Ausgabe 
9.2.1905 Erstes Blatt
 
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In Verfolg dieser Bekanntmachung T)at eine Verhand­lung zwischen den Vertretern der Studentenschaft und dem Rektor stattgefunden, über die folgendes' Protokoll veröffent­licht Ivurde:

Vor dem Rektor erschienen! heute als Abgeordnete von 928 Unterzeichnern der Eingabe an Rektor und Senat ohne Datum, Dr. 2. II. 05 die Studierenden Herren Remy intb Heil e und erklärten: Aus dem Anschläge vom 4. Februar haben wir er­kannt, das; Rektor und Senat in der Eingabe von 928 Studieren­den eine schwere Beleidigung von Rektor und Senat sehen. Wir erklären biernrit, das; die Absicht zu beleidigen nicht bestanden hat. Wir sind bereit, bis TvnnerStag, den 9. Febr., 9 Uhr morgens, die freiwillige Erklärung aller Unterzeichner der Eingabe beizubringen, das; ihnen bei Unterzeichnung die Absicht der Beleidigung ferngelegen hat. Der Rektor erwiderte: Ick nehme diese Erklärung gern entgegen und werde beim Senate befürworten, das; diese Frist gewährt und. die An­beraumung deS UntcrsuchnngsvcrfahrenS .während dieser <mft durch Uebcrdeckung des aushängenden Anschlages mit einer dem Inhalte dieses Protokolles entsprechenden Bekanntmachung aus- Wefct wird.

D. g. u.

Karl Remy, cand. ing. Wilhelm Heile.

Der Rektor.

Barkhause n."

Der Senat hat den an ihn gerichteten Antrag des Rektors .genehmigt.

Darmstadt, 8. Febr. Die Studenten der hie­sigen technischen Hochschule hielten heute nach­mittag eine allgemeine Versammlung ab, in welcher zwei Resolutionen zur "Annahme gelangten. In der ersten spricht die Studentenschaft den Studentenschaften der technischen Hochschulen in Hannover, Braunschweig und Eharlotten- burg ihre Sympathie aus und erklärt sich mit ihnen dahin einverstanden, daß der Kampf gegen die An­griffe auf die akademische Freiheit aufs schärfste fortgesetzt werden müsse. JU der zweiten Resolution fprichr die Studentenschaft dem Rektor der hiesigen technischen .Hochschule ihren Dank dafür aus, daß er in einer öffentlichen Rede das Versprechen gegeben hat, die akademische Freiheit der Studentenschaft schützen zu wollen.

Are ßreiqriiffe in ^Ku^fanb.

lieber die Persönlichkeit des neuen Ministers des Innern, Bulygin, teilt ein Berliner Blatt folgendes mit: Bulygin steht im 54. Lebensjahre. Er besuchte die kaiserliche Rechts­schule, trat 7871 als Gerichtsamtskandidat in das Tarn- bow'sche Bezirksgericht ein, wurde ein Jahr daraus Unter­suchungsrichter im Kiewschen Gouvernement und 1873 Be­amter für Spezialaufträge beim Gouverneur von Saratow, in welcher Eigenschaft er beauftragt wurde, dem Verhör wegen der von der Sekte der Rasskolniki verübten Unordnungen im Chwalynskischen Kreise beizuwohnen, ferner über die Miß­verständnisse Klärung 311 schaffen, die bei der Führung der Taufregister der Rasskolniki stattgefunden hatten. 1879 wurde rc Inspektor und später Geschäftsführer der Haupt-Gesängnis- verwaltung. 1881 erfolgte seine Berufung in das Ministe­rium des Innern. Fünf Jahre daraus wurde er Vize­gouverneur von Tambow und 1887 Gouverneur von Kaluga. 1893 erfolgte seine Ernennung zum Gouverneur von Moskau und hierauf zum Adjunkten des Moskauer Genc- ralgouverneurs.

