Ausgabe 
8.2.1905 Zweites Blatt
 
Einzelbild herunterladen

Nr. 33

Mittwoch, 8. Februar 1905

155. Jahrg.

Ugkch mit VuSmchm» brk ©cmntagÄ

SM» 3lt|tO0 ^oatBcfiiMirttr* awtbe» bar ®njev,. 9UH« MSch«-rUch betgEieqr. De ^dM «««-ttch M

Eichener Anzeiger

Ntn> ftrHflQ ter Vr-ht^chM ttsmaSttitotoarfmeL Ä. Sa»O«, M«

Äetafttoo, «tyxhtttxro a. Drvekerrt: GchEr.^ LKt.A-.Lz. I<4egiv-Äbe»i Au-et«« Vtetz«

General-Anzeiger, Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.

Kündeten Regierungen haben aber auch gleichzeitig auf dem Stand­punkt geftanben. daß bei solchen Arbeitern, bei denen die spezifische Gefahr in der Arbeit an sich liegt und nicht in der Dauer der Arbeit, die Regierung die Bemessung der Arbeitszeit dem freien Ermessen anheimstellen kann. Dabei ist ganz unzweifelhaft, daß eine Schädigung der Gesundheit der Arbeiter unter Umständen auch in einer übermäßig langen Arbeitszeit liegen kann. Es ist auf einer Versammlung von Industriellen kürzlich einmal die Behauptung aufgestellt worden, daß ftüher tn der rheinischen Industrie 17stün- dige Arbeitszeit bestanden habe. Es war diese Arbeitszeit nötig, um erst einmal gegen die englische Industrie aufzukommen. Gott sei Dank ist im Wege der Vereinbarung von dieser langen Arbeits­zeit abgesehen worden; denn bei einem Arbeiter, der 17 Stunden m der Fabrik zu arbeiten hat, abgesehen vom Wege von und nach

der Fabrik, kann man sich mit ^Reckst fragen, ob er die nötige Nacht­ruhe und die nötige Zeit zur Körperpflege haben kann. Diese da­mals bestehenden Z'fftände sind aber ganz von selbst beseitigt durst Vereinbarung zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern. Uutzer- dem muß mau berücksichtigen, daß die Verhältnisse m den In­dustrien sehr verschieden liegen. Es gibt Industrien, gewisse Tätig­keiten von Arbeitern, bei berteil ein großer Teil der Arbeiter nicht angestrengt Maschinen bedienen muß, sondern Handreichungen zu machen bat oder sick stets in einer Art von Arbeitschereitschaft be­findet. Aus diesen Gesichtspunkten waren auch die^Verbundeter Regierungen immer dagegen, den allgemeinen MarimalarbeitL-tac' einzuführen. Bei der unaeheiiren wirtschaftlichen Bedeutung der Frage habe ich an sämtliche 26 Bundesregierungen die Vrtt^.ge­richtet, mir ihr-» Stellung zur Intervellation mitzuteuen. Bis ben<e^ babe ist erst von 8 Regierungen eine Antwort bekommen. Ivort,v hört!) Diese 8 Regierungen stoben entweder auf dem unbedingt ablehnenden Standpunkt, oder iie erklären, daß man bei einer Frage. die so tief in das wirtschaftliche Leben eingreire, erst die eingehendsten Erhebungen veranstalten müsse, bevor man zu ihrer Beantwortung schreite.

Je mehr wir unsere Sozialpolitik ausfüllen, je tne^r tntt immer in den Kämpfen auf industriellem Gebiete das Beitreben hervor, in diesen Fragen auch einigermaßen mit den übrigen Nationen Hand in Hand zu gehen. Die Bezugnahme auf einen Artikel in dem vom Kaiserlich statistischen Amt herausgegebenen Reichs-Arbeitsblatt, stimmt insofern nicht, als dort mobr hand­werksmäßige Betriebe behandelt sind. Ich glaube überhaupt, der Herr Interpellant wird der Ansicht sein, daß dieser Apfel noch nicht reif ist. (Heiterkeit.)

