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11.7.1905 Erstes Blatt
 
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Diensrag 11 Juli 1905

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155. Jahrgang

Nr. 160

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Dem Gießener Anzeiger werden im Wechsel mit dem »esfischen Landwirt die Stehen« Familien- wmtei viermal in der Woche beigelegt.

Rotationsdruck u. Ver­lag der ® r ü h l'schen pniverl^Buch-u. Stein- fcnirferei. Laag«.

ReMfnon, ^rehtttxm und Druckerei:

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Ndresse füt Derescheut «uzetger Gießen.

KernlvrcchanichlußNr 81

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ABastäSU V Mz V jährlich Mk. 8.20; durch

Gießener Anzeiger

w General-Anzeiger ^eranlwo»ti'c^ jihr

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Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Metzen MW

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Konferenz keine Ziele verfolgen wird-, welche die berechtigten Jn- ti-rrssen Frankreichs in diesem Lande in Frage stellen oder im Widerspruche stehen mit den Rechten Frankreichs, die sich aus seinen Verträgen (oder Arrangements) ergeben und'im Einklänge mit folgenden Grundsätzen befinden: Souveränität und Unab­hängigkeit des Sultans; Integrität seines Reiches; wirtschaftliche Freiheit ohne jede Ungleichheit; Nützlichkeit von polizeilichen und finanziellen Reformen, deren Einführung für kurze Zeit auf Grund internationaler Vereinbarung geregelt werden soll; Anerkennung der finge, die für Frankreich in Marokko geschaffen wird durch die langausgedehnte Grenzberührung zwischen Algerien und dem scherifischen Reiche, durch die sich hieraus für die beiden Nachbarländer ergebenden eigenartigen Beziehungen, sowie durch das hieraus für Frankreich folgende besondere Interesse daran, herrsche. Radolin. des Fürsten Radolin

Und des Ministers Ronvier üom 8. Juli:

Die deutsche Regierung und die Regierung der Republik kommen überein: 1) gleichzeitig ihre zur Zeit in Fez bcfindl'chon Gesandtschaften nach Tanger zu­rückzuberufen, sobald die Konferenz zusammengetreten sein wird; 2) dem Sultan von Marokko gemeinschaft- li ch durch ihre Vertreter Ratschläge erteilen zu lassen zur Feststellung des von ihm zur Konferenz vorzuschlagenden Pro- gramnies auf den Grundlagen, wie sie in den unter dem 8. Juli zwischen dem deutschen Botschafter in Paris und dem Minister­präsidenten und Minister der auswärtigen Angelegenheiten aus- getauscksten Schreiben angegeben sind. Paris, den 8. Juli. Ra­dolin. Rouvier.

So sind denn endlich Deutschland und Frankreich mit­einander im Reinen. Bei kaunt einer anderen Gelegenheit sind die Worte von der Diplomatie so auf die Goldwage gelegt worden, wie in diesem Falle. Frankreich wollte soweit als möglich seineberechtigten" Interessen in Marokko anerkannt wissen Deutschland wollte sowenig als möglich die Besonderheit der Interessen zugestehen. Das höchst vor­sichtige diplomatische Schachspiel beanspruchte soviel Zeit, daß die Zuschauer nahe daran waren, ungeduldig zu tverden. Ob das Abkommen von äußerster Feinheit die praktische Probeverträgt, kann erst der Werlaus der Marokko- Konferenz zeigen. Im allgemeinen geben Verträge, je einfacher sie sind, umsoweniger Grund zu Zweifeln und Streitigkeiten. Dies Uebereinkommen erscheint einfach, hauptsächlich wegen seiner Kürze, trotzdem gewährt es die Möglichkeit zur Auslegung, falls einer der beiden Kontrahenten einigen Nutzen darin erblickt,,die Frage aus- zuwersen, wie dies oder jenes gemeint sei. Die englischen Freunde Frankreichs, denen die Verständigung äußerst unwillkommen ist, entdecken vielleicht noch irgend einen Punkt der Vereinbarung, wo sich der Hebel ansetzen läßt Die französisch-englische Annäherung hat keine Spitze gegen Deutschland, so versichert, Jaurös, der seine ziemlich akademische Friedensrede ruhig in Berlin hätte halten können. Die Pariser Presse stimmt ihm, hierin bei. Nur vermissen wir von englischer Serie ern gleiches Bekenntnis. Darauf ttnrb man lange warten können. Gegen die englische Diplomatie, die sich, Zeit läßt zu ih^n lleberraschungen, wird unsere auswärtige Politik wach­samer als je auf dem Posten zu stehen haben. Der Marokko-Sieg oder Marokko-Erfolg ist noch zu verteidigen.

