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4.3.1905 Drittes Blatt
 
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Nr. 54

Drittes Blatt. 155. Jahrgang Samstag 4 März 1905

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General-Anzeiger, Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.

UMische Tagesschau.

Die katholffche Theologie an Preußens hohen Schulen.

In nahmtalliberalen Blättern wird die von derGer- trcania" registrierte Nachricht, daß im preuß. Kultusministe­rium die 'Absicht bestehe,nicht nur in Berlin, sondern auch an den übrigen- Universitäten, die bisher noch einer katholischr-theologischen Fakultät entbehren, eine solche iml Interesse des konfessionellen Friedens (!) ein- Aurrchten", als einschlechter Witz" angesehen. In deni Kreisen der nativ nailiberalen Landtagssrattion ist man! jedoch weniger geneigt zu einer solchen harmlosen 'Auf­fassung. In einer Beziehung hat allerdings dieGev- kmania" zweifellos den Mund etwas zu voll genommen. Denn daß das preuß, Knltusm inisteriunr sich bereit finben Lassen könnte, selbst in KniveositätsstLdLen rein protestan­tischer Provinzen, wie in Kiel und Halle, kathol.-Lheologische Fakultäten noch dazu im angeblicher Interesse des kon­fessionellen Friedens einzurichten, muß doch wohl als ausgeschlossen erscheinen. Diese Fakultäten würden auch feder (^istenzberechtigung ,entbehren, da ihnen die Zu­hörer fehlen würden. Dagegen rechnet man in national- liberalen Kreisen des Abgeordnetenhauses allerdings mit der Möglichkeit und Wahrscheinlichkeit, daß für Berlin die .Errichtung einer tathoh-theologischsn Fakultät sthpn in allernächster Zeit Mr Tatsache werden wird.

Tas Deutsche Reich als Nationalstaat.

Unter diesem Titel läßt der ehemalige Reichstags- abgeordnete von Leipzig und Vorsitzende des Alldeutschen Verbandes, der Leipziger Statistiker Pros. DL. Hasse, das erste Heft seines Handbuches der deutschen Politik er­scheinen. Wir gewinnen hier einen Einblick in die Bestreb­ungen der Alldeutschen. Hasse schildert in den ersten Ka­piteln die Entstehung des Deutschen Reichs, legt dann den Begriff Nation, d^ationalsbaat und die Voraussetzungen des Nationalstaates dar und gibt in einem KapitelForder­ungen" einen lieber blick über das, was nach seiner Meinung geschehen müsse zur Erhaltung der Reichseinheit. Mancher Leser wird wohl öfters einen Schrecken bekommen, wenn alte ihm liebgewordene Begriffe hier zum alten Eisen geworfen werden. Im einzelnen müssen ihm aber auch manche Gegner seiner politischen Gesamtaufsassung Recht geben. Es ist zuzugeben, daß die Polen alle Kulturgüter, die ihnen der preußische Staat bot, allen: dazu ausgenützt haben, denselben Staat M Grunde M richten, lieber* zeugend klar sind nach dieser Richtung die .Ausführungen Hasses. Unter den nationalen Forderungen behandelt Hasse: Staatssprache, Bürgerrecht, Wehrpflicht, Germanisierung und zwangsweise Enteignung, zielbewußte großzügige Wan- derungspolittk, Ableitung der fremden Volksteile und Herbei­ziehung der im Ausland lebenden Deutschen, Erwerb und Verlust der Reichsangehörig Leit, Verbot der Einwander­ung fremdsprachiger Volksangehöriger, Besch,ränkung der einhermischen Produktion auf das einheimische Volkstum, Schaffung nationaler Landeskirchen, Nationalisierung unserer konsularen Vertreter im 'Ausland, Verhinderung der Entnationalisierung der deutschen Kapitalunternehmungen (z. B. Rhedereien), Fürstenrechte und Thronfolge, Erbfolge­verträge, Sonderrechte des hohen Adels, Verbot des Grund­erwerbes gegenüber Ausländern usw. Man sieht, allein in dem KapitelForderungen" ist eine Menge der inter­essantesten Fragen behandelt. Den Schluß bildet eine lieber* sicht über die nationalen Verhältnisse fremder Staaten.