Ich komme zu der zweiten Frage, den Marimalarbeitstag von Arbeiterinnen. Ich hoffe noch bis Ende dieses Monats eine Denk­schrift vorlegen zu können, die ein klares Bild von der Sachlage gibt, namentlich auch eine eingehende Statistik bietet, ^ch weise aber schon jetzt darauf hin, daß die statistischen Zahlen stch wesentlich anders stellen, als man bisher in der Oeffentlichkeit behauptet hat. Wir werden uns sehr eingehend mit der Frage beschäftigen, ob Die Arbeitszeit der weiblichen Arbeiter event. mit UebergangsfristNi gesetzlich zu ermäßigen ist. Aber hier ist die Konkurrenz des Aus­landes eine außerordentlich große. Ich habe deshalb durch das Auswärtige Amt bei den Regierungen von Italien, der Scywerz Oesterreich-Ungarn und Belgien anftagen lassen, wie sie stch wovl zur Frage stellen, auf diesem Wege gleichzeitig einen Maximal- arbeitstag einzuftihren und ich kann sagen, daß bisher von der Schweiz eine wohlwollende, ja ich möchte fast sagen, eine zustim­mende Antwort eingegangen ist. Würden wir dazu kommen, die Arbeitszeit der weiblichen Fabrikarbeiter zusammen mit den Mer Konkurrenzstaaten herabzusetzen bei unserer Tertilindustrte würde es allerdings nur mit Uebergangsfristen möglich fein dann bin ich der Ansicht, daß die Bedenken betreffend die internatio­nale Konkurrenz bedeutend abgeschwächt werden oder ganz fort-

Kräften steht, dazu beizutragen, mein Vaterland starker und wohl­habender zu machen. Ich betrachte es aber dabei auch als meine Aufgabe, dabin zu wirken, daß an dieser kommenden Wohlhaben­heit' meines Vaterlandes alle Klassen einen Anteil haben, aber Millionäre zu züchten, habe ich bisher als eine Aufgabe memeS Ressorts nicht betrachtet. (Heiterkeit.) Man hat gesagt, wir stellten Enqueten an über Dinge, die alle Welt wüßte. Ja, auf daS, was alle Welt weiß, kann man das Shakespearesche Wort anwenden: .Eine Münze aus Luft geprägt, ein Nichts, ein Hauch." Die Re-, gierung hat die Pflicht, eingehendste Erhebungen anzustellen. Sind Industrien so gefährlich, daß auch bei verkürzter Arbeitszeit bte Gefahren sich nicht beseitigen lassen, so kann eine Industrie ganz verboten werden, wie dies z. B. bei , der Phosphorzündholz- industrie geschehen ist. Aber bevor man ein solches Verbot erlaßt, müssen doch erst die genauesten Enqueten veranstaltet werden, baut bei einem gänzlichen Verbot einer Industrie haben nicht nur die Arbeitgeber, sondern auch die Arbeitnehmer den Schaden. Der Vorredner hat roetter erklärt, von dieser Regierung sei nichts zu erwarten. Ick halte es nicht gerade für sehr geschmackvoll, fort­gesetzt darauf hinzuweisen, was die Regieruny auf sozialpolitischem Gebiete geleistet hat. Eine Regierung soll still rmd stetig wie eine gute Maichine arbeiten. Wenn man im Auslande weilt, ist immer das erste Geipräck das, was Deutschland geleistet hat auf bem Ge­biete sozialer Reform, daß es ein Vorbild und Ansporn für andere Länder sei. Folgt man aber der Auffassung des Vorredners, so haben wir bis jetzt absolut nichts getan. Das wird gesagt in dem Augenblick, wo die preußische Regierung einen Gesetzentwurf an­gekündigt hat, der wesentlichen Beschwerden der. Bergarbeiter ab­helfen soll, das wird gesagt in dem Augenblick, wo die lange gepeilte Forderung der Anerkennung der Berufsvereine durch das Reich

fallen.

