Ausgabe 
12.4.1905 Erstes Blatt
 
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Nr. 87

155« Jahrgang

Erstes Blatt.

Mittwoch 12. April 1905

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GietzenerAnzeiger

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Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen MUZ

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Pie keutiqe Nummer umfaßt Ist Seite«.

Bekanntmachung.

Betr.: Milzbrand zu Rodheim a. d. Horloff.

Bei einer Kuh der Wilhelm Reichhardt Witwe zu Rod heim a. d. H. ist Milzbrand festgestellt morden.

Gehöftsperre ist verhängt.

Gießen, den 10. April 1905.

Großherzogliches Kreis amt Gießen.

__________________I. V: Heckler__________________

Kekannlmachung.

Betr.: Rauschbrand zu Lich.

Ber einem Schafe des Christian Heller H. zu Lich ist ein Fall von Rauschbrand festgestellt worden.

Gehöftsperre ist verhängt.

Gießen, den 10. April 1905.

Großherzogliches Kreisamt Gießen.

___________________I. V.: Hechler.___________________ * Gießen, den 7. April 1905.

Betr.: Die Feuerstättenrevision für 1905.

Das GroßherzoLlche Kreisamt Gietzeu

an die lSroftli. Bnrqermeiktereten deS företfca

Diejenigen von Ihnen, welche unserer Auflage vom 1. Februar l. Js. noch nicht entsprochen haben, werden an deren alsbaldige Erledigung erinnert.

__________I. V.: Dr. Kranzbübler.____________

Bekanntmachung.

Betr.: Feldberemigung in der Gemarkung Gießen rechts der Lahn und den zugezogenen Teilen der Gemarkung * Heuchelheim.

Dienstag, den 18. April l. I. findet die Versteigerung der Massegrundstücke an Ort und Stelle statt.

Zusammenkunft vormittags 81/3 Uhr an der Ecke der Rodheimer und Schützenstraße, woselbst auch die Versteige­rungsbedingungen bekannt gegeben werden.

Friedberg, den 11. April 1905.

Ter Großherzoglichc Feldbereinigungskommissärr Spam er, Kreisamtmann.

Gießen, den 4. April 1905.

Betreffend: Die Revision der Hypothekenbücher aus dem Ge­schäftsjahr 1904/05.

21 tt sämtliche Ortsgerichte

des Amlsgerichtsbezirks Gictzen.

Wir benachrichtigen Sie, daß wir in Kürze mit der Revision der Hypothekenbücher beginnen werden und fordern Sie daher auf, die seit der letzten Revision vorgenommenen Einträge in Spalte A. und B. einer sorgfältigen Durchsicht und Vergleichung mit den gerichtlichen Verfügungen zu unter­werfen. Die dabei in Bezug auf die Form sich ergebenden Anstände, soweit solches ohne unsere Mitwirkung geschehen kann, z. B. Berichtigung von Schreibfehlern, Ausbesserung von Worten, Nachholung von fehlenden Unterschriften, sind zu beseitigen.

Sie wollen sich davon überzeugen, daß die Einträge und Löschungen im Namensverzeichnis und topographischen Pfandregister nach Vorschrift vollzogen worden sind.

Das Protokoll über die erfolgte Vorrevision, wozu das Ihnen demnächst zugehende Formular zu benutzen ist, ist unfehlbar im Revisionstermin, welcher Ihnen noch bekannt gegeben wird, vorzulegen.

Gleichzeitig machen wir Sie darauf aufmerksam, daß wir gelegentlich dieser Revision auch die allgemeine Ge­schäftsführung der Ortsgerichte (Gemeindewaisenrat) einer eingehenden Prüfung unterziehen werden und empfehlen Ihnen, auch hier etwaige Mängel zu beseitigen.

Großberzoalickes Amtsgericht.

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Per Kaiser auf Korfu.

Korfu, 11. April.

Heute morgen um 9 Uhr fuhren die deutschen Schiffe _ dieHohenzollern" mit dem Kaiser an Bord, sowie das TorpedobootSleipner" und der KreuzerFriedrich Karl" in die Bucht von Korfu ein, wo ein starkes englisches Geschwader lag, das salutierte und paradierte. Der Friedrich Karl" erwiderte.

Der Kaiser machte einen Besuch auf dem englischen FlaggschiffBulwark".

Der König von Griechenland war heute morgen dem Kaiser entgegengefahren, jedoch in südlicher Richtung, während dieHohenzollern" von Norden her in die Meer­enge einfuhr.

