Ausgabe 
28.11.1904 Erstes Blatt
 
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Petersburg, 26. Nov. In gut unterrichteten fite- sigen Kreisen nnrd erklärt, das; der Zusammentritt der Unter- suctnmgskommission beinahe überflüssig erscheine, da es bereits entsprechend den russischen Behauptungen aus;er­frage stehe, daß ein feindlicher Angriff auf die Schiffe der baltischen Motte geplant war, und daß tatsäch­lich zwei Torpedoboote gesehen wurden.

AnS der Mandschurei

Petersburg, 27. Nov. Kuropatkin meldet vom ds.: Arn 24. Nov. griffen die Japaner eine Ab­teilung bei Pinfietschen 'iu der Front imb im linken Flügel an. Monds war der Feind ü b e r a l l z n r ü ck g e w o r f e n. In der Nacht zum 25. versuchten die Japaner nochmals, die Abteilung anzugreifen, wurden aber durch das Feuer derselben zum Stehen aebracht. Arn 25. erhielt der Feind Vc r stärku n g e n. Nachdem aus Lsantchan .Hilfe einge- troffen war, begann um 11 Uhr vormittags der Kampf, zuerst aus deur rechten Flügel, sodann im Zentrum und auf bem linken Flügel gegen die Abteilung bei Pinhetscheu. Um 11 Uhr begannen die Japaner den Angriff, wurden aber zurückgeschlagen. Tie japanische Artillerie wurde von der unsrigen durch ein erfolgreiches Feuer zum Schweigen gebracht. ' Gegen 4 Uhr begann heftiges Schneetreiben bei starkem Nebel, was die Wirksamkeit der Artillerie beeinträchtigte. Unter dem Schube des Nebels gingen die Japaner wiederum zum Angriff über, doch behauptete unsere Abteilung ihre Stell­ungen. Um 7 Uhr abends endete der Kampf. Unsere Ver­luste sind gering.

Mukden, 26. Nov. (Ruft. Tel.-AgZ Tie Japaner versuchten, am Tonnerstag einige Geschähe auf dem Suan- tahfiügel aufzustellen, wurden aber zur ü ck g e s ch ln g e n. Eine 'Abteilung russischer freiwilliger Jäger besetzte das Gehölz bei Nanhansv unweit des Putilowhügels.

Petersburg, 27. Nov. (Rufs. Tel.-Aa.l Au« Mukden wird vor: heute gemeldet : Gestern wurde der f ü n i t e A n g r i f f einer japanischen B r i a a de auf Tsinchentichen zurück- a e s ch l a a e n. Ter Artilleriekampf dauert fort. Eine Abteilung General Rcnnenkamvss verlor an diesem Tage neun Tote und 57 Verwundete. Tie Umgehung unseres linken Flüaels ist mißlungen. TaS Ausbleiben von Siegen lähmt die Ener- gi e der Japaner. Gefangene, welchen scherzweise die Rück- kehr zu den ihrigen vorgesck'lagen wurde, antworteten: Bei den Russen sei es besser.

Port Arthur

Tokio, 27. Nov. (Reuter.) Gestern abend war ein all­gemeiner Angriff auf Port Arthur im Gang.. Tie Generale Nakamuro und Saito führten Abteilungen von besonders im Fechten geübten Truvven sunt Angriff 'gegen, die russischen Forts. Es entspann sich ein blutiges Gefecht Mann gegen Mann. Tas Ergebnis ist noch unbekannt.

Tokio, 27. Nov. 6i 2 Uhr abends. (Reuter.) Tas kaiser­liche Hauptauartier macht soeben folgendes, bekannt: Nachdem die vorbereitenden Arbeiten für den Angriff auf Sungschuschan und die östlich 'davon liegenden Forts nal>ezu beendet sind, wurde seit gestern nachmittag ein allgemeiner Sturmangriff ausgefübrt. Infolge des hartnäckigen Widerstandes des Feindes wurde das Ziel jedoch noch nickt erreicht. Tcr Kampf dauertnochfort.

