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Erste« Blatt. 155. Jahrgang
Samstag 6. Mai 1805
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Amk- md Anzetzeblatt für den Kreis Gießen
Schiller
Iie Schisserfeier zu Kießeu. L
Gießen, 6. Mai 1905.
^An der Weser und Elbe, der Oder und Spree, an der m r . in Litauens Fluren,
Dre der Pregel durchschlängelt, die Menzel durchwallt, m m ^lbst nn seengeschmückten Masuren, Bon den Gauen am Rhem bis zum Donaustrcmd, von OT . . . „den bernischen Alpen zum Belte,
Bon den somngen Ufern der Adria bis hinaus, wo die m . nordische Kälte
»>toch her m den Mar mit gefrorener See den Strand der —. .. „ Düna verriegelt,
Wo die Newa, befreit vier Monate kaum, die vergoldete
Zarenstadt spiegelt" — überall gedenkt man in diesen Tagen des Todestages Schillers. Dem großen Nationalpoeten zunr Gedächtnis veranstaltet man allenthalben ernste, würdige Feierlichkeiten. Wir gedenken seiner als eines Unsterblichen. Der Tod hat den Dichterfürsten nicht besiegt, sondern der Dichterfürst hat den Tod überwunden mit einer Stärke, wie sie wenigen Erdenkindern, wie sie nur den Auserlesensten zu teil wird.
Ueber die Gesamtindividualität Schillers und sein Kunstschaffen, aus dem seine intimen Charakterzüge wunderbar .rückstrahlen, hat eine Reihe berufener deutscher Männer das Volk, in dem er geboren ward, soweit es Bildungsbedürfnis besitzt, in abschließender Weise aufgeklärt und unterrichtet. Die Stufenfolge seiner menschlichen und dichterischen Entwickelung ist dem Volke der Dichter und Denker häufig tief und klar in Herz und Hirn eingeprägt worden. Seit einigen Jahren spricht man wieder von einer Schiller-Renaissance. Freilich, viele, und wahrlich nicht die schlechtesten unter uns, haben immer in treuem Lieben zu ihm gehalten, und haben sich dieses Lieben durch die Jahre der extrem naturalistischen künstlerischen Strömung wahrlich nicht schwächen, sondern vielmehr stärken lassen. Schiller nicht lieben, und ihn oder mehr noch sich selbst verkennen, ist im letzten Jahrhundert für Tausende ein und dasselbe gewesen. Denn es besteht, mögen viele das auch leugnen, eine tief innere Verbindung zwischen ihm und seinem Volke. Nur aus dem deutschen Volke konnte ein Dichter hervorgehen, in deffen Herzen ein so unvergleichlicher Glutkern brannte, den man gemeiniglich als „Idealismus" bezeichnet. Doch es ist ein übel Ding um unsere Wortsprache. Dieses Wort regt in verschiedenen Köpfen ganz verschiedene Gedankenreihen an. Viele, und gerade sehr maßgebende Personen brauchen dieses heilige Wort als Schlagwort für alte, abgelebte, charakterlos nachäffende Schönfärberei, an der sie ihre bedauernswerte Freude haben. Davon ist Schillers Kunst und Schillers Leben sternenweii geschieden. Von reinstem Deutschtum, wie Luther, der Vorkämpfer für Glaubensfreiheit, und wie Scharnhorst, der Streiter für Volksheer und Gleichheit der Stände, die beide auch Söhne des 10. November sind, ist Schillers Idealismus. Mit jenem Grade jauchzenden Freimuts, der ihn von der Klaffe niederer Menschen für ewig trennt, trägt er, der Ueber- winder de§ Erdenlebens, uns mit starkem Arm hinaus aus unserer Alltagswelt über schwindlichste Tiefen in eine lautere, schöne Welt erhabenster Gedanken, in der wir von aller peinlichen und kleinlichen Sorge um unser leibliches Wohl enthoben sind, und baut sich und uns das wundervolle Lustschloß innerer Freiheit. Freilich stellt sich dem von ihm aufs schönste gelösten Problem, auf welche Weise die ästhetische Geistesfreiheit behauptet werden könne, das Problem des Schicksals im Denken des Dichters zur Seite, und er erhebt die furchtbare Anklage gegen das Schicksal:
„Ohne Wahl verteilt die Gaben, Ohne Billigkeit das Glück."