Es ist keine Frage, das Buch ist anregend für jedermann, auch für den, der die Ueberzeugung hat, daß sich viele der alldeutschen Forderungen gewiß nicht durchführen lassen

2. Sitzung der Gr. HandeLskvmmer für die Kreise! Gießen, Alsfeld und Lauterbach.

(Prolokoll-Auszug.)

Gießen, 28. Februar 1905.

Anwesend die Herren: Kommerzienrat Koch, Vorsitzender, Balser, Türbeck, Grünewald, Jhring, Nowack, Röhr, Kommerzien­rat Schirmer, Schmall, sowie der Syndikus Tr. Knipper.

1. Aus dem Geschäftsbericht ist folgendes mitzuteilen: a. Zur Erleichterung des Postverkehrs hatte die Handels­kammer bei dem Postamt zu Gießen beantragt, jährlich in den Zeckungen mehrmals die von Gießen abfahren­den Züge mit Postbeförderung und die Auf­lieferungsfristen zu den einzelnen Zügen mitzu­teilen. Tas Postamt hat sich bereit erklärt, zweimal im Jahre nach Beginn einer neuen Fahrplanperiode in den

Zeitungen sämtliche von Gießen abgehenden Züge bekannt zu geben, welche Briefe, Pakete oder Briefe in geschlossenen Beuteln befördern und in gleicher Weise den Abgang der Landposten, die Auflieferungsfristen und die Stunden, zu denen die Leerung der Stadtbriefkasten erfolgt, anzugeben.

b. Ter am 15. Januar in Kraft getretene Ausnahme­tarif für.die Beförderung von Brenn mate- rialienzumBetriebevon Hochöfen, Siemens- Martin-, Puddel- und Schweißöfen und von Walz- und Hammerwerken des Lahn-, Dill- und Sieggebietes behandelt die Stationen des Dill- und Lahngebietes ungünstiger, als diejenigen des Sieg­gebietes. Hierdurch werden die Hüttenindustrie und der Erz­bergbau an ber, Till und Lahn, einschließlich Oberhessen, gegenüber den gleichartigen Unternehmungen int Siegerland benachteiligt. Am 25. Januar fand daher in Wetzlar eine Versammlung von Vertretern der Handelskammer zu Tillen- burg, Gießen, Limburg und Wetzlar und des Berg- und Hüttenmännischen Vereins für die Lahn-, Till- und benach­barten Reviere zu Wetzlar statt, in der beschlossen wurde, an die preußische Regierung eine gemeinsame Eingabe zu rich­ten, in der auf die der hiesigen Hüttenindustrie unb dem Bergbau aus der unterschieolichien Behandlung droherrden Ge­fahren hingewiesen und die Beseitigung der Differenzierung beantragt werden soll.

e. Am 25. Januar fand zu Frankfurt a. M. eine Delegier- tenkonf er enzderhes fischen Handelskammern undderLeiterder kaufmännischen Fortbild- ungsschulendesGroßherzogtums statt, in der die Frage der Anwendung von Tisziplinarmitteln und die Ein­führung einer gemeinsamen Formulariensammlung beraten wurden. Nach einem Referate des Herrn Hauptlehrers Knauß, des Leiters der Kaufmännischen Fachschule zu Gießen, erklärte sich die Konferenz mit den jetzt üblichen Tisziplinar­mitteln, , wie z. B. Tadel, Verweis, Ausweisung aus dem Klassenzimmer und der Schule, einverstanden, sprach sich jedoch angesichts. des fakultativen Charakters der Kauf­männischen Fortbildungsschulen in der Mehrheit ihrer Teil­nehmer gegen weckergehende Maßregeln, wie Nacharbeiten und Geldstrafen, aus. Ferner wurde empfohlen, auf die Prinzipale, welche Schulversäumnisse ihrer Lehrlinge ver­anlassen, durch die Handelskammern einzuwirknu Tie Einführung einer gemeinsamen Fornrulariensammlung für sämtliche Kaufm. Fortbildungsschulen des Großherzogtums fand keine, Zustimmung.

d. Dem Großh. Ministerium des Innern wurde auf eine An­frage über das Vorhandensein von Syndikaten und Kartellen berichtet, daß derartige Vereinigungen im Bezirke der Handelskammer weder bestanden haben, noch zurzeit vorhanden sind.

