Ausgabe 
4.12.1905 Erstes Blatt
 
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Nr. 284

Montag, 4. Dezember 1905

155. Jahrg.

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Parlamentarische Perhan-lnugen.

K a d) b r u d ohne Vereinbarung nicht gestattet.

Deutscher Reichstag.

6. Sitzung vom 2. Dezember.

1 Uhr. DaS Haus ist > ch w a ch besetzt.

Am Bundesralstische: Prinz z u Hohenlohe, Frhr. ton Nichthofen, Frhr von Stengel u. a.

Zunächst werden die Uebersichten der Reichsausgaben und «Annahmen für 1904, der Einnahmen und Ausgaben des Schutz­gebiets Kiautschon für 1904, die allgemeine Rechnung i her den Reichshaushalt für 1904 r.ebst den dazu gehörigen Spezialrechnungen, einem Vorberickü und den Bcmer- krngen des Rechnungshofes, d,e Rechnungen über den Haushalt b~fl Schutzgebietes Kiautjchou für 1900, 1001 und 1^02 der Rechnungskommis jion überwiesen.

Tie Denkschrift über die Ausführung der seit dem Jahre 1875 er-lassenen Anleihegesehe wird durch Kenntnisnahme er­ledigst.

/Der Entwurf betr. die Kontrolle des Reichshaus- h«alts, des Landeshaushalts von E l f a ß # L o t h - r« n g e n und deS Haushalts der Schutzgebiete für 1005 wird in erster und zweiter Lesung angenommen.

ES folgt die erste Beratung des Gesetzentwurfs betr. die Fest- ft-Dung eines zweiten Nachtrags zum Reichshaushalt srr 1905 in Verbindung mit der ersten Beratung des Gesctzent- trrirfS betr. die Fesistellung eines zweiten Nachtrags zum Haus- ha:Itsetat für die Schutzgebiete für 1905. Es werden 5 050 000 2hirl für den Bau einer Bahn Lüderitzbucht Kubub u rlangt.

Leiter der Kolonialverwaltung Erbprinz zu Hohenlohe. Langenburg:

Nachdem ick erst vor einigen Tagen die Stcllver- twtung des beurlaubten Direktors der Kolonialverwaltung über­nommen habe, werden Sic nicht erwarten, Hatz ich schon über alle Einzelheiten der Kolonialvcrwaltung Auskunft geben kann, da es bi i dem Umfang der Tätigkeit, welche sie entfaltet, undenkbar ist, h so kurzer Zeit sich eine umfaßende Uebcrsicht über die Geschäfte Ü! verschaffen. Ich werde mir daher erlauben, die Räte der Knlonilaabteilung zunächst zu beauftragen, mit Bezug auf Einzel- hkiiten den Herren Rede zu stehen.

Heute aber handelt es sich um eine Vorlage, welche nach meiner Ueberzeugung von einer derartigen Wichtigkeit ist und auch verhältnismäßig so klar liegt, datz ich eS für meine Pflicht erachte, 1« Ihnen selbst mit einigen Worten warm ans Herz zu legen. ES bandelt sich um den Eisenbahnbau von Lüde ritz - biucht nach Kubub, welcher Ihnen als zweiter Nachtrag zu dmn Etat für daS südwestafrikanischc Schutzgebiet für daS Esatsjahr 1>«05 zugegangen ist. Die ganz enormen Aufwendungen, welche für den Transport von Fourage und Proviant gemacht werden mutzten für denjenigen Teil der Schutztruppe, welcher im Süden g^gen die Hottentotten kämpft, haben die Erwägung nabegelegt, ob ft nicht notwendig wäre, hier eine Abhilfe zu schaffen. Zwar boben sich die Verhältnisse im Schutzgebiet in letzter Zeit gebessert. Durch den Tod des Hendrik Witboi und durch die Unterwerfung seines Nachfolgers ist Aussicht vorhanden, datz der Aufstand all- mnhlich abflaut, Jnrmerhin kann nicht abgesehen werden, wie diese Ilmtcrwerfung auf die im Süden deS Schutzgebietes noch selbständig pkidlicbencn Hottcntottenstämme einwirken wird. Wie Ihnen be­kannt, stehen sie unter dem energischen und geschickten Führer Ä'nrenga, und der Kampf kann dort noch keineswegs als beendet an# griefien werden. Dazu kommt, daß unseren letzten Nachrichten ttlfolge auf dem sogenannten Baiwcge von Lüderitzbucht nach Kubub die Rinderpest eingcschlcppt ist. ES ist zwar sofort Anordnung gc- irroffen, datz sämtliche scuche»verdächtigen Tiere getötet werden icRen, und es ist hierdurch die wohlbegründete Aussicht vorhanden, doitz eine weitere Verbreitung der Seuche hintangehalten wird. Tirotzdem sind durch die Einschleppung der Rinderpest die Schwierig- leisten ganz außerordentlich erhöht worden. Durch die notwendig ,1<wordene Schlachtung der Rinder hat der Transport für die Fuurage nur noch die Möglichkeit, sich der Kamele und Maultiere ii bedienen. Der Ausfall der Ochsenwagen macht sich ganz 6c# beidenb fühlbar, sodaß deshalb der Eisenbahnbau besonders bringend erscheint.