Abg. Fischer-Berlin (Sozd.): In vielen Industrien hat man schon eine kürzere Arbeitszeit. Der allgemeine Zehnstundentag würde daher ein sozialer Rückschritt sein. Wir sehen in dem Zehnstunden­tag überhaupt nur ein Ueberaangsstadium zum Achtstundentag. Die Rede des Grafen Posadowsky zeigt nur, in welchem Schneckengang jetzt unsere Sozialvoliffk arbeitet. Er hat sich zu dem Standpunkt des Ministers Möller durchgerungen, der immer ein Arbeiterfcind war, und noch kürzlich auf der Ministerbank den Ausspruch tat, man dürfe nur ja nicht zu viel bewilligen, da man bann nicht mehr zurück könnte. Wie es mit den Reckten ber Arbeiter steht, zeigen bie Urteile bet Gerichte, selbst ber Abg. Sckädler sprach von ben Breslauer Bluturteilen. In bem ganzen letzten Jahre ist nichts auf sozialem Gebiete geschehen und ba begnügt sich bas Zentrum mit einer bescheibenen Anfrage. Man kann hier in ben Satz aus Heines Nordseebilbern denken:Unb ein Narr wartet auf Ant­wort." Die ganze Rebe bes Abg. Trimborn war nur eine Rebe gegen seinen eigenen Antrag. Er legte dringend die Notwendig­keit einer allgemeinen Arbestsherabsetzung bar unb begnügte sich damit, einen Zehnstundentag nur für bie Fabriken zu forbern.

Graf Posadowsky sckien sich heute auf den Standpunkt des Fürsten Bismarck zu stellen, der es als die Aufgabe der Gesetz­gebung hinstellt, Millionäre zu zückten. Die Sozialdemokraten haben schon 1867 den Normalarbeitstag gefordert, die Regierung aber hat vor lauter agrarischen Liebesdiensten nur Zeit zu Er­wägungen und Enqueten gehabt. Wollen Sie (zum Ztr.) wirklich Arbeitersckutz treiben, so muffen Sie da anfangen, wo die Arbeits­zeit am längsten und die Arbeiter zu schwach sind, um selber eine Verkürzung zu erringen. Weshalb wollen Sie bann aber das Gesetz auf die Großindustrie beschränken? Weshalb wollen Sie das Handwerk, die Heimarbeit, die Landarbeit ausnehmen? Man sieht: wie die Regierung, so das Zentrum; wie das Zentrum, so die Regierung! Ist es da befremdlich, wenn die Arbeiter zu der Ueberzeugung kommen: Von der Regierung haben wir Nichts zu erwarten! Man hat schon geglaubt: das Reicksamt des Innern gehe von weiteren sozialpolitischen Gesichtspunkten aus und ver­stehe die moderne Entwicklung. Die heutige Erklärrmg des Staats­sekretärs hat diesen Glauben über den Haufen gerannt. Freilich, bat bock neulich ein Gewerbeinspektor in Frankfurt a. O. sich bahm aeäußert, daß die Verkürzung der Arbeitszeit nur Unheil anrichte: in der vielen freien Zeit versaufen die Arbeiter nur ihr Geld, und die Arbeiterinnen bringen zu viel Kinder auf die Welt! (Auf der Zuschauer-Tribüne kreischen einige Damen hell auf, was stürmische Heiterkeit im ganzen Hause hervorruft, die sich gar nickt legen will; auch das ernste Antlitz des Vizepräsidenten Grafen Stolberg ver­zieht fick zu einem Läckeln; Staatssekretär Graf Posadowsky streickt belustigt seinen majestätiscken Bart.) Und bann immer wieder die arten Märcken von ber angeblichen Leistungsunfähigkeit ber Jn- buftrie~nn Wettbewerb ber Nation bei verminberter Arbeitszeit! Weshalb kann benn die enalische Industrie mit ihrer kürzeren Arbeitszeit immer nock erfolgreich mitkonkurrieren? Hätten wir wirklich" eine sozial weitsickffge Regierung, so würbe sie ben Sckntz der nationalen Arbeit sucken unb finben in bem Schutz der Arbeiter, sie würde verhindern, baß Raubbau mit der Arbeitskraft getrieben wirb' Daß die Katholiken arbeiterfteunblick sinb, ist nickt wahr, in keinem Lanbe ber Welt ist bie Ausbeutung ber Arbeiter größer als in bem katholischen Belgien. Das Zentrum hat stets unsere Anträge hintertrieben, beim Zolltarif bat es sich mit ben Agrariern verbünbet. Das Zentrum hat kein soziales Programm unb will fein? haben. Natürlich, der Kuhhandel würde ja aufhören, wenn bas Zentrum an bestimmte Programmpunkte gebunben wäre. Denn die ganze Politik des Zentrums besteht ja im Kuhhandel, l Heiterkeit.)