Paris, 27. Nov. Tas ..Echo de Paris" bat bis jetzt 9950 Francs gesammelt für einen E hr e n de ge n für General Stös­sel. Außerdem soll der heldenmütigen Besatzung Port Ar­thurs eine Gedenkmedaille gestiftet werden.

Alexejew.

Petersburg, 27. Nov. (Rufs. Tel.-Ag.) Im Zusammen­hang mit der Enthebung Alereiews vom Oberkommando in Ostasien wird heute ejn kaiserliches Reskript veröffentlicht, in welchem Alexejew Befriedigung über die von. ihm als Oberkommandierenden erworbenettVerdienste ausgesprochen und ihm der Georgsorden dritter Klane ncrlieheu nnrd.

Russische Ankäufe.

Triest, 27. Nov. Eine zum Ankauf von Schiffen und Kriegsmaterial entsandte russische Militärkommission, die Gfenerab Majore Prinz Bruck und Tvlgornow und ein Oberst, ist hier ein- getrofsen und hat die Schifiswerke besucht.

Hroßöerzogs Kcöurtstag.

Bei dem am 25. dS. veranstalteten Festessen hat der Rektor Geh. Rat Prof. Dr. Vossius folgendes Telegramm an Se. Königliche Hoheit den Großherzog im Namen der Teilnehmer abgeschickt:

Tie tum Festessen im Gefellschastsverein versammelten Ver­treter der Stadt und Provinz, der staatlichen Behörden, der Geist­lichkeit, der Universität, des Offizierskorps und der Bürgerschaft entbieten Euerer Köniql. Hoheit die untertänigsten Glück- und Segenswünsche zum neuen Lebensjahr. In deren Vetretung der Rektor Vossius."

Taraus traf am SamStag mittag folgendes Tele- gramm ein:

Ter gestrigen Festverfammlung danke ich herzlichst für treues Bedenken und freundliche Wünsche. Ernst L n d m i g."

Von der Festtafel wurde übrigens auch, wie unS mit- geteilt wird, dem früheren Obersten, jetzigen Generalleutnant v. Madai ein von vielen Teilnehmern unterzeichneter Gruß nach Dessau zugesandt, wofür der darüber erfreute frühere Mitbürger in einer Zuschrift sich bedankte.

Der Kriegerverein Wieseck sandte anläßlich des Geburtstages Sr. Kgl. Hoheit ein Glückwunsch-Telegramm ab, worauf folgendes Telegramm einlicf:

Besten Dank für freundliche Glückwünsche.

E r n st 2 u d w i g."

Auch der Kriegerverein Rabenau in Londorf gratulierte und erhielt ein Danktelegramm.

Aus Stadt und Sand.

Gießen, 28. November 1904.

'* Gesellschaft für Erd- und Völkerkunde. Freitag, den 2. Dezember, abends 8 */4 Uhr, wird der dritte Vortrag der Gesellschaft stattfinden; Frau L. von Mosawetz- Dierkes wird über F in land sprechen und ihren Vortrag mit Lichtbildern begleiten.

** Ständchen. Der Bauer'sche Gesangverein brachte am SamStag seinem Ehrenmitglied Herrn Benjamin Atzbach am Vorabend seines 8 0. GeburStageS ein hübsches Ständchen. Der alte Herr, welcher dein Verein schon 31 Jahre als Mitglied angehört, dankte mit bewegten Worten und lud die Sängerschar zu einem Glase Bier ein, wobei noch manch muntere Weise ertönte.Aich nehmS noch mit Euch uff", sagte der Achtzigjährige und hielt aus bis zuletzt.

