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9.11.1905 Erstes Blatt
 
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Donnerstag 9. November 1905

155- Jahrgang

Erstes Blatt.

vezugHPretOr mvHalsich 7b PI-, otfrttl* inbrltd) Mk. 8.20; durch ^Ibbole- u. Zweigstellen inonatlidi 6o Pi.; durch diePost Mk.2. viertel- ,äbrl. ausichl. Bestellg. Unnahme von Anzeigen -ür dre Iaqc8nummec i? vormUtagS 10 Uhr. ,eile-*preiS: lokal 13Pf»

-uämärtS 20 Pig.

>ern trooTtlid) füt oe.. poliL und allgem. Teil: P. Witiko: für , Stabt und Land^ unb ,®cnd)ts,aale: Ernst Heß; für den An­zeigenteil: HanS Deck.

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General-Anzeiger v <z

Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen

flr, 264

erlAciet tlglich auhet 6onniafl8.

Dem Äiebener Anzeiger »erden im Wechsel mit bem hesfischen Landwirt die Gießener Kamillen. Hitler viermal in der Woche beigelegt

NotationSdruck u. Ver­tag der Brüh l'schen lln werf.-Buch-u. Stein- bruderet. 9L Lange. Äeöafnon, (treebttum und Druckerei:

Schul st ratze 7.

Redaktion 118

Verlag u.Exved. &3&51 Adresie für Depeschen:

Anzeiger Gtetzen.

Kirche und Schute.

Karlsruhe, 8. November. Nachdem durch lcmdes» herrliche Verordnung ausgesprochen ist, daß der Besitz des vor dem Beginn des Studiums erlangten Reifezeugnisses eines deutschen Gymnasiums, Realgymnasiums oder einer deutschen Oberrealschule zur Zulassung zu allen Prüfungen für den höheren Staatsdienst im Großherzogtum Baden berechtigte (ausgenommen sind also vorläufig Medizin und Theologie), ist nun zur Ausführung obiger Verordnung weiter bestimmt worden, daß die dem Studium der Rechts­wissenschaft sich widmenden Abiturienten b er Oberrealschulen Fortbildungsschulkurse in der lateinischen Sprache zur sprachlichen Einführung in die Quellen des römischen Rechts während der ersten beiden Semester zu besuchen haben. Mit der Durchführung dieser Bestimmung find die Leiter der an den badischen Universitäten bereits bestehenden obenbezeichneten Kurse betraut. Die Zulassung zum ersten Kurse erfolgt nur, wenn die Studierenden sich bei dem Leiter desselben darüber auszuweisen vermögen, daß sie sich lateinische Sprachkenntnisse in dem ungefähren Um­fang angeeignet haben, der der Reife für die Prima eines Realgymnasiums entspricht; die Zulaffung zum zwecken Kurse setzt den erfolgreichen Besuch des ersten voraus.

Ein Würzburger Blatt hatte vor einigen Wochen be» hauptet, ein Gymnasialprofessor der Mathematik in Bamberg habe wegen einer absprechenden Aeußerung, die der Vater eines sitzengebliebenen Schülers gegenüber dem Ordi- nariuS der Klaffe über ihn gemacht hatte und die ihm durch den Ordinarius zur Kenntnis gekommen war, den Vater, einen höheren Beamten, auf Pistolen gefordert. DaS Blatt hatte beigefügt, der Gymnasialprofestor sei auch im politischen Leben sehr tätig. Es wurde ferner eine Besprech, ung des Falles im bayerischen Landtag angekündigt. Auf jene Notiz hin hat die Staatsanwaltschaft sich des Falles angenommen. DerAugSb. Abendztg.« zufolge hat sich jetzt

Die tieutige Kummer umfaßt 8 Seiten.

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Zur Alottenfrage.

TieNcrt.-Ztg." droht dem Reichstag mit Auflösung, wenn er der Regierung inbezug auf die Flottenvorlage nicht zu Millen sei.

