Ausgabe 
4.11.1905 Viertes Blatt
 
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Viertes Blatt

Rr. 260

155, Jahrgang

Samstag 4. November 1905

Erscheint täglich mit Ausnahme des Sonntags.

DieSlehener ZamilienblStter" werden dem ,Anze<ger viermal wöchentlich beigelegt. Der ^Mchr £anö®Ut erscheint monaUich einmal.

Giehener Anzeiger

Rotationsdruck und Verlag der Brühl'scben Unwersilätsdruckeret. R. Lange, Greben.

Redaktion, Expedition u. Druckerei: Schulstr.V.

Tel. Nr. 5L Telegr.-Adr.: Arberger Greben.

General-Anzeiger, Amt;- und Anzeigeblatt für den Kreis Giehen.

Ms liberaler hclfllcher Derqangenycit.

Bekanntlich hat die sozialdemokratische Fraktion des hessischen Landtags einen Antrac. aus Beseitigung der ersten 5mnmer eingebracht. Der Antrag ist zwar nicht mehr zur Behandlung im Plenum des verflossenen Landtags gekom­men, die Sozialdemokratie bat ihn aber zu einer ihrer Wahl­parolen für den diesjährigen Landtagswablkampf erhoben. Tie Frage ist damit in die öffentliche Diskussion geworfen und der gesamten politisch interessierten Presse liegt es u UN ob, die Frage zu erörtern.

Ter Antrag hat seine Geschichte, und es ist ebenso lehr­reich wie interessant, diese Geschichte zu verfolgen.

Als das Ministerium Talwigk gestürzt war und auch in Hessen für eine liberale Aera freie Bahn geschaffen werden konnte, brachten bei Beratung des neuen Wahl­gesetzes im Oktober 1872 die nationalliberalen Abgg. Möl- linger, Metz und Dornburg (gemeinsam mit den Demo­kraten Dumont und Gen.) den Antrag ein: Die land- ständische Vertretung des Großherzogtums findet in einer Kammer statt. Dafür erklärten sich jedoch nur 10 Stimmen; die Konservativen hatten eben noch immer die Mehrheit. Zwölf Jahre später kehrte der Antrag ivieder, und wieder war es ein Nationalliberaler, der Abg. Metz- Darmstadt, der ihn stellte. Der Landtag zeigte damals eine liberale Mehrheit, und so wurde am 8. Februar 1881 der Antrag Metz mit 22 gegen 17 Stimmen der Negierung zur Erwägung im Sinne einer Vereinfachung des Gesetz­gebungsapparates" überwiesen. Aus der dem Anträge bei gegebenen Begründung seien bedeutungsvolle Sätze hcrvor- ^ehoben:

Ueberdies muß gegenüber den vorwiegend zcntra listischen Strömungen der Gegenwart, welche im Laufe der Zeit sich voraussichtlich eher verstärken als vermindern iverdcn, die 'Befolgung einer entschieden freisinnigen Politik seitens der deut­schen Klein- und Mittelstaatcn als die einzig richtige konservative siolitik betrachtet, die Stärkung der Volksvertretung als Stärk­ung des Bundesstaates selbst auf gesündester Grundlage an­gesehen werden."

Heute befürworten auch Nationalliberale in Worms d-en Anschluß Hessens an die reaktionäre Dreiklasseuwahl- »olitik Preußens mit dem Gespenst einerneuen Main­linie".

Die erste Kammer hat sich kemesivegs bemüht, den Makel ihrer Widergeburt durch eine den Zeitideen entsprechende volks­tümliche Ausübung der ihr neuerlich übertragenen Befugnisse |u verwischen. Sie hat sich wichtigen Reformen widersetzt."

Diese beiden Sätze hatten auch heute niedergeschrieben werden können.

