Nr. 143
Zweites Blatt
Samstag 28. Mai 1904
Gießener Anzeiger
Erscheint täglich mit Ausnahme des Sonntags.
Die „Giehener Zamilienblärter- werden dem „Anzeiger viermal wöchentlich beigelegt. Der -hessische Landwirt' erscheint monatlich einmal.
154. Jahrgang
Rotationsdruck und Verlag der Brühl'scheu Universitätsdruckerei. R. Lange, Dießen.
Redaktion, Expedition ».Druckerei: Schulstr.?.
Tel. Nr. ÖL Telegr.-Adr. i Anzeiger Gießen.
General-Anzeiger, Amt;- und Anzeigeblatt für den Kreis Eichen.
Are tyeutiQe Kummer umfaßt 14 Seiten.
Politische Tagesschau.
Nochmal« die Lehre von der Reichsauflosnng.
Als Antwort auf einen Artikel „Bundesrat und Reichstag, den Professor Anschütz in der „Tägl. Rundschau" veröffentlichte, erließ Geheimrat v. Jagemann, von dessen Staatsstreichtheorie wir unlängst an dieser Stelle ausführlich sprachen, eine von uns veröffentlichte Erklärung, in der er Anschütz „Unvollständigkeit" vorwarf, weil er es unterlassen habe, bei der Kritik der Jagemannschen Theorie auch über deren „praktischen Ziele" aufzuklären. Gegen diesen Vorwurf wendet sich jetzt wieder Professor Anschütz in einer Erwiderung, der die „Südwestd. Korr." folgende Sätze entnimmt:
„Daß die radikal-föderalistische Reichstheorie, für welche £>err b. Jagemann zwar nicht als Erfinder, aber als literarischer Impresario verantwortlich zeichnet: Die Lehre von der Auflösbarkeit des Reiches durch einseitigen Akt der verbündeten Regierungen, nicht nur aus Freude an der reinen Theorie, sondern aus politischem Schaffensdrang aufgestellt worden war, sah jeder nicht ganz Harmlose. Bloßen Doktorsragen pflegt ein so vielerfahrener, gewiegter Praktiker des Staatsrechts keinen Geschmack abzugewinnen: wer wollte es ihm verdenken? Und wenn dieser Praktiker in seinem Buche (S. 30, 46) auch versichert, seine Reichsauf- lösungslehre sei ,.rein akademisch und theoretisch", so dürfen wir das wohl mehr als eine, gewiß nicht unerlaubte, faoon de parler auffassen, eine Auffassung, die von Herrn v. I. in dankenswerter Weise bestätigt wird, indem er jetzt selbst auf die „praktischen Ziele" seiner Theorie nachdrücklich mit dem Finger weist. Sicher: aus der Lehre, die in unserem Reiche einen nicht „ewigen" (Eingangsworte der Reichsverfafsung), sondern einen bis auf weiteres, rebus sic stantibus, unter der Voraussetzung andauernden Wohlverhaltens der Reichstagsmehrheit und auch noch der Reichstagsminderheit (der die Obstruktionslust äusgetrieben werden foTD, geschlossenen Bundesvertrag erblickt, — aus solcher Theorie sprach nicht der junge Akademiker, sondern der alte Praktiker, der nickt so sehr auf den Intellekt der Vielzuvielen, sondern auf den Willen der Wenigen, aber Maßgebenden einwirken möchte. Eben um dieses Ursprungs willen erlaubten wir uns, jene Theorie so ernst zu nehmen, wie geschehen.
Die „praktischen Ziele" sind von mir nicht verhüllt, sondern gezeigt worden. Es handelt sich ganz einfach darum, im Voraus („zunächst für die Schublade" wie Herr v. I. beruhigend versichern läßt) eine .juristische" Begründung zu liefern für die Durchführung organischer Aenderungen (gedacht ist wohl in erster Reihe an solche in Bezug auf Formation und Zuständigkeit des Reichstags) ohne und wider WiNen des Reichstags.
