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9.5.1905 Erstes Blatt
 
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Dienstag S. MaiLSOI

155t Jahrgang

Erstes Blatt

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Gietzener Anzeiger

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Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen

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Berantwortl^ ftbe den polit. und Qjöjiie Teil: P. Wittko: für »Stadt und Land" unfo Gerichtssaal": August Goetz; für den An­zeigenteil: HanS Beck,

Schillers Kulfur-Udeal.

Von Prof. Dr. V7. Kinkel.

Denn was tft das Genie anders, als jene produktive Krait, wodurch Taten entstehen, die vor Gott und in der Natur sich zeigen können, und die eben deswegen Folgen haben und von Dauer sind."

(Nachdruck verboten.) (Goethe z. Eckermann

11. März 1828.)

Wenn wir uns heute anschicken, das Gedächtnis Schillers zu feiern und seinem Genie zu huldigen, wie könnten wir es bester, als indem wir versuchen, uns in seine Gedankenwelt zu versetzen, den Triebfedern und Zielen seiner großen Seele nachsinnend? Das rechte Genie ist fruchtbar, und seine Ge­danken und GeistcSprodukte wirken nach über die Jahr­hunderte. Vor seinen Werken muß das Gezänk der Parteien verstummen, müssen sich die kleinlichen Jnteresten des Tages verbergen; denn sie tragen das Gepräge der Ewigkeit und führen die Menschheit zu dem Punkt, wo das Trennende ver­sinkt, daS Gemeinsame, Verbindende aber lebendig wird und die Herzen sich nähern.

Von keinem gilt dies in so hohem Maße, als von unserem Schiller. Sein Ideal war das der Humanität. In wechselnder Gestalt hat es sich in seiner Seele gemalt von seinen Jünglingsjahren bis in sein reifes Mannesalter und hat ihm noch die Todesstunde verklärt und erleichtert. Er hat die Menschheit allezeit mehr geliebt als sich selbst; Goethe konnte von ihm sagen, die Idee der Freiheit habe ihn ge­tötet, so sehr habe er ihr sein ganzes Sein geopfert (zu Mckermann am 8. Jan. 1827),denn er machte dadurch An­forderungen an seine physische Natur, die für seine Kräfte zu gewaltsam waren." Wir können hier nicht die Entwicklung seines Geistes verfolgen; wie er sich nur mühsam aus den Banden eines -ästhetischen Pantheismus und einer kultur­feindlichen Rousteau-Stimmung befreite, wie er dann in der Schule der Philosophie I. Kants und unter dem bestimmenden Einfluß Goethes, Humboldts und Körners sich zu der Klarheit der Gedanken durchrang, die wir an seinen späteren Schriften bewundern. Wir wollen uns vielmehr hier gleich an diese letzteren halten und, von ihnen ausgehend,, die nähere Be­stimmtheit seines Kultur-Ideals zu begreifen trachten.

In seiner ethisch-ästhetischen Weltauffastung ist Schiller durchaus ein selbstdenkender und selbständiger Schüler Kants. Mehrfach hat er dies ausgesprochen; so z. B. enthalten die Briefe über die ästhetische Erziehung des Menschen folgendes unzweideutige Bekenntnis zu Kant:Zwar will ich Ihnen nicht verleugnen, daß eS größtenteils Kantische Grundsätze sind, aus denen die nachfolgenden Behauptungen ruhen .. / Ueber diejenigen Ideen, welche in dem praktischen Teil deS Kantischen Systems die herrschenden sind, sind nur die Philo­sophen entzweit, aber die Menschen, ich getraue mir, es zu beweisen, von jeher einig gewesen." Kant hatte den Menschen in Fragen der Sittlichkeit auf sich selbst gestellt, d. h. er hatte das Sittliche nicht auf individuelle Willkür, sondern auf die Gesetze der Vernunft begründet. Indem er so die mensch­liche Freiheit als Autonomie, d. h. Selbstgcsetzgebung der Vernunft, erklärte und den Menschen lehrte, sich selbst in der Vernunft wiederzufinden, hatte er das Gewissen seiner und aller Zeit geschärft. Denn nun ging es nicht mehr an, die Verantwortung für Gut und Böse einer fremden Autorität aufzubürden, weder Gott, noch der Natur, sondern der Mensch hatte seine Handlungen selbst zu verantworten und vor der Vernunft zu rechtfertigen. So war die Menschheit in jedem Individuum zum Problem gemacht worden; Mensch sein, das heißt nunmehr: mit den Gesetzen der sittlichen Vernunft über- einstimmen. So wahr aber die Vernunft nur eine ist in der Welt, so wahr ist auch die Menschheit nur eine; und daraus folgt, daß auch daS Sittengesetz nur eines sein kann für alle Menschen, und daß die verschiedenen Erscheinungen der Sitt­lichkeit im Lause der Geschichte nur ebensoviele Stufen in der Entwicklung zu diesem einheitlichen, sittlichen Ideal hin, nur ebensoviele"Bemühungen und Anstrengungen des menschlichen Geistes dieses Ideal zu ergreifen, sein können. So würde jede einzelne Handlung der Individuen, wie der Völker und Staaten zur ganzen Menschheit in Beziehung gesetzt. Die Forderung deS Sittengesetzes verlangt die unbedingte Einheit und Einstimmung aller Willen zu einem; verlangt daß jeder Mensch in jedem Menschen jederzeit die Menschheit ehre. In allem diesen ist Schiller Kants Anhänger und Schüler. ,