Konzert desSängerkranz". Das gestrige Konzert im Neuen Saalban hatte sämtliche aktive und passive Mitglieder des Vereins angelockt, so daß der große Saal bis auf den letzten Platz beseht war. Die Erwartung und das Jntereffe, das ganz besonders für die attniederländischen Kriegs- und Siegeslieder gehegt worden waren, er-

ftlhren keine Enttäuschung: wieviel Kraft und Schönheit liegt in diesen alten Weisen der Niederländer, die darin die ganze Frische der patriotischen Bewegung einer großen Zeit ihres Volkes fühlen lassen. Herr Franz Bauer hat der schönen und dankenswerten Idee, diese Lieder wiedererwachen gu lassen, einen vollen Erfolg verschafft, denn der Vereinschor und das Orchester (ein Teil der hiesigen NegintentSkapelle) wirkten unter seiner, des Dirigenten Bauer, Leitung sehr exakt zu- anunen, und die wuchtige Sprache ttnd dennoch sehr reiz­volle Abtönung dieser VolkSsänge kamen in vollem Maße zur Geltung. Ein Vereinsmitglied, Herr Lotz, der ein Bariton- Solo, das WilhelmSlicd, sehr hübsch vortrug, erntete den Bei- äll aller. Seine Stimme ist zwar nicht sehr umfangreich, aber ie ivar sympathisch, das heißt, sie ließ den Zuhörern die Nähe und Wärme deS künstlerisch Guten in der Komposition empfinden, ttnd daS muß bei jedetn Gelang die Hauptsache ein. Der Verein hatte aber für die gestrige Veranstaltung auch zwei wirkliche Künstler gewonnen, die bem Konzerte noch ein besonderes Interesse verliehen. Frl. Mi tau aus Frankfurt ist unS nicht unbekannt, und sie wußte sich durch ihren reinen und vollen Sopran in der Wiedergabe einiger hübscher Lieder von Carl Rorich und Peter Cornelius die volle Anerkennung aller Zuhörer zu gewinnen. Der Tenorist Herr Möller auS Marburg sang eine Cavatine au§ der Oper ^Margarethe" von Gounod unb ferner drei Lieder von Rich. Strauß, A. Bungert und E. Hildach. Gerade in den schlichten Liedern trat eS hervor, wa§ den gestrigen großen Erfolg deS Sängers auSmachte: die Weichheit deS Ansatzes und die Reinheit der Stimme in der Wiedergabe der leisen und intimen Stellen, während in den Höhenlagen die großen Mittel und der Umfang der Stimme die geschulte Weichheit um ein Weniges vermissen ließen. Herr Müller mußte sich auf den Wunsch der Zuhörer auf eine Zugabe verstehen. DaS Orchester erntete für eine Fantasie in G-moll von Franz Bauer reichen Beifall, lieber den Vortrag des gemischten ChorS mit Or- chesterbegleitung und Solopartien für Sopran (Fräulein Mi tau) (Finale miß der unvollendeten Oper Loreley" von Mendelssohn - Batholdy) war man allgemein der Ansicht, daß die Darbietung von guter Einstudiernng zeugte und dem Dirigenten, Herrn Bauer, einen recht guten Erfolg einbrachte. Die ganze gestrige Veranstaltung hatte einen durchaus glücklichen und schönen Verlauf genommen.

* Zum Theater- und Saalbauprojekt. Man teilt uns mit, dckß der am SamStag abend versammelte Bau- und Finanzausschuß de§ Komitees auf Antrag des ProfefforS Dr. Fromme hin beschloßen hat, das; alle von Seiten eines Komiteemitgliedes etwa beabsichtigten Zeitungs-Veröffent­lichungen vorher einem Ausschuß, bestehend au§ den Herren Heichelheim, Haubach, Spengel und Fromme, vorzulegen sind.

* * Besitzwcchsel. Heute ging da8 Haus der Frait Ehr. Noll III. Wtw. hier, Kanzleiberg Nr. 5, an Herrn Heinr. Rusch zum Preise von 52000 Mk. über.