e. Dem Kaiser!. Patentamt wurden mehrere Auskünfte in W ar en z e i ch e n fachen erteilt.

f. Bei der geringen Benutzung der bei der Großh. Universi­tätsbibliothek zu Gießen ausgelegten Patentschriften konnte ein Bedürfnis für die weitere Ueberweistlng dieser Schriften nicht anerkannt werden. Das Kaiser!. Patentamt hat daher die hiesige Patentschriften-Auslegestelle aufge­hoben.

g. In Ausführimg eines früheren Beschlusses hat die Handels­kammer ein ausführliches Gutachten über die wirtschaftliche Bedeutung derSchiffbarmachung derLahn von der Mündung bis Gießen fertiggestellt, das demnächst der Großh. Regierung unterbrecket werden soll.

2. Verkauf von Zucker nach Reingewicht. Zur Be­seitigung der im Zuckerhandel aus der Bruttoberechnung sich er­gebenden Mißstände hat der Verein ^deutscher Zuckerhändler in Magdeburg beschlossen:

a. vom 1. September d. I. ab sämtliche Zuckersorlen und Kandis, welche in Fässern, Kisten und Körben verpackt ge­handelt werden, nur mit dem Reingewicht zu liefern und zu berechnen,

b. die Packmaterialien für Brodraffnrade aus widerstands­fähigem Material, sowohl Papier als Schnur, zu wählen, jedoch so, daß ihr Gewinn 2*/2 Proz. nicht übersteigt und

c. das Höchstgewicht der für gemahlenen Zucker (zu 100 Kgr.) zur Verwendung kommenden Säcke auf 800, derjenigen für Granulated und Kristallzucker auf etwa 600 bis 700 Gramm festzusetzen.

Von den Firmen des Handelskammerbezirks wird das Vor­gehen des Vereins deutscher Zuckerhändler unterstützt, da auch der hiesige Handel unter den jetzigen Mißständen der Verpackungs­art empfindlich zu leiden hat. Tie Kammer erklärte sich daher mit der Durchführung der Nettoberechnung im Zuckerhandel und den Vorschlägen des Vereins deutscher Zuckerhändler auf dem Wege der Selbsthilfe einverstanden, erwartet aber, daß durch die Festsetz­ung eines Höchstgewichtes für die Verpackung diese nicht in einem solchen Maße verschlechtert wird, daß hierunter die Qualität der Ware leidet.

3. Verkauf von Waren in abgewogenen Paketen nachdeuts ehe m Reingewicht. Tie Handels- und Gewerbe­kammer zu München hat den Erlaß einer Bestimmung empfohlen,

nach der Verbrauchsartikel in abgewogenen Paketen, z. B. Tee, nur nach deutschem Reingewicht mit dessen Ausdruck verkauft werden dürfen. Tie hiesige Handelskammer hat sich früher wiederholt für die Angabe des Nettogewichts auf den Paketen bestimmter, nach ausländischem Gewicht verkaufter Waren ausgesprochen, ist aber ber Ansicht, daß der Erlaß einer solchen Bestimmung für alle Waren, die in abgewogenen Paketen gehandelt werden, weder hu! allgemeinen Interesse der .Konsumenten noch des Handels liegt, zu­mal eine abftckMche Irreführung durch die 2!ngabe des ausländi­schen Gewichtes keineswegs überall vvrliegt.

4. Paketverkehr auf den Eisenbahnen. Von meh­rere Firmen des Handelskammerbezirks wurde Beschwerde darüber geführt, daß ihnen beim Packetversand nach Süddeutschland nicht die niedrigen Frachtsätze des süddeutschen Expreßguttarifes oder des Eisenbahnpakettarifes für den Verkehr zwischen Stationen ber1 Tirektionsbczirke Frankfurt a. M. und Mainz zur Verfügung? stäuben. Sie würden dadurch bei ihrem Absatz nach Süddeutsch^ land im Wettbewerb mit süddeutschen Geschäftshäusern stark beein­trächtigt, da die Paketbeförderung auf den süddeutschen Bahnen nicht nur billiger sei, als der Postpakettarif und die Paket- und Eilfrachtsätze der preußisch-hessischen Bahnen, sondern auch in' der Schnelligkeit der Beförderung dem Postverkehr überlegen seft Tre Handelskammer erkannte die Berechtigung der Klagen an, glaubt jedoch nach den bisherigen Erfahrungen nicht, daß eiro Antrag auf Ausdehnung der niedrigen süddeutschen Expreßgut-« srächten auf die preußisch-hessischen Bahnen Aussicht auf Erfolgf haben wird. Sie beschloß aber, der Preußuchp-hessischen Eisenbahn-, Verwaltung von den Beschwerden Kenntnis zu geben.

