Ausgabe 
7.10.1905 Drittes Blatt
 
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Nr. 23«

General-Anzeiger, Amts- und Anzeigeblatt für den Ureis Gießen.

Redaktion, Expedition u. Druckerei: Schulstr.T. Tel. Nr. 51. Lelegr^Adr. t Anzeiger Gieß«.

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Rotationsdruck und Verlag der vrühllche»

UniverfttätSdruckeret. R. Sang«, Äietze»

Orlcheinl MßNch mit Au Sv ahme des Sonntags.

Di«etefttutt KamMenblStter- werden dem .Anzeiger viermal wöchentlich betgelegt. Der Ehelfilch« Canöwlrt* erscheint monatlich ctnmaL

sie sprechen von einem Schrilt weiter auf der schiefen Bahn zum Sozialismus u. der gl. Die anderen behandeln die Cache als eine rein soziale oder gar nur pädagogische Zweck- mäßigkeitssrage. lieber die erwähnten prinzipiellen Be­denken kommt man gewiß leichter hinweg, wenn man die Durchführung auch dieser Cache einer Vereinigung oder Gesellschaft mit städtischer Unterstüßung überläßt. Für alle Fälle aber wäre vielleicht eine taktvolle und diskrete Um­frage durch die Lehrer, wleviele Kinder denn ohne Früh­stück bezw. warmes Morgengetränk im Winter in die Volks­schule gehen müssen, angebracht. Das Ergebnis wird oft so aussehen, daß es irgend eine praktische Folge zeitigt.

Erinnern wir zum Schluß daran, daß auch für die Tiere seitens der Gememdeleitung etwas gegen die Witterungsunbill geschehen kann, daß die Gemeinde alles,was sie für gesundheitlichen und sozialen Schutz ihrer An­gestellten und unbemittelten Einwohner, sowie der Jugend ausgibt, an Pensionen, Kranken- und Armengeldern, in gewissen Fällen auch an Volizeikosten wieder spart.

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Eisenbahn-Zeitung.

Ems, 5. Oft. Der deutsche Bäderverband wählte an Stelle des Generalsekretärs Tr. Schütz-Kosen Hofrat Röchlin- Misdroy. Ter preußische Eisenbahmninister soll um eine Ver­tretung der Kurorte in den Landeseisenbahnräten ersucht werden. Gleichzeitig tritt der Verband für eine Tarifresorm mit Freigepäck unter Beseitigung des Schnellzug s- z u s ch l a g s ein.

Die sechste Tagung de? deutschen Mietervereinsverbandes fand jüngst in Kassel statt. In der ersten Sitzung sprach Pfarrer a. D. Dr. Frdr. Naumann überDie Wohnungs­not unserer Zeit".

Ob es eine Wohnungsnot gibt, so etwa begann bet Vor­tragende, scheint keine ausgemachte -L>ache. Die Hausbesitzer- Vereine sagen: es gibt keine, die Mietervereine dagegen behaupten,

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Die skandalösen Vorgänge im amerikanischen Versicherungswesen beginnen eine sensationelle Wendung zu nehmen. Ein Kabel­telegramm ans Newyork berichtet dem ,,Berl. Tagebl.":

Größtes Auffehen rief im heutigen Verhör des Versicherungs» ausschusses Mc. Call hervor, indem er die Erpressnngsi Methoden der Politiker eingehend schilderte. Die meisten an­geblichen Verbesserringen alter Gesetze im Versicherungswesen ober drei Viertel der neuen Gesetzvorlagen zieltdn lediglich 'auf Er­pressung ab. Wenn die Legislatur zusammen tritt, zittern irdes- mal die Direktoren aller Kvrnpagnien, denn Riesensummen sind erforderlich, nm genug Opponenten anzuwerben, die die Erpressungsgesetze totreden. Die Beamten der Kompagnien sollten eidlich aussagen müssen, wieviel jedesmal gezahlt werden mußte. Nur auf diese Weise werde die gerügte Erpressungsmethode all­mählich verschwinden.

VernU-ch-e».