Die Nat.-Ztg., fv bemerkt dazu die BerlinerFreie Deutsche Bresse",keimt zwar eine Vorlage der Regierung noch nicht, aber sie billigt sie schon im twrau8. Wir kennen die Vorlage auch nicht. Aber wer sich mit Flottenfragen irgendwie beschäftigt bat, weiß, daß es sich hierbei gar nicht um eine einzelne Frage b ndeln kann, die mit ja oder nein zu beantworten ist, etwa nie die zisicrnmäßige Frage einer vreresverstärkung, sondern b ß hierbei eine Reihe von Vorfragen vorab zu beantworten sind, die in der Presse bisher entweder gar nicht oder nur (rns flüchtig zur Erörterung gekommen sind. Schon deshalb biftcu die Flotten fragen keine Handhabe zur Auflösung des Ncichstogs, ganz abgesehen von dem mehr als unsicheren Erfolg einer Auflösung für die Regierung, zumal gleichzeitig damit die Stenererhöhungen in Frage kommen würden."

Am meisten Hut sich die Presse bisher mit der Krage d?S Deplacements, d. h. der Größe der künftigen Linienschiffe beschäftigt. Es wird vielfach so darge- stellt, als ob hierbei die Seeschlacht von Tsuschima erft ein Licht aufgesteckt unb die Notwendigkeit dargetan si'be, über die bisherige Maximalgröße von 13 200 Tonnen bis auf 18 000 Tonnen hinauszugehen. Aber andere See- stoaten hab-m längst solche größeren Linienschiffe gebaut. £3ernt Denlschland nicht dazu übergegungen ist, so kann dies rach Ansicht derFr. Deut^ch'n Pr." nicht an dem Mangel einer genügenden Aufmerksamkeit auf die Bauten anderer Staaten liegen. Es kämen hierbei aitch in Frage die be- smdere Beschaffenheit der deutschen Hafen und Küsten, namentlich auch deren Wassertiefe. Tie Frage des De­placements verknüpfe sich allo mit einer Fruge der Hafen- crilagcn und der Werftbauten. Die Vergrößerung der Schiffe, so wurde dieser Tage aus Kiel in der ,^8oss. Ztg." berichtet, müsse auch eine Vergrößerung der Aus­maße des Kaiser Wilhelm-Kanals zur Folge h'bcn. Es käme in Frage, das ganze Kanalbctt zu vertiefen i:nb von 150 auf 200 Meter zu erweitern. Der Umbau der Drücken, besonders der Riesenbrücken von Levensau ob Grüntal, dürfte eine schwierige und kostspielige Arbeit Kerben. Andererseits wird denDerl. N. Nachr." von einem , lut unterrichteten" Mitarbeiter geschrieben daß die gc- 1" anlc Teplacementsvergrötzerung nicht auf die noch zur­zeit im Bau befindlicl)en Schtffe sich erstrecken solle. Jns- l ^sondere treffe das nicht ftir die beiden Neubauten Q und N zu, da diese beiden Linienschiffe noch als Gefechtseinheiten k ines homogenen Geschwaders zur Braunschweig-Klasse ge­hören. Tas genannte Blatt dementiert auch die Nachricht, daß der Nordostseekanal vergrößert werden müßte; es hudele sich vielmehr nur um eine Vergrößerung der Kanalschleusen.

Von einschneidender Bedeutung aber ist bei allen neuen Flottcnftagen der Kostenpunkt. Nach der Berechnung eines Mitarbeiters derKöln. Volksztg." wird die Flotten­vorlage eine jährliche Mehrausgabe von 70 Millionen und insgesamt eine Mehrausgabe von 750600000 Mk. gegenüber dem jetzt geltenden Flottengesetz für die Jahre 1906 bis 1917 bringen, und die , Tägl. Rundschau" hält diese Angaben fürim wesentlichen richtig". Ein Linienschiff kostet bisher an Aufwand für den Schiffbau, die Artillerie- und Torpedoausrüstung rund 24 280 000 Mk. Jetzt munkelt man davon, daß die Linien­schiffe mit dem vergrößerten Deplacement je 40 Millionen Mark losten würden. Was aber dazu die Veränderungen .in Nordostseekanal kosten würden, weiß noch niemand zu sagen. Ter Nordostseekanal in seiner jetzigen Beschaffenheit fiat schon nicht weniger als 156 Millionen Mark gekostet. Alle diese Momente fallen noch besonders in das Gewicht, wenn auch noch eine Vergrößerung der Flotte beabsichtigt wird. Ter Gründungsplan von 1900 sieht 38 Linienschiffe unb 14 große Panzerkreuzer vor. Offiziös verlautet, daß nicht nur größere Schiffe, sondern auch eine größere An­zahl derselben, als nach dem Flottengesctz von 1900 fest- gewgt ist, insbesondere für den Auslauosdienst erbaut wer­den soll. Alber in anderen Staaten, beispielsweise in Frank­reich, verwendet man, wie das Organ des Abg. Richter betont, die älteren Schiffe als Auslandsschiffe. Auch er- 'scheint es demselben keincsu>egs ausgemacht, daß ein Ge­schwader gerade acht Linienschiffe zählen müsse. Aus den jüngsten Kriegen, auf die man sich so gern berufe, werde von Geschwadern berichtet mit einer geringeren Zahl von Linienschiffen. Durch Verminderung der Zahl des Soll­bestandes könnten die größeren Kosten gedeckt werden, welche das einzelne Schiff etwa- erfordere.