Staatssekretär Graf Posadowsky: Als ich vor kurzem hier sagte, daß die Bergarbeiter im Ruhrgebiet sich ruhig unb gesetz­mäßig verhielten, Da hielt es eine gewisse Presse für opportun, mich als Sozialdemokraten zu bezeichnen. Heute höre ich nun von der Sozialdemokratie, meine Aufgabe wäre es, Millionäre zu züchten. Als meine Aufgabe betrachte ich es allerdings, soweit es in meinen

ipurlamentarische VerhanSiunqen.

Aachdruck shne Bereiribaru«- «tchL gestattet.

Deuticher Reichstag.

185. Sitzung vom 7. Februar.

1 Uhr. Das Haus ist ä u ff e r ft schwach besetzt.

Am Bundesratstisch: Graf Posadowsky u. a.

Auf der Tagesordnung steht nur bte Interpellation 5'rimbonH8 werden, baff die verbündeten Regierungen

noch im Laufe der gegenwärtigen Session dem Reichstag einen Gesetzentwurf vorlegen, durch den die regelmäßige Arbeitszeit der Arbeiter (über 16 Jahre) in Fabriken und den dreien gleichgestellten Anlagen (§ 154 der R. G. O.) auf höchstens zehn Stunden beschränkt wird?

Auf die Frage des Präsidenten, ob und wann die Re­gierung die Interpellation zu beantworten gedenke, erwidert Gras Posadowsky: Ich bin bereit, die Interpellation sofort zu beant- to Zur Begründung der Interpellation erhält das Wort:

Abg. Trimborn (Ztr.): Die Bestrebungen, einen Maximal- srbeitstag gesetzlich festzulegen, sind sehr alt. Die bürgerliche Linke hat sich erst spät von dem Standpunkt des laisser faire laisser aller loslösen können. Unsere Partei hat sckon 1869 ein.m (damals 12stünbigen) Normalarbcitstag verlangt. Die, Liberalen sind erst neuerdings diesen Weg gegangen. Namens eines Teils der Nationalliberalen hat ber Abg. Frhr. von Heyl ben Zehn- stunbentag für jugenblicke Arbeiter geforbert. Zentrum und Sozialdemokraffe haben stets und unablässig eine gesetzliche Rege­lung ber Arbeitszeit verlangt, und zwar auch für Erwachsene, während bie bürgerliche Linke noch heute sich im ^wesentlichen auf die für weibliche und jugendliche Personen beschrankt. Erst ganz neuerdings hat der Liberalismus in Bayern, wo man sick ja auf bie Landtagswahlen vorbereitet, im Verein mit den Gruppen der Nationalsoualen unb bernationalliberalen Jugend" eine sehr gemischte Gesellschaft auch den Zehnstundentag für Erwach­sene in sein Programm auf genommen.

