Erstes Blatt.
Mittwoch 10. Mail SOS
155. Jahrgang
wr. 109
Itieeiet Heil* anher bonntagL.
Dem Gießener Anzeiger werden im Wechsel mit dem KesfisHen tandwtrt die Siebener Kamillen« hlittter vlermcü In der Woche beigelegt
Rotationsdruck il Verlag bet Brühl 'ichen Unwert-Buch-u. Stein* druckeret. 0t Sange. Nevattton. LrvedUto» und Druckerei: Gchnlpraße 1.
flbrefle für Devescheu: Anzeiger Gieße».
AernivrechanichlußNr 51.
GietzenerAnzeiger«
w General-Anzeiger v
Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen
_______ __________________________________________________zeigenteil: Han« Beck
Bekanntmachung.
Betr.: Rauschbrandverdacht zu Holzheim.
Der Rauschbrand unter den Schalen des Wilhelm Sann in Holzheim ist erloschen. Die Sperre ist auf- gehoben.
Gießen, den 6. Mai 1905.
Großherzogliches Kreisamt Gießen.
I. V.: Dr. Kranzbühler. > ..... 1 ............- ii ........
3>er Krieg.
Zum Neutralitatskonflikr.
Ein Telegramm meldete uns gestern von den herzlichen Abschiedsgrüßen der japanischen Presse an den vom Kriegsschauplätze abreisenden Prinzen Karl Anton von Hohenzollern. Man darf wohl auch hierin einen Reflex der Erregung Japans gegen Frankreich erblicken. Denn das Verhalten Frankreichs gegen Deutschland in Marokko ist in Japan nicht unbemerkt geblieben. Minister Deleasss läßt es ja auch Japan gegenüber an beruhigenden Versicherungen nicht fehlen, aber darüber kann doch kein Zweifel sein, daß es dem Admiral Roschdjestwensky unmöglich gewesen wäre, sich ungeniert tagelang an der französischen Küste in Ostasien mit Kohlen und Proviant zu versorgen, wenn nicht die französischen Kolonialbehörden und Kriegsschiffskommandanten beide Augen zugedrückt hätten. Minister Delcassö verschanzt sich hinter „Instruktionen", die er über die Erfüllung der Neutralitätspflicht den Beamten rn Jndochina erteilt und bei der Wiederholung verschärft haben will. Eiue bequeme Rechtfertigung für die französische Regierung. Sie hat das ihrige getan, und wenn nachgewiesen werden sollte, daß im einzelnen Falle die Neutralität zweifellos verletzt ist, so sind das Uebergriffe französischer Funktionäre, deren nachträgliche Ahndung Japan keinen Nutzen, Rußland keinen Schaden bringen kann. Mag deshalb die Illoyalität der französischen Politik immer und immer wieder in Abrede gestellt werden, ihre Tendenz, den Russen nach Kräften behilflich zu sein, ist unverkennbar. Trotz alledem wird bei den diplomatischen Verhandlungen in Paris nicht viel herauskommen. Man möchte sogar meinen, daß mit dem Hinausziehen, mit der „gründlichen" Behandlung der Angelegenheit Frankreich seinem Verbündeten einen weiteren Dienst erweisen würde. Denn, täuscht nicht alles, so will Roschdjestwensky in der Nähe der französischen Interessensphäre das Eintreffen auch des Wladiwostok-Geschwaders abwarten, um dann mit überlegenen Streitkräften den japanischen Admiralen auf hoher See entgegenzutreten. Schiffe des vom Feinde wohl ungenügend bewachten Wladiwostok- Geschwaders sollen bereits an der Nordostküste Japans gesehen worden sein. Der franz. Admiral Jonquißres ist ja jetzt anscheinend bestrebt, die russischen Schiffe nicht mehr in der französischen Seezone ankern zu lassen, aber Noschdjest- wensky wendet sich nicht nach Norden, sondern nach Süden, und beschleunigt seine Vereinigung mit dem Geschwader NebogatowS, das wohl auch erfrischungtz- und reparaturbedürftig sein wird. Es bleibt abzuwarten, ob die Franzosen dem neuen Ankömmling von vornherein den Eintritt in die neutrale Zone wehren werde.
In Hongkong fand eine geheime Konferenz zwischen den Admirälen Roschdjestwensky und Jonqui^res und den Kommandanten der dort liegenden Schiffe statt. Der Landurlaub der Mannschaft wurde aufgehoben, da man Komplikationen betreffs der Neutralitätsfrage befürchtet.