Ein Ausreißer. Ein junger Mensch au§ Halle a. S. hatte ohne Grund das Elternhaus am 1. lf. MtS. verlaßen und sich, den Lockungen eines FreundeS folgend, zu diesem nach Frankfurt a. M. begeben. DaS von zu Hause mitge­brachte Kleingeld ging rasch zur Neige, der Freund, ein Aus­hilfskellner, hatte auch nichts mehr, und so suchten die beiden in verstoßener Woche in Gießen in einem Hotel Unterkunft. DaS von den; Hallenser telegraphisch erbetene Geld blieb auS, aber an deßen Stelle erschien gestern morgen der gestrenge Herr Vater und löste sein Söhnchen au§. Der Freund und Verführer deS jungen Mannes aber wurde verhaftet und hat sich wegen ZechbetrugS und Fühning falschen Namens zu verantworten.

* Verunglückt. Der städtische dlrbeiter H. Wall- bort erlitt am Samstag vormittag einen schweren Unfall. Mehrere Arbeiter waren an der städtischen Wasserleitung im Walde bei Annerod beschäftigt. Der Arbeiter W. sollte in einem Eimer in den etwa 10 Meter tiefen Schacht gelaßen werden. Unterwegs zerriß das Seil und W. stürzte in die Tiefe. E§ gelang mit vieler Mühe, den laut Jammernden aus dem engen Schacht zu bringen. Außer einem kompli­zierten Beinbruch und vielen Hautabschürfungen hat er schwere Beschädigungen erlitten. Seine Ueberführung in die Klinik erfolgte sofort. Der Verunglückte ist 33 Jahre alt, verheiratet und stammt aus Garbenteich.

* *Ein Militärkonzert der Kapelle des Ulanen- Regimeuts Nr. 6 aus Hanau findet heute abend im Neuen Saalbau statt, worauf nochmals hingewiesen sei.

Im Dusel. Am vergangenen preußischen Buß- und Bettag machten sich, wie man uns erst heute erzählt, einige Hessen-Nassauer zu Nutze, um in einer Stadt bei gutem Wein Erholung zu suchen. Auf ihren Irrfahrten gelangten sie in ein Lokal, wo getanzt und musiziert wurde. Es gefiel ihnen ausnehmend gut und Mitternacht war es schon, als sich ihre etwas ungleichmäßigen Schritte den heimischen Penaten zu- wandten. Vor ihrem Dorfe suchte der eine seinen Haus­schlüssel in der Tasche deS Ueberziehers. Der Schlüssel fehlte, aber dafür stack ein unbekanntes Taschentuch darin. Bei einem aufflackernden Zündhölzchen gewahrte er, daß er einen falschen Ueberzieher auf dem Leibe hatte. Jetzt bemerkte auch der andere, daß er ebenfalls einen ihm unbekannten Ueber­zieher, in dem sich ein Schlüssel befand, angezogen hatte. Rasch entschlossen nahmen sie den eine Stunde weiten Weg noch einmal zwischen die Beine nach dem Lokal zurück, wo sie sich die fremden Ueberzieher in der Eile angeeignet und sie die eigenen gelassen hatten. In dem Vergnügungslokal sahen sie beim hellstrahlenden Lichte, daß jeder des anderen Ueberzieher trug. Lachend fanden sie sich in ihr Geschick, tranken noch auf den Spaß hin einige Gläschen und ließen sich beim Morgengrauen per Chaise heimfahren.

* * Die Gesetzsammlung für das Großher­zogtum Hessen ist int Verlage von I. Tiemer in Mainz jetzt erschienen und zwar zunächst der 1. Band, umfassend die Jahre 1819 bis 1874 gebunden zum Preise von 10 Mk. Die Sammlung bringt in dem jetzt geltenden Wort­laut alle im Hessischen Regierungsblatt, sowie im Kirck^en- verordnungsblatt veröffentlichten Gesetze, Verordnungen,, Bekanntmachungen usw. in zeitlicher Folge. Wie im Vor­wort erwähnt, ist auf die Beziehungen der einzelnen Ge­setze zu einander besonderer Wert gelegt. Zahlreiche An­merkungen und Verweisungen bieten demjenigen, der die Sammlung in Benutzung nimmt, eine vorzügliche Unter- stützung. Schon längst war das Bedürftns nach einer solchen