'Paris, 5. Oktober. Der amerikanische Gelehrte Timmer» man aus Syrakuse, der nach fünfjährigen Ausgrabungsar­beiten in Egypten bedeutende Schätze an Medaillen unb; Münzen gefunden hat, die auf 2 Millionen Francs Wert veranschlag worden sind, ist in einem hiesigen Hotel abgestiegen, wo auch sein Koffer mit den ausgegrabenen Münzen untergebracht worden war. (Gestern nun wurde der Koffer durch einen unbekannten Dieb er­brochen und seines Inhaltes beraubt. Die Untersuchung führte zu einer Entdeckung einiger Münzen in dem Zimmer eines Engländers, welcher vollständig betrunken war und fest schlief. Dieser wurde sofort verhastet.

leistet

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mit dem Kreuzstcrn

der Hausfrau unschätzbare Dienste, um auf billige Art gute,

schmackhafte Gerichte zu bereiten. (Krenzstern)

Zu haben in Fläschchen von 35 Pfg. an, nachgesüllt 25 Pfg.

H blonb, Sermög. 200 000 4 m,w.a.o.Dem ledmakell. Ang.iuMKttlnipch»j1S. sl%_____________.

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für Kinder, Kranke,Genesende. Verhütet

u.beseitigt«Diarrhoe, Brechdurchfall, Darmkatarrh.

in deT Entwicklnng oder NipsLir E sS®cS ti# «t 8 H H Ä B ö beim Lernen zurückbleibende Kinder, sowie blutarme, sich matt fühlende und nervöse überarbeitete, leicht erregbare Erwachsene jeden Alters gebrauchen als Kräftigungs-Mittel mit grossem Erfolg Dgi HOMMEEs Haematogen,

Der Appetit erwacht, die geistigen und kör­perlichen Kräfte werden rasch gehoben, das Ge­samt-Nervensystem gestärkt.

Man verlange jedoch ausdrücklich das echteDr. Hom- mels Haematogen und lasse sich keine der vielen Nach­ahmungen aufreden. c/T

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daß sie vorhanden sei. Es scheint sich mit der Wohnungsnot ähnlich zu verhalten wie mit der Fleischnot. Daß das Fleisch^ fehle, ist nickt zu sagen. Es fehlt nur Etlichen, dieser Etlichen aber sind sehr Viele. Aehnlich ists mit der Wohnungsnot. Es gibt viele leerstehende Wohnungen, es gibt viele neue Häuser. Und es gibt viele Leute, denen es nötig wäre, nur ein Zimmer mehr zu haben. Sie können aber trotz den leerstehenden Wohnungen dieses eine Zimmer nicht bekommen. Und diese Knappheit ist es, die man Wohnungsnot nennt. Um ihr zu steuern, müssen Mietervereine und Dodenreformer auf der Forderung be­harren, daß die Stadt Terrain erwerbe. Wenn das! Terrain auch heute noch keine nützliche Anwendung findet, kann es doch in zehn oder zwanzig Jahren geschehen. Die Leute werden dann verständiger sein. Der Preissteigerung könnten wohl auch Genossenschaften entgegenwirken. Ich träume nicht von einer Reform durch die Genossenschaften. Doch darf man die .Hände nicht ruhen lassen. Die Gewersschaftsgedanken haben auch 23 Jahre gebraucht, um allgemein die Massen zu erfassen. Aehnlich wirds mit den Wohnungsgenossenschaften gehen. Sie werden ihre Zeit brauchen, werden auch Schiffbruche erleiden müssen, bis sie das Volk umfassen. Ohne Weckung des^genossen­schaftlichen Gedankens ist nichts zu erreichen. Eine spätere Zeit wird zeigen, ob ein Mieter streik möglich'wäre. Man hat früher auch den Lohnstrcik für unmöglich gehalten. Einen Mieter­streik denkt heute noch nieinnnb in ähnlicher Weise durch. Man stelle sich vor, daß eine sozialdemokratische Organisation unter Innehaltung der Kündigungsfrist die Wohnung zum 1. Oktober kündigte, wenn nicht eine fünfprozentige Reduktion der Miete gewährt werde. Versuchen wir, uns die Folgen auszudenken. Unbedingt würde ein Druck aus den Markt ausgeübt. Es wäre dann genau dasselbe, als wenn die Hausbesitzer bestimmter Stra­ßenzüge mit allgemeiner Aussperrung drohten, falls nickt soviel Miete mehr bezahlt wird. Wenn das dem Hausbesitzer freifbeht, muß logischerweise auch eine Gegenaktion der Mieter denkbar sein. Diese Gegenaktion müßte nur systematisch 'durchgeführt werden.

Winterliche Sozialpolitik.