Der „Morning Leader" meldet aus Hongkong, daß Kohlenschiffe den Auftrag haben, nach dem Maclesfield- Fclsen abzudainpfcn. Die Maclesfield-Felsen befinden sich in der Mitte des chinesischen Meeres, 500 englische Meilen nordöstlich von Saigon und 400 englische Meilen südlich von Hongkong. Es wird deshalb angenommen, daß Roschdjest- wenski und Nebogatow sich in der Nähe des Maclcs- sield-Felsen treffen werden.
Die Delcassösche Preßleitung publiziert eine Erwiderung gegen die von englisch-japanischer Seite erhobenen Vorwürfe. Danach hätte Frankreich der russischen Flotte, seitdem diese den Heimathafen verließ, nur in zwei Fällen effektiven Beistand^ geleistet; beide Male habe es sich um Ausbesserung schwerer Schäden von Torpedojägern gehandelt; weder Kohlen noch Trinkwasser seien seitens eines französischen Hafens geliefert worden, und selbst der Champagner Noschdjest- wenskis komme aus Deutschland.
Die „Agence Havas" meldet vom 9. d. M. aus Nha- trang: Admiral RöschdjestwenSki, der seit mehreren Tagen auf hoher See vor der Vanfong-Bucht kreuzte, ist heute morgen mit der ganzen Flotte weitergefahren. Jonquiöres traf das Geschwader auf hoher See in der Höhe der Vanfongbucht, einem unbekannten Ziele zu- lahrend.
Es „verlautet" offiziös, die franz. Negierung werde in allernächster Zeit ein Gelbbuch über die Frage der Neutralität Frankreichs veröffentlichen. Es werden darin die von -er Regierung ihren Vertretern erteilten Instruktionen und die in dieser Angelegenheit abgesandten und ausgetauschten Telegramme mitgeteilt werden. Sie sollen dartun, „wie itni» fassend und inS einzelne gehend die Vorsichtsmaßnahmen sind, Sie die Negierung getroffen hat, um jede Verletzung der Neutralität Frankreichs zu verhindern, und sollen die Korrekt-1
heit der Haltung Frankreichs klar erkennen lassen und die Unrichtigkeit der Gerüchte, zu deren Echo sich die auswärtige Presse gemacht hat."
Im englischen Unterhaus fragte am Dienstag Walton (lib.), ob die Regierung im Stande lei, eine Erklärung in Bezug auf die Lage abzugeben, welche durch die angebliche Verletzung der französischen Neutralität an der Küffe von Kochinchina entstanden sei, und über die Schritte, welche die Regierung getan habe, um jeder Gefahr des AuS- brucheS eines Krieges zwischen Frankreich undEUgland infolge dieser Frage vorzubeugen. Premierminister Balfour entgegnete: Sobald die französische Regierung von der Anwesenheit RoshestwenskiS in der Kamranh bucht Kenntnis erhielt, hat sie Vorstellungen nach Petersburg gesandt mit dem Ergebnis, daß aus Befehl des Kaisers selbst der Admiral telegraphisch Weisungen erhielt, welche ihn aufforderten, die Kamranhbucht zu verlassen, was auch sofort getan wurde. Später wurde berichtet, daß das russische Geschwader in der Honkohe bucht liege. Admiral IonquiöreS wurde dorthin abgesandt, um Bericht zu erstatten und sand das russische Geschwader daselbst, allerdings nicht innerhalb der französischen Territorialgewässer. Hierauf sandte der Gouverneur von Französisch-Jndochina den französischen Residenten in Nhatrang, der nächstgelegenen französischen Niederlassung, an Roshestwenski mit der Weisung ab, diesen zur Abreise aufzufordern. Der Admiral versprach, am 3. Mai abzureisen. Was die Gerüchte angeht, daß daS russische Geschwader von der französischen Behörde in der Kamranhbucht wertvollen Beistand erhalten habe, erfahre ich, daß sich daselbst lediglich zwei Franzosen befinden, von denen keiner eine amtliche Stellung einnimmt, die vielmehr Inhaber von Konzessionen der französischen Regierung an diesem Platze sind.
Der japanische Gesandte in London, Vicomte Hayashi, gab folgende Erklärung ab: Die Lage ist sehr- schwierig. Frankreich versicherte auf das bestimmteste, daß die Kolonialbeamten angewiesen wurden, die strengste Neutralität zu beobachten. Ich erkläre deshalb, daß von einer Krisis keine Rede sein kann.
Aus der Mandschurei.
Petersburg, 9. Mai. Die Petersb. Telear.-Ag. berichtet aus Sytiasa von gestern: Auf dem Tinten Flügel der Russen begegnete eine Kolonne am 5. Mai im Ingo- ling-Passe etwa zwei japanischen Bataillonen mit sechs Geschützen, wöbe iSchüsse gewechselt wurden. Zluf der russischen rechten Flanke sollen be deutende japanische Streitkräfte bemerkt worden sein. Der Wachtdienst der । Japaner ist derartig verstärkt worden, daß unsere Kavallerie- Patrouillen unmöglich die Vorpostenlinien durchbrechen können.
