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Nr. 133
Drittes Blatt
Gießener Anzeiger
Erschein« täglich mit Ausnahme deS Sonntags.
General-Anzeiger, Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen
denkt an mich!"
(„Jugend".)
Redaktion, Expedition u.Druckerei: Schulstr.?.
Tel. Nr. 61. Telegr.-Adr.; Anzeiger Gießen.
Die „Gießener Familienblätter" werden dem .Anzeiger viermal wöchentlich beigelegt. Der „hessische Landwirt" erlcheint monatlich einmal.
154. Jahrgang
SicherSettszustände auf ZLerliner Kisenbuhnen.
Aus Berlin, 26. Mai, wird uns geschrieben:
Tie TötungeinesBahnbeamten auf dem Dahn- yos Alexanderplatz, einem der verkehrsreichsten Berlins, hat weithin Aufsehen erregt und die Sicherheitszustände in der Reichshauptstadt in eine wenig vertrauenerweckende Beleuchtung gerückt. Jetzt sieht man auf jenem Bahnhof einen Schutzmann patrouillieren. Wenn die Behauptung einer Berliner Zeitung zuträfe, daß die Eisenbahnverwaltung der Berliner Kriminalpolizei nur drei Freifahrtkarten für die regelmäßige Ausübung des Dienstes zur Verfügung stelle, dann würde allerdings die Häufigkeit roher Ausschreitungen im Berliner Stadtbahn^ und Vorort-Verkehr nicht verwundern können. Heute abend enthüll die „Tages- ztg." wieder eine Mitteilung, wonach sogar in der z w e i t e n blasse Rowdies Mitreisende Damen in empörender Weise belästigt und beleidigt haben. Dies geschah in einem der zwischen Potsdam und Berlin, auf der sogenannten Stammbahn, verkehrenden Züge. Diese Strecke wird auch die „Hoflinie" genannt; Mitglieder des kaiserlichen Hauses, hohe Beamte und Offiziere benutzen täglich diese Zugverbindung. Wenn also schon in solchen, mit der größten Aufmerksamkeit in technischer Hinsicht bedachten Zügen Damen nicht hinreichend geschützt sind gegen Zudringlichkeiten und womöglich gegen Verbrechen — der Zug sührt 25 Minuten ohne anzuhalten — dann muß man denn doch sagen, daß derartige Zustände die allerschleunigste und gründlichste Abhilse fordern. Wieweit der Schrecken geht, den die vor keiner Gewalttätigkeit zurückscheuenden Burschen ausüben, das hat sich auch in dem neuesten Falle wieder gezeigt. Tie betreffenden Damen ließen, in Berlin angekommen, die Personalien der Beleidiger nicht feststellen; diese konnten ungehindert sich entfernen und werden natürlich geneigt sein, bei nächster Gelegenheit ihre Tat zu wiederyolen. Die Unterlassung der Anzeige ist jedenfalls auf die gerechtfertigte Besorgnis zurückzuführen, daß die Verhafteten in ähnlicher Weise wie die Arbeiter auf dem Bahnho, Alexanderplatz sich zur Mehr setzen könnten. Anderswo nimmt das anständige Publikum einmütig und energisch Protest gegen solche brutale Kerle und übt selbst Justiz durch eine tüchtige Tracht Prügel. In Berlin — das mag sich jeder Besucher der Reichshauptstadt einprägen — darf aus derartigen Beistand nicht gerechnet werden. Es ist fast noch als ein Glück zu betrachten, wenn die Unbeteiligten nicht gemeinsame Sache mit den Angreifern machen und so tun, als ob sie nicht hören und sehen. Nur au oft passiert es, daß die Roheit Genossen sindet, zumal bei unflätigen Angriffen auf eine schutzlose Lame.
Und woher kommt es, daß in keiner anderen Stadt die anständige Dame so vielen Beleidigungen und Verfolgungen ausgesetzt ist, wie in Berlin? Einfach daher, daß das iuet b» liche Straßengesindel in der „schönsten Stadt der Welt" die schönsten Straßen geradezu beherrscht, daß sich die geschminkte Dirne am lichten Tag, wie zur Nachtzeit auf den Bürgersteigen der Friedrichstraße, der Leipzigerstraße, des Potsdamer Platzes, kurzum überall, wo der Menschenstrom flutet, unbehelligt breit machen kann. Die anständige Frau ist unter diesen Umständen genötigt, diese Straßen ganz zu meiden oder sie im raschesten Zeitmaß zu passieren. In Newyork kann eine Dame mitten in der Nacht unangefochten des Weges gehen. In Berlin möchten wir keiner Dame, und wäre sie aller Reize bar, zu einem ähnlichen Versuche raten.