Das TorpedobootSleipner" fuhr der griechischen Jacht Amphitrite", auf der sich König Georg und die königliche Familie befanden, entgegen. Um 12 Uhr trafAmphitrite" wieder im Hafen ein. DerFriedrich Karl" salutierte, die Mannschaften derHohenzollern" und desFriedrich Karl" paradierten und brachten drei Hurras aus, während die Hafen­forts Salut schossen. Der Kaiser, in Admiralsuniform mit dem Bande des Erlöserordens, erwartete den König am Fall­reep; dieser trug griechische Admiralsuniform und den Schwarzen Adlerorden. Die Monarchen küßten sich auf beide Wangen und begrüßten sich sehr herzlich. Ebenso fand eine herrliche Begrüßung zwischen dem Kaiser und seiner

Schwester, sowie dem Kronprinzen und dem Prinzen Nikolaus und dessen Gemahlin statt. Die Kapelle der Hohenzollern" spielte die griechische Hymne. Nach Vor­stellung des Gefolges und lebhafter Unterhaltung der beiden Monarchen kehrte die königliche Familie auf dieAmphitrite" zurück, wo der Kaiser alsbald den Besuch erwiderte.

Der Kaiser begrüßte ferner an Bord den hier als Tou­risten anwesenden Grafen Goertz-Schlitz nebst Sohn und Tochter. Nachmittags begab sich der Kaiser an Land und unternahm mit der königlichen Familie eine Spazier­fahrt. Am Landungsplatz waren Blumen gestreut. Damen und Kinder schwenkten kleine Fähnchen in den deutschen und griechischen Farben; die ganze Stadt, bis in die entferntesten, winkligen Gassen hinein, war reich geschmückt. Guirlanden waren über die Straßen gezogen, Palmenwedel und frisches Grün schmückten die Häuser. Bilder des Kaisers, des Königs, des Kronprinzen und der Kronprinzessin waren ausgestellt. Militär mit Musik bildete Spalier. Lampions waren in den Bäumen aufgehängt. Unter dem Publikum sieht man viele Volkstrachten. Ueberall sind deutsche Willkommensschriften angebracht.

Kaiser Wilhelm hat dem Prinzen Nikolaus den Schwarzen Adlerorden verliehen. Der Minister des Aeußern Skouzes erhielt den Roten Adlerorden 1. Klaffe, der Gesandte Prinz von Ratibor erhielt das Bildnis des Kaisers.

VaMische Taqesschrm.

Eie Untersuchung der französischen Kowploitafsare, die bisher unter dem TitelDiebstahl von militärischen Ausrüstungsgegenständen" geführt wurde, wird jetzt unter dem Titel:Attentat gegen die Sicherheit des Staates" rubriziert, ein Verbrechen, worauf Todesstrafe steht. Somit ist so gut wie sicher, daß die Angeklagten vor den Staatsgerichtshof kommen werden. Dem Untersuchungs­richter sind Flugblätter in die Hände gefallen, welche die Angeklagten in Provinzgarnisonen in großen Mengen ver­breiteten und in denen sie gegen einen Lohn von 10 000 Francs für Offiziere und 1000 Francs für Soldaten Leute zu einem Unternehmen in Abessynien anzuwerben suchen.

Auf Veranlassung des Untersuchungsrichters in der Ver- schwörungsangelegenheit wurde der in Putecmx wohnhafte Hauptmann Volpert unter der Anklage der Verschwärung gegen die Sicherheit des Staates verhaftet. Der Unter­suchungsrichter verhörte den Hauptmann, der sehr energisch leugnete, an der Verschwärung teilgenommen zu haben.

*

Lenkt Delcasse ein?

Privatberictste aus Paris gehen heute von der Annahme aus, daß Delcasss in der M a r o k k o f r a g e sich zum Ein­lenken, d. h. zu Verhandlungen mit Deutschland, bequemen werde. Fast scheint es, so wird demBerl. Tagebl." aus Paris telegraphiert, als sei Delcasss im Begriff, die große taktische Bewegung einzuleiten, die auf einigen Umwegen zur Verständigung mit Deutschland führen soll. Nun, man wird gelassen abwarten, wann der Minister dies Manöver ausführt. Zugeredet wird ihm genug von Cle- menceau und Jaurös. Sie ermahnen Delcassö, die Politik der theatralischen Effekte aufzugeben und lieber heute als morgen das Land von dem Alpdrücke der Unsicherheit zu befreien. Delcasss habe heute noch die Möglichkeit, mit Deutschland eine durchaus ehrenvolle Verständigung zu erlangen. Bedeutsam ist Clemenceaus Versickerung, daß der ganze Senat diese Anschauung teile und daß auch in der Kammer zweifellos eine große Majorität zufrieden wäre, wenn zu einem solchen Arrangement Delcasss die Initiative ergreifen wollte. TieNationalztg." weist, anscheinend inspiriert, die Be­hauptung als völlig grundlos zurück, daß es von deutscher Seite auf den Sturz Delcassss abgesehen sei.Deutsch­lands Marokkopolitik hat auch nicht das geringste mit der Frage zu tun, ob Herr Delcasss im Amte bleibt."__________

Ausland.