In den Verhandlungen dos Plenums der zweiten Kammer erinnerte der nationalliberale Antragsteller Abg. Metz zunächst daran, daß das Kurfürstentum Hessen zuletzt auch nur eine Karn w»r als Volksvertretung gehabt habe. Des weiteren erinnerte er an den Dalwigkschen Vor- fassungsbruch von 1850 und an die Rechtsungiltigkeit der 1856er Wahlordnung.

Der RechtStitel, auf dem die erste Kummer heute steht, iist demnach kein verfassungsmäßiger und die Partei, der ich imgehöre, hat dies auch von jeher belmuptet und namentlich «aus dem Munde des Abg. Volhard in diesem Hause wiederholt Ibei Eröffnung verschiedener Landtagssessionen ausgesprochen. M £>., es würde, wenn wir nunmehr zu einer Wiederherstellung .gesetzlicher Zustände schreiten würden, hierin eine, wenn auch 'verspätete und geringe, so doch immerhin eine gewisse Sühne der ehemals vorgefallenen Verfassungsverletzung, deren Ahndung leider unsere Gesetzgebung nicht zuließ, gelegen sein."

Tor Minister v. Starck dagegen meinte:

Der praktische Erfolg, selbst wenn diese hohe Kämmer, was sch nicht für möglich annehmen kann, dem Anträge zustimmcn sollte, könnte doch zurzeit kein anderer sein, als das Verhält­nis der beiden Kammern untereinander zu erschweren und er­

bittern und schließlich die Autorität dieser hohen Kämmer da­durch zu schädigen, daß ein Beschluß, den sic gefaßt hat, nicht zur Ausfüllung kommen könnte."

Für die Ausschußmajoritat beantragte der Abg. Muhl Uebergang zur Tagesordnung, in Erwägung, daß

11 die Anregung so tiefgreifender politischer Veränderungen, wie sie der Antrag Metz beabsichttgt. nur in Zeiten eines er- h'chten politischen Interesses, nicht aber in der vornehmlich mit Regelung nrnterfillln: Kragen beschäftigten Jetztzeit irgendwelche Aussicht auf Erfolg hat:

2) eine besondere Schwierigkeit auch in dem Umstande liegen könnte, daß das Gesetz vom 15. Juli 1858, welches den Standes Herren des Großherwgtums die Ausübung ihres Sitz- und Stimm rechts auf dem Landtage nach Maßgabe des seitherigen Zwei- kammersvstems zusichert, auf einer mit denselben getroffenen Vereinbarung beruht:

31 auch eine Vergleichung der Organismen der übrigen deutschen Staaten nicht in das Gewicht fällt, da nur kleinere Staaten als unser Großherzogtum das Einkammersystem be­sitzen."

Ter Zentrumsführer, -Jibg. Wasserburg wollte die erste Kammer erhalten wissen als Korrelat der zweiten Kammer, als Vertretung der großen Interessengruppen gegenüber dem in der Volkskammer zur Geltung gelangenden Zahlenprinzip. Er trat darum für den Fortbestand der­er ston Kammer ein mit ter Forderung, daß darin auch Vertreter des Kleinbauern st andes, der Hand­werker, der Handelskammern und der Arbeiter- Platz finden. An der Debatte beteiligte sich nur noch der Abg. Maurer, für den die Frage eine offene war, der aber ein praktisches Bedürfnis'nach einer Aenderung nicht als vorliegend erachtete.

Ter Abg. Metz begegnete bann noch in seinem Schluß­wort dem Einwand des Ministers von einer angeblichen sorgfältigeren Prüfung der gesetzgeberischen Arbeit beim Zweikammersystem.

Dazu brauchen wir keine zwei Kämmern, dazu genügt eine Geschäftsordnung, die die Möglichkeit einer mehrfacl)»» Lesung zuläßt, um dasselbe Resultat zu erreichen! Im übrigen wies der Antragsteller noch zutreffend auf die Lähmung der gcfitz- geberischen Initiative innerhalb der zweiten Kämmer hin, wo oft Anträge nicht eingebrachl werden mit Rücksicht auf die voraus­sichtlich ablehnende Haltung des Oberhauses! Und hinsichtlich der Muhl'schen Entdeckung von der Vertragsnatur des Gesetzes vom Jahre 1858 sagte er boshaft aber zuttesicnd, daß sie sichin bengalischer Beleuchtung vor dem deutschen Volke sehr kläglich ausnehmen möchte."