5. Rechtsverfolgung im Auslande. Der Handels­vertragsverein hat der Handelskammer mckgeteckt, daß er zur tun­lichsten Verminderung der, Mißstände, die sich mis der Rechtsver­folgung im Auslande für cheutsche Firmen ergeben, eine besondere Abteilung für Rechtsverfolgung im Auslande eingerichtet habe. Er ist bereit, deutschen Firmen, welche im Auslande Prozesse zu führen haben, Auskünfte über ausländische Rechtsbestimmungen zu erteilen und für die wichtigsten Handelsplätze des Auslandes ge­eignete Rechtsanwälte zu empfehlen. Zur Vervollständigung sei^s Dtaterials bittet der Handelsvertragsverein die Firmen, die im Aus­lande Klagen geführt haben, ihm über ihre Erfahrungen, sowohl hinsichtlich des Prozeßverlaufes, wie auch über die Tätigkeit des beteiligten Rechtsanwaltes, Mitteilung zu geben. Tie Handels­kammer hält die Einrichtung einer derartigen Auskunftsstelle für Rechtsverfolgung im Auslande für sehr zweckmäßig und ersucht bie interessierten Firmen ihres Bezirkes, die Stelle durch Bekannt- gäbe von geeignetem Tatsachenmaterial zu unterstützen und sie jüri etwaige Anfragen in Anspruch zac nehmen.

6. Eingänge:

a. Tie neuen Vandelsverträge mit Rußland,Oesterreich-Ungarrtt^ Rumänien, Serbien, Italien, der Schweiz und Belgien, sowie! der neue deutsche Vertragszolltarif.

b. Bericht über die ErgebnrAe des Betriebes der vereinigten, preußischen und hessischen Staatseisenbahnen.

c. Jahresbericht des Deutschen Tabakvereins für 1904 sowie seine Tenkschrift über das Gesetz zum Schutze der Waren­bezeichnungen.

d. Jahresberccht cher Hessischen Landeshypothekenbank für 1904.

e. Von zuverlässiger Seite sind der Handelskarnmer Mittell-i ungen zugegangen über die in Belgrad geplanten Sttnaltfa» tions- und Kaianlagen, die Lieferung von ZigarettenpoÜer' nach Rumänien, ben amerikanischen Tabaktrust, den Absatz^ von Farben und Farbwaren nach Chile, den deutschen Aus­fuhrhandel nach Argentinien, die Anwerbung landwirtschast-i licher Maschinen, insbesondere verstellbarer Scheibenpflüge, j im Staate Sao Paulo fBrafilien) und über die Einfuhr von- Zigarren nach Australien.

f. Ferner ist der Handelskammer eine Reihe von Mitteil» ungen über zweifelhafte Firmen in London.i Budapest, Oedenburg und Bukarest zugegangen.. Tie Handelskammer führt ein Verzeichnis der ihr als unzu-! verläsilg bezeichneten ccusländifchen Firmen und empfiehlt^ den Exportgeschäften ihres Bezirkes wieder-! holt, vor Anknüpfung von Geschäftsverbind'' ungenmit ausländischen PlätzenbeiderKam-, mer Auskunft über die dort etwa bekannte«' zweifelhaften Firmen einzuholen.'

T^ie Eingänge können während der üblichen Geschäftszeit nx Bureau der Handelskammer eingesehen werden.

Klserkvahn-Ziilung.