Tie taube Jahreszeit verschärft mancherlei Nöte, die ständig der lindernden Hand harren. Der Eintritt der Kälte trifft 'die minder bemittelten Volksschichten zweifach bart: Er vermehrt nicht nur ihre Ausgaben für Heizung und Kleidung, er vermindert auch gleichzeitig die Erwerbsge- legenhei't, indem er viele Arbeiten im Freien, auf Bauten re. jählings unterbricht. Da ist es Sache Derer, die über das öffentliche Wohl zu wachen bereit und berufen sind, der erhöhten Not mit vermehrter Hilfe zu begegnen.

Auch die Gemeinde als solche kann sich an dieser Auf­gabe innerhalb eines recht weiten Gebietes beteiligen. Und jetzt, wo uns wieder der Winter bevorsteht, wird es an der Zeit sein, ein wenig den Blick auf diese Saisonpflicht zu lenken.

Besonderen Anspruch aut Schutz vor winterlicher Un­bill bet Ausübung ihrer Berufspflicht haben die Beamten und Arbeiter des Außendienstes, wie die Boten, die Polizei­beamten. die Kanalisations- und Straßen arbeiter nnb -Auf­seher. Warme Dienststiefel, -Handschuhe, -Mäntel und -Mützen, Regenmäntel können manchen von ihnen, der sonst frühzeitig die Pensions-, Kranken- oder Armenkasse der Ge­meinde belasten würde, gesund und lange arbeitsfähig er­halten. In geeigneten Fällen wird auch auf rechtzeitige Ablösung vom Außendienst zu achten fein. Noch andere kleine Erleichterungen, wie ein warmer, überdachter Raum für Arbeitspausen, für die Frühstücks- und Mittagszeit wer­den von den Leuten als eine große Wohltat empfunden. Solche Räume sind freilich nicht immer noch im Winter selbst sofort zu beschaffen, deshalb ist cs gut, schon in diesen Wochen an solche Dinge zu denken.

Manches von dem, was für die eigenen Angestellten der Gemeinde geschehen kann, sollte und kann auch für sonstige Angehörige der Gemeinde geschehen. Mit ganz ge­ringem Aufwande läßt sich z. B. eine bloße Wärmehalle beschaffen. Ein paar zum städtischen Dienst zurzeit nicht oder nicht mehr verwendete Räume genügen nötigenfalls. Sie lassen sich durch geeignete Dispositionen vielleicht auch ohne Kosten erübrigen, wenn man schon jetzt daran denkt. Tie Heizung und die Aufficht erfordert nur geringe Mittel, die man noch dadurch vermindern kann, daß die Halle eventuell nur bei merklicher Kälte geöffnet wird. Sehr wohl­tätig aber wirkt es, die Halle dann noch mit anderen Leistungen zu verknüpfen, wie etwa mit der Gewährung einfacher, aber nahrhafter warmer Kost ober nur Getränke gegen sehr mäßige Bezahlung. Hiergegen werden natürlich freilich, wenn man gewisse enge Grenzen überschreitet, sofort die Gastwirte Einspruch erheben.

Ein Komitee, das sich alljährlich mit dem Mahnwort: Gedenket der frierenden Menschen! an das Publikum um Unterstützung wendet, hat in Berlin die Sache in die Hand genommen. Die Hallen in den Stadtbahnbogen 97100 bieten hinreichenden Raum für alle Schutz gegen Kälte suchenden Männer. Es wird dort ein Napf nahrhafter Suppe für 5 Pfg., mit Schwarzbrot für 7 Pfg., eine Tasse Kaffee oder Milch und eine gestrichene Stulle für je 4 Pfg. ver­abreicht. Marken hierfiir für 5 und 2 Pfg. sind in der Wärmehalle käuflich. Besondere Wünsche wegen Verteilung von Marken finden sorgfältige Erledigung. Außerdem wer­den mehrere Tausend Portionen Suppen usw. unentgeltlich verabfolgt. Gebrauchte Schuhe und Kleidungsstücke werden in den 'Stadtbahnbögen 97100 am Alexander platz ent­gegengenommen und auf Wunsch auch abgeholt.

Tie Wärmehalle, die tür Unterschlupf bei Tage sorgt, ließe sich auch mit einem Asyl verbinden, das über Nacht Unterkunft gewährt. Dazu gehört freilich eine sorgsamere Vorbereitung von langer Hand her. Hier gäbe ein Verein Mit Erfolg das vermittelnde und ausführende Organ ab.