Samstag 28. Mai 1904
Rotationsdruck und Verlag der Brühl'scheu Universitätsdruckerei. R. Lange. Gießen.
Es muß mit aller Deutlichkeit gesagt werden: das Straßendirnen-Unwesen in Berlin und das Zuhältertum sind hauptschuldig daran, daß die anständige Frau in so zahl- reichen Fällen Insulten ausgesetzt ist. Es muß mit der Zeit die Achtung vor dem weiblichen Geschlecht herabdrücken, wenn der Dirne gestattet ist, auf der Straße sich aufzudrängen, eine Rolle zu spielen. Die öffentliche Moral, die Anschauungen des Publikums, die Sitten der Heranwachsenden müssen schließlich dabei Schaden nehmen. Und es ist endlich einmal ernstlich zu erwägen, wie diese folgenschweren, vergiftenden Zustände von Grund aus zu bessern sind.
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Hoheit markiert abwechselnd die Berliner Prcisringkämpfer Eberle und Koch. Im Hohenzollernhaus ist der Geschmack für Athletik bisher noch nicht zutage getreten. Vielleicht ist der im Kronprinzen erwachte Sportsinn auf seine englischen Vorfahren zurückzuführen, von denen ®eorg IV., mit dem Titel der erste Gentleman von Europa, dem Ringkampf eifrig ergeben und ein Förderer dieser berühmten nationalen Kraftübung gewesen ist, wie sein Onkel Cumberland. Als jedoch einst bei einem Ringkampf in Brighton in seiner Gegenwart einer der Kämpfer getötet wurde, setzte er der Witwe des Getöteten eine Pension aus und gelobte, daß er nie wieder einem Ringkampf zusehen wollte. Sollte der mysteriöse Tod des jungen Schweriner Prinzen in Kiel mit ähnlicher Gymnastik zu tun gehabt haben?
* Paris, 26. Mai. Im Hotel Rivoli hat sich ein Liebesdrama abgespielt. Der 24jährige Vicomte d'Oyelley, dessen Vater Arzt ist und unter dem Namen Ivan praktiziert, hatte vor acht Monaten eine junge Amerikanerin Julia Sucker kennen gelernt, die als sehr schön, aber auch als sehr exzentrisch geschildert wird und von ihrem Gatten getrennt lebt. Madame Sucker gab ihre Kinder in Cannes in Pension und reifte mit Oyelley nach Italien, obwohl die Familie des jungen Mannes sich bemühte, diesen Beziehungen ein Ende au machen. Am Freitag kehrte das Paar nach Paris zurück und stieg im Hotel Rivoli ab. Am Montag nachmittag nahmen beide in ihrem Zimmer den Tee ein, als, wie Madame Sucker erzählt, Oyelley, der auf dem Bette lag, plötzlich einen Revolver hervorzog und sich eine Kugel in den Unterleib schoß. Madame Sucker hoffte, den Verletzten zu retten und benachrichtigte niemand, bis sie sah, daß ihr Geliebter im Sterben lag. Der Arzt wurde geholt, der den Vicomte aber nicht mehr retten konnte. Madame Sucker, die in eine Art Fieberraserei verfallen war, schloß sich mit der Leiche ein und wollte die Polizei nicht hereinlassen, die fast gewaltsam den Zutritt erzwingen mußte. Aus einem hinterlassenen Briefe und einigen Worten des Sterbenden scheint hervorzugehen, daß der Vicomte sich getötet hat, weil seine Familie ihm fein Geld mehr geben wollte.
* Der Mörder feiner Großmutter. Vor den Geschworenen zu Kornneuburg stand der 18 jährige Mathias Frauner wegen Ermordung seiner Großmutter, der 80 jährigen Rosina Karl. Auf die Frage, welchen Beruf er habe, antwortete der Angeklagte frech: Tagdieberei. <§r bekannte sich schuldig und erzählte, die Großmutter habe ihn mit dem Hackel erschlagen wollen. Da habe er mit einer Bettscheere auf sie losgehauen; sie fiel nieder und zappelte. Er wollte ihr mit dem Messer die Gurgel abschneiden; dann schlug er mit der Bettscheere so lange auf die Greisin los, „bis sie nicht mehr zappelte". Es habe eine Stunde gedauert, er wollte, daß sie ganz tot ist, und nicht so viel leide. Die Geschworenen sprachen den Angeklagten einstimmig des Mordes schuldig, worauf ihn der Gerichtshof zu 15 Jahren schweren Kerkers verurteilte.