Eine dem Minister nahestehende Persönlichkeit schildert shn dahin: Der neue Minister verlange von seinen Beamten klare Sprache und rasche Erledigung der Geschäfte. Er sei gewohnt, zwölf Stunden täglich zu arbeiten. Die russische Beamtenschaft besitze nur einen Funktionär, der an Fleiß Bulygin gleichkommc, und das sei Graf Lamsdorff. Große Ideen dürfe man indessen von Bulygin nicht erwarten. Er werde vor allen wichtigen Entscheidungen den Rat seines Freundes, des Fi na nz Ministers Kölowtzow, cinholen, der seinerseits wiederum sich der höheren Einlicht des Groß­fürsten SergiuS unterordnet.

Das Attentat in Helsingfors.

Stockholm, 8. Febr. ,Stockholms Tidning" meldet aus Helsingfors: Hohenthal, der das Attentat auf den Prokurator Johnsson verübte, ist ein Sohn des Probstes Hohenthal in Ryrala in Oesterbotten. Es heißt, man habe bei Hohenthal Gift gefunden, welches er jedoch nicht nehmen konnte, weil ec verwundet wurde. Der Schuß, der Hohen­thal verwundete, soll von einem Geheimpolizisten abgefeuert worden sein, der in der Wohnung stationiert war und über die Sicherheit Johnssons zu wachen hatte. Es war nämlich schon früher ein Anschlag auf Johnsson verübt worden.

Helsingfors, 8. Febr. (53. B.) Bezüglich des Attentates auf den Senatsprokureur Johnsson melden die hiesigen Blätter noch, daß Hohenthal in Johnffons Zim­mer alle sieben Patronen seines Browningrevolvers abge­schossen habe. Hierauf öffnete im Vorzimmer der in Livree gekleidete Geheimpolizist die Tür und schoß in das Zimmer hinein. Hohenthal schlug die Tür zu und lud, während er sich gegen die Tür stemmte, den Revolver von neuen; mit sieben Patronen. Jetzt kam der Sohn Johnssons durch die andere Tür in das Zimmer und schoß auf Hohenthal, der

jetzt ins Vorzimmer lief, wo der Kampf mit dem Geheim­polizisten begann. Dieser gab sieben, Johnssons Sohn sechs und Hohenthal fünf Schüsse ab. Letzterer wurde an der Hand verwundet und ließ den Revolver fallen. Da er jedoch sah, daß der Polizist wieder lud, versuchte er, den Säbel zu ziehen, stürzte jedoch ohnmächtig nieder und wurde durch hinzukommende Personen überwältigt, die ihm auch noch einen Dolch abnahmen.

Tic Lage in Polen und Sud-Rulrland.

Warschau, 8. Febr. (W.-B.) Rach offiziellen Be­richten wurden während der Unruhen neun Polizei be­amte mehr oder weniger schwer verletzt. Die Hospi­täler sind mit Kranken überfüllt. Die Aufnahme neuer Kranke wurde eingestellt. Ter Ausstand in den Brauereien ist beendet, da die Fabrikanten und die Arbeiter zu einer Verständigung gekommen sind. Man erwartet den Ausstand in den Schlächtereien.

Warschau, 8. Febr. (W.-B.) DerWarschawski Duewink" meldet: In den kleinen Werkstätten wurde die Arbeit wieder ausgenommen. Tie Stimmung der Arbeiter ist im allgemeinen ruhig. Rach den gestern aus verschiedenen Städten des Weichselgebietes eingegangenen Meldungen ilt die Sachlage folgende: In Radom ist die Mehrzahl der Arbeiter zur Arbeit erschienen. In Lublin herrscht völlige Ruhe; der Ausstand ist beendet. In Kielce herrscht Ruhe. Im Umkreise von Sosnowice dauert der Ausstand an. Zusammenstöße finden aber nicht statt. Auf der Station Skarshisko im Gouvernement Radom fand am 4. Febr. eine Demonstration statt, wobei es zu einem Zusammen­stoß von 15000 Arbeitern mit dem Militär kam; letzteres machte von den Waffen Gebrauch, sodaß 2 4 Ar­beiter getötet, 4 0 verwundet wurden. In Siedlce ist die Ruhe wieder hergestellt; die Fabriken sind wieder in Betrieb. In Plozk streiken die Arbeiter in einigen Fabriken, die Ruhe wurde aber nicht gestört. In Kalisch arbeiten die Fabriken. Im Gouvernement Warschau nehmen die Arbeiter die Arbeit wieder auf.