Entspricht die Jagemannsche Reichstheorie wirklich, was hier mit aller Entschiedenheit nochmals verneint sei, dem Sinne der Reichsverfassung, dann darf und kann keine der Folgerungen abgelehnt werden, welche mit dem Wesen der rein vertragsmäßigen, nicht zur Staatlichkeit gesteigerten Bundesverhältnisse mm einmal untrennbar verbunden sind. Dann gilt für den „ewigen Bund" der deutschen Staaten das Völkerrecht; dann gilt die von Herrn v. I. gezogene Konsequenz, daß die „Ewigkeit so lange dauert, als es dem einstimmigen Gutfinden der Verbündeten beliebt."
Die Besteuerung des unverdienten Wertzuwachses.
S. W. K. Augenblicklich lieaen in zwei süddeutschen Staaten, in Bayern und Baben, den Kammern Anträge auf eine Besteuerung des unverdienten Wertzuwachses vor. Eine derartige Besteuerung entspricht der Forderung der Gerechtigkeit: einen Teil der Wertsteigerung des immobilen Besitzes, soweit jene die Folge wirtschaftlicher Maßnahmen der Stadtgemeinde und nicht auf das
Verdienst des Besitzers -urückzuführen ist, der Allgemeinheit wieder zufließen zu lassen.
Betrachtet man die finanzielle Lage der Städte — das gilt bekanntlich auch 'für Gießen — so kann man die Beobachtung machen, daß trotz steigenden Wohlstandes die Steuereinnahmen weit hinter den großen Anforderungen zurückbleiben, die in der mannigfachsten, vor allem in hygienischer Beziehung an unsere Städte gestellt werden, und daher die Schuldenlast derselben immer mehr anschwillt. Einer der Gründe sür diese Erscheinung scheint im folgenden zu liegen: Bei einer Reihe großer Aufgaben, vor welche unsere Städte sich heute gestellt sehen, wie Kanalisation, Schulbauten. Straßenbahnen usw. bringt häufig der Ertrag dieser Unternehmungen die Verzinsung und Amortisation der Ausgaben nicht aus; ihr Ertrag kommt vielmehr in Form einer Wertsteigerung der anliegenden Grundstücke einzelnen Privaten zugute. Tie Folge davon ist, daß die Verzinsung oft aus den allgemeinen Steuermitteln gedeckt werden muß.
Bei Straßenbahnen findet man heute vielfach, daß unter einen bestimmten Tarif nicht herobgegangen werden kann, weil sonst die Verzinsnna der Bahn eine unzureichende wäre, ja daß oft, wie z B. neuerdings in München, aus diesen Gründen der Tarif eine Erhöhung wieder erfährt. Würde in Form einer Wertzuwachssteuer oder, wie jetzt in Baden, durch eine Besteuerung des Grund und Bodens nach dem Verkehrswerte ein Teil der durch die Vahnanlage geschaffenen Werte der Stadt wieder zusließen, so würde sich zweifellos auch eine weitere Verbilligung der Tarife durchführen lassen. Denn rechnerisch müßten derartige Einnahmen, die der Stadt aus durch Straßenbahnen geschaffenen Mertsteigerungen entstehen, den Einnahmen der Bahn zuzurechnen sein. Auch in dem der bayerischen Kammer vorliegenden Antrag wird auf die enge Verbindung der Besteuerung des unverdienten Wertzuwachses in der Weise Bezug genommen, daß beantragt ist, daß die aus der Steuer der Stadt zufließenden Einnahmen u. a. vornehmlich zur Förderung des Wohnungswesens und zu Wohnungszulagen für staat- liche Beamte und Bedienstete'verwandt werden sollten. Für wirkungsvoller gegenüber der Wohnungsnot als dieses, scheint uns jedoch ein durch die Steuer ermö- lichter Ausbau des städtischen Verkehrswesens mit möglichst billigen Tarifen nach den Vororten hin zu sein.