Nun taucht hier und da der Vorschlag auf, das Ersen zu schmieden. Das heißt, Deutschland solle die Verständigung mit Frankreich zu weiteren Vereinbarungen be­nutzen, um dadurch dem Frieden eine festere Grundlage zu geben. Der Abg. Dr. 'Arendt beispielsweise begeisterte sich mit ©em Enthusiasmus, der ihn auszeichnet, für ein deutsch-französisches Bündnis. Ein solches Bünd­nis, sagt er, würde dem europäischen Kontinent seine ge­schichtliche Vormachtstellung zurückgewinnen und festhalten. Ern solches Bündnis sei für ein friedliebendes Volk wre das französische eine ungeheuere Errungenschaft. Soviel ist richtig, daß Frankreich nur dabei Vorteil haben könnte, wenn es dre unfruchtbare und zwecklose Idee der Zuruckerober-

;u§ für Frankreich folge daß int scherifischen Reiche Ordnung Gemeinsame Erklärung

Die heutige Dummer umfaßt 8 Seilen

Are deutsch-französische Verständigung.

Nach der heurigenNordd. Allg. Ztg.^ lauten die zwischen dem kaiserlichen Botschafter Fürsten Radolin und dem französischen Ministerpräsidenten Rouvier aus- setaufchten Erklärungen über die Marokko-Kon­ferenz in der Uebersetzung wie folgt:

Schreiben Rouviers an Radolin vom 8. Juli:

Herr Botschafter! Die Regierung der Republik ist durch die Besprechungen, die zwischen den Vertretern beider Länder sowohl ht Paris wie in Berlin stattgefunden haben, zu der Ueberzeugung gelangt, daß die kaiserliche Regierung auf der vom Sultan von Marokko vorgeschlagenen Konferenz keine Ziele verfolgen wird, welche die berechtigten Interessen Frank­reichs in diesem Lande in Frage stellen oder im Wider­spruche stehen mit den Rechten Frankreichs, die sich aus seinen Verträgen (ober Arrangements) ergeben und sich im Einklänge mit folgenden Grundsätzen befinden: Souveränität und Unab­hängigkeit des Sultans und Integrität seines Reiches; wirtschaft­liche Freiheit ohne jede Ungleichheit; Nützlichkeit von polizei- lichen und finanziellen Reformen, deren Einführung für kurze Zeit auf Grund internationaler Vereinbarung geregelt werden soll; Anerkennung der Lage, die ftir Frankreich in Marokko geschaffen wird durch die langausgedehnte Grenzberührung zwischen Algerien und dem scherifischen Reiche und die sich hieraus für die beiden Nachbarländer ergebenden eigenartigen Beziehungen, sowie durch die hieraus für Frankreich folgenden besonderen Interessen daran, daß in dem scherifischen Reiche Ordnung herrsche. Infolgedessen läßt die Regierung der Repu­blik ihre ursprünglichen Einwendungen gegen die Konferenz fallen und nimmt die Einladung an.

Antwort des kaiserlichen Botschafters Fürsten Ra­dolin an den französischen Minister des Auswärtigen, Ministerpräsidenten Rouvier vom 8. Juli:

Herr Ministerpräsident! Da die Negierung der Republik die von dem Sultan von Marokko vorgeschlagene Konferenz an- nimmt, hat die kaiserliche Regierung mich beauftragt. Ihnen die mündlichen Erklärungen zu bestättgen, nach denen sie auf der

Ker Jahresbericht der Kießener «Handelskammer.