Warschau, 8. Febr. (W.-B.) In einer gemeinsamen Besprechung der Fabrikanten in Lodz wurde beschlossen, den Arbeitern den zehnstündigen Arbeitstag zu bewilligen, falls bie Arbeiter die Arbeiter sofort wieder aufnehmen, und denjenigen Arbeitern, die weniger als drei Rubel die Woche verdienen, den Lohn um 15 Prozent, denjenigen die weniger als vier Rubel verdienen, den Lohn um 12 Prozent, und denjenigen, die weniger als fünf Mibel die Woche verdienen, den Lohn um 10 Prozent zu erhöhen. In den Baum­wollfabriken wurde der Lohn um 15 Prozent erhöht.

Petersburg, 8. Febr. (Petersb. Tclegr.-Ag.) Rach amtlichen Angaben übersteigt die Zahl der in Warschau, Petrokow und Radom bei den Ruhestörungen Getöteten nicht hundert. Daraus geht hervor, daß die Tatsachen in der auswärtigen Presse übertrieben werden.

Datum, 8. Febr. (Petecsb. Telegr.-Ag.) Der Aus­stand dauert an. Auf Weisung der Behörden werden die Geschäfte und Läden wieder geöffnet. Die Garnison ist ver­stärkt worden. Die Füllung der Zisternendampfer und der Frachtverkehr wurde eingestellt. Bedeutende Zusammenstöße mit der Polizei sind nicht vorgekommen. Gegen den Vor­stand der hiesigen Eisenbahnstation wurde ein An­schlag verübt.

Verhaftung eines Deutschen.

Petersburg, 8. Febr. Der hier sehr bekannte Kauf­mann Friedrich Hoch, ein Mecklenburger von Geburt, ilt verhaftet worden. Die Festnahme geschah nachts. Nähere Gründe sind nicht bekannt, sie dürften jedoch politischer Natur sein.

Dculschland und Spanien in Trinksprüchcn.

Berlin, 8. Februar.

Bei der gestrigen Tafel hielt der Kaiser einen Trink- sprucb, welcher lautete:

Mein Herz ist voll Dank gegen Gott, der, nachdem ec die schwere Bürde, die über meinem Hause lag, von meinem Herzen genommen hat, uns io ermöglicht hat. Eurer Königl. Höhest den Willkommengruß zu entbieten. Ich begrüße aus ganzem Herzen Eure Königl. Hoheit hier bei uns unb begrüße in Ihrem Er­scheinen zu gleicher Zeit den Träger der Grüße des Königs von Spanien. Seine Majestät hat die Gnade gehabt, mir die höchste militärische Ehre in feiner Armee zu verleihen, die General­kapitänstelle und zugleich mich zum Chef zu ernennen eines ausgezeichneten Regiments, des DragonerregimentsRumancra , dieseseinzigen in der Welt", eines Stolzes seines Raubes unb seines Königs, eines Regiments mit hervorragender GeschEe, das überall, wo es eingesetzt hat, seinem Fahneneide getreu tipre gebracht bat seinem König und seinen Fahnen. Ich bitte Eure Königl. Hoheit, Dolmetsch zu sein meines, herzlichen, innigen Dankes bei Seiner Majejrät dem Könige für die hohe Ehre, die er mir erwiesen hat, und Seine Majestät zu. versichern, daß ick voll unb ganz ben Stolz empfinde, ben diese hohe Charge und vor allem dieses schöne Regiment besitzen. Die Wunsche aber, bie mich, mein Haus unb mein Bolk beseelen und bie barin gipfeln, daß Gott Seine Majestät erhalten möge und ihm eine lange und

gesegnete Regierung zum Wohl des Volkes unb. des Heeres ver­leihen möge, fasse ich zusammen, indem ich mein Glas auf oüj Wohl S. 'M. des Königs und seines ganzen Hauses leere.