Viel lieber als Ali., fen ist den wertvollsten Elementen unter den Arbeitslosen Arbeitsgelegenheit. Eine Gemeinde, die in dieser nicht bedrückenden Form Wohltätigkeit an den Aermsten üben kann, sollte es ernstlich versuchen. Zwar führt man gegen Notstandsarbeiten die Erfahrungen an, Die in einigen Großstädten gemacht worden sein sollen. Da soll sich nur ein nicht allzu großer Teil derjenigen, die kurz vorher wegen Arbeitslosigkeit demonstriert hatten, zur Arbeit eingefunden haben, und die Zahl der Arbeitenden soll von Tag zu Tag wieder zusammengeschmolzen sein. Aber der Grund und der ganze Zusammeuhc /g ist wohl noch nicht so recht aufgeklärt, jedenfalls nicht < .rmaßen, daß man auf diese Vermutung hin, daß Ungerechte darunter feien, auch die Gerechten alle verwerfen kann. Wer beide gesondert behandeln will, muß gerade die Form der Not­standsarbeit wählen, denn davon haben, im Gegensatz zur offenen und unbedingten Wohltätigkeit, ja nur die Würdigen, die wirklich Arbeitsamen Nutzen. Der Magistrat zu Frankfurt a. M. lud bekanntlich vor Jähr und Tag die benachbarten Städte zu einer gemeinsamen Erörterung der frage der Beschäftigung von Arbeitslosen im Winter ein. Gegenstand der Konferenz sollte die im letzten Winter damit gemachten Erfahrungen und die sich für den nächsten Winter daraus ergebenden Folgen sein. Durch eine solche Erörter­ung, wenngleich sie ursprünglich wohl positive Zwecke ver­folgte, wird man davor bewahrt, Einzelbeobachtungen un­gerecht zu verallgemeinern.

Läßt sich so mancherlei tun, das Los der Erwachsenen unter den Armen im Winter zu erleichtern, so kann für die Jugend doch auch immerhin wenigstens einiges ge­schehen. Man hat vorgeschlagen, den Schulkindern der Volks­schule int Winter des Morgens eine warme Suppe zu ver­abfolgen oder bereit zu halten, da der Unterricht seinen Mert verliere, wenn die Kleinen, in zahlreichen Fällen ohne Frühstück aus dem Hause geschickt, hungrig und durchfroren besitzen müßten. Und man hat das auch hier und da durch­geführt. Die einen haben dagegen freilich große Bedenken,

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sd. Darmstadt, 5. Oktober. Sechs Wochen Haft wegen Tierquälerei erhielt von dem Schöffengericht der Schuhmacher Heinrich A b t aus Vilbel. Er saß an einem Mai­abend ds. Js. in einer Wirtschaft in der Nieder-Ramstädterstraße in Darmstadt mit seinen drei Brüdern bei einem Zechgelage. Draußen stand das Fuhrwerk eines Milchmannes. Abt gmg hinaus, drehte die Bremse des Wagens völlig zu und schlug auf das Pferd ein, bis dieses sich in schnellstem Tempo in Bewegung setzte und unter den fortgesetzten Mißhandlungen des Angeklagten bis ans Böllenfallthor jagte. Tas Pferd stürzte wiederholt unterwegs, aber immer wieder trieb es Abt mit Peitsche und Stock an. Der An­geklagte leugnete, und es es waren 20 Zeugen nötig, um ihn zu überführen. Er erhielt eine Haftstrafe von 42 Tagen und muß die Kosten des Verfahrens tragen.

Frankfurt a. M., 5. Oft. Gestern v erurteilte das Schöffengericht in Bergen den Redakteur Listow sky von der Kleinen Presse" wegen Beleidigung des Fabrikdirektors Hof­mann in Fechenheim zu drei Monaten Gefängnis. Die Beleidigung war begangen in verschiedenen Artikeln, in denen Listowsky die Ausübung des Jagdrechts durch Hofmann kritisiert hatte. Hofmann hatte eines Abends den im Felde herumlaufenden Hund des Listowsky getötet.

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KolttMe Tagesschau.

In der Wilhelmstraße.