Stockholm, 11. April. Staatsminister Boström, der langjährige Chef der schwedischen Regierung, hat sein Ent- lcvssungsgesuch erngereicht. Als unmittelbarer Anlaß für diesen Schritt wird das jüngst veröffentlichte Unionsprogramm des Kronprinz-Regenten betrachtet, für das Boström nicht die Verant­wortung übernehmen will. Die Gelegenheit zur Erledigung dieser Frage auf dem Wege der Verhandlung zwischen beiden Reichen wurde schwedischerseits verabsäumt. Darin liegt der größte Miß­griff Boströms. Er ließ eine Wahlreform mit propor- t i o n a l em Wahlsystem ausarbeiten und brachte sie im vori­gen Reichstage ein, die zweite Kammer jedoch ließ den Entwurf liegen und nahm einen aus der Mitte des Hauses gestellten Antrag an, der sich für allgemeines direktes Wahlrecht aussprach Trotzdem hat Boström dem jetzigen Reichstag aber­mals das proportionale Wahlsystem vorgelegt, das höchstens in der ersten Kammer eine sichere Stühe findet., Boström hat somit in seiner langen Ministertätigkeit weder die Unwnsfrage noch die Stimmrechtsache, die ebenfalls schon Jahre lang die Gemüter erregt, zu lösen vermocht.

__ Senat legte heute d'Estvurnelles Verwahrung em gegen eine Vermehrung der Aufwendungen für die Flotte auf Kosten derjenigen ftir dringende produktive Zwecke und führte aus: Die Herrschaft zur See könne nur einer Vereinigung von Völkern gehören. Er sei überzeugt, daß man durch ein internationabesAbkommen die Rüst­ungen gerade so regulieren könne, wie die Zucker­besteuerung. Redner weist auf das Beispiel von Chile und Argentinien hin, denen es gelungen sei, Feindseligkeiten zu ver­meiden sie schon am Vorabend eines Kampfes standen, und aus England und Rußland, die den Hüller Zwischenfall auf 'niedlichem Weac beseitigt batten. England und Frankreich könnten

die Initiative zu einem solchen Schritte ergreifen. Es würix unentschuldbar sein, einen Versuch zur Herbeiführung eines Ein­verständnisses zwischen beiden Ländern zu rmt,erlassen. Der Senat möge seinen Einfluß aufbieten, um der Regierung, der Kammer und allen Parlamenten in dieser Angelegenheit einen fördernde» Fingerzeig zu geben. t c Ä,

Port Mahon, 11. April. Der Könrgunddre Kön^ gin von England sind heute vormittag nach Palma ab­gereist. Wie aus London gemeldet wird, ist die Nachricht, König Eduard beabsichtige in Tanger einen Besuch zu machen, bisher unbestätigt geblieben. In informierten Kreisen ist hiervoV nichts bekannt.

Nom, 11. April. Das Generalkvmitee, das mit ben Vm> bereitungen für den Kongreß zur Sebaffimg des internatio­nalen landwirtschaft! ichen Institutes beauftragt ist/ beschloß heute, daß außer den direkten Vertretern der Regierungen auch Delegierte von landwirtschaftlichen Ver­einigungen in die Vertretungen der Regierungen abgeordnet werden können mit der Maßgabe, daß jede Regierung zu be­stimmen hat, wie solche Delegierte an ihrer Vertretung tellnehmen sollen.

Wien, 11. April. DieNeue Freie Presst erklärt rn ent», schiebenster Weise auf einer an der maßgebendsten Stelle ein­geholten Information die Gerüchte über Abda n kun gs-Ab­sichten des Kaisers Franz Josef für völlig nnbe- gründet.

Petersburg, 11. April. Vrin zess in Heinrichvou Preußen besuchte gestern nachmittag das von der Kaiserin Alexandra neuerrichtete Lazarett in Zarskoje Selo, wo sie sich auch längere Zeit mit einigen verwundeten Offizieren ind) Mannsckwften unterhielt.