Aer Aufstand in Aeutsch-Südwestafrika.
Man meldet aus Windhuk: Bei dem am 24. Mai erfolgten Vorstoße des Majors v. Estorfs auf Otjomasu, das er besetzt fand, überraschte er den Feind, der sich anfangs tapfer verteididte, dann nach allen Seiten auseinander wich und dabei sechs Tote zurückließ, darunter den Großmann Kaimuner. Diesseits sind gefallen: Kriegsfreiwilliger Lucier aus Paris, Richard Spindler aus Leubus bei Breslau, beide der ersten Kompagnie angehörend. 100 Stück Kleinvieh wurden erbeutet.
Von Pater Nachtwey ist aus Okahandja in Osnabrück eine Meldung eingetroffen, in der es heißt: Als Feldgeistlicher habe ich an zwei sehr schweren Gefechten gegen die unmenschlich blutdürstigen Herero am 5. und am 11. April teilgenommen. Noch nie hat man in Südwestafrika einen solchen Kanonendonner gehört, als am 11. d. M., wo
wir ein zehnstündiges Ringen mit den Schwarzen auszuhalten hatten. Wir hatten 14 Tote und eine Anzahl Verwundeter.
Wie man in informierten Kreisen annimmt, ist vor Ablauf eines Jahres die Beendigung der militärischen Operationen und vor anderthalb Jahren der Eintritt völlig normaler Zustände in Südwest-Afrika nicht zu erwarten. In der Militär- Werkstätte Spandau herrscht zur Zeit ein reges Leben. Man hat alle Hände voll zu tun, um Proviant, Munition und Ausrüstungs-Gegenstände für unsere Truppen in Deutsch- Südwestafrika fertig zu stellen.
Ans Stadt und Land.
Gießen, den 28. Mai 1904.
* ' Lahnkanalisation. Ain 25. Mai fand im Rathaussaale zu Ems eine Vorstandssitzung des Lahnkanal- Vereins statt, zu der auch verschiedene Gäste erschienen waren. Es wurde beschloßen, die unterm 2. Mai an das preußische Abgeordnetenhaus gerichtete Eingabe, betreffend Aufnahme der Lahnkanalisation in die wasserwirtschaftliche Vorlage, dadurch wirksam zu ergänzen, daß alle in Betracht kommenden Gemeinden des Lahngebietes um ihre Zustimmungserklärung gebeten werden sollen, und die diesjährige Hauptversammlung des Lahnkanal-Vereins ist auf Sonntag den 26. Juni d. I., nachmittags 3 Uhr, nach Limburg anberaumt. Ferner wurde Baurat Roeder in Diez die Ausarbeitung des neuen Projektes, dessen Fertigstellung nach Möglichkeit beschleunigt werden soll, endgiltig übertragen. Mit großer Genugtuung nahm die Versammlung davon Kenntnis, daß der nassauische Kommunallandtag sich entschieden für eine baldige Kanalisation der Lahn ausgesprochen und beim Landesausschuß die Bewilligung einer Beihilfe zu den Kosten des neuen Projektes befürwortet hat. Es wurde noch berichtet, daß auch die hessischen Jntereffenten nunmehr lebhaft in die Agitation für die Lahnkanalisation eingetreten sind. Am 18. Juni findet in Gießen eine öffentliche Versammlung statt, in der Herr Baurat Roeder einen Vortöag über die Lahnkanalisation halten wird. Inzwischen ist bekannt geworden, daß der Minister der öffentlichen Arbeiten die Wafferbauinspektion Diez beauftragt hat, bis zum 1. August ds. IS. festzustellen, ob der Ausbau der Lahn zu einer Wafferstraße im Sinne der von dem Lahnkanal-Verein verfolgten Bestrebungen sich mit einer Summe von 10—12 Millionen Mark bewirken läßt. Die nächste Vorstandssitzung des Lahnkanal-Vereins soll in Nieder- Lahnstein stattsinden.