Was nun die finanzielle Wirkung betrifft, so lamn mit Sicherheit festgestellt werden, datz sich ein möglichst bc ldiger Bau als eine große Ersparnis für das Reich Herausstellen louirde. Wenn man die Betriebskosten in Betracht zieht und eine Nprozentige Verzinsung und Amortisation des Anlagekapitals mit in Rechnung nimmt, so würde immerhin gegenüber dem bisherigen Zustande mit seinen umfangreichen Ausgaben eine Ersparnis von irnthreren Millionen entstehen. Die Ersparnis würde natürlich irn so größer sein, je schneller die Bahn zur Ausführung käme. Vas nun die Bau-Ausführung selbst betrifft, so sind, ohne Mittel b<3 ReickieS in Anspruch zu nehmen, Vorarbeiten getroffen Wor­ten, welche eine alsbaldige Inangriffnahme des Bahichaues, sobald biafeS Hobe Haus die Genehmigung zum Nachtragsetat gegeben int, sicherstellen. Der Bahnbau soll der Deutschen Kolonialgesell- iebaft für Eisenbahnbetrieb in Südwestafrika übertragen werden, »lchcr die bekannte Firma Lenz und Co. vorsteht. Diese Firma 5c t sich schon um andere Bauten verdient gemacht und besitzt eine reiche Erfahrung auf diesem Gebiete. Sie würde den Bahnbau alsbald in Angriff nehmen, und zwar zunächst unter ähnlichen Ä.dingungen wie für die seinerzeit gebaute Usambara-Bahn. Es steht fest, daß innerhalb 8 Monaten auf diese Art und Weise der ÄÄhnbau ferttggcstellt werden könnte. Aber auch ehe die Bahn fertig ist, würde es möglich fein, eine bedeutende Erleichterung 5er Zufuhr herbeizuführen dadurch, daß die fertige Teilstrecke für !eii Transport benutzt würde. Es sind vorwiegend militärische 3_nterffen, welche in Betracht kommen. Die wirtschaftlichen Inter­nen, welche später in Frage kommen, will ich jetzt noch nicht be­rühren.

Wie Sie wissen, ist die Zufuhr, abgesehen von dem Baiweg ccn Lüderitzbucht nach Kubub, angewiesen auf sehr lange und schwierige Zufuhrwege, und zwar teils über Windhuk, teils über bi je Kapkolome. Gerade auf diesem letzten Gebiete haben sich Schwierigkeiten ergeben durch die Konkurrenzkämpfe zwischen den mizlischen Firmen, die die Zufuhr auf diesem Gebiete erschwert inrb die Regelmäßigkeit derselben in Frage gestellt haben. Ein schleuniger Bahnbau würde dazu beitragen, unsere Truppen in öttjug auf ihre Verpflegung unabhängig zu machen.