Er findet: »Nicht dem Guten gehöret die Erde", und sieht, daß „die Elemente hassen das Gebild der Menschenhand". Wenn er das Ideal und das Leben so oft gegenüberstellt, so zeigt sich hierin geradezu eine Art Pessimismus, ein Pessimismus freilich, der mehr ein enttäuschter Optimismus war als eine tiefwurzelnde Verneinung. Er kommt zu dem Ergebnis, daß das Schicksal eine überragende Macht ist, deren letztes Rätsel wir niemals ergründen; aber der Mensch, der ihr physisch unterliegt, vermag sie geistig zu überwinden. In diesem Sinne ist das Wort zu verstehen, daß den Menschen das gigantische Schicksal erhebt, wenn es den Menschen zermalmt. Zu der Einsicht Goethe's (vergl. dessen Brief an Schiller vom 26. April 1797), daß das Schicksal die entscheidende Natur des Menschen ist, die ihn blind da oder dorthin führt, ist Schiller nicht gelangt.
Wir leben heute wieder, wie gesagt, in einer Zeit der Schiller-Renaissance. Die Flut des Naturalismus in den Künsten ebbt mehr und mehr ab. Es sind wieder einmal Neueste gekommen, die uns auf einen hohen Berg führen wollen, um uns die Schönheiten des Lebens in erhabenen Symbolen zu zeigen, die über den Niederungen der Wirklichkeit eine sog. Höhenkunst errichten wollen. Diese neuesten Wortführer, deren hohes Vorwärtsstreben gut und allseitiger Unterstützung wert ist, führen freilich heute nur eben mehr das Wort und noch
nicht durchaus ihre Generation. Der Naturalismus ist von unserer Jugend noch nicht ganz überwunden, aber mit dem kleinen Realismus in der deutschen Kunst geht es zu Ende. Den Hauch des Jungen, Jugendfrischen, Frühlingshaften, das einst über manche Mängel hinwegtröstete, hat der Realismus nachgerade längst verloren, und ihre Wortführer sind älter und reifer, ihrer Schwächen bewußt geworden. Nietzsche nannte Schiller einen „Moraltrompeter", und Otto Erich Hartleben, der früh Verstorbene, konnte vor einigen Jahren Schiller noch abtun mit dem absurd geringschätzigen Worte „Limonade". Beide fanden dafür auch ein Häuflein Gläubige. Seit Jahr und Tag blamiert sich niemand mehr mit solchem Worte. Uns ist Schiller ein heiliger Mann. Wir treten feuertrunfen dieses himmelhohen Mannes heiligem Vermächtnis gegenüber, und wers nie gekonnt, der stehle weinend sich aus diesem Bund. Der Besitz des großen Erbes aus dem Schatz des Dichters läßt uns nicht nur freudig und stolz zurückschauen auf vergangene Größe, deren Abendröte wir den still verklärenden Zug nicht rauben mögen, sondern die heutige rechte und gerechte Würdigung eben dieser litterarischen Schätze gewährleistet uns auch für die Zukunft die günstige Weiterentwickelung des ganzen Geisteslebens der deutschen Nation.
Daß lebendiges Leben noch immer in den Bühnenwerken Schillers pulsiert und daß sie bis heute nicht abzulösen sind von ihrer Mission, auch nicht durch die bedeutendsten Werke unserer, von der Gedankenblässe einer kleineren freiheitskampflosen Zeit angekränkelten heutigen Dramatiker, die sich vergeblich bemühen, der unklaren Uebergangsepoche sich zu entringen, bewies der heutige Abend. Wir alle, Jung und Alt, die wir zur Heiligung der Schillerschen Muse uns gestern einfanden, um das Gedächtnis eines der Allergrößten unseres Volkes zu feiern, wir alle fühlten uns „eines Herzens" in diesem „hohen ästhetischen Falle", um ein treffendes GoethescheS Wort zu gebrauchen.
„Leben athme die bildende Kunst, Geist fordre ich vom Dichter; aber die Seele spricht nur Polyhymnia aus." Dieses zweizeilige Bekenntnis aus dem Nachtrage der Genien ist eine der wenigen direkten Aeußerungen des Dichters über die Musik. Er war der hellsehende Vorahner und Wegweiser zu dem von Richard Wagner freilich in veränderter Form erstrebten Gesamtkunstwerk.