ändern er aber die Lehren Kants in ihre Konsequenzen verfolgte, wußte er ihnen namentlich in ihrer^Anwendung auf die allgemeinen Probleme der Kultur und Geschichte eine Fruchtbarkeit und Tragweite zu geben bte bewundernswert ist. Die Entwicklung der Kultur wurde ihm gleichbedeutend mit einer stets fortschreitenden Verwirklichung des sittlichen Ideals. Statt einer Rückkehr zur Statur wie Rousseau pe wollte, lehrte er den Glauben an die Idee und die Vcr- tiefung deS Kultus in diesem Glauben. Von der ^^Wendig­keit der Natur zur Selbstbestimmung durch praktisch-sittliche Vernunft, das ist der stets wiederkehrende Grundgedanke semer

kulturhistorischen Betrachtungen. Der Gruudzug alles echten Idealismus gibt sich hierin kund. Von einem tierischen Zu­stande der Gebundenheit ist der Mensch ausgegangen: die Not und der ihm von der Vorsehung eingepflanzte Trieb waren seine ersten Lehrmeister. In dieser, seiner paradiesi­schen Kindheit ist der Mensch zwar mit der Natur einig und einer gewissen Art Glückseligkeit teilhaftig, weil er selbst noch Natur ist, wie die Pflanze und seine unmündigen Brüder, die Tiere. Aber der Mensch war zu etwas anderem be­stimmt: er sollte die Harmonie seiner Seele zerstören, um sic auf höherer Stufe durch die Freiheit seiner eigenen Vernunft miederzugewinnen. Dies war nur möglich, wenn er sich vom sinnlichen Trieb und seiner Macht emanzipierte. Und so ver­langt es ja auch das Gebot der Sittlichkeit; denn eine Hand­lung, die der Notwendigkeit des blinden Instinktes entspringt, kann nicht eigentlich sittlich heißen; das Gute hat vielmehr die Erkenntnis zur Voraussetzung.Unsere Bestimmung ist, unS Erkenntnisse zu erwerben und aus Erkenntnissen zu handeln. Zu beidem gehört eine Fertigkeit, von dem, was der Geist tut, die Sinne auszuschließen, weil bei allem Er­kennen vom Empfinden und bei allem moralischen Wollen von der Begierde abstrahiert werden muß."

An sich ist aber ein dreifaches Verhältnis zwischen dem sinnlichen Trieb und der Vernunft denkbar. Es kann noch von keiner Sittlichkeit die Rede sein, so lange die Vernunft von der Sinnlichkeit beherrscht und unterdrückt wird. So ist cs bei den Wilden, am Ausgang der Natur; er folgt blind den Eingebungen des Augenblicks und der Stimme seines Instinktes. Die höchste Form der Sittlichkeit wird erreicht setn, wenn sich das Ideal im Menschen rein ausprägt, seine sinnliche Natur gleichsam in die moralische aufgehoben ist. Ein derartiger Zustand aber ist dem Menschen ewig un­erreichbar: an der Reinheit des Sittengesetzes gemessen, wird eines jeden Menschen Schwäche offenbar. Nun ist aber ein dritter Zustand denkbar, wo der Trieb mit der Vernunft harmonisiert, der natürliche mit dem sittlichen Menschen der­art übereinkommt, daß die Begehrungcn des Instinktes und der Sinnlichkeit fein anderes Objekt haben, als das Gebot der Vernunft vorschreibt. Eine Seele, die derart in sich einig wäre, nennt Schiller eine schöne Seele; und in ihr haben wir recht eigentlich sein Kulturideal. Denn freilich ist auch sie ein Ideal und nicht und niemals reine Wirklichkeit. Aber wenigstens anuähern können wir uns diesem Ideal, und wir tun es in unserem Leben so oft, als die Schönheit ihr freund­liches Licht in unsere Herzen wirft. Denn zur schönen Seele wird die Seele im ästhetischen Zustand, im Genuß und im Erzeugen des Schönen. Alles Schöne ist Symbol: Schön­heit ist die Erscheinung der Freiheit in der Sinnlichkeit.