Kon^autinopel, 11. April. Ein« größere griechisch« Bande überfiel bas Dorf Zegerin bei Vlachoklissura und ver­brannte es. Nach der Aussage von Bauern wurden über 100 Personen getötet. Der Keimakam von Castoria ist dort eingetroffen. Heute sind auch die Konsuln der EnteutemächtL von Monastir dorthin abgereist.

Washington, 11. April. England und Deutsch« land haben gemäß einem Ersuchen der Vereinigten Staatett die Absicht kunbgegeben, je einen Ingenieur als Mitglied für den Beirat der Panamakanal-Kommission zu ernennen.

Mußlcrvd in Sturm und Drang.

In Petersburg verhaftete die Polizei einen Jäger aus dem Personal des kaiserlichen Hauses, der revolutio­näre Ideen an den Tag gelegt hatte. Er wurde überrascht, als er einem Manne ein Papier überreichte, auf dem sich genaue Mitteilungen über die Zeiten der Spaziergänge des Zaren in Zarskoje Selo befanden.

Der aus politischen Gründen in Petersburg erfolgte Selbstmord der Fürstin Tentischew erregt kolossales Aufsehen. Gerüchtweise verlautet, daß noch eine andere hochgestellte Dame sich ebenfalls aus poli­tischen Gründen unter einen Eisenbahn zu g ge­worfen hätte und getötet worden sei.

Am 10. d. M. trat in Petersburg der altrussische Advokatenkongreß zusammen, zu dem ficty 180Rech^- anwälte aus dem errropäischen Rußland versammelten. Nachdem die Polizei gestern gedroht hatte, die Versammlung mit Gewalt aufzulösen, kamen die Kongreßteilnehmer am Abend in der Wohnung eines Rechtsanwalts zusammen und beschlossen, ein Bureai: zu bilden^ um die politische Agitation in Petersburg zu überwachen und den EntWurf einer demokratischen Verfassung auszuarbeiten. In der Nacht erschien ein Polizeikommissar mit zwei Polizei- ofsizieren in der Versammlung. Die Advokaten weigerten sich, auseinanderzugehen, solange die Polizei anweseÄ» sei. Tie Polizeibeamten notierten die Namen der Anwesenden^ und zogen sich dann zu-rück. Ter Vorsitzende teilte nunmehr mit, General Trepow habe besohlen, eine Liste der zum Kon­greß gekommenen Mvokaten aufztistellen, damit diese aus­gewiesen würden. Die Versammlung der Rechtsanwälte vom! Tienstag beschloß, zu erklären, es sei die Aufgabe des jetzt^ gebildeten Verbandes der Advokaten, auf den Sturz des' autokratischen Regimes und die Proklamier­ung einer demokratischen Verfassung auf ber Grundlage des allgemeinen Stimmrechts und ge Heimer Wahl der Volksvertreter hinzuarbeiten imb: Propaganda zu treiben zur politischen Erziehung der Nation. Schließlich heißt es in der Resolution, der Verband müsse' eine zukünftige Revolution vorbereiten. Ferner wurde die Bildung eines Zentralbureaus zur Organisation der Be­wegung unter Festsetzung der zu leistenden Beiträge sowie die Gründung eines eigenen Preßorgans des Mvokaten- standes beschlossen.

In Moskau hat sich eine Partei von nationaler^ Progressisten gebildet, die ein Gegengewicht gegen dreliberalen Kosmopolit«rr" oarstellen will.

Von der fortschrittlichen Petersburger Geistlichkeit, den Professoren der geistlichen Akademie und den Semtnar- lehrern wurde eine kräftige Kampfgenossenschaft ge­gründet, welche die Bekämpfung gottloser Er­scheinungen der weltlichen Gewalt und die Ver­fechtung des Prinzips der christlichenLiebeimWixt-- s ch a f t s l e b e n sich zum Zrele gemacht hat.

Am Montag abend nach Fabrikschluß versammelten sich rn Petersburg 8000 Arbeiter der Putilowwerke um verschie­dene Redner, die zur Revolution auffordertem Die Reden wurden mit großer Begeisterung ausgenommen. Die Bemühungen der Polizei, dre Redner zri"verhaften,^ blieben erfolglos. Ein Polizeioffizier wurde durch einen}; Stein Wurf verwundet.

In den südlichen Provinzen, besonders in Niko­lajew, haben wieder ernste Unruhen stattgefunden. Die; Menge zog unter Entfaltung roter Fahnen und Msingung revolillionärer Lieder dura) die Straßen der Stadt. Die.j Polizei war den Kundgebungen gegenüber ohnmächtig.

Maxim Gorki und Andr'ejew sind aits Riga üt> Jalta auf der Krim eingetroffen.