DieFr. Deutsche Pr." nur ft aber auch die Frage auf, ob es überhaupt richtig sei, über das zunächst liegende Jahr hinaus einen Erwcnterungsplan für die Flotte gesetz­lich festzulegen ,wie dies nach den ofsiziösenBerl. N. Nachr." beabsichtigt werde. Admiral v. Hollmcmn habe stch stets entschieden dagegen erklärt, wegen der Veränderungen, die gerade für die Marine in verschiedener Richtung fort­gesetzt Platz griffen. Die seinem Ausscheiden aus dem Dienst folgenden>re hätten die Richtigkeit seines Urteils als­bald auch praktisch dargetan. Die gesetzliche Festlegung des Schiffbauplanes für eine Reihe von Jahren sei ja auch er­folgt nicht aus Gründen, welche die Marine bedingte, son­dern aus Mißtrauen gegen den Reichstag und dessen Be- lvilligungsrecht. Gegenwärtig sei schon durch das Flotten- acsetz von 1900 für die nächsten vier Jahre der Dau von acht neuen Linienschiffen festgelegt, von denen je zwei m jedem Jahre in Angriff genommen werden sollten. Bei einer Beschleunigung dieses Baues würde man nach wenigen Jahren auch wieder wie bisher auf diealten Kasten" hm- hinweisen, die den inzwischen stattgehabten werteren Fort- MrMen im Scl)iffsbauwesen nicht gefolgt seren.

Schlechthin ablehnend wird fid) allerdings der deutsche Reichstag nach Lage der Dinge der neuen Flotten­vorlage gegenüber nrcht verhalten können und wollen. Bezeiäprend ist in dieser Beziehung, daß in der Novembcr- nummer derSozialist. Monatsh." in einem Artikel über die Absichten Englands und die deutsche Sozialdemokratie sogar der frühere Reichstagsabg.,Genosse" Rich. Ealwer im Hinblick auf die Notwendigkeit einer Flottenvermehruny u. a. folgendes schreibt:

Es ist grundverlehrt. jefct so zu tun, als ob die deutsche Politik, mnneutlich die Schasftmg einer b utschen Kriegsmarine, England gewissermaßen zu seiner Haltung provoziert habe. Man kann al5 Parteimaun sehr wohl aus einem die deutsche Flotten Politik ablehenden Standpunkt stehen, aber dann beschränke man seine ablehnende Haltung nicht auf sein eigenes Land, sonden: auch bns seinen guten Nachbar, der uns Deutschen erst gezeigt hat, daß der Besitz einer starken Kriegsflotte für die heutigen Entscheidungen in den Fragen der Weltvolitik etwa ebensoviel wert ist, wie der Besitz einer mit starker Goldbasis ausgerüsteten Zentralbank für die Geltung auf dem internationalen Geld­markt. Cbcr will jemand etwa im Ernst behaupten, Englands Feindschaft gegen Deutschland wär- nicht trift nben, wenn Deutsch­land keine Flotte besäße? Grit, von diesem kleinbürgerlichen Standpunkte aus mochte m'*n Politik treiben in Zeiten, wo Deutsch- l.md noch wenig in die Weltmarktwirtschast verstrickt war, aber heute, wo Deu'-schlarrd wirtsclvftlich England und den Vereinig­ten Staaten ebenbürtig zur Seite steht, und nicht umbin kann, zu allen Fragen der Weltpolitik im Interesse seiner Industrie Stellung zu nehmen, da kann man wohl die Flottenpolitik sämt sicher modernen Industriestaaten aufs scbärsile verairteilen, aber man kann dem eigenen Lande nicht j n m u (e n eine Ausnahmestellung ein-unebm'm, die recht verhäng­nisvoll werden Tonnte. So wie die realen Berhältnisie heute liegen, hänat daS Ansehen eines Staates im Auslande von seiner Schlagfertigkeit zu Wasser und zu Lande ab. Der japanrsch-rrlfsisck^ Krieg ist dafür eine eindringlrche Lehre.