* * Der Fernsprech-Anschluß der Burg Gleiberg mit Gießen ist von der Postbehörde genehmigt worden, und er wird in den nächsten Wochen zur Ausführung kommen.
* * Nachfeier. Bei der morgigen Nachfeier des 20- jährigen Stiftungsfestes des Maschinenbauer- Gesangvereins werden am Abend in der Festhalle Gesang- und Musik-Vorträge abwechselnd genußreiche Unterhaltung bieten und einen würdigen Abschluß auch der Nachfeier des regen Vereins bilden.
* • Großfürst Wladimirowitsch. Das Befinden des Großfürsten Cyrill Wladimirowitsch von
Siduey-Sirrgapore via Amtsch-Keu-Kuinea.*)
Reise-Notizen von E. T. (1904).
Die Abfahrt des im Vorjahre neuerbauten Norddeutschen Lloyddampfer? „Prinz Siqismund" von Sydney nach Singapore, war auf den 3. März 1904, nachmittags 6 Uhr angesagt. Reichlich eine Stunde vorher zeigte der Lloyd-Kai in Sydney reges Leben. Der Umstand, daß sich am Schiff zwischen Passagieren und Besuchern eine Bedienungs- und Besatzungsmannschaft von Chinesen, Malayen und Indiern bewegte, sprach dafür, daß es sich um eine Reise durch tropische Gewässer handelte. Das Deck des weiß- qesirichenen, blitzblanken Schiffes war mit Abschied nehmenden Besuchern, deutscher und englischer Nationalität überfüllt, unter ihnen der deutsche Generalkonsul v. Buri (ein geborener Gießener), der östreichische Generalkonsul Baron v. H. und andere, die unter den Passagieren Bekannte hatten. Die Schiffskapelle des nebenan liegenden Dampfers „Prinzregent Luitpold" spielte schöne Weisen, und als sich unser stattliches Schiff punkt 6 Uhr langsam vom Strande entfernte, erklang das Lied „Muß ich denn, muß ick denn" rc., dem das deutsche Nationallied und ein noch lang anhaltendes Zurufen und Tücherschwenken folgten.
Erst seit einigen Monaten sind an Stelle der bisherigen Dampfer „Aettin", „Tanglin" die vom Norddeutschen Lloyd speziell für den Tropendienst erbauten Dampfer „Prinz Waldemar" und „Prinz Sigismund" getreten, die mit allem Komfort der Neuzeit versehen sind und die Tropenfahrt zu einer willkommenen Erholungsreise gestalten. Jede der geräumigen, zwei- bettigen Kajüten ist mit zwei Fenstern, einem elektrischen Fächer, zwei Waschvorrichtungen und einem Schrank versehen. Die Speise-, Damen- und Rauchsalons sind hell und luftig, liegen auf dem oberen Promenadendeck und haben je drei bis fünf elektrische $ÖC$2>ie Führung des 3300 Tonnen großen Doppelschrauben- dampfers „Prinz Sigismund" — Maschinenkraft 2100 Pferde —, hat der liebenswürdige Kapitän Lenz, dem 20 Europäer als Besatzung, 25 Chinesen als Bedienung, 20 Malayen als Deckhände und 32 Indier als Heizer unterstehen. Für das leibliche Wohl der Europäer an Bord sorgen deutsche Köche; dagegen haben sowohl Chinesen wie Malayen und Indier ihre eigenen Küchen und Speisezubereitungsweisen.
Unser Reisepublikum bestand zur Mehrzahl aus Deutschen und Deutsch-Oesterreichern, sowie einer Anzahl englischer und australischer Touristen, die teils Japan, teils Europa besuchen wollten und für den gewählten längeren Seeweg durch den interessanten Besuch des Bismarck-Archipels, Neu-Guineas und
*) Aus unserem Leserkreise wurde uns von sehr geschätzter Seite die sehr interessante Schilderung einer Reise in der Südsee zur Veröffeutlickung freundlichst zur Verfügung gestellt, mit deren Abdruck wir heute beginnen. .