Frankfurt-Homburg. Die geplante neue Bahn FrankfurtHomburg soll gemeinsam von der Stadt Frankfurt und von der Frankfurter Lokalbahn-Aktiengesellschaft gebaut werden. Sie soll sich in Heddernherm in zwei Linien teilen, die in ihren Endzielen nach der Saalburg und nach der Hohemark führen. Die Zweiglinie geht nach Oberursel, wo sie an die Lokalbahn Hohemark angeschlossen wird, die zweite von Heddernheim über Bonames, Niedereschbach und Ober^chbach nach Homburg mit Anschluß an die Saalburg-Bahn. Die Bahn wird dtrrchweg elettrisch betrieben. Voraussetzung ist, daß die berührten Gemeinden nach Kräften zu den Kosten beisteuern.

aus bei Kaperstaöt.

(Nachdruck verboten.)

Stoßseufzer eines Familienvaters. Teuere Kleider. Botk- lederstosfe. Ein Konigsmantel. Allerlei von Hüten.

Carueval und kein Ende" stöhnte ein mit Töchtern etwas reich gesegneter Familienvater unlängst, als ich ihm.' bei einem Alpen- fest ein Kompliment wegen seines stattlichenZwischenakts" sagte, wie man in Berlin nämlick die zwischen Lodenhofe und Waden­strumpf heraussckauenden nackten Kniee zu nennen pflegt. Und dann sing er an, auszuzählen, wohin er »dieses Jahr schon überall geschleppt worden war von den lebenslustigen Madels, und wieviel er für die Einlaßkarten, wieviel'für die Schneiderin und wieviel für die glücklichen Troschkenkutscher geopfert halte. Dabei fei es für ihn noch gar nicht abzusehen, wann der Spaß ein Ende haben würde. Tie Mädels waren scheinbar unverwüstlich; verlobt hatte sich auch noch keine und Aschermittwoch ist diesmal nicht vor dem 8. März! In München hat man deshalb die Leihhäuser gegen Betten gesperrt. .So weit ist Berlin nun ja noch nicht. Aber flott geht's doch auch zu. Was sich derMittelstand" dabei in der Kleider frage leistet, ist ein merkwürdiges Kapitel in der Geschichte der vernünftigen Haushaltung. Ich habe Ballroben ge­sehen bei Frauen, die mit 100 Marl Wirtschaftsgeld im Monat aus- kommen sollen, bei deren Preis jedem armen Hausvater die Haare zu Berge stehen müssen, soweit sie ihrn nictyt schon bei der ewigen Hatz nack) Geld abhanden gefommen sind. Kleider, die 2* bis 300 Mark kosten, sind sehr solide Anlagen. Man begegnet Sciden- zeugen, die mit 40 bis 50 Mark pro Meter bezahtt werden unb deren verliebte das heißt in ihr Kleid verliebte Trägerin glückselig rzählt, daß dieserhimmlische" Stoff in St. Louis auf der Ausstellung prämiiert worden sei. schade, daß es nicht durch ein auzuheftenecs Plakat auch weiteren Kreisen kenntlich gemacht werden kann! Immerhin sind diese Kleider noch billig zu nennen gegen die Gewänder, von denen ein Weltbummler «zählt, der eben aus Asien heimgekommen ist imd aufEuropens