Ich erachte es als besonderen Vorzug, daß es mir vergönnt ist, heute vor Sie zu treten zum ersten Male mir einer Vorlage, welche gemacht ist im Interesse der braven Söhne unseres Vater­landes, die draußen unter Entbehrungen unb Kämpfen für Deutsch­land ihr Leben einsetzen. sDcifall ) Ich glaube, daß sic alle, die ihr Leben eingesetzt haben, es mit Tank empfinden würden, wenn das Interesse und die Teilnahme für ihre Opferfreud gkeir sich im Daterlande dadurch kund gäbe, daß man für ihren Unterhalt Er­leichterungen verschafft, daß man die tausend Entbehrungen, die sie ausstehen muffen, möglichst rasch lindert. Wenn sie die Ueberzeu­gung haben, daß im Vaterlande dies Interesse besteht, so wird das auf ihre Kampfesfreudigkeit und Aufopferungsfähigkeit nur von bestem Einfluß sein. Außerdem kann ich mich der Erwägung nicht verschließen, daß daS Bekanntwerden von dem Plane eines »chleu- nipen Dahnbaues auch eine moralische Wirkung auf die Gegner ausüben würde. Es ist wohl nicht anzunehmen, Daß c5 dem Feinde unbekannt bleiben würde, und ich glaube, daß auch durch diese mora­lisch Wirkung, welche Sie zu erzeugen in der Lage sind, unseren Truppen eine bedeutsame Hilfe geleistet würde. Ich würde mich freuen, wenn es mir bei meinem ersten Auftreten in diesem hohen Hause beschert würde, etwas zu Gunsten unserer tapferen Lands­leute gewirkt zu haben, und ich kann Ihnen den schleunigen Bahn- bau nur dringend ans Herz legen. (Lebhafter Beifall.)

Abg. Erzberger sZentr):

Ich möchte zunächst mit Bedauern hervorheben, daß, als im Mai dieses JahreS schwere Angriffe gegen den hochverdienten Ge­neral von Trotha gerichtet wurden, die Vertreter der Regierung schnöde geschwiegen haben.

Präsident Graf Ballestrem:

Der Ausdruck «schnöde" in dieser Verbindung ist nicht parla­mentarisch.

Abg. Erzberger (fortfatyrenb):

D»e Art, wie von leitender Stelle jetzt die Notwendigkeit der Raschheit dieses Bahnbaues begründet wird, gibt uns Anlaß, er­staunt zu fragen, wen trifft die Hauptschuld, daß dieses Bahn­projekt uns nicht schon früher vorgelcgt ist. Die Berechnungen sind ja schon im Mai dieses Jahres ausgestellt und der Reichstag blieb bis zum 30. Mai versammelt. Er wurde damals in auffallend rascher Weise geschlossen, und es scheint mir ein etwas eigenartiges Ansinnen an den Reichstag zu sein, die Vorlage jetzt im Hurra- tempo zu erledigen. Meine Freunde sind nicht der Meinung, daß daS Bedürfnis für die Bahn absolut militärisch notwendig fei. Man baut doch nicht Eisenbahnen wegen eines vorübergehenden Aufstandes. Ueber die wirtschaftlichen Vorteile der Bahn schweigt deS SängerS Höflichkeit in der Denkschrift. Man muh ernstlich prüfen: Hat denn die Kolonie Südwestafrika überhaupt den Wert, daß sich erhebliche Opfer dafür in der Zukunft noch lohnen? sSehr gut!) Wir wissen auch noch nicht, ob angesichts der geolo- gifchen Verhältnisse Südwestafrika8 dort Ackerbau, Bergbau und Viehzucht lohnenden Gewinnen versprechen. Ueber den Lauf, die Tiefe, die Besck>affenheit unb selbst daS Vorkommen der unter­irdischen Wasserläufe sind wir noch vollkommen im Unklaren. Das wird von der amtlichen Denkschrift selbst zugegeben. sHört, hört!) Von einem Ackerbau in nennenswertem Umfange ist bisher noch nicht die Rede gewesen. Nun hofft man, daß der Bergbau etwas eintragen wird. Aber bisher hat man, wie der Abg. Eugen Richter, von dem ich mich freuen würde, wenn er bald wieder im Hause er­scheinen könnte, mitteilt, nur ein einziges winziges Goldklümpchen in der Budgetkommission vorzeigen können. Bewiesen ist es noch nicht, daß der Bergbau dort rentabel ist. Leider fehlt es auch an der ganzen Küste an brauchbaren Häfen; das berühmte Swakop- munb ist total versandet, das wird jetzt auch an amtlicher Stelle zu­gegeben. Das Privatkapital hat den Bau der Bahn von Lüderitz­bucht nach fiubub nicht in die Hand nehmen wollen, weil eS den Bau unb die Erhaltung der Bahn mit Rücksicht auf bie Wander- büne für unausführbar hielt. Wie steht es denn mit diesem Be­denken? Selbst der Bau einer Landstraße für diese Strecke ist durch die Wanderdüne sehr erschwert worden. Nachdem man uns in zwei Denkschriften mitgeteilt hatte, daß ervollendet" sei, mutzte man in der dritten zugeben, daß er infolge der Wanderdünenicht fertiggestellt" werden konnte. sHört, hörtl) Ich möchte auf Grund dieser Tatsache für die Zukunft doch um etwas mehr Sorgfalt bei der Abfassung der Denffchriften bitten. Wir toiffen auch nicht, was wir von dem Kostenvor an schlage für die verlangte Bahn zu halten haben. Bei der sogenannten Eselsbahn von Swakopmund nach Windhuk sind die veranschlagten Kosten um nicht weniger als 300 Prozent überschritten worden. sHört, hörtl) Die bisherige Be­gründung der Vorlage genügt uns nicht, um sie zu bewilligen; das ganze Projett bedarf noch einer eingehenden Prüfung.