Dies ist aber auch nur möglich, weil der Grund des Schönen im Gefühl liegt. Freilich setzt das Schöne Erkenntnis und Wille, Natur und Sittlichkeit voraus; aber die Kunst unterwirft sie ihren Gesetzen, und dies sind Gesetze des Ge­mütes und des ästhetischen Gefühls. Von den Erzeugnissen der Kunst des Genies werden wir uns der Einheit des Menschengeschlechts unmittelbar fühlend bewußt, jener Ein­heit, die der erkennenden Vernunft eine ferne, unerreichte Aufgabe ist. Ein harmonisches Spiel der Kräfte unseres Gemütes erzeugt den schönen Schein des Kunstwerkes, und in seiner Anschauung sind wir für Augenblicke der Augst des Lebens entrissen.

Von hier aus begreift sich die hohe Stellung, welche Schiller der Kunst und dem Künstler in der Erziehung des Menschengeschlechtes anwies. Offenbar muß die Kunst, im Sinne Schillers, das Mittel sein, dem Menschen die schöne Seele zu schenken, welche, wie wir sehen, eine Voraussetzung der erhabenen, sittlichen Seele ist. Denn so lauge wir das Schöne erzeugend genießen, ist unser Gemüt in sich einig; und so vermag die Gewöhnung des Schönen nicht zwar uns moralisch zu machen, wohl aber uns in einen Zustand zu versetzen, der den Uebergang zum sittlichen Ideal erleichtert, weil in ihm die Notwendigkeit der Natur aufgehoben ist. Die Griechen, als ein im hohen Grade ästhetisches Volk, hatten sich dem Ideal der schönen Seele so weit angenähert, als es bei dem Stande ihres damaligen Wissens und ihrer praktisch sittlichen Einsicht möglich war. Aber es gibt einen Fortschritt auch für uns, noch über die Griechen hinaus: Die vertiefte Einsicht in die Gesetze der Natur und Sittlichkeit machen es uns möglich, unser Ideal höher zu suchen, als jene. Aber wenn so unser Ziel das ihre an Kraft und Würde überragt, so sind wir auch um so weiter davon entfernt; wenigstens, wenn wir nicht auf die Gattung, sondern auf den Einzelnen sehen. Denn nur durch eine Zersplitterung und Isolierung der Geisteskräfte ist es uns gelungen, die Kultur der Griechen zu überbieten: Sinnlichkeit und Ver­nunft, alle Fähigkeiten des Gemütes sind bei uns nicht mehr einig Und werden nicht mehr harmonisch ausgebildet; sondern der Einzelne pflegt seine besondere Beanlagung auf Kosten der Totalität seines Charakters und seines ganzen Menschen­tums. Eine tiefe Kluft hat sich aufgetan zwischen Ständen

und Berufen; wir haben den geistigen Arbeiter auf der einen, den physischen auf der anderen, von denen der erstere nur zu oft die Sorgen und Mühen seines unglücklichen Bruders nicht kennt, während dem zweiten die Schätze des Geistes ewig verborgen bleiben. Mochte diese Zerrissenheit notwendig ein, um den Fortschritt der Gattung zu ermöglichen; sie kann unmöglich das Endziel sein, sondern höchstens eint notwendige Stufe der Entwicklung, die wir zu überwinden bestrebt sein müssen, um in jedem Menschen die Einheit der Menschheit wiederherzustellen.