Prinz Carl von Bourbon erwiderte mit folgendem Toast:

Sire! D-er herzliche Empfang, den Eure Majestät der Mission bereitet haben, die zu führen ich bie Ehre habe unwbie gekommen ist, um Eurer Majestät die Marschalls-Uniform und bie Uniform eines Obersten des RegimentsNumaneia" zu überreichen, sowie die Begrüßungsworte, die Eure Majestät die Gnade gehabt haben, an uns zu richten, haben mich tief gerührt und ich spreche meinen lebhaften Dank dafür anS. Der König, von Spanien hat mich ganz besonders beauftragt, Eurer Majestät zu sagen, daß er glücklich war, diese neue Gelegenheit zu ergreifen, um Eurer Majestät einen neuen Beweis seiner Hochachtung und gro s; e n Freundschaft zu geben und daß.er hofft, daß diese Freund­schaft immer noch wachsen wirb zum Besten der beiden Völker. Es ist eine Ehre für die spanische Armee, Eure Maiestat unter ihren Marschällen zu zählen. Was aber bas Regiment Numaneia" (11. Kavallerie-Regt.) betrifft, so werden alle feine Offiziere und Soldaten in Zukunft stets der Ehre gedenken, bie dem Regiment dadurch erwiesen wurde, daß es dazu auserfehen wurde, "Eure Majestät als Chef zu haben. Namens des Königs, meines erhabenen Herrschers, trinke ich auf das Wohl, Eurer Majestät und der Kaiserin und auf da§ Wohlergehen ^utfchlanbs und seines Heeres." ____

4>er Krieg.

Petersburg, 8. Febr. Generalatzjutant Kuropatkin meldet dem Kaiser: Am 7. Februar griffen Freiwillige von der linken Flanke mehrere Bauernhöfe in der Nahe des Dorfes Vai- tochan an, die von den Japanern besetzt waren. Mehrere Japaner wurden niedergemacht, bie anberen entflohen. Um drei Uhr morgens des 7. Februar ergriffen die Japaner bie Offensive gegen die Stellungen des Zentrums, zogen sich aber nach l1/« stündigem Gew ehr feuer zurück.

Tokio, 8. Febr. (Reuter.) Der englische Dampfer ..Eastrp" mit Kohlen nach Wladiwostok wurde vm Yokusota kommend auf der Höhe von Hokkaido beschlagnahmt.

T 0 k i 0,8. Febr. (Reuters Aus dem Mandschurischen Haupt- quartier wird berichtet, daß bie Russen verschobene Teile der javanischen Linien am Montag nacht beschossen und daß kleine Abteilungen russischer Infanterie an mehreren Punkten zum Angriff vorgingen; alle wurden jedoch z u r ü ck g e s ch l a g en. Die Russen verschanzen sick weiter in der Richtung nach Wan- chialinahtzn, Litajentum, Ehenchiepas und .Heikntei zu.

London, 8. Febr.Daily Telegraph meldet aus Pettrs- bürg, daß verschiedene Momente auf eine bevorstehende B e- endigung des Krieges bindeuten. Neue Bestellungen auf Kriegsmaterial sowie der Befehl, ein neues Armeekorps zu mo­bilisieren, seien bereits zurückgenommen und ganz besondere Instruktionen an General Kuropatkin telegraphiert worben. Es wird sogar behauptet, daß er ermächtigt worden sei, jn i t Marschall Ovama Unterhandlungen einzuleiten. --Uefe Meldung w-rb iedoch h'er a<s v-rsrubt bezeichnet.

Tcutfriicd Reich.