Mit unserer jetzigen Interpellation verfolgen wir nun dieses eine Ziel: ben Zehnstundentag (ohne Arbeitspause) für Erwach­sene zu erreichen, und eventuell, falls dies sich nicht sofort durch­setzen läßt, borläufig wenigstens für Arbeiterinnen.

Es ist muffig, nock einmal bie bekannten sozialpolitischen Argumente für den Zehnstundentag zu rekapitulieren, müßig, zu betonen, baff ber Zehnstundentag die Industrie nickt schädigt, son­dern fördert, da das Minus an Zeit einmal dazu führt, baff die Arbeit intensiver wird, sodann technische Forffckritte bewirkt. . Wir fordern den Zehnstundentag vor allem im, Interesse des Familien­lebens, das bei elfstündiger Arbeitszeit nickt mehr gebeiben kann. Ferner aber auck aus allgemein kulturellen Gründen. Der Mensch soll nickt nur arbeiten, er soll auch Zeit haben, um denken und leben, schaffen und streben zu können. Sckon fetzt haben sich die meisten Industrien an den Zehnstundentag gewöhnt. Es läßt sich also nicht sagen, daß die Industrie im allgemeinen durch den Zehnstundentag geschädigt werde. Im einzelnen mögen hier unb da Schwierig­keiten entstehen. Und selbstverständlich wird auck ein zu erlassendes Gesetz über den Zehnstundentag Ausnahmen vorsehen, Uebergangs- zeiten festsetzen, Ueberitunben zulasten, kurz, ein sorgfältig abge­wogenes Svstem zu geben haben. Eine Reihe von Staaten, ist uns bereits in ber gesetzlichen Festlegung des Marimalarbeitstages vorausgegangen; in vielen Staaten der amerikanischen, Union be­steht sogar bereits der Achtstundentag. Beseitigen wir auch die Reste des laisser faire, laisser aller! Hätten wir den Zehnstunden­tag für Arbeiterinnen sckon vor Jahren gehabt, so wäre uns der Jammer unb das Elend des Streiks in Crimmitschau erspart ge­blieben. Noch eins: man sagt, ber Zehnstundentag würde noch mehr bie Arbeiter vom Lande in die Stadt locken. Aber einmal kann man die Arbeitszeit auf dem Lande mit der in der Stadt nickt vergleichen, weil hier ja alle Pausen in Abzug kommen. Unb bann: ber Zehnstunbentag besteht ja bereits zum größten Teil, ber Anreiz ist also ohnehin da. Endlich aber: wo ein so großes Inter­esse des Familienlebens unb des Gemeinwohls auf dem Spiel steht, ba muff auch die Landwirtschaft einmal zurücktreten. , Sie Dürfte zur Hemmung eines so großen kulturellen und industriellen Fortschritts umsoweniger berechtigt unb geneigt fein, wenn ihr in­zwischen ber erhöhte Schutz durch ben neuen Zolltarif unb bie neuen Handelsverträge zu teil wird! Es handelt sich hier um ein nationales Werk edelster Art.Tie Zukunft wird schließlich dem Volke ge­hören, das sich körperlich am widerstandsfähigsten und also am wehrfähigsten erweist." So sagte Graf Posadowsky. Wer für den Zehnstundentag eintritt, kämpft diesen guten Kampf für die Wohlfahrt der Nation. Mit besonderer Wärme hat sich auch die Presse des Zehnstundentages für Frauen angenommen. Ich weise hier besonders auf die ganz vorzüglichen Artikel in berNattonal- Zeitung" hin. (Lebhafter Beifall im Zentrum.)

