt, daß unter den

Mußrand in Sturm und Drang.

Zur Volksvertretungsfrage.

Der Finanzminister hatte eine von den Vertretern des Handels und der Industrie beschlossene Erttärung über die Ausführung des kaiserlichen Reskripts vom 18. Februar alten Stils betreffend Einführung der Volksvertretung dem Kaiser vorgelegt. Die Delegierten der Moskauer Börse sind jetzt mit Genehmigung des Kaisers vom Finanzminister benachrichtigt worden, daß die schleunige Ausführung des Reskripts vom 18. Februar Gegenstand der besonderen Sorge des Kaisers ist, und daß das Ministerkomitee den Befehl erhalten hat, die vom Minister des Innern ausgearbeiteten Ausführungsbestimmungen zu dem Reskript unverzüglich zu

VolMsche Tagesschau.

Prof. Dr. PaascheS Ostafrikafahrt.

. Ostafrika steht im Begriff, die erste von einem Reichs­tagsabgeordneten besuchte deutsche Kolonie zu werden. Der zweite Vizepräsident deS Reichstags, Prof. Dr. Paasche, beab­sichtigt demnächst, wie wir bereits gestern kurz mitteilten, eine Studienreise nach diesem Schutzgebiet anzutreten. Dem bekannten rechts-nationalliberalen Parlamentarier läßt sich Urteilsfähigkeit in überseeischen Fragen nicht absprechen, hat er doch vor wenigen Jahren eine Studienreise nach West­indien und den Golfstaaten unternommen, die ihm wertvolle Einblicke besonders in das Wirtschaftsleben jener Länder er­öffnete. Er bringt also einen Maßstab mit für die Beurteil­ung der Verhältniffe in Deutsch-Ostafrika. DaS ist gerade bei Dr. Paasche insofern von Bedeutung, als seine lebhafte Sympathie für die koloniale Sache ihn in der Regel auf einen gar sehr optimistischen Standpunkt hinweist. Run meint dieTägl. Rundsch." mit Recht, man dürfe den Wert kurzer Informationsreisen nicht überschätzen. Es komme darauf an, für Erkundungen sämtliche Quellen zu benutzen und allen gleich kritisch gegenüberzustehen. Sonst sei der Reisende bei der Rückkehr vielleicht befangener in seinem Urteil als vordem. DaS Blatt regt an, es möchten Mit­glieder aller Parteien zu Studienzwecken in die Kolonien reifen, und zwar mit Unterstützung der Re­gierung, damit in der Volksvertretung nicht lediglich Männer sitzen, die die Schutzgebiete nur vom grünen Tisch aus kennen. Hierbei ist jedoch außer Acht gelaßen, daß dem Reichstag jahraus jahrein sehr umfangreiche und instruktive Denk­schriften über die Entwicklung der Schutzgebiete zugehen, die auf Grund des von dem Gouverneur gesandten Materials im Kolonialamt ausgearbeitet werden. Wer diese Denkschriften aufmerksam liest, gewinnt ein Bild von der kolonialen Wirk­lichkeit. Es ist aber wohl zu bezweifeln, daß alle Mitglieder deS Reichstags sich dieser immerhin zeitraubenden Lektüre unterziehen, und wahrscheinlich würde auch die Zahl derer gering sein, die zu Studienreisen in die Kolonien geneigt sind. Denn bei den ungünstigen klimatischen Verhältniffen wenigstens der afrikanischen Schutzgebiete läuft solche Fahrt auf eine Strapaze hinaus, zumal wenn es sich um längeren Aufenthalt handelt, der für gründliche Informierung wiederum unerläßlich ist. Im übrigen dürften koloniale Studienreisen einzelner Parlamentarier an der Stellung der Parteien zur Kolonialpolitik im allgemeinen kaum etwas ändern.

Nr. 138 Zweites Blatt. 155. Jahrgang Donnerstag 15. Juni 1905

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