Zusammenstellung in allen Kreisen rege geworben. träge in der 2. Kammer wollten die Regierung veranlassens eine Durcharbeitung des umfangreichen Materials Vorzug nehmen. Auf gesetzgeberischem Gebiete wurde ja bei unS in Hessen im letzten Jahrzehnt großes geleistet; das Ver- "tändnis der Gesetze aber erschwerte durch die vielfachen Ergänzungen und Abänderungen. Tie Herausgeber der vor­liegenden Sammlung Rechtsanwalt und Notar Reh, Slmts- richter Dr. Heyer und Gerichtsassessor Gros in Als­feld haebn trotz der Fülle des Stoffs die Sichtung in! glücklicher Weise bewirkt. Wir können die Mschaffnng des Werkes jedem, sei er Laie oder Fachmann, nur empfehlen; er wird finden, daß die Sammlung das ist, was sie sein! soll, ein Wegweiser für die hessische Gesetzgebung. Gleiche Sammelwerke existieren bis jetzt, soweit uns bekannt, nur in Preußen kund Sachsen.

-sv Watzenborn-Steinberg, 27. Nov. Unser neuetz Schulgebäude wurde heute in Gegenwart des Kreisamt- mannes Dr. Kranzbühler, des Kreisschulinspektors Kleinschmidt, des Baurats Diehm und de§ Kreisstraßenmeisters Rohrer ein« geweiht. Der Bau enthält vier geräumige Schulsäle.

(!) Leihgestern, 27. Nov. Am Freitag früh starb der langjährige Bürg erm ei st er Joh. Heß und am selben Tage, abends, wurde sein 37 Jahre alter Sohn zum neuen Bürg er in eist er mit 140 Stimmen gewählt. Seit ca. 65 Jahren ist das Bürgermeisteramt in derselben Familie; der Großvater des jetziaen Bürgermeisters war zirka 30 Jahre, der Vater fast 36 Jahre Bürgermeister. Heute fand die Beerdigung des Bürgermeisters Joh. Heß unter großer Beteiligung statt. Vor mehreren Wochen legte er infolge schwerer Krankheit das Amt nieder; er war 69 Jahre alt.

8. Bingen, 26. Nov. In letzter Nacht wurde von einem Rangiermeister und dem diensttuenden Stationsbeamten im hiesigen Rangierbahnhof an den städtischen Lagerhallen verdächtiges Geräusch vernommen. Die Beamten entdeckten, daß sich jemand in dem Lagerschuppen einer hiesigen Firma zu schaffen machte. Der diensttuende Beamte sorgte sofort für Verstärkung, um die Halle von allen Seiten zu umzingeln. Inzwischen wurde der Einbrecher fertig, lud die geraubten Kisten u. s. w. auf seinen mitgebrachten Karren, um damit nach Hause zu fahren. Er wurde sodann fest­genommen und der inzwischen herbeigerufenen Polizei über­geben. Der sehr dreiste Dieb entpuppte sich als ein Kauf­mann von Bingerbrück, der früher bei derselben Firma be­schäftigt war. Allem Anschein nach hat der Einbrecher dieser Halle schon mehr nächtliche Besuche abgestattet.