Staatssekretär Graf Posadowsky: Ganz unzweifelhaft fft es, baff durch bie moderne Industrie wesentlich höhere Anforderungen an die Jntensstät des Arbeiters gestellt werben als bisher. Die Maschinen geben bedeutend schneller und erfordern eine weit auf­merksamere Bedienung. Die körperlichen und geistigen Kräfte des Arbeiters werden mehr angestrengt. Man kann ferner be­stätigen, baff die Erfahrung gemacht worden ist, daff durch bie Ver­kürzung ber Arbeitszeit unter Umstänben die Arbeitsleistung nicht sinkt sondern die gleiche Leistung, manchmal auch eine bessere, eine präzisere Leistung erreicht wird. Die Frage, ob ein Maximal­arbeitstag einzuführen ist, ist innerhalb der Regierung sckon lange Gegenstand der Erörterungen gewesen. Ich bemerke, baff England, dicies alte Industrieland, keinen Maximalarbeitstag für erwachsene Arbeiter bisher hat. Die Verbündeten Regierungen haben immer auf dem Standpunkt gestanden, baff vor allem die Vervollkomm­nungen und der Ausbau des hygienischen Arbeitstages unbedingt notwendig ist Bei spezifisch sehr ungünstigen Urfadien, die im Laufe der Zeit eine so sichtbare spezifische Wirkung auf den Kör­per des Arbeiters üben, ist es unbedingt notwendig, in diesen ge­fährlichen Industrien bie Arbeitszeit zu beschränken. Die Ver-

Schluß noch eine Bemerkung. Im Mittelalter bestand daS Recht, baff, wenn jemanb ein verurteilendes Erkenntnis be­kommen hatte, er drei Tage auf die Richter schimpfen durfte. Wenn man aber in einem Parlament, wie das hier geschehen ist, erklärt, die Richter täten nur das, was die Regierung will, so greift man damit die Unabhängigkeit und Unparteilichkeit der Justizbehörden an, und ich bin der Ansicht, wie die gesetzgebenden Versammlungen nichts sind als ein Produtt der Gesetzgebung und die Grundlage des modernen Staates, so ist der Glaube an eine unabhängige Rechtsprechung Grundlage für jeden Staat Diese Grundlage darf man in einem Parlament nicht m Zweifel ziehen. (Beifall.), Abg. Lehmann (nl.): Eine genaue Festsetzung der ArbeM- zett würde nicht nur einen Eingriff in die individuelle Freiheit bedeuten, sondern auch eine schwere Schädigung unseres henmschen Erwerbslebens. Das Zentrum verlangt nun zunächst emeArbetts- zeitverkürzung nur für Frauen. Aber in der Texttlinduftrie z. B. wäre die Verkürzung der Arbettszeit für Frauen gleichbedeutend mtt der für Männer. Worin begründet man denn diese Verkürzung? Zunächst mit sanitären Grünoen. Ich gebe zu, daß die Arbeit am mechanischen Webstuhl eine starke Aufmerksamkeit des Arbeitenden erfordert. Aber dirett aufreibend ist sie nicht Nun will ich gax nicht sagen, baff eine Herabsetzung der Arbeitszeit unmöglich ist. Aber es ist doch ein groffer Unterschied, ob sie auf dem Wege freier Vereinbarung oder dem des gesetzlichen Zwanges erfolgt. Man muff es eben den Industriellen selber überlaffen, zu entscheiden, ob sie eine Arbeitszeitverkürzung ertragen können ober nicht. Die Crim­mitschauer Tertilfabrikanten haben z. B. den Zehnstundentag nicht bewilligen formen. Bei dieser Gelegenheit eine Bemerkung: Herr Fischer hat gesagt: die Crimmitschauer Fabrikanten seien bte sozial rückständigsten in ganz Deutschland. Es enffpricht nicht der Ge­pflogenheit dieses Hauses, Angriffe auf Leute zu richten, die sich hier nickt verteidigen können. Ich muff entschieden dagegen Ver­wahrung einlegen. Der Rest der Rede bleibt bei der Unruhe deS Hauses unverständlich. «