Ich komme jetzt auf die mir bekannt gewordenen Nachrichten über Durchstechereien, die in Südwestafrika vorgekommen sein sollen. Es sollen ganze Transportsendungen, die für die Truppen bestimmt waren, nach Argentinien zu Schleuderpreisen verkauft worden sein. In argentinischen Blättern ist darüber geschrieben worden. Ich habe mich in der Sache sofort an die entsprechende Behörde ge­wandt und diese hat mir geschrieben, die Sache sei zwar nicht gänzlich aus der Luft gegriffen, aber sehr stark übertrieben. Man werde sofort telegraphisch in Südwestafrika anfragen. Ich richtete dann an die Kolonialabteilung die Frage, welcher Bericht auf bie telegraphische Anfrage eingegangen sei, und ich war sehr verwun­dert, zu erfahren, daß nicht sofort von dort wieder ein Telegramm zurückgekommen war. Sonst wird doch bei jeder Kleinigkeit tele­graphiert. Warum ist es denn in diesem Falle nicht geschehen? Der Reichstag muß das wissen, denn es handelt sich hier um eine Frage, die mit der Ehre des Deutschen Reiches auf3 engste verknüpft ist. Wir müssen zeigen, daß im Deutschen Reiche solche Dinge vor der breitesten Leffentlichkeit verhandelt werden. Dann möchte ich noch fragen, ob es richtig ist, datz dem Auswärtigen Amt von dieser Angelegenheit auch noch von anderer Seite Mitteilung gemacht worden ist.

Ganz unbegründet ist der Vorwurf, daß der Reichstag nicht die erforderlichen Mittel für Kolonialzwccke bewillige. Seit 1895 sind nur 3,8 Proz. der Rcgierungsforderungen abgestrichen worden, und diese sind auch zum Teil nachträglich bewilligt worden, so daß fich im ganzen die Abstriche auf 1,5 bis 2 Proz. belaufen. Der Kriegsminister und der Marinesekretär würden sich freuen, wenn sie bei ihren Vorlagen so gut wegkämen. Man sollte also endlich mit dem Vorwurf aufhören, daß der Reichstag gegenüber den Kolo­nien übergroße Sparsamkeit ausübe. Leider müssen uns manche Mitteilungen aus den Kolonien mit großen Bedenken gegen unsere Kolonialpolitik erfüllen. Ich erinnere daran, daß em Professor

im Orientalischen Seminar, der früher in Südwestafrika war, den . geradezu ungeheuerlichen Ausspruch getan hat: Hch sehe in jedem Deutschen in der Kolonie, ehe man mir nicht oen Gegenbeweis liefert, einen gegebenen Feind der Mission. sHört, hört!) Einer solchen Kolonialpolitik müssen wir kühl bis ans Herz gegenüber­stehen. Wir können daher auch an die Bewilligung dieser Vorlage nicht eher denken, als bis uns absolut zwingende Gründe für sie beigebracht werben. Wir enthalten uns jeglicher Vorschläge für ihre geschäftliche Behandlung. sSchwacher Beifall im Zentrum.)