Von namhaften Literaten wurde vor kurzem die Meinung kundgetan, daß es zweckmäßig und gut sei, die Musik bei den Schillerfeiern möglichst zurückzudrängen, um die eigentliche Bedeutung, das eigentliche Wesen der Schillerschen Kunst dadurch mehr in den Vordergrund treten zu lassen. Diese Herren mögen nicht von unrichtigen Erwägungen ausgegangen sein. Die große Mehrzahl der vertonten Schillerdichtungen ist in der Tat nichts weniger als geeignet, eine entsprechende Folie für die weihevolle Würdigung unseres großen nationalen Dichters abzugeben. Unsere großen Tondichter fanden für ihre Zwecke nur verhältnismäßig geringe Ausbeute unter den Dichtungen Schillers.
Wenn wir die komponierten Texte und symphonischen Werke, denen eine Schillersche Dichtung zum Vorwurf dient, überschauen, so ist an der Spitze natürlich die uns für morgen mit ihrem wundervollen Schlußsätze in Aussicht stehende Beet- hovensche neunte Symphonie zu nennen, der in dem hohen Liede „An die Freude" gipfelt. Es ist wohl als feststehend zu betrachten, daß der gewaltige Freudenhymnus nicht zufällig in diese titanische Symphonie hineingekommen ist. Sicherlich ist das Schillersche Gedicht für die Gestaltung des ganzen Werkes von wesentlicher Bedeutung gewesen. Die Dichtung als Abschluß des Werkes bedingte die Fassung der vorhergehenden Teile, sie war für Beethoven der leitende Gedanke beim Schaffen dieser gewaltigsten symphonischen Schöpfung vielleicht aller Zeiten.
Was sonst weiteren Kreisen von musikalischen Anregungen Schillers bekannt ist, Tonwerke Schuberts, Liszts, Bruchs, Rossinis Oper „Tell" 2C„ stehen ebenso Beethoven wie Schiller unendlich nach. So gestaltete sich denn auch der Anfang des gestrigen Abends mit Meyerbeers Schillermarsch, gespielt von der am ganzen Abend eifrig tätigen Negimentskapelle, namentlich bei der Unruhe in dem erst allmählich sich voll besetzenden Haus, etwas nüchtern. Es folgte ein „Fe st spiel zur Erinnerung an die erste Ausführung von Wilhelm Teil am 17. März 1804 in Weimar" von Alexander Otto. Schiller und fein wackeres Weib sind in ihrer engen Stube zu Weimar beisammen. In tiefe Gedanken verloren sitzt er da, während sie ihn in die Gegenwart zu führen sich bemüht. Da erzählt er ihr von einer Vision, die ihn lehrte, daß er fein Meisterstück vollendet habe und daß seine dichterische Laufbahn abgeschlossen sei. Und als sie n,un für seine Gesundheit zu befürchten beginnt, da beruhigt er sie mit flammenden Versicherungsworten, daß er sich nie wohler und freier als jetzt gefühlt habe. Indem erhebt sich draußen auf der Straße freudevolles Stimmengewirr und ein Jüngling, Heinrich Voß, stürmt ins Zimmer, um in überquellender Begeisterung dem
Dichter zu Füßen zu fallen und ihm zu danken für seinen Tekk, der nicht allein Weimar, sondern die Welt begeistern werde^ Das kleine Stück führt eine gehobene, feierlich tönende Sprache und erfüllt vollauf feinen Zweck der Heiligung Schillerst Eine in Einzelheiten mehrfach wagnerisch anmutende brillant instrumentierte Festouverture des Dessauer Hofkapellmeisters Klughardt leitete sodann zu der Rütli-Szene des „Tell" über, den man in diesen Tagen nicht nur unter freiem Himmel auf dem trotzigen Felskopf öon Nossa Donna (in dem italienisch sprechenden bündnerischen Erdenwinkel),' sondern sogar in Japans Hauptstadt zur Huldigung des deutschen Dichters aufgeführt hat. Historische Marsche bildeten schließlich den Uebergang zum Finale des Abends, „Wallensteins Lager", dem der Prolog leider nicht vorausging, der unter allen Theaterreden wohl die höchste Stelle entnimmt, und, verständig gekürzt, eine gewaltige Wirkung zweifellos erzielt hätte.