Abg. Schickert (kons.): Die Verkürzung der Arbeitszeit bebeufei nichts weiter als Erhöhung ber ArbettslohnquotL. Nun können ja die groffen Industrien einen solchen Aderlaß sehr wohl vertragen. Aber die kleineren betriebe dürften dazu kaum imstande sein. Der Maximalarbeitstag würde also zur Züchtung der Groffbetriebe führen, was den Sozialdemokraten wohl erwünscht wäre, waS aber fein wahrhaft national Gesinnter gut heiffen könnte. Der Herab­setzung der Arbeitszeit steben meine Freunde durchaus nicht ab*< lehnend gegenüber. Aber sie darf nicht verfügt werden ohne Rück- sich auf die Konkurrenzfähigkeit der Industrie, auf die Prosperität der Landwirtschaft Darum müssen einer gesetzgeberischen Aktton eingehende Untersuchungen vorangehen. (Beifall rechts.)

Abg. Kulerski (Pole) tritt für den Maximalarbeitstag ein.

Abg. Dr. Pachnicke (frs. Vg.): Die Forderung eines Maximal­arbeitstages ist burckaus gerechtfertigt. Dem Arbeiter muff Ge­legenheit gegeben werben, sich seiner Familie zu widmen und sich am politischen unb kommunalen Leben zu beteiligen. Ein Grund­irrtum ist es, daß die Arbeiter nur von den Sozialdemokraten etwas zu erwarten haben.

Wir sind keine Manchesterpartei, die alles nur ruhig gehen läßt, wir verlangen vielmehr eine Erstarkung der Arbeiterorgani­sationen, da diese schon von selbst bann eine Regelung der Arbetts­zeit, vielleicht auf dem Wege der Tarifgemeinschaft, herbeiführen werden. ,,, *

Abg. Burckhardt (Wirt. Ver.) meint, baff der Abg. Fischer durch seine maßlosen Angriffe den Arbeitern keinen Dienst erwiesen habe. Bedauerlich fei es auch, daß die Sozialdemokraten immer zwei Stunden redeten, sodaß bie anderen Parteien kaum zu Worte kamen.

Abg. Erzberqcr (Ctr.) weist in längerer Rede die Angriffe des 9(bg. Fischer gegen bas Zentrum zurück. Alles, was Herr Fischer gesagt habe, hätte sckon vor 14 Tagen in berNeuen Zett" ge- stanben. Wenn Herr Fischer also einen Phonographen aus­gestellt hätte, würbe er bem Hause zwei kostbare Stunden er­spart haben. Man könnte hier das Wort Vollmars anwenben Bei so viel Gegacker nur ein solches Windei! (Heiterkeit.) Das Zentrum wolle eine Sozialpolitik, unb deshalb hatte ber Abg. Fischer ihm nicht einen Knüppel zwischen die Beine werfen sollen. Die Behanblung ber Arbeiter m ben 'oüalbemottatttcken Betrieben sei schlechter als bei bürgerlichen Unternehmern. Die Setzer in ber Vorwärtsdruckerei der Herren Singer u Co. Uagten sehr, ber arme Paul Hillmann sei auf die Straffe geworfen, nur um einem andern Platz zu macken. Die Sozialdemokraten redeten so viel über daS Protzentum der Bergwerksbesitzer, sie selbst aber seien nicht um ein Haar besser, wie daS Beispiel ber Herren Singer u. Co. zeige. DaS Zentrum habe sehr wohl ein soziales Programm unb das laute: Die Grunbsätze des Christentums auch auf wirtschaftlichem Gebiete zur Geltung zu bringen. (Beifall im Zentum.) Auf die Rede deS Abg. Lehmann wolle er um so weniger eingehen, als derselbe tvahr- schei'nlick von dem Abg. Frhr. von Heyl noch eines befferen belehrt werden werde.

Hierauf vertagt sich daS Haus auf Mittwoch 1 Uhr- (Toleranzantrag des Zentrums und Initiattvantrage' betreffend Gründung eines ReichsarbeitSamts^

Schluff 7 Uhr.