Bevollmächtigter zum Bundesrat Oberst Deimling:

Ich war 1*4 Jahr in Südwestafrika und dort mit der selbstän­digen Leitung der Operationen gegen die Hottentotten beauftragt. Dao Hauptfeld meiner Tätigkeit liegt also im Süden deö Schutz­gebietes und ich bin daher ein Augenzeuge für die Verhältnisse, bw dort für den Bahnbau in Betracht kommen. Unsere Truppen sind bezüglich der Verpflegung auf die Zufuhr angewiesen, die sie auf dem Bavweg Lüderitzbuei t-Keetmanoboop erreicht, oder die aus dem Kaplande durch englische Händler zu ihnen kommt. Gefällt es einmal der englischen Kapregierung, wie c5 tatsächlich im Januar unb Februar passierte, als ich die Operationen gegen bie KaraS- berpe vorbereitete, die Grenze zu sperren, so ist die Truppe und jeder Weiße lediglich angewiesen aus den Bavweg, und der genügt in keiner Weise für die Zufuhr. Lüderitzbucht selbst ist ein ausge­zeichneter Hafen, der wegen seiner Tiefe und seiner seifigen Aus­buchtung nicht versanden wird, so lange die Erde steht (Hört! Hört), während i-wakopmund und auch manche englische Häfen in abseh­barer Zeit versanden müssen. Hinter Lüderitzbucht nun beginnt der 120 Sim. lange Bavweg, der durch die Flug- und Wanderdünen stets gefährdet ist. Diese Dünen sind wie ein hochwogendes Meer. Wo heute ein Berg ist, morgen ein Tal und umgekehrt. Und durch dieses schwierige Gelände geht Der Verkehr mit Ochsen und Eseln. In der heißen Jahreszeit dort November bis April - ver­brennen oft die Hufe der Tiere, wodurch ihre Leistungsfähigkeit natürlich stark herabsinkt. Noch ärger leiden die Tiere unter Dem Durst. Auf der ganzen 120 Km. langen Strecke von Lüderitzbucht bis Siu bub ist nur ein einziger Brunnen, die Wasserstelle Ukama. Sie ist aber durchaus ungenügend für den Betrieb. Die Ochsen fallen massenhaft dem Durst zum Opfer. Ich habe selbst einmal nicht weniger als 571 Ochsenkadaver nahe bei Ukama liegen sehen, die die Luft verpesteten. Von Lüderitzbucht kann fein Mensch den Weg verfehlen. Man braucht nur im buchstäblichen Sinne der Nase nach zu gehen. Daß unter solchen Verhältnissen die Ver­pflegung der Truppen außerordentlich schwer und ungenügend ist, liegt auf Der Hand. Als Truppenbefehlshaber in Keetmanshoop habe ich die Nation pro Mann auf % herabsetzen müssen. Die Leute haben sich die Koppeln 3 Löcher enger schnallen müssen. Es gab nur Reis und Mehl. Alle Genußmittel: Wein, 91 um, Tabak, Konserven und Gemüse habe ich ausschließen müssen und muhte froh fein, das Notwendigste zu haben. So liegen die Verhältnisse. Wenn eS nun der englischen Negierung einfallen sollte, die Grenze zu sperren, dann tritt direkt Hungersnot ein, Dann können die Truppen einpacken. Sie müssen nach Norden marschieren und alles Blut im Süden ist umsonst vergossen worden. Deshalb meine ich, und jeder, der Die Kalamität mit eigenen Augen gefdjaut hat, muß es mir bezeugen, nur eine Eisenbahn kann helfen und sie ist auch ausführbar. Es ist eine Trace gefunden mit einer granitenen Unterlage, an welche die Flugsanoregion nickt heranreicht, ebenso hat man Wasser für den betrieb Der Bahn gefunden. Mir ist da­mals von einem Ingenieur dort die bestimmte Mitteilung gemacht worden: Wenn ick heute vom Neichstag das Telegramm bekomme, datz ich anfangen kann, so ist am 1. November die Bahn fertig bl5 Kubub. Dann hätten wir also die Bahn heute schon.