Russische Heldentaten auf hoher See.
Petersburg, 9. Mai. General Li n e w i t s H meldet dem Kaiser vom 7. Mai:KapitänRoden verbrannte auf einer Aufklärungsfahrt mit Torpedobooten an der japanischen Küste zwei Meilen entfernt vom Kap Loutsouki einen japanischen Scho oner; die Besatzung wurde an Land gesetzt. 15 Meilen von der japanischen Küste nahm er einen zweiten japanischen Schooner weg, nahm die Besatzung an Bord und lieferte die Prise in Wladiwostok ein.
Untergang eines japanischen Schiffes.
London, 9. Mai. Hier eingetroffene Meldungen bestätigen die Meldung von dem Untergänge des japanischen Flaggschiffes „Miikasa" in der Meerenge von Korea. Nach einer Version soll „Mikasa" von einer schwimmenden Mine getroffen worden sein, sodaß sie in die Luft gesprengt wurde. Die gesamte Mannschaft, bestehend aus 7 00 Matrosen, soll ertrunken sein. Nach eine? anderen Version soll das Schiff infolge Nebels auf einen Felsen gestoßen und untergegangen sein.
Sperrung der Baikalbahn.
Irkutsk, 9. Mai. (Petersb. Telear.-Aa.) Die Bahn, die um den Baikalsee führt, ist durch einen Bergrutsch auf eine Strecke gesperrt worden. Niemand ist verunglückt.
Ein weiteres baltisches Geschwader?
London, 9. Mai. Telegramme aus Petersburg berichten, daß alle Kriegsschiffe, welche das 4. baltische Geschwader bilden sollen, augenblicklich in Kronstadt vereinigt sind, wo eine Generalinspektion über die Beschaffenheit der Schiffe vorgenommen wird.
Auß'and in Siurm und Prang.
Moskau und politisches Treiben .'Zwei Begriffe, die nicht recht zusammenstimmen wollen. In Moskau ißt man gut ,trinkt viel, geht viel in die Kirche, zum Trabrennen oder ins Tingeltangel, man treibt Handel, rupft neugierige Ausländer, die mit einem Bädecker hernmlaufen, aber man treibt doch nicht Politik: höchstens ein bißchen Klatsch, wenn einer mal zuviel am Staate „verdient", aber bloß keine Politik! Das ist ausländisch! Das haben die Juden mitgebracht! Und nun müssen die biederen Mosrowiter doch in die politische Jacke schlüpfen, müssen ehrlich sein, Farbe bekennen, mib dabei wird doch gar nichts verdient. Diese Intelligenz, diese gem.....Bande! Das ist wohl, sc«
wird der „Voss. Ztg." geschrieben, die Stimmung, mit der der Moskauer Kaufmann unb ein Teil des Adels den Semstwo-Konareß begrüßt. ES ist lediglich ein ganz kleiner Teil der Bevölkerurig, der den Beratun-gcn mit, man könnte faaen, ängstlicher Spannung entgegensieht; es sind die
Professoren, Aerzte, Rechtsanwälte, Schriftsteller. Der Semstwo-Kongreß ist ein Delegiertentag der Gouveruk mentslandschaften. Die Veranstalter haben alles getan, um dem Kongreß den Schein eines Parteitages zu nehmen; sitz wollten ein wahres Bild der in der Provinz herrschenden Ansichten haben, um danach ihre Politik der Regierung gegenüber einzurichten. Von feiten der rechtsstehenden Clemente ist ihnen das erschwert worden. Von den 34 Gow- vernements, die um Entsendung von Delegierten gebeten wurden, haben nur 25 geantwortet. Innerhalb der einzelnen Gouvernements haben sich wieder ganze Gruppen von den Wahlen ferngehalten und nur g-an.z wenige haben aus ihrem vollen Bestände heraus gewählt. Am 8. d. M. sprachen yegeni 30 Redner über das Verhalten der Semstwo gegenüber der Kommission Bulygins. Mehrere wiesen auf den falsches Optimismus hin, der in dem Glauben liege, die Regierung würde irgend etwas zugestehen, was nicht erkämpft sei. Niemand dürfe sich durch Versprechungen täuschen lassen'. Die Versammlung gab noch der Uebe'rzeugung Ausdruck, daß die Bureaukratie noch zwei bis drei Jahre die Oberhand behalten werde, wenn nicht die Sozialdemokratie lieber»* raschungen brächte. Ein Redner forderte, der Kongreß solle sich als konstituierende Versammlung auf tun und die Vertreter der Intelligenz einberufen.