Der umfangreiche und geschickt gestaltete Jahres­bericht der Gießener Handelskammer führt aus, daß die deutsche Volkswirtschaft, wie auch das Wirt­schaftsleben des Handelskammerbezirks im Jähre 1904 im großen und ganzen eine fortschreitend eEntwick- lun g genommen und eine gesteigerte Tätigkeit ent­faltet hat. Der inländische ^Verbrauch hat sich weiter gehoben, und Hand in Hand hiermit ging eine Vermehrung der Er­zeugung an Rohstoffen und Fabrikaten, sowie eine Besserung des Arbeitsmarktes und eine Steigerung der geschäftlichen Umsätze und des Verkehrs. Trotz dieser Besserung der wirtschaftlichen Verhältnisse mußte aber noch in vielen Ge­schäftszweigen mit geringem Nutzen gearbeitet werden. Die Ursachen dieser Erscheinung liegen, abgesehen von sonstigen Einwirkungen, in der vermehrten Kon­kurrenz und der Preissteigerung vieler Roh­materialien, mit denen die Preisbewegung der Fabri­kate häufig nicht gleichen Schritt halten konnte.

Der Wettbewerb war nach wie vor überaus scharf und gestattete ost keine befriedigende Preisbildung. Nicht nur hat die Konkurrenz in vielen Erwerbszweigen einen ganz außer­ordentlichen fsÄeisdruck bewirkt, der kaum noch einen Unter­nehmergewinn übrig läßt und dadurch in erhöhtem' Maße auf eine Preisverständigung und Konzentrationsbewegung hindrängt, sondern sie hat auch zur Einbürgerung recht bedenklicher Geschäftsgepstogenheiten zum Zwecke der Absatz­erweiterung geführt. Hierher gehört das Schmiergelder­unwesen. In vielen Geschäftszweigen hat sich die Unsitte eingebürgert, durch Zuwendungen an die mit dem Einkäufe betrauten Angestellten des Käufers sich die 'Aufträge gegen­über den Konkurrenten zu sichern. Durch ein solches System der Absatzerweiterung wird nicht nur der Käufer ge­schädigt, dem von der Zuwendung an seine Angestellten nichts bekannt ist, sondern auch der ehrenhafte Verkäufer, der solche Manipulationen verabscheut, ganz abgesehen davon, daß die Moral des Geschästslcbens durch solche Vorgänge ernstlich geschädigt wird. Weiter hat die Kon­kurrenz nach amerikanischem Vorbilde zu der Gewähr­ung von Zugaben an die Konsumenten geführt, z. B. in der Tabakindustrie von Pfeifen, Uhren u. a., wodurch einerseits dem Fabrikanten z. T enorme Lasten aufgelegt werden, während andererseits der Konsument durch Quali­tätsverminderung oder Preissteigerung der Ware benach­teiligt wird, wozu noch eine Schmälerung des Umsatzes für diejenigen Geschäfte kommt, welche die als Zugabe ge- währtcnArtikel führen,wie z.B. Pfeifen und Por^ellanwaren- geschäfte Im Detailhandel haben die zahlreichen Aus­verkäufe zu großen Unzuträglichkeiten geführt, sodaß ftch auch der Reichstag vor kurzem mit dieser Frage 6cl 'ftrgt hat und von den Bundesregierungen Erhebungen n Angelegenici igeordnet worden sind. Auch im Kredit-

ung von Elsaß-Lothringen entschlossen über Bord würfe. Aber es geht den Franzosen mit der Revanche so, daß sie zwar zum großen Teil im Stillen darauf verzichtet haben, indessen ihrem Stolz, ihrem Ansehen es schuldig zu sein glauben, das nicht laut auszusprechen. Das ist die aller­größte Schwierigkeit eines Bündnisses: der ausdrückliche Verzicht auf Wiedererlangung. Darüber kommt Frankreich nicht hinweg, heute noch nicht hinweg.

Es ließe sich eher denken, daß man schrittweise zu einer Annäherung und dadurch, wenn auch nicht zu einem Bündnis, doch zu einem auf Währung des Friedens ge­richteten Verhältnis gelangt. Als die Wertlosigk-üt des Bündnisses mit Rußland sich hermisgestellt hatte, als Frank­reich sich nach anderem Anschlüsse umzusehen begann, da hätte, wenn nicht gerade der Deutschen st esser Delcasss die auswärtige Politik der Republik leitete, die Gelegenheit zu einer Annäherung sich geboten. Frankreich hat sich auf Betreiben Delcassäs für England entschieden und es kommt jetzt von England nicht los. England ver­folgt mit Argusaugen die Gestaltung der Beziehungen zwi­schen Berlin und Paris, stets gesonnen, Steine in den Weg zu werfen, Hindernisse aufzutürmen. Dennotch würde man ich näherkommen, bei beiderseitigem guten Willen. Aber die französische Diplomatie hat sich allzusehr in Abhängig­keit begeben von der englischen Diplomatie. Auch das ist das Werk Delcassßs, der mit erschauernder Ehrfurcht ent­gegennahm, was ihm von London aus souffliert wurde.