Tie Msttrnrnung ergab das obenerwähnte Ergebnis. Ter Ausschuß der ersten Kammer berichtete:

Die Regierung, welcher der Antrag mitgeteilt wurde, hat bestimmt erklärt, daß sie nicht in der Lage sein werde, einem dem Anträge des Herrn Metz entsprechenden Ersuchen Folge zu geben. Erscheint schon hiernach die Sackre ganz aussichts­los, so kommt noch ein weiteres hinzu. Nach Artikel 110 können Abänderungen der Verfassung nur vorgenommen werden, wenn in der zweiten Kämmer Zweidrittel der Mitglieder, jedoch mindestens 26 dafür stimmen. Der Antrag hat eine solche Mehr beit nicht gefunden. Wir sind deshalb der Mühe überhoben, auf das Materielle der Sache einzugehen und die Gründe des Herrn Antragstellers näher zu prüfen und in das richtige Licht zu stellen. Wir beantragen, dem Anträge keine Folge zu geben."

Gießen, den 4. November 1905.

L. U. Landesuniver,ität. Bis Freitag, den 3. No­vember haben sich neu eingeschrieben 124 Studierende, dar­unter 5 Theologen, 24 Juristen, 22 Mediziner, 5 Beterin är- mediziner, 68 Angehörige der philosophischen Fakultät. Die zweite Immatrikulation hat heute mittag stattgesunden, die dritte (letzte) ist auf den 11. November festgesetzt.

** Professor Dr. W. Köhler wird, da die durch den Tod von Gell. Ho flat Prof. Tr. O n ck e n erledigte Pro­fessur nicht für das Wintersemester hat besetzt werden können, einer Aufforderung der philosophischen Fa­kultät entsprechend, in diesem Semester eine Vorlesung halten überdeutsche Geschichte im Zeitalter der Re­formation und Gegenreformation".

** Frau Rosin a Bogt t- Zu Zürich ist Frau Rosina Vogt, eine Tochter des patriotischen Dichters Adolf Lud­wig Fallen (1791 bis 1855) aus Gießen, hochbetagt gestorben. Sie war die Gattin des ihm im Tode uorauf gegangen en Staatsrechtslehrers Präses' w Gustav Vogt in Zürich, dessen Familie ebenfalls aus Gießen stammte und die Mutter des deutschen Schriftstellers Felix Vogt in Paris.

Sam borg? humoristisches Konzert am Mon­tag in Steins Saal. Mit vollem Erfolg hat Sam borg auch in Wien konzertiert, wie nachstehender Bericht ans derReuen Freien Presse* beweist:

Im kleinen Musikvereinslaal gab gestern derKlavierhumorist* Herr O. Lamborg fein erstes Konzert mit außerordentlichem Erfolg. Herr Lamborg ist den Wienern nicht unbekannt, da er als Sänger an der Komischen Oper in Wien stch die ersten Sporen verdiente. Der Künstler vereint mit einer natürlichen Komik glücklichen Humor, große Schlagfertigkeit und ungewöhnliches Darstellungstalent. Als Musiker setzl er durch seine iabclbaitc Geläufigkeit, sein riesiges nmstkalischcs Gedächtnis und durch eine Menge von Fertigkeiten in Erstaunen, welche weit über das Maß des Alltäglichen hinaus- gehen. Herr Lamborg führte sich als Deklamator, Sänger und Klavierspieler ein. Er ist imstande, wie in dem Finale an§ der OperTer zerbrochene Eid", allein alle Solopartien, ja selbst den Chor und das Orchester barviftefien; er ahmt alle Stimmen, von der des Kindes bis zum gröbsten Bierbasse, täuschend nach; er karrikiert gewisse Klaviervirtnosen mit boshafter Schärfe, er spielt bei verdeckter Klaviatur nut einer Kleiderbürste, ohne Fehlgriff, er läßt sich endlich von ben Zuhörern die Namen von Opern, Ope­retten, Liedern und Tänzen nennen und verbindet alles im Fluge ohne jede Schwierigkeit zu retzenden Potpourris. Immer aber bleibt er Komiker und versteht es, sein Publikum in der heitersten Laune zu erhalten. Er schließt sich mit einem Worte vollwertig jenen Künstlern an, welche für die Heiterkeit des Publikums sorgen, zu dessen Lieblingen er ohne Zweiiel auch in Wien zählt.