Am 7. Mai brach in Schitomir eine Judenhetze aus. Läden und Magazine wurden zerstört. Die Juden leisteten bewaffneten Widerstand. Am folgenden Tage wurden 12 Tote und 50 Verwundete gezählt, obwohl seitens der Ortsbehörden Maßnahmen zur Unterdrückungj der Unruhen ergriffen worden waren.
In Warschau wurde die gesamte Mannschaft des Bei zirkskommandos, darunter zwei Obersten, mehrere Kapitäne u!nd Unterleutnants, verhaftet unter dem Verdacht, wohlhabende Bürgerssöhne vom Militärdienst befreit zu haben.
In Lodz wurde ein Geheimpolizist in der Kreuz* kirche entdeckt. Er floh auf die benachbarten Hausdächer; wurd" jedoch von der Menge verfolgt und erdolcht.
Die Stadt Ehemening im Gouvernement Kiekcg wurde von einer Feuersbrunst heimgesucht, lieber 20Q Wohnhäuser samt Nebengebäuden wurden eingeäschert.! Mehrere Personen kamen ums Leben.
Ausland.
Budapest, 9. Mai. (Abgeordnetenhaus.) Gras> Apponyi w-ist ba^auf hin, oaß die Befürchtungen, welche be^1 züglich des Schicksals der ungarischen Landwirtschaft nach der Auflösung der Zolltarifgemeinschaft mit Oesterreich im Abgeordnetenyause geäußert wurden, von kompetente^ Stelle, seitens der früheren Agrarpartei und des Grafeni Alexander Karoly, nicht als zutreffend anerkannt sind. Dieser gab seinem Vertrauen Ausdruck, daß unter der Herrschaft des unabhängigen Zollgebiets das landwirtschaftliche Interesse eine besondere Fürsorge genießen werde.
Washington, 9. Mai. Der amerikanische Generalkonsul in Berlin, Mason, befürwortete in einem Bericht das Staatsdepartement den Mschluß eines Freundschafts- und Handelsvertrags' zwischen Deutschland und Amerika, der eine größere Reziprozität vorsieht und die wahren Interessen der beiden Nationen^ schützt. — ......... «—!■." 1 1 '■
Außcroldentt. Weröandstaü deutscher Kochschulen«
8. & H. Weimar, 9. Mai.
Heute, kaum 2 Monate nach der in Eisenach erfolgten Gründung de§ Verbandes deutscher Hochschulen, sind abermals Vertreter von allen Hochschulen Deutschlands zusammen- getreien; diesmal in Weimar. Die Schiller-Feier der deutschen Studentenschaft am Schiller-Goethe-Denkmal wurds verbunden mit einem zweiten Verbandstage in diesem Jahre, dessen Einberufung sich durch die jüngsten Ereignisse notwendig machte. Naturgemäß sind es vor allem drei Fragen, die zur Besprechung gelangen werden: 1) der Erlaß des preußischen Kultusministeriums vom 16. März; 2) die Auflösung des Charlottenburger <5tu* dentenauSschusses und 3) die Kundgebung dek Göttinger Professoren.
Der preußische Ministerialerlaß bestimmt bekanntlich, daß neue Studentenausschüsse und Ausschußsatzungen, sowie Aen«». derungen von bestehenden Satzungen dem Ministerium zur Genehmigung zu unterbreiten sind. Gegen diesen Erlaß haben sich die Professoren der Universität Göttingen und Marburg in ihren bekannten Eingaben an den Kultusnnnister gewendet, in denen sie dieses direkte Eingreifen der Zentralinstanz in die studentischen Angelegenheiten nicht nur aufs schärfste mißbilligen, sondern den Ministerialerlaß geradezu für ungesetzlich halten.
Die Auflösung des Charlottenburger Ausschusses wird wohl die längsten Auseinandersetzungen Hervorrufen. In Velbindung damit steht das gegen den Vorsitzenden der Studentenschaft der Königlich Technischen Hochschule Cand. rer. techn. Heinrich Seck eingeleitete Disziplinarverfahren.
Der Verbandstag selbst nahm heute früh mit der Schiller-Feier seinen Anfang.
Um 10 Uhr früh begab sich eine Delegation der deutschen Studentensehaft in die Fürstengruft und legte am Sarge Schillers einen Kranz nieder, der die Inschrift trug: ^Jhrem Schiller. Die akademische Jugend Deutschlands." Als Vertreter der deutschen Studentenschaft hielt Cand. med. Vagt^ Tübingen eine Ansprache.