Rouvier gab am Montag nachmittag in der stanz. Kammer die erwartete Erklärung bezüglich der marokkanischen Angelegenheit ab. Er sagte, das Einverständnis zwischen Frankreich und Deutschland über die Hauptfragen der ma­rokkanischen Angelegenheiten, worin Frankreich so große Jn- teresien hat, ist erzielt. Dieses Einverständnis hat die von Frankreich getroffenen Abmachungen mit anderen Mächten in keiner Weise beeinträchtigt, und die Kammer kann sich beglückwünschen über das glückliche Resultat der zwischen den beiden Regierungen gepflogenen Unterhandlungen. Rou- oier erklärte zum Schluß, daß niemals während der Ver­handlungen die Abmachungen Frankreichs mit England und Paris in Frage gekommen seien. Die Abgg. Reache und Cochin, welche die Regierung interpellieren wollten über die marokkanischen Angelegenheiten, erklärten sich mit der Er­klärung der Regierung zufrieden und wünschten nur die Veröffentlichung eines Gelbbuches über die ganze Angelegenheit.

Der Jaurßs-Angelegenheit bringt die republikanische Presse Frankreichs nur geringe Aufmerksamkeit entgegen. Die Leitung der englischen Arbeiterpartei hat Bebel und JauröL eingeladen, in London Vorträge über den Frieden zu halten.

und Zahlungsverkehr hat die scharfe Konkurrenz zu recht unerwünschten Folgen geführt, einmal durch über­mäßige Ausdehnung der Zahlungsziele, dann auch durch Eindringen des Wechsels in solche Kreise, in die er wegen ihrer wirtschaftlichen Stellung nicht gehört, sowie durch Anwendung des Wechsels zur Zahlung kleinster Summen bis zu 10 Mk. herunter.

Das Mißverhältnis zwischen Rohstoff -und Fabrikatpreifen trat namentlich dann in Erscheinung, wenn die Rohstoffe syndiziert waren, den weiterverarbeiten- den Industrien aber ein Zusammenschluß fehlte. Besonders schwer wurde hiervon die Branntwein- und Likörfabrikation betroffen, deren Rohstoffe durch die Zentrale für Spiritus­verwertung auf einen enorm hohen Preisstand getrieben! worden war.

Wie im vorhergehenden Jahre, so übte auch im Jahr*. 1904 die Un gewißheit über die zukünftige Ge­staltung unserer Handelsbeziehungen zum Auslande einen großen Einfluß auf das deutsche Wirt­schaftsleben aus. Unter dieser Ungewißheit litten natur­gemäß die an der Ausfuhr beteiligten Industrie- und Handelszweige des Kammerbezirks, gleichzeitig in hohem Maße aber auch der Getreidehandel. Diese Ungewißheit wirkte lähmend auf die Unternehmungslust und bestand nicht nur hinsichtlich der zukünftigen Zollsätze des JN- und Auslandes, sondern auch in Bezug auf die Uebergangs- stist der neuen Handelsverträge, die zwar nach den alten Handelsverträgen mindestens ein Jähr betragen sollte, deren Verkürzung aber von agrarischer Seite oft und eindringlich gefordert wurde. Bezüglich der neuen Handelsverträge kon­statiert der Jahresbericht der Handelskammer, daß sie bei vielen an der Ausfuhr beteiligten Industrie- und Handels­zweigen ernste Besorgnisse über die zukünftige Gestaltung ihrer geschäftlichen Begehungen zum Auslande wachge­rufen haben. Die einjährige Uebergangsfrist ist zwar ge­wahrt worden, im übrigen jedoch ist gegenüber der Bevor­zugung der landwirtschaftlichen Interessen der Ausfuhr ein schwerer Schlag versetzt worden, wozu sich eine Ver­teuerung der Lebenshaltung der breiten Masse der Bevölker­ung gesellen wird.