Berlin, 8. Febr. Fürst Ferdinand von Sui* garten traf kurz nach 3 Ubr hier ein. Zum Empfange waren Prinz Heinrich und Prinz Friedrich Heinrich er* schienen. Eine Kompanie der Gardefüsiliere erwies die mili­tärischen Ehren. Ter Fürst nahm im Königlichen Schlosse Wohnung. '

Bei dem Kaiserpaare fand heute der erste Ball der diesjährigen Faschingszeit statt. Unter den An­wesenden befanden sich der Fürst von Bulgarien, der Reichskanzler, bie Minister, die Bundesrats Mitglieder, der bayerische Minister Frhr. v. Feilitzsch, die Offiziere des spanischen Regimentes Numaneia. Der Kaiser sprach längere Zeit mit dem Fürsten zu Inn unb Knyphausen und mit dem Minister Möller und erfreute viele Damen unb Herren durch Ansprachen; er wandte sich sodann ben ftembländischen Damen und Herren des diplomatischen Korps zu. Gegen 11 Uhr wurde da§ Souper eingenommen, bet welchem der Kaiser die Kaiserin, der Fürst von Bulgarien die Erbprinzesffn Leopold von Anhalt führte.

Dresden, 8. Febr. Wie in dem offiziellenDr. I." bekannt gegeben wird, hat sich ans Befehl des Königs Friedrich Äugust von Sachsen Justiz rat Körner nach Florenz, dem jetzigen Wohnsitze der Gräfin Montignoso, begeben, um sich über die allgemeinen Verhältnisse der ^in* zessin Anna zu unterrichten._______

parlamentarisches.

Berlin, 8. Febr. In der Budgetkommissio^. des Reichstages erledigte man heute den Etat für Süd- westafrika . Alsdann ging man über zur Beratung des Etats für Deutsch-Ostafrika. Auf eine Anfrage des Prinzen Areuberg erklärt Kolonialdirektor Dr. Stübel, in den Schutzaebieten bestehe faktisch eine reine Zivilverwaltung. Der Abg. Spahn (Ztr.) erklärte die Verleihung von Orden mit Schwertern in Schutztruppengebieten für bedenklich, da diese die jungen Offiziere zu kr i e g e r i s che nt Vorgehen gegen die Schwarzen verleitete. Kolonial­direktor Dr. Stübel entgegnete, die Offiziere handelten in jedem Falle in bestem Glauben, auch wenn einmal ein Kriegszug unternommen würde, der sich später als schädlich erweise.

TerVorwärts" meldet: Die sozialdemokra'- tische Reich st agsfraktion beschloß, zum Etat des' Reichskanzlers eine Resolution einzubringen, in der dieser ersucht wird, dem ReichDtage baldigst einen Gesetzentwurf zur Sicherung der Auf en th altsverh ältnisse! per Ausländer im deutschen Reiche vorzulegen.

Kirche und Schule.

Zum Erzbischof von Bamberg wurde ber Universitätsprofessor Dr. Philipp Alberi- Würzburg gewählt.

Rom, 8. Febr. Der soeben verstorbene lateinische P triar ch v 0 n Jerusalem Monsignore Piavi, dev noch kurz vor seinem Tode eine hohe preußische Dekorationi empfing, hatte sich vom Papste die Erlaubnis erbetenp Kaiser Wilhelm das Großkreuz des Ordens vom Heiligen Grabe zu verleihen. 'Der Patriarch starb jedoch, ehe noch das Dekret unterzeichnet war. Zweifel­los wird sein Nachfolger sich indessen beeilen, die Mi- gelegenheit zu erledigen. Die Mitteilung von der beabsich­tigten Dekorierung deS Kaisers hat derselbe in einem überaus. warm gehaltenen Schreiben erwidert.

ÄuStand.

London, 8. Febr. Der Parlamentssekretär der Ad» miralität, Pretyman, sagte in einer Rede, die er in Grymsby hielt, man könne bie große Erregung, die Lee's Rede unter unseren deutschen Freunden erregte, nicht verstehen. Unsere F l 0 t t e i st lediglich z u r V e r t e i d i g u n g bestimmt. Die Verteilung muß mit gebührender Rücksicht auf die Flotten anderer Länder, jedoch in freundsch astli cher Weije aufrecht erhalten werden.

Paris, 8. Febr. In dem heute abend abgehaltenen Ministerrat wurde sämtlichen Artikeln des Gesetz­entwurfes, betreffend die Trennung von Staat und Kirche zu gestimmt.