Tas sozialdemokratische Zentralor'-'an, derVorwärts", ist über die neueste Auslassung Calwers äußerst unzufticden. Sie wiederholewortgetreu die Argumentation der bürger­lichen Militär- und Wasserpatrioten", wenn Ealwer auch, wiederum wie üblich, die Schlußfolgerungen aus dieser Be­weisführung zu ziehen unterlasse. Glücklicherweise steht Ealwer nicht als Redaktionsmilglied desVorwärts" unter der Fuchtel des Parteivorstandes. Es würde ihm sonst wohl ergehen wie den sechsgeflogenen" Vorwärtsredakteuren. Im übrigen ft'chrt Ealwer rm ivciteren Verlauf seiner Dar­legungen aus, die Kapitalisten und ihre Vertreter hätten allein die Kosten tür die Wehrkraft aufzubringen, weil sie lediglich ihnen zugute kornme. Tas geht zu weit. Wenn die Schaffung und Erhaltung einer angemessenen Flotte sich als eine Notwendigkeit int Interesse unserer Industrie erweist, wie Ealwer zugibt, so sind doch auch die Arbeiter dabei interessiert. Richtig und ganz selbst­verständlich ist aber, daß für die Kostendeckung die leist­ungsfähigen Schultern unter Schonung der Arbeiterkreise in "erster Linie hercmzuzieben sind.

Tabakbau in Deulschkaud.

Mit Rücksicht auf die drohende Erhöhung der Tabak­steuer ist ein Blick auf die Tabakbau- und Tabak- ernteverhältnissc nicht uninteressant. Tie Zahl der Tabakpflanzer ist nach der neuesten Statistik vom Jahre 1904 gegenüber dem Jahre 1903 nur unbedeutend ge­stiegen, nämlich von 105991 auf 106 703, also um 0,6 Proz. Merkwürdig ist aber, daß die Zunahme fast ausschließlich auf die Provinz Ostpreußen entfällt, wo die Zahl der Pflanzer von 26172 auf 30 256 gestiegen ist. Unbedeutende Zunahmen zeigten sich sonst nur in der Provinz Hannover und in Elsaß-Lothringen. In Schleswig-Holstein, West­falen, Kgr. Sachsen, Württemberg, Mecklenburg, Thüringen, Anhalt blieben die Zahlen sich ungefähr gleich. Ueberall sonst ist ein mehr ober weniger bedeutender Rückgan g in der Zahl der Pflanzer ein getreten. Verhältnismäßig am höchsten war der Rückgang in Braunschweig (fast Vs), dann mit je Vs in Hessen-Nassau unb Posen, mit fast ein Zehntel in Pommern und Prov. Sachsen. In Baden, wo fast ein Drittel sämtlicher deutscher Tabakpflanzer wohnt, betrug der Rückgang auch fast 5 Proz. In Ostpreußen, dem Lande des Großgrundbefftzes, hatten 98,7 Proz. aller Pflanzer Flächen von über 10 Ar, 95 Proz. solche von über

5 Ar bepflanzt.

Wenn auch die Zahl oer Tabakpflanzer int Jahre 1904 im ganzen noch etwas gestiegen ist, so ist aber doch die Flächengröße der mit Tabak bepflanzten Grundstücke um 66 899 Ar. d. h. um 4,2 Proz. herab- gegangen; sie beträgt letzt 1588 2&4 Hektar. Eine Zu­nahme weisen mit der Zal l der Pflanzer nur Ostpreußen und Hannover, unter gleichzeitiger Verminderung der Zahl der Pflanzer nur Westpreußen, Schlesien unb Anhalt auf. Eine Abnahme der Fläche bei Zunahme der Zahl der Pflanzer nur Flächen unter 1 Ar mit Tabak bepflanzt. Im ganzen Königreich Preunen war dies bei 71 Proz. der Fall ,während die cntspreckMde Zahl beim Rerck im ganzen ausschließlich Luxemburg sich nur auf 37 Proz. beziffert. In Baden, dem Lande des stärfft parzellterten Kleinbesitzes, haben umgekehrt 68 Proz. der Manzer Flächen von über 10 Ar, 98 Proz. solche von über 5 Ar bepflanzt.