M. Beuern, 3. Nov. Ter Kriegerverein hotte am 27. und 31. Oktober die Aufgabe, seinen Mitgliedern, den Veteranen Ph. Hillgärtner und Johs. Sommerlad, die letzte Ehre zu erweisen Letzterer nahm bei der Be­erdigung des Ersteren noch teil und verunglückte vier Tage^ darauf im Steinbruch auf sonderbare Weise. Er stand zwi­schen zwei Steinen, an dem einen arbeitete er, der andere fiel um und schlug ihm das rechte Dein fast ab. Da beide Steine sehr schwer waren, konnte er nur mit Hilfe einer Winde aus seiner Lage befreit werden. Er gab kurz danach seinen Geist auf, wahrscheinlich infolge BerblutunA. Beide, Veteranen haben in einer Kompaanie gestanden und in schweren Tagen oft den letzten Bissen geteilt, nun ruhen sie beide nc6eneinanber auf dem Gottesacker.

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Jeder Mensch ist, mehr ober weniger, 511 beeinflussen. Handelt es stch nun für ihn barum, ein unabhängiges Urteil über irgenb einen Gegenstand zu fällen, so stnb alle bie Momente auszuschalten, welche eine solche Beeinflussung Hervorrufen können. Weinkenner verfahren bei solchen Gelegenheiten in ber Weise, daß ste alle bie in Frage kommenden Flaschen mit einer völlig gleichmäßigen Umhüllung versehen und dann probieren. Eine Täuschung ist auf diese Weise unmöglich und das abzugebende Urteil völlig unbeeinflußt. Jn Ihrem eignen Interesse raten wir Ihnen, es beim Ausprobieren von Sect in der gleichen Weise zu handhaben. Daß derartige versuche zugunsten unserer MarkeKupferberg Gold" ausjchlagen werden, unterliegt für uns keinem Zwnifel. Das ist für uns eine tagtägliche Erscheinung.

Sectkellerei Rupferberg, Mainz.

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AeWlen-Bems-WWst Netzen. Ordentliche Hauptversammlung Samstag, den 18. November 1905, abends 8 Uhr, im Gasthaus zumEinhorn"

p Tages-Ordnung: 1. Berichterstattung. 2. Rechnungsablage. -

3. Wahl der Rechnungsprü'ungskommission. 4. Ersatz- wähl des Vorstandes. 5. Verscyicdenes.

1 Gießen, den 2. November 1905.

Der Vorstand.

Tie Rechnung liegt bei dem Vorsitzenden, Herrn A. Dickorü,.

Schau nstraße 8, 00in 10. ins 17. November zur gefl. Einsicht ? der Mitglieder osten. D2/,,

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Man beachte die Fabrikmarke.

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Dienstag, den 7. d. M., abends 8 Uhr, eröffnen wir in unserem Unterrichtslokal (Frankfurter Hof) einen Kursus zur Erlernung der GabclsbergLr'schen Stenographie.

Das Honorar beträgt 6 Mk.

Anmeldungen zur Teilnahme an diesem Kursus nimmt Finanzaspirant Kinkel, Dammstraße 31, entgegen; auch können solche bei Beginn des Unterrichts erfolgen.

Gießen, den 1. November 1905.

Dt/u Der Vorstand.