* Wahre Geschichte. Ein Lehrer im Westerwald gab Religionsunterricht und zwar sollle er in Vertretung des Pfarrers über die Schöpfung des Menschen sprechen: „Was tat also Gott, als er den Adam aus Erde und Lehm geschaffen hatte?" fragte et die Schüler.
Stille.
Da erhebt sich der Heine Peter, Sohn eines Töpfers, und sagt: „Da ließ er ihn (Adam) zuerst etwas drüfch (trocken) werden."
* Kathederblüte. Professor (vor dem Schulspaziergang in längerer Rede vor dem Alkoholteufel seine Schüler warnend): Und nun, Ihn Jungen, hütet Euch vor Bier, trinkt Selterswasser, keinen Wein, kein Bier, denn Bier macht dumm.
UolitWe Tagesschau.
Zum deutschen Lehrertag.
Aus einem preußischen Nachbarorte schreibt uns ein gelegentlicher Mitarbeiter:
Der Verlauf des deutschen Lehrertages in Königsberg, über den Sie erfreulicherweise berichtet haben, läßt so recht die Bedeutung erkennen, die die Schulfrage in neuerer Zeit erlangt hat. Es gährt gewaltig in den Kreisen der Jugendbildner, sie verlangen die Freigabe des U n i v erst t ä t s st u d in rn s für alle das Seminar verlassenden Lehramtskandidaten. Man fordert also viel, wohl um wenigstens etwas zu erreichen, nämlich die Oefsnung der Pforten der Hochschule für diejenigen jungen Lehrer, die sich dem Schulaufsichts- oder dem Seminardienst zuwenden wollen. Bei Ihnen in H e s s e n hat man ja bereits zum Teil den Universitätsbesuch der Volksschullehrer. Was Preußen betrifft, so gibt der im gegenwärtigen Unterrichtsministerium herrschende Geist wenig Aussicht auf Erfüllung dieser Forderung, und der in der Öffentlichkeit je länger je mehr bekämpfte neue Schulantrag ist erst recht nicht dazu angetan, dem Minister die Abkehr vom Prinzip Der geistlichen Schulaufsicht geraten erscheinen zu lassen. Ter Schulantrag schafft mit der gesetzlichen Zulässigkeit der Simultanschulen nicht ein neues, besseres Recht, sondern verschlechtert das vorhandene, indem er die Simultanschulen vollständig dem Verwaltungsbelieben preisgibt und die z. B. für die nassauische Simultanschule vorhandene feste Rechtsgrundlage aufhebt. Was aber den Hochschulbesuch der Volksschullehrer im allgemeinen anlangt, so muß er einmal gegenübergestellt werden dem besonders in Preußen herrschenden Lehrermangel. Wenn alle Seminarabiturienten zu ihrer Weiterbildung die Universität beziehen, so lernen sie die mancherlei Annehmlichkeiten des städtischen Lebens kennen. Wie viele von ihnen werden dann no-ch geneigt sein, eine Stellung in unseren kleinen Landstädtchen oder gar auf dem Dorfe anzunehmen? In der Praxis sieht die Sache eben anders aus, als in der Theorie, erscheint die Hochschulbildung geeignet, den Lehrermangel in gewissen Landesteilen zu verschärfen, und schon aus diesem Grunde wird die preußische Unterrichtsverwaltung schwerlich geeignet sein, dem aus dem deutschen Lehrertag ausgesprochenen Wunsche stattzugeben. An die Universität gehört höchstens die Elite der Seminaristen, die das Zeug dazu haben, leitende Stellungen zu bekleiden.
Vermischtes.
* Der Kronprinz und der i n g f a m p f. Wir lesen in den „M. N. N.": Der deutsche Kronprinz interessiert sich sehr für die Berliner Ningkämpfe. Er soll ganz Feuer und Flamme dafür sein und im Kasino der Garde du Corps zu Potsdam spielt man zurzeit Ringkampf mit Vorliebe und Se. kais.
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