Ten niedersten Ernteertrag an Menge wetst Schlesien auf mit 1025 Kilogramm auf 1 Hektar, den höchsten merkwürdigerweise nicht Süddeutschland, sondern die Provinz Westpreußen mit 3243 Klgr., während Baden nur 2361 Klgr lieferte. Baden wird sonst nur noch über­troffen von Elsast-Lothringen, Schleswig-Holstein, Hessen- Nassau unb Westfalen.

Ten höchsten Preis nnt 99,45 Mk. für ben Doppel- Zentner erzielte Rheinpreußen, ihm folgte Schleswig-Hol­stein mit 95,24 Mk., Baden mit 80,42 Mk. wird außerdem nock) übertroffen von Westfalen, Hessen und Ostpreußen.

Ter Gesamtwert der Tabakernte wurde im Deutschen Reick;e im Jahre 1904 auf 26 624 416 Mk. geschätzt, b. h. um 677 201 Mk. niedriger als im Jahre 1903. Auf Baden entfallen von dieser Summe 45,2 Proz. gegen nicht ganz 40 Proz. der nnt Tabak bebauten Fläche und und etwas über 30 Proz. der Pflanzer. Während der Wert der Saba lernte im Reich m ganzen abgenommen hat, hat er in Baden trotz Abnahme der Fläche um 909 571 Mk., b h. um 8 Proz. zugenommen, eine Zunahme, die alle» dings dem Verhältnis nach von Ost- und Westpreußen er­heblich übertroffen wird, absolut betrachtet aber über die dortige Zunahme (45518 bezw. 350000 Mk.) doch bedeutend hinausgcht. In weitaus den meisten Staaten hat der Ge­samtwert der Tabakernte gegenüber 1903 stark abgenommen. >Nachdruck verboten.

politische Tagesschau.

Bcrsenpanik.

R. Berlin, 8. November.

An der Börse ging eS heute hoch her. Eine derartige Verkaufsbewegunq, namentlich auf dem Markte der Berg­werks- unb Hüttenpapiere, ist lange nicht bagewesen. Weite Kreise haben sich offenbar zu stark engagiert, und wie auf Verabredung wurde heute das Material in Masten an den Markt gebracht. Gegen den Börsenschluß hin nahm die Verkaufsbewegung panikartigen Charakter an, obgleich von den auswärtigen Börsen feste Tendenz gemeldet wurde. Charakteristisch ist, daß man die nervöse Stimmung zu be­gründen suchte mit den abenteuerlich st en politischen Gerüchten. So sollte Graf Witte vergiftet, der Ita­lien i^e Konsul in Odessa ermordet, Rouviev gestürzt sein u. s. w. Kurz, die Kauflust sah sich immer) wieder zurückgeschreckt, und so ist denn an der heutigen Börse, viel Geld verloren worden. Mit einer Wiederholung, der Panik muß in diesen unruhigen Zeiten und bei der ge-I ringen Widerstandskraft der Börse natürlich gerechnet roerbetuj Deshalb ist die Mahnung an daS Privatpublikum am Platze, sich in spekulativen Engagements Beschränkung, aufzuerlegen.

Al8 guter Franzose.

Der zum Generalgouoerneur vonMadagaSkar! beförderte bisherige sozialistische Deputierte Augagneur hat dein unvermeidlichen Interviewer erklärt, daß er im fernen Afrika nicht die sozialistischen Grundsätze anwenden, sondern ,a(§ guter Franzose" regieren wolle. Tie Bürger der Stadt Lyon, über deren Interessen Augagneur als Maire wachte, werden durch diese Erklärung zur Heiter­keit gestimmt werden, denn sie wissen, daß der neue koloniale Verwaltungschef von überseeischen Dingen nicht daS mindeste versteht. Lediglich parteitaktische Erwägungen ließen Rouvier diese Wahl treffen. Er will sich bet seinen sozialistischen Gegnern in Gunst setzen. Der.Kreuzztg." wird zudem aus Paris geschrieben, daß die Familie Augagneur an den Minen auf Madagaskar interessiert ist. Der neu­gebackene Gouverneur wird also wohl als guter Franzose nach Kräften in die Familientasche hineinwirt­schaften, und wenn er nebenbei er ist Arzt von Beruf die Bekämpfung der Pest anstrebt, dann kann Frankreich, seiner wichtigsten Kolonie wegen beruhigt sein, zumal Augagneur Sparsamkeit in der Verwaltung versprochen hat.