R. Berlin, 5. Okt.

Die Wilhelmstraße in Berlin hat die längste Zeit ihre beschauliche Stille gehabt, die sie während der Monate er­füllt, da die Chefs der Reichsämter auf Urlaub weilen. Tann sieht man nachmittags, wenn die Bureaus geschlossen werden, die Beamten mit ebrfurchtgebietenden Mienen den Heimweg durch die sonnendes ksienene Straße antreten. Ohne ungeziemende Eile, wie es sich für Herren schickt, die am grünen Tisch sitzen undzur Regierung gehören". Auch die jüngeren Beamten, mit ihren tadellosen Zylinderhüten, hohen Kragen und blendend weißen Binden sind durch­drungen von dem Bewußtsein ihrer Stellung und mäßigen ihr natürliches Temperament. Jetzt in den rauhen Herbst­tagen wird schon weniger Würde entfaltet; die Arbeit, die für den Bundesrat und den Reichstag getan werden muß, hat sich beträchtlich gehäuft, Entwürfe müssen zu einem bestimmten Termin unter allen Umständen fertig werden, die Abteilungsvorsteher mahnen, der aus dem Urlaub mit neuem Tatendurst zurückgekehrte Chef drängt ungeduldig, die Boten mit den dicken, geheimnisvollen Mappen voll amtlicher Schriftstücke sind immer unterwegs Leben und Bewegung kommt in die Bureaus, und etwas wie Leben erfüllt auch die Wilhelmstraße.

Nicht lange, und man wird bekannte Männer aus dem Parlament hier auftauchen sehen, Führer vonOrdnungs­parteien", entweder auf einem kleinen Informationsbesuch begriffen in einem der Reichsämter, oder einer liebens­würdigen Einladung zur Besprechung folgend, einer Be­sprechung ,die den Zweck hat, die Verständigung auf der berühmten mittleren Linie an zub atmen. Alle Würde eines Geheimen oder Wirkl. Geh. Rats, die in der Wilhelmstraße in Erscheinung treten kann, ist nichts gegen die stolze Haltung, die ein solcher zur intimen Konferenz, beispielsweise beim Reichskanzler, gebetener Parlamentarier ausprägt. Er hält das Schicksal eines Entwurfs in seiner Hand, er trägt Krieg oder Frieden mit der Regierung in den Falten seines Mantels. JU den früheren Jahren, im alten Reichstag, wurden im Foyer die Geschäfte besprochen. In irgend einer gemütlichen Ecke, abseits von den plau­dernden Gruppen, saßen der Vertreter der Regierung und der Vertreter der einflußreichen Partei zusammen und be­rieten, wie wohl die Schwierigkeiten, die sich einem Ent­wurf entgegenstellten, zu überwinden sein möchten. Jtetzt werden dergleichen Erörterungen verborgener geführt, mit größerer Diskretion umhüllt. Der Schauplatz ist nicht mehr das Reichstagsgebäude, dem es an Intimität fehlt und in dessen durch ihre Akustit ausgezeichneten Wandelhalle vertrauliche Worte leicht belauscht werden könnten, sondern den Schauplatz bilden die Reichsämter, oder meistens, da Fürst Bülow die schweren Operationen sich persönlich vorbehält, die Gemächer des Kanzlers. Der alte Miguel hatte das System vertraulicher Konferenzen mit Partei­häuptlingen zu einem hohen Grad von Vollkontmenheit aus­gebildet: fast immer hatte Miguel parlamentarischen Besuch. Aber die zu Miguel hingingen, waren einigermaßen auf der Hut vor demschlauen Fuchs", und darum hatte der Minister zunächst diese Zurückhaltung zu überwinden. Zum dürften Bülow pilgern die Parlamentarier beruhigten Herzens, weil sie sich sicher fühlen vor den überraschenden und mitunter listigen taktischen Wendungen, die Miguel ausführte, wenn er damit ferne politischen Ziele zu fördern glaubte.

In der kommenden parlamentarischen Saison wird man besonders die leitenden Männer des Zentrums in der Wilhelmstraße erblicken. Tie neuen Steuerpläne sind ohne das Zentrum nicht durchzusetzen. Zwar verschwören sich Zentrumsabgeordnete tn Reden an die Wähler gegen jede Steuer auf Gegenstände des Massenverbrauchs, aber schließlich begnügt man sieh, dieschwachen Schultern zu schonen", sie scheinbar etwas weniger zu belasten. Die For­mel dafür und es kommt in der Politik sehr viel auf eine geschickte Formel an wird nicht am Königsplatz im Reichstagspalast, sondern in der Wilhelmstraße gefunden werden.

Drittes Blatt. 155. Jahrgang Samstag 7. Oktober 1905

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