Im hiesigen Handelskammerbezirk wird von der Erhöhung ausländischer Zölle in erster Linie die Textilindustrie unb das Bekleidungsgewerbe betroffen. Insbesondere gilt dies von dem! Handelsverträge mit der Schweiz. Die Erhöhung der schweize­rischen Zölle wird namentlich die Ausfuhr von LeinenwareN ganz außerordentlich erschweren und zum Teil unmöglich machen. Nicht nur trifft dies für die Ausfuhr der billigen Artikel zu, sondern auch für mittlere und feinere Seinen Waren, in denen die Schweiz infolge ihres starken Fremdenverkehrs und der zahl­reichen Hotels einen außerordentlich hohen Verbrauch aufweist, der zu einem großen Teil durch die Einfuhr aus Mittel- und Süddeutsch! and gedeckt wurde. Auch die Ausfuhr von Kon­sektionsartikeln nach der Schweiz wird unter den höheren Zoll- fäien schwer zu leiden haben.

Der Bericht gibt dann der Erwartung Ausdruck, daß nach dieser Belastung von Handel und Industrie diese in Zukunft wenigstens im Jnlande nicht mehr in dem seitherigen Maße gegenüber der Landwirtschaft zurückgesetzt werden. In der Behandlung der Börsengesetznovelle und der wasserwirt­schaftlichen Vorlage im Reichstag und preußischen Landtag kann der Bericht 'jedoch noch keine Gewähr für die Erfüllung dieser Forderung erblicken.

Der Jahresbericht der Handelskammer Friedberg liegt gleiche falls vor. Er besagt, daß die Industrie des Kammerbezirks besonders zu leiden hatte durch die Verteuerung der Roh­produkte seitens der Kartelle, die Erhöhung der Arbeits­löhne und die mangelnde direkte Masserverbind- u n g, was den Herren Agrariern zu denken geben mag. Der Zwischenhandel ist in den meisten Branchen fortgesetzt im Rückgang begriffen, da er durch vermehrte Konkurrenz der Warenhäuser und Filial-Geschäfte seinen Nutzen immer mehr geschmälert sieht. Auch wird der Umfang der Geschäfte immer mehr durch die auf genossenschaftlicher Grundlage entstehenden Organisationen wie Arbeiter-Konsumvereine, Bauernvereine, Beamtenvereine usw. eingeschränkt. Daß die steuerliche Bevorzugung der Genossenschaften in Wegfall kommen muß, sehen zetzt auch die größeren Handelskammern ein und man erwartet, daß eine kräftige steuerliche Heranziehung alllerGenossenschaften erfolgt, und eine intensivere Besteuerung der Warenhäuser und Filial­geschäfte durch die Gemeinden ermöglicht wird. Der Frem­denverkehr in Bad Nauheim ist trotz des russisch- japanischen Krieges nicht zurückgegangen, und wird sich zweifellos durch die geplanten großartigen Bauprojekte und Verbesserungen noch weiter heben. Auch das Sprudelbad Viktoria-Melitta-Sprudel in Vilbel hatte größere Frequenz wie seither von Badegästen zu verzeichnen.

Ans Alad! und Land.

Gießen, 11. Juli 1905.

** Tagesordnung für d i e Sitzung der Stadtverordneten- Versammlung Donners­tag den 13. Juli 1905, nachmittags 4 Uhr: 1. Mitteilungen. 2. Baugesuch der L. Rothenberger Witwe für den Neuenweg; hier: Dispens. 3. Herstellung zweier Einfriedigungen an der Moltkestraße durch C. Nicolaus. 4. Fluchtlinienplan für die Wilhelmstraße von der Ludwig- straße bis zur Ebelftraße. 5. Anlage eines öffentlichen Platzes zwischen Senckenbergstraße und Zeughauskaserne. 6. Kauf mit Friedrich Schreiner Eheleuten. 7. Lieferung von Pflaster­steinen für 1905. 8. Vergebung der Neparaturarbeiten an Bürgersteigen. 9. Straßenreinigung; hier: Müllabfuhr.