Nun ist vorhin die Frage aufgeworfen, wer wohl daran schuld wäre, daß die Dahn nock nicht gekaut ist. Ich bin kein Parlamen­tarier, ich verstehe das nicht. (.Heiterkeit) Soll aber die Truppe deshalb hungern, bis die Frage geklärt ist? Tie Not ist groß, und jeder Tag, um den die Bahn früher genehmigt wird, ist wichtig für die Truppe. Mit Freude und Dank habe ich Sie vorhin Bravo rufen hören, als Seine Durchlaucht die Trupocn lobte. Zeigen Sie Ihr Wohlwollen dadurch, daß Sie als Weihnachtsgeschenk die Bahn bewilligen, telegraphieren Sie noch heute hinaus, sie ist be­willigt! (Heiterkeit! Es ist vorhin gesagt, wofür sollen wir die Bahn noch bauen, denn Hendrik Witboi ist ja tot, und die Hotten­totten fangen an, sich zu ergeben. Es haben sich bis jetzt ergeben 74 Hottentotten. Diese haben 84 Gewehre abgeliefert Es ist das die alte beliebte Spanier der Hottentotten, sie gehen ihre alten Donnerbüchsen aus dem vorigen Jahrhundert ab, und die neuen Gewehre vergraben sie sHeiterkeit), nm sie bei Gelegenheit wieder auSzugraben und uns towuschießen. Cs bleibt aber auf alle Fälle ungebrochen als Gegner im Felde stehen Morenga mit 4500 Ge- wehren, und der will erst niedergeworfen fein. Wie lange daS dauert, bleibt abzuwarten, lind selbst wenn es gelingt, Frieden zu machen auf Grund der Leistungen der Truppe, so ist doch immer noch auf lange hinaus eine stark: Besetzung des Südens erforder­lich, um ein etwaiges Wiederaufleben des Aufstandes im Keime zu ersticken. Hierfür aber ist die Bahn nach wie vor LebenS- bebingung. Ich kann also als Augenzeuge unb im Interesse meiner Kameraden draußen nur nochmals bitten: Bewilligen Sie die Bahn, bewilligen Sie sie sofort! (Lebhafter Beifall.)

Abg. Ledcbour sSoz.):

Die Angaben der Kolonialverioaltung haben sich ver­schiedentlich schon als so unzuverlässig erwiesen, daß da immer große Vorsicht geboten ist. Der Vorredner hat ja nun zweifellos eine reiche Erfahrung zu Gebote. Aber trotz seines schönen Pathos hat er sachliche Gründe eigentlich auch vermisien lassen. Seine Angaben stehen zum Teil im Widerspruch zu denen der Denkschrift. Der Herr Kommissar hat den Bau der Bahn als so einfach hingestellt, aber die Denkschrift spricht von Tunnelbauten von 2 Kilometer Länge! Ja, das ist doch etwas ganz anderesl

Redner Verbreiter sich sodann über die ganze Kolonialverwal­tung, die er scharf kritisiert. Das Telegramm über die Rinder­pest sei ja nur bestellte Arbeit. Namentlich beschäftigt er sich mit bem Vorgehen des Generals von Trotha, dessen bekannten Erlaß er eine Infamie nennt sUnruhe.)

Vizepräsident Gra; Stolberg:

Sie dürfen den Erlaß eines preußischen Generals nicht als eine Infamie bezeichnen.

Abg. Ledebour sSoz.) fährt in seinen Darlegungen fort. Er verlangt Auskunft über die Anweisungen, die Der Reichskanzler gegeben habe. Tas ganze System kennzeichne unsere borussischen Zustände! sGelächrer rechts.)