D. Red. des Greß. A n z. wiederländisch-Jndiens Entschädigung zu finden hofften.
Nach kaum zweitägiger Küstenfahrt erreichen wir die Mündung des Brisbane Rivers, wo wir zirka 22 Meilen von Brisbane entfernt, — wegen der daselbst herrschenden Beulenpest —, vor Anker gehen müssen und leider die Hauptstadt Queenslands nicht besuchen können. — Am 5. März vormittags wenden wir uns nordwärts zwischen dem 170. und 173. Längengrade; bald wird das Meer ruhig und llar wie ein Spiegel: eine kleine Abwechslung bieten Delphine, die lustig aus dem Wasser springend mit uns um die Wette schwimmen, sowie fliegende Fische, die dem Schwalbensluge ähnlich, dicht über der Meeresfläche hinschweben.
Die Luft und das Seewasser werden täglich wärmer, und bald zeigen beide 26 bis 28 Grad Celsius mit geringfügigen Schwankungen.
Das Farbenbild des stahlblauen Wassers und des Untergangs der Trovensonne erschien mir prächtiger, als ich es wiederholt im Roten Meer und im Jndiscken Ozean beobachtet habe..
Nachdem wir die Adele-, Rossel- und Langhlan-Gruppen, sowie eine Anzahl kleinerer Korallen-Jnseln passiert haben, sichttgen wir am 7. Tage nach unserer Abfahrt von Brisbane die Vulkan- Gipfel der nordöstlichen Küste von Neu-Pommem (früher Neu- Britaiu genannt) und anfern bald auf der Reede von Herberts- Höhe, dem jetzigen Sitz des Gouverneurs vom Bismarck-Archipel und Dentsch-Neu-Guinea. Die Hauptinseln des dem Gouverneur Dr. Hahl unterstehenden deutschen Südsee-Besitzes sind: Neu- Pommern mit Matupie, Neu-Mecklenburg, Neu-Hannover, Neu- Lauenburg, St. Mathras-Jnseln, French-Jnseln, die Admiralitätsund Salomons-Gruppen, sowie Deutsch-Neu-Guinea, dessen Verwaltung die Reichsregierung am 1. April 1899 von der Neu- Guinea-Kornpagnie (Berlin) übernahm und ihm den Namen Kaiser Wilhelmsland beilegte. Tie Reede von Herbertshöhe ist der vielen Korallenriffe wegen sehr gefährlich und ähnelt derjenigen von Apia, wo 1888 mehrere deutsche und amerikanische Kriegsschiffe und mit ihnen viele wackere Seeleute einem Orkane zum Opfer fielen. Die Regierung im Verein mit dem Norddeutschen Lloyd beabsichtigt daher, Verwaltung wie Anlegeplatz weiter nördlich zu dem vortrefflich geschützten Simpson-Hasen zu verlegen, woselbst der Lloyd einen Pier baut. (Fortsetzung folgt)
— Beethoven und der hessische Hof. In der Darmstädter Hofbibliothek hat der Bibliothekar Dr. Sckmidt drei interessante Briefe Beethovens gefunden. Sie hatten Bezug auf die Herausgabe der „Missa Solemnis", auf welche der Großherzog von Hessen 1823 subskribiert hatte — mit noch anderen sechs Subskribenten. Die Briefe gehörten wahrscheinlich dem Großherzog Ludwig L und werden, wie eine englische Wochenschrift — wohl nach deutscher Quelle — meldet, dem Großherzoglichen Hansarchiv einverleibt werden. Im ersten, vom 5. Februar 1823 datierten Briese, drückt Beethoven die Hoffnung aus, der Großherzog möge doch auf die Messe unterschreiben, für die er „die bescheidene Summe von 50 Dukaten" verlangt. Gerade wie in einem bekannten Briefe von Zelter, der am 8. Februar 1823 geschrieben ist, erwähnt Beethoven,