RB. Darmstadt, 27. Nov. Der Landesausschuß der nationalliberalen Partei war heute im Saal der Stadt Pfungstadt" zu einer längeren Beratung versammelt; auch zahlreiche Abgeordnete der Partei, auS Oberhessen waren die Herren Jean Kirch und W i m m e n a u e r - Gießen, Justizrat Dr. Windecker-Friedberg u. a. vertreten. Zunächst hielt Stadtverordneter Wolfßkehl eine sehr instruktive Rede über daß neue Kommunalsteuergesetz. Der Redner legte die drei Besteuerungsarten des Gesetz, Grundsteuer, Gewerbesteuer und Kapitalsteuer näher dar unp betonte, daß dem viesachen Verlangen nach dem Abzug der Schulden bei der Besteuerung nicht entsprochen werden könne, da hierdurch für die Gemein­den ein zu großer Steuerausfall entstehen würde, der dann auf andere Weise gedeckt werden müßte. Eine Verminderung iSrer Einnahmen auS den Steuererträgnißen könnten die Ge­meinden angesichts der immer größer werdenden Lasten für Schulen, Polizei 2C. unter keinen Umständen ertragen. Es sei auch kein deutscher Bundesstaat vorhanden, in welchem bei der Gemeindebesteuerung die Schulden in Abzug gebracht würden. Redner beleuchtet dann die einzelnen Bestimmungen deS neuen Gesetzentwurfes näher und rügt g. B., daß bei der Gewerbesteuer keine Rücksicht auf den Ertrag de§ Betriebes genommen werde. Die Erhebung einer Wertzuwachssteuer sei sehr am Platze. Rechtsanwalt Ca lmann-Alzey schloß sich als Korreferent in der Erhebung einer Wertzuwachssteuer seitens der Gemeinden dem Vorredner vollständig an. Im übrigen enthielt die neue Vorlage so viele tiefgreifende Um­wälzungen hinsichtlich der bisherigen Gemeindebesteuerung, daß eine sehr gründliche Prüfung ein dringendes Erfordernis fei. Ein altes Sprichwort sage: Alte Steuer gute Steuer, neue Steuer schlechte Steuer. Wenn man nichts besseres un seine Stelle zu setzen habe, sollte man lieber das alte Gesetz bei­behalten, in da8 sich die Bevölkerung eingelebt fiabe.. Bei der Gewerbesteuer würden nach dem neuen Gesetz die kleineren Handwerks- und Gewerbebetriebe sehr entlastet werden zu ungunsten der Rentner, in Gonsenheim z. B. fast um Vs > die Besteuerung deS Gewerbes nach dem Bruttokapital sei un­gerecht, denn darnach würden alle Betriebe mit wenig Kapital/ wie Kommissionsgeschäfte, Agenturen, Immobilienmakler 20. fast ganz steuerfrei werden, auch ein großer Teil der Mainzer Weinhändler, und daL seien doch gerade diejenigen Geschäfte, welche die Steuer am leichtesten ertragen könnten. Man sollte deshalb ähnlich, wie in Preußen, bei der Gewerbesteuer Kapital und Ertrag des Betriebes in Anschlag bringen. Mit besonderer Schärfe sprach sich der Redner gegen die den Ge­meinden im Gesetz zugestandene Steuer-Autonomie an8, die zu den ärgsten Mißständen führen könne. Nach den beiden, mit lebhaftem Beifall aufgenommenen Referaten beschloß die Versammlung auf Antrag des ReichStagSabg. Graf Oriola, einen Ausschuß von sechs Mitgliedern zu wählen, welcher sich um drei Fraktionsmitglieder verstärken und die neue Vorlage einer gründlichen Beratung unterziehen soll. Zu Mitgliedern dieses Ausschusses wurden gewühlt' die Herren Wolfskehl, Calmann, Dr. Buff, Dr. Windecker, Bürgermeister Uhlmann- Nieder-Erlenbach und Koch-Neu-Jsenburg. Bei der Neuwahl des geschäftsführenden Ausschusses wurden die bisherigen Mitglieder wieder gewählt; verstärkt wurde derselbe noch durch die Abg. Dr. Buss und Stöpler. Die übrigen Gegenstände der Beratung, die sieh bis nach 3 Uhr ausdehnte, waren interner Natur.

Frankfurt, 25. Nov. Auf Grund einer HeiratS- annoncc machte ein Mann, der angab, Hermann Rej^he zu heißen und Straßenbauinspektor in Fulda sein wollte, hier die Bekanntschaft einer vermögenden Dame. Bald folgte die Verlobung und der angebliche Hermann Reiche wußte seine Braut zu bewegen, für einen Hausankauf von ihrem Vermögen Mark 1 2 000 bei der Bank ab zu heben. Beide traten nach Erhebung der Summe gemeinsam den Weg zur Wohnung der Dame an. Unterwegs überredete er sie, den größeren Sicherheit halber ihm das Geld zum Tragen gu]