übertünchte Höflichkeit" ziemlich von oben herab sieht, trotzdem ihm der Sekt noch ganz gut mundet.In Indien", verkündet er den aufhorcheuden Schönheiten, mit leise verschleierter Stimme er posiert nämlich als Graf Traft!gibt es Gewänder, die sind nicht aus Seide und nicht aus Sammet, sondern ans wunder­vollem weißen Bockleder" hier unterbricht ihn ein Aufschrei aus schmollendem Murche und ein paar Fächerschläge treffen feinen tadellosen Frack.Tiefes Bockleder", fährt er fort, während seine Augen immer träumerischer werden, und immer weiter in Indien einzudringen scheinen,ist weich und schmiegsam wie Seide und daher natürlich nicht ganz billig. Als Verzierung aber setzt man auf diesen zarten schlohweißen Stoff weder Tiamanten noch Brüsseler Spitzen, feinen, Filigranschmuck und keine Perlbehänge, sondern die schönen weißen Zähne des Elentieres, und alles in allem kann so ein Kostüm doch auf 36000 Marl zu stehen kommen!" Immerhin ist^das eine Lappalie gegen den Krönungs­mantel, den er auf den Sandwichsinseln gesehen haben will und der ganz aus schwarzen, roten und gelben Federn gefertigt war. Tie gelben Federn zusammenzubekommen, hätte ein halbes Jahr­hundert gedauert, da der befieberte Lieferant ein äußerst seltener Vogel war, ber nun auch endlich glücklich ausgestorben sei. Tieser Mantel repräsentierte einen Wert von zwei Millionen Mark unb ba er aus der Londoner Fifcherei-Ausitellung im Jahre 1893 zu sehen war, so braucht unser Globetrotter nicht einmal auf beu Sanbwichsinsetn gewesen au sein. Von den Kleidern kam man, einem schönen weiblichen Zuge nach oben folgernd, den schvii Goeche rühmt, auf die Hüte zu sprechen. Natürlick) Rivierahüte. Tenn die find augwrbiicklich das, was man kaust, vorausgesetzt, daß man Geld genug hat, sie auch dort zu trogen, wofür siegedichtet" ftild. Unb sogleich hielt uns ein weiblicher Stammgast der schönen, sonnigen Küste eine» Vortrag über die Stelle ^des Jaauenhilles im Leben ber Pariserin, die Mindestens soviel Hüte besitzt, als sie Kleider halft die ihren Hut hübsch auf ben Kopf behalten darf bei fast allen Ge­legenheiten, während die arme Berlinerin gezwungen wird, ihn so unb so ist herunterzuirehmen und sich dabei vas Kunstwerk ber Friseuse aus purem llnticrftanb natürlich anberer zer­

stören zu müssen.Mit dem Hute in Iber Hand, wird man überall erkannt!" variierte darauf ein viel reisender Lkaufmann bas alle deutsche Sprichwort und erzählte, wie er sich jüngst in Paris, wo alles Cylinber trägt, mit seinem runden Hute recht dreist vorgekom- *men fei. Merkwürdigerweise habe man ihn in Hotels und Restau­rants überall deutsch angeredet, bis er seiner Verwunderung darüber einem deutschen Oberkellner Ausdruck gegeben. _ Ter hat ihut dann das Rätsel getost: Wer auch von Franzosen, Engländern unb Amerikanern in bie Räume dieser Gastereien tritt, behält ben Hut auf dem Kopfe, iveuigstenS bis er Platz gefunden. Nur ber höfliche Deutsche nimmt ihn gleich beim Einttitt herab und verrat dem gewiegten Garton,woher er kam ber Fahrt!" Ich glaube nicht, baß . wir um» dieser nationalen Eigentümlichkeit gerade zu schämen brauchen. Uebrigens gilt auch bei dem deutschen Jüng­ling, soweit er zur Taimi-jemresse boix-e zählt, ber Grundsatz, baß man den Schädel nicht unnötig Erkältungen aussetzen dürfe. In unseren Bars und Cafes kann man bas reichlich beobachten. Junge Herren, bie vor noch nicht gar zu langer Zeit das Markenkleben besorgen mußten unb bie Kopierpresse bedienten, geberben sich dort, ais ob sie von Kyritz ober Treuenbrietzcn gar keine Vor­stellung mehr hätten und auf dem Broadway in Newyork zur Welt gekommen seien. Tie Füße uni die hohen Stuhlbeine ge- schlmrgen, die Anne auf die Lehne des verkehrt gestellten Sitz- möbels geflegelt, beu Zylinder im Nacken itnb eine lange Ziga­rette zwischen den Zähuen, starren sie auf die mehr ober weniger geschmückten, aiugenklappernben Schönl-eiten hinter der Bar, bie mit ihren brillantenschimmernden weißen Hände« Cvblers unb Cocktails mischen für die Söhne des zahmen Westens hmterm Potsdamer Platz. Tenn das sind die einzigen Getränke, die ein wirklicher Gentleman nm diese Nachtstunde noch genießen darf, wenn sie ihm auch das bißck'en Verstand noch mehr um­nebeln. Tas ist and? eine Illustration zu dem glorreichen Liede Hoffmanns von PailerSleben:Deutsthland, Deutschlatw über Alles!" Ab^r nicht gerade eine erhebende. . . A. R.