Mächtig und nachhaltig war der Eindruck der dreiAkte, und er ist um so höher zu veranschlagen, als man auf unserer kleinen Bühne wahrlich weder durch glänzende Ausstattung noch mH Bühnenkünstlern ersten Ranges imponieren konnte. Wie Schiller selber, so brauchten auch wir gestern in Bezug auf dekorative Kunst sehr die Illusion, die anregende Mitarbeit der durch die Dichttmgen befruchteten Phantasie. Aber eh stand bezüglich deS „lebenden Materials für unsere Festvorstellung mehr zu Gebot, als in den meisten anderen deutschen Städten von der Größe Gießens. Die Vertiefung der Einwirkung, die diese Gießener Schiller- Zentenarfeier auf die Zuschauer ausübte, wurde in erster Linie bewirkt und gefördert durch den Enthusiasmus der Darsteller. Waren diese doch sämtlich Gießener Musensöhne, unterstützt durch die tatkräftige und umsichtige Leitung des Herrn Direktor Stein go et ter und dreier Damech des Frl. Irene Schädel, die vor wenigen Jahren Mitglied des durch Schiller und Goethe für alle Zeiten geheiligte» Weimarischen Hostheaters war, und der in den kleine» Damenrollen des „Lagers" willig tätigen Damen Fischer und Seesemann von unserem Stadttheater. Frl. Schädel gab in dem Otto'schen Festspiele als Schillers liebe Lotte echte Bühnenkunst Weimars, die in dem treuen Festhatten und Fortbauen der von unserem großen Dioskurenpaare so hoch geschätzten Corona Schröter'schen Kunst ihre ideale Mission erblickt. Wenn auch Lotte v. Lengefeld die schönlinigen Bewegungen, das große Pathos deS Frl. Schädel nicht hattet die klingenden Verse des Festspieles samt seiner ganze« Stimmung vertrugen, nein, verlangten beides, so daß man von einem schönen darstellerischen Erfolge des Frl. Schädev reden darf.
Und wie hatten sich die mimenden Musensöhne begeistert für den herrlichen Ausdruck fteiheitlicher und nationaler Bewegung, die aus den Schiller'schen Szenen spricht, und für den warmherzigen Weihrauch, der aus dem Otto'schen Spiels duftet! Wie leuchtete der Dank dafür hervor, statt Zuschauern selber Darsteller zu fein. Und sie alle standen gewissermaßen unter Goethe'fchec Regie, die bei der theatralischen Verlebendigung einer Dichtung in erster Linie deren Absichten in erschöpfender Kennzeichnung vorgettagen wissen wollte, zu welchem Zwecke sich die Mimen als durchaus abhängige Werkzeuge, als Diener des souveränen Dichterwillens zu betrachten hatten. Aber cs ragten einige von ihnen aus der Schar hervor. Herr Neurath, derRedakteur des bisher'freiliH noch mehr versprechenden als haltenden Gießener Musenalmanachs, stellte im Otto'schen Akte den Dichter selber dar, in guter Maske, mit nicht vergeblichem Bemühen, die hehre Größe des Vollendenden in die Erscheinung 51t bringen. Herr; Menz zeigte als Heinrich Voß wie als Melchthal über-' raschend warmes Theaterblut, sein klangschönes Orgam mit reißende Beredsamkeit und namentlich als Schillert Schnker wahrhaft heilige Gläubigkeit und heiligen Eifer, ja, was die Beweglichkeit anbetrifft, Uebereifer. Herr Werke bot als der Pfarrer in der Rütliszene eine geradezu bewundernswerte rhetorische Leistung. Jtzdes Wort drang mit wundervoller Klarheit, Ruhe und Unbeweglichkeit hervor, und der Haltung fehlte die Würde nicht. - Als! Kürassier im „Lager" war er kaum minder vortrefflich. Sehr) gut sprach seinen Part auch Herr Weidner als Stauffacher.) Die Herren Becker und Lehmann, sowie die Herrew Döpfer, Scheer er, Bisch off, Philipps nsw. zeigtet in ihren kleineren Rollen nicht nur ehrliches Wollen, sondern auch recht tüchtiges Können. Sehr charakteristisch war der: prachtvolle Wachtmeister des .Herrn Lenz und die vorzüglich arrangierte Kapuziner-Szene brachte durch die köstliche mönchische Rhetorik des Herrn Pöpperling, der sich von allem Possenhaften, manchmal aber freilich sogar, vorw echten Humor frei, hielt, die Höhe der Wirkung.
In den schwierigen Ensembles und charakteristischer! Maskierung zeigte sich die Hand eines tüchtigen Szenisten.
Herr Professor Dr. Krüger, der Arrangeur der ganzem Feier, dürfte ein ähnliches Gefühl gehabt haben wie jene) althellenischen Bürger, die einst mit Eifer und Stolz, für) die öffentlichen Schauspiele von Athen eintraten. Denni Jetten herrschte wohl ans her Szene so ungetrübte Genugttmugz