Menzel

Berlin, 9. Febr. Adolf von Menzel ist heute früh tui^ vach 7 Uhr gestorben.

Ein ganz Großer ist dahin gegangen, der Alt- und Groß- Nieister deutscher Kamst, Geheimer Rat. Ehrendoktor und .Ehren­bürger der Reichs Hauptstadt Mitglied der kgl. Akademie der Künste, der nun im patriarchalischen 2llter von 90 Jahren Dahin- gegangene (geb. 15. Dez. 1815 zu Breslau). Seit Albrecht Dürer, der dem Wesen unseres Meisters nahe steht, hat vielleicht keiner io viel für fcüe deutsche Kunst getan als Adolf v. Menzel. Der Umfang seines Schassens ist so gewaltig wie seine vielbewunderte Kraft. Die Leitsterne aber, denen er folgte, die ihn zum^Ruhme führten, sind Natur und Wahrheit. Nichts war ihm groß genug unb nichts zu klein, um es mir Ernst zu erfassen und festzuhalten.

Menzel hat eine barte Jugend durch gemacht. Hat sich der Meister doch alS reifer und berühmter Mann selbst alsZaun- eafc"'" dem Leben gegenüber bezeichnet. Unter Entbehrungen studierte der junge Künstler für sein WerkDie Armee Friedrichs deS Großen" 15 Jahre hindurch (184257) in den preußischen ^uafyäinern Montierungskammern, in dm Akten der Archive, wi«. nicht nur die Helden jener Zeit, sondern jede Solbatengattung knwnia im aanAen bet Uniform und in ben einzelnen Teilen Von oni arünblichcn historischen Stubien Menzels zeugen WmteV 1-tzt in der Nationalgalerie zu Berlin befind- tjTL E T-nclrmrdc Friedrichs des ®r." und ba§

r,9lövntnrvert", "di« während der Herstellung des Kostümwerks, Lwio wec täglich m neuer Reproduktion erschienene

kirch" entstanden find. Mit dem Jahre 1862 schließt bie eigent­liche Friebrichsveriobe Menzels, ber bereits so befernnt LeHorben war, baß er 1861, sechs Tage vor der Krönung König Wilhelms in Königsberg, ben Auftrag erhielt, diese Staatsaktion in einem großen Bilde mit ben Porträtfiguren aller Teilnehmer darzu­stellen. Menzel reifte mit seinem Freunde unb Schiller Werner auf der Stelle nach der Königstabt ab, um m größter Hast mitten unter Dekorateuren und Handwerkern bie 3nl1e^nUTt1^ ber Kirche aufznnehmen. Die Krönung selbst skizzierte Menzel auf einem wackligen Stuhl von ber Herrenhaus-^ribune aus. Drei Jahre staub Menzel im Schlosse ber für biesen Zweck aus­geräumte Garde bu Corps-Saal als Atelier zur Verfiigiing, um alle 132 Teilnehmer nach 'ber Natur in bas Vilb hmeinzumaleu. Selbst König Wilhelm stani) in dem nur unter vielen Muheii anzulegenoen Krönungsoniat dem Künstler Mobell, mit erhobenem Reichsschwert in ber Hanb. Menzel erzählte, baß es ihm in jenen Minuten in den Schläfen vor Aufregung zum Nunallen gesaust habe. Er hat auf dem Krönungsbilbe niemand ge­schmeichelt, was ihm viele übelnahmen. BesmberS kränkte es bie älteren Hofdamen, baß der kleine Mann sich so vcrbipen an bie Natur hielt.

Die große golbene Medaille war ihm 1857 verliehen worben. Joseph Joackfim hat einmal ein hübsches Wort zu dem Altmeister gesprochen:Der alte Menzel, das ist ein Begriff für alle Künstler, wie für die Soldaten ber alte Fritz". Wie unser Kaiser z>nn 80. Geburtstage vor berkleinen Exzellenz" eine Ehrenwache ber friberizianischen Riesengarbisten aussnarschieren ließ, so salutieren heute am Sarge des großen Toten bie Mnstler unb Kunstfiennbe in Gebanken ben unvergleichlichen Meister.