Schiller ruft hier die Kunst als Retterin an; ob et nicht ihr damit zu viel zngemutet hat, soll heute nicht er­örtert werden. Er hat ja darüber nicht verkannt, daß ein Fortschritt der Erkenntnis und des Willens zu seinem Ziele nötig war; und auch sonst die Konsequenzen au8 dem an ihm ausgestellten Ideal mit Mut und Menschenliebe gezogen. Aus dem Gedanken der Einheit des Menschengeschlechtes folgerte Schiller, daß daS Ziel für die Gattung wie für daS Individuum fein müsse eine gleichmäßige Ausbildung aller einer Fähigkeiten, aber so, daß der Sinn und daS Ziel deS Lebens durchaus in der vernünftigen Natur, dem Geiste und Gemüt des Menschen liege. ES ergibt sich daraus vor allem die soziale Tendenz, daß die Wissenschaft und daS Wissen nicht auf einige Wenige, auf die besitzenden Klassen etwa, eingeschränkt bleiben dürfte, sondern Gemeingut der Menschheit werden muß. Es ergibt sich daraus ferne« die freieste Stellung gegenüber Staat und Kirche. Alles darf dem Besten des Staates zum Opfer gebracht werden", sagt er wörtlich in dem Aufsatz über die Gesetzgebung des Lykurgus und Solon,nur dasjenige nicht, dem der Staat selbst als Mittel dient. Der Staat selbst ist niemals Zweck, er ist nur wichtig als eine Bedingung, unter welcher der Zweck der Menschheit erfüllt werden kann, und dieser Zweck der Menschheit ist fein anderer als Ausbildung aller Kräfte des Menschen, Fortschreitung. Hindert eine Staats- Verfassung, daß alle Kräfte, die im Menschen liegen, sich ent­wickeln ; hindert sie die Fortschrettung des Geistes, so ist sie verwerflich und schädlich ...." Und er stellt als allgemeine Regel der Beurteilung politischer Anstalten auf, ob sie den Kulturfortschritt fördern:Dieses gilt von Religions- wie von politischen Gesetzen; beide sind verwerflich, wenn sie ihm in irgend etwas einen Stillstand auferlegen. Ein Gesetz z. 29., wodurch eine Nation verbunden würde, bei dem Glaubens- schema beständig zu verharren, das ihr in einer gewisser, Periode als das vortrefflichste erschienen ist, ein solches wäre ein Attentat gegen die Menschheit, und keine noch so scheinbare Absicht würde es rechtfertigen können. Es wäre un­mittelbar gegen das höchste Gut, gegen den höchsten Zweck der Gesellschaft gerichtet." Alle dogmatische Engherzigkeit, aller Zank und Streit der Konfessionen waren Schiller ver­haßt, weil er darin nur einen Hemmschuh der Kultur- entwicklung sah; religiöse Toleranz ist ein einfaches Gebot der Sittlichkeit.

Welche Neligiou ich bekenne? Keine von allen

Die du mir nennst. Und warum keine? Aus Religion!

Schiller gründete seinen politischen und religiösen Glauben: auf die Idee der Menschheit. Er hatte erkannt, daß ber wahre Gottesdienst der Menschendienst, d. h. die Arbeit am Fortschritt der Kultur und das freudige und rastlose Sich- mühen im Dienst der Allheit ist. Hier suchte er sein fitt^ liches Selbst, hier hieß er uns unsere Unsterblichkeit suchens Vor dem Tode erschrickst du? Du wünschest unsterblich zu leben? Leb im Ganzen! Wenn du lange dahin bist, es bleibt.

Und:

Immer strebe zum Ganzen, und kannst Du selber kein Ganzes Werden, als dienendes Glied schließ an ein Ganzes dich an.

So war er im besten Sinne des Wortes ein Weltbürgers und er sah hierin den Vorzug der modernen Menschheit vor den Griechen und Römern, die sich nicht über die Schrankes der Nationalität zur Anerkennung der verbindenden Mensch­heit erheben konnten.Griechenland und Rom fonnteit höchstens vortreffliche Römer, vortreffliche Griechen er­zeugen die Nation, auch in ihrer schönsten Epoche, erhob, sich nie zu vortrefflichen Menschen".Keiner von unferen Staaten hat ein römisches Bürgerrecht auszuteilen; dafür aber besitzen wir ein Gut, das, wenn er Römer bleiben wollte,! kein Römer kennen durfte .... wir haben Mensch en- frei h eit." (Ueber Völkerwanderung, Kreuzzüge und Mittel­alter). Aber wer wird unserem Schiller wegen seines Welt-j bürgertumS Mangel an Vaterlandsliebe vorwerfen? Wie ihn in der Geschichte die Epochen am meisten interessierten, welche die Völker im Kampf um ihre politische und religiöse Frei­heit und Selbständigkeit zeigten (Abfall der Niederlande/ 30jährige Krieg usw.), so ist er imWilhelm Tell" recht eigentlich der Sänger der Vaterlandsliebe geworden. Und doch hatte er erkannt, daß es die Einheit der Menschheit ist, welche daS Trennende der Staaten und Nationen überbrücken kann und soll; ja, daß jeder Staat in sich nur soviel Existenz­berechtigung trägt, als er zur Realisierung des sittlichen Ideals beiträgt. Ten törichten Haß der Nationalitäten, der dem