daß die „Missa Solemnis" auch als Oratorium aufgeführt werden könne. Der zweite Bries ist an den Großh. Privatsekretär Schleiermacher gerichtet: Beethoven freut sich, daß sein Gesuch nickt „zudringlich" gefunden wurde. Der dritte Bries vom 2. August 1823 geht ebenfalls an Schleiermacker und dankt für die vom Großherzog ihm tirttriefene Ehre. Es findet sich darin Interessantes über den Erzherzog Adolf von Oesterreich und die beiden Darmstädter Hofkapellmeister L. Schlösser und Andr6. Beethoven war offenbar besorgt, Andrö könnte einen ungünstigen Bericht über ihn machen. Andr6 habe sich so gegen ihn benommen, daß er (Beethoven) verweigert habe, jenen zu empfangen. „Ich hätte dies nicht getan", schreibt Beethoven, „wenn ich damals gewußt hätte, daß er in Seiner Königlichen Hoheit Diensten stand."
Berlin, 27. Mai. In Kunstkreisen erregt die Eröffnung eines neues Kunstsalons im Westen Berlins größeres Interesse. Derselbe ist von den Herren Fischel und Pick ins Leben gerufen und stellt eine große Anzahl Gemälde und Skulpturen alter und neuer Meister sowie orientalische Teppiche zur Schau.
Braunschweig, 27. Mai. Das hiesige Hoftheater befindet fick seit zwei Jahren im Umbau, welcher Ende September beendet sein soll. Hierbei sind die Ko ft en von 380 000 Mark überschritten worden. Infolgedessen hat die Regierung dem Landtage eine Vorlage zugehen lassen, worin dieser ersucht wird, zur Deckung der überschrittenen Kosten einen Zuschuß von 272 500 Mark zu bewilligen. Der Gesetzentwurf wird dem Landtage schon in nächster Woche zugehen.
München, 27. Mai. Das Zentralkomitee der 9. Internationalen Kunstausstellung in Münchest 1905 beschloß, 1905 zur Ehrung des verstorbenen Meisters Franz Lenback eine im größten Maßstabe gedachte Ausstellung von Bildern L e n b a ch s zu veranstalten, welche das ganze Lebenswerk des großen Künstlers umfassen soll.
Stuttgart, 27. Mai. Die 10. Landesversammlung der internationalen kriminaliftischenVereinigunghat heute nach Referaten über die Reform des Vorverfahrens den Antrag des Landgerichtsrats Kuhlemann-Braunschweig angenommen, nach dem die Voruntersuchung nicht abgeschafft, sondern reserviert werden soll und zwar u. a. dadurch, daß die Vorbereitung möglichst in eine und dieselbe Hand kommen und dem Untersuchungsrichter die Entscheidung über die Eröffnung des Haupt- verfahrens übertragen werden soll. Da im Jahre 1906 in Hamburg ein Kongreß der internationalen kriminalistischen Vereinigung stattfindet, soll im nächsten Jahre die Versammlung der deutschen Landesgruppen ausfallen.
Kopenhagen, 27. Mai. Die Tuberkulose-Konferenz sandte an die deutsche Kaiserin als Protektorin der Konferenz und die Staatsoberhäupter der vertretenen Länder Huldigungstelegramme. Die Verhandlungen begannen heute mittag nach einer feierlichen Eröffnungsrede des Konseilpräsidenten Deuntzer. Professor Brouardel-Paris führte den Vorsitz. Der Kronprinz und die Prinzen von Dänemark statteten später der mit der Konferenz verbundenen Tubcrkulosenausftelluirg einen Besuch ab.


